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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 29
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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9. Der Hund des Alberich.

Es war um die Herbstzeit in Paris, da ging Macarius, des Kaisers treuloser Marschalk, in den Baumgarten, wo die Kaiserin saß, schön, züchtig und bescheiden. Ihre Augen waren blau wie der Sommerhimmel, ihr Blondhaar floß gleich einem Mantel über ihre hohe Gestalt nieder. Mit den weißen, schmalen Fingern schlang sie bunte Fäden in den Saum eines kleinen Hemdchens. Macarius war in Liebe zu ihr entbrannt und begehrte ihre Gegenliebe. Zürnend wies die Kaiserin ihn fort, sie 401 sprach: »Schweig und geh, Verräter, ehe ich dich bei Herrn Karl verklage.«

»Dann verlör' ich Ehr' und Leben,« dachte Macarius, »warte, stolze Herrin, der Verräter wird sich rächen.«

Nun hatte der Kaiser die Gepflogenheit, daß er oft früh am Morgen aufstand und in den Wald ritt zu jagen, indessen seine Gemahlin noch schlafend lag. So tat er auch am Tage danach, als Macarius die Kaiserin im Baumgarten beleidigt hatte. Während Karl durch das Tor seiner Pfalz ritt, schritt Macarius dem kaiserlichen Schlafgemache zu. Dem Marschalk durfte kein Türwart den Eintritt verweigern: so sehr vertraute Karl dem Falschen.

Macarius fand im Saal vor dem Gemach den er suchte, den häßlichen Zwerg des Kaisers, in tiefem Schlafe. Sanft hob er den Buckligen aus seine Arme, daß der Kleine nicht erwache, und trug ihn in das leere Bett des Kaisers an die Seite der Kaiserin, die da friedlich schlafend lag und nichts davon merkte. Macarius schlich hinaus, niemand hatte sein Tun beobachtet, er warf sich auf ein Roß und ritt dem Kaiser nach. Sobald er ihn erblickte, rief er: »Laß Birsch und Beize, Karl, kehr' um, deine Kaiserin hat dich betrogen.«

»Was bedeutet das?« fragte Karl, und winkte hastig den Jägern und ritt zurück. Er fand die Kaiserin noch schlafend und so den Zwerg an ihrer Seite. Zornig riß er ihn von den Decken empor und schleuderte ihn an die Wand: da starb der Kleine und war doch schuldlos. Die Kaiserin erwachte von dem Lärm und fragte: »Herr, was schafft dir solchen Zorn?«

»Du fragst und weißt es doch recht gut,« antwortete Karl. »Weib, um des häßlichen Zwerges Liebe hast du mich betrogen.«

402 »Dessen bin ich nicht schuldig,« antwortete sie schlicht.

»Widerrede mir nicht; denn ich habe dich falsch befunden, du mußt den Feuertod sterben.«

Da kam Herzog Naimes gegangen, er hörte des Kaisers Urteil und sprach: »Herr Karl, meine Herrin ist unschuldig, nur durch Verrat kann der elende Zwerg an ihre Seite gekommen sein.«

Aber finster antwortete Karl: »Noch heute laß ich den Holzstoß schichten.«

Naimes sprach: »Das sollst du nicht! Gedenke, daß die Kaiserin dir bald ein Kindlein gebären wird! Gönne ihr Frist bis dahin: dann mag sich's auch finden, wer sie und dich betrogen hat.«

Karl blickte auf sein Gemahl und seufzte: »Ich liebte dich sehr! – Nun ist's vorbei: wohl, ich schenke dir dein Leben, doch verlaß mein Reich! Geh', Herzog, rufe meinen Kämmerling Alberich von Montdidier in den Saal.«

Karl schritt hinaus, der Gerufene wartete schon seiner.

