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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 27
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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358 8. Ferabras.

Einst, als Balan, Admiral von Babylon, Hof hielt zu Agremore in Spanien, ritt er, – zwischen März und Mai war's, – jagend im Walde, nahe der See und sah ein Schiff der Küste zuschwimmen. Er sandte einen Diener seines reichen Gefolges an den Strand, zu forschen nach dem Woher und Wohin der Segler. Der Schiffsmeister kam und gab dem Sultan Antwort: »Wir segelten von Babylon ab mit reicher Fracht an Perlen, Edelsteinen, Seide, Öl und Spezereien für dich zum Geschenk. Widriger Wind warf uns bei Rom ans Land: da haben die Römer unser Schiff ausgeraubt und viel Segelvolk erschlagen. Darum Herr! räche uns an den Römern!«

»Bei Mohammed, die Schmach will ich rächen,« sprach Balan: »Auf, Ferabras, mein Sohn, Floripas, meine Tochter, auf: rufet Fortinbras und Oliborn, meine Räte. Du, Epiard, sei mein Bote: fliege durch Afrika und Asia, rufe auf alle meine Emire und Scheichs, daß sie mit ihren Scharen hierher eilen nach Agremore.«

Als dann auf vielen Schiffen der Saracenen und Heiden Kriegsvolk versammelt war, bestiegen der Admiral und seine Kinder die königliche Dromone. Zwei Götterbilder mit Keulen in den Händen standen vorn am Bug, die Christen zu schrecken. Die Segel waren von rotem Zindal und bunte Tier und Dämonenbilder darein gewirkt. Da schwur der Admiral vor allem Volk: »Rom werd' ich zerstören und Karl vernichten.«

Über die Wellen flossen rauschend die Kiele und liefen ungehindert in den Hafen bei Rom ein. Dort versammelte der Papst seine Räte: »Rufe Karl zu Hilfe,« sprach der erste.

359 Aber Herzog Savarich antwortete: »Ehe wir selbst unsre Waffen erprobten? Das wäre Feigheit. Gebt mir den Heerbefehl: ich breche der Heiden Speere und Schilde.«

Sein stolzer Mut gefiel den andern. Am nächsten Morgen führte Savarich das Römerheer vor die Stadt gegen des Admirals Lager. Ferabras nahm seinen glänzenden Schild auf und rückte mit einer Schar entgegen; der Kampf war wild: die Römer hielten das Feld, aber vorsichtig zogen sie am Abend zurück hinter die schützenden Mauern ihrer Stadt.

Lukafer, König von Baldas, hatte an diesem Tag einen Streifzug ins Land unternommen und brachte Balan viele schönwangige Mägdlein gefangen mit. Der Heide ließ sie in seinem Zorn alle töten. Da sprach Lukafer: »Herr, gib mir Floripas zum Weibe, dann bring' ich dir gebunden Karl und seine zwölf vornehmsten Vasallen.«

Balan antwortete: »Nimm sie, die du so teuer gewinnen willst.«

Aber Floripas rief: »Nicht so eilig, Vater, erst bringe Lukafer Karl und die Paladine daher, – dann will ich mich ihm verloben.«

Am nächsten Tag zog der gegen die Stadt: Mavon, sein Werkmeister, ließ die tiefen Gräben mit Reisern ausfüllen, und nun stürmte sein Heer an allen Enden zugleich. Die Römerinnen trugen fleißig den auf den Wällen stehenden Kriegern Steine zu: gut gezielt warfen die sie auf das Heidenvolk: all sein Stürmen half nichts: es mußte abziehen. Balan wurde schwarz, grün und bleich vor Zorn. Lukafer ersann eine List: er ließ sich ein Banner fertigen, das dem des Savarich ganz gleich war, und am nächsten Tage, während der Römer wacker im Felde stritt, zog Lukafer mit seinem Banner an den 360 Hauptturm der Stadt. Die Römer hielten ihn für Savarich und öffneten, Lukafer erschlug die Besatzung und nahm den Turm. Savarich hatte den Betrug gemerkt und eilte nach, den Wachen im Turm zu helfen: doch er kam zu spät: er fand das Tor geschlossen und schon von Saracenen besetzt. Der Riese Estragot, ein dunkelhäutiger Äthiope, schwang seine Keule auf des Römers Haupt: tot fiel Savarich nieder.

Da zögerten Papst und Räte nicht länger: sie schrieben in Eile an Karl und übergaben den Brief drei Boten. Um Mitternacht schlichen die zu einem heimlichen Pförtlein hinaus und durch der Feinde Zelte.

Nahe der Stadt stand ein gewaltiges Bollwerk, die Hauptburg der Römer. Die Saracenen schafften ihre Antwerke herbei, schleuderten gewaltige Steine dagegen und zerstörten es. Siegesstolz ritt Balan nun an die Stadtmauer und forderte zur Übergabe auf. Als Antwort schoß ein Römer seinen Wurfspeer mitten auf des Admirals Brust: doch dessen Brünne war zauberfest. Balan geriet in wilde Wut: »Auf, Sohn Ferabras,« schrie er, »zu Mohammeds Ehre verbrenne Rom und alles, was darin lebt.«

Mavon beschoß die Stadt mit Stein- und Feuerschleudern. Estragot, der Ungeheure, zertrümmerte mit seiner Eisenkeule die Tore und erbrach sie: keck trat er in eines hinein, aber rasch ließen die Torwachen das eiserne Fallgitter niederfahren: das schlug den Riesen zu Boden. Da lag er sterbend und schrie wie ein übler Dämon.

