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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 26
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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7. Ogier und Desiderius im Kampf gegen Karl.

335 Slaven und ander wildes Volk kamen nach Dänemark gezogen: der Christen Kirchen und Altäre wurden niedergerissen, Göttricks Grafen erschlagen oder verjagt; da riet sein Weib: »Rufe Karl zu Hilfe,« aber Göttrick antwortete: »Besser fangen mich Wenden, als Herr Karl, den ich hasse.« Die Königin schrieb heimlich einen Brief an Karl: »Komm und hilf! Nicht Göttrick, aber deinen Priestern, welche von den Heiden hingeschlachtet werden. Gott der Herr segne dich!« Und sie schloß den Brief mit Göttricks Insiegel, während er schlief. Ihr Bote fand den Kaiser zu Aachen, aber Karl erzürnte, als er Göttricks Insiegel erblickte; er sprach zu Ogier: »Es stünde dir wohl an, deinem Vater zu helfen.«

Ogier antwortete: »Mit Eurer Erlaubnis will ich's tun.«

Der Kaiser hatte sein Wort nicht ernst gemeint, doch nun ließ er's gelten: »Zieh' hin, doch allein mit deiner Schar.«

Ogier fand seinen Vater ermordet von eignen Knechten. Sein Kriegsvolk aber vermehrte sich von Stunde zu Stunde, um des reichen Soldes willen, den der Herzog bot. Da wagte er den Angriff und trieb die Landschädiger siegreich aus seinem Reiche. Zwölf Tage durchzog er Dänemark und warf alles hinaus, was nicht hinein gehörte. Er setzte Grafen und Richter, und seinen Stiefbruder zum Unterkönig ein, ließ sich den Treueid schwören, und als alles gefestet stand, zog er zurück nach Francien, gefolgt von vielen Dänen.

Er traf gerade in Paris ein, als Karl dort zu 336 Pfingsten einen Hoftag hielt. Und gerade als Karl sprach: »Wie mag's Ogier ergangen sein, er zögert lang,« trat er in den Saal und rief: »Gut ging's! Herr Kaiser, aber die Zeit verlief rasch, während ich Ordnung schaffte in meinem Reiche; nun huldige ich dir als König der Dänenmark. Laß mich aber bei dir bleiben wie zuvor.«

Der Kaiser umarmte und küßte Ogier; dann wies er auf einen schönen Jüngling und sprach: »Sieh dort Balduin, deinen Sohn! Ich habe ihn an meinen Hof berufen: er ist voll Witz und Lustigkeit, dazu bescheiden und ehrlich. Er zeigt Geschick in höfischen Künsten und hat aller Gunst gewonnen. Geht, freut euch miteinander.« –

Carlot, des Kaisers Sohn, wollte Balduin stets um sich haben.

Einmal, sie saßen beim Schachspiel, rief Balduin lustig: »Matt!« Carlot verdroß der heitere Übermut, er deuchte sich ebenso geschickt und antwortete: »Schweige doch, wir beginnen ein neues Spiel.«

Balduin ordnete die Steine und sprach dabei: »Laß dich's nicht verdrießen, Carlot: die Freude am Spiel ist mehr wert als das Gewinnen.«

Sie begannen: Carlot tat einen Zug, Balduin sprach freundlich, ihn belehrend: »den Zug solltest du nicht tun, er ist falsch.«

Zornig rief der Kaisersohn: »So schweige doch, du hergelaufener Bastard, willst du mich unterweisen?«

Balduin sprang empor: »Herr, da lügt Ihr! Meine Mutter hat nie andern Mann geküßt, als Ogier, meinen Vater. Ihr seid des Kaisers Sohn, sonst schlüg' ich Euch jetzt tot.«

Carlot fuhr auf, in blindem Jähzorn ergriff er das Schachbrett von schwerem Gold und schlug damit Balduin vor die Stirn; rücklings stürzte der Jüngling auf den 337 Marmor-Estrich: er war tot. Carlot starrte auf das schöne Antlitz und in die gebrochenen Augen, er erblaßte und floh aus dem Saal. Sobald dem Kaiser die Untat kund geworden, wies er seinem Sohn ein Versteck an und betrübte sich sehr: – er gewärtigte Ogiers Rache.

