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Kaiser und Galiläer

Henrik Ibsen: Kaiser und Galiläer - Kapitel 11
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
titleKaiser und Galiläer
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen ? Sämtliche Werke
volumeDritter Band
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierter Akt

An der Ostgrenze des Kaiserreichs. Wilde Berglandschaft. Eine tiefe Talkluft trennt den hohen Vordergrund von den dahinter liegenden Bergen.

Kaiser Julian, im Kriegsgewand, steht auf der äußersten Spitze einer Felsenkante und sieht in die Tiefe nieder. Ein wenig entfernt von ihm, links, steht der Heerführer Nevita, der Perserfürst Hormisdas, der Kriegsoberst Jovian und mehrere andere Befehlshaber. Rechts, an einem roh aufgebauten Steinaltare, liegen Numa und zwei andere etruskische Wahrsager, damit beschäftigt, aus den Eingeweiden eines Opfertieres die Zeichen zu lesen. Weiter nach dem Vordergrunde sitzt der Mystiker Maximos auf einem Stein, umgeben von Priskos und Kytron sowie mehreren anderen Weisheitslehrern. Ab und zu ziehen kleine Abteilungen Leichtbewaffneter über die Höhe von links nach rechts.

Julian zeigt nach unten. Seht her, seht her, – die Legionen winden sich wie eine gepanzerte Schlange durch die Kluft.

Nevita. Die gerade unter uns, in den Schafswämsern, das sind die Skythen.

Julian. Welch durchdringendes Geheul –!.

Nevita. Das ist der gewöhnliche Gesang der Skythen, Herr!

Julian. Mehr Geheul als Gesang.

Nevita. Jetzt kommen die Armenier. Arsakes selbst führt sie.

Julian. Die römischen Legionen müssen schon draußen auf den Ebenen sein. Alle umwohnenden Völkerschaften eilen herbei und unterwerfen sich. Er wendet sich zu den Kriegsobersten. Auf dem Euphrat liegen vereinigt die zwölfhundert Schiffe, die unseren ganzen Vorrat und Bedarf bergen. Ich habe nun volle Gewißheit erlangt, daß die Flotte durch jenen alten, künstlich gegrabenen Kanal oben in den Tigris einlaufen kann. Das ganze Heer soll auf den Schiffen übersetzen. Dann rücken wir vorwärts längs dem östlichen Ufer, so schnell, wie die Gegenströmung es der Flotte erlaubt, uns zu folgen. – Sag' mir, Hormisdas, was hältst Du von diesen Maßnahmen? Hormisdas. Unüberwindlicher Heerführer, ich weiß, daß es mir unter Deinem siegreichen Schutz vergönnt sein wird, mein Vaterland wieder zu betreten.

Julian. Welch erleichterndes Gefühl, außer Berührung mit jenen engherzigen Bürgern zu sein! Wie sie mit entsetzten Blicken rings um meinen Wagen liefen, als ich die Stadt verließ! »Kehr' bald zurück und sei uns dann gnädiger als jetzt!« schrien sie. Ich kehre niemals nach Antiochia zurück. Ich will diese undankbare Stadt nicht wiedersehen. Wenn ich gesiegt habe, nehme ich den Heimweg über Tharses. Geht zu den Wahrsagern hin. Numa, welche Wahrzeichen gewinnst Du für unsern Kriegszug in dieser Morgenstunde?

Numa. Das Wahrzeichen rät Dir ab, in diesem Jahre die Grenzen Deines Reichs zu überschreiten.

Julian. Hm, wie deutest Du dieses Wahrzeichen, Maximos?

Maximos. Ich deute es so: das Wahrzeichen rät Dir, alles Land, durch das Du ziehst, Dir zu unterwerfen; dann überschreitest Du nicht die Grenzen Deines Reichs.

Julian. So ist es. Wir müssen die wunderbaren Zeichen genau beachten; denn es liegt sehr oft ein doppelter Sinn in ihnen verborgen. Ja, es scheint zuweilen, als suchten geheimnisvolle Mächte eine Lust darin, den Menschen irre zu führen, besonders bei großen Unternehmungen. Wollten nicht auch einige es zu unserm Nachteil deuten, daß der Säulengang in Hierapolis zusammenstürzte und ein halbes Hundert Soldaten begrub, gerade als wir durch die Stadt zogen? Aber ich sage, das bedeutet doppeltes Heil. Denn erstlich verheißt es, daß das Perserreich zusammenstürzen wird, und dann prophezeit es uns den Untergang der unglücklichen Galiläer. Denn jene Soldaten, die erschlagen wurden, was waren sie wohl? Es waren galiläische Strafsoldaten, die höchst ungern in den Krieg zogen, und denen deshalb vom Schicksal ein so schnelles und zugleich unrühmliches Ende beschieden wurde. Jovian. Gnädigster Kaiser, da kommt ein Hauptmann vom Vortrab.

Hauptmann Ammian kommt von rechts. Herr, Du hast mir befohlen, zu melden, wenn etwas Besonderes beim Ausrücken sich ereignen sollte.

Julian. Nun ja! Hat sich dergleichen heut morgen ereignet?

Ammian. Ja, Herr, ein doppeltes Wahrzeichen.

Julian. Ei, Ammian, – erzähle doch!

Ammian. Zuerst, Herr, begab es sich, da wir die Stadt Zaita eben im Rücken hatten, daß ein Löwe von ungeheurer Größe aus dem Dickicht hervorbrach und gerade auf unsere Soldaten losging, die ihn mit vielen Pfeilschüssen töteten.

Julian. Ah!

Die Weisheitslehrer. Welch glückliches Zeichen!

Hormisdas. König Sapores nennt sich den »Löwen der Lande«.

Numa am Altar beschäftigt. Kehre um! Kehre um, Kaiser Julian!

Maximos. Geh mutig vorwärts, Du Siegerkorener!

Julian. Umkehren – danach? Wie der Löwe dort vor Zaita, so soll der »Löwe der Lande« unter unsern Pfeilen fallen. Oder kann ich mich nicht schon auf frühere Zeugnisse berufen, wenn ich dies zu unserem Vorteil deute? Brauche ich so aufgeklärte Männer daran zu erinnern, daß zu der Zeit, als Kaiser Maximian über den Perserkönig Narseus siegte, ebenfalls ein Löwe – und außerdem ein gewaltiger Eber – vor der römischen Schlachtlinie niedergestreckt wurde. Zu Ammian. Doch nun zu dem andern –? Ich glaube, Du hast von zwei Zeichen gesprochen.

Ammian. Das andere ist zweifelhafter, Herr! Dein Streitroß Babylonios wurde, wie Du befohlen hattest, gezäumt und gesattelt vorgeführt, um Dich beim Abstieg jenseits des Berges zu erwarten. Doch siehe da, in demselben Augenblicke wurde eine Abteilung galiläischer Strafsoldaten vorübergetrieben. Schwer belastet, wie sie waren, und nicht sonderlich willig, mußte man notwendigerweise bei ihnen die Peitsche anwenden. Nichtsdestoweniger erhoben sie, wie in Freude, die Arme und stimmten einen lauten Gesang an zu Ehren ihrer Gottheit. Bei diesem plötzlichen Lärm wurde Babylonios scheu, – er bäumte sich auf vor Schreck, überschlug sich, und während er sich auf dem Boden wälzte, wurde das goldverzierte Sattelzeug vom Schmutz der Straße bespritzt und besudelt.

Numa am Altar. Kaiser Julian, – kehre um! Kehre um!

Julian. Das haben die Galiläer aus Bosheit getan, – und doch haben sie hiermit, gegen ihren Willen, ein Wahrzeichen geschaffen, das ich mit hoher Freude begrüße. – Ja, wie Babylonios fiel, so wird auch Babylon fallen, beraubt seiner prächtigen und herrlichen Zier.

Priskos. Welche Weisheit der Auslegung!

Kytron. Bei den Göttern, so ist es!

Die anderen Weisheitsfreunde. So und nicht anders!

Julian zu Nevita. Das Heer soll weiter vorrücken. Doch will ich heut abend, der größeren Sicherheit halber, Opfer verrichten und sehen, was die Zeichen bestätigen mögen. – Aber was Euch betrifft, Ihr etruskischen Gaukler, die ich mit so großen Kosten habe hierher kommen lassen, so sollt Ihr wissen, daß ich Euch nicht länger im Lager dulde, wo Ihr nur dazu beitragt, die Soldaten mutlos zu machen. Ich sage, Ihr versteht nichts von dem schwierigen Handwerk, das Ihr ergriffen habt. Welche Frechheit! Welches Übermaß von Verwegenheit! Fort mit ihnen! Ich will sie nicht mehr sehen.

Von der Leibwache jagen einige die Wahrsager nach links hinaus.

Julian. Babylonios fiel. Der Löwe unterlag meinen Soldaten. Doch kennen wir darum die unsichtbare Hilfe noch nicht, auf die wir bauen können. Die Götter, deren Wesen noch lange nicht genügend erforscht ist, scheinen zuweilen – wenn ich so sagen darf – zu schlummern oder überhaupt nur wenig in die menschlichen Dinge einzugreifen; Wir, meine lieben Freunde, leben leider in einer solchen Zeit. Ja, wir sind sogar Zeugen davon gewesen, daß gewisse Götter es unterlassen haben, wohlgemeinte Bestrebungen zu unterstützen, die auf ihr eigenes Bestes und ihre eigene Ehre zielten. – Doch es steht uns hierüber kein weiteres Urteil zu. Man könnte glauben, daß die Unsterblichen, die die Welt regieren und erhalten, zu gewissen Zeiten ihre Macht in menschliche Hände legen – wodurch die Götter gewiß in keiner Weise Abbruch erleiden: denn ihnen verdankt man es doch, wenn ein so sehr bevorzugter Geist – im Fall er sich findet – überhaupt auf Erden hat auftreten können.