Die Stadt widerstand allem Stürmen, die Saracenen zogen zurück in ihre Zelte. Estragots Leichnam ließen sie liegen, seine Seele flog zu Mohammed.

Inzwischen hatten des Papstes Boten Karl erreicht: er entsandte sofort Guy von Burgund mit einer Schar, 361 er selbst folgte mit dem Hauptheer in langsameren Tagesmärschen.

In Rom aber öffnete ein Verräter den Ungläubigen das Tibertor: doch als er neben Ferabras und dessen Kriegern einritt, ließ ihm Ferabras den Kopf abschlagen und diesen, auf einen Speer gesteckt, durch die Straßen tragen. »Verrat,« schrie das Volk und floh in Verstecke. Die römischen Krieger kämpften verzweifelt: die Straßen lagen voller Toten. Ferabras ging in Sankt Peter, nahm die Heiligtümer und raubte Gold und Schätze; und als er genug hatte, zündete er die Stadt an. Dann eilten die Saracenen auf ihre Schiffe und segelten nach Agremore. Drei Monate und drei Tage feierten sie ihren Göttern Feste: sie tranken Opferblut, Milch und Honig und aßen Schlangen, in Öl geröstet.

Guy fand Rom in Flammen stehend und sah die Feinde noch abziehen. Er wartete auf Karl. Der zog ohne Rast heran. Als ihm die Untaten berichtet waren, beschloß er Balan sofort zu züchtigen.

Er ging mit seinem Heer über See, und dreißig Meilen von Agremore stiegen sie ans Land. Roland und Oliver hatten die Vorhut. Balan zog mit seinem Volk entgegen, griff die beiden Grafen an, die der Übergewalt zu erliegen drohten. Da traf Kaiser Karl mit den alten Paladinen ein. Ferabras bedrängte Oliver mit Wurfspeer und Keulenschlag: aber Karl hatte es gesehen, er stieß seinen Hengst mit dem Sporn, sprengte an des Grafen Seite, schlug einen gewaltigen Hieb auf des Saracenen Helm und entsetzte seinen blutenden Grafen. Dreißig Saracenen fielen da von Karls Schwert Joyeuse: Roland zerspaltete so vieler Heiden Helme und Schilde, als ihm begegneten. So taten alle Paladine und als der Abend sank, flohen die Heiden vom Schlachtfeld: grimmig schwur 362 Ferabras, nicht eher zu ruh'n bis er Roland und Oliver besiegt und Karls Krone gewonnen hätte.

Die Christen zogen in ihr Lager, Karl dankte Gott für den Sieg und lobte die alten Paladine, deren Tapferkeit die Schlacht gewonnen hatte.

»Ihr jungen Kämpen,« sprach er, »nehmt euch ein Beispiel an den Alten: wie sie sollt ihr im Kampfe stehen, Ehren und Sieg gewinnen.«

Balan wählte die beste Schar und entsandte seinen Sohn von neuem gegen Karl. Als Ferabras das Frankenlager erblickte, schied er zehn von seinem Heer aus, ritt mit ihnen vor des Kaisers Zelt und hub an: »Ich grüße dich, großer Karl: bist du so stolz, als ich dich rühmen hörte, dann gewähre meine Bitte: sende Roland, Oliver, Naimes, Ogier, Guy und Richard, alle sechs gegen mich einen zum Kampf: wer unterliegt, folgt dem Sieger als Untertan.«

Der Kaiser strich seinen weißen Bart und antwortete: »Gedulde dich ein wenig, Geselle, ich schicke dir einen Kämpen, an dem du genug haben wirst.« Dann fragte er Richard von Normannenland: »Herzog, kennst du diesen großen Schreier?«

»Ja, Herr, es ist Ferabras, König von Alexandrien.«

Karl ließ Roland rufen und sprach: »Trauter Neffe, nimm deine Waffen und bezwinge mir diesen Ungläubigen.«

Trotzig entgegnete Roland: »Mit Verlaub, Herr Kaiser, wählt einen andern: die Alten, die Ihr so sehr gerühmt, die mögen heut' ihre Kraft erweisen.«

Oliver lag inzwischen auf seinem Lager, seine Wunden heilend, da hörte er von dem Zank, er waffnete sich, eilte vor den Kaiser und sprach: »Herr Karl, lang habe ich dir 363 treuen Dienst getan, zum Lohn dafür fordere ich heut', daß du mich diesen Ungläubigen bezwingen lässest.«

Karl antwortete: »Du bist siech, geh', pflege deine Wunden.«

»Nein, Herr, ich bin schon heil und du sollst meine Bitte erfüllen.«.

»Sie ist eines Toren,« rief der Kaiser, »doch reite und Gott möge dich schützen.« Und er reichte ihm seinen Handschuh als Wahrzeichen, daß dieser Held des Kaisers Kämpe sei.

Oliver ritt durch die Lagergassen hinaus in ein nahes Gehölz, wo er Ferabras fand, ruhend unter einem Baum; neben ihm stand der Hengst, mit dem Zügel an einen Ast gebunden.