Der kehrte von der Jagd heim, auf der Hand einen köstlichen, gezähmten Falken; er wollte ihn Herrn Karl schenken. Auf den Stufen vor dem Palast trat ihm ein Edelknabe entgegen und fragte: »Wohin mit dem Falken?«

»Zum Kaiser.«

»Dort hinein, Ogier,« sprach der Knabe, »Balduin liegt tot im goldnen Saal aus kaltem Estrich.«

Hastig warf Ogier den Falken von der Hand und sprang in die Halle, wo der Tote lag; er knieete nieder und küßte ihn und hielt ihn in Armen. Dann fragte er rauh: »Wer hat's getan?«

Zögernd gaben die Höflinge Bescheid.

»Wehe!« schrie da Ogier, daß es weit durch die Pfalz hallte, »ich armer Mann! Carlot, hab' ich darum so oft dein Leben beschirmt und gerettet! Franken, lohnt ihr so der Treue? Blut heischt wieder Blut, ich schwör's: Carlot muß sterben.«

Herzog Naimes stand dabei und sprach: »Nimm das Wort zurück, Eidam, vertraue Herrn Karls Recht.«

Da trat der Kaiser, gefolgt von den ersten Paladinen, in den Saal; er sprach: »Die Untat schafft mir tiefen Gram: Ich bitte dich, Ogier, laß dich versöhnen, und nimm Buße.«

»Ja, Herr Kaiser,« antwortete Ogier und sprang drohend auf, »aber keine andre, als Carlots Leben.«

Zornig blickte Karl ihn an: »Blutrache ist Gott ein Greuel! Geh' aus meinem Angesicht, räume Land und Reich, ich will dich nie mehr sehen.«

338 »Soll ich landflüchtig werden? Dazu, Herr Kaiser, gehört andres, als ich getan habe. Euer Urteil schelt' ich ungerecht,« rief Ogier heißzornig, riß Courtaine von der Seite und tat einen Hieb nach Karl: ein Edelknabe, Lothar, der Kaiserin Neffe, sprang dazwischen und fing den Schlag mit seinem Leib auf: tot sank er um vor des Kaisers Füßen. Paladine und Waffenträger umringten Karl, schützten ihn vor dem wütigen Dänen und drängten den zur Pfalz hinaus.

Rasch waren Ogiers Gefolgen herbeigelaufen, sie legten ihrem Herrn Waffen an, hielten Braiefort bereit und halfen ihm hinauf. Roland und seine Genossen standen dabei, Naimes drückte dem Eidam die Hand und sprach: »Auf und davon, bis des Kaisers Zorn verraucht ist.«

Indessen der Däne mit seinen Mannen zum Stadttor hinausjagte, dem nächsten Walde zu, saß Kaiser Karls Hofvolk auf, den Empörer zu fangen, tot oder lebend. Karl selbst ritt ihnen voran, an seiner goldenen Brünne erkannte ihn Ogier von fern; er rannte entgegen und warf mit einem Speerstoß Roß und Reiter zu Boden; und er hätte in seinem Zorn den Kaiser erschlagen, wären nicht die Paladine dazugekommen. Während sie alle sich um ihren Herrn bemühten, ließen sie dem Freunde Zeit, zu entrinnen. Ogier floh in sein Schloß Garlandon in Burgund.

Des Kaisers Heermänner folgten langsam seiner Spur; wo sie einen lehnspflichtigen Mann oder Waffenknecht des Herzogs fanden und er sagte sich nicht los von dem Geächteten, so mußten sie ihn töten, fiel er nicht schon zuvor im offenen Kampf. Da half es nichts, Ogier mußte Francien räumen: mit seinen getrennten Anhängern floh er ins Langobardenland. Als er am Fuße der Alpen 339 durch einen breiten Wald zog, traf er Graf Bero, der auf dem Wege nach Pavia war zu König Desiderius, sie schlossen Blutsbrüderschaft und ritten vereint, dem Langobarden Ogiers Dienste anzubieten.

Desiderius war Karls Feind, er nahm Ogier mit Freuden auf und schickte ihn gleich in den Krieg. Ogier überwältigte Mailand, unterwarf es Desiderius und führte die Vornehmsten der Stadt gefangen nach Pavia. Dafür schenkte ihm der Langobarde zwei Schlösser, Montchevreuil und Castelfort am Rhone.