Karl sprach: »Alberich, du bist aus dem Geschlechte Morants, ihr seid all' von treuem Blute. Nimm mein verstoßenes Weib in deine Hut und geleite sie nach Rom, dort mag sie ihr Leben in Buße vollenden; das Kindlein aber, das sie gebären wird, bringe mir: ich will dir den Dienst lohnen.«

Als Alberich hinauseilte, zu der traurigen Reise zu rüsten, folgte ihm Naimes und sprach: »Du bist ein ehrlicher Mann, darum gelobe mir, daß du der Kaiserin kein Leid antun wirst: sie ist schuldlos.«

Alberich antwortete: »Herzog, das will ich Euch gern geloben, aber auch ohne diesen Eid würde ich mein Leben für sie hingeben; denn ich glaube an ihre Reine und Treue.«

403 Er hob die Kaiserin auf einen Zelter, faßte die Zügel und führte sie aus der Pfalz: Karl stand auf seinem Söller, blickte ihr nach und weinte.

Alberich schritt dahin, ungerüstet, nur ein kurzes Schwert an der Seite, ihm folgte sein treuer Hatzhund. Alberich mied die menschenreichen Straßen und lenkte über die Seinebrücke in den Wald vor Paris. Hier ruhten sie unter einem schattigen Baum: er hob die Herrin aus dem Sattel und eilte an eine nahe Quelle, ihr Wasser zu holen. Da schallten eilige Hufschläge durch den Wald, ein Kämpe in Eisen gekleidet sprengte heran.

Macarius war's und rief: »Alberich, überlasse mir das verstoßene Weib, und geh' deiner Wege, wenn dir dein Leben lieb ist.«

»Marschalk, Ihr seid ein Schuft,« antwortete Alberich, »ich schütze Leben und Ehre meiner Kaiserin.« Er sprang zurück und zog sein kurzes Schwert. Doch der Kampf war ungleich: wehrloser Mann zu Fuß, gegen Speerstoß, Schwerthieb, Harnisch, Schild und Rosseshufe. Er wandte das Haupt nach dem schattigen Baum und rief: »Rettet Euch, Herrin, ich kann nur für Euch sterben.«

Er wehrte sich lange und geschickt, das Blut floß von ihm nieder: da stieß Macarius mit dem zweischneidigen Schwert ihm mitten ins Herz: tot sank er ins Moos.

Der Marschalk saß ab und verscharrte den Ermordeten unter Laub und Gras, dann sah er sich nach der Kaiserin um: sie war verschwunden, der Hund sprang heulend in den Wald, aber auch der Zelter war verschwunden. Macarius folgte den Hufspuren, er dachte die Gesuchte so bald zu finden: doch der Zelter leitete ihn irre; denn die Kaiserin war zu Fuß in das Walddickicht geflohen und hielt sich verborgen. Fluchend kehrte der Marschalk am Abend heim.

404 Der Hatzhund war aber bald zurückgelaufen und hatte nach seinem Herrn gesucht: er fand die Stelle, wo er versteckt lag, und scharrte ihn mit den Pfoten wieder aus. Er leckte ihm liebkosend die Hände, stieß sanft mit der Schnauze an seine Wange, und da sein Herr die Augen nicht aufschlug, starr, mit Blut beschmutzt, dalag, streckte er sich winselnd neben den Leichnam nieder. So lag er drei Tage und Nächte, am vierten Tage trieb ihn der Hunger auf. Er lief den Weg zurück nach Paris, in die Pfalz und geradewegs in des Kaisers Saal. Der saß eben zu Tische mit geistlichen und weltlichen Herren. Der Marschalk schritt durch den Saal, als der Hund hereinsprang: der fiel ihn von hinten an und biß ihn in die Wade. Wütend schlug Macarius mit seinem goldenen Stabe nach dem Hund, der aber sprang auf den Tisch, packte mit den Zähnen ein Brot, rannte hinaus und wieder in den Wald zu dem toten Alberich. Am nächsten Tage kam er wieder, kroch unbemerkt unter eine Bank und als Macarius zum Essen niedersaß, biß er ihn unter dem Tische so grimmig in die Beine, daß das Blut niederrann. Der Marschalk fuhr schreiend auf, der Hund packte wieder ein Brot und wollte hinaus, doch die Tür war verschlossen und Macarius rief: »Das Vieh ist toll, erschlagt es!« Karl gab den Dienern einen Wink, der Hund aber lief zu Naimes und legte Pfote und Kopf in des Herzogs Schoß.

