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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 32
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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12. Das Rolandslied.

Nun zog Kaiser Karl mit seinem Heere wieder nach Spanien, stieg über die Pyrenäen und belagerte Pampelona. Das verteidigte Malceris und sein Sohn Isores. Lang lagen die Franken davor. Die Ungläubigen ritten täglich vor die Tore zu wildem Kampf. Der stolze Roland mußte selbst einmal, schwer verwundet, mit seinen Reitern zurück ins Lager flüchten. Am nächsten Tag, als Isores geritten kam, wurde die Scharte ausgewetzt. Roland lag in seinem Zelt, der kriegerische Naimes tat Wunderdinge, schrecklich schüttelte Karl seinen Speer gegen die Feinde: – das ward ihnen allemal zum Verderben! Tapfer und treu ritt Ganelon in den Streit, Murglies, sein Schwert, in der Hand, Herr Oliver rannte dem feurigen Isores entgegen, Alteclair hochschwingend: da hagelte es Hiebe: betäubt sank der Saracene aus dem Sattel, Ansëis der Alte nahm ihn gefangen, aber der edle Jüngling wollte sich nur Roland ergeben, oder gleich sterben. Da führte Ansëis ihn zu dem Markgrafen. Die 431 nimmermüden Paladine erstürmten das Tor, drangen in die Stadt, nahmen Malceris gefangen, pflanzten die Oriflamme auf und riefen laut: »Heil Karl, dem Herrn von Pampelona.«

Und der milde Kaiser wollte den Gefangenen Stadt und Leben lassen, wenn sie die Taufe nähmen. Isores schaute Karls stolzes Antlitz und in seine leuchtenden Augen und rief: »Großer Karl! Lehre mich, dir und deinem mächtigen Gotte dienen.«

Da antwortete Malceris: »Dein Bischof mag mir vom Christenglauben erzählen.« Aber in der Nacht schritt der Sarazene an seines Sohnes Lager. Der lag in tiefem Schlaf.

»Armer, doppelt gefangener Knabe!« murmelte Malceris, »du sollst nicht abtrünnig werden Mohammeds Gesetzen.«

Er hielt einen Dolch in der Rechten und wollte ihn erstechen; da fiel das Mondlicht auf Isores schönes Antlitz: der Vater schaute den geliebten Sohn. Er schob den Dolch wieder in den Gürtel: »Sei gesegnet! Allah ist groß: er schenke dir Gnade!« Und leise glitt er hinaus, und gefolgt von einigen Getreuen verließ er auf Schleichwegen Palast und Stadt. Erst am nächsten Morgen entdeckten die Franken seine Flucht und verfolgten ihn. Er aber entkam bis Toledo, dort fiel er, als die Franken die Stadt erstürmten. Isores wurde getauft.

Sieben Jahre heerfahrtete nun Karl in Spanien: keine Burg widerstand seiner Hand: Logroño, Estrella, Quarion, Astorga waren bezwungen, das Land von Valtern, Balasgued, Tuele, Sicilie, Prine und Commibles hatte Roland erobert; nur Saragossa, das König Marsil beherrschte, widerstand noch dem großen Karl.

432 Zu Saragossa schritt Marsil in seinen Garten, ihm folgten Räte, Emire und Scheichs. Sorgenschwer begann er: »Kaiser Karl kam in dies Land, uns zu knechten. Jetzt liegt er vor Cordova: fiel das, zieht er heran. Ihm folgt der Sieg! Ich habe nicht Heer noch Volk, das ihn bezwänge; darum ratet mir: wie sollen wir uns retten?«

Alle schwiegen, nur Blancandrin von Valfunde im weißen Haare sprach: »Laßt die Sorgen fahren: entbietet Eure Freundschaft dem übermütigen Karl, sendet ihm Geschenke und versprecht, ihm zu huldigen, daß er heimziehe nach Aachen. Ist er erst dort, löst sich sein Heer auf, und wir sind hier die Kriegsplage los. Und heischt er Bürgen, so senden wir ihm unsre Söhne. Den meinen biet' ich Euch zuerst, würd es auch sein Tod; denn besser acht' ich, für König und Volk sterben, als leben in Knechtschaft.«

»Also gescheh's!« sprachen alle. Und Marsil wählte sogleich die Boten: zehn der grimmsten Sarazenen; Blancandrin sollte der Sprecher sein.

»Geht zum großen Karl,« befahl der König, »tragt Ölzweige in den Händen, seid listig: und verschafft ihr mir durch euren Witz Ruhe vor diesem Karl, werd' ich euch lohnen mit Gold und Silber und schönen Weibern.«

Zehn weiße Maultiere ließ er da vorführen: golddurchwirkt war das Zaumwerk, die Sättel silberbeschlagen. Die Boten saßen auf und Ölzweige in Händen ritten sie nach Cordova.

