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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 8
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel.

Karl und der Südosten: Bayern, Avaren, Südslaven.

Die einzige Königsaufgabe, welche Pippin bei seinem Tode (768) den Söhnen ungelöst hinterlassen, war die Wiederheranzwingung Bayerns unter das Reich gewesen (s. oben S. 30, 31).

Die Bayern, Bajuvari, sind und heißen die Männer aus Baju-hemum, Boier-heim, Böhmen, so benannt nach den keltischen Boiern, an deren Stelle die alten Suebenvölker, Markomannen und Quaden, bald nach Christi Geburt vom oberen Main her einwandernd, in dem berg- und waldumkränzten Lande der Eger, Moldau und Elbe sich angesiedelt hatten. Um das Jahr 500 waren 99 sie von dort nach Südwesten in das alte Noricum und Rätien gezogen, das nun nach ihnen den Namen Bajuvaria, Bayern, erhielt. Gegen die Mitte des sechsten Jahrhunderts erscheinen sie in diesen ihren neuen Sitzen unter diesem Namen und in Abhängigkeit von dem Frankenreich.

Nachdem die Franken durch Unterwerfung der Alamannen (496) und der Thüringe (531), sowie der bis dahin von den Ostgoten geschützten Alamannen in Graubünden (536) sich den Weg zu den Bayern gebahnt hatten, konnten diese dem Drucke der fränkischen Übermacht nicht mehr widerstehen. Doch scheint die Begründung der fränkischen Oberhoheit weit weniger durch die Waffen als durch Vertrag erfolgt zu sein: es verblieb den Bayern ein besonderes Herrschergeschlecht, die Agilolfingen, – übrigens wahrscheinlich ein langobardisch-fränkisches, nicht ein ursprünglich bayrisches, vielleicht ward es damals erst von den Franken eingesetzt, – das mit beinahe königlicher Gewalt über den volkreichen Stamm herrschte, der von Bozen bis Eichstädt, vom Lech bis an die Enns wohnte. Lange haben die Agilolfingen, mit einer kurzen Unterbrechung durch Bruderkriege, Bayern gut und gedeihlich regiert, für das Recht und die Kirche mit Erfolg gesorgt. Die immer nur lockere Abhängigkeit dieser Herzöge, welche, manchmal mehrere nebeneinander, zu Regensburg, Freising, Salzburg ihre Sitze hatten, war in den Zeiten der Schwäche der merowingischen Könige seit ca. 650 und der innern Kämpfe der Hausmeier bis 690 und 720 (S. 15–17) völlig abgeworfen worden: ganz wie bei den benachbarten und oft mit den Bayern gegen die Franken verbündeten Alamannen. Erst Karl der Hammer und Pippin hatten die Unterordnung wiederherstellt (s. oben S. 16, 27): der junge im gleichen Jahre mit Karl 100 (742) geborene Herzog Tassilo hatte, wie wir sahen (s. oben S. 27), Pippin, seinem Oheim, – die Agilolfingen waren mit den Arnulfingen mehrfach verschwägert – als Vasall gehuldigt und wiederholt Heerfolge geleistet – so gegen die Langobarden, gegen die Aquitanier – bis er plötzlich bei dem Aquitanierfeldzug von 764 in trotziger Auflehnung aus dem Lager nach Bayern geeilt war (S. 30), wir können nur Vermutungen aufstellen über die Gründe. Pippin war bis zu seinem Tod zu stark durch die Aquitanier beschäftigt, um Bayern wieder heranzwingen zu können. Übrigens hatte Tassilo, der recht wankelmütig erscheint, sehr bald nachher durch Vermittlung des Papstes Versöhnung gesucht und jetzt, nach Karls Thronbesteigung, brachte der wackere Abt Sturm von Fulda, ein Bayer, sogar »Freundschaft« zwischen Tassilo und Karl zu stande (769); diese schien dadurch gefestigt, daß beide verschwägert wurden, indem beide Töchter des Langobardenkönigs Desiderius zur Ehe nahmen (s. oben S. 32). Als aber freilich Karl diese Gemahlin verstieß, mochte wieder Spannung entstehen. Doch sah Tassilo untätig zu, als Desiderius gestürzt ward, während doch damals der rechte Augenblick gewesen wäre, mit den Langobarden im Bunde für die Befreiung Bayerns zu kämpfen, falls eine solche als Ziel vorschwebte. Der Sage nach schürte eben seine Gemahlin Liutberga unablässig an ihm, Rache für ihren Vater und ihre Schwester zu nehmen an Karl.

