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Kaiser und Galiläer

Henrik Ibsen: Kaiser und Galiläer - Kapitel 10
Quellenangabe
typedrama
authorHenrik Ibsen
titleKaiser und Galiläer
publisherS. Fischer Verlag
seriesHenrik Ibsen ? Sämtliche Werke
volumeDritter Band
year1907
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Dritter Akt

In Antiochia. Ein offener Säulengang mit Statuen; vorn ein Springbrunnen. Auf der linken Seite, im Säulengang, führt eine Treppe zum kaiserlichen Palast hinauf.

Eine Schar Hofleute, Lehrer, Dichter und Redner, unter ihnen der Leibarzt Oribases und der Dichter Herakleos, ist versammelt, teils im Säulengang, teils um den Springbrunnen; die meisten von ihnen sind in zerrissene Mäntel gekleidet, und ihr Haar und ihr Bart sind wirr.

Herakleos. Dieses Leben halte ich nicht länger aus. Mit der Sonne aufstehen, ins kalte Bad steigen, hinterher sich müde laufen und fechten –

Oribases. Das ist doch alles miteinander recht gesund.

Herakleos. Ist das auch gesund, Seetang und rohe Fische zu fressen?

Ein Hofmann. Ist's gesund, das Fleisch in großen Stücken so blutig hinunterschlingen zu müssen, wie es vom Schlächter kommt?

Herakleos. Fleisch habe ich in der letzten Woche nicht viel gesehen. Das meiste ging beim Opfern drauf. Ich glaube, binnen kurzem wird man sagen können, daß die hochehrwürdigen Götter die einzigen Fleischfresser in Antiochia sind.

Oribases. Du bist noch immer der alte Spottvogel, Herakleos!

Herakleos. Ei, was denkst Du, Freund? Es sei fern von mir, die weisen Verordnungen des Kaisers zu verspotten. Gesegnet sei Kaiser Julian! Tritt er nicht in die Fußstapfen der Unsterblichen? Denn, sagt mir, scheint nicht eine gewisse Sparsamkeit auch im göttlichen Haushalt eingeführt zu sein?

Ein Hofmann. Hahaha! Du hast nicht so ganz unrecht.

Herakleos. Sieh nur Kybele an, die ehedem so vergeuderische Göttin, deren Bild der Kaiser neulich in einer Aschengrube wiederaufgefunden hat –

Ein zweiter Hofmann. Es war in einem Düngerhaufen –

Herakleos. Wohl möglich; Kybele hat ja mit allem zu tun, was fruchtbar macht. Aber seht nur diese Göttin an, sage ich, – trotz ihrer hundert Brüste fließt sie weder von Milch noch von Honig.

Ein Kreis von lachenden Zuhörern hat sich um ihn gesammelt; während er spricht, ist Julian oben auf der Treppe im Säulengang erschienen, ohne von den unten Stehenden bemerkt zu werden. Er trägt einen zerlumpten, mit einem Strick zusammengebundenen Mantel; Haar und Bart sind ungekämmt, die Finger von Tinte beschmutzt; in beiden Händen, unter den Armen und im Gürtel trägt er Stöße von Pergamentrollen und Papier. Er bleibt stehen und horcht auf Herakleos mit allen Zeichen der Erbitterung.

Herakleos fortfahrend. Ja, es scheint in der Tat, als sei diese Amme der Welt unfruchtbar geworden. Man sollte fast glauben, sie hätte das Alter schon hinter sich, wo die Weiber –

Ein Hofmann, der den Kaiser bemerkt hat. Pfui, pfui, Herakleos – schäm' Dich doch!

Julian gibt dem Hofmann einen Wink, daß er schweigen solle.

Herakleos fährt fort. Also lassen wir sie! Aber geht es mit Ceres nicht ebenso? Legt sie nicht einen geradezu kläglichen – ich möchte fast sagen kaiserlichen Geiz an den Tag? Ja, glaubt mir, hätten wir gegenwärtig etwas regeren Verkehr mit dem hohen Olymp, wir würden manche ähnliche Dinge zu hören bekommen. Ich möchte drauf schwören, daß Nektar und Ambrosia so knapp wie nur möglich zugemessen werden. O Zeus, wie schlottericht magst Du nicht geworden sein! O Dionysos, Du Schäker, wieviel ist wohl jetzt von Deiner Lenden Fülle noch übrig? O Du lüsterne, leicht errötende Venus, – o Mars, der Du keinen Ehemann schonst –!

Julian in vollem Zorn. Du maßlos unverschämter Herakleos! Du elendes, gallespuckendes Giftmaul –

Herakleos. Ha, mein gnädigster Kaiser!

Julian. O Du Mensch, der alles Erhabene so frech verhöhnt! Und das mußte mir begegnen, daß ich Deine Lästerzunge in demselben Augenblick hören muß, da ich aus meinem Büchersaal in die frische Morgenluft hinaustrete! Er kommt näher. Weißt Du, was ich unter meinem linken Arm hier habe ? Nein, das weißt Du nicht. Es ist eine Streitschrift wider Dich, Du spöttischer, törichter Herakleos!

Herakleos. Was, mein Kaiser, – wider mich?

Julian. Ja, eine Streitschrift wider Dich. Eine Streitschrift, die ich diese Nacht im Zorn verfaßt habe. Oder mußte ich etwa nicht über Dein höchst unanständiges Betragen gestern in Zorn entflammen! Was hast Du Dir im Lehrsaal in meiner und vieler anderer ernster Männer Gegenwart erlaubt? Mußten wir nicht stundenlang jene schändlichen Fabeln von den Göttern über uns ergehen lassen, die Du zum Besten gabst? Wie durftest Du mit solchen Erdichtungen kommen? War es nicht Lüge alles zusammen, vom ersten bis zum letzten Wort?

Herakleos. Ach, mein Kaiser, wenn Du das Lüge nennst, so haben auch Ovid und Lucian gelogen.

Julian. Was sonst? Ach, ich kann es gar nicht sagen, was für ein Kummer mich packte, als ich vernahm, wo Deine schamlose Rede hinzielte. »Mensch, laß Dich von nichts überraschen«, – so ward ich versucht, mit dem Komödiendichter auszurufen, als ich Dich wie einen ruppigen Bauernköter draufloskläffen hörte, – nicht Dankbarkeitsbezeugungen, vielmehr etliche abgeschmackte Kinderstubenmärchen, die noch dazu erbärmlich abgefaßt waren. Denn Deine Verse waren schlecht, Herakleos; – ich habe es in dieser Schrift hier bewiesen. – Ja, ich hatte nicht übel Lust, von meinem Sitz aufzustehen und davonzugehen, als ich Dich Dionysos sowie jenen großen Unsterblichen, nach dem Du genannt bist, wie auf einem Theater vorführen sah! Aber wenn ich mich bezwang und sitzen blieb, so kann ich Dir versichern, es geschah weniger aus Rücksicht auf den Dichter als auf die Schauspieler, – wenn ich sie so nennen darf. Doch geschah es vor allem aus Rücksicht auf mich selbst. Denn mußte ich nicht die Befürchtung hegen, es würde aussehen, als ob ich, einer aufgescheuchten Taube gleich, fliehen wollte? Sieh, darum ließ ich mir nichts merken, sondern hielt mir in der Stille jenen Vers des Homer vor:

»Dulde mein Herz noch ein Weilchen; du hast ja mehr schon ertragen;
Dulde, wenn auch ein Hund die ewigen Götter verhöhnet.«

Ja, das müssen wir hinunterschlucken und noch mehr. Die Zeit will es nicht anders. Zeig' mir den Glücklichen, dem es vergönnt ist, seine Augen und Ohren in diesem eisernen Zeitalter rein zu bewahren.

Oribases. Ich bitte Dich, hoher Herr, ereifere Dich nicht so! Laß es Dir ein Trost sein, daß wir alle mit Unwillen die Albernheiten dieses Mannes angehört haben.

Julian. Das ist ganz und gar nicht wahr! Ich habe auf den meisten Gesichtern etwas durchaus anderes als Unwillen bemerkt, jedesmal, wenn dieser schamlose Gaukler seine Zoten herplapperte und sich dabei mit einem satten Lächeln im Kreise umsah, recht als ob er etwas getan hätte, dessen man sich rühmen darf.

Herakleos. Ach, mein Kaiser, ich bin höchst unglücklich –

Julian. Ja, das mußt Du wohl sein; denn wahrhaftig, es handelt sich um keine Kleinigkeit. Oder haben vielleicht diese Erzählungen von den Göttern nicht eine große Bedeutung und ein wichtiges Ziel? Sind diese Erzählungen nicht zu dem Zweck entstanden, den menschlichen Geist auf einem bequemen und leichten Wege zu den geheimnisvollen Wohnungen emporzuführen, wo der höchste Gott herrscht, – und dadurch die Seelen tauglich zu machen zu einer Vereinigung mit ihm? Was sonst? Haben nicht aus eben diesem Grunde die alten Dichter solche Erzählungen erfunden, und haben nicht eben deshalb Platon und andere sie wiederholt oder gar ihre Zahl noch vermehrt? Ich sage Euch, daß, abgesehen von diesem Zwecke, jene Erzählungen nur für Kinder und Barbaren taugen –, ja, kaum das. Aber hattest Du denn gestern Kinder und Barbaren vor Dir? Woher nimmst Du die Dreistigkeit, mit mir zu reden, als sei ich ein Kind? Meinst Du schon ein Weiser zu sein und Dir das Recht zu der freien Rede des Weisen erworben zu haben, bloß weil Du einen zerrissenen Mantel anhast und den Bettlerstab in der Hand trägst?

Ein Hofmann. O, wie recht hast Du, mein Kaiser! Nein, nein, dazu gehört gewißlich mehr.