Oliver sprach: »Herr Karl hat mich gesendet, mit dir zu kämpfen: Roland und alle Paladine schau'n auf mich; steh' auf: denn ich werde dich mit diesem Schwert erschlagen.«

Ferabras saß ruhig, wo er saß, lachte und fragte: »Wer bist du denn, Gesell?«

»Das wirst du erfahren, noch bevor die Nacht sinkt,« antwortete Oliver.

Ferabras sprach drohend: »Weh' dir, wenn ich aufstehe. Der große Karl war ein Tor, als er dich hersandte; geh' und sage ihm, daß er mir Roland, Oliver und ihre Freunde schicke. Erzähle mir von ihnen.«

Oliver antwortete: »Kein Mann auf Erden ist gleich Karl! Roland ist stolz und tapfer vor allen; Oliver weiß sich zu wehren: doch Roland gilt mehr!«

»Wie sind die beiden von Gestalt?« fragte Ferabras.

»Sieh' mich an, Oliver ist nicht größer, Roland ein wenig kleiner. Steh' nun auf, Saracene, ich stoße dir rasch mein Eisen durch die Rippen.«

364 Ferabras hob den Kopf vom weichen Rasen, stützte sich auf seinen Schildrand und fragte nochmals: »Gesell, wer bist du?«

Oliver sprach: »Ich heiße Garin und bin eines geringen Dienstmanns Sohn.«

»Ei,« zürnte Ferabras, »warum kam nicht Roland, Oliver oder Ogier?«

Der Graf lachte: »Meiner Treu, du bist ihnen wohl zu gering. Deinen Mut kannst du auch an mir erweisen.« Aber Ferabras rief: »Nein, ich fordere nur Grafen und Könige zum Einzelkampf: du bist mir zu schlecht. Ich will dergleichen tun und mich vom Roß fallen lassen, dann reite du ungekränkt zurück und schicke mir einen der Paladine.«

Ruhig sprach Oliver: »Tor, ich fürchte dich nicht; wir schwätzten schon allzuviel. Spar' deine Worte und nimm deine Waffen.«

Da sprang Ferabras auf, wie ein wilder Eber, er überragte Oliver um Kopfeshöhe, grimmig drückte er den Helm von Bagdad aufs Haupt, Oliver band ihm die Finteile (den Kettenringstreifen, der Kinn und Mund schützte) fest, und höflich dankte der Saracene. Um seine Hüfte gürtete er sich das gute Schwert Florensa, zwei andre, Bapteme und Graban, hingen am Sattelbogen: Ages, aus Welands Sippe, hatte sie geschmiedet; er nahm den Schild von Biterne, faßte den Stoßspeer aus dem harten Rohr der Sykomore, schwang sich auf sein weißes Streitroß, und die Kämpen rannten zusammen wie Donnergewölk: krachend brachen ihre Speere. Sie zogen die Schwerter. Ferabras hieb mit Florensa auf Olivers Helm, daß Funken sprühten; aber Oliver schlug ihm die Helmspangen fort und abgleitend schnitt Alteclair hinten am Sattel zwei Fläschlein ab, gefüllt mit Balsam. Sie flogen 365 weit ins Gras. »Wehe,« rief Ferabras, ihnen nachblickend; da sprang Oliver hurtig ab, ergriff die Fläschlein und schleuderte sie in den nahen Fluß.

»Was hast du getan!« schalt Ferabras, »es gibt nichts Köstlicheres auf Erden als dieser Balsam war, mit welchem Christus war einbalsamiert worden, und den ich in Rom erbeutet hatte: er heilte jede Wunde: mit deinem Leben sollst du mir den Verlust bezahlen.«

Schon saß Oliver wieder auf seinem Hengst, schwang den Schild empor und fing des Saracenen Hieb auf: der glitt daran nieder und schnitt tief in des Rosses Nacken zwischen den Ohren, daß es tot ins Gras stürzte. Oliver aber stand fest auf seinen Füßen und führte einen zornigen Streich nach des Feindes andalusischem Hengst. Ferabras lenkte zur Seite, saß ab, band das Tier an einen Haselstrauch und kehrte rasch zu Fuß zurück.

»Du Prahler,« rief Oliver, »wolltest sechs Franken zugleich bezwingen und nun hast du – ein Roß getötet. Steh' und ficht.«

»Ergib dich mir, Franke,« rief Ferabras, »glaube an Mohammed, und ich mache dich reich und mächtig und gebe dir meine Schwester zum Weibe.«

»Ehe ich mich ergebe, sollst du meine Hiebe schmecken,« antwortete Oliver.

Da schwang Ferabras Florensa und schnitt dem Franken das Nasal, die Nasenstange am Helmdach, von der Stirn her über die Nase laufend, von seinem bayrischen Helm. Oliver rief, den Streich zurückgebend: »Nun entspringe mir nicht wieder wie ein Hase, sonst schelt ich deine Tapferkeit nicht mehr wert, als die eines alten Kammerweibes.«

Ferabras deckte sich und tat zwei grimme Schläge auf Olivers Helm, die Zimier flog weg, die Helmspangen 366 barsten und erst der Eisenhut unter dem Helm hielt das Schwert auf. Da entflammte Olivers heißer Zorn. Sie schlugen einander die weißen Schilde entzwei und von den schönen Halsbergen und Harsenieren rasselten die zerschnittenen Ringe nieder. Das Blut sickerte aus mancher Wunde: sie ruhten eine Weile, und Ferabras sprach: »Garin, sage mir die Wahrheit: ich merk's an deinen Hieben, du bist einer von Karls Paladinen?«

»Ja, ich bin Oliver, Rolands Freund.«

Da jauchzte Ferabras: »Willkommen meinem Schwert! Karl liebte dich wenig, als er dich hersandte.«

Die Eisen sausten klirrend wieder auf Harnisch und Schild. Oliver wußte sich zu wehren.