Priskos. O, Kaiser ohnegleichen, geben nicht Deine eigenen Taten hiervon Zeugnis?

Julian. Ich weiß nicht, Priskos, ob ich meine Taten so hoch einschätzen darf. Daß die Galiläer vom Juden Jesus von Nazareth behaupten, er sei ein solcher Auserwählter, darüber will ich nicht reden; denn diese Leute irren, – was ich ausführlich in meiner, wider sie gerichteten Schrift beweisen werde. Aber ich will aus der Vorzeit Prometheus nennen, jenen wunderbaren Helden, der den Menschen noch größere Güter verschaffte, als die Unsterblichen ihnen zu gönnen schienen, – weshalb er auch viel leiden mußte, sowohl Schmerz als höhnische Behandlung, bis er endlich in die Gemeinschaft der Götter aufgenommen wurde, – zu der er im Grunde schon immer gehört hatte. – Und kann man nicht dasselbe sagen von Herakles und Achilleus, und vollends vom Macedonier Alexander, mit dessen Taten einige teils das verglichen haben, was ich in Gallien ausgerichtet habe und teils und vornehmlich das, was ich in diesem Feldzug vorhabe?

Nevita. Mein Kaiser, – der Nachtrab steht jetzt gerade unter uns – es wäre vielleicht an der Zeit –

Julian. Sogleich, Nevita! Vorerst jedoch will ich Euch einen seltsamen Traum erzählen, den ich in dieser Nacht gehabt habe. – Ich träumte, ich sähe mit meinen Augen ein Kind, dem von einem reichen Manne nachgestellt wurde, der zahllose Herden zu eigen besaß, aber den Dienst der Götter gering achtete. – Dieser böse Mann rottete das ganze Geschlecht des Kindes aus. Aber des Kindes selbst erbarmte sich Zeus, und er hielt seine Hand über ihm. – Darauf sah ich dieses Kind zum Jüngling aufwachsen unter dem Schutze Minervas und Apollons. – Und weiter träumte ich, auf einem Stein unter freiem Himmel fiele der Jüngling in Schlaf. – Da stieg Hermes hernieder auf das Gefilde in Gestalt eines jungen Mannes und sagte: Komm, ich will Dir den Weg weisen, der zu der Wohnung des obersten Gottes führt! – Dann geleitete er den Jüngling an den Fuß eines sehr steilen Berges. Dort verließ er ihn. – Da brach der Jüngling in Tränen und Klagen aus und rief mit lauter Stimme zu Zeus. Siehe, da stiegen Minerva und der Sonnenkönig, der über die Erde herrscht, in seiner Nähe hernieder, hoben ihn hinauf auf des Berges Zinne, lenkten seinen Blick in die Weite und zeigten ihm das Erbe seines ganzen Geschlechtes. – Aber dieses Erbe war der Erdkreis von Meer zu Meer, und über das Meer hinaus. – Da verkündeten sie dem Jüngling, daß dieses alles ihm gehören solle. Und drei Ermahnungen gaben sie ihm dabei: er sollte nicht schlafen, wie es seine Verwandten getan; er sollte nicht auf den Rat der Heuchler hören; und endlich sollte er als Götter verehren die, die den Göttern glichen. Vergiß nicht, sagten sie, indem sie ihn verließen, daß Du eine unsterbliche Seele hast, und daß diese Deine Seele göttlichen Ursprungs ist. Und folgst Du unsern Ratschlägen, so wirst Du unsern Vater sehen und ein Gott werden wie wir.

Priskos. Was bedeuten alle Zeichen und Wahrzeichen im Vergleich zu diesem!

Kytron. Ich glaube nicht zu viel gesagt zu haben, wenn ich die Erwartung ausspreche, daß die Schicksalsgöttinnen sich zweimal bedenken, falls ihre Ratschlüsse nicht mit den Deinen übereinstimmen sollten.

Julian. Wir dürfen nicht mit Sicherheit auf eine solche Ausnahme rechnen. Aber unter allen Umständen finde ich nach wie vor diesen Traum auffallend, obwohl mein Bruder Maximos durch sein Schweigen – gegen alle billige Erwartung – verrät, daß er weder an dem Traum Gefallen findet noch an der Einkleidung, die ich ihm gegeben habe. – Jedoch, das müssen wir ertragen! Er zieht eine Papierrolle hervor. Sieh her, Jovian; hier habe ich heut in der Frühe auf meinem Lager aufgezeichnet, was mir träumte. Nimm es und laß es in zahlreichen Abschriften vor den verschiedenen Heeresteilen verlesen. Ich halte es in einem so kühnen Feldzuge für wichtig, daß die Soldaten, inmitten aller Gefahren und Strapazen, ihr Schicksal mit Ruhe in die Hände des Führers legen und ihn für unfehlbar halten in den Dingen, die den Ausfall des Krieges entscheiden.

Jovian. Ich bitte Dich, mein Kaiser, mich hiervon zu entbinden.

Julian. Was willst Du damit sagen?

Jovian. Daß ich meine Hand nicht zu etwas leihen darf, das der Wahrheit widerspricht. – O hör' mich an, mein erhabener Kaiser und Herr! Gibt es einen einzigen unter Deinen Soldaten, der daran zweifelt, daß er in Deinen Händen sicher ist? Hast Du nicht an den Grenzen Galliens, trotz feindlicher Übermacht und trotz Schwierigkeiten verschiedener Art, Dir größere Siege erkämpft als irgend ein anderer Heerführer in unserer Zeit sich dessen rühmen kann?

Julian. Ei, – sieh mal an, was für Neuigkeiten!

Jovian. Alle wissen, daß das Glück Dich wunderbar geleitet hat bis zu diesem Tage. In der Gelehrsamkeit stehst Du über allen anderen Sterblichen und in der schönen Kunst der Beredsamkeit trägst Du unter den Besten den Preis davon.

Julian. Nun, und –? Trotz alledem –?

Jovian. Trotz alledem, mein Kaiser, bist Du nur ein Mensch. Aber wenn Du dem Heere jenen Traum mitteilst, so wirst Du die Meinung verbreiten, Du seist ein Gott, – und hierbei darf ich nicht Dein Helfershelfer sein.

Julian. Was sagt Ihr, meine Freunde, zu dieser Rede?

Kytron. Sie ist sicherlich ebenso dreist, wie sie von Unkenntnis zeugt.

Julian. Es scheint, als ob Du, o Du wahrheitsliebender Jovian, vergißt, daß der Kaiser Antonin, mit Beinamen »der Fromme«, in einem besonderen Tempel auf dem Forum Roms wie ein unsterblicher Gott verehrt wurde. Ja, nicht allein er, sondern auch seine Gattin Faustina und andere Kaiser, sowohl vor wie nach jener Zeit.

Jovian. Ich weiß es, Herr; – aber unsern Vätern war es nicht gegeben, im Lichte der Wahrheit zu wandeln.

Julian mit einem langen Blick auf ihn. Ha, Jovian! – Sag' mir, – gestern abend, da ich mich nach Wahrzeichen für die kommende Nacht umsah, da tratest Du hinzu und überbrachtest mir eine Botschaft, gerade als ich mir mit Waschwasser das Blut von meinen Händen spülte.

Jovian. Ja, mein Kaiser.

Julian. In der Eile, die ich hatte, begegnete es mir, daß ich einige Wassertropfen auf Deinen Mantel spritzte. Da wichest Du hastig einen Schritt zurück und schütteltest das Wasser ab, als wäre Dein Mantel besudelt.

Jovian. Mein Kaiser, – das ist Dir also nicht entgangen?

Julian. War es Deine Absicht, daß es mir entgehen sollte?

Jovian. Ja, Herr; denn das war eine Sache zwischen mir und dem einzigen und wahren Gotte.

Julian. Galiläer!

Jovian. Herr, Du selbst schicktest mich nach Jerusalem, und ich war Zeuge von all dem, was dort vorging. Viel habe ich seit dieser Zeit gegrübelt; ich habe in der Christen Schriften gelesen, habe mit vielen von ihnen gesprochen, – und jetzt bin ich dahinter gekommen, daß in dieser Lehre die göttliche Wahrheit liegt.

Julian. Ist es möglich! Ist das wirklich möglich? Derart greift also jener ansteckende Wahnwitz um sich! Meine nächste Umgebung, – meine eigenen Kriegsführer fallen von mir ab –

Jovian. Schick' mich in der vordersten Reihe gegen Deine Feinde, Herr, – und Du wirst sehen, daß ich freudig dem Kaiser gebe, was des Kaisers ist.

Julian. Wie viel –?

Jovian. Leben und Blut.

Julian. Leben und Blut sind nicht genug. Der, der herrschen soll, muß über die Willen, über die Geister der Menschen herrschen. Und eben hierin stellt sich jener Jesus von Nazareth mir entgegen und macht mir die Herrschaft streitig. – Bilde Dir nicht ein, daß ich Dich bestrafen werde, Jovian! Die, zu denen Du gehörst, sehnen sich nach dergleichen – wie nach einem Glück. Und hernach nennt man Euch dann Blutzeugen. Oder wie? Hat man nicht also die erhöht, die ich wegen ihrer Widerspenstigkeit zu züchtigen genötigt war? – Geh zu dem Vortrab! Ich möchte Dich ungern häufiger sehen. – O dieser Betrug, den Ihr an mir verübt und mit Redensarten von einer doppelten Pflicht und einem doppelten Reiche umhüllt! Das soll anders werden. Es gibt noch andere Könige als den Perserkönig, die meinen Fuß auf ihrem Nacken fühlen sollen. – Zum Vortrab, Jovian!

Jovian. Ich werde meine Schuldigkeit tun, Herr! Er geht rechts ab.