Julian. So? Wirklich? Und was denn? Vielleicht soll man sich das Haar wachsen lassen und niemals die Nägel reinigen? O Du heuchlerischer Kleon! Aber ich kenne Euch alle, einen wie den andern! Hier in meiner Schrift hab' ich Euch einen Namen gegeben, der –; jetzt sollt Ihr mal hören –

Er blättert in den Papierstößen; in demselben Augenblick kommt der Redner Libanios, reich gekleidet und mit einer hochmütigen Miene, von rechts herein.

Oribases leise. Oh, welches Glück, daß Du gekommen bist, hochgeehrter Libanios!

Julian weiter blätternd. Wo steht es doch gleich –?

Libanios zu Oribases. Wieso Glück, mein Freund?

Oribases. Der Kaiser ist in großem Zorn; Dein Erscheinen wird ihn besänftigen.

Julian. Ah, sieh – da hab' ich es – verdrießlich: Was will der Mensch?

Oribases. Herr, es ist –

Julian. Gut, schon gut! Jetzt sollt Ihr hören, ob ich Euch kenne oder nicht. Da gibt es unter den unglücklichen Galiläern eine Anzahl von Fanatikern, die sich bußfertig nennen. Diese verachten alle irdischen Güter, aber dennoch fordern sie große Gaben von all den Toren, die ihnen wie Heiligen und Halbgöttern huldigen. Seht, diesen Leuten gleicht Ihr, nur mit dem Unterschied, daß ich Euch nichts schenke. Denn ich bin nicht so töricht wie jene. Ja, ja, wenn ich nicht fest in diesem Punkte wäre, so würdet Ihr bald den Hof mit Eurer Unverschämtheit überschwemmen. Oder tut Ihr das nicht schon? Sind unter Euch nicht viele, die wiederkommen würden, auch wenn ich sie fortjagte? O meine lieben Freunde, wohin soll das führen? Seid Ihr Weisheitsfreunde? Seid Ihr Nachfolger des Diogenes, dessen Kleid und Gebärden Ihr angenommen habt? Wahrhaftig, man sieht Euch nicht annähernd so oft in den Lehrsälen wie bei meinem Schatzmeister. O, was für ein jämmerlich und verächtlich Ding ist doch die Weisheit durch Euch geworden! O Ihr Heuchler und jedes Wissens bare Redner! O Ihr – – aber was will denn der feiste Mensch da?

Oribases. Herr, es ist der Stadtvorsteher –

Julian. Der Stadtvorsteher kann warten. Die Angelegenheiten, um die es sich hier handelt, gehen allen belanglosen Dingen vor. Oder wie? Der Mensch hat eine so ungeduldige Miene. Ist es denn so wichtig?

Libanios. Keineswegs, Herr; ich kann einen andern Tag wiederkommen. Er will gehen.

Oribases. Herr, erkennst Du diesen ausgezeichneten Mann nicht wieder? Es ist Libanios, – der Lehrer der Beredsamkeit.

Julian. Was? Libanios? Unmöglich. Libanios – der unvergleichliche Libanios – sollte hier sein? Wie ist das denkbar?

Libanios. Ich glaubte, es wäre dem Kaiser bekannt, daß die Bürger von Antiochia mich zum Obmann der Stadtvorsteher gewählt haben.

Julian. Freilich wußt' ich das. Aber als ich meinen Einzug in die Stadt hielt, und die Vorsteher mir entgegen kamen, mich mit einer Ansprache zu begrüßen, da sah ich mich vergebens nach Libanios um. Libanios war nicht unter ihnen.

Libanios. Der Kaiser hatte nicht den Wunsch geäußert, bei diesem Anlaß Libanios reden zu hören.

Julian. Der Redner Libanios dürfte wissen, was der Kaiser in dieser Richtung wünscht.

Libanios. Libanios wußte nicht, was Zeit und Trennung bewirkt haben könnten. Libanios fand es daher am schicklichsten, sich unter die Menge zu mischen. Er stand gewiß an keiner unauffälligen Stelle; aber es gefiel dem Kaiser nicht, sein Auge auf ihn fallen zu lassen.

Julian. Ich glaubte doch, Du hättest den Tag darauf einen Brief von mir empfangen –?

Libanios. Priskos, Dein neuer Freund, brachte mir ihn.

Julian. Und nichtsdestoweniger – oder vielleicht gerade deswegen – hieltest Du Dich fern –?

Libanios. Kopfweh und wichtige Geschäfte –

Julian. Ach, Libanios, früher machtest Du Dich nicht so kostbar.

Libanios. Ich komme, wenn man mich einlädt. Sollte ich aufdringlich sein? Sollte ich dem vom Kaiser so hochgeehrten Maximos in den Weg treten?

Julian. Maximos zeigt sich nie bei Hofe.

Libanios. Wohl begreiflich, – Maximos hält selbst Hof. Der Kaiser hat ihm ja einen ganzen Palast eingeräumt.

Julian. O mein Libanios, habe ich Dir nicht mein Herz eingeräumt? Wie kannst Du da Maximos um seinen Palast beneiden?

Libanios. Ich beneide niemanden. Ich beneide nicht einmal meine Kollegen Themisteos und Mamertinos, obwohl Du ihnen so große Beweise Deiner Huld gegeben hast. Auch Hekebolios beneide ich nicht, dessen Vermögen Du durch so ansehnliche Gaben vermehrt hast. Ja, ich freue mich sogar, der einzige zu sein, dem Du nichts geschenkt hast. Denn ich verstehe wohl den Grund dieser Ausnahme. Du hast gewollt, daß die Städte Deines Kaiserreichs Überfluß an allem haben sollten, vornehmlich aber an Beredsamkeit, wohl wissend, daß dies das Merkmal ist, das uns von den Barbaren unterscheidet. Nun hast Du gefürchtet, daß ich – wie gewisse andere Leute – in meiner Kunst lau werden möchte, wenn Du mir Reichtümer schenktest. Der Kaiser hat es deshalb vorgezogen, den Lehrer seiner Jugend arm zu lassen, um ihn desto fester an sein Handwerk zu knüpfen. Auf diese Weise deute ich ein Benehmen, das manche verwundert hat, deren Namen ich lieber verschweige. Dem Ruhm und Wohl des Staates zuliebe hast Du mir nichts gegeben. Du willst, ich soll des Reichtums entbehren, um Überfluß haben zu können an Beredsamkeit.

Julian. Und ich, mein Libanios, habe auch verstanden, aus welchem Grunde mich der Lehrer meiner Jugend mehrere Monde in Antiochia weilen ließ, ohne sich vorzustellen. Libanios hat natürlich gemeint, daß die Dienste, die sein früherer Jünger den Göttern und dem Staat oder der Wissenschaft geleistet haben könnte, nicht groß genug wären, um mit Recht das Lob des Mannes zu verdienen, der der König unter den Lehrern der Beredsamkeit genannt wird. Libanios hat vielleicht geglaubt, daß geringere Redner sich besser zu mittelmäßigen Dingen eigneten. Und weiter hat wohl Libanios all dies aus Sorge um meiner Seele Gleichgewicht unterlassen. Ja, Du hast gewiß gefürchtet, den Kaiser, berauscht von Übermut, taumeln zu sehen wie einen, der aus laubbekränzter Weinschale vor Durst mit allzu großer Begier getrunken hat, wenn Du an ihn etwas von der Kunst verschwendetest, die alle Griechen an Dir bewundern, und ihn dadurch gewissermaßen zu der Höhe der Götter erhobst, indem Du ihm ein so kostbares Opfer darbrächtest.

Libanios. Ach, mein Kaiser, wenn ich glauben dürfte, daß meine Rede eine solche Macht in sich bärge –

Julian. Und das solltest Du nicht glauben können, unvergleichlicher Freund? o, geh mir aus den Augen, – ich zürne Dir, Libanios! Aber es ist der Zorn des Liebhabers gegen den Geliebten.

Libanios. Ist dem wirklich so? O, mein gekrönter Bruder, so laß mich Dir sagen, daß seit Deiner Ankunft kein Tag vergangen ist, ohne daß ich die Standhaftigkeit verfluchte, die mich davon zurückhielt, den ersten Schritt zu tun. Meine Freunde machten – nicht ohne einen gewissen Schein von Recht – bekannt, Du solltest diese weite Reise hauptsächlich deshalb unternommen haben, um mich zu sehen und mich reden zu hören. Aber Julian selbst ließ nichts von sich hören. Was sollte ich also tun ? Sollte ich dem Kaiser schmeicheln, den ich als Menschen liebte?

Julian umarmt und küßt ihn. Mein Libanios!

Libanios küßt Julian wieder. Mein Freund und Bruder!

Oribases. Wie ehrend für beide!

Hofleute und Lehrer klatschen in die Hände. Wie schön! Wie erhaben!

Julian. O Libanios, Du schlimmer Freund, – wie konntest Du es über's Herz bringen, mir diesen frohen Augenblick so lange vorzuenthalten? In den Wochen und Monaten, da ich auf Dich wartete, war mein Blick in skythische Finsternis gehüllt.

Libanios. Ach, Du warst doch besser gestellt als ich; denn Du hattest doch jemanden, mit dem Du von Deinem abwesenden Freunde sprechen konntest.

Julian. Sag' das nicht. Ich hatte nur den Trost unglücklich Liebender; den Trost nämlich, nur immer wieder betrübt Deinen Namen auszurufen: Libanios, Libanios!

Libanios. Während Du so in leere Luft sprachst, sprach ich zu den vier Wänden meines Zimmers. Die meisten Stunden des Tages verbrachte ich im Bett und stellte mir vor, wer wohl jetzt bei Dir wäre – bald diesen, bald jenen. Ehemals war es anders, sagte ich zu mir selbst, – da war ich es, der Julians Ohr besaß.