Da schrieb Karl einen Brief an Desiderius: »Liefre Ogier mir aus, oder ich komme mit Heeresmacht, ihn zu holen.« Bertram, Herzog Naimes Sohn, überbrachte das Schreiben.

»Wie? Freund Bertram, mochtest du Botenritt tun, mich zu verfolgen?« fragte Ogier.

Bertram antwortete: »Mein Freund bist du nicht mehr: denn du dienst dem Feinde meines Herrn, des Kaisers!«

Graf Bero rief: »Hätte dich nicht Ogier Freund genannt, müßtest du mir dein Leben lassen.«

Und Desiderius sprach: »Zieh' heim und melde deinem Kaiser: ›so lang er Krone trägt, wird König Desiderius Ogier schirmen‹.« Und er entließ Ogier in seine Schlösser, starke Scharen zu rüsten.

Bertram kehrte mit der Antwort zurück. Da beschloß der gewaltige Karl den Krieg gegen Desiderius und Ogier.

Ostern war's, als von Genf aus das fränkische Heer aufbrach. Über den Mont Cenis zog Karl in das Alpental von Susa. Die Langobarden hatten hier die Klausen durch Verhau und Verhack gesperrt und besetzt. Adelchis, des Königs tapferer Sohn, schwang mit starken Armen 340 eine Eisenstange gegen die fränkischen Krieger und so oft er zuschlug, fiel einer zu Boden. Wann die Franken ausruhten, brach er hervor mit einer Schar und richtete ein arges Blutbad an unter des Kaisers Volk. So hielt er Karl schon tagelang auf: vergebens suchten die Franken, den Durchgang zu erzwingen. Da zeigte sich ein langobardischer Spielmann im fränkischen Lager und sang vor Karls Zelt: »Welcher Lohn wird dem, der Karl ins Land Italien führt, auf Wegen wo kein Speer entgegenstarrt, kein Schild zurückgestoßen wird, und kein Heermann Wunden empfängt?«

Karl rief den Spielmann zu sich und sprach: »Führe mich, und was du verlangst soll dein sein, – nach dem Siege.« –

Das Heer brach auf als ging's zurück. Der Spielmann aber schritt voran: er ließ die bekannten Wege und führte den Kaiser um einen Felsenvorsprung über einen schmalen Bergsteig – »Weg der Franken« heißt er seitdem im Volke – und nieder in die Ebene von Giaveno.

Hier sammelten sich die Massen zum Kampfe gegen Desiderius. Die Langobarden wähnten, Karl noch vor sich zu haben hinter den Klausen; Karl aber griff sie im Rücken an. Sobald Desiderius das hörte, riß er sein Roß herum und floh, seinem Heer voran, nach Pavia. Die Franken ergossen sich weithin in das Land und brachten es unter Karls Gewalt.

Da trat der Spielmann vor ihn und heischte den Lohn. »Fordere, was willst du?« antwortete Karl.

»Auf den Berg dort will ich steigen und mein Horn blasen, und soweit man seinen Schall hört, sollst du mir Land und Leute zu eigen geben.«

»Es sei,« sprach Karl. Der Spielmann neigte sich höflich, stieg auf den Berg und blies und stieg sogleich 341 wieder herab, schritt durch Dörfer und Felder und fragte jeden, den er begegnete: »Hast du mein Horn gehört?« Und sagte der ja, so gab ihm der Spielmann einen Backenstreich und sprach: »Du bist mein eigen.« So verlieh Karl ihm alles Land, darin des Hornes Schall war gehört worden, und nach dem Spielmann besaßen es dessen Söhne. Die Einwohner des Landes nannte man »Transcornati«, d. h. die »Zusammengeblasenen«.

Seit Ogier den Kaiser auf der Heerfahrt wußte, wachte er Tag und Nacht vor Verrat; denn Bero, ein Alamanne, hatte ihn gewarnt vor der Langobarden Falschheit. Ogier traf mit seiner Schar in Pavia ein, als Desiderius dorthin geflohen kam. Kaiser Karl zog heran: Desiderius und der Däne stiegen auf einen Turm, von wo aus sie weithin die Ebene überschauen konnten. Als die Vorhut sich zeigte, fragte der König: »Reitet Karl in diesem Troß?«

»Noch nicht,« antwortete Ogier. Darauf kam das Volksheer in breiten Massen, und Desiderius sprach: »Hier wird er siegesstolz unter seinem Volke reiten?«

»Noch nicht,« antwortete Ogier. Nun kam des Königs Hofgesinde gezogen, das nimmermüde.

