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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 6
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.

Karl und die Sachsen.

62 Muß man die Abwehr der Araber von Südfrankreich und den Schutz der Christen im Morgenland als hohe Verdienste des großen Herrschers mit ungetrübter Bewunderung anerkennen, so kann man ihn nicht mit ungemischter Empfindung bei der blutigen Arbeit sehen an einem andern großen Werk, welches ihm in seinem tatenreichen Leben die meiste Mühe gekostet hat: wir meinen die Unterwerfung und Zwangsbekehrung der Sachsen.

Irgend ein juristisches, sittliches, auch nur politisches Recht hierzu hatte Karl durchaus nicht: die Sicherung der fränkisch-thüringisch-hessischen Gebiete gegen sächsische Raubfahrten setzte die Einverleibung des ganzen Sachsenstammes keineswegs voraus, hätte z. B. durch eine Reihe von »Marken« (oben S. 51) ebensogut erreicht werden können: von einer weiter reichenden Bedrohung des fränkischen Weltreichs durch diese Nachbarn konnte ohnehin keine Rede sein.

Die Sachsen, gegliedert in die vier Gruppen der Westfalen (d. h. Westmänner, falah = Mann) zunächst dem Rhein, der Engern (die alten Angrivaren, so benannt von den »Angern«, d. i. Wiesen der Weser) in der Mitte die Ostfalen (Ostmänner) im Osten von beiden und der Nordalbinger, d. h. der Sachsen nördlich der Elbe, lebten noch ganz in den gleichen Verfassungszuständen, wie acht Jahrhunderte früher ihre Vorfahren: die Cherusker Armins. Der Stamm (benannt nach dem kurzen Schwert oder langen Messer, ursprünglich von Stein: sahs  = 63 lateinisch saxum, Fels, Stein) hatte keine gemeinschaftliche Obrigkeit: ja auch jene vier Gruppen bildeten durchaus nicht einen Staat: sondern jede dieser Gruppen zerfiel in eine Zahl von Gauen und jeder dieser Gaue war ein selbständiger Staat für sich, der sich seine Gaurichter, Gauvorsteher, d. h. Häuptlinge – »Könige«, aus bestimmtem Geschlecht, mit erblichem Anspruch auf die »Krone« (d. h. den Königstab) hatten die Sachsen nicht – wählte, im Frieden das Gericht zu leiten, im Kriege den Befehl über das Aufgebot des Gaues zu führen; verbanden sich mehrere Gaue, sei es derselben Mittelgruppe, sei es verschiedener Mittelgruppen zu gemeinsamer Kriegführung, so mußte in jedem Einzelfall ein Oberfeldherr – oder etwa auch zwei – gekoren werden, dessen Macht mit dem Feldzug wieder erlosch, – ganz wie zur Zeit Armins. Daß alle vier Mittelgruppen vereint gegen Karl gekämpft hätten, kam gar nie vor: nur einmal ist vom »allgemeinen« Abfall der Sachsen die Rede, aber das bedeutet nur die Gleichzeitigkeit der Erhebung in den vier Mittelgruppen, nicht die Vereinung ihrer vier Heere. Ja sogar die Verbindung aller Gaue einer Mittelgruppe begegnet nur höchst ausnahmsweise: meist sind es nur ein paar benachbarte Gaue, welche ihre Streitkräfte verbinden je für einen Feldzug. Daß unter solchen Umständen diese lockeren Verbände dem Frankenreich zuletzt unterliegen mußten, leuchtet ein: war es doch an Menschenzahl, an Waffen, an Reichtum, an Bildung ganz unvergleichlich überlegen, abgesehen davon, daß diese gewaltige Macht in der Faust eines großen Feldherrn, eines großen Staatsmannes, eines großen unermüdlich beharrlichen Willens zusammengefaßt war. Richtig ist allerdings: die Zersplitterung der Sachsen, welche deren Erliegen notwendig machte, hat andrerseits die Kämpfe länger hinausgezogen, als wenn sich ihre ganze Macht auf einmal in ein paar 64 Schlachten Karl entgegengestellt hätte, der sie dann unzweifelhaft auf einmal würde zerschmettert haben.

Es ist ein vergeblich Bemühen, das sächsische Lamm zu beschuldigen, dem fränkischen Wolf das Wasser getrübt zu haben. Vielmehr folgte Karl auch hier seiner allerdings großartigen und idealen, aber auch fanatischen und machtgierigen Natur: er hat auch hier, ein genialer Vollender, was seine Vorfahren in kleinem Maß begonnen, im großartigsten Stil vollendet und so doch, obwohl er nur altüberkommene Aufgaben löste, etwas Neues gestaltet: wir kommen am Schluß hierauf zurück.

Schon seit dem 6. Jahrhundert hatte es an Reibungen zwischen Franken und Sachsen nicht gefehlt: nachdem zuerst Franken und Sachsen nebeneinander die Thüringe bekämpft hatten, wurden einzelne den Franken nächstgelegene sächsische Gaue wenigstens zur Schatzung genötigt. Gefechte an den Grenzen waren nicht selten: die Sachsen, arm, rauh, kriegerisch, machten wohl gelegentlich Raubfahrten in die reicheren thüringischen, hessischen, fränkischen Gebiete. Dazu kam, daß die Grenze nicht feststand, nicht durch Gebirgskämme oder breite Wasserläufe außer Zweifel gestellt war: auch bei gutem Willen auf beiden Seiten hätte es oft Irrungen geben müssen, da die Grenze in der Ebene schwer erkennbar hinlief. Vergiftet aber wurden diese unerheblichen Grenzstreitigkeiten erst seit das Frankenreich die Bekehrung der heidnischen Sachsen zum Christentum mit seinen Zwangsmitteln betrieb, in der richtigen Erkenntnis, daß die alte Freiheit und die alten Götter zusammenstehen und fallen mußten, daß die Unterwerfung unter den Frankenkönig und die unter die Kirche nur zugleich erfolgen konnten. Päpste, Bischöfe, Bekehrer und Könige haben das ausgesprochen. Sankt Bonifatius selbst hat es gesagt: »Ohne die Hilfe der Frankenfürsten 65 kann ich die Heiden in Germanien nicht bekehren.« Das Christentum ward von diesen Heiden angenommen, weil es Staatsreligion des fränkischen Reichs, ein Stück der überlegenen fränkischen Bildung war, wie schon im 4. und 5. Jahrhundert Goten und andre Germanen in die Kirche eingetreten waren, weil diese die Staatskirche des römischen Reichs war. so auch die Franken: sie hatten (496) den Katholizismus als ein Stück des gallischen Bildungslebens angenommen. Die höchst verwickelten Streitlehren der Theologen über die hl. Dreieinigkeit, die gottgleiche oder gottähnliche Natur Christi, den Ausgang des hl. Geistes von Gott Vater allein oder von dem Vater und dem Sohne zugleich, zu verstehen, dazu waren diese Germanen – d. h. die großen Massen – gar nicht fähig. Die Heiden ließen übrigens im Anfang die Bekehrer ruhig gewähren: der Glaube an viele Götter kann duldsam sein, kann neben den hergebrachten Volksgöttern auch einen neuen Gott annehmen: er galt eben als der Gott der Franken und keinem Heiden ward verwehrt, auch an ihn zu glauben.