Julian. Wir wollen diese Morgenstunde, die unter so vielen glückverheißenden Zeichen begonnen hat, uns nicht trüben lassen. Wir wollen dieses und anderes mehr mit Gleichmut hinnehmen. Mein Traum soll dennoch dem Heere kundgetan werden. Du, Kytron, und Du, mein Priskos, und Ihr anderen Freunde werdet dafür sorgen, daß es auf würdige Art geschieht.

Die Weisheitslehrer. Mit Freude, mit unsäglicher Freude, Herr!

Sie nehmen die Papierrolle in Empfang und gehen rechts ab.

Julian. Ich bitte Dich, Hormisdas, nicht an meiner Macht zu zweifeln, wenngleich es scheinen könnte, als ob hier ein zwieträchtiger Wille gebietet. Geh, und auch Du, Nevita, und alle Ihr übrigen – ein jeder an seinen Platz; ich komme nach, wenn das Heer draußen auf der Ebene sich zusammengezogen hat.

Alle, bis auf Julian und Maximos, rechts ab.

Maximos erhebt sich nach einer Weile von dem Stein, auf dem er sitzt, und geht zum Kaiser hin. Mein kranker Bruder!

Julian. Mehr verwundet als krank. Der Hirsch, der von dem Pfeil eines Schützen getroffen ist, flüchtet sich in das Dickicht, wo ihn die Rüden nicht sehen können. Es war mir unerträglich, mich länger auf den Straßen von Antiochia blicken zu lassen, – jetzt, dünkt es mich, kann ich mich nicht vor dem Heere blicken lassen.

Maximos. Keiner sieht Dich, Freund. Denn sie taumeln in Blindheit. Aber Du sollst ein Arzt für ihre Augen werden, und dann werden sie Dich in Deiner Herrlichkeit schauen.

Julian starrt in die Felskluft hinab. Diese Tiefe unter uns! Wie winzig klein winden sie sich vorwärts zwischen Dorn und Dickicht längs dem steinigen Strom! – Als wir vor diesem Engpaß standen, da drängten die Führer, alle wie ein Mann, geraden Wegs hinein in die Enge. Es galt, eine Stunde Weges zu gewinnen, ein wenig Mühe zu ersparen – auf der Wanderung dem Tod entgegen. – Und die Scharen folgten ihnen so willig. Kein Gedanke, den Weg übers Gebirg zu verlegen; keine Sehnsucht nach den freien Lüften hier oben, die die Brust weiten und volleren Atemzug gewähren. Da gehen sie und gehen und gehen und sehen nicht, daß sie engen Himmel über sich haben – und wissen nicht, daß es Höhen gibt, wo er weiter ist. – Ist es nicht, Maximos, als lebten die Menschen, um zum Sterben zu kommen? Das ist der Geist des Galiläers. Ist sie wahr, die Kunde, daß sein Vater die Welt geschaffen hat, dann verachtet der Sohn das Werk des Vaters. Und gerade für diesen vermessenen Wahnwitz wird er so hoch gepriesen! – Was ist doch Sokrates gegen ihn gewesen! Liebte nicht Sokrates den Genuß und das Glück und die Schönheit? Und doch entsagte er. – Aber welch bodenloser Abgrund dazwischen – auf der einen Seite, nicht zu begehren, – und auf der anderen, zu begehren und doch zu entsagen. – Ach, diesen Schatz verlorener Weisheit möchte ich den Menschen wiederbringen. Wie einst Dionysos kam ich ihnen froh und jung entgegen, mit Laub um die Stirne, mit der Trauben Fülle in meinen Armen. Aber sie weisen meine Gabe zurück, und ich werde verhöhnt und gehaßt und verspottet von Freund und Feind.

Maximos. Warum? Ich werde Dir sagen, warum. – In der Nähe einer Stadt, wo ich einmal lebte, war ein Weinberg, weit berühmt wegen seiner Trauben; und wenn die Bürger der Stadt recht süße Früchte für ihre Tafel haben wollten, so schickten sie ihre Diener hinaus nach jenem Weinberg und ließen dort Trauben holen. – Nach manchem Jahr kam ich wieder in dieselbe Stadt; aber da wußte keiner mehr Bescheid über die einst so hochgepriesenen Trauben. Da suchte ich den Weingärtner auf und fragte ihn: Sag' mir, o Freund, sind Deine Weinstöcke eingegangen, da niemand mehr Deine Trauben kennt? Nein, antwortete der Weingärtner, Du weißt doch wohl, daß junge Weinstöcke gute Trauben geben, aber geringen Wein; alte Weinstöcke hingegen schlechte Trauben, aber guten Wein. Darum, o Fremdling, fügte er hinzu, erfreue ich nach wie vor die Herzen meiner Mitbürger mit dieses Weinbergs Überfluß, nur in einer anderen Gestalt – als Wein und nicht als Trauben.

Julian gedankenvoll. Ja, ja!

Maximos. Das ist es, was Du nicht beachtet hast. Der Weinstock der Welt ist alt geworden, und doch vermeinst Du, wie früher denen, die nach neuem Weine dürsten, die Trauben ungekeltert darbieten zu können.

Julian. Ach, mein Maximos, wen dürstet? Nenne mir einen einzigen, außerhalb unserer Brüdergemeinde, der von einem geistigen Bedürfnis ergriffen ist. – Unglücklich bin ich, daß ich in so einem eisernen Zeitalter geboren wurde.

Maximos. Schmähe nicht die Zeit. Wäre die Zeit größer gewesen, so wärest Du kleiner geworden. Die Weltseele ist wie ein reicher Mann, der unzählige Söhne hat. Verteilt er seinen Reichtum gleichmäßig unter alle Söhne, so werden sie alle wohlhabend, aber keiner von ihnen reich. Macht er hingegen alle erblos bis auf Einen und schenkt er diesem Einen alles, so steht der Eine als ein reicher Mann da in einem Kreise von Armen.

Julian. Kein Gleichnis paßt weniger als dieses. – Oder stehe ich so da? Findet sich nicht gerade das auf viele Köpfe verteilt, was der Herrscher der Welt in reicherem Maße besitzen sollte als alle anderen; ja, ich darf wohl sagen – was er allein besitzen sollte! O, wie ist nicht die Macht verteilt! Hat nicht Libanios die Macht der Beredsamkeit in so vollem Maße, daß man ihn den König der Redner genannt hat? Hast nicht Du, mein Maximos, die Macht geheimnisvoller Weisheit? Hat nicht jener fanatische Apollinaris in Antiochia die Macht des Gesanges und der Begeisterung in einer Fülle, um die ich ihn wohl beneiden könnte! Und nun Gregor der Kappadocier! Hat er nicht die ungestüme Macht des Willens in einem solchen Übermaße, daß gar manche ihm den für einen Untertanen nicht passenden Beinamen »der Große« geben! Ja, – was noch seltsamer ist, – denselben Beinamen gibt man Gregors Freund Basilios, dem Mann mit dem weichen Sinn und dem mädchenhaften Auge. Und doch tritt er nicht hervor in der Welt; hier lebt er, dieser Basilios, – just in diesen fernen Gegenden, in eines Einsiedlers Kleidung, nur im Verkehr mit seinen Jüngern und seiner Schwester Makrina und anderen Weibern, die fromm und heilig heißen. Und wie wirken nicht er und seine Schwester durch die Briefe, die sie von Zeit zu Zeit in die Welt senden? Alles, selbst die Entsagung und Zurückgezogenheit, wird eine Macht wider meine Macht. Aber der schlimmste von allen ist doch der gekreuzigte Jude.

Maximos. So ringe mit all diesen getrennten Gewalten! Aber glaube nicht, daß Du die Aufrührer zerschmettern kannst, wenn Du über sie kommst wie ein Feldherr, ausgesandt von einem Herrscher, den sie nicht kennen. Im eigenen Namen mußt Du kommen, Julian! Kam Jesus von Nazareth als Abgesandter eines anderen? Sagte er nicht, er selbst hätte sich abgesandt? Wahrhaftig, in Dir ist die Erfüllung der Zeit, und Du siehst es nicht. Weisen nicht alle Zeichen und Verkündigungen unzweideutig gerade auf Dich hin? Soll ich Dich an den Traum Deiner Mutter erinnern –?

Julian. Ihr träumte, sie gebäre den Achilleus.

Maximos. Soll ich Dich daran erinnern, daß das Glück Dich wie auf starken Schwingen durch ein bewegtes und gefahrvolles Leben dahingetragen hat? Wer bist Du, Herr? Bist Du der wiedergekommene Alexander, damals unfertig, jetzt reif und gerüstet, das Werk zu vollbringen ?

Julian. Maximos!

Maximos. Einer ist, der immer, in gewissen Zwischenräumen, im Leben des Menschengeschlechtes wiederkommt. Er ist wie ein Reiter, der in der Reitbahn ein wildes Pferd zähmen soll. Jedesmal wirft das Pferd ihn ab. Doch ein Weilchen nur, und der Reiter sitzt wieder im Sattel, immer sicherer, immer geübter: doch herunter mußte er in seinen wechselnden Gestalten jedesmal bis auf diesen Tag. Herunter mußte er als der gottentsprungene Mensch in Edens Garten; herunter mußte er als der Stifter des Weltreiches; – herunter muß er als der Fürst des Gottesreichs. Wer weiß, wie viele Male er schon unter uns gewandelt ist, ohne daß einer ihn kannte? – Weißt Du denn, Julian, ob Du nicht etwa warst in ihm, den Du jetzt verfolgst?

Julian blickt vor sich hin. O bodenloses Rätsel –!

Maximos. Soll ich Dich an jene alte Weissagung erinnern, die jetzt wieder in Umlauf gesetzt ist? Es ist verkündet worden: so viele Jahre, als das Jahr Tage hat, – so viele Jahre wird das Reich des Galiläers Bestand haben. In zwei Jahren sind es dreihundertfünfundsechzig Jahre her, daß dieser Mann in Bethlehem geboren wurde.

Julian. Glaubst Du an diese Weissagung?