Das lag in Trümmern: die Franken hatten es erstürmt und große Beute gemacht. Wer von den Einwohnern nicht sterben wollte, mußte sich taufen lassen. Frohgemut saß Karl in einem großen Garten, um ihn seine Paladine und Barone: auf weißen Decken saßen sie bei Brettspiel und allerlei Kurzweil. Unter einer Fichte, neben einem Weißdorn thronte Kaiser Karl auf seinem goldenen 433 Faltestuhl. Weiß war sein langer Bart, blütenweiß nun auch sein Scheitel: die Boten erkannten ihn ohne Fragen. Sie stiegen ab und grüßten ihn demütig, und Blancandrin begann:

»Gott segne dich! Mich sendet Marsil mit ehrerbietigem Gruß: reiche Gaben bietet er dir: Windspiele, Löwen, Bären, siebenhundert Kamele, tausend Jagdfalken, vierhundert Maultiere mit Schätzen beladen: Goldbesanten, genug, deine Krieger zu löhnen. Dann gib ihm Frieden, und kehre heim nach Aachen: dorthin wird dir mein Herr folgen zum Michaelsfeste.«

Sinnend neigte Karl sein Haupt, dann fragte er streng: »Das klingt wohl gut, doch was bürgt mir für Marsils Treue?«

»Geiseln, großer Kaiser: zehn, ja zwanzig der edelsten Jünglinge unsres Volkes; mein Sohn ist auch darunter. Du magst sie alle töten, kommt Marsil nicht, dir zu huldigen: denn er begehrt Christ zu werden.«

»Bis morgen, ihr Boten, geduldet euch,« sprach Karl und wies den Sarazenen Herberge an.

Am nächsten Morgen versammelte Karl seinen Rat in demselben Garten.

»Barone,« begann er, »ihr habt Marsils Botschaft gehört: doch ich weiß nicht, was er im Sinn führen mag?«

Roland sprang auf vom Sitz: »Traue nicht Marsil! Er ist ein Verräter! Einst kamen auch Boten von ihm, die sprachen gerade so wie diese: Basan und Basil, unsre edlen Genossen, sandtest du darauf zu ihm, – er ließ sie köpfen! Nein, Krieg gegen den Heiden! Auf, führe uns nach Saragossa! Wir erstürmen dir die Stadt und rächen deine Grafen.«

»Roland redet mehr Übermut als Weisheit,« sprach Ganelon, »höre nicht auf ihn! Denk' an deinen Vorteil: 434 Frieden und Unterwerfung, ganz Spanien wird dir geboten! Wer da zum Krieg rät, ist ein Tor.«

»Herr, mir deucht, in Ganelons Rat ist Weisheit,« sprach der alte Naimes, sich erhebend, »ganz Spanien hast du bezwungen, Marsil kann dir nicht länger widerstehn und bittet um Schonung. Er stellt Bürgen für seine Treue: Sünde wär's, ihm nicht willfahren. Es war genug des Kriegs: schick ihm einen der Barone, die Zeichen seiner Unterwerfung zu empfangen.«

Da riefen alle: »Weise sprach der Herzog!«

»Wohlan,« fragte der Kaiser, »wer soll der Bote sein?«

Und Naimes antwortete: »Ich will gehn.«

»Bei meinem weißen Barte, Freund Naimes, du bist ein weiser Mann: – und bleibst bei mir, setze dich.«

»So laß mich reiten, Ohm!« rief Roland.

Doch Oliver sprang rasch auf und entgegnete: »Nein, Freund, du nicht! Dein Sinn ist allzu stolz und zornmütig: mischest du dich drein, verdirbst du, fürcht' ich, alles: Herr Kaiser, ich will Euer Bote sein, wenn's Euch gefällt.«

»Schweigt, Herr Oliver, und schweige, trauter Neffe: ihr werdet beide nicht gehen, und keiner von euch jungen Paladinen.«

Da erhob sich Erzbischof Turpin: »Laßt Eure Franken im Lager bleiben, Herr! Gebt mir Stab und Handschuh und ich will zu dem Saracenen reiten und ihn mir einmal betrachten.«

»Bischof, setzt Euch! Und redet nicht weiter bis ich's Euch befehle,« sprach Karl, »ihr Herren, wählt mir einen Boten!«

»Dann ist keiner tauglicher dazu als Ganelon, mein Stiefvater,« antwortete Roland, und alle Barone riefen: »Ja, er soll es sein.«

435 »So tretet heran, Ganelon, nehmt Stab und Handschuh aus meinen Händen: Ihr seid der Bote! So wollen's die Franken.«

»Das will nur Roland! Schlecht taug' ich zu solchem Dienst! Ich will des Markgrafen Freund nicht länger sein: ich sag ihm ab und allen seinen Genossen!« rief Ganelon.

»Schweigt! Und zieht: weil ich's befehle!« sprach der Kaiser.

Aber Ganelon fuhr fort: »Ich gehe nach Saragossa und weiß, daß ich nicht zurückkomme von dort: Marsil wird mich töten! Land und Lehen laß ich Balduin, meinem schönen Sohne. Herr Kaiser, seid ihm dann ein huldreicher Herr.«

»Ganelon, du bist zu zärtlich: du quälst dich mit unnötiger Sorge,« tröstete der Kaiser den Grafen. Der aber riß das marderverbrämte Obergewand von den Schultern und stand da im feinen Unterkleid: mit hellen Augen, stolzen Angesichts. Die dichten blonden Hare hingen ihm nieder auf die breiten Schultern; sein Leib war schlank, er war schön: mit Wohlgefallen sahen's die Franken. Ganelon kehrte sich zu Roland:

»Was erbost dich gegen mich, deinen zweiten Vater? Du rätst, mich zu Marsil und in den sichern Tod zu schicken? Komm ich – wenn es Gott gefällt – mit dem Leben zurück, so will ich dir ein Leid antun, daran du für's ganze Leben tragen sollst. Ich gehe, aber ich sinne mir etwas aus, gegen dich meinen Mut zu kühlen.«

Hell auf lachte Roland: »Daß ich kein Drohen fürchte, wissen alle Franken!«

Aber Ganelon ward nur noch zorniger: »Gerechter Kaiser,« sprach er, »hier steh' ich, Euren Befehl zu erfüllen.«

436 Da hielt ihm Karl den Handschuh hin; als der Graf ihn nehmen wollte, ließ er ihn zur Erde fallen.

»Das bedeutet uns Unheil,« murmelten die Franken. Dann reichte der Kaiser ihm Stab und Brief, segnete ihn und hieß ihn ziehen.