Julian. Und mittlerweile ließest Du mich hinsiechen an Sehnsucht. Sieh mich an. Bin ich nicht hundert Jahr älter geworden?

Libanios. O, ist denn mit mir nicht eine ebenso große Veränderung vorgegangen? Du hast mich ja nicht wieder erkannt.

Julian. Diese Begegnung ist für uns beide ein Bad gewesen, aus dem wir genesen emporsteigen. – Sie umarmen und küssen sich aufs neue. Und nun, Du Heißgeliebter, nun sagst Du mir, was Dich heute hierher getrieben hat; denn ich kann nicht daran zweifeln, daß Du in einer besonderen Angelegenheit kommst.

Libanios. Meine Sehnsucht abgerechnet – ist dem so. Möchte doch an meiner Stelle ein anderer hergeschickt sein! Aber der Ehrenplatz, auf den das Vertrauen der Bürger mich berufen hat, macht es mir zur Pflicht, das eine wie das andere zu tragen.

Julian. Sprich, mein Libanios, und sag', womit ich Dir dienen kann.

Libanios. So laß mich denn zuvörderst Dir sagen, daß die Bewohner dieser Stadt in Trauer versetzt sind, weil Du ihnen Deine Gnade entzogen hast.

Julian. Hm –!

Libanios. Und diese Trauer ist mit Angst und Unruhe gepaart, seit Alexandros, der neue Statthalter, sein Amt angetreten hat.

Julian. Ach so!

Libanios. Die Erhöhung eines solchen Mannes ist uns freilich unerwartet gekommen. Alexandros hat bisher nur geringe Ämter verwaltet, und das auf eine Art und Weise, die ihm nicht die Achtung oder Liebe der Bürger erwerben konnte.

Julian. Ich weiß das wohl, Libanios!

Libanios. Alexandros ist gewaltsam in seinem ganzen Tun, und die Gerechtigkeit gilt nicht viel in seinen Augen –

Julian. Ich weiß es; ich weiß alles. Alexandros ist ein roher Mensch, ohne Sitten und ohne Beredsamkeit. Alexandros hat eine so große Erhöhung keineswegs verdient. Aber Du kannst Antiochias Bürger sagen, daß sie den Alexandros verdient haben. Ja, sie hätten womöglich einen noch schlimmeren Herrn verdient, diese geizigen, störrischen Menschen!

Libanios. Es ist also, was wir fürchteten; es ist eine Strafe –

Julian. Hör' mich an, Libanios! Wie kam ich hierher? Voll Vertrauen zu den Einwohnern dieser Stadt. Antiochia, das der Sonnenkönig ganz besonders zu seinem Sitz erkoren hat, sollte mich darin unterstützen, all das Unrecht und die Undankbarkeit wieder gut zu machen, die man so lange gegen die Unsterblichen geübt hat. Aber wie habt Ihr mich aufgenommen? Einige mit Trotz, andere mit Lauheit. Was muß ich hier nicht erleben? Treibt sich nicht jener Kappadocier, Gregor von Nazianz, noch in der Stadt herum und wiegelt die unwissenden Galiläer mit seinen verwegenen Reden auf? Ist nicht ein Dichter unter ihnen erstanden, – ein gewisser Apollinaris –, der ihre Verirrungen mit leidenschaftlichen Liedern bis zum Wahnwitz steigert? – Und was muß ich aus anderen Orten hören? Hat man nicht in Cäsarea Ernst mit seiner Drohung gemacht? Den Tempel Fortunas niedergerissen! O, Schmach und Schande! Wo waren die Verehrer der Göttin währenddessen? Haben sie's etwa verhindert? Nein, sie ließen es ruhig geschehen, Libanios, obwohl sie ihr Leben hätten opfern müssen, um das Heiligtum zu verteidigen. – Aber wartet, wartet nur! Die Galiläer in Cäsarea sollen es mit ihrem Blute büßen, und die ganze Stadt soll in Feuer und Flammen aufgehen, sobald ich nur etwas mehr Zeit zu meiner Verfügung habe.

Libanios. Herr und Freund, – wenn Du mir erlauben wolltest –

Julian. Erlaub' mir zuerst. Ja, sag' selbst, ob ich das dulden darf? Sag', ob mein Eifer nachsichtig sein kann gegen solch eine Verhöhnung der Unsterblichen, die sich schirmend hinter und über mich stellen? Aber was soll ich machen? Habe ich nicht in langen Nächten wider diese heillosen Irrlehren geschrieben, – geschrieben, Libanios, daß meine Augen rot und meine Finger von Tinte schwarz wurden? Und was meinst Du, daß es gefruchtet hat? Spott habe ich für Dank geerntet, nicht allein von den Irrenden selbst, sondern sogar von denen, die meine Ansichten zu teilen behaupten. Ja, und was allen diesen Ärgernissen die Krone aufsetzt, ich muß es heut erleben, Dich hier als Fürsprecher von Bürgern zu sehen, die über Alexandros Klage führen, dem man es doch lassen muß, daß er sein Mögliches tut, um die Galiläer im Zaum zu halten.

Libanios. Mein erhabener Freund, – gerade daß er es tut, das gibt uns Grund zur Klage.

Julian. Was muß ich von Dir hören!

Libanios. Nicht mit meinem Willen stehe ich hier im Auftrage der Stadt. In der Versammlung legte ich es den Bürgern ans Herz, sie müßten zu diesem Amt den hervorragendsten Mann der Stadt wählen, und gab damit zu verstehen, daß ich nicht gewählt zu werden wünschte. Diesem Fingerzeig zum Trotze fiel die Wahl dennoch auf mich, der gewiß nicht –

Julian. Nun gut, nun gut! Aber daß ich aus Deinem Munde, Libanios, hören muß –

Libanios. Ich bitte meinen gekrönten Bruder, zu bedenken, daß ich im Namen der Stadt rede. Was mich selber betrifft, so schätze ich die unsterblichen Götter so hoch wie irgend einer. Was wäre die Kunst der Beredsamkeit ohne die Erzählungen, die die Dichter vergangener Zeiten uns hinterlassen haben? Sind diese Erzählungen nicht einem köstlichen Bergwerk zu vergleichen, aus dessen Erz ein gebildeter Redner Waffen und Schmuck sich schmieden kann, wenn er es nur mit Einsicht zu verwerten weiß? Ja, wie flach und geschmacklos würden nicht selbst die Regeln der Weisheit ausfallen, müßte man sie ohne die Bilder und Gleichnisse ausdrücken, die man den überirdischen Dingen entnimmt? – Aber sag', o Freund, – kannst Du hoffen, diese Anschauungsweise beim Pöbel zu finden, zumal in einem Zeitalter wie dem unsrigen? Ich versichere Dir, in Antiochia jedenfalls steht es nicht so gut. Die Bürger hier – die Galiläer wie die Aufgeklärteren – haben in den letzten Jahren miteinander gelebt, ohne sonderlich auf dergleichen zu achten. Es gibt kaum einen Hausstand in der Stadt, wo nicht verschiedene Ansichten über die göttlichen Dinge herrschten. Aber das hat, bis vor kurzer Zeit, das gute Verhältnis nicht gestört. – Jetzt ist das anders geworden. Man beginnt, Lehre wider Lehre zu erörtern. Zwist ist entstanden unter den nächsten Anverwandten. Ja, neulich hat ein Bürger, dessen Namen ich nicht gern nennen möchte, seinen Sohn enterbt, weil der junge Mensch sich von der Gemeinde der Galiläer losgesagt hat. Handel und Wandel leiden unter all dem, und das macht sich doppelt fühlbar jetzt, wo Teuerung herrscht und Hungersnot vor der Tür steht.

Julian. Genug, genug, – mehr als genug, Libanios! Ihr klagt über Teuerung. Aber sag' mir, ob jemals die Üppigkeit mehr geblüht hat als jetzt? Steht einen Tag die Arena leer, wenn es heißt, ein neuer Löwe sei aus Afrika angekommen? Als in der vorigen Woche die Rede davon war, wegen der Teuerung alle Tagediebe und Müßiggänger aus der Stadt auszuweisen, forderten da nicht die Bürger mit lautem Geschrei, es sollte eine Ausnahme mit den Fechtern und Tänzerinnen gemacht werden; denn ohne die meinte man nicht auskommen zu können! – Ach, die Götter müssen wohl ihre Hand von Euch abziehen im Zorn über Eure Torheit! Es gibt Weisheitslehrer genug in der Stadt; aber wo ist die Weisheit? Warum treten so wenige in meine Fußstapfen? Warum bleibt man bei Sokrates stehen? Warum geht man nicht, ein Stückchen weiter und folgt Diogenes oder – wenn ich so sagen darf – mir, da wir Euch doch zum Glück führen? Denn ist nicht das Glück das Ziel aller Weisheitslehre? Und was ist das Glück anderes als Übereinstimmung mit sich selbst? Fordert der Aar goldene Federn? Wünscht der Löwe sich Klauen von Silber? Oder begehrt der Granatbaum, Früchte aus funkelnden Steinen zu tragen? Ich sage Euch, kein Mensch hat ein Recht zu genießen, bevor er sich nicht hinreichend gestählt erwiesen hat, den Verlust des Genusses zu ertragen. Ja, er darf den Genuß auch nicht mit der Fingerspitze berühren, bevor er, nicht imstande ist, ihn mit Füßen zu treten. – Aber wahrhaftig, davon ist man noch weit entfernt! Doch ich will alle meine Kraft darauf verwenden. Um dieser Dinge willen will ich andere aufgeben, die auch wichtig sind. Der Perserkönig hat – beunruhigt durch meine Nähe – mir Friedensanerbietungen gemacht. Ich denke sie anzunehmen, um freie Hand zu bekommen, Euch aufzuklären und zu bessern, Ihr Störrischen! Was das übrige betrifft, so bleibt alles wie bisher. Alexandros sollt Ihr behalten. Seht zu, wie Ihr mit ihm auskommt. – Doch, mein Libanios, ich will nicht, daß es heißen soll, ich hätte Dich in Ungnade entlassen –

Libanios. O, mein Kaiser –

Julian. Du sprachst mit einer gewissen Bitterkeit davon, daß ich Themisteos und Mamertinos viel geschenkt hätte. Aber entzog ich ihnen nicht auch etwas? Entzog ich ihnen nicht meinen täglichen Umgang? Dir gedenke ich noch etwas mehr zu schenken als jenen.