Erst als die Bekehrer, gastlich aufgenommen, anfingen, die den Heiden teuersten Heiligtümer zu zerschlagen, zu schänden, die heiligen Opferfeste der Heiden zu stören, als sie das Landrecht brachen, rief man das Landrecht wider sie an. Die Geistlichen jener Tage erwogen nicht, daß nicht bloß Christen Heiligtümer haben, daß es auch andern Leuten als Christen bitter wehe tut, wenn man ihr Heiligstes schmäht und schändet, wenn man den ehrwürdigen Glauben der Väter, wenn man die hilfreichen Götter beschimpft. Die Schüler und Begleiter der Bekehrer erzählen voller Freude, wie Sankt Columba ein Opferfest des Wotan stört, ein dem Gott geweihtes Gefäß zertrümmert, wie Sankt Bonifatius die Donarseiche bei Geismar 66 fällt, wie in ungezählten andern Fällen die Priester die Götterbilder zerschlagen, die Altäre umstürzen, die heiligen Haine anzünden, die heiligen Quellen besudeln, die Götter Teufel, Lügengötter, Götzen und Dämonen schelten – und wundern sich dann, daß die Heiden sich das nicht immer ruhig gefallen lassen. Dazu kam, daß nach dem Glauben der Germanen die Götter jeden Frevel, der unbestraft bleibt, rächten an dem Lande, das ihn duldete: wie sollten die Sachsen, welche, wie alle Germanen, sich von ihren Göttern entsprossen glaubten, jene Schändungen, Besudelungen, Zerstörungen der Weihtümer der Götter nicht abwehren oder, wenn verübt, zumal durch Wiedervergeltung an den christlichen Heiligtümern rächen? Sehr begreiflich ist daher, daß die Sachsen bei ihren Aufständen vor allem die Priester erschlagen oder vertreiben, die auf Sachsenerde gebauten Kirchen zerstören, bei ihren Rachezügen ins Frankenland hinein besonders Klöster und Kirchen heimsuchen. Ferner ist wohl erklärlich, daß die den Göttern treu verbliebenen Sachsen noch bitterer als die fränkischen Feinde die abtrünnigen Genossen des eignen Stammes verfolgten, welche als Späher, Angeber, Wegweiser, Beamte dem fremden Zwingherrn dienten: wiederholt erfahren wir, daß solche Sachsen in ihrer Heimat trotz des fränkischen Waffenschutzes sich nicht halten können, ja daß sie auch in Hessen nicht sicher sind, wenn ausgewurzelte Sachsen in ihrer Nähe angesiedelt wurden.

So ward dieser Kampf zugleich ein Glaubens- und ein Freiheitskrieg, ein Kampf für die alten Götter und für die Eigenart des Stammes: in 32 Jahren hat Karl 20 Feldzüge in das unglückliche Land geführt! Das ist um so mehr zu beklagen, als, wie bemerkt, der Übertritt der Sachsen zum Christentum im Laufe der Zeiten ganz von selbst, unvermeidlich eingetreten wäre, nachdem all ihre Nachbarn 67 Christen geworden. Karl hätte sich also die Schlächterei, den Unterworfenen die aufgenötigte Heuchelei sparen können. Ihn entschuldigt nur der fromme Wahn, von Gott zur Ausrottung des Heidentums, zur »Beschützung der Kirche allüberall« berufen zu sein, eine ideale Begeisterung, welche seine sehr weltlichen Triebfedern: Eroberungsfreude und Machtgier, ihm gar angenehm verdeckte und weihte: er glaubte, Gott zu dienen, während er den Dämonen seiner Leidenschaften diente. Am wenigsten darf man Karl damit rechtfertigen, daß er durch die Unterwerfung der Sachsen, ein Vorgänger der Ottonen und Heinriche, der Hohenstaufen und etwa gar der Hohenzollern, das »Deutsche Reich« habe aufbauen helfen. Karl kannte nur fränkische und christlich-theokratische Staatszwecke. Hätte er ahnen können, daß sich ein Menschenalter nach seinem Tode das Ostland Austrasien von dem fränkischen Gesamtreich für immer losreißen sollte, – er hätte dies Trachten auf das äußerste bekämpft. Freilich: die Nemesis der Weltgeschichte hat ihn für seine Greuel in Sachsen gestraft an seinem Lebenswerk: sehr gegen seinen Willen wahrlich hat er durch die Unterwerfung der Sachsen die Lösung eines »Deutschen Reiches« von dem Gesamtfränkischen befördert: nur durch Hinzutritt der Sachsen, welche die »Deutschen« auf dem rechten Rheinufer wohl um ein volles Drittel vermehrten, ist Austrasien so stark geworden, daß es sich von Neustrien, von Burgund und Aquitanien und Langobardien losbrechen konnte. Wie weit Karl davon entfernt war, »deutsche« oder auch nur »germanische« Ziele zu verfolgen, erhellt daraus, daß er uralten Germanenboden: das ganze Land nördlich der Elbe den Nordsachsen entriß, diese dort auswurzelte und es den slavischen Abodriten preisgab: – das war der Teil der Beute, welchen der fränkische Jäger der slavischen Meute 68 hinwarf, mit der er den sächsischen Edelhirsch zu Tode gehetzt.