Ganelon ging in seine Herberge, rüstete sich aufs beste, gürtete Murglies um seine Hüfte, schwang sich auf sein Kampfroß Tachebrun, Guinemer, sein Oheim, hielt ihm den Bügel; seine Gesippen und Lehnsmänner standen dabei, weinten und klagten: »Schmach über Roland! Herr, Ihr reitet in Euer Unglück. Nehmt uns mit!«

»Nein, ihr Freunde: 's ist besser, ich sterbe allein. Wenn ihr heimkommt ins süße Frankenreich, dann grüßt mein Weib und Pinabel, den Getreuen, und haltet zu Balduin als eurem Herrn.«

Darauf ritt er hinaus, gesellte sich den Saracenenboten und zog mit ihnen des Wegs nach Saragossa. Bald begann Blancandrin:

»Der große Karl ist ohne Ruh und Rast! Was trieb ihn, uns in Spanien heimzusuchen?«

»So ist einmal sein Sinn! Und es lebt kein Mann, der ihm widerstände,« antwortete der Graf.

»Weshalb drängen und treiben ihn die fränkischen Barone unablässig zu Kriegsfahrten und zu andrer Verderben?«

»Ich weiß nur von einem, der das tut: das ist Roland! Der ist voll Übermut, spielt mit dem Tode; fällt der einmal, da haben wir alle Ruhe.«

»Ja, der stolze Roland ist der Schlimmste. Alle Völker will er sich unterwerfen; in allen Landen weckt er den Krieg auf! Mit welchem Recht?« fragte Blancandrin wieder.

Ganelon antwortete: »Die Franken lieben ihn, und 437 lassen niemals von ihm. Mit offenen Händen gibt er Gold und Schätze hin: ja selbst der Kaiser tut, was Roland will. Und Roland ruht nicht, bis er die Welt erobert hat.«

So ritten die zwei nebeneinander hin und tauschten Reden, der Franke voll Zorn und Rachedurst, der Saracene voll Arglist, bis sie sich ihr Wort darauf gaben, Roland in den Tod zu schicken.

In Saragossa fanden sie den König in einem Garten unter einem Eichenbaum auf Purpurdecken sitzend, und um ihn geschart seine Saracenen. Blancandrin führte Ganelon an der Hand vor Marsil und sprach:

»Dich segne Mohammed! Ich habe deine Botschaft an Kaiser Karl ausgerichtet: er hob die Hände schweigend zum Himmel und schickt dir hier einen seiner edelsten Barone, von ihm vernimm die Antwort.«

»Er rede,« erwiderte der König, »ich höre.«

Stolzen Blickes hub Ganelon an: »Euch segne Gott, den wir verehren! Dies entbietet Euch Herr Karl: die heilige Taufe sollt Ihr empfangen und halb Spanien aus des großen Kaisers Hand. Wollt Ihr das nicht, so wird er Saragossas Mauern brechen und Euch gebunden wegführen nach Aachen. Dort werden fränkische Richter Euch das Urteil finden: zu sterben mit Schimpf und Schmach.«

Auf sprang der König von seinen Polstern, er faßte seinen Rohrspeer und hätte den Franken durchstoßen, hätten ihn nicht seine Saracenen zurückgehalten. Er erbleichte vor Zorn und schüttelte den erhobenen Speer gegen Ganelon. Der hatte sein Schwert gezogen und rief: »Sterb ich hier, sollen zuvor die Besten mit ihrem Blut bezahlen.«

Die Saracenen besänftigten ihren König, daß er wieder niedersaß, und Ganelon fuhr fort: »Kaiser Karls Botschaft will ich ausrichten! Um nichts in der Welt verschweig ich, was er mir zu sagen gebot.« Zornig warf er seinen 438 Mantel ab,.– Blancandrin nahm ihn auf, – Murglies wollte er nicht aus Händen geben.

»Edel ist sein Wesen!« murmelten die Ungläubigen.

Und der Graf fuhr fort: »Ihr zürnt sehr mit Unrecht! Halb Spanien gibt Herr Karl Euch, die andre Hälfte Roland, seinem Neffen: an dem habt Ihr einen stolzen Teilgenossen. Gefällt Euch das nicht, so sagt ich schon, was Euch geschieht! Hier, diesen Brief noch schickt Euch mein Herr.«

Zürnend nahm Marsil den Brief, erbrach das Siegel, warf es auf die Erde und las was in dem Schreiben stand: »Ha, ha,« lachte er, »Karl gedenkt Basans und Basils, daß ich sie köpfen ließ! Und meinen Oheim, den Kalifen, sollt ich ihm als Geisel geben, wollt' ich mein Leben behalten.«

Da rief Jurfaret, des Königs Sohn: »Der Franke da redete Torheit, Vater, gib ihn mir, er muß sterben.«

Ganelon stellte sich mit dem Rücken an den breiten Fichtenstamm und schwang Murglies empor, Marsil aber erhob sich und ging hinweg in seinen Garten, Jurfaret, der Kalif und die Vornehmsten mußten ihn begleiten, und Blancandrin sprach: »Herr, rufe den Franken zu dir: er hat mir sein Wort verpfändet für unsre Sache.«

»So führ' ihn her,« befahl Marsil, und als der Graf, von Blancandrin geleitet, vor ihm stand, begann er: »Lieber Ganelon, ich wäre töricht, da ich dich im Zorne töten wollte. Deinen kostbaren Zobelpelz hab ich dir zerrissen, ich gebe dir reichen Ersatz. Erzähle mir vom großen Karl. Er ist alt, mich dünkt, zweihundert Jahre bleichten seinen Scheitel! So viele Länder hat er durchzogen, Völker unterworfen und Herrscher in den Staub gestoßen! Wann will er endlich ruhen von seiner Heerfahrt?«

»Karl ist ein Held, und Helden ruhen nicht! Wie viel 439 ich Euch von ihm rühmte, es bliebe stets noch mehr zu preisen. Solange Roland lebt und Oliver und seine Paladine, ist Karl so wohl behütet, daß er vor niemand sich fürchtet,« antwortete der Graf.