Maximos. Ich glaube an den Kommenden.

Julian. Immer Rätsel!

Maximos. Ich glaube an die freie Notwendigkeit.

Julian. Noch rätselhafter.

Maximos. Sieh, Julian, – als sich das Chaos in der wüsten, entsetzlichen Öde wälzte, und Jehova allein war, – an dem Tage, da er – nach den alten jüdischen Schriften – seine Hand ausstreckte und schied zwischen Licht und Finsternis, zwischen Wasser und Land, – an dem Tage stand der große, schaffende Gott auf der Zinne seiner Macht. – Aber mit den Menschen erstand der Wille auf Erden. Und Menschen und Tiere und Bäume und Kräuter schufen ihresgleichen nach ewigen Gesetzen; und nach ewigen Gesetzen gehen alle Sterne im Himmelsraum. – Hat Jehova bereut? Die alten Sagen aller Völker wissen zu erzählen von einem bereuenden Schöpfer. – Das Gesetz der Erhaltung hat er in die Schöpfung gelegt. Zu spät, um zu bereuen! Das Erschaffene will sich erhalten – und es wird erhalten. – Aber die beiden Reiche der Einseitigkeit, die führen Krieg miteinander. Wo ist er, wo ist er, der Friedenskönig, der Zweiseitige, der sie versöhnen wird?

Julian vor sich hin. Zwei Jahre? Alle Götter untätig. Keine böswillige Macht versteckt, die meine Pläne zu durchkreuzen trachtet – –. Zwei Jahre? In zwei Jahren kann ich die Erde meiner Herrschaft unterwerfen.

Maximos. Du sprachst, mein Julian; – was sagtest Du?

Julian. Ich bin jung und stark und gesund. Maximos, – es ist mein Wille, lange zu leben. Er geht rechts ab. Maximos folgt ihm.


Eine hügelige Waldgegend

mit einem Flüßchen zwischen den Bäumen. Oben auf der Höhe ein kleines Landhaus. Es ist gegen Sonnenuntergang.

Heeresabteilungen ziehen von links nach rechts unten an den Hügeln vorbei. Basilios von Cäsarea und seine Schwester Makrina, beide in Einsiedlerkleidung, stehen unten am Wegesrande und reichen den ermatteten Soldaten Wasser und Früchte.

Makrina. O, Basilios, sieh hin, – einer immer bleicher, immer abgezehrter als der andere!

Basilios. Und unter ihnen so zahllose Christenbrüder! Wehe über Kaiser Julian! Das ist grausamer ausgedacht als alle Qualen der Folterbank. Gegen wen führt er seine Heerscharen? Weniger gegen den Perserkönig als gegen Christus.

Makrina. Traust Du ihm so Entsetzliches zu?

Basilios. Ja, Makrina, es wird mir klarer und klarer, daß wir es sind, gegen die der Schlag geführt wird. Alle die Niederlagen, die er in Antiochia erlitten hat, all den Widerstand, auf den er gestoßen ist, alle die Demütigungen und Enttäuschungen, die er wegen seines gottlosen Gebahrens hat erdulden müssen, – das alles gedenkt er durch einen siegreichen Feldzug mit Vergessenheit zu bedecken. Und das wird ihm glücken. Ein großer Sieg wird alles auslöschen. Die Menschen sind nicht anders; im Glück sehen sie das Recht, und der Macht beugen sich die meisten.

Makrina zeigt nach links. Neue Scharen! Unzählig, ohne Ende –

Eine Abteilung Soldaten kommt vorbei. Ein junger Mann in der Reihe stürzt vor Ermattung auf dem Weg um.

Ein Unterhauptmann schlägt ihn mit einem Stock. Steh auf, Du fauler Hund!

Makrina eilt hinzu. O, schlag ihn nicht.

Der Soldat. Laß ihn schlagen – ich leide so gern.

Hauptmann Ammian kommt. Wieder Aufenthalt! – So, der ist's. Kann er wirklich nicht mehr?

Der Unterhauptmann. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Herr; er fällt jeden Augenblick um.

Makrina. O, sei geduldig! Wer ist der Unglückliche? – Sieh her, saug' den Saft aus diesen Früchten. – Wer ist es, Herr?

Ammian. Ein Kappadocier, – einer von den Verirrten, der mit dabei war, als sie den Venustempel in Antiochia schändeten.

Makrina. O, einer von jenen Blutzeugen –!

Ammian. Versuch' aufzustehen, Agathon! Mich jammert des Menschen. Sie züchtigten ihn härter, als er ertragen konnte. Er ist seit der Zeit nicht mehr bei Verstande gewesen.

Agathon erhebt sich. Wohl kann ich es ertragen. Und ich bin völlig bei Verstande, Herr! Schlag zu, schlag zu, schlag zu; – ich leide so gern.

Ammian zum Unterhauptmann. Vorwärts! Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Der Unterhauptmann zu den Soldaten. Vorwärts! Vorwärts!

Agathon. Babylonios fiel; – bald wird der babylonische Hurenkerl fallen. Der Löwe von Zaita ward getötet – getötet werden wird der gekrönte Löwe der Welt! Die Soldaten werden nach rechts hinausgetrieben.

Ammian zu Basilios und Makrina. Ihr seltsamen Menschen – Ihr geht irre, und doch übt Ihr das Gute. Seid bedankt, daß Ihr die Ermatteten erquickt habt, – und möchte doch des Kaisers Nutzen es erlauben, daß ich Eure Brüder so mild behandeln dürfte, wie ich gern wollte. Er geht rechts ab.

Basilios. Gott sei mit Dir, Du edler Heide!

Makrina. Wer mag wohl dieser Mann gewesen sein?

Basilios. Ich kannte ihn nicht. Zeigt nach links. O, sieh da, sieh, – da ist er selbst!

Makrina. Der Kaiser? Ist das der Kaiser ?

Basilios. Ja, das ist er.

Kaiser Julian mit mehreren Kriegsobersten, begleitet vom Hauptmann der Leibwache Anatolos, samt einer Abteilung der Wache kommt von links.

Julian zu seinem Gefolge. Ei was, müde? Sollte der Sturz eines Pferdes mich veranlassen, halt zu machen? Oder sollte es weniger anständig sein, zu Fuß zu gehen, als ein geringeres Tier zu besteigen? Müde! Mein Stammvater hat gesagt, für einen Kaiser gezieme es sich, stehend zu sterben. Ich sage, für einen Kaiser geziemt es sich, in seinem ganzen Leben – nicht nur in der Todesstunde – eine nachahmenswerte Ausdauer zu zeigen; ich sage – – . Ah, beim großen Licht des Himmels, sehen da nicht meine Augen leibhaft Basilios von Cäsarea!

Basilios verneigt sich tief. Dein geringer Diener, o mächtigster Herr!

Julian. Ja, das will ich meinen! Wahrhaftig, Du dienst mir gut, Basilios! Tritt näher. Dies also ist das Landhaus, das einen so großen Ruf erlangt hat durch die Briefe, die von hier ausgehen. Man spricht ringsum in allen Landen mehr von diesem Haus, als man von den Lehrsälen spricht, obwohl ich weder Fleiß noch Mühe gescheut habe, sie wieder in die Höhe zu bringen. – Nicht wahr, – das Weib da ist gewiß Deine Schwester Makrina.

Basilios. So ist es, Herr!

Julian. Du bist ein schönes Weib – und noch jung. Und doch hast Du, wie ich höre, dem Leben entsagt.

Makrina. Herr, ich habe dem Leben entsagt, um zu dem rechten Leben zu gelangen.

Julian. Ach, ich kenne Eure Irrtümer sehr wohl. Ihr seufzt nach dem, was jenseits liegt und worüber Ihr mit Gewißheit nichts wißt; Ihr kasteit Euer Fleisch; Ihr unterdrückt alle menschlichen Lüste. Und doch sage ich Euch, dieses kann ebenso gut eine Eitelkeit sein, wie jede andere.

Basilios. Glaub' nicht, Herr, daß ich blind für die Gefahren bin, die in der Entsagung liegen. Ich weiß wohl, daß mein Freund Gregor recht hat, wenn er schreibt, er getraue sich, Einsiedler mit dem Herzen zu sein, ohne es mit dem Körper zu sein. Und ich weiß auch, daß diese grobe Kleidung wenig meiner Seele frommt, wenn ich es mir zum Verdienst anrechne, sie zu tragen. – Aber so empfinde ich es nicht. Dieses zurückgezogene Leben erfüllt mich mit einem unsäglichen Glücke; das ist alles. Jenes wilde Ringen, das die Welt zu dieser Frist erlebt, tritt mir hier nicht vor Augen in seiner Häßlichkeit. Hier fühle ich meinen Leib erhoben im Gebet und meine Seele geläutert bei einer einfachen Lebensweise.

Julian. O mein genügsamer Basilios, ich meine doch, Du trachtest nach etwas mehr. Wenn man die Wahrheit gesagt hat, so hat Deine Schwester hier um sich eine Schar Jungfrauen versammelt, die sie nach ihrem Vorbild erzieht. Und Du selbst hast ja, wie Dein galiläischer Meister, Dir zwölf Jünger erkoren. Was für Absichten hast Du mit ihnen?

Basilios. Sie in alle Lande hinauszusenden, um unsere Brüder im Streit zu stärken.