Libanios. Oh, wirklich, mein erhabener Kaiser!

Julian. Ich gedenke nicht, Dir Gold oder Silber zu schenken. So töricht war ich nur in der ersten Zeit, bis ich sah, wie man sich um mich drängte, durstigen Schnittern gleich, die sich um eine Quelle drängen, wobei einer den andern pufft und stößt und jeder die hohle Hand vorstreckt, sie zuerst zu füllen und sie bis zum Rande voll zu bekommen. Ich bin seither klüger geworden. Namentlich, glaube ich, muß man sagen, daß die Göttin der Weisheit mir ihren Beistand nicht entzogen hat bei dem, was ich zum Besten dieser Stadt unternommen habe.

Libanios. Gewiß, gewiß!

Julian. Darum beauftrage ich Dich, mein Libanios, eine Lobrede auf mich zu verfassen.

Libanios. Oh, welche Ehre –!

Julian. Du sollst sie abfassen mit besonderer Berücksichtigung der Wohltaten, für die die Bürger Antiochias mir Dank schulden. Ich hoffe, Du wirst sie so abfassen, daß sie des Redners wie des Gegenstandes würdig ist. Dieser Auftrag, mein Libanios, sei mein Geschenk an Dich. Ich weiß einen Mann wie Dich nicht besser zu beschenken.

Libanios. O mein gekrönter Freund, welche überwältigende Gnade!

Julian. Und nun wollen wir in den Fechtsaal. Nachher, meine Freunde, wandern wir durch die Gassen, um diesen aufgeblasenen Eingeborenen ein nützliches Vorbild in der Einfachheit der Tracht und in der Bescheidenheit der Sitten zu geben.

Oribases. Durch die Gassen, Herr? Ach, in dieser Mittagsglut –

Ein Hofmann. O Herr, entschuldige mich, aber ich fühle mich höchst unwohl –

Herakleos. Ich auch, gnädigster Herr! Den ganzen Morgen hab' ich mit einer Übelkeit des Magens gekämpft –

Julian. So nehmt ein Brechmittel ein und trachtet auch, zugleich Eure Unwissenheit mit auszukotzen. – Ach, Diogenes, – was hast Du für Nachfolger! Sie schämen sich, Deinen Mantel auf offener Gasse zu tragen! Er geht im Zorn durch den Säulengang ab.


Eine kleine Gasse in einem entlegenen Stadtteil.

In der Häuserflucht links liegt eine kleine Kirche.

Eine große Menge wehklagender Christen ist versammelt. Der Psalmendichter Apollinaris und der Lehrer Kyrillos sind darunter. Weiber mit Kindern auf den Armen stoßen lautes Jammergeschrei aus. Gregor von Nazianz kommt durch die Gasse.

Die Weiber laufen auf ihn zu und halten ihn an seinem Gewande fest. Ach, Gregor, Gregor, – sprich mit uns! Tröste uns in dieser Not.

Gregor. Nur Einer kann hier trösten. Haltet fest an ihm. Haltet Euch eng an Euren Herrn und Hirten.

Ein Weib. O, weißt Du schon, Du Mann Gottes, – der Kaiser hat befohlen, alle unsere heiligen Schriften zu verbrennen.

Gregor. Ich habe es gehört; aber ich kann an eine solche Torheit nicht glauben.

Apollinaris. Es ist Wahrheit. Alexandras, der neue Statthalter, hat Soldaten ausgeschickt, die unserer Brüder Häuser durchsuchen. Selbst Weiber und Kinder werden blutig gepeitscht, wenn sie im Verdacht stehen, Bücher verborgen zu halten.

Kyrillos. Des Kaisers Gebot gilt nicht allein für Antiochia, – nicht für Syrien allein; es gilt für das Reich und die ganze Welt. Jede geschriebene Silbe, die von Christus handelt, soll ausgelöscht werden aus der Wirklichkeit und dem Gedächtnis der Gläubigen.

Apollinaris. O Ihr Mütter, weint über Euch selbst und über Eure Kinder! – Die Zeit wird kommen, da Ihr mit denen, die Ihr jetzt auf Euren Armen tragt, in Streit geratet darüber, was in dem verlorenen Gotteswort eigentlich gestanden hat. Die Zeit wird kommen, da Eure Kindeskinder Eurer spotten und nicht wissen Werden, wer und was Christus gewesen ist. – Die Zeit wird kommen, da es aus den Herzen ausgelöscht sein wird, daß der Heiland der Welt einmal litt und starb. – Der letzte Gläubige wird blind zu Grabe fahren, und von der Stunde an wird Golgatha von der Erde verweht sein wie die Stätte, wo Edens Garten lag. – Wehe, wehe über den neuen Pilatus! Er begnügt sich nicht wie jener andere damit, des Heilands Leib zu töten. Er mordet das Wort und die Lehre!

Die Weiber raufen sich das Haar aus und zerfetzen ihre Kleider. Wehe, wehe, wehe!

Gregor. Und ich sage Euch, seid getrost! Gott stirbt nicht. Nicht von Julian kommt die Gefahr. Die Gefahr war lange vor ihm da, – in der Schwachheit und Zwieträchtigkeit unserer Herzen.

Kyrillos. O Gregor, wie darfst Du verlangen, daß wir standhaft bleiben inmitten dieser Drangsale? – Brüder und Schwestern, – wißt Ihr, was in Arethusa geschehen ist? Die Ungläubigen haben Markos, den alten Bischof, mißhandelt, ihn an den Haaren durch die Gassen geschleift, ihn in die Kloaken geworfen, ihn besudelt und blutend wieder heraufgezogen, ihn mit Honig beschmiert und an einem Baum hinaufgewunden und ihn den Stichen der Wespen und Giftfliegen ausgesetzt.

Gregor. Und hat sich denn nicht Gottes Kraft gerade in Markos herrlich offenbart? Was war Markos zuvor? Ein Mann von zweifelhaftem Glauben. Ja, als die Unruhen in Arethusa ausbrachen, flüchtete er noch aus der Stadt. Aber seht – kaum hatte er in seinem Versteck erfahren, daß die rasenden Menschen des Bischofs Flucht an den schuldlosen Brüdern rächten, als er freiwillig zurückkehrte. Und wie hat er nicht die Martern ertragen, die selbst seine Henker so sehr entsetzten, daß sie ihm, um sich noch einigermaßen mit Anstand aus der Sache ziehen zu können, anboten, ihn gegen Bezahlung einer äußerst geringen Summe entwischen zu lassen? War nicht seine Antwort: Nein – und nein und abermals nein? Gott der Herr war bei ihm. Er starb nicht, noch gab er nach. Sein Antlitz zeigte weder Entsetzen noch Ungeduld. An dem Baume, woran er hing, pries er sich glücklich, weil er einige Stufen dem Himmel näher gebracht sei, während die andern, wie er sagte, auf der flachen Erde herumkröchen.

Kyrillos. Es muß ein Wunder mit diesem standhaften Greise geschehen sein. Hättest Du wie ich das Wehgeschrei aus dem Gefängnis gehört an jenem Sommertag, da Hilarion und die anderen gemartert wurden! Keinem andern Schrei war dieser gleich, – willenlos – ein Gebrüll – ein Gemisch von zischenden Lauten, so oft das Eisen, weißglühend, in das hautlose Fleisch sich eingrub.

Apollinaris. O Kyrillos, vergißt Du den Gesang, der das Wehgeschrei ablöste? Sang nicht Hilarion im Tode? Sang nicht jener heldenmütige kappadocische Knabe, bis er seinen Geist aufgab unter den Händen der Peiniger? Sang nicht Agathon, der Bruder dieses Kindes, bis eine Ohnmacht ihn umfing, und er in Wahnsinn wieder erwachte? – Wahrhaftig, ich sage Euch, solange der Gesang unsere Not übertönt, so lange wird Satan nicht siegen!

Gregor. Seid getrost. Liebet einander und leidet füreinander, so wie in Doristora für seine Brüder jüngst Serapion litt, der sich um ihretwillen stäupen und lebendig in den Schmelzofen werfen ließ. – Seht, seht, – hat nicht schon die rächende Hand des Herrn sich wider die Gottlosen geballt? Oder habt Ihr nicht die Botschaft vernommen aus Heliopolis am Fuße des Libanon?

Apollinaris. Ich weiß. Mitten in der Unzucht des Aphroditefestes brachen die Heiden in das Haus unserer heiligen Schwestern ein, schändeten die Weiber, mordeten sie unter unsäglichen Martern –

Die Weiber. Wehe, wehe!

Apollinaris. – ja, von den Elenden öffneten einige den Leib eines Blutzeugen, rissen die Eingeweide heraus und fraßen die Leber roh!

Die Weiber. Wehe, wehe, wehe!