Diese leitenden Gedanken über Bedeutung und Verlauf der Sachsenkriege sind wichtiger als die Schilderung der 20 Feldzüge in ihren Einzelheiten: der Verlauf derselben ist meist so ziemlich der gleiche, und die Wiederholung der Greuel ist ermüdend oder abstoßend. Wir fassen uns daher hier kurzDie Stimmung unter den Sachsen sucht zu schildern ein: »Lied der Sachsen«:

Herr Kaiser Karl, du meinst es gut
Mit uns verstockten Heiden:
In deines großen Reiches Hut
Willst sorglich du uns weiden,
Willst uns aus Wald und Heide fort
An deinen Hof verpflanzen: –
Herr Kaiser Karl, glaub' unserm Wort:
Wir taugen nicht zu Schranzen!
Nie wirst du uns vertreiben
Die stolze Lust an Wald und Au;
Wir wollen wild und frei und rauh,
Wir wollen Sachsen bleiben!

Herr Kaiser, du bist fromm und weis'!
In deiner Pfalz zu Aachen,
Da summen tausend Pfaffen leis'
In fremden, süßen Sprachen.
Du willst uns zu dem weißen Christ
In seinen Himmel bringen,
Wo's wieder wie zu Aachen ist:
Gold, Weihrauchduft und Singen!
Herr Karl, das macht uns Grausen:
Wir wollen lieber allesamt
Nach Walhall, wo die Schildburg flammt,
Zu Wotan geh'n und schmausen.

Herr Kaiser, wir woll'n steuern nicht
Zu Zehnten, Dom und Brücken,
Woll'n nicht das Haupt im Sendgericht
Vor deinen Grafen bücken!
Auf, schlaget alle Pfaffen tot!
Die Burgen brennet nieder,
Dem Donar und dem Sassenot
Türmt Stein und Altar wieder!
Herr Karl kann uns verderben, –
Nicht zwingen, daß wir Knechte sind:
Auf, führ' uns, Herzog Widukind,
Wir wollen lieber sterben!

.

Zuerst war nur ein Sachsenkrieg der bisher üblichen 69 Weise beschlossen: freilich trat Karl gleich bei diesem ersten Feldzug mit der ihm eignenden ehernen Wucht auf: ein gewaltiges Heer ward aufgeboten und daß der Kampf zumal dem Heidentum der Sachsen galt, ward sofort auf das schärfste ausgedrückt. Im Sommer 773 zog Karl von der Reichsversammlung zu Worms aus über den Rhein gegen die Engern und eroberte zunächst die Eresburg (Stadtberge an der Diemel). Die wiederholt erwähnten Burgen der Sachsen dürfen wir uns nicht als Festungen im Sinne der Gegenwart oder auch etwa der Römer vorstellen: Steinbau war dabei nicht viel verwendet, nur etwa rohe Felssteine wurden ineinander gefügt, ohne Mörtel und ohne künstlich gebrannte Ziegel; das meiste daran waren Rasen- und Erdwälle, durch Verhacke und Verhaue gefestigt und durch starkes Pfahlwerk gekrönt. Von dort zog er nach Norden und erreichte nach etwa sechs Stunden des Marsches eines der höchsten Heiligtümer der Sachsen: die Irmensäule. Diese war ein riesiger Baumstamm, wahrscheinlich eine Esche, ein Bild 70 des großen Weltenbaumes, der Welt-Esche YggdrasilDahn, Walhall. Germanische Götter- und Heldensagen. Sämtl. poetische Werke. Erste Serie Bd. VIII. S. 24., in deren Gestalt sich die heidnischen Germanen das Weltall dachten. Daher war die Esche überhaupt Wotan geweiht: vielleicht hängt auch die »Eresburg« mit einem Gott, dem Schwertgott Eru, zusammen. Ausdrücklich sagt eine Quelle: »Irminsul, das heißt allgemeine Säule, die alles trägt (universalis columna quasi sustinens omnia)«. Irmin ist dasselbe Wort, das in Hermun-duri steckt, die Gesamtduren, die Allduren, ähnlich wie Ala-mannen. Nicht nur der einzelne Baumstamm war ein Weihtum, heilig der ganze Hain, in welchem er stand, heilig wahrscheinlich auch ein Quell, der in der Nähe des Baumes sprudelte. Auch befanden sich in der Umgebung der Esche Gebäude, wahrscheinlich Schatzhäuser, in welchen der Tempelschatz, wohl zumeist durch Gelübdegaben und Opfergeschenke zusammengebracht, aufbewahrt wurde: Kessel, Becher, Hörner, allerlei Opfergerät, vielleicht auch heilige Wagen, auf welchen Götterbilder zu Festzeiten durch die Gaue gefahren wurden, Ställe für die heiligen Rosse usw. Denn nachdem der Baum niedergestürzt und zerstört war, beschäftigte das Heer noch zwei, ja drei Tage das Verbrennen des Heiligtums, die Aufspürung, Erbeutung und Verteilung des hier gefundenen Goldes und Silbers, wobei an gemünztes Geld gewiß viel weniger als an Geräte zu denken ist. Der Ort läßt sich bestimmen durch ein Quellenmirakel, welches die frommen Plünderer belohnte. Das Heer litt bei der großen Sommerhitze und Dürre nach zwei Tagen sehr an Durst, an Wassermangel: da sprudelte plötzlich gerade zu Mittag, da das ganze Heer der Ruhe pflag, in dem Rinnsal eines bisher 71 ausgetrockneten Quelles so reichlich Wasser in die Höhe, daß das Heer übergenug davon schöpfen mochte. Offenbar ist das der Bullerborn bei Altenbeken nahe Lippspringe gewesen, welcher noch im 17. Jahrhundert jeden Tag gegen Mittag versiegte und dann plötzlich sprudelnd (»bullernd«) wieder emporsprang.

Von da drang Karl noch bis an und über die Weser, kehrte dann aber ohne weiteres Gefecht um, begnügt mit vertragsmäßiger Geiselstellung der Engern. Erst als die Sachsen Karls Abwesenheit in Italien 773/4 dazu benützten, Rache zu nehmen für die Schändung und Zerstörung ihres höchsten Weihtums – sie eroberten und brachen die von Karl besetzte Eresburg, verbrannten Fritzlar und die Kirche zu Deventer und sprachen es offen aus: nicht Raub und Plünderung, – Rache für ihre Götter sei ihr Zweck! – beschloß Karl die Unterwerfung der Sachsen, welche nun mit den grausamsten und grauenvollsten Mitteln durchgezwungen ward, aber freilich auch mit jener großartigen Ausdauer und Willenszähigkeit, welche Karl und seinen Ahnen eignet: in den Jahren 772, 773/4, 775, 776, 778, 779, 782, 783, 784, 785, 792, 793, 794, 795, 796, 797, 798, 799, 802, 804! Im Jahre 774 ließ er nach seiner Rückkehr aus Italien die Sachsen auf ihrem Rückzug von vier verschiedenen Scharen verfolgen.