»Du sahst mein Heervolk: glaubst du, daß ich mit ihm Karl besiegen kann?« fragte der Saracene.

»Nein, König Marsil! Steht davon ab: sendet Karl reiche Geschenke, das verblendet die Franken, schickt ihm die zwanzig Geiseln, dafür zieht er heim nach Francien. Die Nachhut seines Heeres werden dann – so mein' ich – Roland und Oliver führen. Die Grafen werden fallen – so mein' ich – und mit ihnen fällt des Kaisers Stolz und sein Gelüsten nach Kriegsfahrt.«

»Wie kann ich Roland töten?« fragte mordgierig Marsil.

»Wann Karl den Paß von Sizer übersteigt und dem Grafen seine Nachhut anvertraut hat, dann schickt nacheinander zwei Heere gegen sie: es werden böse Kämpfe sein: im ersten werdet Ihr unterliegen, im zweiten fallen auch die letzten Franken: dann fällt auch Roland.«

Da umarmte und küßte der Saracene den Franken, tat seinen Schatz auf und reichte ihm Gold. Dabei sprach er:

»Der Rat taugt nichts, macht er mich nicht ganz sicher: darum schwöre mir, Roland also zu verraten.«

»Wie Ihr wollt,« antwortete Ganelon, und er beschwor den frevlen Verrat auf sein Schwert Murglies. Marsil ließ die Gesetzbücher Mohammeds und Termagants bringen und schwur darauf: daß er mit seinem ganzen Volk Roland bekämpfen wolle und töten, wenn's gelinge.

»Mög's gelingen,« sprach Ganelon.

Da eilte Valdabrun, Marsils Waffenmeister, herzu, ein Schwert in der Hand: »Nimm hier mein Schwert, Franke: 440 Mangunen zieren die Hetze. Ich biet' es dir aus Freundschaft: du sorgst, daß wir Roland in der Nachhut finden.«

»Verlaß dich drauf,« antwortete Ganelon.

Der Heide Climorin schenkte ihm seinen schönen Helm, die Königin Braimunde reichte ihm zwei Amethyst- und Jacchant-bespängte Mantelschließen für sein Weib.

Der Schatzmeister Maldui mußte die Geschenke bereiten: siebenhundert Kamele, schwer mit Gold beladen; und zwanzig Jünglinge aus den edelsten Geschlechtern folgten als Geiseln. Beim Scheiden sprach Marsil zu Ganelon: »Bei deinem Gott, Franke, laß dir den Sinn nicht wenden. Ich lohne dir's alljährlich mit dem feinsten Gold Arabiens, soviel zehn Mäuler davon tragen können.«

Der Graf schwang sich auf Tachebrun und sprengte davon.

Um die Morgenstunde, als Karl mit den Paladinen im Garten versammelt war, traf Ganelon dort ein und begann mit großer List: »Seid gesegnet, großer Kaiser! Ich bring' Euch die Schlüssel von Saragossa; mir folgen die edlen Geiseln und reiche Geschenke. Das alles sendet Euch Marsil: um seinen Ohm, den Kalifen, dürft Ihr nicht mit ihm rechten! Ich selbst sah, wie ihm dreitausend saracenische Krieger zum Meer auf die Schiffe folgten; sie flohen, weil sie Mohammeds Gesetzen nicht entsagen wollten; doch ich sah auch, wie auf dem Meere sich ein Sturmwind erhob und alle ertranken. Marsil aber wird sich Euch stellen in Aachen wie er's gelobt hat, mit zusammengelegten Händen.«

»So sei Gott gepriesen!« rief da Karl, »der Krieg ist aus! laßt die Hörner gellen durch alle Lager: die Franken ziehen heim nach dem süßen Francien.«

Frohen Sinnes bereiteten sie sich zum Aufbruch.

In der Nacht träumte Karl, er stehe auf dem Paß 441 Sizer, halte den Eschenspeer in der Faust, Ganelon entreiße ihm den Schaft und schleudere ihn so gewaltig, daß er zerspelle und die Splitter gen Himmel flögen.

Und wieder hatte er ein Traumgesicht: er war zu Aachen in der Kapelle, ein Bär biß ihn in den rechten Arm: und aus den Ardennen rannte ein Eber daher und hieb auf seinen Leib ein. Da kam ein Jagdhund gerannt, biß dem Bären ins rechte Ohr und bekämpfte den Eber. Doch das Ende sah er nicht.

Beim frühesten Tageslicht brach er auf und ritt bis an das Tal von Ronceval. Dort hielt er Rat mit seinen Baronen: »Sehet die Engpässe und die krummen Wege! Wem sollen wir die Nachhut anvertrauen?«

Rasch antwortete Ganelon: »Roland, er ist dein tapferster Held!«

Grimmig blickte der Kaiser ihn an: »Mordlust und Haß wohnen in deinem Herzen! Wer soll dann unserm Heere vorreiten?«

Und wieder antwortete Ganelon: »Ogier: keiner könnte es besser.«

Und alle Barone stimmten dem Grafen zu.