Gregor. Der Gott des Zornes würzte ihr Mahl. Wie es ihnen bekommen ist? Reist nach Heliopolis, und Ihr werdet jene Männer sehen mit dem Gift der Verwesung in allen Adern, mit ausgefallenen Augen und Zähnen, beraubt der Sprache und des Verstandes. Entsetzen hat die Stadt geschlagen. Viele Heiden haben sich seit jener Nacht bekehrt. – Darum fürchte ich auch dieses unheilschwangere Tier nicht, das sich wider die Kirche erhoben hat; ich fürchte nicht diesen gekrönten Spießgesellen der Hölle, der darauf sinnt, des Erbfeindes Werk zu vollenden. Er mag uns nur überfallen mit Feuer, mit Schwert, mit wilden Tieren in der Arena! Ja, sollte sein Wahnwitz ihn noch weiter treiben, als es bis heut geschehen ist, – was tut denn das zur Sache? Gegen all das gibt es ein Heilmittel und einen Weg zum Siege!

Die Weiber. Christus! Christus!

Andere Stimmen. Da ist er! Da kommt er!

Einige. Wer?

Andere. Der Kaiser! Der! Mörder! Der Gottesfeind!

Gregor. Still! Laßt ihn vorbeiziehen unter Schweigen.

Eine Abteilung kaiserlicher Haustruppen kommt durch die Gasse; dann folgt Kaiser Julian, von Hofleuten und Weisheitsfreunden begleitet, alle von Wachen umgeben. Eine andere Abteilung Palastsoldaten, angeführt vom Hauptmann Fromentinos, beschließt den Zug.

Ein Weib leise zu den andern. Seht, seht hin, – er hat sich in Lumpen gehüllt wie ein Bettler.

Ein zweites Weib. Er muß von Sinnen sein.

Ein drittes. Gott hat ihn schon geschlagen.

Ein viertes. Bergt Eure Kinder an der Brust! Laßt ihre Augen nicht den Greuel sehen.

Julian. Ei, ei, sind das nicht alles miteinander Galiläer? Was macht Ihr hier im Sonnenschein, auf offener Gasse, Gezücht der Finsternis?

Gregor. Du hast unsere Kirchen zugesperrt; darum stehen wir unter freiem Himmel und preisen den Herrn, unsern Gott.

Julian. Sieh da, Du bist es, Gregor? Du treibst Dich hier immer noch herum?! Aber nimm Dich in acht! Lange dulde ich das nicht mehr.

Gregor. Ich suche den Bluttod nicht; ja, ich wünsche ihn nicht einmal; aber wird er über mich verhängt, so setze ich meine Ehre darein, für Christus zu sterben.

Julian. Eure Redensarten langweilen mich. Ich will Euch hier nicht sehen. Warum haltet Ihr Euch nicht in Euren stinkenden Höhlen auf? Geht heim, sage ich!

Ein Weib. O Kaiser, wo ist unser Heim?

Ein anderes. Wo sind unsere Häuser? Die Heiden haben sie geplündert und uns hinausgejagt.

Stimmen in der Menge. Deine Soldaten haben unser Hab und Gut uns genommen!

Andere Stimmen. O Kaiser, Kaiser, warum hast Du unser Hab und Gut genommen?

Julian. Das fragt Ihr noch? Ich will es Euch sagen, Ihr unwissenden Menschen! Hat man Euer Hab und Gut Euch genommen, so ist es geschehen aus Fürsorge um Euer Seelenheil. Hat nicht der Galiläer gesagt, Ihr sollt nicht Gold noch Silber besitzen? Hat nicht Euer Meister Euch gelobt, Ihr sollt dereinst gen Himmel fahren? Müßtet Ihr mir da nicht danken, daß ich Euch die Fahrt so leicht wie möglich mache?

Die Weisheitsfreunde. O, unvergleichlich gesagt!

Apollinaris. Herr, Du hast uns genommen, was mehr ist als Gold und Silber. Du hast uns Gottes eigenes Wort genommen! Du hast uns unsere heiligen Schriften genommen!

Julian. Ich kenne Dich wohl, Du hohläugiger Psalmensänger! Du bist doch Apollinaris? Und ich meine, wenn ich Eure abgeschmackten Bücher Euch nehme, so wirst Du wohl Manns genug sein, etwas ebenso Abgeschmacktes zusammenzudichten. Aber ich sage Dir, Du bist ein elender Bücherschreiber und Versemacher! Beim Apollon, kein echter Grieche würde Deine Verse in den Mund nehmen! Die Schrift, die Du mir neulich gesandt hast, und die Du frech genug warst, »Die Wahrheit« zu nennen, – die hab' ich, wie ich Dir versichern kann, gelesen, verstanden und verdammt.

Apollinaris. Es ist möglich, daß Du sie gelesen hast; aber Du hast sie nicht verstanden; denn hättest Du sie verstanden, so hättest Du sie nicht verdammt.

Julian. Haha! Die Gegenschrift, an der ich arbeite, wird beweisen, daß ich Dich verstanden habe. – Aber was jene Bücher betrifft, über deren Verlust Ihr heult und jammert, so kann ich Euch sagen, binnen kurzem werdet Ihr dahin kommen, sie geringer zu achten, da es sich herausstellen wird, daß jener Jesus von Nazareth ein Lügner und Betrüger gewesen ist.

Die Weiber. Wehe uns! Wehe uns!

Kyrillos tritt aus der Menge hervor. Kaiser, – was hast Du da gesagt?

Julian. Hat nicht der gekreuzigte Jude verkündet, daß der Tempel Jerusalems in Schutt und Asche liegen sollte bis zum Ende der Tage?

Kyrillos. So wird es geschehen!

Julian. Ihr Toren! In diesem Augenblick steht der Kriegsoberst Jovian mit zweitausend Arbeitern in Jerusalem und richtet den Tempel in seiner ganzen Herrlichkeit wieder auf. Wartet, wartet nur, Ihr steifnackigen Zweifler, – Ihr sollt erfahren, wer mächtiger ist, der Kaiser oder der Galiläer!

Kyrillos. Herr, das wirst Du zu Deinem Entsetzen selbst erfahren. Ich habe bis zu dem Augenblicke geschwiegen, da Du den Heiligen verspottetest und ihn einen Lügner nanntest; aber jetzt will ich Dir sagen, daß Du nichts, aber auch gar nichts vermagst wider den Gekreuzigten.

Julian bezwingt sich. Wer bist Du und wie heißest Du?

Kyrillos näher. Das sollst Du hören. Zuerst und vor allem heiße ich ein Christ, und das ist ein sehr ehrenvoller Name; denn er wird niemals von der Erde vertilgt wenden. – Sodann trage ich auch den Namen Kyrillos, und unter diesem Namen bin ich unter den Brüdern und Schwestern bekannt. – Aber bewahre ich den ersten Namen unbefleckt, so ernte ich das ewige Leben zum Lohne.

Julian. Du irrst, Kyrillos. Du weißt, ich kenne die Geheimnisse Eurer Lehre auch ein wenig. Glaube mir, – er, auf den Du vertraust, ist nicht so, wie Du ihn Dir vorstellst. Er ist selber gestorben, wirklich gestorben, damals als der Römer Pontius Pilatus Statthalter war in Judäa.

Kyrillos. Ich irre nicht. Du selbst bist es, Kaiser, der hierin irrt. Du bist es, der Christus in dem Augenblick verleugnet hat, da er Dir die Herrschaft über die Erde schenkte. – Darum verkünde ich Dir in seinem Namen, daß er Dir bald die Herrschaft sowie das Leben rauben wird, und dann wirst Du zu spät erkennen, wie stark er ist, den Du in Deiner Blindheit verachtest. – Ja, gleichwie Du seine Wohltaten vergessen, hast, so wird er seiner Liebe nicht freies Spiel lassen, wenn er sich erhebt, Dich zu strafen. – Du hast seine Altäre gestürzt, – er wird Dich von Deinem Kaiserthron stürzen. Du hast Deine Freude darin gefunden, sein Gesetz mit Füßen zu treten, dasselbe Gesetz, das dereinst Du selbst den Gläubigen verkündet hast. Ebenso wird der Herr Dich mit seiner Ferse treten. Dein Leib wird in die wilden Winde verwehen und Deine Seele hinabfahren dahin, wo größere Martern sind, als Du für mich und die Meinen ersinnen kannst.

Die Weiber scharen sich weinend und wehklagend um Kyrillos.

Julian. Gern hätte ich Dich geschont, Kyrillos! Die Götter sind meine Zeugen, daß ich Dich nicht um Deines Glaubens willen hasse. Aber Du hast meine kaiserliche Macht und Würde verhöhnt, und das muß ich strafen. Zum Hauptmann der Wache: Fromentinos, führe diesen Mann ins Gefängnis und laß durch den Henker Typhon ihm so viele Geißelhiebe geben, als notwendig sind, um ihn zu der Erklärung zu bewegen, daß der Kaiser und nicht der Galiläer alle Gewalt auf Erden hat.

Gregor. Sei stark, Kyrillos, mein Bruder!

Kyrillos mit erhobenen Händen. O Seligkeit, für des Herrn Ehre leiden zu dürfen!

Die Soldaten ergreifen ihn und schleppen ihn fort.

Die Weiber, weinend und klagend. Wehe Uns! Wehe, wehe über den Gottesleugner!

Julian. Treibt sie auseinander, diese Rasenden! Man soll sie aus der Stadt jagen als Aufrührer. Ich dulde nicht länger diesen Trotz und diese Widerspenstigkeit!

Die Wache treibt die klagende Menge in die Seitengassen. Nur der Kaiser und sein Gefolge bleiben zurück. Da wird man einen vor der Kirchentür liegenden und bisher verborgenen Mann gewahr; seine Kleider sind zerrissen und sein Haupt ist mit Asche bestreut.

Ein Soldat stößt ihn mit dem Lanzenschafte. Steh auf und pack' Dich!