Im Anfang war gegen diese Feinde, der geographischen Lage nach, Karls oben (S. 35) erörterte Lieblingskunst als Feldherr nur in sehr beschränktem Maße zur Anwendung zu bringen: von Norden und von Osten her waren sie lange Zeit nicht angreifbar, da die Sachsen nördlich der Elbe durch die den Franken feindlichen und gut heidnischen Dänen gedeckt waren, – wiederholt fand der Sachsenführer Widukind Zuflucht bei dem dänischen König 72 Sigfrid – während die slavischen Horden im Osten der Sachsen im Anfang dieser Kämpfe noch von Karl nicht gewonnen waren. So boten sich für die ersten Kriege nur die Angriffslinien von Westen, vom Rhein und etwa vom Süden, vom Main und von Thüringen her, dar. Da jedoch Thüringen den Sachsen und feindlichen Slaven allzunah und offen lag, Karl seine mächtigsten Hilfsmittel aber am Rhein und von da aus die nächste Straße gegen Westfalen und Engern vor sich liegen hatte, geschahen die Angriffe anfangs fast ausschließlich vom Rhein aus, von West nach Ost, Südwest nach Nordost. Es waren einfache Stöße auf die Stirnseite des Feindes. Aber sobald es irgend möglich geworden, hat Karl seine »art-zeichnende« (wie wir wohl »charakteristisch« auf deutsch wiedergeben mögen) Kriegsweise auch hier angewandt, und zwar zuerst taktisch, dann strategisch, zuletzt im großartigsten Maße politisch: durch künstliche Besiedelungen, durch eine Umfassung der Sachsen im Norden und im Osten nicht bloß vorübergehend, sondern dauernd, im Krieg nicht nur: auch im Frieden.

Karl zog (775) zuerst mit dem ganzen Heer von Düren nordöstlich gegen die Westfalen auf Sigiburg (Hohensyburg am Einfluß der Lenne in die Ruhr), dann südöstlich auf Eresburg, ferner gegen die Engern; bei Brunsberg (nahe Höxter) erzwang er den Übergang auf das rechte Weser-Ufer durch Gefecht. Hier teilte er sein Heer; das eine führte er selbst über die Weser, dann über die Leine, den Grenzfluß zwischen Engern und Ostfalen, und drang durch der letzteren Gebiet nordöstlich bis an die Ocker. Einstweilen war das andre Heer, bestimmt, Karl den Rücken zu decken gegen die Westfalen, von Brunsberg die Weser auf dem linken Ufer abwärts nach Nordnordwest gezogen bis Lubbecke, westlich von Minden. 73 Hier sollte es auf Karl warten, der durch den Bückegau zurückkehrte und gerade noch zu rechter Zeit eintraf, die Westfalen, welche nicht ganz ohne Erfolg jene Westabteilung in ihrem Lager überfallen hatten, zu vertreiben. Schon bei diesem Feldzug gelang es Karl, zwei Edelinge und wahrscheinlich Gaugrafen der Ostfalen und der Engern, Hessi, und im Bückegau (um Bückeburg) Bruno auf seine Seite herüberzuziehen. Es war von höchster Wichtigkeit, diesen alten sächsischen Volksadel zu gewinnen, aus welchem zwar nicht mit Rechtsnotwendigkeit, wohl aber tatsächlich so gut wie ausschließend die Gaurichter im Frieden und die Herzöge im Kriege gekoren wurden. Diese »Edelinge«, d. h. Geschlechtlinge (Adal heißt Geschlecht) hatten zwar nicht der Verfassung nach und nicht durch Vorrechte im Staat, wohl aber tatsächlich den entscheidenden Einfluß bei den Sachsen. Die Adelsgeschlechter galten als die ältesten, von den Göttern entstammten Geschlechter, sie waren mit der Vorzeit, mit der Ruhmesgeschichte ihrer Gaue auf das innigste verbunden. Schon deshalb wog ihr Wort in der Volksversammlung bei der Entscheidung über Krieg und Frieden viel schwerer als das des Gemeinfreien. Dazu kam aber, daß sie durch ihren Reichtum, d. h. vor allem durch weitgestreckten Grundbesitz, welchen sie – abgesehen von den Unfreien, welche kein Stimmrecht hatten – an zahlreiche kleine Freie als ihre Schützlinge und Grundholden, wie auch an Freigelassene verliehen, über eine große Zahl von Stimmen außer ihrer eignen und denen ihrer Gesippen und Verschwägerten verfügten. Wo und solange diese Edelinge Karl und dem Christentum widerstrebten, da war nichts zu erreichen: auf sie allein kam es an, sie waren die Führer des Widerstandes oder der Ergebung der kleinen Gemeinfreien. Karl hat es an keinem Mittel fehlen lassen, sie zu gewinnen, ja zu bestechen: 74 so häufig verlieh er an solche Edelinge Königsland in Francien, daß ein besonderes Gesetz über diese »Sachsenlehen« erging. Eine gleichzeitige Schilderung sagt, die Sachsen, bisher arm, lernten durch die reichen Geschenke des Königs nunmehr die Gaben des Weingottes, die kostbaren Geräte, den Lebensschmuck, die Freuden des reichen Galliens kennen. Daher auch erließ Karl Gesetze, welche diesen sächsischen Adel, natürlich nur diejenigen Edelinge, welche sich der Taufe und Karls Herrschaft gefügt hatten, in jeder Weise begünstigten: z. B. die Tötung eines solchen mit einer viel höheren Ersatzbuße (Wergeld, d. h. Manngeld, von vair = lateinisch vir) bedrohten. Durch solche Mittel gelang nun vielfach die Gewinnung der Edelinge: selbstverständlich mochten auch manche den Widerstand gegen die furchtbare fränkische Übermacht als aussichtslos erkennen, ja gerade in den Siegen der Franken den Beweis finden, daß ihr Gott und ihre Heiligen stärker seien als Wotan, Donar, Sassenot und die übrigen Asen. Auf jenen Bruno führt Sage oder Legende die späteren Herzöge von Sachsen zurück, aus welchen die deutschen Könige dieses Stammes, Heinrich I. bis Otto III., hervorgingen.