Ungeduldig rief der Saracene: »Schläfst du, Mohammed, daß mir der Franke nicht erliegen will?«

Da sprang Oliver, den Schild über den geborstenen Helm haltend, gegen Ferabras mit überstarkem Schlag, daß Alteclair aus seiner Faust ins Gras flog, weit hinter den Saracenen. Oliver erschrak, Ferabras sprach: »Nun bist du besiegt, wage nicht, dich nach deinem Schwert zu bücken! Ergib dich.«

»Niemals,« antwortete Oliver.

»Dann mußt du sterben, Franke,« rief Ferabras, Florensa auf ihn zückend; aber Oliver deckte sich mit seinem zerhackten Schild, rannte seitwärts hin, wo der Hengst an dem Haselstrauch angebunden stand und riß eines der Schwerter, die am Sattelknauf hingen, aus der Scheide: Bapteme war's; aber als er sich umwandte, traf ihn ein Schlag von Ferabras, der ihn ins Knie warf.

Wütend vor Scham sprang der Graf auf und rief: »Verfluchter Saracene, das war ein hinterlistiger Streich, bei Gott und Sankt Quintin, nun hüte dich!« Und er 367 hieb auf Ferabras ein, daß er nichts mehr vor Augen sah als Funken sprühen.

Als Kaiser Karl, der mit seinen Baronen den Zweikampf von fern überwachte, Oliver ins Knie sinken sah, betete er laut: »Allmächtiger Christ, für deine Ehre ficht mein Graf: gib ihm den Sieg.« Und ein Engel erschien an seiner Seite und sprach: »Gott hat dich erhört, Oliver wird siegen« und verschwand. Karl hob die Arme und rief: »Sei gesegnet, sei gelobt, allwaltender Gott. Du stehest deinen Dienern bei in allen Nöten.«

Da schlug Oliver mit einem Schlag Ferabras den halben Schild weg, schnitt ihm ein Stück des Halsberges und den goldenen Sporn ab.

»Die Klinge schneidet gut,« rief er, und während Ferabras noch schier betäubt von dem wuchtigen Hieb stand, raffte Oliver Alteclair wieder an sich und sprach: »König von Alexandrien, nun kannst du dein Schwert wieder haben.«

Der antwortete: »Bapteme, wie hab' ich dich so manchen Tag gehütet: kein besser Schwert hing je an Manneshüfte! Aber ich will keine Freundschaft von dir, Franke, und mein Schwert nicht früher zurücknehmen, bis ich dir das Haupt abgeschlagen habe.«

»Den stolzen Sinn muß ich dir beugen, verteidige dich!« rief der Graf und sie gingen wieder zusammen: Florense sauste auf Olivers zerhackten Helm nieder: ein Stück des Stahlhutes brach ab, aus dem Harsenier fielen rasselnd die Ringe, und von Olivers Haupt flogen ein paar braune Locken ins Gras. Hoch hinauf schwang Ferabras den Schild, den Gegenhieb aufzufangen: da traf ihn Oliver mit Alteclair auf die Brust, durchhieb ihm die Brünne und schnitt ihm an der Seite tief ins Fleisch: ein Strom Blutes ergoß sich aus der Wunde.

368 »Halt, Oliver,« rief Ferabras, »ich ergebe mich dir. Verflucht sei Mohammed, der mich nicht schützen konnte, falsch ist sein Gesetz. Nimm meine Brünne, zieh sie über die deine zum bessern Schutze: denn dort im Wald versteckt liegen all meine Krieger, sie werden dich verfolgen. Hebe mich vor dich auf den Sattel und führe mich in dein Zelt.«

Ferabras sank ins Gras, Oliver verband ihm die Wunde so gut er konnte, hob den Hilflosen auf den Hengst, schwang sich hinter ihm in den Sattel und ritt davon. Aber die Saracenen hatten ihren Herrn fallen sehen, sie brachen hervor und jagten den Davonreitenden nach. Als Ferabras sie nahen sah, sprach er: »Setze mich dort unter jene Fichte und rette dich.« Da legte Oliver ihn sanft ins Gras und wollte wieder aufsteigen, doch die Feinde umringten ihn schon. Er stellte sich zur Wehr: mit Alteclair streckte er den vordersten zu Boden, daß er das Aufstehn vergaß, er entriß ihm Schild und Speer und schoß diesen dem Nächsten mitten durch den Leib. Dann sprang er zurück und wehrte sich mit seinem Schwert. »Er darf uns nicht entwischen,« riefen die Saracenen: vier warfen zugleich ihre Speere und durchbohrten seinen Schild.