Allein Tassilo verstand es weder, Treue zu halten, noch, Schwert in Faust, als Held für seine und seines Stammes Freiheit zu sterben: folgerichtig endete er im Kloster. Es mag hier eingeschaltet werden, daß unter den Karl bekämpfenden Persönlichkeiten nicht ein großer Charakter war: wie Tassilo endete der Langobardenkönig 101 Desiderius im Kloster, und auch der Sachsenführer Widukind nahm nicht nur die Taufe – er nahm auch seine angezogenen Güter aus der Hand des Siegers zurück und starb als königlich fränkischer Staatspensionär. Auch Arichis von Benevent hat sich unterworfen; des Desiderius Sohn Adelchis starb zwar ununterworfen als Flüchtling zu Byzanz, aber tragisches Heldentum hat von Karls Gegnern nicht ein einzelner Mann bewährt, nur der Geist eines Volkes: der herrliche Trotz der unglücklichen, mit Blut getauften Sachsen.

Aber zurück zu Tassilo. Seine Verwaltung Bayerns war nicht ohne Verdienste: er sorgte für Ausbreitung des Christentums und zugleich des bayrischen Stammes über den Südosten gegen die slavischen»Karantanen« in dem nach ihnen benannten Kärnten (Stiftung des Klosters Kremsmünster 777). Das Verhältnis zu Karl war aber inzwischen wieder so feindlich geworden – der treue Vermittler Sturm war (779) gestorben, – daß (781) Papst und König durch gemeinschaftliche Gesandte den Herzog zur Erfüllung seiner eidlichen Verpflichtungen mahnten: er erneute hierauf zu Worms (782) auf dem Reichstag den Vasalleneid. Doch kam es im Jahre 785 zu bewaffnetem Zusammenstoß zwischen bayrischen und fränkischen Grafen an der Grenze Bayerns und des jetzt Karl gehörigen Langobardenreiches bei Bozen (785), wir erfahren nicht, weshalb. Tassilo rief die Vermittlung des Papstes an, ward aber von diesem unter Androhung des Kirchenbannes zur Erfüllung seiner Eidespflichten aufgefordert und, da er sich weigerte auf dem Reichstag zu Worms (787) zu erscheinen und Gehorsam zu leisten, beschloß der Reichstag seine Unterwerfung. Karl hatte den Kriegsplan bereits entworfen; er konnte sofort ans Werk gehen. Er faßte Bayern von allen drei verfügbaren 102 Seiten zugleich: die Ostseite war damals noch nicht verfügbar, das Avarenreich noch nicht unterworfen. Von Westen führte Karl selbst ein Heer (wohl von Westfranken), die Lechlinie bedrohend, die uralte Scheidemark zwischen Bayern und Schwaben – heute noch die Sprachgrenze – auf das »Lechfeld«, das damals zuerst genannt wird. Zugleich rückte ein andres Heer von Norden her gegen die Donaulinie bis Pföring, unterhalb Ingolstadt, Regensburg, die alte Hauptstadt, bedrohend; dieses Heer bestand aus Ostfranken, Thüringen und auch bereits aus Sachsen, welche, kaum unterworfen (S. 79), gegen die Bayern aufgeboten wurden, wie die Langobarden alsbald über die Pyrenäen waren geführt worden (S. 45). Karl wußte, es mußte die Neugewonnenen ehren und ihre Angliederung beschleunigen, ließ man sie alsbald neben den Franken fechten und siegen. Ein drittes Heer aber führte Karls Sohn Pippin, der König von Italien (S. 42), von Süden her, die Etschlinie bedrohend, von Trient bis Bozen. Bayern sollte es nun verspüren, was es bedeute, daß die Langobarden aus Verbündeten wider die Franken nunmehr Helfer der Franken geworden waren. An den drei Flüssen, welche die Grenzen Bayerns im Westen, Norden und Süden bildeten: Lech, Donau und Etsch, standen also gleichzeitig drei Heere. Dieser auf das säuberlichste ausgeführte Plan dreifacher Bedrohung wirkte so überwältigend, daß Tassilo sonder Schwertstreich sich unterwarf.