»Hier ist Karl,« rief Desiderius erschrocken.

»Noch nicht und auch hier noch nicht,« antwortete Ogier, und er zeigte auf einen Zug von Bischöfen, Äbten, Kaplänen und ihren Dienern. Da sprach Desiderius voll Grausen: »Laß uns hinab, es ist besser, wir verbergen uns vor dem Zorn eines so furchtbaren Mannes.«

Aber Ogier erwiderte: »Wann du im Gefild ein Saatfeld von Speeren starren siehst, und auf dem Tessin eisenschwarze Wellen gegen die Stadt anschwellen, – dann 342 erwarte Karl.« Bei den letzten Worten sahen sie's im Westen und Norden wie eine Wetterwolke, aber bald ging ein Glanz von ihr aus, heller wie der Tag: und sie erkannten Schilde, Speere und Helme unzähliger Vasallen, die mit ihren Scharen daherritten. Da sah man auch den eisernen Karl: auf dem gewaltigen Haupt den Eisenhelm, die Brust und breiten Schultern umspannt von der Eisenbrünne, Arme und Beine mit gleichen Schienen bedeckt, in der Linken den ragenden Eschenspeer, in der Rechten Joyeuse. Tencendur, sein graufarbener Hengst, schritt willig unter dem Druck seiner Schenkel.

»Das ist Herr Karl,« sprach Ogier. Und des Kaisers Paladine, die vor und hinter ihm ritten, waren gleich ihm in Eisen gekleidet: so schien das Gefilde von Eisen überflutet.

»Wehe, das Eisen!« rief das Landvolk und floh. Pavia aber tat dem Kaiser seine Tore noch nicht auf. Desiderius zog hinaus zur Schlacht. Wo er einen Mann stellte, da konnte Karl dreißig ins Feld stellen. Die Schlacht hub an: drei Tage lang stritten die Langobarden mannhaft, und Kaiser Karl sprengte zornig in den Feind geradewegs auf Desiderius; sein Speer stieß in des Langobarden Sattel: schon schwang er Joyeuse und wollte ihm das Haupt abschlagen. Ogier fing den Streich mit Curtaine auf und errettete den König.

Aber bald wurde Desiderius von Franken umringt, Ogier befreite ihn zum zweiten Male und schlug so gewaltig drein, daß die Franken von dem König weichen mußten. Der sah, wie seine Langobarden fielen vor Karls Übergewalt: er floh mit seinem Volk nach Pavia und ließ den Dänen im Feld.

Da traf ihn Bero, der eine frische Schar ins Treffen führte. »Wend' um, König,« rief er, »denk' an Mailand, 343 denk' an dein Wort, hilf dem Dänen.« Aber Desiderius jagte davon, Herzog Bero zog aufs Schlachtfeld.

Ogier begrüßte ihn freudig und rief: »Nun sollen erst die Franken den Dänen spüren.« Er schlug Richard von Normandie eine schwere Wunde und traf den Erzbischof von Reims, daß er's nicht vergaß.

Da rief Karl grimm: »Montjoie, ihr Herren, schlagt zu, nun gewinnt mir den Sieg oder fallet im Kampf.«

»Montjoie Karl!« schallte es übers Schlachtfeld und sie schlugen zu mit den Schwertern, schossen Speere wie Hagel so dicht, daß Herzog Beros Volk fliehen mußte, nur Ogier hielt noch stand. Beros Bruder lag von einem flandrischen Grafen durchspeert am Boden, Ogier spaltete dem Flanderer Haupt und Rumpf mit einem Hieb. Gerhard von Viane rannte mit dem Dänen zusammen und warf ihn von Braieforts Rücken aufs Feld, aber sofort sprang der Däne empor und auf ein andres Roß. Die Franken jagten hinter dem edlen Hengst her, ihn zu fangen. Braiefort wehrte sich mit seinen Hufen, schlug manchen Mann nieder und manchen wund und lief geradewegs seinem Herr nach.

Herzog Bero stand klagend über seines Bruders Leiche: Naimes starker Sohn, Bertram, schoß seinen Speer und durchbohrte ihm das Herz: neben seinen Bruder sank er hin.