Der ergriff ihn am Halsband, streckte abwehrend die Hand gegen die Diener aus und sprach: »Herr Kaiser, das ist Alberichs Hatzhund, er nahm ihn mit auf seine Fahrt: gebt dem Tiere Frieden: der Hund zeugt für seinen Herrn gegen den Marschalk: Macarius, ich klage dich an: du hast Alberich ermordet!«

»Alter Graukopf, wäge deine Worte besser,« schalt der 405 Angeklagte, »ein bissiges Vieh kann deine Lügen nicht beweisen. Was schwatzest du von Alberichs Tod? Traun, der zieht längst in Burgund auf der Heerstraße dahin.«

Naimes sah ihn mit kaltem Blick an und sprach: »Herr Kaiser, laßt dem Hunde das Tor öffnen, uns aber ihm folgen.«

Da sprangen des Macarius Gesippen drohend von den Bänken auf: Herr Ganelon, Galeran und Hardrat, aber Karl gebot: »Macarius, gib mir dein Schwert, du bist gefangen, bis ich hier das Recht gefunden.«

Er winkte vier Palastwächtern, die nahmen den Marschalk in Gewahrsam. Herzog Naimes, Roland, Oliver, Wilhelm von Orange und Richard, begleitet von einigen Speerträgern, schritten hinter dem Hunde her; der führte sie in den Wald an die Leiche seines Herrn: alle sahen, daß da Mord begangen war. Sie flochten eine Bahre aus Laubzweigen, hoben den Toten darauf, Herzog Naimes spreitete seinen blauen Mantel über ihn, und sie trugen ihn nach Paris in die Pfalz. Im Hofe setzten sie die Bahre nieder, der Hund legte sich daneben. Kaiser Karl schritt aus seinem Saal herzu: er schlug den Mantel zurück und schaute den mit Blut bedeckten Toten: »Wehe, du vielgetreuer Alberich,« rief er, »wehe! Und was ward aus ihr, die du schützen wolltest?«

Freunde und Gegner des Macarius kamen herbeigelaufen, da sprach der Kaiser: »Paladine, der Mord ist erwiesen, nun findet den Mörder.«

Herzog Naimes faßte den Hund am Halsband, führte ihn vor Karl und antwortete: »Alberichs Hund klagt Macarius des Mordes an: ein Gottesurteil mag entscheiden. Der Marschalk leugnet die Tat, so muß er seine Unschuld im Kampfe gegen den Hund erweisen.«

406 »Der Marschalk kämpfe mit dem Hunde!« riefen die Paladine drohend Ganelon und seinen Gesippen zu.

Kaiser Karl sprach: »Sage mir, Naimes, der du so weise bist, wie soll Mann gegen Hund kämpfen?«

»Dem Manne gebe man einen Stab, armesdick und ellenlang, dem Hunde seine Zähne zur Wehr. Weiß jemand besseren Rat, so sag' er ihn.«

Alle schwiegen und Karl gebot: »Morgen früh soll Gottesurteil geschehen. Herzog, hüte den Hund; Barone, hebt den Toten auf und begrabt ihn: du, Ganelon, bringe Macarius das Urteil.«

Ganelon hatte Macarius getröstet: die jungen Vettern sollten bewaffnet in der Nähe halten und in äußerster Gefahr ihm beispringen. Vor den Toren der Stadt war der Kampfplatz abgesteckt und mit Speerträgern umstellt, die das herzudrängende Volk abwehrten. Herzog Naimes stand schon im Kreis, den Hund am Bande haltend, Macarius auf der andern Seite, von Schwertmännern bewacht. Da kam Kaiser Karl mit seinen Paladinen geschritten, Zeuge des Ausgangs zu sein. Er sprach: »Ich gebiete Frieden: niemand rede ein Wort, oder mische sich in den Kampf: wer's wagt, bei meinem Bart, stirbt am Galgen!«

Da war keiner so keck, daß er Macarius helfen wollte.