Während Karls Abwesenheit in Italien 776 brachen die Sachsen abermals die Eresburg, wurden aber von der Sigiburg zuückgeschlagen; heimgekehrt drang Karl so überraschend bis an die Lippe, daß die Erschrockenen sich sofort unterwarfen, viele die Taufe nahmen. Die Eresburg ward wieder hergestellt, eine neue Zwingfeste, Karlsstadt, an der Lippe gebaut, das Heidenland in Bekehrungssprengel geteilt und tüchtige Priester, wie Abt Sturm, ein Bayer, zur Bekehrungsarbeit berufen. Im folgenden Jahre 777 wagte es Karl bereits, den fränkischen Reichstag mitten im Sachsenland, zu Paderborn, abzuhalten: das sollte zeigen, 75 wie sicher er schon der Unterwerfung, wie so ganz bereits Sachsen ein Stück des Frankenlandes geworden sei. Allein unter den zahlreichen Großen, welche hier erschienen, Unterwerfung und Taufe nahmen, fehlte Widukind, ein westfälischer Edeling, der zwar hier zuerst genannt, aber mit Grund als Führer schon früherer Sachsenzüge vermutet wird; er floh zu dem heidnischen Dänenkönig Sigfrid, dessen Tochter oder Schwester Gefa ihm aber nur die Sage vermählt hat. Als im folgenden Jahre (778) Karl im fernen Spanien weilte (oben S. 45), tauchte Widukind sofort in der Heimat wieder auf: sofort auch erhoben sich wieder sächsische Gaue: ihre Scharen, von ihm geleitet, drangen bis an den Rhein (bis Deutz) unter Verheerungen, welche sie, wie sie ausdrücklich erklärten, nicht um des Raubes, um der Rache willen, der Rache für Götter und Menschen im Sachsenlande, verübten; auf die Nachricht von Karls Rückkunft kehrten sie heim, nicht ohne auf dem Rückweg bei dem Überschreiten der Eder (Adrana) von ihnen nachgesandten Ostfranken und Alamannen hart mitgenommen zu werden; im folgenden Jahre (779) schlug Karl selbst die Westfalen bei Bocholt, im Jahre 780 hielt er die Reichsversammlung wieder kühnlich mitten unter den Sachsen an den Quellen der Lippe und teilte zuversichtsvoll ihr Land in bestimmte Sprengel für die Bekehrungsarbeit. Und da sie – wider frühere Gepflogenheit, s. oben S. 74 – auch Karls längere Abwesenheit in Italien (780–781) nicht zu neuer Erhebung benützten, wähnte der König sich des Erfolges so sicher, daß er bereits die fränkische Grafschaftsverfassung in Sachsen einführte, welche, für das Frankenreich Art-bezeichnend, das wichtigste Regierungsmittel des Königs und selbstverständlich nur in einer voll eingegliederten fränkischen Provinz möglich war; zu Grafen ernannte er zwar auch Franken, 76 besonders aber solche sächsische Edelinge, welche sich ihm angeschlossen und oft vorher schon den Richterstab in ihrem Gaue geführt hatten. Ja, als im Jahre 782 slavische Sorben plündernd, wie in Thüringen, so auch in Ostsachsen einbrachen, glaubte er es bereits wagen zu können, Sachsen zum Heerbann aufzubieten: er unterschätzte aber doch, wie Napoleon I., die zähe Widerstandskraft der Volksseele im Kampfe für des Stammes Eigenart und Freiheit und zugleich für den Glauben der Väter: durch überlegene Feldherrnkunst und Kriegsmacht mag ihr Ringen wohl für den Augenblick gebändigt werden, aber immer wieder lodert die heilige Flamme empor, bis der letzte Funke ausgetreten ist. Übrigens war es ja klug ausgesonnen, Sachsen zum Schutz des eignen Landes gegen stammfremde Räuber auszusenden, an der Seite und unter Führung von Franken und zu unzweifelhaftem Erfolg: es mußte das die sächsischen Krieger ehren und der Sieg an der Seite der Franken sie ihre bisherigen Bekämpfer nunmehr als treue, hilfreiche Waffenbrüder betrachten lassen. Karl wußte nicht, als er jene Anordnung traf, daß gleichzeitig Widukind, aus dem Dänenland zurückgekehrt, eine neue Erhebung entflammt hatte. Jenes fränkische Heer, Ostfranken und wahrscheinlich Thüringe, welche ein sächsisches Aufgebot – zu dem es nun selbstverständlich gar nicht kam – gegen die Sorben hatte führen sollen, wandte sich, ohne vorher bei dem König anzufragen, sofort gegen jenen neuen und nächsten Feind, die Sachsen Widukinds; vergeblich mahnte der tüchtige Graf Theuderich, der, ein Verwandter oder vielleicht Verschwägerter Karls, auf die Nachricht von dieser Erhebung mit einer rasch aufgerafften Schar von Uferfranken herbeigeeilt war, die Führer zur Vorsicht; sie unterschätzten übermütig die Sachsen, wollten den Ruhm des Sieges nicht mit 77 Theuderich teilen, griffen allein an und wurden von den Sachsen am Süntelberg fast alle erschlagen. Da fielen die beiden Feldherren, Adalgis und Geilo, außerdem noch vier Grafen und zwanzig andre Vornehme. Furchtbar ergrimmte Herr Karl: die »Treulosigkeit« des immer wieder eidbrüchigen Volkes, der Verlust vieler hervorragender Helden seines Heeres, die Schmach einer Niederlage der fränkischen Waffen durch die viel verachteten Heiden – seit Ronceval der erste Unfall und der letzte, den die Franken unter Karl erlitten – all das zusammen reizte auf das äußerste seine Rache: sie war rasch und schrecklich. Urplötzlich stand der zornige König mit einem Heer mitten im Sachsenland an der Aller: die Erschrockenen schoben alle Schuld auf den »Verführer« Widukind, der sich gerettet hatte. Aber der König bestand auf der Auslieferung auch der Verführten: da brachten ihm die sächsischen Grafen viertausendfünfhundert Männer, welche am Süntel gekämpft: Karl ließ sie alle an einem Tag enthaupten! Das geschah 782 bei Verden an der Aller. Es ist richtig, daß in den den Besiegten aufgezwungenen Gesetzen für erneuten Abfall die Todesstrafe angedroht war: Karl war also formell im Recht: allein die Tat wilden Jähzorns ist und bleibt scheußlich und wirft einen häßlichen Blutflecken auf den Königsmantel Herrn Karls: übrigens den einzigen: er war nicht grausam, nicht blutdürstig: er hat Desiderius, Tassilo, seinen ihm nach dem Leben trachtenden Sohn Pippin den Älteren, gar viele Empörer und Verräter begnadigt. Am wenigsten aber hätte man sich zur Entschuldigung darauf berufen sollen, daß die Sachsen christliche Kirchen zerstört hatten: – das ist von den Siegern am Süntel gar nicht bezeugt – und auch nach altem Sachsenrecht die Zerstörung heidnischer Heiligtümer mit dem Tod bedroht ward: woran sollten 78 denn die Heiden den Unterschied der »Religion der Liebe« erkennen?