Da jedoch der Wankelmütige den 787 abermals geleisteten Vasalleneid schon 788 abermals brach – er hatte sich mit den Avaren verbünden wollen, aber seine Bayern selbst fielen von ihm ab und deckten diesen Plan auf – ward ihm (788) auf dem Reichstag zu Ingelheim, auf dem er sich hatte stellen müssen, das Herzogtum und sogar 103 das Leben abgesprochen: daß man, um letzteres zu begründen, bis auf die 764, also vor 24 Jahren, begangene »Heereslitz«, d. h. das Verlassen des Heeres Pippins, zurückgriff, ein allerdings mit dem Tode bedrohtes Verbrechen, das aber unleugbar durch die Verhandlungen mit Karl in allen diesen Jahren als verziehen gelten mußte, zeigt, daß es an einer andern todeswürdigen Verfehlung gebrach: überhaupt war Tassilo vielleicht auch 785 gar nicht im Unrecht gewesen, aber seine schwankende, treulose Haltung mußte ihn verderben, auch wenn er im Recht gewesen wäre. Karl wollte nur das Urteil, nicht die Vollstreckung: er schenkte dem Verwandten (s. oben S. 100) das Leben, das er, wie seine Gattin und seine Kinder, in fränkischen Klöstern beendete. Noch einmal ward er, man begreift nicht recht weshalb, 794 aus der Ruhe des Klosters vor einen fränkischen Reichstag zu Frankfurt am Main gestellt, wo er nochmal zum Verzicht auf alle seine und seiner Kinder Rechte an Bayern angehalten ward: vielleicht war der Übergang des Privateigentums der Agilolfingen an die fränkische Krone angezweifelt worden. Karl machte nun der bisherigen halb selbständigen Stellung Bayerns ein Ende: das Land ward als Provinz wie Aquitanien, Sachsen, Alamannien dem Frankenreich einverleibt, kein Herzog mehr geduldet: vielmehr übertrug der König die Verwaltung Bayerns im Frieden und die Verteidigung im Krieg, sowie die Ausbreitung bayrischer Ansiedler über den avarischen und slavischen Südosten einem im Krieg und Frieden gleich ausgezeichneten Helden und Berater, dem Bruder seiner Lieblingsgemahlin Hildigard, dem wackern Gerold, als »Präfekt« von Bayern. Dieser weise und tapfere Alamanne erwarb sich, bis er im Kampfe gegen die Avaren den Heldentod fand (799) – einer der schwersten Verluste, die Karl trafen! – die 104 größten Verdienste um den König und das ihm anvertraute Land: er ist offenbar von der Sage gemeint in »Herrn Naims von Bayerland«, der unter den Paladinen Karls hervorragt, wie nur noch etwa Roland, Ogier und Oliver.

Zusammenwirkend mit dem ebenfalls ganz ausgezeichneten Bischof Arn von Salzburg, der im Jahre 797 von Papst Leo III. das »Pallium«, das Ehrenkleid des Bischofs, und die Würde eines Erzbischofs erhielt, arbeitete er wie für Abwehr äußerer Feinde, so für den Schutz des Rechts im Lande und für die Verbreitung des Christentums über den Osten und Südosten: unter Leitung dieser Männer erwarb sich der krafttüchtige bayrische Volksstamm, der Schwert und Pflug von jeher gleich trefflich zu führen verstanden hat, damals das Verdienst, durch starke Besiedelung germanische Gesittung und Eigenart in jene Ostmark – die Grundlage des späteren »Österreich« – zu tragen, deren alte von den Römern eingeführte Bildung und Blüte längst unter den Hufen der Gäule mongolischer Avaren oder der Schafzucht slavischer Wanderhirten zerstampft oder verwildert war.

