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Johann Karl Wezel: Kakerlak - Kapitel 1
Quellenangabe
typefairy
booktitleKakerlak
authorJohann Karl Wezel
year1985
publisherEulen Verlag
addressFreiburg i. Br.
isbn3-89102-103-8
titleKakerlak
pages3-160
created20030618
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1784
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Johann Karl Wezel

Kakerlak

oder

Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte

Die Rosenkreuzer waren eine Gesellschaft, von welcher man seit dem Jahre 1610 sehr viel sprach, ohne daß man jemals die mindeste Spur von ihrem Dasein entdecken konnte. Das lustigste war, daß damals alle Paracelsisten, Alchimisten und andere Weisen von dieser Art dazu gehören wollten, und jeder von ihnen schrieb seine eigenen Meinungen den Brüdern des Rosenkreuzes zu. Die Lobsprüche, womit die Brüderschaft öffentlich überhäuft wurde, brachten einige fromme Leute auf, die nicht ermangelten, ihr alles mögliche Böse schuld zu geben, und keinem fiel die Frage ein, ob es wirklich Rosenkreuzer gäbe.

Unterdessen sagte man sich öffentlich, daß itzt eine sehr merkwürdige, bisher verborgene Gesellschaft zum Vorschein käme, die ihren Ursprung Christian Rosenkreuzen verdankte. Man setzte hinzu, daß dieser Mann, der 1387 geboren wäre, eine Reise ins Gelobte Land zum Heiligen Grabe getan und zu Damasco Unterredungen mit chaldäischen Weisen gehabt hätte. Von diesen sollte er geheime Wissenschaften, besonders die Magie und Kabbala, erlernt und sie auf seinen Reisen in Ägypten und Libyen bis zur Vollkommenheit studiert haben. Nach seiner Zurückkunft in sein Vaterland, erzählte man weiter, faßte er den edelmütigen Entschluß, die Wissenschaften zu verbessern, und stiftete zu diesem Endzweck eine geheime Gesellschaft, die aus einer kleinen Anzahl von Mitgliedern bestand. Er entdeckte seinen Auserwählten die tiefen Geheimnisse, die er besaß, nachdem sie ihm vorher einen Eid geschworen hatten, daß sie nichts davon bekanntmachen und sie auf ebendieselbe Art der Nachkommenschaft überliefern wollten.

Um dieser Erzählung mehr Gewicht zu geben, erschienen zwei Schriften, worinne die Geheimnisse der Brüderschaft offenbart wurden; eine hat den Titel »Fama fraternitatis, id est, detectio fraternitatis laudabilis ordinis roseae-crucis«, die andere »Confessio fraternitatis« erschien lateinisch und teutsch.

In diesen beiden Werken schreibt man der Gesellschaft außer einer besondern Offenbarung, die ein jeder Bruder für sich erhalten haben sollte, und außer dem Vorsatze, alle Wissenschaften, besonders die Arzneikunst und Philosophie, zu reformieren, auch vorzüglich den Stein der Weisen zu; durch diesen sollten sie eine Universalarznei, die Veredlung der Metalle und Mittel, das Leben zu verlängern, gefunden haben; zuletzt wird ein goldnes Jahrhundert angekündigt, wo alle Arten der Glückseligkeit auf unserm Planeten herrschen werden.

Da diese beiden Schriften viel Aufsehn machten, so urteilte ein jeder nach seinen Vorurteilen über die löbliche Brüderschaft, jeder wollte das Rätsel aufgelöst haben. Viele Theologen argwohnten sogleich, daß es eine Verschwörung wider den christlichen Glauben wäre; ein Herr Christophorus Nigrinus bewies, daß es Calvinisten sein müßten, aber zum Unglück für alle diese Mutmaßungen der Rechtglaubigen fand sich eine Stelle in den angeführten Schriften, woraus erhellte, daß die Brüder eifrige Lutheraner wären; nun zweifelte niemand mehr an ihrer Orthodoxie, niemand hielt sie mehr für Feinde des Glaubens, und einige lutherische Theologen nahmen öffentlich und eifrig ihre Partie.