Der Mann blickt auf. Tritt mit Füßen das schlaffe Salz, das des Herrn Hand verworfen hat.

Julian. O ewige Götter, – Hekebolios –!

Die Hofleute. Ah, in der Tat, – Hekebolios!

Hekebolios. Ich heiße nicht mehr so. Ich bin namenlos. Ich bin abtrünnig geworden der Taufe, die mir den Namen gab!

Julian. Erhebe Dich, Freund! Dein Sinn ist krank –

Hekebolios. Des Judas Bruder ist pestbehaftet. Hebe Dich von mir –

Julian. O Du wankelmütiger Mann –

Hekebolios. Hebe Dich von mir, Versucher! Nimm Deine dreißig Silberlinge zurück! Steht da nicht geschrieben: Du sollst Weib und Kinder lassen um des Herrn willen? Und ich –? Um des Weibes und der Kinder willen habe ich den Herrn, meinen Gott, verraten! Wehe! Wehe! Wehe! Er wirft sich wieder auf sein Antlitz nieder.

Julian. Solch ein Feuer des Wahnwitzes entzünden diese Schriften über die Erde hin. – Und ich sollte sie nicht verbrennen? – Wartet nur! Ehe ein Jahr um ist, soll der Judentempel wieder auf Zions Berg sich erheben, – soll leuchten mit seines Golddaches Pracht über die Lande und bezeugen: Lügner, Lügner, Lügner!

Er geht eilig davon, von den Weisheitsfreunden begleitet.


Landstraße außerhalb der Stadt.

Links an der Wegecke steht die Statue der Kybele zwischen abgehauenen Baumstümpfen. Ein wenig weiter, nach links, ist eine Quelle mit einem Steinbecken. Es ist gegen Sonnenuntergang.

Auf einem Absatz am Sockel der Statue sitzt ein alter Priester mit einem zugedeckten Korb im Schoß. Rings um das Steinbecken eine Schar Männer und Weiber, die Wasser holen. Auf dem Wege ein Hin und Her von Kommenden und Gehenden. Von links kommt Färber Phokion, schlecht gekleidet, mit einem großen Bündel auf dem Kopfe. Er begegnet dem Haarscherer Eunapios, der aus der Stadt kommt.

Phokion. Ei sieh da, – mein Freund Eunapios in voller Hoftracht!

Eunapios. Pfui über Dich, daß Du eines armen Mannes spottest.

Phokion. Das nennst Du Spott? Ich meinte, es wäre die höchste Ehre.

Eunapios. Das sagst Du so. Es ist jetzt eine Ehre geworden, in Lumpen zu gehen, besonders wenn sie hübsch lange im Rinnstein gelegen haben.

Phokion. Wie, glaubst Du, wird das alles enden?

Eunapios. Mit solchen Gedanken zerbreche ich mir nicht den Kopf. Ich weiß, wie es mit mir geendet hat, und das genügt mir.

Phokion. Bist Du nicht mehr in des Kaisers Diensten?

Eunapios. Was sollte Kaiser Julian mit einem Haarscherer anfangen? Läßt er sich das Haar schneiden ? Oder meinst Du, er ließe sich den Bart stutzen? Er kämmt ihn nicht einmal. Aber wie geht es Dir? Du siehst mir auch nicht gerade glücklich aus.

Phokion. Ach, Eunapios, die Zeit der Purpurfärber ist vorbei.

Eunapios. Ja, richtig – jetzt färbt man nur noch Christenrücken. Aber was schleppst Du da?

Phokion. Ein Bündel Weidenrinde. Ich will Narrenmäntel färben für die Weisheitsfreunde.

Eine Abteilung Soldaten kommt von rechts und stellt sich an der Statue der Kybele auf.

Phokion zu einem der Männer am Wasserbecken. Was bedeutet das?

Der Mann. Das Steinbild soll wieder gefüttert werden.

Phokion. Will der Kaiser an diesem Abend hier opfern ?

Ein zweiter Mann. Opfert er nicht morgens wie abends, – bald hier, bald dort?

Ein Weib. Es ist ein Unglück für die armen Leute, daß der neue Kaiser so sehr die Götter liebt.

Ein anderes Weib. Ei, Dione, sag' das nicht; sollen wir nicht alle insgesamt die Götter lieben?

Das erste Weib. Ja, mag sein; aber trotzdem ist es ein Unglück –

Einer von den Männern zeigt nach rechts. Wollt Ihr sehen, – da kommt er.

Kaiser Julian kommt im Priestergewande und mit einem Opfermesser. Mehrere Weisheitsfreunde, Tempelpriester, Diener und die Wache umgeben ihn. Ihnen folgt eine Schar Menschen, teils spottend, teils erbittert.

Einer von den Kommenden. Da hinten steht die Göttin. Jetzt sollt ihr einen Spaß erleben –

Ein alter Mann. Nennst Du das einen Spaß? Wie viele hungrige Mäuler könnten nicht mit dem gefüttert werden, was hier draufgeht?

Julian tritt zu der Statue hin. O dieser Anblick! Er füllt mein Herz mit Entzückung und meine Augen mit Wehmutstränen. – Ja, gewiß muß ich weinen, wenn ich bedenke, daß das Bild dieser ehrfurchtgebietenden Göttin – umgestürzt von gottlosen und verwegenen Händen – so lange dagelegen hat wie in einem Schlafe des Vergessens, – und das noch dazu an einer Stätte, die zu beschreiben mich ekelt. Unterdrücktes Gelächter unter den Neugierigen.

Julian wendet sich barsch um. Aber ich fühle nicht minder Entzückung, wenn ich bedenke, daß es mir vergönnt war, die göttliche Mutter aus so unwürdigem Zustand zu befreien. – Und sollte ich mich an diesem Gedanken nicht begeistern? – Man sagt mir nach, ich hätte verschiedene Schlachten gegen die Barbaren gewonnen, und preist mich deswegen. Was mich betrifft, so schätze ich das höher, was ich zum Frommen der Götter ausrichte; denn ihnen schulden wir alle unsere Gaben und all unser Trachten. Zu den Leuten am Wasserbecken. Übrigens ist es mir lieb, daß es doch in dieser halsstarrigen Stadt noch Leute gibt, die sich meinen Aufforderungen gegenüber nicht taub stellen, vielmehr sich einfinden, so wie geziemende Frömmigkeit es gebietet, – und ich zweifle nicht, daß Ihr anständige Opfergaben mitgebracht habt. Geht zu dem alten Priester. –Was seh' ich da? Ein einziger Greis! Wo sind Deine Tempelbrüder?

Der alte Priester. Herr, außer mir ist von ihnen keiner mehr am Leben.

Julian. Ausgestorben. Die Landstraße in unpassender Nähe am Heiligtum vorübergeführt. Der ehrwürdige Hain niedergehauen. – Alter Mann,,– wo sind die Opfergaben?

Der alte Priester zeigt auf den Korb. Hier, Herr!

Julian. Gut, gut. Doch das übrige?

Der alte Priester. Das ist alles. Er öffnet den Korb.

Julian. Eine Gans! Diese Gans ist also alles?

Der alte Priester. Ja, Herr!

Julian. Und wer ist der fromme Mann, der uns mit so reichlicher Spende bedacht hat?

Der alte Priester. Ich selbst habe sie mitgebracht. O Herr, zürne nicht – ich hatte nicht mehr als die eine.

Gelächter und Murmeln unter den Versammelten.

Gedämpft Stimmen. Das ist genug. Eine Gans ist mehr als genug.

Julian. O Antiochia, – Du stellst meine Geduld auf eine harte Probe!

Ein Mann in der Menge. Erst Brot, dann Opfergaben!

Phokion pufft ihn in die Seite. Gut gesagt! Gut gesagt!

Ein zweiter Mann. Gib den Bürgern zu essen; die Götter mögen sich behelfen, wie sie können.

Ein dritter Mann. Wir hatten es besser hier unter dem Chi und Kappa!

Julian. Ei, Ihr frechen Schreier! Ihr mit Eurem Chi und Kappa! Ihr glaubt vielleicht, ich wüßte nicht, wen Ihr meint mit Chi und Kappa? Hoho, ich weiß es wohl. Dies Wort ist ja gang und gäbe unter Euch geworden! Ihr meint Christus und Konstantios. Aber ihre Herrschaft ist vorbei, und ich werde schon Mittel finden, den Trotz und die Undankbarkeit zu beugen, die Ihr den Göttern und mir gegenüber an den Tag legt. Ihr haltet Euch darüber auf, daß ich den Göttern die schuldigen Opfer bringe. Ihr spottet, daß ich ein ärmliches Gewand trage und meinen Bart ungeschoren wachsen lasse. Ja, dieser Bart ist Euch ein rechter Dorn im Auge. Ihr nennt ihn, ohne alle Ehrerbietigkeit, einen Bocksbart. Aber ich sage Euch, Ihr Toren, es ist eines Weisen Bart! Ja, ich schäme mich nicht, Euch wissen zu lassen, daß dieser Bart Ungeziefer beherbergt, wie das Weidengebüsch Wild beherbergt, – und doch trage ich diesen meinen verhöhnten Bart mit größerer Ehre, als Ihr Euer glattrasiertes Kinn!

Eunapios halblaut. Dumm geredet – höchst abgeschmackt.

Julian. Aber glaubt Ihr, ich ließe diese Spöttereien ohne Erwiderung hingehen? Nein, nein, Ihr sollt mich noch kennen lernen! Wartet nur, Ihr sollt früher von mir hören, als Ihr denkt. Ich arbeite gerade jetzt eine Schrift aus, die ich »Der Barthasser« betitele. Und wißt Ihr, gegen wen sich diese Schrift richtet? Sie richtet sich gegen Euch, Ihr Bürger von Antiochia, – ja, gegen Euch, die ich in der Schrift »unwissende Hunde« nenne. Da sollt Ihr meine Gründe erfahren für jegliches, was Euch in meinem Benehmen jetzt seltsam dünkt.