Die südslavischen Karantanen, schon von den Agilolfingen in Abhängigkeit von Bayern gezogen (S. 101), wurden nun planmäßig der Kirche und dem Reiche der Franken unterworfen.

Dieselbe Aufgabe hatte nun aber Karl auch gegenüber einem viel mächtigeren und schwerer zu erreichenden feindlichen Nachbar übernommen: gegenüber den Avaren.

Dieses mongolische Reitervolk – der (persische) Name bedeutet die »Schweifenden«, d. h. Nomaden – war zuerst nach Zerfall des großen Hunnenreiches Attilas ca. 460 östlich vom Kaspischen Meer erschienen und hatte sich allmählich immer mehr nach Westen vorgeschoben in die früher von den Hunnen beherrschten Gebiete, daher sie 105 (irrig) für die alten Hunnen, die ja ebenfalls ein mongolisches Reitervolk gewesen, gehalten wurden. Nach Vernichtung der germanischen (gotischen) Gepiden (567) und Abzug der Langobarden nach Italien hatten sie sich in den weiten Pußten Ungarns ausgebreitet und von da aus alle ihre Nachbarn durch unablässige Raubfahrten heimgesucht: die Frankenkönige hatten sie wiederholt von Thüringen abzuwehren, die Bulgaren und zahlreiche Südslaven hatten sie unterworfen: ganz besonders aber erpreßten sie ungeheure Summen von dem reichen und meist schwachen Byzantinischen Kaiserreich, das sich dadurch von ihnen – immer nur auf kurze Zeit – Ruhe erkaufte: 90, ja 100 000 Goldsolidi (= 1 200 000 Mark) jährlich zahlten die Kaiser geraume Zeit! Sie waren also äußerst üble Nachbarn auch des Frankenreichs. Zuletzt hatten sie, wie wir sahen, Tassilo ihre Hilfe angeboten (S. 102): und wirklich waren sie nach dessen Sturz in Bayern eingedrungen, wohl weniger, um Wort zu halten, als weil sie hofften, in den nun noch ungeordneten neuen Verhältnissen wenig Widerstand zu finden. Aber sie irrten: die Bayern schlugen, das erstemal von fränkischen Grafen geführt und von fränkischen Scharen unterstützt, die Räuber an der Ips, bei einem zweiten Einfall allein an der Donau aus dem Lande hinaus, wie sie auch von der fränkischen Besatzung Istriens aus dieser Mark vertrieben wurden. Verhandlungen zwischen Karl und den Avaren, wohl zumeist über die Grenzen zwischen diesen und den Bayern in Kärnten, sowie den Schutz des Christentums in jenen Marken, scheiterten (790) und im folgenden Jahre (791) unternahm Karl den ersten seiner Avarenkriege. Das Unternehmen ward auf das Umsichtigste vorbereitet und mit Aufbietung aller Mittel des großen Reichs in das Werk gesetzt.

106 Genau dieselbe Angriffsweise, wie nun schon oft und mit dem gleichen Erfolge, verwendet Karl in diesen mehrfachen Feldzügen. Auch dieser Feind konnte von Osten nicht gefaßt werden: aber von Nord, West und Süd, wo er gefaßt werden konnte, ward er auch gefaßt.