Erzbischof Turpin schritt eilig auf den Angeklagten zu, er trug eine Reliquie des heiligen Eustachius in Händen, hielt sie Macarius hin und sprach: »Küsse dieses Weihtum, daß Gott dich schütze, so du im Recht bist.«

Finster antwortete der Marschalk: »Laß mich, Bischof, ich brauche weder Gott noch seine Heiligen gegen einen 407 Hund.« Das Volk murrte, Turpin trat aus dem Kreis und der Kaiser gab das Zeichen.

Herzog Naimes sprach: »Nun bittet alle Gott, daß er dem Recht den Sieg verleihe.«

Darauf ließ er den Hund los. Der sprang zähnefletschend gegen Macarius, der Marschalk schlug ihn zu Boden unter grimmen Schlägen, aber plötzlich sprang der Hund mit einem Satze ihm an die Gurgel, biß sich fest und riß den Marschalk nieder, ein Blutstrom färbte den gelben Sand rot, der Hund aber ließ nicht los, wie sehr Macarius ihn auch schlug; da warf er den Knüttel fort, reckte die Hände zum Himmel und rief: »Errettet mich, ich bin schuldig.«

Karl winkte, Herzog Naimes sprang hin, packte den zerschlagenen Hund und zog ihn weg von dem Mörder.

Dann trat der Kaiser in den Kreis und sprach: »Macarius, bekenne mir deine ganze Schuld.«

Da beichtete der Marschalk, wie er den Verrat an der Kaiserin und danach den Mord an Alberich begangen.

Karl aber klagte: »Wehe, welch' Herzleid hab' ich mir bereitet, da ich meiner reinen Frau solch ungerechtes Urteil sprach! Macarius, ich kann dir nicht verzeihen, du hast dein Leben verwirkt. Fort mit ihm aufs Rad.«

Die Henkersknechte führten ihn hinweg, Rücken und Gebeine wurden ihm rasch zerstoßen: so starb er, sein Leichnam ward aufs Rad geflochten, wilden Vögeln zum Fraß.

Der treue Hund kroch auf Alberichs Grab, streckte sich und starb. Karl ließ ihn neben seinem Herrn einscharren. In alle Lande aber entsandte er Boten, nach der Kaiserin zu forschen.

408 Als die Kaiserin sich vor Macarius ins Walddicht geflüchtet hatte, blieb sie die Nacht über in ihrem Versteck. Am Morgen wanderte sie weiter, immer tiefer in den Forst: mit Moosbeeren und Wildwurzeln stillte sie ihren Hunger. So kam sie an eine Hütte, in welcher Waroch, ein Köhler, einsam hauste. Haar und Bart hingen ihm struppig ums rauhe Antlitz, die lichten Augen schauten aber gar ehrlich in die Welt. Die Kaiserin bat ihn um Aufnahme. Waroch schaute sie staunend an, sah ihre blauen Augen, ihr langes Blondhaar und sprach: »Ihr seht aus wie Herr Karls Frau. die ich einmal zu Paris sah.«

Sie antwortete: »Die bin ich auch, nun aber elender als die ärmste Bettlerin in des Kaisers Reich.« Und sie erzählte ihm alles.

»Herrin,« sprach Waroch, »wollt Ihr bei mir bleiben in meiner armen Hütte, ohne Magd, bei karger Speise, so werd' ich Euch beherbergen, Euch dienen und schützen, so lang ich atme und Euer Geheimnis bewahren.«

Da blieb sie dort. Sie gab ihm zwölf Goldgulden, all' ihre Habe, und hieß ihn, dafür in Paris Speisevorräte und bunte Seide kaufen; denn sie wollte nicht müßig leben. Waroch brachte ihr alles. Und die Kaiserin saß, wie einst Bertha Gänsefuß, im Walde und wirkte bunte Borten, die dann der Köhler einer Krämerin in Paris umtauschte gegen allerlei, dessen sie in der Einöde bedurften.