Fromentinos kommt von rechts. Erhabener Kaiser, ich habe eine freudige Botschaft zu überbringen. Kyrillos ist schon gefügig geworden –

Julian. Ah, dacht' ich mir's doch.

Fromentinos. Typhon machte seine Sache aber auch vortrefflich. Der Gefangene wurde nackt so hoch unter dem Dache an den Handgelenken angebunden, daß seine Fußspitzen nur eben die Erde berührten; dann peitschte Typhon ihn mit einer Geißel von Ochsensehnen von hinten derart durch, daß die Schläge rund um die Brust trafen.

Julian. O die Schändlichen, die uns zwingen, solche Mittel anzuwenden!

Fromentinos. Um ihn nicht ums Leben zu bringen, mußten wir schließlich den hartnäckigen Menschen loslassen. Da war er eine Weile ganz still und schien sich zu bedenken; aber plötzlich begehrte er doch, vor den Kaiser geführt zu werden.

Julian. Das ist mir sehr lieb – und Du bringst ihn her?

Fromentinos. Ja, Herr, – da kommen sie mit ihm. Eine Abteilung Soldaten führt den Lehrer Kyrillos in ihrer Mitte.

Julian. Ha, mein guter Kyrillos, – Du bist nicht mehr ganz so großmäulig wie vorhin, sehe ich.

Kyrillos. Hast Du vielleicht aus den Eingeweiden eines Tieres oder Vogels herausgefunden, was ich Dir zu sagen habe?

Julian. Nun, ich denke, ich darf ohne Wahrzeichen glauben, daß Du zur Vernunft gekommen bist, daß Du Deiner irrigen Meinung von der Macht des Galiläers entsagst und jetzt den Kaiser wie unsere Götter für größer hältst als ihn.

Kyrillos. Bilde Dir das nicht ein. Deine Götter sind machtlos; und hältst Du fest an diesen Steinbildern, die weder sehen noch hören können, so wirst Du bald ebenso machtlos sein wie sie.

Julian. Kyrillos, – und das ist's, was Du mir zu sagen hast?

Kyrillos. Nein; ich komme, Dir zu danken. Vorhin zitterte ich vor Dir und Deinen Martern; aber in der Stunde der Qual gewann ich den Sieg des Geistes über das Vergängliche. Ja, Kaiser, da Deine Spießgesellen glaubten, ich hinge in Schmerzen unter dem Gefängnisdache, – da lag ich, selig wie ein Kind, in meines Heilands Armen; und da Deine Büttel wähnten, sie hieben aus meinem Fleische Riemen, da strich der Herr mit seiner lindernden Hand über die Wunden, nahm die Dornenkrone ab und setzte mir die Krone des Lebens auf. – Dafür danke ich Dir; denn kein Mensch hat mir eine so große Wohltat erwiesen wie Du. – Und damit Du nicht glauben sollst, ich fürchte Dich fortan, so sieh her –! Er schlägt seinen Mantel auf, reißt seine Wunden auseinander und wirft dem Kaiser Stücke vor die Füße. – Sieh her, sieh her; – sättige Dich an meinem Blute, wonach Du dürstest! Aber ich – das sollst Du wissen – ich sättige mich an Jesus Christus.

Geschrei des Entsetzens unter der Menge.

Mehrere Stimmen. Das bringt Unglück über uns alle!

Julian, der zurückgewichen ist. Haltet den Wahnwitzigen, daß er sich nicht an uns vergreife!

Die Soldaten umringen Kyrillos und schleppen ihn nach dem Wasserbecken. Zugleich vernimmt man Gesang von Weibern, draußen rechts.

Julian. Sieh nach, Fromentinos, – was ist das für ein seltsamer Aufzug?

Fromentinos. Gnädigster Kaiser, das sind die Psalmensängerinnen –

Julian. Ah, jener Bund rasender Weiber –

Fromentinos. Der Statthalter Alexandros hat ihnen etliche Schriften genommen, die sie für heilig halten. Nun wandern sie aus der Stadt heraus, um auf den Christengräbern zu weinen.

Julian mit geballten Händen. Trotz, Trotz – bei Weibern wie bei Männern!

Die alte Publia und eine große Schar Weiber kommen die Landstraße herab.

Publia singt:
Ihre Götter aus Marmor, sie werden wie Laub
Verwittern zu Staub.

Chor der Weiber.
Zu Staub, zu Staub!

Publia.
Unsre Brüder zertreten! Unsre Söhne zertreten!
Steigt, Tauben des Liedes, mit Rachegebeten!

Chor der Weiber.
Mit Rachegebeten.

Publia erblickt den Kaiser. Da steht er! Wehe über den Gottlosen, der des Herrn Wort verbrannt hat! Glaubst Du, Du könntest des Herrn Wort verbrennen? Ich will Dir sagen, wo das Wort brennt. Sie reißt einem Opferpriester das Messer aus der Hand, schneidet sich die Brust auf und wühlt in der Wunde. Hier brennt das Wort. Verbrenne Du unsere Bücher! Das Wort wird in den Herzen der Menschen brennen bis zum jüngsten Tage! Sie wirft das Messer weg.

Die Weiber singen mit wachsender Leidenschaft.
Laß die Leiber verwesen, die Schriften vergehn.
Das Wort bleibt stehn –
Das Wort bleibt stehn!

Sie nehmen Publia in ihre Mitte und gehen weiter ins Land hinein.

Die Leute am Brunnen. Wehe uns! Der Gott der Galiläer ist der stärkste!

Andere Stimmen. Was vermögen alle unsere Götter wider diesen Einen?

Wieder andere. Kein Opfer! Keine Verehrung! Das wird den Entsetzlichen wider uns aufreizen.

Julian. O Ihr Toren! Ihr fürchtet, einen aufzureizen, der längst tot ist, – einen falschen Propheten; – ja, Ihr werdet es selbst sehen. Er ist ein Lügner, sage ich! Geduldet Euch nur noch ein Weilchen. Jeden Tag, jede Stunde kann ich Botschaft erwarten aus Jerusalem –

Der Kriegsoberst Jovian, in bestaubten Kleidern, kommt mit einigen Begleitern in Eile von rechts. Gnädigster Kaiser, verzeih, daß Dein Diener Dich hier aufsucht.

Julian mit einem Freudenschrei. Jovian! O frohe Botschaft!

Jovian. Ich komme geradewegs aus Judäa. Im Palaste hörte ich, Du wärst hier draußen –

Julian. O Ihr preiswürdigen Götter, – so soll die sinkende Sonne doch nicht über der Lüge untergehen! Wie weit sind wir? Sprich, mein Jovian!

Jovian mit einem Blick auf die Menge. Herr, – soll ich alles erzählen?

Julian. Alles, alles – von Anfang bis zu Ende!

Jovian. Ich kam nach Jerusalem mit den Baumeistern und Soldaten und den zweitausend Arbeitern. Wir gingen gleich ans Werk, den Baugrund zu räumen! Gewaltige Reste von Mauern standen noch. Sie fielen unter unsern Hacken und Brechstangen, leicht – als ob eine unsichtbare Macht uns hülfe, sie niederzulegen –

Julian. Seht Ihr – seht Ihr wohl!

Jovian. Währenddessen wurden ungeheure Kalkhaufen zu dem neuen Bau zusammengetragen. Da erhob sich ganz unerwartet ein Wirbelwind, der den Kalk wie eine Wolke über die ganze Gegend verstreute.

Julian. Weiter, weiter!

Jovian. In derselben Nacht erbebte die Erde mehrere Male.

Stimmen in der Menge. Hört Ihr's? Die Erde erbebte.

Julian. Weiter, sage ich!

Jovian. Wir ließen durch dies seltsame Ereignis uns nicht entmutigen. Aber als wir tiefer in den Boden eingedrungen waren und die unterirdischen Grabgewölbe geöffnet hatten, und die Steinbrecher dort hineingingen, um bei Fackelschein zu arbeiten –

Julian. Jovian, – was dann –?

Jovian. Herr, da brach ein furchtbarer, ein ungeheurer Feuerstrom aus den Vertiefungen hervor. Donnergetöse erschütterte die ganze Stadt. Die Gewölbe barsten, Hunderte von Arbeitern wurden da unten getötet, und die wenigen, die sich retteten, flohen mit zerschundenen Gliedern.

Flüsternde Stimmen. Der Galiläergott!

Julian. Kann ich das alles glauben? Hast Du es gesehen?

Jovian. Ich war selber zugegen. Wir begannen von neuem. Herr, in Gegenwart von vielen Tausenden – Entsetzter, Knieender, Jubelnder, Betender – wiederholte sich dasselbe Wunder zweimal.

Julian bleich und bebend. Und dann –? Mit einem Wort, – was hat der Kaiser ausgerichtet in Jerusalem?

Jovian. Der Kaiser hat die Weissagung des Galiläers erfüllt.

Julian. Erfüllt –?

Jovian. Durch Dich wurde das Wort zu voller Wahrheit: nicht ein Stein soll auf dem andern bleiben.

Männer und Frauen. Der Galiläer hat über den Kaiser gesiegt! Der Galiläer ist größer als Julian!