Die gräßliche Tat war wohl im Wildzorn geschehen: das ist auch ihre einzige Entschuldigung. Sofern etwa daneben die Absicht der Einschüchterung geleitet hatte, erreichte sie das Gegenteil: stärker als der Schreck vor dem Metzger war die Wut über die Metzgerei. Das erste und einzige Mal erhoben sich alle Gaue der Sachsen gegen den Würger! Und während sie sonst sich in offener Feldschlacht Karl selbst nicht stellten, lieferten sie ihm jetzt (783) zwei heiße Schlachten hintereinander, nicht hinter ihren Waldverhacken, sondern im offenen Felde: der erste Sieg Karls bei Detmold war so blutig erkauft, daß er nach Paderborn zurückging, Verstärkungen heranzuziehen während die Geschlagenen ihm alsbald unentmutigt noch einmal entgegentraten an der Hase: auch hier erlagen sie, unter furchtbaren Verlusten, der überlegenen Kriegskunst und Waffengewalt Karls. Aber obwohl das ganze Land bis zur Elbe wieder grauenhaft durch Mord, Brand, Plünderung, Fortschleppung auch der Unwehrhaften, der Weiber, Kinder, Greise und der Herden verwüstet ward, standen – es ist fast unbegreiflich, wie den unablässig Gepeinigten nicht Mut und Mannschaft versagten – im folgenden Jahr (784) die Sachsen wieder im Felde!

Karl zog mit seinem Sohne gleichen Namens, dem er von da ab, ganz ähnlich wie Pippin Italien und Ludwig Aquitanien, die Lande östlich des Rheins, das spätere Deutschland, zur Verteidigung und Erweiterung überwies, über den Rhein und an die Weser unterhalb Minden: hier teilte er wieder – wie so oft – sein Heer: er selbst zog durch Nordthüringen gen Osten wider die Ostfalen bis an die Elbe nahe der Saale-Mündung; den Rückweg nahm er nördlicher. Einstweilen hatte 79 sein Sohn in einem Reitergefecht im Draingau nördlich der Lippe die Westfalen zerstreut, die sich hier gesammelt hatten, dem Vater in den Rücken zu fallen. Vater und Sohn überwinterten in Sachsen und durchzogen (785) das ganze Land fast ohne Widerstand zu finden. Das Wichtigste war, daß Widukind und ein andrer sächsischer Edeling ähnlicher Stellung, Abbio, jetzt sich unterwarfen: Karl hatte erfahren, daß sie zu den Nordalbingern geflüchtet seien: er knüpfte durch bereits getaufte Sachsen Unterhandlungen mit ihnen an: so großen Wert legte er darauf, diese bisherigen Führer des Widerstandes zu gewinnen, daß er auf ihr Verlangen sogar Geiseln stellte für sicheres Geleit, was übrigens damals nicht selten war und nicht für schimpflich galt; so gesichert erschienen beide zu Attigny an der Aisne in der Champagne und nahmen mit ihren Begleitern die Taufe. Karl selbst ward Widukinds Pate, der seine Güter zurückerhielt. Sein Name verschwindet fortab aus der Geschichte. Er war kein Hannibal, kein Vercingetorix, kein Armin, kein Andreas Hofer. Ob er sich aus Überzeugung dem Kreuz gebeugt, oder aus Furcht vor dem Frankenschwert, ob die Furcht den Glauben an die stärkere Macht des Christengottes erzeugt, ob er in weiser Voraussicht die Hoffnungslosigkeit des Widerstandes erkannt, – der aber noch zwanzig Jahre den Abfall des bisherigen Führers überlebt hat! – die Wissenschaft weiß es nicht: und der Phantasie wird es hier außergewöhnlich schwer, das Richtige zu ahnen.

Wenn nun auch damals und dadurch keineswegs »ganz Sachsen« unterjocht war, so sind doch allgemeine Erhebungen seither selten (aber doch noch z. B. 793) vorgekommen und Karl schätzte diesen Erfolg so hoch, daß er den Papst durch einen besonderen Gesandten davon 80 benachrichtigte und aufforderte, diesen Sieg durch kirchliche Lobgesänge zu feiern, welche Hadrian für den 23., 26., 28. Juni 786 anordnete.

Sehr früh hat die Sage sich der Gestalt Widukinds bemächtigt: sowohl seine Kämpfe gegen Karl, seine Flucht zu den Dänen, als die Wunder, welche seine Bekehrung herbeiführen, und sein frommes Leben als Christ werden ausführlich geschildert: er sollte die Kirche zu Enger in Westfalen gegründet haben, dort als ein Heiliger bestattet, später nach Paderborn übergeführt, der Stammvater der deutschen Könige des sächsischen Hauses (Heinrich I.) geworden sein usw. Zweifellos ist nur, daß sein Enkel Waldbert in Wildeshausen an der Hunte ein Kloster gestiftet hat: also hatte das Geschlecht Güter in Westfalen, die wahrscheinlich vom fränkischen Staat zwischen 773 und 785 eingezogen gewesen waren, aber nun dem Unterworfenen zurückgegeben wurden. Erst jetzt wagte sich der Bekehrer Willehad wieder in den Gau Wigmodia zurück. Wirklich trat jetzt auf sieben Jahre Ruhe ein in Sachsen. Erst im Jahre 792 ward eine Schar von Franken, welche auf der Elbe sächsisches und friesisches Gebiet durchzog, niedergehauen (am 6. Juli), was sich im folgenden Jahre (793) im Rüstringergau am linken Ufer der Wesermündung in ähnlicher Weise wiederholte; hier fiel wahrscheinlich jener tapfere Graf Theuderich (s. oben S. 76): der Aufstand verbreitete sich so weit, daß Karl einen geplanten Avarenfeldzug (s. unten) verschob und 794 wieder in Sachsen erschien.