»Dank, Stiefvater!« rief Roland, »kein Roß, keinen Zelter, kein Maultier soll Kaiser Karl verlieren, ohne daß darum Blut flösse. Nun gib mir, Herr Karl, den Bogen, den du in Händen hältst: ich werde ihn nicht fallen lassen, wie Ganelon tat, als er deinen Handschuh empfing.«

Karl senkte sein Haupt und weinte: da flüsterte Naimes ihm ins Ohr:

»Sie haben Roland nun einmal erwählt: er ist der Tapferste! Wohlan, laß ihm die besten Kriegsscharen zurück.«

Karl blickte auf und sprach: »Trauter Neffe, nimm hier den Bogen, und mein halbes Heervolk, damit du sicher seiest.«

442 »Nimmermehr,« rief Roland, »gib mir nur zwanzigtausend Franken und ziehe ruhig über die Pässe: solang ich lebe, fürchte niemand.«

Er schwang sich auf Veillantif; da gesellten sich ihm all seine Genossen und Freunde: Oliver, Sansun, Ansëis der Alte, Garin und Gerer, Otto, Berengar und Engeler; Erzbischof Turpin sprach: »Ich bleib' bei Roland,« und Walter von Leon rief: »Ich bin Rolands Mann, ich darf nicht fehlen!« und zwanzigtausend Grafen, Barone und Edelknechte wählten sich selber in des stolzen Roland Nachhut.

Der berief Walter von Leon: »Nimm tausend Franken und besetze die Pässe und Hügel und wenn du den Notruf unsrer Hörner hörst, dann steigst du mit siebenhundert zu uns herab.«

»Ich dien' Euch gern,« antwortete Walter und trennte sich von dem Markgrafen.

Durch düstre Täler, über hohe Berge zog der Kaiser dahin: fünfzehn Meilen weit hörte man das Getöse der fränkischen Heerscharen. Als sie die Gascogne erblickten, ward ihnen das Herz froh: denn sie gedachten ihrer Weiber und Kinder daheim. Kaiser Karl aber gedachte Rolands in den Tälern von Ronceval, er verhüllte sein Antlitz mit dem Mantel und weinte. Herzog Naimes ritt neben ihm, er sah's und fragte:

»Was bekümmert dich so sehr?«

»Freund,« antwortete Karl, »ich sah ein böses Traumgesicht: Ganelon zerbrach mir den Speer: von Ganelon, fürcht ich, kommt uns Unheil: er wies mir Roland in die Nachhut! Wenn ich ihn verlöre!«

Er konnte die Tränen nicht hemmen, alle Franken sahen's und sorgten mit ihm um den Markgrafen.

Marsil berief inzwischen seine spanischen Kriegsscharen: 443 in vier Tagen hatte er vierhunderttausend beisammen. An ihrer Spitze zog er in raschem Ritt durch Täler und Berge nach Ronceval, bis er die Nachhut erspähte. Da sprengte sein Neffe Adalroth heran und bat:

»Lieber Ohm und König, gib mir heut' ein Lehen: den ersten Hieb auf Roland: ich will ihn töten.«

Willfahrend nickte der König, der Neffe fuhr fort: »und deine vornehmsten Kämpen wähle mir aus: wir wollen Herrn Karls Paladine bezwingen.«

Da waren genug bereit, ohne Wahl: Falsaron mit der breiten Stirn, Marsils Bruder; der schlimme Berber Corsalis sprach: »ich bin der dritte: wer will der vierte sein?«

»Ich,« rief laut Malprimis von Brigal, der schneller lief als ein Roß, »und wo ich Roland treffe, erschlag' ich ihn.«

Ein Admiral, hieß Balaquer, hoch gewachsen, mit hellem Antlitz, ein ganzer Held, sprach: »Ich gehe mit: dem Tod verfallen sind Roland und Oliver.«

Der Almasur von Moriane prahlte: »Meine Speerträger führ' ich nach Ronceval: seh ich Roland, wird er fallen.«

Graf Turgis von Tortelosa rief: »Mehr gilt als Sankt Peter Mahum! Seht hier mein Schwert: mit Durendal soll sich's kreuzen: und Karl soll darob klagen.«

Ihm folgte Escrimis von Valterne, ein Saracene: »Ich werde Rolands Stolz beugen: er kommt nicht heil davon und keiner seiner Freunde.«

Dann kamen der Heide Esturgans und Estramaris, sein Waffenbruder: »Unsre Schwerter sind scharf: wir treffen Roland und Oliver.«

Der ritterliche Margaris von Sibilien, dem die Frauen zulächelten wegen seiner Schönheit, schwur: »Ich zieh nach Ronceval, Roland zu töten: mein Schwert röt' ich 444 in edlem Frankenblut, ihr Land wird unser, und Marsil soll thronen im Schlosse von Paris.«

Nach ihm trat vor Chernuble von Valneire: dem wallten Bart und Haar bis zur Erde, leicht trug er schwerere Last als vier Maultiere vermochten. In dem Land. wo er geboren, schien keine Sonne, wuchs kein Korn, nicht Regen fiel, noch Tau, und alle Steine. die dort lagen, waren schwarz: Teufel sollten dort wohnen. Er sprach: »Treff' ich den stolzen Roland und erschlag' ihn nicht, so glaube nie mehr meinem Wort.«

Und mit diesen Kämpen zogen hunderttausend Saracenen. Dreifachgedoppelte Brünnen von Saragossa umschlossen ihnen die Brust, Speere von Valencia trugen sie in der Faust, und sie ritten auf starken Schlachtrufen dahin. Blau, weiß und grün flatterten ihre Banner. Hell war der Tag und voller Sonnenschein: tausend Hörner gellten durch die Luft, weithin erglänzte das Rüstzeug, schallte das Getöse.