Doch: »Oliver wußte sich zu wehren!«

Mehr als dreißigmal war der Schild durchspeert, die Brünnen hingen zerschlitzt an seinem Leibe: »Großer Karl, wo bleibst du?« rief der Bedrängte, »und Roland, lieber Genosse, was zögerst du?«

Da klang hell an sein Ohr der Racheruf: »Montjoie!« Und Rolands Stimme: »Bei Saint Denis! ihr Teufelssöhne, nieder mit euch.« Roland, allen voran, brach mit zornigen Hieben in den dichtesten Haufen der Feinde; nun umschlossen sie ihn, von allen Seiten mit 369 Pfeilen und Wurfspeeren schießend. Sein Hengst stürzte tot nieder unter ihm, Roland sprang auf und erschlug einen Saracenen nach dem andern. Aber von rückwärts überwältigten sie ihn doch, banden ihn und führten ihn fort. Oliver sah's, schwang Alteclair und wollte seinen Freund entsetzen: fünfzehn Feinde schlug er zu Boden, das Blut troff an ihm nieder, da griffen auch ihn die Feinde, legten ihm Fesseln an, und ein Häuflein Berittener schleppte beide Gefangene hurtig davon, während die Hauptschar der Saracenen die anströmenden Paladine zurückwarf.

Kaiser Karl saß auf seinem Streitroß und sah seine jungen Helden davonschleppen; sein Herz krampfte sich zusammen, er rief laut: »Nach, ihr Herren, rettet meine Grafen!« Er spornte den Hengst, schwang Joyeuse und hieb zu beiden Händen nieder, was vor ihn kam. Die Paladine ritten hinter ihm und suchten der Saracenen übermächtige Schar zu durchbrechen. Die hielten Stand, bis sie ihre Gefangenen in Sicherheit wußten, dann warfen sie ihre raschen Rosse herum und jagten davon. Die Franken verfolgten bis an einen reißenden Strom, welchen die Saracenen bei Montrible mit einer befestigten Brücke gesperrt hielten, aber die Fliehenden waren mit den Gefangenen entkommen. Traurig kehrte Karl mit seinem kleinen Häuflein um. Er kam bei der Fichte vorüber, unter der Ferabras lag. Der Kaiser erkannte ihn und sprach zornig. »Verflucht sei dein langer Leib! Um deinetwillen sind meine Grafen gefangen: haut ihm das Haupt ab, Barone.«

»O milder Karl,« bat Ferabras, »fluche mir nicht! Um deines Gottes willen, der nun auch der meine ist. Oliver hat mich besiegt, laß mich taufen: ich will dein Vasall werden.«

Da erbarmte der Kaiser sich seiner: er wurde auf 370 einen Schild gehoben und in des Kaisers Zelt getragen. Ein Arzt verband seine Wunden. Naimes und Ogier halfen ihn entwaffnen, da staunten sie sehr über seine breiten Schultern und sein schönes Antlitz mit den lichten Falkenaugen.

Ferabras erholte sich bald so weit, daß der Kaiser Turpin befahl, ihm die Taufe zu geben. Er wurde Florian getauft: doch nannte man ihn sein Leben lang nur Ferabras: erst als er nach frommem Leben tot lag, hieß er Florian von Rom und ein Heiliger im Himmel.

Inzwischen brachten die Saracenen ihre Gefangenen vor Balan und meldeten, wie es mit Ferabras ergangen war. Der Admiral tobte vor Zorn, warf sich auf die Erde, dann sprang er wieder auf und jammerte: »Mohammed, Mohammed! Um welcher Sünde willen ließest du das geschehen? Sagt an, wer hat Ferabras bezwungen?«

Da wiesen sie auf Oliver: »Dieser da.«

»Wer bist du?« schrie Balan den Gebundenen an.

Der gab Bescheid: »Graf Oliver, und dieser ist Roland, des Kaisers Neffe.«

Finster befahl Balan seinem Kämmerer: »Laß Pfeile glühen, binde die Franken dort an die Säule und rufe meine Bogenschützen, die sollen sie gleich erschießen.«

Aber Floripas stand im Saal und sprach: »Vater, die Sonne ging schon unter: es wäre nicht wohlgetan, um diese Stunde Gericht zu halten. Laß sie in deinen Kerker führen: vielleicht liefert Karl dir morgen gegen sie Ferabras aus.«

»Dein Rat ist gut, Tochter,« antwortete er; »he, Brudamont, steck' sie in meinen Turm am Meer.«

371 Man löste ihnen die Fesseln, und sie wurden in ein tiefes Verlies gebracht, da leuchtete nicht Mond noch Sonne hinein. Von der See drangen die Wellen ein und stiegen zur Flut den Gefangenen bis ans Knie. Das Salzwasser tat ihren Wunden weh: sie kletterten auf einen Stein, der inmitten des Gewölbes übers Wasser ragte. Tag und Nacht vergingen, niemand brachte ihnen Speise oder Trank: denn Balan hatte es verboten. Laut klagten sie ihr Elend. Das hörte Floripas, als sie sich erging in ihrem Garten, der neben dem Turm am Meere lag. Von Mitleid bewegt eilte sie zum Kerkerwart und sprach: »Schnell, Brudamont, schließ mir den Turm auf und schaffe Speise für die Franken.«

Er weigerte sich: »Was sinnt Ihr mir an? der Admiral hat's streng verboten.«

Zornig faßte Floripas ihn am Arm: »Gehorche, Sklave, wenn deine Herrin befiehlt.«

»Nein, Ihr seid eine Verräterin, ich laufe zu Balan, ihm's zu melden.«

Er wollte davon, Floripas entriß ihm die schweren Schlüssel und schleuderte sie ihm an die Schläfe und rief: »Hartherziger Teufel, das sei dein Lohn.«

