Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Karls Anfänge bis zur Erwerbung der Langobarden-Krone (768–777).

Wie Karl der Hammer den Majordomat zwischen Pippin und Karlmann, so hatte Pippin vor seinem Tod unter Zustimmung des Reichstags das Königtum über das gesamte Frankenreich zwischen seinen Söhnen Karl (geb. 742) und Karlmann (geb. 751 oder 752) geteilt. Und zwar erhielt Karl der Ältere Austrasien (im engeren Sinn), Ostfranken (aber ohne Elsaß und Alamannien), Neustrien und Westaquitanien, Karlmann Elsaß, Alamannien, Burgund, Provence, Gotien und Ostaquitanien. Bayern, das erst wieder unterworfen werden mußte, blieb unerwähnt.

Während aber Pippin und sein Bruder einträchtig gewaltet hatten, bestand zwischen Karl und Karlmann von Jugend auf bittere Feindschaft: wir kennen die Gründe nicht: böse Ratgeber Karlmanns sollen an diesem geschürt haben. So verweigerte dieser gleich im ersten Jahre (769) die Mitwirkung, als in Aquitanien eine Bewegung wider Karl entstand: eine Zusammenkunft der Brüder besserte daran nichts. Karl warf, allein handelnd, den Aufstand ohne Mühe nieder. Im folgenden Jahr (770) vermittelte zwar die Königin Bertha (Bertrada) ein besseres Einvernehmen unter ihren Söhnen. Aber nicht lange sollte es währen. Auf Andringen der Mutter, welche er 32 in hohen Ehren hielt solange sie lebte, vermählte sich Karl (770) mit der Tochter des Langobardenkönigs Desiderius (ihr Name ist ungewiß: vielleicht Bertrada, schwerlich Desiderata). Aber schon 771 verstieß er sie und sandte sie dem Vater zurück, aus unbekannten Ursachen, doch jedenfalls ohne ihr Verschulden, wahrscheinlich aus politischen Gründen. Gleichzeitig war das Verhältnis zu Karlmann in so bittere Verfeindung zurückgeschlagen, daß man den Ausbruch offenen Kriegs unter den beiden befürchtete, als Karlmann erkrankte und starb (4. Dezember 771). Sofort erschien Karl in dem erledigten Reich und nahm davon Besitz unter Zustimmung von vielen geistlichen und weltlichen Großen dieses Teilreichs: zumal Abt Fulrad von St. Denis, der schon Pippins vertrauter Rat gewesen, wirkte dabei mit. Karlmanns Witwe Gerberga floh mit ihren beiden unmündigen Knaben aus dem Frankenreich nach Pavia zu dem Langobardenkönig Desiderius, jetzt selbstverständlich Karls erbittertstem Feind. Gefahr hatte ihr und den Knaben nicht gedroht: aber Gerberga wollte die Ausschließung ihrer Söhne von dem Throne des Vaters nicht ruhig hinnehmen. Es ist schwer zu sagen, ob diese Ausschließung nach dem damaligen Recht begründet war oder nicht: Karl selbst hat später in einer von ihm verfügten Reichsteilung die Frage so entschieden, daß die Söhne vorverstorbener Brüder keineswegs ohne weiteres ein Folgerecht haben und den Oheim ausschließen sollten, sondern nur dann, wenn das Volk, d. h. die geistlichen und weltlichen Großen, des fraglichen Teilreiches sich für die Erbfolge eines solchen Sohnes aussprechen würden. Dies war nun 771 nicht geschehen, vielmehr hatten einflußreiche Vornehme Karlmanns sich für den Ausschluß der Knaben, für die Thronbesteigung Karls ausgesprochen. Darauf gründete wohl Karl sein Recht: allerdings hatte 33 aber ein förmlicher Reichstag aller Großen von Karlmanns Reich keineswegs jenen Beschluß gefaßt. Und keineswegs alle Vornehmen in dessen Staaten teilten Fulrads Willen: vielmehr begleitete ein sehr angesehener Herzog, Auchar, die flüchtende Witwe und die Waisen – zwei kleine Knaben – seines Herrn in das Langobardenreich, wo er auch stets als Vorkämpfer und Vertreter der Sache der Knaben bei Desiderius und bei dem Papst erscheint: wahrscheinlich hat dieser Auchar, Autchar, den Namen und einzelne andre Züge zu der Gestalt des sagenhaften Ogier hergegeben, der dann freilich ein Däne sein soll. Auch die Verstoßung der langobardischen Königstochter war nicht ohne Widerspruch der nächsten Angehörigen Karls geschehen: es war der einzige Anlaß, aus welchem vorübergehend das Verhältnis zur Mutter getrübt ward: doch auch ein Vetter Karls, Adalhard, zog sich damals grollend vom Hof in ein Kloster zurück: er klagte, daß nun »Karl so viele edle Franken eidbrüchig gemacht habe«: d. h. es hatten wohl, nach germanischer Sitte, vor der Verlobung zahlreiche Vornehme Karls eidlich die Bürgschaft übernehmen müssen, der Tochter des Langobardenkönigs werde im Frankenreich Leid, Unrecht, Verunehrung nicht widerfahren. Er weigerte sich daher auch, der neuen Königin zu dienen, welche Karl sehr bald nach Verstoßung der Langobardin sich vermählte: das war Hildigard, aus edelstem alamannischem Herzogsgeschlecht, ein erst zwölf- oder dreizehnjähriges Mädchen. Diese ist offenbar die Lieblingsgemahlin Karls gewesen; die Sage hat seine Liebe zu ihr, die ihren Tod überdauerte, ihr in die Gruft nachfolgte und nicht von der schönen Toten lassen wollte, in anmutigen und rührenden Bildern verherrlicht: sie gebar ihm in zwölf Jahren zehn Kinder und sank, kaum vierundzwanzig Jahre alt, in das Grab in der Blüte ihrer 34 Jugend und strahlenden Schönheit: ihr Goldhaar, ihre schneeweiße Stirn werden gepriesen (s. unten: »Karl und sein Haus«).