Julian. Ah so! Ausgerüstet mit allen Waffen der Beredsamkeit sendest Du Dein Heer wider mich. Und wo hast Du diese Beredsamkeit, diese schöne griechische Kunst, her? Du hast sie aus unseren Lehrsälen. Und mit welchem Rechte besitzest Du sie? Du hast Dich wie ein Spion in unser Lager geschlichen, um zu erspähen, wo wir am sichersten zu treffen sind. Und jetzt benutzest Du diese Kenntnis zu unserem größten Schaden. – Weißt Du wohl, Basilios, daß ich nicht gesonnen bin, diesen Unfug länger zu dulden? Ich will Euch diese Waffe aus den Händen schlagen. Haltet Euch an Matthäus und Lukas und andere solche ungehobelte Bücherschreiber. Aber Ihr sollt von nun an nicht mehr das Recht haben, unsere alten Dichter und auch unsere alten Philosophen auszulegen; denn ich achte es für unbillig, daß Ihr Wissenschaft und Vorteil aus Quellen schöpft, an deren Wahrheit Ihr gar nicht glaubt. Ebenso soll es allen galiläischen Schülern verboten sein, in unsere Lehrsäle zu kommen; denn was wollen sie wohl dort? Unsere Kunst uns wegstehlen, um sie gegen uns selbst zu gebrauchen.

Basilios. Herr, ich habe schon früher von diesem seltsamen Vorsatz reden hören. Und ich muß Gregor beistimmen, wenn er schreibt, daß Du keinen ausschließlichen Anspruch auf die griechische Weisheit hast und auch nicht auf die griechische Redekunst. Ich muß ihm beistimmen, wenn er sagt, daß auch Du ja die Buchstabenschrift gebrauchst, die doch bei den Ägyptern erfunden ist, und daß Du Dich in Purpur kleidest, obwohl er zuerst bei den Leuten von Tyrus in Gebrauch kam. – Ja, Herr, – noch mehr als das. Du unterwirfst Dir Länder und machst Dich zum Herrscher über Völkerschaften, deren Sprache Du nicht verstehst und deren Sitten Du nicht kennst. Und dazu hast Du das Recht. Aber dasselbe Recht, das Du in der sichtbaren Welt hast, dasselbe Recht hat er, den Du den Galiläer nennst, in der unsichtbaren –

Julian. Genug davon! Ich will so etwas nicht öfter hören. Ihr sprecht, als ob es zwei Weltbeherrscher gebe, und mit dem Einwand versucht Ihr, mir auf allen meinen Wegen Halt zu gebieten. O Ihr Narren! Ihr setzt einen Toten gegen einen Lebendigen! Aber Ihr sollt bald sehen, wie das zusammenhängt. Glaubt nur nicht, ich hätte die gegen Euch gerichtete Schrift, an der ich lange gearbeitet habe, während der Kriegsgeschäfte beiseite gelegt. Denkt Ihr vielleicht, ich verbringe meine Nächte mit Schlafen? Ah, Ihr verrechnet Euch! Mit dem »Barthasser« habe ich nur Spott geerntet, – und zwar selbst bei denen, die besonderen Nutzen davon haben könnten, wenn sie gewisse Wahrheiten sich zu Herzen nähmen. Aber das soll mich keineswegs abschrecken. Oder sollte es für einen Mann mit dem Stock in der Hand sich geziemen, vor einer Schar kläffender Hunde zurückzuweichen? – Weshalb hast Du gelächelt, Weib? Was gab es zu lachen?

Makrina. Warum, o Herr, eiferst Du so heftig gegen einen, den Du tot nennst?

Julian. Ah, ich verstehe! Du willst damit sagen, daß er lebt.

Makrina, Ich will damit sagen, daß Du, o mächtiger Herr, in Deinem Herzen fühlst, daß er gewißlich lebt.

Julian. Ich? Wie das! Ich sollte fühlen –?

Makrina. Was ist es, das Du hassest und verfolgst? Nicht ihn, sondern Deinen Glauben an ihn. Und lebt er nicht in Deinem Haß und in Deiner Verfolgung gerade so, wie er in unserer Liebe lebt?

Julian. Ich kenne Eure gewundenen Redensarten. Ihr Galiläer sagt das und meint damit etwas anderes. Und so etwas nennt Ihr Redekunst! O Ihr mittelmäßigen Geister! Welche Torheit! Ich sollte fühlen, daß der gekreuzigte Jude lebt? O tief gesunkene Zeit, die sich an dergleichen genügen läßt! Aber die Menschen sind heutzutage nicht besser! Torheit gilt für Weisheit. Wie habe ich nicht in ungezählten Nächten gewacht und geforscht, um den wahren Grund der Dinge zu finden! Doch wo sind sie, die mir nachfolgen? Viele preisen meine Rede; aber wenige oder keiner läßt sich überzeugen. – Doch wahrlich, noch ist das Ende nicht da. Es soll über Euch wie eine Überraschung kommen. Ihr sollt merken, wohin all das Zerstreute strebt, um sich in Einem zu finden. Ihr sollt erfahren, daß all das, was Ihr jetzt verachtet, in sich die Herrlichkeit birgt, – und das Kreuz, an das Ihr Euren Trost hängt, ich will es zu einer Leiter umzimmern für ihn, den Ihr nicht kennt.

Makrina. Und ich sage Dir, Kaiser, daß Du nichts anderes bist als eine Geißel in Gottes Hand – eine Geißel, die uns züchtigen muß um unserer Sünden willen. Wehe uns, daß es so kommen mußte! Wehe uns, daß wir zwieträchtig und liebelos vom rechten Pfade abgewichen sind! – Es war kein König mehr in Israel. Darum schlug der Herr Dich mit Wahnwitz, daß Du uns züchtigen solltest. – Welch einen Geist hat er nicht umwölkt, auf daß er wider uns rase! Welch blühenden Baum hat er nicht seiner Reiser beraubt, aus ihnen Ruten zu machen für unsere frevelhaften Schultern! – Zeichen warnten Dich, und Du achtetest ihrer nicht. Stimmen riefen Dich, und Du hörtest sie nicht. Hände schrieben ihre Flammenschrift Dir an die Wand, und Du löschtest die Schrift aus, ohne sie zu deuten.

Julian. Basilios, wenn ich doch dieses Weib früher gekannt hätte!

Basilios. Komm, Makrina!

Makrina. Wehe mir, daß ich diese leuchtenden Augen sehen mußte! Engel und Schlange in einem und demselben. Die Sehnsucht des Abgefallenen und zu gleicher Zeit die List des Verführers. O, wie haben unsere Brüder und Schwestern in der Nähe eines solchen Abgesandten die Siegeshoffnung aufrecht erhalten können? In ihm ist ein Größerer. Siehst Du es nicht, Basilios, – durch ihn wird uns Gott, der Herr, in den Tod züchtigen.

Julian. Du hast es gesagt!

Makrina. Nicht ich!

Julian. Erste gewonnene Seele!

Makrina. Weiche von mir!

Basilios. Komm, – komm!

Julian. Bleibt! – Anatolos, stelle sie unter Bewachung! – Es ist mein Wille, daß Ihr dem Heere folgen sollt, – Ihr wie Eure Schüler – Jünglinge und Weiber.

Basilios. Herr, das kannst Du nicht wollen.

Julian. Es ist nicht klug, Festungen im Rücken zu lassen. Seht her, ich strecke meine Hand aus und ersticke diesen Regen brennender Pfeile, den Ihr ausschüttet von diesem kleinen Landhause aus.

Basilios. Nein, nein, Herr, – diese Gewalttat –

Makrina. Ach, Basilios, – hier oder dort – alles ist aus!

Julian. Steht nicht geschrieben, Ihr sollt dem Kaiser geben, was des Kaisers ist? Ich brauche alle Hände auf diesem Kriegszuge. Ihr könnt meine Kranken und Verwundeten pflegen. Damit dient Ihr dem Galiläer zugleich; und haltet Ihr das noch für eine Pflicht, so rate ich Euch, die Frist zu nützen. Er hat nicht mehr viel Zeit.

Einige Soldaten haben Basilios und Makrina umringt, andere eilen durch das Gebüsch dem Hause zu.

Makrina. O Sonne, die du sinkst über der Heimat! Sinkende Hoffnung und sinkendes Licht der Welt! Ach, Basilios, daß wir es erleben mußten, die Nacht zu sehen!

Basilios. Das Licht ist.

Julian. Das Licht wird. Kehrt den Rücken dem Abendrot zu, Galiläer! Das Auge gen Ost gerichtet, gen Ost, wo Helios träumt! Wahrlich, ich sage Euch, Ihr werdet der Erde Sonnenkönig schauen. Rechts ab; alle folgen ihm.


Jenseits des Euphrats und Tigris.

Eine weite Ebene mit dem kaiserlichen Zeltlager. Niedriges Gebüsch links und im Hintergrunde verbirgt die Krümmungen des Tigrisstromes. Schiffsmaste ragen über das Dickicht in langer, unabsehbarer Reihe empor. Bewölkter Abend.

Soldaten und Kriegsvolk allerlei Art ist damit beschäftigt, das Lager auf der Ebene aufzuschlagen. Allerlei Vorrat wird von den Schiffen gebracht. Wachtfeuer nah und fern. Der Heerführer Nevita, der Kriegsoberst Jovian und mehrere Hauptleute kommen von der Flotte.

Nevita. Siehst Du nun, daß der Kaiser das Rechte gewählt hat. Hier stehen wir ohne Schwertstreich auf Feindes Grund. Niemand hat uns den Übergang über die Flüsse streitig gemacht; nicht ein einziger persischer Reiter ist zu sehen.

Jovian. Nein, Herr, auf diesem Wege hat der Feind uns gewiß nicht erwartet.

Nevita. Du sagst das, als ob Du trotzdem nach wie vorüberzeugt bist, daß die Wahl dieses Weges unklug war.

Jovian. Ja, Herr, es ist noch immer meine Ansicht, daß wir lieber eine nördlichere Richtung hätten einschlagen sollen. Dann hätten wir unseren linken Flügel auf Armenien stützen können, das uns freundlich gesinnt ist, und hätten allen nötigen Unterhalt aus dieser reichen Landschaft bezogen. Aber hier? Gehemmt auf unserem Weitermarsch von den schweren Lastschiffen! Rings um uns eine öde Ebene, fast eine Wüste – –. Ah, der Kaiser kommt. Ich will gehen. Er ist mir zurzeit nicht gnädig.