Der Mann fiel um, er war tot. Floripas erschrak, sie fürchtete ihres Vaters Zorn; aber rasch entschlossen lief sie zu ihm und hub an: »Vater, verzeih mir, Brudamont wollte den Franken Speise bringen und sie entwischen lassen: ich kam dazu und habe ihn erschlagen, ohne es zu wollen.«

»Du hast einen klugen Kopf und eine rasche Hand, schöne Tochter,« antwortete Balan, »bewache du die Gefangenen, ich vertraue sie dir an.«

Floripas dankte und eilte zurück. Fünfzehn ihrer dienenden Mägdlein mußten sie begleiten. Sie schloß den 372 Turm auf und rief hinab: »Ihr fränkischen Herren, was klagt ihr?«

Die Grafen blickten auf. Floripas stand auf der Türschwelle, Tageshelle umspielte sie: weiß wie Schneeblüte war ihr Antlitz, rosenfarben die Wangen, hinter kirschenroten Lippen glänzten Perlenzähne weißer wie Elfenbein; dichte Wimpern beschatteten lichte, lachende Augen, braunes Haar flutete über ihre Schultern. Ihren schlanken Leib umhüllte ein galazisch Seidenkleid, darin waren Goldsterne gewebt. Um ihre Hüften lag ein Gürtel von Feenhand gewirkt aus bunten Tierhaaren, eine breite mit Gold eingelegte Schnalle schloß ihn. Der Gürtel war gefeit, er schützte gegen Hunger und Gift. Ihre Füßlein staken in goldgestickten Sandalen. Erst nachdem die Gefangenen ihr Auge an das langentbehrte Tageslicht gewöhnt hatten, erkannten sie das schöne Weib.

Oliver sprach: »Die Ihr so schön seid, rettet uns: hier müssen wir verhungern und verderben.«

Roland sprach: »Wenn wir in diesem Loch verhungern, ist es für Balan die allergrößte Schande.«

»Das soll nicht geschehen,« antwortete Floripas, »ich will euch speisen und ein besseres Gefängnis bereiten, aber ihr müßt euch still verhalten und meinen Befehlen folgen.«

Sie versprachen's und Floripas warf ein seidenes Seil hinab: alle Mägdlein faßten mit an, und so zog Floripas einen nach dem andern aus dem Kerker und geleitete sie durch einen unbenutzten Gang, der den Turm mit den Frauengemächern verband, in ihren Saal. Den trugen Marbelpfeiler, auf denen maurisch Bildwerk einschnitten war. An der gewölbten Decke war der Himmel gemalt mit Sonne, Mond und Sternen, rings an den Wänden aber Wälder und Wiesen, gießende Brunnen, Fische, 373 Schlangen, Vögel und springend Getier; keines fehlte. An einer Ecke des Saales aber wuchs in frischem Erdreich Mandragorenkraut, das alle Krankheit heilte, nur nicht den Tod. Eilig pflückte Floripas das Kraut und reichte es den Verwundeten. Ihre Mägdlein bereiteten den Grafen im Nebengemach ein warmes Bad und trugen reiche Kleider herzu. Und nachdem die Gefangenen, also erquickt, wieder in den Saal traten, stand das Mahl für sie auf dem Tisch.

Darüber war der Abend gekommen und Floripas sprach zu ihnen: »Wohl weiß ich, Graf Oliver, daß Ihr meinen Bruder totwund geschlagen habt, aber ich sinne Euch darum keine Rache, verhaltet Euch still und schlafet ohne Sorgen.«

Sie ging hinaus mit ihren Dienerinnen und die Freunde streckten sich auf weiche Polster.

Balan wußte nichts von alledem.

Im Lager der Franken saß Kaiser Karl mit seinen Räten; vor ihm stand Guy von Burgund, Karl sprach: »Nun reite du zu Balan und fordere, daß er mir meine Grafen und die aus Rom geraubten Weihtümer zurücksende, oder ich werde ihm nicht Turm noch Stadt lassen in Spanien.

Bedächtig sprach Naimes: »Herr Kaiser, wir wissen doch alle, wie die Saracenen oft Gesandte mißhandeln.«

»Herzog, bist du so weise, sollst du ihn führen,« zürnte Karl.

Ogier entgegnete: »Herr, erzürnt Euch nicht, Naimes spricht wahr.«

»Däne, du bist doch sonst nicht feige: du gehst mit,« befahl Karl.

Herr Dietrich im grauen Haar rief warnend: »Kaiser, Ihr werdet sie nicht wiedersehen.«

374 Doch zornig antwortete Karl: »Herr Dietrich, du gehst denselben Weg.«

»Der ist allzugefährlich,« mahnte Richard von Normandie. Aber Karl entgegnete: »Beim heiligen Hilarius, tapferer Graf, so begleite du sie.«

Der treue Alberich sprach: »Herr, dein Wille ist Befehl: du schickst sie in den Tod.«

»Auch du reitest: rüste dich und sorge nicht um dein Leben,« antwortete Karl.

Da rief Bernhard von Montdidier, Dietrichs Sohn: »Willst du denn mit Gewalt deine Paladine in den Tod schicken?«

»Du bist der siebente,« sprach der Kaiser, »du weißt Frauen zu gefallen und gar höfisch deine Worte zu fügen: zeige nun, ob deine Kunst von Nutzen ist. Ihr alle geleitet Guy: es gilt Graf Roland! Laßt sehen, wer von euch da zögert?«

Flugs sprang Ogier auf: »Laßt uns reiten!«

Naimes rief: »Kaiser, du hast recht, Roland und Oliver müssen befreit werden.«

Die Paladine rüsteten sich und ritten davon. Auf Karls Befehl schlossen sich ihnen noch drei Grafen an.