Der von Karl so oft angewandte (s. oben S. 35) Doppelangriff erfährt bei diesen Sachsenkriegen der Natur der Sache nach eine besondere Gestaltung: hier kam es darauf an, durch solche Bewegungen mit doppelten Fronten die vier Gruppen der Sachsen: Westfalen, Engern, Ostfalen, 81 nordelbische Sachsen, auseinanderzuhalten, vor allem der gen Osten und Norden vordringenden Hauptmacht den Rücken zu decken. Während bisher der Einmarsch in Sachsen meist auf einer Straße und erst in Feindesland die Gliederung in zwei Heere erfolgt war, ließ Karl im Jahre 794 seinen Plan, wie er einstweilen gegen Bayern (787) und Avaren (791) sich erprobt hatte, gleich von Anfang in Wirkung treten: während er von Frankfurt am Main aus, also von Süden, die unaufhörlich gepeinigten Westfalen angriff, mußte sein Sohn Karl bei Köln den Rhein überschreiten und sie von Westen fassen: die Wirkung des Doppel-Angriffs war wieder die alte, überwältigende: die Sachsen hatten sich auf dem Sendfeld bei Wunnenberg zwischen Paderborn und Eresburg zur Schlacht geschart: »da sie aber merkten, daß sie von zwei Seiten umstellt seien, zerstreute Gott ihre Pläne«: sie unterwarfen sich ohne Schwertstreich.

Allein in vollem Maße konnte jener Doppelangriff nicht durchgeführt werden, solange die Ostsachsen und Nordsachsen sich einfach durch Ausweichen nach Ost und Nord solchen Umfassungen entziehen konnten. Deshalb hatte der Staatsmann Karl, dem Feldherrn vorarbeitend, mehr noch durch Verträge und Bestechung als durch die Waffen die beiden slavischen Nachbarn der Ost- und Nordsachsen: die Abodriten und die Sorben, zu Verbündeten gewonnen, die Wilzen 789 wenigstens zum Ruhehalten gezwungen. Weitaus die wichtigsten dieser Horden waren, der Lage ihres Gebietes halber, die Abodriten (in Mecklenburg) mit ihren kleineren Nachbarn hart an dem rechten Ufer der Elbe: den Smeldingern und Linonen (zwischen der Mündung der Havel und Hamburg).

Schon lange lagen diese Slaven im Kampfe mit den Sachsen um das Land nördlich der Elbe, nördlich von 82 Hamburg, bis an die Schlei, wo der Dänen Gebiet begann. Alle diese Elbe-Slaven zog Karl auf seine Seite. Die Verfügung über Land und Leute der Abodriten machte es Karl nunmehr möglich, die Nordsachsen nicht wie früher nur von Süden, auch von Südosten, die Ostfalen nicht nur von Westen und Süden, auch von Osten zu fassen. Und in erfolgreicher Weise hat der große Feldherr sich dieser Doppelangriffe bedient. Schon im Jahre 795 erwartete er einen Häuptling der Abodriten, Witzin, der zu ihm stoßen sollte, zu Bardowik bei Lüneburg: der Slave ward aber auf der Elbe von den Sachsen erschlagen. Mit dessen Nachfolger Thrasuch (Drosuk), verbündete sich Karl auf das engste, und bei dem großen Feldzug von 798 griff dieser Häuptling, während Karl ihm die Sachsen von Südwest nach Nordost entgegentrieb, alles Land zwischen Weser und Elbe verwüstend, die Verzweifelnden von Südost nach Nordwest an: von einem fränkischen Feldherrn geleitet – er befehligte den linken Flügel – und von fränkischen Hilfsscharen unterstützt, erdrückte die slavische Übermacht die Sachsen in der blutigen Schlacht bei Bornhövede an der Schwentine. Der Häuptling eilte zu Karl, sich seinen Lohn zu erbitten. Und einen schönen Anteil an der Beute – das curée nennt es die Weidmannssprache, – warf der Jäger seiner Meute hin. Das ganze Land der Sachsen nördlich der Elbe gab er den Slaven preis. Zu vielen Zehntausenden wurden die Sachsen aus der alten Heimat ausgewurzelt und über alle Provinzen des weiten Frankenreichs verstreut. Gierig drangen die Abodriten in das entvölkerte Land: der Slave tränkte bald die zottigen Gäule, von der nun gewonnenen Elbe aus immer weiter südwestlich vordringend, in der Saale, ja in dem Main (»Main-Wenden«), und trieb seine Schafherden über 83 altgermanisches Ackerland, das nun wieder zu Strauchgebüsch und Weide verwilderte. All dieser Boden, uraltes Germanenland seit einem Jahrtausend – schon Pytheas 330 v. Chr. nennt die »Skythen« an dem rechten Elbufer – war an die Slaven verloren; und schwere Arbeit mit Pflug und mit Schwert, mit Schwert und mit Pflug, hat es die deutschen Könige, Ritter, Bürger und Bauern gekostet, das verlorene Gebiet wieder zu gewinnen. Freilich waren jene Slaven Heiden wie die Sachsen; jedoch der Teufel Czernebog hatte Karl viel weniger geärgert als der Teufel Wotan und er hoffte auch, – »seine« wie sie im Gegensatz zu den nicht unterworfenen heißen – Slaven zu bekehren.

Das ermüdende Einerlei dieser Feldzüge übergehen wir; 795 gelang die Unterwerfung des Bardengaus, aber Wigmodien und Nordalbingien blieben damals uubezwungen, 796 zog Karl in den Draingau und bis in das Oldenburgische, 797 bis Hadeln zwischen den Mündungen von Weser und Elbe, 797 überwinterte er in Sachsen in »Herstelle«, in Holzhütten, 798 verwüstete er das ganze Land zwischen Weser und Elbe (Schlacht an der Schwentine), 799 empfing er im Heerlager zu Paderborn den Papst, 802 wagte Karl wieder, was 782 noch allzufrüh gewesen (s. oben S. 76): er bot Sachsen zum Heerbann in Sachsen selbst auf und zwar diesmal sogar gegen Sachsen: – christliche Reichssachsen gegen noch heidnische freie Sachsen nördlich der Elbe – und diesmal gelang das Wagnis; endlich 804 ward der letzte Widerstand der Sachsen gebrochen: im Lager zu Hollenstedt südlich von Harburg nahm er die Unterwerfung der letzten, auch der nordelbischen, Gaue entgegen: alsbald wurden nun die Bistümer Bremen, Münster und Paderborn begründet. Erst jetzt vermochte das Christentum, 84 Wurzeln zu schlagen, nachdem in grauenvollster Gewaltsamkeit die alte Bevölkerung in ungezählten Massen ausgerottet oder hinweggeschleppt und durch fränkische Ansiedler ersetzt worden war. Seit den Tagen der Römer war es nicht mehr geschehen, daß in solchem Umfang nahezu ein ganzes Volk mit Weib und Kind aus dem Heimatboden ausgewurzelt und über ferne Lande hin verstreut worden. So tat jetzt Karl ganz planmäßig: nicht nur die nordelbischen Sachsen wurden – um den Abodriten Platz zu schaffen – sämtlich aus den Sitzen der Väter, aus den stillen Gehöften mit den zwei Pferdeköpfen am First, ausgehoben, auch in zahlreichen andern sächsischen Gauen geschah dasselbe in kleinerem Maß: überall wurden Männer, Weiber und Kinder mit den Freigelassenen und Unfreien zu vielen Zehntausenden fortgeführt, die Kinder aber oft von den Eltern getrennt und als Geiseln in fränkischen Klöstern erzogen, um dann später als Priester, Mönche, Nonnen für die Verbreitung des Christentums in der alten Heimat zu wirken.