Er geht rechts ab. In demselben Augenblick kommt Kaiser Julian mit einigen Begleitern von den Schiffen her. Der Leibarzt Oribases, die Weisheitslehrer Priskos und Kytron nebst einigen anderen treten zwischen den Zelten der rechten Seite hervor und gehen dem Kaiser entgegen.

Julian. So sehen wir das Kaiserreich wachsen. Jeder Schritt, den ich gen Osten tue, erweitert des Reiches Grenzen. Er stampft mit dem Fuß auf den Boden. Diese Erde ist mein! Ich bin im Reiche, nicht außerhalb. – Nun, Priskos –?

Priskos. Unvergleichlicher Kaiser, Dein Befehl ist ausgeführt. Deinen wunderbaren Traum, wir haben ihn vor allen Heeresteilen verlesen lassen.

Julian. Gut, gut. Und was für eine Wirkung schien mein Traum auf die Soldaten auszuüben?

Kytron. Einige priesen Dich mit froher Stimme und nannten Dich den Göttlichen; andere hingegen –

Priskos. Diese anderen waren Galiläer, Kytron!

Kytron. Ja, die meisten anderen waren Galiläer, und diese schlugen sich vor die Brust und stießen laute Klagerufe aus.

Julian. Ich will dabei nicht stehen bleiben. Die Brustbilder von mir, die ich habe anfertigen lassen, um sie in den Städten aufzustellen, die ich mir unterwerfen werde, sie sollen rings im Lager an allen Tischen aufgerichtet werden, wo die Schatzmeister dem Kriegsvolk die Löhnung auszahlen. Lampen sollen zu Seiten der Bilder angezündet werden, und eine Kohlenpfanne mit wohlriechendem Räucherwerk soll vor ihnen brennen, und ein jeder Soldat soll, indem er vortritt, seinen Sold zu empfangen, einige Körner von dem Räucherwerk ins Feuer werfen.

Oribases. Mein gnädigster Kaiser, verzeih mir, aber – ist das ratsam?

Julian. Warum nicht ratsam? Ich bin erstaunt über meinen Oribases.

Priskos. Ach, Herr, Du mußt wohl erstaunt sein! Wäre es nicht ratsam, daß –?

Kytron. Sollte nicht ein Julian wagen dürfen, was weniger göttliche Männer gewagt haben?

Julian. Ich finde auch, daß es hier das Gewagteste wäre, die Ratschlüsse der rätselhaften Mächte zu verheimlichen. Ist es so weit gekommen, daß die Himmlischen ihre Macht in irdische Hände legen – und daß dies der Fall ist, dürfen wir aus vielen Anzeichen schließen –, so würde es wahrhaftig im höchsten Grade undankbar sein, so etwas zu verbergen. Es ist in so gefahrvollen Verhältnissen wie diesen durchaus nicht gleichgültig, ob die Soldaten ihre Verehrung dem Unrechten erweisen, während sie doch einen ganz anderen anrufen müßten. – Ich sage Dir, Oribases, und ich sage Euch anderen – wenn sich sonst noch einer hier finden sollte, der in dieser Weise die kaiserliche Macht beschränken will – daß eben dies die wahre Gottlosigkeit wäre, und daß ich deshalb genötigt bin, dawider zu eifern. – Hat nicht schon Platon die Wahrheit verkündet, daß nur ein Gott über die Menschen herrschen kann? Was meinte er mit diesem Spruch? Antwortet mir, – was meinte er damit? Es sei ferne von mir, behaupten zu wollen, daß Platon – dieser im übrigen unvergleichliche Weise – dabei, gewissermaßen in einer Weissagung, auf irgend einen einzelnen Menschen angespielt haben sollte, und wäre es auch der Vortrefflichste. Aber ich denke, wir alle sind Zeugen der Wirrsale gewesen, die daraus entstehen, daß die höchste Gewalt gleichsam gespalten und auf mehrere Köpfe verteilt war. – Genug davon! Ich habe schon Befehl erteilt, daß die Kaiserbilder im Lager zur Schau gestellt werden. – – Ah, was suchst Du so eilig, Eutherios ?

Der Hausmeister Eutherios, begleitet von einem Manne in aufgeschürztem Gewande, kommt von den Schiffen.

Eutherios. Erhabener Kaiser, dieser Antiochier ist vom Statthalter Alexandros abgesandt und bringt Dir einen, wie er sagt, wichtigen Brief.

Julian. So laß doch sehen! Licht her! Man bringt eine Fackel; der Kaiser öffnet den Brief und liest.

Julian. Kann das möglich sein! Mehr Licht! Ja, da steht es; – und hier–; was nun? – Das übersteigt wahrhaftig alles, was ich mir denken konnte.

Nevita. Schlimme Kunde aus den westlichen Landen, Herr?

Julian. Nevita, sag' mir, wieviel Zeit brauchen wir, um Ktesiphon zu erreichen?

Nevita. Das geht unmöglich schneller als in dreißig Tagen.

Julian. Es muß schneller gehen! Dreißig Tage! Ein ganzer Monat! Und während wir hier vorwärtskriechen, sollte ich diese Rasenden –

Nevita. Du weißt selbst, Herr, wir müssen unserer Schiffe wegen allen Krümmungen des Flusses folgen. Der Strom ist rauh, und dabei seicht und steinig. Ich halte es für unausführbar, rascher vorwärts zu kommen.

Julian. Dreißig Tage! Und darauf soll die Stadt eingenommen, – das Perserheer in die Flucht geschlagen, – der Frieden geschlossen werden. Wieviel Zeit wird das nicht alles erfordern! Und dabei waren einige von Euch gar so töricht, mir einen noch weiteren Umweg vorzuschlagen. Haha, man hat es auf meinen Untergang abgesehen.

Nevita. Herr, sei ruhig, der Marsch soll mit aller Macht gefördert werden.

Julian. Das ist wohl nötig. Könnt Ihr Euch denken, was Alexandras meldet? Der Wahnwitz der Galiläer übersteigt seit meinem Aufbruch alle Grenzen. Und dieses Unwesen wächst von Tag zu Tage. Sie wissen, daß mein Sieg in Persien ihre Ausrottung zur Folge haben wird; und mit dem schamlosen Gregor an ihrer Spitze, stehen sie jetzt wie ein feindliches Heer mir im Rücken; in den phrygischen Gegenden bereiten sich geheime Dinge vor, aus denen kein Mensch recht klug wird –

Nevita. Was soll das heißen, Herr? Was unternehmen sie?

Julian. Was sie unternehmen? Sie beten, predigen, singen, verkünden den jüngsten Tag. O wär' es weiter nichts; – aber sie reißen unsere Anhänger mit sich fort und ziehen sie hinein in ihren Rebellenbund. In Cäsarea hat die Gemeinde den Richter Eusebios zum Bischof gewählt, – Eusebios, einen ungetauften Menschen, – und dieser Verirrte hat eine solche Berufung angenommen, die noch dazu ungültig ist nach ihren Kirchengesetzen. – Aber das ist lange noch nicht das Schlimmste. Schlimmer, schlimmer, zehnmal schlimmer ist es, daß Athanasios nach Alexandria zurückgekehrt ist.

Nevita. Athanasios?

Priskos. Jener rätselhafte Bischof, der vor sechs Jahren in der Wüste verschwand?

Julian. Eine Kirchenversammlung jagte ihn um seines unziemlichen Eifers willen fort. Die Galiläer waren willfährig unter meinem Vorgänger. – Ja, wollt Ihr es glauben, – jetzt ist dieser fanatische Schwärmer nach Alexandria zurückgekehrt. Sein Einzug glich dem eines Königs; die Landstraße war mit Teppichen und grünen Palmenzweigen belegt. Und was geschah dann? Was meint Ihr wohl? In derselben Nacht brach ein Aufstand unter den Galiläern aus. Georgios, ihr rechtmäßiger Bischof, dieser gutgesinnte und wohlwollende Mann, den sie der Lauheit im Glauben beschuldigten, ist ermordet, ist bei lebendigem Leibe auf den Straßen der Stadt zerrissen worden.

Nevita. Aber, Herr, wie konnte es so weit kommen? Wo war denn der Statthalter Artemios?

Julian. Du darfst wohl fragen, wo Artemios war. Ich will es Dir sagen, Artemios ist zu den Galiläern übergegangen! Artemios ist selbst mit bewaffneter Hand in das Serapeion eingedrungen, jenen herrlichsten Tempel der Welt, – hat die Bildsäulen zerschlagen, – hat die Altäre geplündert und jene unermeßlichen Bücherschätze vernichtet, die wir gerade in dieser irrenden und unwissenden Zeit so überaus gut gebrauchen könnten, und die ich wie einen vom Tode dahingerafften Freund beweinen würde, wenn mein Gram mir erlaubte, Tränen zu vergießen.

Kytron. Wahrhaftig, das übersteigt alle Begriffe!

Julian. Und diese Elenden nicht erreichen zu können, um sie zu züchtigen! Zeuge sein zu müssen, wie solche Ausschreitungen weiter und weiter um sich greifen! – Dreißig Tage, sagst Du! Warum zögert man? Warum schlägt man ein Lager auf? Warum schläft man? Wissen meine Heerführer nicht, was hier auf dem Spiele steht? Wir müssen Kriegsrat halten. Wenn ich daran denke, was der macedonische Alexander in dreißig Tagen vollbracht hat –

Der Kriegsoberst Jovian, begleitet von einem unbewaffneten Manne in Perserkleidung, kommt vom Lager her.

Jovian. Zürne nicht, Herr, daß ich Dir vor Augen trete; aber dieser Fremde –

Julian. Ein persischer Krieger!

Der Perser wirft sich zur Erde nieder. Kein Krieger, Du Mächtiger!