Zu derselben Zeit hatte auch Balan in Agremore seine Räte berufen. Fortinbrace und Olibron sprachen: »Herr, entsende zwölf deiner Vornehmsten zu Karl und fordere, daß er dir Ferabras ausliefere und weiche aus deinem Land, oder du werdest kommen und den großen Karl an einen Baum aufknüpfen.«

»Der Rat gefällt mir,« antwortete der Admiral, und die Boten ritten sogleich davon und über die feste Brücke bei Montrible. Bald trafen sie auf einem grünen Plan mit Karls Boten zusammen,

Herzog Naimes fragte: was ihr Reiten bedeute? Sie 375 antworteten: »Wir bringen Balans Befehl an Kaiser Karl, der hat ihn zu erfüllen bei Todesstrafe.«

Sie wollten weiter reiten, aber Herr Guy rief: »Wartet noch, wir sind Herrn Karls Boten und werden euch Antwort geben. Montjoie Karl!«

Und er riß sein Schwert heraus. Seine Genossen taten wie er: sie griffen die Saracenen an und hieben allen die Köpfe ab. Naimes riet, nun umzukehren und Karl zu berichten, aber Richard, der Furcht nicht kannte, rief: »Nein, vorwärts und die Köpfe bringen wir Balan.«

Und so geschah's. Als sie an die Steinbrücke kamen, war sie gesperrt mit starken Ketten; Agolafer, der Brückenwart, stand dahinter und fragte: »Wohin wollt ihr?«

Naimes antwortete: »Zu Balan mit einer Botschaft.«

»Zahlt den Zoll,« forderte Agolafer.

Aber Richard rief drohend: »Weg mit den Ketten! Herrn Karls Boten hält man nicht auf.«

Agolafer erschrak und ließ sie durch. Sie kamen nach Agremore und gingen gleich in Balans Saal. Er saß beim Mahl mit Floripas und vielen Vornehmen. Herzog Naimes hub an: »Gott segne Karl, meinen Herrn und verwerfe Balan, den Ungläubigen! Gib uns heraus Herrn Karls Grafen und die römischen Weihtümer. Zwölf Diebe sind uns bei deiner Brücke begegnet: sie sagten, sie kämen geradewegs von dir, üble Worte sprachen sie gegen Herrn Karl. Wir haben sie dafür erschlagen, hier hast du ihre Köpfe.«

Die Franken warfen sie dem Admiral vor die Füße. Er erkannte sie und schrie: »Welche Schmach wagst du, Alter, mir zu bieten! Mohammed verfluche mich, wenn ich esse, solang du lebst.«

»Wie dir's gefällt,« antwortete Naimes, »da kannst du genug fasten,« und er setzte sich auf ein Polster.

376 Richard sprach: »Wir sind des großen Karls Boten, du hast seinen Willen vernommen: gehorche, oder bei Saint Denis, du mußt sterben.«

Balan antwortete: »Du gleichst Richard dem Normannen, setze dich zu dem alten Narren,« er deutete auf Naimes.

Herr Dietrich zog die buschigen Augenbrauen hoch über die funkelnden, grauen Augen, drehte den Lippenbart und sah so grimm aus, daß die Saracenen riefen: »das ist der Teufel.«

Balan sprach zu ihm: »He, Alter, was ist denn euer Karl für ein Mann?«

»Wie ein Frankenkönig sein soll!« antwortete Dietrich, »stünde er hier, hätte er dir schon längst eine Maulschelle gegeben.«

Balan mußte lachen: »Höre, du Teufel, wenn ich nun vor dir stünde wie du vor mir, was tätest du mit mir?«

»Ich ließe dich hängen, noch ehe diese Stunde voll würde.«

»Bei Mohammed, so werd' ich mit dir tun,« sprach darauf Balan. Er befragte nun noch die andern Franken um Karls Botschaft und wenig zufrieden mit ihren Antworten schwur er, sie sollten alle noch vor Abend sterben. Aber Floripas entgegnete: »Lieber Vater, warte damit bis deine versammelten Räte ein Mittel gefunden haben, Ferabras zu befreien.«

»Du hast recht, Tochter,« antwortete er, »laß die Zehn hinter Stein und Eisen gefangen halten.«

Floripas führte sie nun in ihren Turm zu Roland und Oliver. Sie küßten einander vor Freude und erzählten sich ihre Erlebnisse. –

Am nächsten Tag trat Floripas in den Saal und 377 fragte den alten Naimes: »Sage mir eure Namen, aber vor allem sage, ist unter euch Herr Guy von Burgund?«

»Dort der junge Degen mit dem dunklen Kraushaar und den dunklen Augen ist der, nach dem du fragst.«

»Ach,« sprach sie, »ich kenn' ihn noch nicht und lieb' ihn doch schon lange nach allem, was man mir von ihm sagte. Seinetwillen will ich tun, was in meiner Macht steht, euch zu retten. Für seine Liebe will ich mich taufen lassen: geh', sag's ihm und wirb ihn mir zum Gatten.«

Die Jungfrau ging hinaus, der Herzog sagte Guy, was Floripas von ihm verlangt hatte, »und deshalb,« schloß er: »nimm sie zum Weib.«

