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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 35
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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14. Kaiser Karls Heimritt aus dem Ungarland.

Avaren und Bulgaren erhoben sich wider Kaiser Karl und brachen die beschworene Treue. Da rüstete er ein Heer, sie zum Gehorsam zu zwingen. Scheidend sprach er zu seiner Gemahlin Hildigard: »Kehr' ich nicht heim in zehn Jahren, dann beweine meinen Tod. Sende ich dir aber einen Boten mit meinem goldenen Fingerring, so vertraue allem, was der dir meldet.«

Nun war der Kaiser schon über neun Jahre ausgeblieben. Da gingen die fränkischen Herren nach Aachen zur Kaiserin und forderten: »Nehmt Euch einen andern Eheherrn, der das Reich steure.«

»Nimmermehr,« antwortete sie, »wie sollte ich Karl, meinem geliebten Herrn, die Treue brechen! Noch hat er mir nicht unser verabredetes Wahrzeichen gesandt.«

476 »Der Bote mag verdorben sein auf der Reise, lang tot ist Karl! Ohne Recht und ohne Herrn wird das Reich verderben, und Euer Söhnlein Ludwig ist noch zu jung. Frau, Ihr müßt Euch fügen und einen von uns zu Eurem Eheherrn erkennen.«

Und sie drangen so lange in sie, bis sie nachgab. »Wie sehr es mich auch grämt, Ihr Herren, so will ich, um des Landes willen, Euch willfahren.«

Da wählten sie ihr einen reichen König, und nach drei Tagen sollte sie ihm vermählt werden im Dom zu Aachen.

Das wollte aber Gott nicht: er sandte einen Engel ins Avarenland, wo Karl im Felde lag. »Fahr heim, Karl,« sprach der Engel, »damit du nicht Krone und Eheweib verlierst: in drei Tagen wird sie einem andern König vermählt.«

»Wie will ich heimkehren in drei Tagen und hundertfünfzehn Wegrasten zurücklegen?« fragte Karl.

»Bei Gott ist kein Ding unmöglich: geh' zu deinem Schreiber, der hat ein starkes Roß, das kaufe ihm ab, welchen Preis er auch fordere. Das Roß wird dich tragen in einem Tag über Heiden, Moor und Felder bis nach Raab. Das sei deine erste Tagreise. Am andern Morgen früh reite die Donau aufwärts bis gen Passau, das sei deine zweite Tagreise. In Passau sollst du dein Roß lassen; dort wirst du einen Wirt finden, der hat einen jungen Hengst, den sollst du kaufen, der wird dich den dritten Tag nach Aachen tragen.«

Karl ließ Herzog Naimes zurück und tat nach des Engels Geheiß: er handelte dem Schreiber das Roß ab und ritt den ersten Tag aus der Bulgarei nach Raab. Dort rastete er die Nacht und kam am zweiten Tag noch bei Sonnenschein nach Passau zu dem Wirt. Als abends dessen Viehherde heimtrieb, sah der Kaiser darunter das 477 Füllen, er fing es bei der Mähne und sprach zum Wirt: »Verkaufe mir diesen Hengst, ich will ihn morgen über Feld reiten.«

»Nein Herr,« antwortete der Wirt, »er ist noch zu jung und Ihr seid zu schwer, er kann Euch nicht tragen.«

Karl bat abermals.

»Ja, wenn er schon gezäumt und geritten wäre, solltet Ihr ihn haben.«

Aber Karl bat zum dritten Male; da sprach der Wirt: »Wenn Euch das Roß so sehr lieb ist, will ich's Euch verkaufen.«

Und Karl zahlte ihm soviel er dafür verlangte, auch gab er ihm zum Darangeld noch das Reiseroß, das er zwei Tage geritten hatte.

Auf dem jungen Hengst ritt der Kaiser am andern Frühmorgen fort. Unaufhaltsam trug das Roß ihn dahin, durch Länder und über Flüsse bis Aachen vor das Burgtor. Bei einem Weinwirt kehrte er ein. Aus der Stadt drang heller Schall von Singen und Tanzen: was das bedeute, fragte Karl.