Der aufgeklärte Teil vermutete, daß alles nur eine Erdichtung von Chymikern wäre, wie die chymischen Kenntnisse bewiesen, deren sich die Gesellschaft rühmte; sie setzten als einen neuen Beweis hinzu, daß der Name Rosenkreuz chymisches Latein wäre und einen Philosophen bedeutet, der Gold machen könnte; denn ros (der Tau) soll in der alchymistischen Sprache das Gold genennt werden.

Viele waren einfältiglich überzeugt, daß Gott aus besondrer Gnade sich einigen Frommen und Auserwählten geoffenbart und sie ausgerüstet hätte, die Wissenschaften zu reformieren und dem menschlichen Geschlecht unbekannte Geheimnisse zu entdecken.

An keinem Orte konnte man diese Gesellschaft noch ein Mitglied davon entdecken; verständige Leute bestärkten sich daher in ihrer Meinung, daß es gar keine solche Brüderschaft gäbe noch jemals gegeben hätte und daß alles, was man von ihr und ihrem Stifter erzählte, nur ein Märchen wäre, das man erfunden hätte, um sich auf Unkosten der Leichtgläubigen zu belustigen oder um die Meinung des Publikums von der Lehre des Paracelsus und der Alchymisten zu erfahren.

Das Ende war, daß niemand mehr von dieser Brüderschaft sprach, seitdem die Erfinder nicht mehr davon schrieben. Man warf einen starken Verdacht auf Valentin Andreae, einen wirttembergischen Theologen, daß er vielleicht nicht der erste Erfinder dieses Possenspiels wäre, aber doch die erste Rolle dabei gespielt hätte.

Gegenwärtige Geschichte beweist auf eine unumstößliche Art, daß alle diese Herren in ihren vernünftigen und in ihren einfältigen Mutmaßungen sich betrogen; sie beweist nicht allein, daß die Gesellschaft der Rosenkreuzer einmal existierte, weil ich sonst die Geschichte eines Rosenkreuzers nicht erzählen könnte, sondern auch daß die Rosenkreuzer ganz etwas anders waren, als man glaubte.

Gelehrte, die mit der Naturgeschichte des Menschen sehr bekannt sind, werden bei dem Namen des Mannes, dessen Geschichte hier erzählt wird, zuerst an das unglückliche Geschlecht der schneeweißen Menschen mit rosenfarbnen Augen denken, die man in Asien Kakerlaken, in Afrika Albinos und im Französischen Nègres-blancs nennt. Allein hier geht es ihnen wie oft bei andern Gelegenheiten: Sie vermuten alles, nur nicht was sie vermuten sollen. Der Name Kakerlak ist ganz natürlich aus Kak und Lak zusammengesetzt und hat mit den weißen Negern nicht das geringste gemein; wem daran liegt zu wissen, was diese beiden Wörter in der alchymistischen Sprache bedeuten, dem rate ich, ein Wörterbuch der edlen Goldmacherkunst nachzuschlagen.

Kakerlak war ein Philosoph, der den moralischen Stein der Weisen, die Glückseligkeit, suchte; nach dem Willen der Natur sollte er sie vorzüglich in sich, in seinem Verstande und seinem Herze finden, allein der gute Mann wurde seiner Bestimmung überdrüssig und glaubte daher, daß er auf dem unrechten Wege zur Glückseligkeit wäre. Er vermutete, daß ein glänzender Stand viel eher dazu führen müßte und daß die Sinne viel leichter dazu verhälfen als der Geist, mit dem sein Versuch nicht gut abgelaufen war; da es aber menschlicherweise nicht wohl möglich ist, sich so oft in einen andern Zustand zu versetzen, als man wünscht, und seine Vergnügungen so oft abzuändern, als der Überdruß sie uns langweilig macht, so ergriff er das natürlichste Mittel von der Welt und wandte sich an die Hexen. Eine, die eben damals aus dem Hexenstaate verbannt war, gewährte ihm seinen Wunsch, führte ihn von Vergnügen zu Vergnügen, und da er sie alle genossen hatte, verlangte er . . . Doch nein! so treuherzig bin ich nicht, daß ich das Ende meines Märchens voraussage; wer es erfahren will, wende das Blatt um und lese, bis das Buch aus ist.

Wzl.

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