Das hörten die Franken in Ronceval.

»Freund Roland,« begann Oliver, »mich dünkt, wir müssen eine Schlacht schlagen!«

»Mag's so kommen!« antwortete der stolze Roland, »für seinen Kaiser muß jeder alles tun: für ihn stehen und fallen! An mir sollt ihr kein böses Vorbild haben! Nun denke jeder seiner besten Hiebe: daß kein schlechtes Lied von uns gesungen werde.«

Oliver stieg auf einen Hügel, von wo aus er weit in Spanien hineinblicken konnte, sah das Heidenvolk heranziehen und rief hinunter: »Ich seh' ein Meer von Brünnen und Helmen: Ganelon hat uns verraten! Er ist ein Schurke!«

»Zügle deine Rede!« antwortete Roland, »er ist mein Stiefvater.«

445 Aber Oliver sah immer mehr Helme, Speere und Banner; eilends stieg er den Hügel hinab und berichtete den Franken: »Mehr Heiden sah ich nie beisammen! Sie ziehen gegen uns. in Halsbergen, die Helme festgebunden, die Speere hoch im Arm: wir werden eine Schlacht haben. Franken, steht fest, daß wir den Sieg gewinnen.«

»Schande dem, der flieht, und geh's in den Tod!« rief das Heervolk.

Oliver wandte sich zu Roland: »Wir Franken sind wenige, der Heiden sind viele: Freund Roland, blas deinen Olifant, damit Herr Karl dich hört und mit dem Heer umkehrt.«

»Da wär' ich ein Narr!« antwortete der Markgraf, »ich würde meinen Ruhm verlieren im süßen Francien! Lieber schlag' ich Todeshiebe mit Durendal: bis an die goldne Helze soll's triefen von Blut. Die Heiden reiten all' in den Tod.«

»Blas dennoch dein Horn, lieber Gesell!« mahnte Oliver.

»Daß man mich und mein ganz Geschlecht feige schelte, und Franciens Ruhm sänke! Das verhüte Gott!«

»Freund Roland,« drängte Oliver, »blas dein Horn! Der Kaiser hört's und kehrt um.«

»Damit sie sagten: um der Heiden willen blies Roland Not und Sturm? Nein! Tausendundsiebenhundert Hiebe will ich diesen Verrätern schlagen! Ihr Franken werdet wacker dreinhauen: die Saracenen rennen in den Tod.«

Noch einmal hub Oliver an: »Tal und Hügel sind bedeckt von Heiden, wir haben nur ein kleines Heer voll!«

»Freund, mein Sinn ist gar grimmig! Francien soll 446 nicht seinen Ruhm verlieren durch mich: lieber den Tod als die Schande!«

Roland war stolz, Oliver war klug, von wunderbarer Kühnheit waren beide. Ging's zum Tod, sie fürchteten nichts: stolz saßen sie auf ihren Hengsten.

Die Saracenen kamen näher, allen Franken sichtbar.

»Sieh sie an,« sprach Oliver. »Du willst dein Horn nicht blasen? Wir werden keine Nachhut mehr halten nach dieser.«

Aber Roland wurde nun grimmer als Leu und Leopard: er antwortete: »Lieber Freund, sprich nicht so! Kaiser Karl gab mir diese zwanzigtausend, und unter ihnen ist kein Feigling. Ich will die Heiden treffen! Und sterb' ich, soll man sagen: der Durendal getragen, war ein Held!«

Erzbischof Turpin ritt vor die Heerreihen und rief laut: »Für unsern Kaiser ziemt sich's, freudig zu sterben! Die Schlacht steht uns bevor, darum betet zu Gott und bereuet eure Sünden: ich will euch ihrer ledig sprechen. Wer hier fällt, gewinnt einen Sitz im Paradiese.«

Da knieten alle nieder: der Erzbischof segnete sie und legte ihnen zur Buße auf, drein zu schlagen. Und rasch sprangen sie auf ihre Rosse und waren bereit, zu kämpfen.

Roland ritt voran auf Veillantif, in der Rechten schüttelte er den Speer, daran ein weißes, goldgesäumtes Wimpel flatterte. Herrlich war er zu schauen: mit den hellen Augen und dem lachenden Angesicht! Grimmig blickte er nach den Feinden, freundlich auf die Franken.

Er rief: »Nun haltet kurzen Schritt, ihr Herren Barone: die Heiden holen sich den Tod!«

Dicht hinter ihm kam Oliver, der sprach: »Barone, nun haltet euch im Feld: seid wohl bedacht, gut zu treffen 447 und gut abzuwehren Stoß wie Hieb. Und vergesset nicht Karls Schlachtruf!«

Da hallte es brausend durch die Täler und Bergen »Montjoie Karl!«

Und im raschen Schritt sprengten sie vorwärts in den Feind.