Einstweilen hatte in Italien König Desiderius, nicht ohne Grund gegen Karl auf das äußerste erbittert, von Papst Hadrian  I. verlangt, er solle Karlmanns beide Knaben zu Königen der Franken salben; die Macht Karls sollte durch das Auftreten der Neffen als Gegenkönige in Karlmanns ehemaligem Reich, durch innere Kämpfe der Franken geschwächt werden. Da sich der Papst beharrlich weigerte, bedrängte ihn der Langobarde mit Krieg. Nun rief Hadrian Karl zu Hilfe. Dieser – er hatte soeben den ersten Zug gegen die heidnischen Sachsen unternommen – schlug doch nicht gleich los. Er unterhandelte mit Desiderius, bot diesem sogar eine große Summe Goldes – 14 000 Goldsolidi (168 000 Mark), – falls er Sankt Peter das Entrissene zurückerstatte. Erst nach Abweisung aller Vorschläge ließ Karl auf dem Reichstag zu Genf den Krieg gegen die Langobarden beschließen und brach gleich von dort nach Italien auf. Hier zum erstenmal entfaltete der Held jene großartige Feldherrnschaft, durch welche er so viele germanische Könige überstrahlt. Denn Karl ist der erste Germane, den die Quellen als einen großen Feldherrn – nicht nur Taktiker, sondern Strategen – klar zu erkennen uns verstattenVergl. Dahn, Karl der Große als Feldherr, Festrede zur Feier des 90. Geburtstags Kaiser Wilhelms am 22. März 1887, gehalten an der Albertusuniversität zu Königsberg, Münchener Allgemeine Zeitung vom 22. März 1887, Nr. 81.. Wohl dürfen wir vermuten, daß der Meister des Waldgefechts, Armin, daß gar manche germanische Führer in der Zeit des Vormittelalters, daß auch germanische Männer auf römischer Seite [wie Arbogast und Stilicho], Totila, Leovigild, 35 Chlodovech, Alboin, daß Karls Ahnen: die Pippine und Karl der Hammer, nicht ohne hohe Begabung für Feldherrnschaft ihre Erfolge hatten erringen mögen.