Man hat wohl gemeint, es sei diesen Ausgewurzelten so übel ja nicht gegangen. Allein welch höhere Güter auf Erden gibt es, als den alten Glauben der Väter, die Eigenart des Stammes, die Heimat und die Freiheit? All das ward den Sachsen mit Gewalt genommen. Es gibt daher keine Rechtfertigung, nur die Entschuldigung, daß der große Karl unzweifelhaft im besten Glauben, in dem frommen WahneDiese Selbstrechtfertigung Karls durch den Glauben an Christi Gebot sucht zu schildern beifolgende Ballade:

Die rote Erde.
                Herrn Kaiser Karl zu Aachen
    Kam's über die Augen schwer:
»Ich fühl's, nicht wird mich wärmen
    Die Frühlingssonne mehr.

Noch einmal muß ich umschau'n,
    Wie's steht in meinem Reich:
O wär' ich bei Avaren
    Und Arabern zugleich!

Zugleich am gelben Tiber,
    Zugleich am grünen Rhein:
Zu groß ist ach! das Erbe,
    Der Erbe ist zu klein. – –

Die Nächsten sind die Sachsen:
    Bis dorthin reicht's wohl noch:
Sie kämpften dreißig Jahre
    Und ich bezwang sie doch!« –

Er zieht mit Graf und Bischof
    Nochmal durch Sachsenland:
Der Männer sieht man wenig:
    Tot sind sie, landverbannt.

Auf öder, brauner Heide,
    Vom Eichbaum überragt,
Liegt ein Gehöft, den Dachfirst
    Vom Roßkopf überschragt.

Welk übern tiefen Ziehbrunn
    Nickt der Holunder schwer:
Und frische Hügelgräber, –
    Sehr viele! – rings umher. –

Ein Weib tritt auf die Schwelle:
    Es zerren an ihrem Rock
Die Knaben mit dem Trutzblick,
    Die Mädchen im Flachsgelock.

Sie gaffen auf die Fremden,
    Auf die bunte Reiterschar:
Es beugt sich aus der Sänfte
    Ein Mann in weißem Haar.

Er streicht den Kopf dem Jüngsten:
    Der greift nach der Spange licht:
»Wer ist's?« forscht scheu die Mutter.
    »Herr Karl! – Kennst du ihn nicht?«

Laut auf kreischt die Entsetzte
    Und reißt die Kinder fort:
»Herr Karl! Der Tod!« – Sie verschwinden
    Im nahen Buschwald dort. –

Der Kaiser nächtet im Kloster.
    Leer ist's um den Altar:
Kein Laie, – nur die Mönche. –
    »Was scheint dort fern so klar?

Was leuchtet durch das Fenster?«
    »O Herr – 's ist nicht geheuer:
Die Sachsen sind's im Walde
    Bei Wotans Opferfeuer.« – –

Am andern Morgen rheinwärts
    Der Kaiser kehrt die Fahrt;
Er schweigt.– Er betet manchmal,
    Er streicht den weißen Bart.

Das Roß führt ihm ein Sachse,
    Der alle Steige kennt.
Das Erdreich steht zu Tage,
    Wo der Pfad die Hügel trennt.

Warm dampft es aus den Schollen, –
    Karl beugt vom Sattel sich:
»Rot ist hier rings die Erde,
    Seit wann? Woher das? – Sprich!«

Da hob der graue Führer
    Zu ihm den Blick empor:
»Grün war der Wiesenanger,
    Die Heide braun zuvor;

Zweihunderttausend Sachsen,
    Die starben blut'gen Tod –
Davon ist in Westfalen
    Die Erde worden rot.«

Da schüttelt Frost den Kaiser:
    »So tief – die Erde rot?
Herr Christus, lösche die Farbe:
    Ich tat's auf dein Gebot.«

Starr hat er in die Wolken,–
    Auf den Boden starr gesehn:
Der Boden blieb derselbe: –
    Kein Wunder ist geschehn. –

Schwer krank kam er nach Aachen
    In seinen goldnen Saal:
Er raunte mit sich selber,
    Hauptschüttelnd, manchesmal.

Er fragte: »Ist's noch rot dort?«
    Als er im Sterben lag.
Rot blieb Westfalens Erde
    Bis auf den heut'gen Tag. –

(Felix Dahn.)
handelte, von Gott zur Ausrottung 85 des Heidentums auserkoren und berufen zu sein. Daher hat ihn auch gewiß Reue über diese Taten nicht erfaßt, obwohl er später – Alkuin hatte wiederholt zur Milde 86 gemahnt – einzelne der mit Blut geschriebenen Satzungen für Sachsen, welche mit furchtbarer Eintönigkeit ihr: »der soll des Todes sterben« auch für geringfügige Verstöße gegen die Kirchenzucht, z. B. für Fleischgenuß während der 87 Fasten, wiederholt hatten, einigermaßen gemildert hat: immerhin blieb der Satz in Kraft, der jeden ungetauften Sachsen mit der Enthauptung bedrohteDas sächsische Taufgelöbnis lautete:
forsachistû diobole?
    ec forsacho diobole.
end allum diobolgelde?
    end ec forsacho allum diobolgelde.
end allum dioboles unercum?
    end ec forsacho allum diobolus unercum (and uordum)
Thuner ende Uôden ende Saxnôte ende allum
    thêm unholdum thê hira genôtas sint.
gelobistû in got alamehtîgan fader?
    ec gelôbo in got alamehtîgan fader,
gelobistû in Christ godes suno?
    ec gelôbo in Christ godes suno.
gelobistû in hâlogem gast?
    ec gelôbo in hâlogem gast.
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