Marsils Neffe jagte seinem Heer weit voraus und rief: »Wer euch die Nachhut vertraute, hat euch verraten! Karl ist ein Narr! Heut' wird er seinen Ruhm verlieren.«

Als Roland den Schreier hörte, rannte er ihn an mit gesenktem Speer, durchstieß den Schild, zerriß die dreifach gedoppelte Brünne, durchbohrte ihm die Brust und warf ihn tot aufs Gefild, eine Speerlänge weit und rief dabei: »Herunter, Schurke! Karl ist kein Narr und kein Verräter! Haut ein, Franken, unser ist der erste Schlag!«

Falsaron sah den Neffen fallen und brach sich Bahn durchs Kampfgetümmel mit wildem Schlachtschrei und rief: »Heut' verliert Francien seinen Ruhm!«

Das erzürnte Oliver: er lenkte Falsaron entgegen, prallte mit dem Speer auf dessen Schild, zerriß ihm das Kettenhemd, durchbohrte ihm den Leib und warf ihn aus dem Sattel. Stolz blickte er den Sterbenden an und rief: »Schlagt zu, Barone! Wir werden siegen. Montjoie Karl!«

Corsalis der Berber sprach zu seinen Leuten: »Der Sieg ist unser: die Franken sind zu wenige, sie müssen alle hier fallen.«

Aber schon sprengte gegen ihn Turpin mit dem Langspeer: des Berbers Schild barst, die Ringe rasselten aus seinem Halsberg nieder, und tief in die Brust drang ihm der Stoß. Mit zornigem Ruck warf ihn der Bischof ins Gras und rief: »Heidenhund. du hast gelogen! Wie dir 448 betten wir hier all deinen Genossen. Gott sei die Ehre, unser der Sieg! Montjoie Karl! Barone, trefft gut!«

Und Engeler traf Malprimis von Brigal: speerdurchschossen fiel dessen Leib mit dumpfem Krach zur Erde, die Seele fuhr zum Teufel!

Den Admiral von Balaquer ersah sich Gerer, und sein Genoß Garin gab dem Saracenen den Todesstoß mitten ins Herz.

»Herrlich geht die Schlacht!« rief Oliver.

Herzog Sansun traf mit dem Almasur zusammen: des Spaniers goldbemalter Schild zerschellte, die geflochtene Brünne wehrte dem Stoß nicht: des Franken Speer durchstach ihm Herz, Lunge und Leber.

»Das war ein guter Stoß, wem er auch mißfällt!« lachte Turpin.

Ansëis der Alte ließ seinen Hengst rennen und bohrte seines Speeres Eisenspitze Turgis von Tortelosa durch Schild, Harnisch und Herz.

Der Gascogner Engeler stieß mit Escrimis von Valterne zusammen. Des Saracenen Schild zerbrach, der Halsberg ward ihm heruntergerissen und mit speerdurchbohrter Brust stürzte er aus dem Sattel.

Walter von Leon traf den Heiden Estorgant mitten auf den Schildbuckel: der ganze Schild, rot und weiß, zerbarst, aus des Heiden Harnisch rasselten die Ringe, auf seiner breiten Brust klaffte eine Wunde, daraus ein Strahl Blutes sich ergoß. Tot fiel er vom Roß.

»Dir hilft niemand wieder auf!« rief Walter.

Graf Berengar durchspeerte Estramaris und schleuderte den Sterbenden mitten unter seine Saracenen.

Margaris hielt auf Oliver. Schön, stark und gewandt war der Spanier: sein Speer durchstieß des Franken Schild unter dem Buckel und streifte seine Hüfte, ohne 449 ihn zu verletzen. Margaris ließ den zersplitternden Speer fahren, blies in sein Horn, sammelte sein Volk und stürmte weiter in die Schlacht.

Und gewaltig ward diese Schlacht.

Roland tat fünfzehn Todesstöße, da brach sein Eschenschaft in Stücke. Er schwang Durendal auf Chernuble und spaltete ihm den karfunkelbesetzten Helm, und das Haupt, und den Leib, von weißringiger Brünne umspannt, und den goldbeschlagenen Sattel, und erst in des Rosses Rücken blieb die gute Schneide stecken. Lautlos sank Chernuble aufs Feld.

»Du wirst den Sieg nicht gewinnen; du kamst zu deinem Unheil her!« rief Roland und ritt mitten durch die Feindesreihen, sein Schwert schwingend. Er türmte Leichen auf Leichen, das Blut rieselte davon übers Feld. Von Blut gerötet waren ihm Arm und Brünne, blutbespritzt seines Hengstes Hals und Bug.

Die Franken standen gut im Feld und gedachten ihrer besten Hiebe. Rings fielen die Saracenen; freudig rief Turpin: »Heil eurer Tapferkeit! Montjoie Karl!«

Olivers Speer war zerbrochen, er führte nur noch den Stumpf; damit zerspellte er dem Mauren Nialun den goldbespängten Schild und stieß ihm zwischen beide Augen: mitten in die Kämpfenden flog der kopflose Leib. Da begegnete Roland seinem Genossen und sprach: »Freund, was willst du mit dem Stumpf? Wo ist Alteclair?«

»Ich fand noch keine Zeit, es zu ziehen,« antwortete Oliver, warf nun den Speerstumpf fort, riß sein Schwert aus der Scheide, schwang es und spaltete Justin von Val Ferree den Helm, das Haupt und die Brust mit dem reichgeschmückten Harnisch, den Sattel samt der golddurchwirkten Decke, und des Hengstes Rücken: tot stürzten Roß wie Reiter.

450 »Um solche Hiebe liebt uns Karl!« sprach Roland.

Und ringsum riefen die Franken: »Montjoie Karl!«

Auf fahlem Roß ritt Garin, sein Genosse Gerer ihm zur Seite. Zusammen trafen sie Timozel, den Araber: der eine zerhackte ihm den Schild, der andre zerhieb ihm das Kettenhemd und beider Speere durchbohrten seinen Leib.

Der Erzbischof erschlug noch einen toledaner Zauberer, Siglorel geheißen: der sollte in der Hölle gewesen sein durch schwarze Kunst.

»So fahre nun wieder zurück zu Satanas!« sprach der Bischof dabei.