Julian zum Priester der Kybele. Du kannst heimgehen, alter Mann! Und nimm Deine Gans mit! Wir wollen heut abend keine Opfer verrichten. Wendet sich zur Menge. Ich hörte hier etwelche sagen, der Galiläer habe gesiegt. Es könnte so scheinen; aber ich sage Euch, es ist ein Irrtum. Ihr Unwissenden! Ihr schnöden Dummköpfe! – Ihr könnt mir glauben: es soll nicht lange währen, und das Blatt hat sich gewendet! Ich werde –! ich werde –! ja, wartet nur! Ich bereite schon eine Schrift wider den Galiläer vor. Sie soll sieben Kapitel enthalten; und wenn seine Anhänger die zu lesen bekommen, – und wenn noch dazu der »Barthasser« – –. Deinen Arm, Fromentinos! Dieser Widerstand hat mich erschöpft! Zur Wache, während er am Wasserbecken vorbeigeht. Gebt Kyrillos frei! Er kehrt mit seinem Gefolge nach der Stadt zurück.

Die Menge am Brunnen ruft ihm unter Hohngelächter nach: Da geht der Opferschlächter! – Da geht der struppige Bär! – Da geht der Affe mit den langen Armen!


Auf den Ruinen des Apollontempels. Mondscheinnacht.

Kaiser Julian und Maximos kommen, beide in langen Gewändern, durch die Säulentrümmer im Hintergründe daher.

Maximos. Wohin, mein Bruder?

Julian. Wo es am einsamsten ist.

Maximos. Aber hier, – an dieser greulichen Stätte? Mitten zwischen Schutthaufen–?

Julian. Ist nicht die ganze Welt ein Schutthaufen –?

Maximos. Du hast doch bewiesen, daß das Gesunkene wieder aufgerichtet werden kann.

Julian. Spottvogel! In Athen sah ich einen Flickschuster, der hatte sich eine kleine Werkstatt im Theseustempel eingerichtet. In Rom, höre ich, ist ein Winkel der julischen Basilika in einen Büffelstall umgewandelt worden. Nenn auch das ein Wiederaufrichten!

Maximos. Warum nicht? Geschehen nicht alle Dinge stückweise? Was ist die Ganzheit anderes als die volle Summe sämtlicher Stücke?

Julian. Törichte Weisheit! Zeigt auf die umgestürzte Apollonstatue. Sieh diesen Kopf ohne Nase. Sieh diesen geborstenen Ellenbogen, – diese zersplitterten Lenden. Ist die Summe all dieser Häßlichkeiten die ganze, runde, frühere göttliche Schönheit?

Maximos. Woher weißt Du, daß jene frühere Schönheit schön war – an und für sich – nicht bloß in der Vorstellung des Beschauers?

Julian. Ach, Maximos, das gerade ist der Kern. Was ist an und für sich? Ich weiß nichts zu nennen nach diesem Tage. Er stößt mit dem Fuß gegen den Apollonkopf. Bist Du jemals eine Macht an und für sich gewesen? – Seltsam, Maximos, daß im Irrtum Stärke liegen kann. Sieh Dir die Galiläer an. Und sieh mich selbst an, wie ich früher war, da ich es für möglich hielt, die gesunkene Schönheitswelt wieder aufzurichten.

Maximos. Freund, – wenn der Irrtum Dir ein Bedürfnis ist, so geh zu den Galiläern zurück. Sie werden Dich mit offenen Armen empfangen.

Julian. Du weißt recht gut, daß das unmöglich ist. Kaiser und Galiläer! Wie das Gegensätzliche vereinen? – Ja, dieser Jesus Christus ist der größte Aufrührer, der je gelebt hat. Was war Brutus, – was war Cassius gegen ihn? Die mordeten nur den einen Julius Cäsar; aber er mordet Cäsar und Augustus überhaupt. Oder ist an einen Ausgleich zwischen Kaiser und Galiläer zu denken? Ist Raum für sie beide zugleich auf Erden? Und er lebt auf Erden, Maximos, – der Galiläer lebt, sage ich, so gründlich auch Juden wie Römer sich einbildeten, ihn getötet zu haben; – er lebt in den aufrührerischen Herzen der Menschen; er lebt in ihrem Trotz und Hohn wider alle sichtbare Macht. – »Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist«! – Niemals hat Menschenmund ein tückischeres Wort als dieses ausgesprochen. Was steckt dahinter? Was und wieviel kommt dem Kaiser zu? Dies Wort ist wie eine Streitkeule, die von des Kaisers Haupt die Krone schlägt.

Maximos. Und doch verstand es der große Konstantin, sich mit dem Galiläer abzufinden – und Dein Vorgänger ebenfalls.

Julian. Jawohl – wer nur so genügsam sein könnte wie sie. Aber nennst Du das das Weltreich regieren? Konstantin erweiterte die Grenzen seiner Herrschaft. Aber zog er nicht die Grenzen eng zusammen um seinen Geist und seinen Willen? Ihr stellt den Mann zu hoch, wenn Ihr ihn den Großen nennt. Von meinem Vorgänger will ich nicht einmal reden; er war mehr Sklave als Kaiser, und ich kann bei dem Namen nicht stehen bleiben. – Nein, nein, an einen Ausgleich in diesen Dingen ist nicht zu denken. Und doch – nachgeben zu sollen! O Maximos, nach diesen Niederlagen kann ich nicht mehr Kaiser bleiben – und ich kann auch nicht darauf verzichten, es zu sein. – Maximos, der Du Zeichen deuten kannst, deren rätselhafter Sinn allen andern verborgen ist – der Du lesen kannst im Buch der ewigen Sterne, – kannst Du mir den Ausgang dieses Streites künden?

Maximos. Ja, mein Bruder, ich kann Dir den Ausgang künden.

Julian. Das kannst Du? So künd' ihn denn! Wer wird siegen, der Kaiser oder der Galiläer?

Maximos. Sowohl der Kaiser wie der Galiläer werden untergehen.

Julian. Untergehen –? Beide –?

Maximos. Beide. Ob in unsern Zeiten, ob nach Hunderten von Jahren, das weiß ich nicht; aber es wird geschehen, wenn der Rechte kommt.

Julian. Und wer ist der Rechte?

Maximos. Er, der sowohl den Kaiser wie den Galiläer verschlingen wird.

Julian. Du löst das Rätsel mit einem noch dunkleren Rätsel.

Maximos. Hör' mich an, Wahrheitsfreund und Bruder! Ich sage, sie werden beide untergehen – aber nicht vergehen. – Geht nicht das Kind unter im Jüngling, und wiederum der Jüngling im Manne? Aber weder das Kind noch der Jüngling vergeht. – O Du, mein Lieblingsschüler, hast Du unsere Gespräche in Ephesos vergessen – die Gespräche von den drei Reichen?

Julian. Ach, Maximos, da liegen Jahre dazwischen. Sprich!

Maximos. Du weißt, ich habe nie gebilligt, was Du als Kaiser unternommen hast. Du hast den Jüngling wieder zum Kind umschaffen wollen. Des Fleisches Reich ist verschlungen vom Reiche des Geistes. Aber das Reich des Geistes ist nicht das abschließende, ebensowenig wie der Jüngling es ist. Du hast das Wachstum des Jünglings hindern wollen, – ihn hindern wollen, Mann zu werden. O Tor, der Du das Schwert wider das Werdende gezogen hast, – wider das dritte Reich, wo der Zweiseitige herrschen soll!

Julian. Und der –?

Maximos. Das Judenvolk hat einen Namen für ihn. Sie nennen ihn Messias und warten auf ihn.

Julian langsam und gedankenvoll. Messias? Weder Kaiser noch Erlöser?

Maximos. Beide in Einem und Einer in beiden.

Julian. Kaiser-Gott – Gott-Kaiser. Kaiser im Reiche des Geistes – und Gott in des Fleisches Reiche.

Maximos. Das ist das dritte Reich, Julian!

Julian. Ja, Maximos, das ist das dritte Reich.

Maximos. In dem Reich ist das aufrührerische Wort jenes Vorläufers Wahrheit geworden.

Julian. »Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist, – und Gott, was Gottes ist.« Ja, ja, – da ist der Kaiser in Gott und Gott im Kaiser. Ach, Träume, Träume! Wer bricht die Macht des Galiläers?

Maximos. Worin liegt des Galiläers Macht?

Julian. Ich habe vergebens darüber nachgegrübelt.

Maximos. Es steht irgendwo geschrieben: »Du sollst nicht fremde Götter haben neben mir.«

Julian. Ja –ja –ja!

Maximos. Der Seher von Nazareth verkündete nicht diesen oder jenen Gott; er sagte: Gott bin ich – ich bin Gott.

Julian. Ja, dieses außerhalb meiner –! Darum ist der Kaiser machtlos. – Das dritte Reich? Der Messias? Nicht des Judenvolkes, sondern des Geistesreiches und Weltreiches Messias –?

Maximos. Der Gott-Kaiser.

Julian. Der Kaiser-Gott.

Maximos. Logos in Pan – Pan in Logos.

Julian. Maximos, – wie wird er?

Maximos. Er wird in dem sich selbst Wollenden.

Julian. Mein geliebter Lehrer, – ich muß Dich verlassen.

Maximos. Wohin gehst Du?

Julian. Zur Stadt. Der Perserkönig hat mir Friedensanerbietungen gemacht, die ich in der Übereilung angenommen habe. Meine Boten sind schon unterwegs. Man soll sie einholen und zurückrufen.

Maximos. Du willst den Krieg gegen König Sapores von neuem eröffnen?

Julian. Ich will, was Kyros träumte und Alexander versuchte –

Maximos. Julian!

Julian. Ich will die Welt besitzen. – Gute Nacht, mein Maximos! Er winkt mit der Hand zum Abschied und geht rasch ab. Maximos sieht ihm gedankenvoll nach.

Chor der Psalmsängerinnen aus der Ferne, auf den Märtyrergräbern:
Menschengötter aus Gold, – wie Laub
Werdet Ihr werden zu Staub!

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