Im Südosten der Avaren saßen die Bulgaren, im Nordosten die Madgyaren, beide für Karl unerreichbar; aber auch in rein nordsüdlicher Richtung war den Avaren nicht beizukommen, im Norden waren sie durch unabhängige slavische Völker gedeckt. Die Hauptrichtung für den fränkischen Angriff mußte die von West nach Ost sein: hier bildete Bayern die Grundlage der Bewegungen; waren doch jene mongolischen Unholde Nachbarn der Bayern geworden: bis an die Enns waren sie vorgedrungen, dieser Fluß bildete die Grenze. Dementsprechend verwendete Karl in den Avaren-Kriegen ganz besonders den bayerischen Heerbann, und wie im Kriege hat auch nach dem Frieden der bayerische Stamm sich auch hier wieder die größten Verdienste erworben, indem er nicht nur das Christentum, auch edlere germanische Gesittung in höchst erfolgreicher Besiedelung nach Osten trug. Als natürliche Straße in das Innere des Avaren-Landes bot sich die Donau, welche zuerst (bis Waitzen) westöstlich, dann nordsüdlich, endlich wieder westöstlich ihr weites Gebiet durchzog. Und in ausgedehntestem Maße hat Karl diese Wasserstraße verwertet. Die Hauptschwierigkeit in den Avaren-Kriegen bildete die Entlegenheit des Kriegsschauplatzes von den Hilfsquellen der fränkischen Macht: es war damals – d. h. bei den damaligen Straßen und Verkehrsmitteln – sehr weit von Toulouse bis Paris, von Paris bis Aachen, von Aachen bis Regensburg, von Regensburg bis Belgrad. Karl verwendete nun die Donau dazu, von Regensburg – seinem 107 Ausgangspunkt für die Avaren-Kriege – Mannschaften, ganz besonders aber Lebensmittel, Vorräte, Kriegsgerät jeder Art den vordringenden Heeren nachzuschieben; in dem unwirtlichen Lande war es schwer, Mann und Roß zu verpflegen. Aber er begnügte sich nicht mit ihrem natürlichen Lauf; er hat es ja bekanntlich versucht, die Donau mittels des Mains mit dem Rhein in Verbindung zu setzen, indem er (793) im Suala-Feld, d. h. an der Schwale, einem Nebenfluß der Wernitz, die schwäbische Rezat, einen Nebenfluß der Rednitz, zwischen Pleinfeld und Treuchtlingen (noch heute heißt dort ein Ort »Graben«) durch einen 23 Meilen langen Kanal mit der Altmühl verband, so daß man also vom Rhein in den Main, vom Main durch Rednitz und Rezat in den Kanal, durch diesen in die Altmühl und in die Donau gelangen konnte. (Der heutige Donau-Main-Kanal hat bekanntlich andre Lage und viel geringere Länge.) Es läßt sich beweisen, daß dieser Kanal keineswegs Handelszwecken dienen sollte, wie man behauptet hat. Alle Quellen – und das außerordentliche Werk machte den Zeitgenossen solchen Eindruck, daß auch die dürftigsten Annalen, auch die fernstliegenden Klöster sein erwähnen – bringen den Plan in unmittelbarsten Zusammenhang mit den Vorbereitungen zu einem zweiten Avaren-Krieg, welche Karl im Jahre 793 monatelang zu Regensburg betrieb, nachdem man in dem ersten Feldzug (von 791) die Schwierigkeiten des Nachschubs erfahren und zumal sehr viele Pferde verloren hatte. Man hat auch wohl gemeint, der Kanal habe zwar kriegerischen Zwecken, aber umgekehrt dazu dienen sollen, aus der Donau in den Rhein zu gelangen. Natürlich war dies ja nicht ausgeschlossen. Allein am Rhein – oder vielmehr vom Rhein aus – hatte Karl nur gegen die Sachsen Kriege zu führen, wobei die Angriffslinien und der Nachschub 108 vom Rhein her stets vollauf genügt hatten. Richtig ist: einzelne Quellen sagen, »um von der Donau in den Rhein zu fahren«: jedoch erklärt sich dies einfach und vollständig dadurch, daß sie von dem Ort ausgehen, wo sich der Kaiser befand, als der Plan gefaßt wurde. Dieser Ort aber war – Regensburg!