Jovian. Er kam ohne Wehr und Waffen zu Roß über die Ebene gejagt und meldete sich bei den Vorposten –

Julian. So sind Deine Landsleute in der Nähe?

Der Perser. Nein! nein!

Julian. Aber wo kommst Du denn her?

Der Perser reißt sein Gewand auf. Sieh diese Arme, Du Herrscher der Welt, – blutig von rostigen Ketten. Befühle diesen zerschundenen Rücken, – Wunde an Wunde. Ich komme von der Folterbank, Herr!

Julian. Ha, Du bist König Sapores entflohen?

Der Perser. Ja, Du Gewaltiger, der Du alles weißt! Ich stand bei König Sapores hoch in Gnaden, bis ich, von Furcht erfaßt bei Deinem Herannahen, mich erdreistete, ihm zu prophezeien, dieser Krieg würde seinen Untergang zur Folge haben. Weißt Du, Herr, wie er es mir gelohnt hat? Meine Ehefrau gab er seinen Bergschützen preis; meine Kinder ließ er als Sklaven verkaufen; mein ganzes Hab und Gut lieferte er seinen Dienern aus, es unter sich zu teilen; mich selbst ließ er neun Tage lang foltern. Dann gebot er mir, hinauszureiten und wie ein Tier auf der Ebene zu sterben.

Julian. Und was willst Du von mir?

Der Perser. Was ich von Dir will nach dieser Behandlung? Ich will Dir helfen, meinen Verfolger zu vernichten.

Julian. Oh, Du gefolterter Mann, – wie kannst Du helfen?

Der Perser. Ich kann Schwingen heften an die Fersen Deines Kriegsvolks.

Julian. Was willst Du damit sagen? Steh auf und sag' mir, was Du meinst.

Der Perser steht auf. In Ktesiphon dachte keine Menschenseele daran, daß Du diesen Weg wählen würdest –

Julian. Das weiß ich.

Der Perser. Jetzt ist es kein Geheimnis mehr.

Julian. Du lügst, Mann! Ihr Perser wißt nichts von meinen Absichten.

Der Perser. Herr, Du, dessen Weisheit vom Feuer und von der Sonne stammt, Du weißt recht gut, daß jetzt meine Landsleute Deine Absichten kennen. Du bist über die Flüsse mit Deinen Schiffen gesetzt; – diese Schiffe, mehr als tausend an der Zahl, beladen mit allem Heeresbedarf, sollen den Tigris stromaufwärts geschleppt werden, und das Heer soll an der Seite der Schiffe vorrücken.

Julian. Unglaublich –!

Der Perser. Wenn die Schiffe Ktesiphon fast erreicht haben, – das heißt zwei Tagereisen von der Stadt entfernt sind, – dann willst Du auf die Stadt losmarschieren, sie umzingeln und König Sapores zur Übergabe zwingen.

Julian sieht sich um. Wer hat uns verraten?

Der Perser. Dieses Vorhaben ist jetzt nicht mehr auszuführen. Meine Landsleute haben in aller Eile Steindämme in das Flußbett gebaut, und an ihnen werden Deine Schiffe stranden.

Julian. Mensch, weißt Du, was es Dich kostet, wenn Du nicht die Wahrheit sagst?

Der Perser. Mit Haut und Haar bin ich in Deiner Gewalt, Du Mächtiger! Rede ich nicht die Wahrheit, so steht es Dir frei, mich lebendig verbrennen zu lassen.

Julian zu Nevita. Der Fluß gesperrt! Wochen werden nötig sein, ihn wieder schiffbar zu machen!

Nevita. Wenn es überhaupt möglich ist, Herr! Die Werkzeuge dazu fehlen –

Julian. Und das muß uns jetzt begegnen, – jetzt, da es gilt, mit aller Schnelligkeit vorzurücken.

Der Perser. Herrscher der Welt, ich habe Dir gesagt, daß ich Deinem Heere Schwingen leihen kann.

Julian. Sprich! Weißt Du einen kürzeren Weg?

Der Perser. Wenn Du mir gelobst, nach dem Siege mir mein geraubtes Eigentum wieder zu verschaffen und dazu ein neues Eheweib von hoher Geburt, so kann ich –

Julian. Ich verspreche Dir alles; nur sprich – sprich!

Der Perser. Nimmst Du den Weg quer durch die Ebene, so kannst Du in vier Tagen vor den Mauern von Ktesiphon stehen.

Julian. Vergißt Du den Bergrücken jenseits der Ebene?

Der Perser. Herr, hast Du nie etwas von jenem, merkwürdigen Engpaß zwischen den Bergen gehört?

Julian. Doch, doch – von einer Kluft – »Arimansgasse« heißt sie. Ist es wahr, daß es so eine gibt?

Der Perser. Vor zwei Tagen ritt ich durch die Arimansgasse.

Julian. Nevita!

Nevita. Wahrlich, Herr, wenn dem so ist –

Julian. Wunderbare Hilfe in der Not –!

Der Perser. Aber willst Du auf diesem Wege vorwärts, Du Gewaltiger, so ist keine Zeit mehr zu verlieren. Das persische Heer, das in den nördlichen Landschaften zusammengezogen war, es ist jetzt zurückberufen, um die Bergklüfte zu sperren.

Julian. Weißt Du das mit Sicherheit ?

Der Perser. Zauderst Du, so wirst Du es selbst erfahren.

Julian. Wieviel Tage gebrauchen Deine Landsleute, um dorthin zu gelangen?

Der Perser. Vier Tage, Herr!

Julian. Nevita, wir müssen in drei Tagen jenseits der Klüfte stehen,

Nevita zu dem Perser. Ist es für uns ausführbar, die Klüfte in drei Tagen zu erreichen?

Der Perser. Ja, großer Krieger, es ist ausführbar, wenn Ihr die Nacht zu Hilfe nehmt.

Julian. Das Lager soll abgebrochen werden! Keinen Schlaf, keine Rast jetzt. In vier Tagen – höchstens fünf – muß ich vor Ktesiphon stehen. – Woran denkst Du? Ah, ich weiß es.

Nevita. Die Flotte, Herr!

Julian. Ja, ja, – die Flotte.

Nevita. Kommt das Perserheer einen Tag später zu den Klüften als wir, so wird es – sollte es Dir einen anderen Schaden nicht zufügen können – sich westwärts gegen Deine Schiffe wenden –

Julian. – wird unermeßliche Beute machen, um damit den Krieg zu verlängern –

Nevita. Könnten wir zwanzigtausend Mann bei den Schiffen zurücklassen, so wären sie gedeckt –

Julian. Wo denkst Du hin! Zwanzigtausend? Fast der dritte Teil der ganzen waffenfähigen Mannschaft. Wo wäre dann die Streitmacht, mit der ich siegen sollte? Zersplittert, zerstreut, geteilt. Nicht einen einzigen Mann kann ich zu solchem Zweck entbehren. – Nein, nein, Nevita; aber es dürfte wohl noch ein drittes Mittel geben –

Nevita weicht zurück. Mein großer Kaiser –!

Julian. Die Flotte darf weder in die Hand der Perser fallen, noch darf sie uns Mannschaft kosten. Es gibt einen dritten Ausweg, sag' ich! Warum zauderst Du? Warum sprichst Du es nicht aus?

Nevita zum Perser. Weißt Du, ob die Bürger in Ktesiphon Vorrat an Korn und Öl haben?

Der Perser. In Ktesiphon ist Überfluß an Vorräten aller Art.

Julian. Und haben wir erst die Stadt genommen, so liegt die ganze reiche Landschaft uns offen.

Der Perser. Die Bürger werden Dir ihre Tore öffnen, Herr! Ich bin nicht der einzige, der König Sapores haßt. Sie werden sich gegen ihn erheben und sich Dir unterwerfen, wenn Du unvermutet sie überfällst, mit der Gewalt des Schreckens und mit Deiner ganzen ungeteilten Streitmacht.

Julian. Sehr richtig! Sehr richtig!

Der Perser. Verbrenne die Schiffe, Herr!

Nevita. Ah!

Julian. Sein Haß sieht, wo Deine Treue im Dunkeln tappt, Nevita! Nevita. Meine Treue sah, Herr; aber sie schrie vor Schmerzen auf bei dem, was sie sah.

Julian. Sind diese Schiffe nicht wie eine Kette an unserm Fuß? Wir haben Lebensmittel für volle vier Tage im Lager. Es ist gut, daß die Soldaten nicht allzuviel zu schleppen haben. Und wozu dienen denn die Schiffe? Wir haben keine Flüsse mehr zu überschiffen.

Nevita. Herr, wenn es wirklich Dein Wille ist –

Julian. Mein Wille, – mein Wille? O, an einem Abend wie diesem – gewitterschwanger und stürmisch – warum sollte nicht ein Blitz herniederfahren und –

Maximos kommt eilends von links. Du erkorener Sohn der Sonne, – hör' an, hör' an!

Julian. Nicht jetzt, mein Maximos!

Maximos. Nichts ist wichtiger als dies. Du mußt mich anhören.

Julian. In des Glücks und der Weisheit Namen – so rede, mein Bruder!

Maximos zieht ihn beiseite und sagt mit gedämpfter Stimme. Du weißt, ich habe geforscht und gesucht, in Büchern und durch Wahrzeichen, um über den Ausfall dieses Kriegszuges Klarheit zu erlangen.

Julian. Ich weiß, daß Du mir nichts hast prophezeien können.

Maximos. Die Zeichen sprachen und die Schriften stimmten damit überein. Aber die Antwort, die immer wiederkehrte, war so seltsam, daß ich glauben mußte, ich hätte mich verrechnet.

Julian. Aber jetzt – ?

Maximos. Als wir von Antiochia aufbrachen, schrieb ich nach Rom, um mir Rats zu erholen bei den sibyllinischen Büchern –

Julian. Jawohl –!