»Eine große Hochzeit, die morgen geschehen soll,« beschied ihn der Wirt, »da wird unsre Frau, die Kaiserin, einem reichen König angetraut. Gute Kost und Wein wird Armen wie Reichen gespendet und das Futter ungemessen vor die Rosse gestreut.«

»Der Speise kann ich entraten,« antwortete Karl, »ich tafle in deiner Herberge. Hier, nimm diese Goldgulden und kaufe, was du bedarfst, schaffe mir viel und genug.«

Als der Wirt die Goldstücke sah, dachte er: »das ist ein echter Edeling, desgleichen sah ich nie.«

So saß Karl zu Tische und speiste herrlich, den Wirt und sein ganzes Haus ließ er mit genießen. Nach der Mahlzeit forderte er vom Wirt einen Wächter, der seinen 478 Schlaf behüten sollte. Als er sich aufs Lager streckte, sprach er zu dem Wächter: »Merk auf: wann sie im Dom die Frühmette läuten, sollst du mich wecken: diesen güldenen Fingerring geb ich dir dafür zum Lohn.«

Da hatte der Wächter wohl acht dieweil Karl schlief, und als er früh am Morgen die Glocken läuten hörte, trat er an des Gastes Lager und rief: »Wachet auf, edler Herr, und gebet mir meinen Lohn: im Dom läuten sie die Frühmette.«

Eilend stand der Kaiser auf, legte reiches Gewand an, ging zum Wirt und bat, daß er ihn begleiten wolle. Sie kamen vor das Burgtor, das war mit starken Riegeln gesperrt, der Wirt entdeckte ein Schlupfloch und sprach:

»Hier unten müßt Ihr durchschlüpfen, Herr, wenn Ihr hineinwollt, aber Euer Gewand wird dabei schmutzig.«

»Des acht ich nicht,« sprach Karl, »und wenn es auch ganz zerrisse.«

Er ließ den Wirt heimkehren und schlüpfte durch die Torlücke: er eilte nach dem Dom hin, trat ein, setzte sich auf den Königsstuhl, zog sein Schwert Joyeuse und legte es bloß über seine Knie.

Da kam der Meßner gegangen und wollte die Bücher herbeitragen: als er den alten Mann schweigend auf dem Königsstuhl sitzen sah, ergriff ihn Furcht und er lief zu den Priestern: »Da ich zum Altare schritt, hab' ich Schreckliches gesehen: ein greiser Mann mit langem Bart saß auf dem gesegneten Stuhl, das bloße Schwert über den Knieen.«

Die Domherren glaubten ihm nicht: einer faßte eine Fackel und ging selber zu dem Stuhl, da sah er den Mann sitzen: weit weg warf er die Fackel und lief davon zum Bischof und meldete ihm was er gesehen. Der Bischof hieß zweien Knechten, ihm Fackeln vortragen, und schritt 479 in den Dom zu dem Königsstuhl hin und sah den greisen Mann sitzen im langen, weißen Bart, das nackte Schwert über den Knieen. Er erschrak, furchtsam sprach er: »Ich beschwöre dich bei Gott, du sollst mir sagen wes Mannes du bist? Bist du geheuer oder ungeheuer? Oder wer hat dir ein Leid angetan, daß du an dieser Stelle sitzest?«

Da antwortete der Kaiser: »Ich war dir gut bekannt, da ich Kaiser Karl hieß: gewaltiger war keiner als ich.«

Der Bischof trat näher hin, erkannte Karl und rief: »Sei willkommen, lieber Herr, gesegnet sei deine Heimkunft!« Er umarmte den Kaiser und führte ihn in sein Bischofshaus und ließ alle Glocken läuten.

Die Hochzeitsgäste fragten, was das Läuten bedeute? »Kaiser Karl ist wieder da!« rief es ihnen entgegen aus allen Straßen. Da stoben sie auseinander, der Bräutigam, wie seine Gäste; sie sprangen auf die Rosse und ritten aus den Toren davon, und wer kein Roß hatte, sprang über die Stadtmauer. Der Bischof bat den Kaiser, seiner Gemahlin nicht zu zürnen, weil sie schuldlos sei an allem. Karl willfahrte dem Fürsprecher und war der Kaiserin wieder hold wie zuvor.

Bald ritten Eilboten aus der Bulgarei in Aachen ein und meldeten den Sieg: »Aber, fügten sie traurig bei, gefallen ist, von einem Avarenpfeil durchschossen, unser Herzog Naimes!«

Da neigte der große Karl sein Haupt und weinte: und leise flüsterte er: »Fahr wohl, du treuester Freund, Dank sei dir!«

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