Von großem Vorteil für die Bekämpfung der Avaren (wie früher für die Bedrohung von Bayern) (s. oben S. 102) war es, daß man, seit Karl die Langobardenkrone trug (774), auch vom Süden her jene Feinde fassen konnte. In ausgiebigstem Maße ward dieser Vorteil ausgenutzt, so zwar, daß neben dem bayerischen der langobardische Heerbann am häufigsten und am erfolgreichsten gegen die Avaren verwendet ward, unter Führung teils von König Pippin, teils von dem tapferen Markgrafen Erich von Friaul. Ganz außerordentliche Mengen von Lebensmitteln und Kriegsbedarf jeder Art hatte Karl vom Rheine her nach Regensburg schaffen lassen; er sah voraus, die Reiterhorden der Avaren würden in den unerreichbaren Osten ausweichen und den Angreifer immer weiter von seinen Hilfsquellen fort in ihre unwegsamen und unwirtlichen Steppen nach sich ziehen, wo Mangel und Ermüdung seiner harrten. Zwar hatte sich nach fränkischem Heerbannrecht der Wehrmann im Felde selbst zu verpflegen: allein dieser Grundsatz, entstanden in den Jahrhunderten der Gaustaaten und der Feldzüge von höchstens ein paar Tagemärschen, war ganz unanwendbar bei Kriegszügen von mondenlanger Dauer und in öde, fast unbewohnte Wüstlande. Abermals ward der Angriff von drei Seiten, von Westen, von Nordwesten und von Südwesten her, beschlossen. Und zwar sollten nicht weniger als vier Heere auf vier verschiedenen Straßen vordringen und drei von diesen sich erst in Feindesland zu entscheidendem Schlage vereinen. Vom Südwesten 109 her hatte König Pippin den langobardischen Heerbann heranzuführen. Karl selbst zog von Regensburg aus mit einem Heer (Franken und wahrscheinlich Alamannen) auf dem Südufer der Donau – also von Südwest – über Passau und Linz auf Wien; ein zweites Heer (Uferfranken, Thüringe, Sachsen und Friesen) schickte er auf dem Nordufer der Donau von Nordwest vor. Diese Abteilung mußte durch Böhmen und das Land der Tschechen (oben S. 91). Ein viertes Heer ward zu Regensburg auf der Donau eingeschifft: es waren die Bayern, welche auf zahlreichen Schiffen und Flößen ihren Landesstrom zu Tal fuhren; auch Lebensmittel und Vorräte für diese drei Heere wurden auf der Donau nachgeführt. Den ersten Erfolg erfocht das Südheer: König Pippin erstürmte am 23. August 793 einen der »Ringe« der Avaren, jener kreisförmigen, oft sehr ausgedehnten Befestigungen von Rasenwällen, deren diese Horden seit zwei Jahrhunderten eine große Zahl aufgeworfen hatten, sich und ihren Raub darin zu bergen. Karls Heer und die Bayern vereinten sich an der Mündung der Enns in die Donau bei Lorch. Die Avaren hatten sowohl auf der Nordstraße von Böhmen her an der Mündung des Kamp unterhalb Krems als auf der Straße Karls auf dem Kumeoberg (Wienerwald) nahe der Stadt Comagenae (Tuln, nordwestlich von Kloster Neuburg) sehr starke Schanzen aufgeworfen. Allein, wie schon wiederholt, wirkte auch hier der gleichzeitige Angriff überwältigend: als die Avaren zugleich auf beiden Ufern und auf dem Rinnsal des Stromes selbst die drei Heere der Germanen auf sie eindringen sahen, gaben sie den Widerstand und ihre Schanzen auf und flohen. So geschah es auch ferner bei dem Vordringen der drei Heere: wo immer auf Bergen, an Flüssen, in Wäldern die Feinde Graben 110 oder Verhacke angelegt hatten, – sobald die Heere sich näherten, flohen die Avaren oder ergaben sich. So drangen die Germanen bis an, ja bis über die Raab vor und kehrten ohne irgendwelchen Verlust an Mannschaft wieder nach Hause zurück: doch 9/ 10 der Pferde fielen infolge einer Seuche; das Nordheer zog wieder durch Böhmen, Karl und die Bayern auf dem Südufer der Donau nach Hause.

Auch in den nächsten Jahren beschäftigte sich Karl mit Vorbereitungen eines Feldzugs gegen die Avaren: 792 baute er zu Regensburg eine kunstvolle Brücke von leicht zu verbindenden und leicht wieder zu lösenden Schiffen, 793 den oben erwähnten Kanal – Regengüsse, welche die bei Tag ausgehobene Erde jede Nacht wieder in die Grabensohle hinabspülten vereitelten das Werk: erst 795 aber ward der Krieg wieder aufgenommen. Innere Zerrüttung des Avarenreichs erleichterte den großen Erfolg, welchen der heldenhafte Markgraf Erich von Friaul, wie Gerold (S. 103) ein Alamanne (aus Straßburg) über diese Horden erfocht: er eroberte ihren »Ring« oder richtiger ihr System von Ringen und schickte dem König als Siegesbeute die gewaltigen, hier in vielen Jahrzehnten gehäuften Raubschätze der früheren Chane, welche Karl, nachdem er Papst Hadrian Geschenke daraus geschickt, unter seine Getreuen verteilte.