Grimmiger wurde das Kämpfen: blutig und zerspellt wurden Speere, Banner zerrissen und ins Gefild gestampft, Ächzen und Stöhnen und wilder Schlachtschrei klangen dazwischen und weh, mancher Franke fiel. Turpin tat mehr als tausend Hiebe mit Almace, keiner der Paladine säumte: haufenweis lagen Saracenen und Heiden erschlagen, wer nicht floh, mußte sterben. Und von all den Hunderttausend entkam nur einer, der war Margaris. Vier Speere hatten ihn getroffen, bluttriefend, mit zerhacktem Schild, zerschlitztem Harnisch und blutigem Schwert kam er zu Marsil gesprengt und rief:

»Die Franken haben all unser Heervolk erschlagen, die Hälfte von ihnen ist dabei gefallen, die andern sind wund oder ermattet, ihre Speere sind zerbrochen, ihr Rüstzeug ist geborsten. König Marsil, nun reite rasch nach Ronceval, willst du Spanien zurückgewinnen.«

Dann sank er tot aus dem Sattel.

Und während dieser Schlacht tobte in ganz Francien ein greuliches Unwetter mit Regen, Hagel, Wind: Donner rollten, Blitze fuhren nieder und die Erde bebte, Mauern barsten, und gen Süden lag Finsternis im Land. und niemand wußte das zu deuten.

451 Die Franken in Ronceval aber beklagten ihre Gefallenen, der Freund küßte den Freund mit weinenden Augen; da rief Roland:

»Auf! Marsil kommt mit einem zweiten Heer.«

Die Feinde kamen mitten durchs Tal geritten in dreißig Scharen, die Helme glühten von den funkelnden Steinen daran, hell glänzten die weißen Brünnen, wild gellten die krummen Heerhörner.

»Bruder Oliver,« sprach da Roland, »Ganelon hat uns verraten! Aber Karl wird uns rächen!«

Die Franken erschraken beim Anblick der vielen Feinde, doch Turpin rief: »Denke keiner an Flucht! Besser ist's, hier kämpfend zu sterben: denn diesen Tag überleben wir nicht! Aber im Paradies werden euch die Sitze schon bereitet!«

Da ermannten sich alle und riefen: »Montjoie Karl!« Die ersten Saracenengeschwader drangen an; die andern blieben mit Marsil zurück.

Climorin, der Ganelon in Saragossa geküßt und ihm einen Helm geschenkt hatte, – er floh niemals, – saß auf seinem Roß Barbamusche, das eine Schwalbe im Flug überholte: er berannte Engeler, durchbohrte ihn mit seinem Speer und warf ihn aufs Feld.

»Seht Saracenen,« rief er, »die Feinde sind leicht zu schlagen.«

»Weh um Engeler, den Tapfern!« sprach Roland.

»Ich muß ihn rächen!« antwortete voll Zornes Oliver, spornte seinen Hengst, schwang das blutige Schwert und schlug Climorin tot aus dem Sattel. Dann warf er sieben Araber von ihren Mähren, daß sie für immer liegen blieben.

»Mein Waffenbruder ist mir voran in Kühnheit,« rief Roland freudig.

452 Der Christen schlimmster Feind, ein reicher Heide, war Valdabrun; er hatte Ganelon sein Schwert geschenkt. Er trieb sein Roß Gramimund gegen Sansun, den Herzog von Burgund, und durchbohrte mit seinem scharfen Speer Schild und Brust des tapfern Mannes. Hei! wie ergrimmte Roland, als er Sansun fallen sah! Wie ein Sturmwind jagte er dahin, wo er Valdabrun fand, und spaltete ihm Helm, Haupt und Leib und tötete auf einen Schlag Roß wie Reiter.

Mit Grausen sahen's die Saracenen. »Das ist uns zuviel,« riefen sie.

»Ihr sollt noch mehr solcher Hiebe haben! Ich haß euch und will euch den Weg zeigen in die Hölle!« antwortete der stolze Roland.

Eines Königs Sohn aus Afrika ritt daher in goldenen Wehrkleidern; vor allen erglänzte er. Sein Roß nannte er Salt-Perdut: so schnell wie das lief keines. Er begegnete Ansëis dem Alten, zerhieb ihm den rot und blauen Schild und schoß ihm den spitzen Wurfspeer durch den Leib.

»Weh um unsern Grafen!« schrieen die Franken, als er aus dem Sattel sank.

Da kam Turpin gesprengt und rief: »Gott verdamme dich, du Heide! Du hast mir einen Freund erschlagen!«

Und er traf mit Almace den von Gold starrenden Afrikaner, daß er mit gespaltenem Schädel klirrend neben Ansëis fiel.

»Solch ein Bischof sang nie die Messe!« jubelten die Franken.

Der Saracene Grandonie aus Kappadocien war ein Held. Er ritt Marmorie, das rasche Roß, durchrannte mit seinem eisenspitzigen Speer Garin und schleuderte ihn an einen Felsen. Dann zog er sein Schwert, und da 453 fielen vor ihm Gerer und Berengar und viele wackre Barone. Sein Volk jauchzte ihm zu, die Franken wehklagten. Aber Roland sprach: »Du sollst sie mir teuer bezahlen!«

Und sie trafen zusammen. Grandonie hatte Roland nie zuvor gesehen; doch er erkannte den Markgrafen gleich an seinem schönen Leib und seinem stolzen Blick. Er war ein Held, und er erschrak doch: gern wär' er ausgewichen; umsonst: schon schlug ihn Roland mit furchtbarem Hieb, oben beim Helm hinein, und in zwei Hälften gespalten stürzten Herr wie Hengst!

»Der ist ein Schirmherr!« riefen die Franken.

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