Aber der erste germanische Heerführer, dessen Feldherrn-Begabung, ja dessen Eigenart als Feldherr uns die Quellen genau zu beweisen verstatten, ist Karl. Diese Eigenart besteht in folgendem: 1) den Feind umfassen, nötigenfalls durch Umgehung, und von allen verfügbaren Seiten zugleich angreifen; 2) was damit zusammenhängt: getrennt marschieren, vereint schlagen; 3) hierfür möglichste Verwertung aller Straßen, zumal aber der Wasserstraßen: der Flüsse.

In einer großen Zahl von Feldzügen, welche Karl selbst geleitet hat, lassen sich diese Merkmale nachweisen: so ständig, daß wir sogar bei Feldzügen, welche seine Söhne oder seine Königsboten ausführen, falls wir auf die gleichen Feldherrn-Gedanken stoßen, vermuten dürfen, der große Held in seinem Palast zu Aachen, den man wahrlich auch schon einen »Denker von Schlachten« nennen darf, habe sie geplant. Derselbe Mann, der Muße fand, während seine Gedanken zwischen Aachen und Rom, zwischen Byzanz, Jerusalem und Bagdad, zwischen Cordoba und Ostungarn, zwischen dem Danewirke und Capua hin- und herflogen, den Gärtnern auf seinen Gehöften vorzuschreiben, welche Blumen, Gemüse und Obstarten sie pflegen sollten, – dieser Herrscher, mit Leidenschaft ein Kriegsmann, nahm sich gewiß Zeit, auch für solche Feldzüge, die er nicht in Person führte, die Pläne zu entwerfen.

Der Angriff von möglichst vielen Seiten legt, der Natur der Sache nach, oft die Notwendigkeit auf, den Feind zu umgehen, bevor der Angriff von wenigstens zwei Seiten erfolgen kann. Gleich dieser Feldzug (von 773) 36 gegen die Langobarden wird mit einer Umgehung –, mit darauffolgender Bedrohung des Feindes in Stirn und Flanke eröffnet und, da die Bewegung gelingt, dadurch auch entschieden. Die Langobarden hatten wie in den Kriegen gegen Karls Vater die sogenannten »Clusen«, d. h. die Engpässe, welche zwischen dem Mont Cenis und dem offenen Tal von Susa liegen, besetzt und stark befestigt. Karls Vater hatte (754) dieselbe Stellung der Langobarden durch einfachen Angriff auf die Stirnseite durchbrochen. Karl aber legt schon seinen Aufmarsch auf eine Umgehung an: – nicht ein Heer, wie bisher die Franken immer getan – er richtet wider den Feind zwei Heersäulen, welche getrennt marschieren, aber in Feindesland zusammenstoßen und vereint schlagen sollen. Karl wählt zwei Angriffslinien gegen Italien: von West nach Ost und von Nord nach Süd. Er selbst führt das eine Heer über den Mont Cenis von West nach Ost, während er das zweite unter seinem Oheim Bernhard über den großen St. Bernhard schickt von Nord nach Süd. Während Karl den Feind in der Stirnseite festhielt, sollte offenbar Bernhard ihn umgehen, ihn in seiner rechten Flanke, vielleicht auch im Rücken fassen, ihm den Rückzug nach Pavia, seinem Hauptstützpunkt, abschneiden. Allein es ward dieser Doppelangriff gar nicht mehr erforderlich: die Langobarden räumten ihre Stellung vor Susa lange bevor das Umgehungsheer auf ihre Flanke stieß. Und weshalb? Weil Karl vor den Clusen abermals eine Umgehung ausführte: war jene eine strategische, im großen geplante, so befahl er jetzt eine taktische im kleinen. Während er mit seiner Hauptmacht den Feind in seinen Befestigungen beschäftigte, sandte er wahrscheinlich zwei kleine erlesene Scharen links und rechts, jedenfalls aber eine, – und diese dann vermutlich auf der linken, südlichen Stellung 37 der Langobarden – auf schmalen Jägersteigen dem Feind in die Flanke, dessen Rücken bedrohend. Die wohl im Schutze der Nacht ausgeführte Umgehung wirkte so überwältigend auf die Überraschten, daß sie ohne Schwertstreich ihre Stellung in den Clusen räumten und in wilder Flucht nach Pavia zurückströmten, offenbar stets besorgt, im Rücken gefaßt und von dieser Hauptfestung abgeschnitten zu werden. Jenseit der Pässe vereinte sich nun Karl mit Bernhard, und beide zogen vor Pavia, das ausgehungert ward: das war das Ende des Langobarden-Reiches: eine geschickte Umgehung hat es fast ohne Blutvergießen bezwungen. Der ans Wunderhafte streifende Erfolg dieser Umfassung machte bereits den Zeitgenossen solchen Eindruck, daß gar bald die Sage einen Engel Gottes die frommen Franken über das Felsjoch führen ließ oder einen geheimnisvollen Spielmann (s. unten V. 8); von jenem kühnen Kletterwagnis an hieß der schmale Steig fortab »der Pfad der Franken«.