Er ehrte durch Geschenke daraus Kirchen, seine Bischöfe, Äbte, Grafen und Getreuen insgesamt: auch den angelsächsischen Königen Offa von Mercia, und Äthilbert von Northumberland, schickte er aus dieser Beute ein Wehrgehäng (unum baltheum), ein hunnisches (hunniscum d. h. avarisches) Schwert und zwei seidene Pallien. Die ganze abendländische Christenheit sollte sich gleichsam mit erfreuen an dem durch Christi Gnade erhaltenen Schatze 111 und dieselbe dafür lobpreisen. Wie ungeheuerlich die von den Avaren seit Ende des 6. Jahrhunderts aus allen Nachbarreichen, zumal aus byzantinischem, gepidischem, langobardisch-italisch-römischem Gebiet zusammengeplünderten Schätze waren – 15 Lastwagen größten Umfangs (plaustra), von je vier Rindern gezogen, füllten (angeblich, sagenhaft) allein das Gold, das Silber und die Seide –, erhellt daraus, daß man überzeugend das gleich folgende Sinken des Wertes von Gold und Silber im Frankenreich auf dieses plötzliche massenhafte Einströmen der Edelmetalle zurückgeführt hat. Einhard sagt, die Franken, bis dahin beinah arm zu nennen, seien damals plötzlich reiche geworden. Hier hat das fränkische Schwert und das Kreuz wirklich Kulturarbeit verrichtet: indem an Stelle der mongolischen Räuber und Wanderhirten der bayerische Stamm nun seine musterhaften Ackerbauer in die Donaulande entsenden konnte. Was die oft, aber stets unklar erwähnten »Ringe« der Avaren anlangt, so ist wohl das folgende das Wahrscheinlichste. Diese Ringe waren die Form, in welcher das Raubreitervolk überhaupt seine Sicherung von Land und Beute bewerkstelligte und insofern auch seine »Ansiedelungen«. Es gab daher nicht bloß einen Ring der Avaren, sondern so viele als es Stützpunkte von avarischen Niederlassungen gab: daher sagen die Langobarden statt »Ring« »Feld« der Avaren. Die früher (791) vor Karls Andringen geräumten munitiones et hringae lagen offenbar viel weiter nordwestlich, als der jetzt von Istrien aus eroberte »Hauptring« der größten Horde oder des Chagans selbst. Mag in den Schilderungen des Mönches von Sankt Gallen manches phantastisch sein – zumal die Maße, die Raumverhältnisse sind unklar, d. h. im Kopfe des Schilderers – es steht doch wohl fest, daß diese »Königsburg«, dies große 112 ständige Heerlager ( campus ) gebildet war aus einem System von neun ineinander geschachtelten Ringen (circuli, »hegni«, d. h. Gehege): der äußerste, also weiteste Ring hatte einen Durchmesser gleich der Entfernung von »Zürich bis Konstanz«, sagt der Alamanne: also etwa 9½ deutsche Meilen. Der zweite Ring stand vom dritten ab »20 (deutsche) Meilen = 40 italische«: diese Verkehrtheit erklärt sich wohl daraus, daß der Mönch die Entfernung zwischen Konstanz und Zürich irrig auf mehr als 20 deutsche Meilen anschlug. Jeder Ring hatte einen Außenwall von Eichen-, Buchen- oder Tannenpfählen, 20 Fuß hoch und 20 Fuß breit: die Zwischenfläche war mit härtesten Steinen oder mit zähester Kreide (creta, Lehm?) ausgefüllt, die Oberfläche der Wälle mit Rasen völlig bedeckt und mit Gebüschen bepflanzt (zur Deckung für die Verteidiger?). Zwischen den Wällen in der Grabensohle lagen nun die Höfe und Dörfer einander auf Rufesweite nahe, so daß Trompetenzeichen alles, was geschah, von einer Siedelung zur andern melden konnten. Nur schmale, enge Pförtlein waren in diesen sturmfreien (inexpugnabiles) Wällen angebracht, durch welche die Räuber zum Raub ausritten.