Und bald gebar die Kaiserin ein schönes Knäblein; das gedieh. Um die Zeit, als es in lichten Locken lustig ihr ums Knie sprang und sie mit blauen Augen – wie die Herr Karls – anblickte, um Pfingsten war's, ging Waroch zum zweiten Mal mit dem Gewirk seiner Herrin nach Paris. Die Krämerin betrachtete nun argwöhnend 409 die feine Arbeit in des schmutzigen Köhlers Händen und bat ihn, ein wenig zu warten. Eilend lief sie in die Pfalz und gerade vor den Kaiser, zeigte ihm die Borten und rief: »Herr, ein einfältiger Köhler brachte mir das: sah man je Köhlerweiber solches wirken? Kommt selber und befragt ihn, ob er nicht etwa von unsrer verlorenen Herrin zu melden weiß?«

Karl erkannte an dem Gewirk seines Weibes Arbeit, vor Freuden küßte er die Krämerin und von Naimes begleitet ging er an ihren Laden. Da stand Waroch und schaute sich den Kram an. Karl hielt die Borten in der Hand und sprach zu ihm: »Gesell, woher hast du dieses kostbare Zeug gebracht?«

Waroch antwortete in seiner einfältigen Art: »Aus England, Herr.«

»Das ist meines Weibes Arbeit, wo weilt sie? Sagst du mir nicht die Wahrheit, mußt du sterben. Ich bin Kaiser Karl.«

Waroch traten Tränen in die Augen, Kummer und Angst bedrängten ihn, endlich antwortete er: »Herr Kaiser, schwört mir zuvor, daß Ihr meiner Herrin kein Leid antun wollt, sonst laßt mich nur gleich sterben.«

Karl sprach: »Das gelob' ich bei Saint Denis.«

Naimes rief: »Und mich, des Kaisers Herzog, nimm noch dazu als Bürgen.«

»Dann folgt mir nur,« sagte Waroch, »sie lebt bei mir im Wald: sie geht in grauen Gewanden und betet täglich für ihn, den ihr Gott zum Eheherrn gegeben hat. Eines schönen Knäbleins ist sie genesen, das hab ich gepflegt, so gut es ein Köhler vermag.«

Kaiser Karl ließ gleich in Pfalz und Stadt verkünden, daß die Kaiserin wiedergefunden sei, und zog in stolzem Geleite mit Waroch in den Wald. Der aber bat den 410 Kaiser, er solle allein, voraus den Hofherren ihm folgen, damit nicht die Kaiserin erschrecken und wieder entfliehen möchte. In der Nähe der Hütte wies Waroch ihm den Weg und blieb zurück bei dem Gefolge.

Als Karl die Hütte erblickte, saß die Kaiserin im Sonnenschein davor; das Knäblein sah den Kaiser zuerst und rief: »Mutter, was will der stolze Mann?« Die Kaiserin erschrak, ohne umzublicken faßte sie den Knaben und wollte aufspringen, aber Karl stand schon vor ihr. Er beugte das Knie und sprach mit harmvoller Stimme: »Du vielreines Weib, ich habe dir Unrecht getan, kannst du verzeihen?« Und er netzte ihre Füße mit Tränen. Die Kaiserin beugte sich nieder, umarmte ihn und küßte ihn auf den Mund.

»Selig preis ich diese Stunde, da ich dich wiedergefunden habe,« rief Karl. Er saß neben ihr, umschlang sie mit den Armen und küßte ihr Augen, Wangen und Mund, und setzte das Knäblein auf seine Kniee und herzte es wieder und wieder.

Da kam das Hofgeleite geritten. Unter Jubelruf wurde die Kaiserin auf den weißen Zelter gehoben, das Knäblein nahm sie in ihren Schoß, Karl hing ihr den hermelingesäumten Mantel um die Schultern, Waroch mußte die Zügel fassen. Der Kaiser ritt ihr zur rechten, Herzog Naimes zur linken Seite. Vor den Toren von Paris und in den Straßen lief das Volk zu Hauf und rief huldigend der Kaiserin zu. Und Karl setzte einen Hoftag an zu ihren Ehren: da wurde der Knabe Ludwig getauft; Waroch hielt ihn über das geweihte Wasser; und reich wurde da des Köhlers Treue gelohnt: denn der Kaiser erhob ihn in den Herrenstand und gab ihm Burg und Stadt zu Lehen.

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