Maximos. Soeben ist die Antwort eingetroffen; ein Läufer des Statthalters von Antiochia hat sie gebracht.

Julian. Ha, Maximos, – und sie lautet –?

Maximos. Sie lautet wie alles, was Wahrzeichen und Schriften mir gesagt haben; und jetzt darf ich es deuten. Freue Dich, mein Bruder, – Du bist unverwundbar in diesem Kampfe.

Julian. Den Spruch, – den Spruch?

Maximos. Die sibyllinischen Bücher sagen: »Julian soll sich vor den phrygischen Gegenden hüten.«

Julian weicht zurück. Den phrygischen –? Ha, Maximos!

Maximos. Warum wirst Du bleich, mein Bruder?

Julian. Sag' mir, teurer Lehrer, wie deutest Du diese Antwort?

Maximos. Ist mehr als eine Auslegung denkbar? Die phrygischen Gegenden? Was hast Du in Phrygien zu tun? In Phrygien, – einer Landschaft, die abseits liegt, weit hinter Dir, und wohin Du niemals Deinen Fuß zu setzen brauchst? Keine Gefahr droht Dir, Du Glücklicher, das ist der Sinn.

Julian. Dieses Rätselwort hat einen doppelten Sinn. Gefahr droht mir nicht im Kampfe, wohl aber von jenen fernen Landschaften. – Nevita, Nevita!

Nevita. Herr? –

Julian. In Phrygien also? Alexandros schreibt von geheimen Dingen, die in Phrygien sich vorbereiten. Es ist einmal prophezeit worden, daß der Galiläer wiederkommen würde. – Verbrenne die Schiffe, Nevita!

Nevita. Herr, ist das Dein fester, unwandelbarer Wille –?

Julian. Verbrenn sie! Zögere nicht. Es drohen uns im Rücken verborgene Gefahren. Zu einem der Hauptleute. Bewach' mir diesen Fremdling gut. Er soll uns als Wegweiser dienen. Erquicke ihn mit Speise und Trank und laß ihn sich gut ausruhen.

Jovian. Mein Kaiser, ich flehe Dich an, – baue nicht zu fest auf so eines Überläufers Aussage.

Julian. Aha, – Du zitterst wohl, mein galiläischer Ratgeber! All das ist nicht ganz nach Deinem Sinn. Vielleicht weißt Du mehr, als Du sagen magst. – Geh, Nevita, – und verbrenn die Schiffe!

Nevita verneigt sich und geht links ab; der Hauptmann führt den Perser durch die Zelte ab.

Julian. Verräter in meinem eigenen Lager! Wartet nur, wartet, – ich will diesen Umtrieben schon auf den Grund kommen. – Das Heer soll aufbrechen. Geh, Jovian, und sorg' dafür, daß der Vortrab in einer Stunde ausrückt. Der Perser kennt den Weg. Geh!

Jovian. Wie Du befiehlst, mein hoher Kaiser! Er geht rechts ab.

Maximos. Du verbrennst die Flotte? Sicherlich hast Du große Dinge vor.

Julian. Ich möchte wohl wissen, ob Alexander von Macedonien solches gewagt hätte?

Maximos. Wußte Alexander, wo die Gefahr drohte ?

Julian. Allerdings, allerdings! Ich weiß es. Alle siegbringenden Mächte sind im Bunde mit mir. Die Wahrzeichen und Wunder entfalten ihre geheimnisvolle Kunde, meinem Reich zum Frommen. – Heißt es nicht vom Galiläer, daß die Geister kamen und ihm dienten? – Wem dienen die Geister jetzt? – Was würde der Galiläer sagen, wenn er unsichtbar unter uns wäre?

Maximos. Er würde sagen: das dritte Reich ist nahe.

Julian. Das dritte Reich ist gekommen, Maximos! Ich fühle, daß der Messias der Welt in mir lebendig ist. Der Geist ist Fleisch geworden, und das Fleisch Geist. Alles Geschaffene liegt im Bereich meines Willens und meiner Gewalt. Sieh hin, sieh, – dort stieben die ersten Funken empor. Die Flammen lecken am Tauwerk und am dichten Haufen der Masten. Ruft dem Feuer entgegen. Ha, zündet nur, zündet!

Maximos. Der Wind ahnt Deinen Willen. Er wächst und dient Dir.

Julian gebietet mit geballter Hand. Werde, Sturm! Mehr nach Westen zu! Ich will es!

Hauptmann Fromentinos kommt von rechts. Gnädigster Herr, – erlaub', daß ich Dich warne. Es ist ein gefährlicher Tumult im Lager ausgebrochen.

Julian. Ich dulde keinen Tumult mehr. Das Heer soll vorwärts rücken.

Fromentinos. Ja, mein Kaiser, – aber die widerspenstigen Galiläer –

Julian. Die Galiläer? Was ist mit ihnen?

Fromentinos. Als die Schatzmeister letzthin die Löhnung an die Soldaten auszahlen wollten, hatten sie Dein erlauchtes Bildnis vor den Zahltischen aufgestellt –

Julian. So soll es in Zukunft immer geschehen.

Fromentinos. Es wurde jedem befohlen, wenn er vortrat, etwas Räucherwerk in die Kohlenpfannen zu werfen –

Julian. Nun ja, und?

Fromentinos. Viele von den galiläischen Soldaten taten es, ohne sich weiter etwas dabei zu denken; andere aber weigerten sich –

Julian. Was! Sie weigerten sich?

Fromentinos. Anfangs, Herr; aber als die Schatzmeister ihnen vorstellten, daß es ein alter Brauch wäre, der wieder eingeführt werden sollte und der nichts mit den göttlichen Dingen zu tun hätte –

Julian. Aha – und da?

Fromentinos. – da fügten sie sich und taten, wie man ihnen gebot.

Julian. Seht Ihr wohl – sie fügten sich!

Fromentinos. Aber danach, Herr, lachten unsere Leute über sie und spotteten und sagten unvorsichtigerweise, sie täten jetzt am besten, das Zeichen des Kreuzes und des Fisches auszumerzen, das sie sich in den Arm zu ritzen pflegen, denn nun hätten sie den göttlichen Kaiser verehrt.

Julian. Ja, ja! Und die Galiläer?

Fromentinos. Sie brachen in laute Klagen aus –; hör' nur, Herr, höre; es ist unmöglich, sie zu beschwichtigen.

Man hört wildes Geschrei draußen zwischen den Zelten.

Julian. Diese Rasenden! Aufsässigkeit bis zum letzten Augenblick. Sie wissen nicht, daß ihres Meisters Macht gebrochen ist.

Christliche Soldaten stürmen hinaus in die Ebene; einige schlagen sich vor die Brust; andere zerreißen ihre Kleider, all das unter Tränen und Geschrei.

Ein Soldat. Christus starb für mich, und ich hinterging ihn!

Ein zweiter Soldat. O Du strafender Herr im Himmel, züchtige mich; ich habe falsche Götter verehrt!

Der Soldat Agathon. Der Teufel auf dem Kaiserthron hat meine Seele gemordet! Wehe, wehe, wehe!

Andere Soldaten reißen die bleiernen Abzeichen ab, die sie um den Hals tragen. Wir wollen nicht Götzendiener sein!

Wieder andere. Der Gottesleugner ist nicht unser Herrscher! Wir wollen heim! Heim!

Julian. Fromentinos, ergreife diese Wahnwitzigen! Mach' sie nieder!

Fromentinos und mehrere von den Umstehenden wollen sich auf die christlichen Soldaten stürzen. In demselben Augenblick verbreitet sich ein grell leuchtender Schein; Flammen schlagen von den Schiffen empor.

Führer und Soldaten schreckgebannt. Die Flotte brennt!

Julian. Ja, die Flotte brennt! Und nicht die Flotte allein! Auf dem rot flammenden Scheiterhaufen brennt der gekreuzigte Galiläer zu Asche! Und der irdische Kaiser verbrennt mit dem Galiläer! Aber aus der Asche empor steigt – jenem Wundervogel gleich – der Gott der Erde und der Kaiser des Geistes in Einem, in Einem, in Einem!

Mehrere Stimmen. Wahnsinn hat ihn geschlagen!

Nevita kommt von links. Es ist vollbracht!

Jovian eilig vom Lager her. Löscht, löscht, löscht!

Julian. Laßt brennen! Laßt brennen!

Hauptmann Ammian vom Lager her. Herr, Du bist verraten! Jener persische Überläufer war ein Betrüger –

Julian. Du lügst, Mann! Wo ist er?

Ammian. Auf und davon!

Jovian. Entwichen wie ein Schatten –

Nevita. Geflohen!

Jovian. Die ihn begleiteten, erklären, er wäre ihnen gleichsam zwischen den Händen verschwunden.

Ammian. Auch sein Pferd ist fort aus dem Gehege, wo es stand; der Fremde muß in die Ebene geflohen sein.

Julian. Lösch' das Feuer, Nevita!

Nevita. Unmöglich, mein Kaiser!

Julian. Lösch' es, lösch' es! Es muß möglich sein!

Nevita. Nichts unmöglicher als das. Alle Vertauungen sind gekappt; alle Schiffe treiben stromabwärts auf die brennenden Wracks zu.

Fürst Hormisdas kommt zwischen den Zelten hervor. Fluch über meine Landsleute! O Herr, daß Du auf diesen Arglistigen hören konntest!

Rufe vom Lager her. Die Flotte brennt! Abgeschnitten von der Heimat! Vor uns der Tod!

Agathon. Götze! Götze! – gebiete dem Sturm zu schweigen, gebiete den Flammen zu erlöschen!

Jovian. Der Sturm wächst. Das Feuer ist wie ein brandendes Meer –

Maximos flüstert. Hüte Dich vor den phrygischen Gegenden.

Julian ruft dem Heere zu. Laßt die Flotte brennen! In sieben Tagen sollt Ihr Ktesiphon in Brand stecken!

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