Adelchis, des Desiderius tapferer und feuereifriger Sohn, hatte sich nicht auch nach Pavia geworfen – eingedenk, daß in dieser Stadt schon zweimal (754 und 756) die ganze langobardische Streitmacht wie in einer Mausefalle gefangen worden war. Denn es war eine herzlich schlechte, gedankenarme Kriegführung, welche die Langobarden dreimal befolgten. Jedesmal sperren sie jene »Clusen«, jedesmal wird diese Stellung durchbrochen oder umgangen und jedesmal läuft nun das ganze Heer, ohne den Übergang über den Po, dann über den Tessin in offener Feldschlacht zu bestreiten, in die eine Hauptstadt zurück. Waren sie zu schwach, gegen die fränkische Übermacht das Feld zu halten, so empfahl sich dringend dieselbe Verteidigungsweise, in welcher nicht nur weiland die Ostgoten zwanzig Jahre (535–555) den Byzantinern 38 Belisars ruhmvollen Widerstand geleistet, welche die Ahnen der Langobarden selbst im 6. Jahrhundert gegen die nämlichen fränkischen Feinde mit Erfolg verwertet hatten. Freilich hatten die Langobarden törichterweise unterlassen, sich eine Kriegsflotte zu bauen, durch welche sie das Meer beherrschen und in ihre zahlreichen Seefestungen Nahrungsmittel schaffen konnten, sich, auch wenn auf der Landseite belagert, vor Aushungerung zu schützen: aber auch die Franken hatten damals noch keine Kriegsflotte, erst Karl hat in späteren Jahren gegen arabische Seeräuber und normannische Wikinge eine solche gebaut. Immerhin hätten die Langobarden, falls sie das Feld nicht halten konnten, ihre Streitmacht in die sehr zahlreichen und zum Teil sehr festen, durch Sturm nicht zu erobernden Festungen auf der ganzen Halbinsel von Susa bis Benevent, ja bis Consentia verteilen und dadurch die Feinde zu einer großen Zahl von Belagerungen zwingen können, welche im Süden Italiens, im Sommer, bei ungesundem, ungewohntem Klima, den Franken, fern von dem Nachschub aus der Heimat, sehr beschwerlich, ja verderblich werden konnten und im 6. Jahrhundert wiederholt geworden waren. Statt dessen drängte sich alles in die eine Hauptstadt zusammen, welche, mitten im Binnenlande gelegen, trotz ihrer starken Deckung durch die Wasser des Tessin, unfehlbar ausgehungert werden mußte. Adelchis nun warf sich in das feste Verona, welches schon so mancher Belagerung getrotzt hatte, auch Gerberga mit ihren beiden Knaben (und Auchar) suchte Schutz hinter jenen ragenden Mauern. Allein Karl selbst führte aus dem Lager, welches Pavia umschlossen hielt, eine kleine erlesene Schar vor jene Etsch-Burg und sehr bald ergab sie sich, die Flüchtlinge ausliefernd. Nur Adelchis war entkommen, er segelte aus dem Hafen von Pisa nach Byzanz, wo er jahrelang 39 unermüdlich strebte, den Kaiser zu bewegen, ihn mit Schiffen und Scharen nach Italien zu schicken, Karl und den Papst zu bekämpfen. Gerberga und die Knaben verschwinden aus der Geschichte, wahrscheinlich wurden sie in fränkische Klöster gebracht.