Angebliche Spuren dieses Ringes sollen auf der Pußta von Carto-Czar bei Tatarrh noch heute sich finden.

Im folgenden Jahre (796) erschien ein avarischer »Tudun« (Unterfürst) zu Aachen und nahm die Taufe: doch mußten andre ihrer Horden 796 von König Pippin, der abermals einen »Ring« eroberte, und 797 von Markgraf Erich bekämpft werden.

Auch für solche Kriege, welche Karl nicht in Person leitete, entwarf er meistens den Plan nach seinem bewährten System; in einzelnen Fällen sagen uns die Quellen dies ausdrücklich (»Karl befahl, so und so zu 113 verfahren«); in andern Fällen, in welchen wir ganz genau Karls Feldherrn-Gedanken wiederfinden, dürfen wir daher wohl das Gleiche vermuten. Aber freilich ist auch anzunehmen, daß dieser große Feldherr nicht minder »Schule gemacht« hat, wie etwa Friedrich der Große und Napoleon.

Es ist also ganz wahrscheinlich, daß seine beiden tüchtigen Söhne Karl und Pippin auch wo sie – zumal im kleinen Maßstab und im Taktischen – ohne ausdrückliche väterliche Weisung zu handeln hatten, das so erfolgreiche väterliche Beispiel zum Muster nahmen; ähnliches wird auch von andern ausgezeichneten Heerführern Karls: wie Wilhelm von Orange, Gerold von Bayern, Erich von Friaul zu vermuten sein: sie haben alle seiner Schule Ehre gemacht.

So erfahren wir, daß bei dem Avarenkrieg Pippins von 796 dieser nach Befehl seines Vaters »im Land der Feinde erst« seine Langobarden mit den Bayern und den Alamannen vereinte. Es waren also auch diesmal jedes Falles zwei (wenn nicht drei) Heere von Süden, von Westen (und von Südwesten) gegen den Feind geschickt worden, die getrennt vorrückten, vereint schlugen.

Sehr schwer traf es den Kaiser, daß er im Jahre 799 in übrigens ganz unerheblichen Gefechten mit Avaren zwei seiner ausgezeichneten Paladine verlor: der kühne Erich von Friaul war nach abermaligem Abfall jenes Volkes (und etwa auf avarisch Anstiften?) durch Arglist der kroatischen Bewohner der byzantinischen Stadt Tersatto bei Fiume erschlagen worden, und Graf Gerold, der praefectus von Bayern, der Bannerwart, signifer und Rat (consiliarius) Karls, da er gerade seine Schar zum Kampfe wider die Avaren ordnete: er ward bestattet in dem reich von ihm beschenkten Kloster Reichenau im 114 Bodensee. Bald darauf wurden diese avarischen Wirren endgültig beigelegt: während bis dahin nur Unterfürsten (Tudune) sich den Franken gefügt hatten, erklärte nun (805) der Oberkönig (Chagan) aller Avaren seine Unterwerfung und ließ sich (in der Fischa, 21. September) taufen, wogegen Karl ihn als alleinigen Beherrscher der Avaren anerkannte; fortab ward kein Feldzug gegen die Avaren mehr erforderlich: die im Jahre 811 bei ihnen einrückenden Scharen kommen nur, ihre Grenzstreite mit den Karantanen zu untersuchen und auf Gebot der Feldherrn erschienen Gesandte beider Völker zu Aachen vor Karl, der als Oberherr richtend entscheidet. Übrigens haben die Avaren ihre politische Unterwerfung auch in ihrer Volkseigenart nicht lang überdauert: sie verschmolzen alsbald mit den Bulgaren und andern Nachbarn und sind so spurlos untergegangen, daß ein slavisch Sprichwort sagt: »Er ist verschwunden wie der Avar: nicht Sohn nicht Neffe nicht Erbe ist von ihm übrig geblieben.«

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