Aber Guy weigerte sich: »Ich nehme kein Weib, das nicht Herr Karl selber mir gibt. Ich habe die Jungfrau nicht einmal recht angeschaut.«

Rasch riefen Roland und Oliver: »Sie ist aus der Maßen schön und war gütig gegen uns; du kannst uns allen helfen, verlobe dich ihr, Karl soll sie dir vermählen.«

Da willigte er ein; Floripas wurde gerufen. Sie brachte ihrem Erkorenen einen Becher Weins und sprach: »Mein Herz, mein Leib, mein Leben sind nun dein für immer.« Dann küßte sie ihn, und er mußte nach Saracenenbrauch von dem Wein trinken, nach ihm trank auch sie. Der junge Graf schaute staunend ihre Schönheit, wie im Traum ließ er alles geschehen.

Die Paladine wurden froh, saßen nieder und tranken Wein, den ihnen dienende Mägdlein brachten.

Guy aber schloß Floripas in seine Arme und küßte sie in jäh erwachter Liebe.

Dann beriet Floripas die Barone: Abends, wann Balan mit den Fürsten beim Mahle säße, sollten die Franken wohlgewaffnet über sie herfallen, alle 378 hinausjagen und so die feste Burg in ihre Gewalt bringen. Das gefiel ihnen sehr gut, sie legten ihre Waffen bereit.

Da geschah's, daß Lukafer von Baldas zu Balan sprach: »Admiral, du machtest Floripas zum Kerkerwart der Franken, das war eine Torheit. Ich will hingehen und sehen, wie sie gehütet werden, gib mir Urlaub.«

»Geh',« antwortete Balan.

Lukafer ging in Floripas' Turm und fand die Tür zu ihrem Saal verschlossen, er schlug mit der Faust dagegen, daß der Riegel barst. »Wer ist der Grobian, der solchen Lärm macht?« fragte zornig Floripas.

»Ich, König Lukafer, mich sendet dein Vater; die Gefangenen will ich sehen und mit ihnen reden nach meinem Belieben,« antwortete der Saracene, trat ein und blickte die Franken zornig an.

Der weise Naimes sprach: »So sei uns willkommen und frage, was du wissen willst.«

»Wissen möcht ich,« sprach da lauernd Lukafer, »was Karl in seinem Reiche gilt?«

»Ein Kaiser und König ist er, über weite Länder, Städte, Burgen und Festen; Herzoge, Grafen, Barone und viele Völker sind ihm untertan,« antwortete Naimes.

»Und wie lebt ihr an seinem Hofe? wie vergnügt ihr Franken euch?« fragte Lukafer wieder und Naimes antwortete: »Die einen werfen Speere, schwingen Schwerter, schießen mit Pfeilen, andre singen und einige spielen Schach.«

»Ihr wißt euch zu unterhalten; ich will euch aber ein neues Spiel lehren, lustigeres saht ihr gewiß nie,« sprach Lukafer und lachte listig dazu. Er befestigte mit einem Faden eine Nadel an einer Stange, dann ging er an den großen Kamin, spießte eine glimmende Kohle auf die Nadel und sprach: »Nun gilt's zu blasen, bis sie 379 lustig brennt, seht so, ihr Herren.« Er hielt die Kohle, vor Naimes stehend, und blies die aufspringende Flamme gegen des Bayernherzogs langen, weißen Bart, daß der Feuer fing. »Nun ist's an dir,« sprach er. Naimes hatte solches Spiel noch nie gesehen, aber sein Bart war verbrannt bis an die Haut: da geriet er in Zorn, sprang an den Kamin, riß einen Feuerbrand heraus und stieß ihn wie einen Speer gegen Lukafer, der schrie und wich zurück, aber Naimes packte ihn und warf ihn in das große Feuer, wo er sogleich erstickte.

Roland lachte laut auf: »Meiner Treu, Naimes, du verstehst das neue Spiel gut! gesegnet sei dein Arm, der solche Stöße tut.«

»Laß die Späße, der Narr wollte uns verhöhnen, nun hat er's bezahlt.«

Floripas aber rief: »Nicht nur euch verspotten, er hatte wohl Böseres im Sinn: es war Lukafer; wohl mir, daß Ihr ihn ins Feuer warft, Herzog: denn mein Vater wollte mich ihm vermählen.« Sie umarmte den alten Naimes zum Dank und fuhr fort: »Nun aber tut, was getan sein muß, um die Burg zu gewinnen, ehe Balan Lukafers Tod erfährt.«

Floripas ging, wie sie stets tat, zu ihrem Vater, als er in seinem Saal beim Abendmahle saß. Niemand sprach von Lukafer, keiner kannte sein Schicksal. Da stürmten die wohlgewaffneten Paladine in die Halle: sie schwangen die scharfen Schwerte: wer nicht eilig davonlief, wurde erschlagen. Oliver verfolgte Balan, der sprang vor dem Grafen durch ein Bogenfenster hinab ins Meer. Es war Ebbe, mühsam entkam er aus den Fluten aufs Land; da schwur er: »bei Mohammed, die Franken an den Galgen und Floripas, die Verräterin, sterbe den Feuertod!« Die Paladine ließen nicht einen lebendigen 380 Saracenen in der Burg, dann zogen sie die Brücke über den Graben auf und versperrten das Tor.

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