Während die Einschließung von Pavia fortgesetzt ward, begab sich Karl aus dem dortigen Lager nach Rom, daselbst an heiliger Stätte das Osterfest (3. April 774) zu feiern. Neben der tiefen Frömmigkeit, welche unzweifelhaft, ledig jeder Spur von Heuchelei, der eine Grundzug, vielleicht der Hauptzug in Karls ganzem Wesen war, bewog ihn aber auch gar manche Sorge um den Staat, den Papst aufzusuchen und sich eng mit ihm zu verbünden. Auf das ehrenvollste ward er empfangen: Hadrian schickte ihm die Behörden Roms mit dem Banner der Stadt (bandora) dreißig römische Meilen (1 = 1000 Schritt) weit bis Novae entgegen. An dem ersten Meilensteine vor der Stadt aber traf Karl alle Scharen der römischen Bürgerwehr, ferner die Schuljugend mit Palmen- und Olivenzweigen: sie sangen lateinische Loblieder zu seinem Preise und begrüßten ihn mit schallendem Zuruf: auch Kreuze ließ der Papst ihm entgegentragen, was nur geschah bei der Einholung des Exarchen von Ravenna oder eines Patrizius – welche Würde ja Karl besaß. – Als Karl dieser Kreuze ansichtig ward, sprang er vom Roß, begrüßte dieselben und legte die letzte Meile zu Fuß zurück. Auf der obersten der vielen Stufen der Sankt Peterskirche stand der Papst, von allen seinen Geistlichen, in weiterem Ring vom Volk von Rom umgeben. Karl warf sich auf jeder Stufe nieder und küßte die Steinplatte! – bei seinem spätern Besuch hat er diese überschwängliche Demut doch nicht wiederholt. – Endlich erreichte er den Papst, beide Männer umarmten und küßten 40 sich, schritten Hand in Hand in das Innere der Kirche und stiegen hinab an das Grab Sankt Peters: es war das erste Mal, daß ein Frankenkönig den Ort betrat. Nach Beendigung des Gottesdienstes bat Karl den Papst um Erlaubnis, in die Stadt selbst gehen zu dürfen: die Peterskirche lag und liegt ja außerhalb der Umwallung auf dem rechten Tiberufer. Selbstverständlich war das nur eine höfliche, den Papst ehrende Form: der römische Patrizius wollte die weltliche Gewalt des römischen Bischofs über die Stadt dadurch anerkennen: der ehemalige byzantinische Patrizius hatte umgekehrt die Oberhoheit des Kaisers über den Papst geübt. Bald sollten übrigens die Päpste erkennen, daß Karl, bei aller Frömmigkeit und aller Ehrfurcht vor dem Nachfolger Sankt Peters, seine Schutzherrschaft über Rom nicht nur als eine Pflicht auffaßte [wie die Päpste bei Übertragung des Patriziats es wohl gemeint hatten], welche er nur auf Anrufen des Papstes zu erfüllen hatte, sondern ebenso als ein Recht, welches er als Oberherr des Papstes – auch als Richter desselben! – auszuüben befugt war. Damals aber kam es zur Geltendmachung solcher Rechte nicht: König und Papst errichteten urkundlich einen Bündnis- und Freundschaftsvertrag und Karl erneuerte feierlich das Schenkungsversprechen Pippins von Ponthion und Kiersy (oben S. 28): das sollte ihm noch viel Verdruß bereiten! Denn wie sein Vater hatte auch er nicht hinreichend klare Kenntnis von dem Umfang und der Bedeutung all' dessen, was der Papst sich hatte versprechen lassen. Es stellte sich bald heraus, – die Beamten Karls erkannten es und überzeugten ihn davon – daß jene Schenkungen sich nicht durchführen ließen ohne schwerste Schädigung der Macht, zumal der Einnahmen, doch auch der Verwaltung des langobardischen Reiches. Die Krone dieses Reiches aber 41 trug nun sehr bald Karl selbst. Ende April traf er wieder in dem Lager vor Pavia ein und im Juni ergab sich die Stadt, durch Hunger und Seuchen bezwungen: gar schön hat die Sage (unten V. 8) berichtet, welch furchtbaren Eindruck der Anblick des »eisernen Karl« auf König Desiderius macht, wie dieser vom Wall herniederschaut und sich von Ogier (Auchar) den Frankenkönig zeigen läßt. Sage ist auch, daß ein Geistlicher Petrus die Stadt verraten und zur Belohnung ein Bistum erhalten habe, Sage, daß eine Tochter des Desiderius, als sie Karl von der Zinne herab erblickt, von Liebe entzündet wird und ihm heimlich ein Tor der Stadt erschließt. Sage endlich, daß der gefangene Langobardenkönig geblendet und in Fesseln nach Paris geschleppt worden sei. Vielmehr hat der Sieger den Besiegten mit großer Milde behandelt, wie ein wackrer Langobarde, der Geschichtschreiber Paulus Diakonus, des Warnefrid Sohn (s. unten: »Karls Akademie«) rühmt. Desiderius, seine Gattin, Königin Ansa, und eine Tochter (ungewiß, ob Karls ehemalige Gattin) wurden in fränkische Klöster gebracht, zuerst nach Lüttich, dann nach Corbie, wo Desiderius in frommem Frieden bis an seinen Tod lebte.

Karl aber ward nun König der Langobarden: dies Reich ward nicht etwa wie Aquitanien von Pippin oder später Bayern von Karl dem Frankenstaat als Provinz einverleibt, sondern blieb als selbständiges Reich neben dem fränkischen bestehen, nur daß der König dieses Reiches fortab Karl (oder dessen Sohn) ward: im übrigen blieb die langobardische Verfassung mit wenigen Ausnahmen zunächst unverändert: auch die langobardischen Herzöge blieben meist in ihren Ämtern, nur ward fränkische Besatzung in die Hauptstadt Pavia gelegt. Freilich galten Beschlüsse des fränkischen Reichstags, an dem 42 Langobarden nur sehr ausnahmsweise teilnahmen, auch für das langobardische oder, wie man auch sagte, das italische Königreich: doch gab es auch besondere Reichstage für dieses Reich, welche, nur von Langobarden besucht, Gesetze für Italien erließen. An all' dem ward auch nichts geändert als Karl einige Jahre später seinen dreijährigen Knaben Pippin zum König dieses Reiches bestellte: die Räte desselben zu Pavia handelten nur nach Karls Befehlen, der nach wie vor sich nannte »König der Franken und der Langobarden«. Unberührt blieb noch volle zwölf Jahre durch den Untergang des Hauptreiches das zu demselben gehörige Herzogtum Benevent, dessen Herzog Arichis, ein begabter Mann, des Desiderius Eidam war: er und seine Gemahlin Adelperga hatten regen Sinn für Kunst und Wissenschaft, sie standen in geistigem Verkehr mit dem oben erwähnten gelehrten Diakon Paulus, der Mönch zu Monte Casino war.

Die Schenkungsversprechung an den Papst sollte umfassen alles Land von Luna mit der Insel Korsika, dann von Sarzana bis zum Apenninenpaß Bardone (La Cisa zwischen Pontremoli und Parma), dann bis Bercetum, Parma, Regio, Mantua, Monselice, ferner den ganzen Exarchat von Ravenna, die Provinzen Venetien und Istrien sowie die beiden Herzogtümer Spoleto und Benevent! Aber trotz der unablässigen Mahnungen der Päpste hat Karl sich nicht entschließen können, diese weiten, dem Langobardenstaat unentbehrlichen Gebiete wirklich dem Papst zu überlassen: Spoleto, das (773) eigenmächtig mit dem Kirchenstaat war vereint worden, ward (776) wieder davon gelöst, Benevent blieb noch lange unabhängig, Venetien und Istrien nahm Karl den Byzantinern für sich ab, nur den 43 Exarchat und einzelne Städte in Tuscien und der Sabina erhielt der Papst.

Im Juli (774) war Karl bereits wieder am Rhein.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.