Braiefort hatte seinen Herrn gefunden und als Ogier sich in den Sattel schwang, kam ein Schildknecht Beros gelaufen und brachte dem Dänen die Todesmeldung. Der schwur blutige Rache: und da fielen vor seinem Schwerte Balduin von Anjou, Herzog Rainer und Graf Lambert. In der Ferne sah er Bertram: sogleich ritt er ihn an und spaltete ihm das Haupt mit einem Hieb.

344 Herzog Naimes sprach, als er ihn fallen sah: »Sohn Bertram, ich räche dich, koste es mein Lebens

Kaiser Karl sandte seine tapfersten Vasallen aus, Ogier zu bezwingen: der schlug sie alle ab; seine Mannen lagen auf dem Feld oder waren geflohen, sein Schild war ganz zerhackt, seine Brünne geborsten, aus sieben Stichen floß das Blut an ihm nieder; da jagte er vor seinen Verfolgern nach Pavia und heischte Einlaß. Aber Desiderius hielt die Tore geschlossen.

»Nun lasset Desiderius, wo er ist, Paladine,« rief Karl, »und fangt mir Ogier.«

Der sah, daß er fliehen mußte, und jagte in den nächsten Wald, um sich und seinem Hengst ein wenig Ruhe zu schaffen. Bald wurde er von den Verfolgern entdeckt und umringt: den einen, Harinwald, erschlug er mit dem ersten Hieb, und rasch sprang er auf Braiefort und stieß ihn mit dem Sporn, daß er wie ein Hirsch davonflog dem Gebirge zu. Zwei friedliche Pilger, Amis und Amile, Freunde Karls, kamen ihm in den Weg: er erschlug sie in bösem Zorn und hinter ihm her jagten die fränkischen Herren. Zuweilen schaute Ogier um, und war einer ihm nahe gekommen, so wandte er Braiefort und schlug den Verfolger wund oder tot.

Und Braiefort rannte bis nach Castelfort.

Beros junger Sohn lag mit einigen Getreuen Ogiers in Castelfort. Als er seinen Freund vor dem Tor erkannte, tat er es auf und ließ den Bluttriefenden ein.

Bald langten vor der Burg fränkische Scharen an und umstellten sie von allen Seiten. Im letzten Zug ritt Kaiser Karl: »Bei meinem Zorn,« sprach er, und sein 345 weißer Bart wallte im Wind: »hier lieg' ich, bis ich Ogier habe, lebend oder tot.«

Er ließ einen Sturmwagen bauen, in welchem eine Schar Gewaffneter stehen konnte, und die schossen Feuerkugeln in die Burg: die hölzernen Häuser darin fingen Feuer und brannten nieder: Ogier und die Besatzung gingen stets in Eisenkleidern und gruben sich Erdhöhlen gegen das Feuer.

Während die Franken vergebens den steinernen Bergfried mit Schleudern und Sturmböcken berannten, brach Ogier auf der andern Burgseite hinaus und griff die Belagerer an, zerstörte mit Feuer und Axt den großen Sturmwagen und kehrte ins Schloß zurück. Von seinen Tapfern fiel einer nach dem andern in Verteidigung oder Angriff, auch Beros junger Sohn ritt, auf einem Ausfall verwundet, blutend ins Schloß zurück und starb in Ogiers Armen.

Die Speisen waren zusammengeschmolzen, der Hunger schlich in Hof und Halle. Einmal, sorgenschwer, Curtaine im Arm, legte sich Ogier nieder und entschlief. Archimbald, sein erster Schildknecht, sprach: »Wir wollen den Dänen Karl ausliefern.«

Er ritt zum Kaiser, der seinen Vorschlag annahm. Und Graf Hadurich mit handfesten Männern folgte Archimbald zurück nach Castelfort.

Ogier erwachte aus schwerem Traum und sah seine Knechte unfroh und schweigend sitzen; er sprach: »wer von euch fort will, der nehme Roß und Habe und reite wohin's ihm gefällt.«

Sie wollten bleiben, antworteten sie. Es dunkelte, er ließ eine Fackel entzünden und schlief wieder ein. Er träumte, sein Leben sei in Gefahr, er fuhr vom Schlummer 346 auf, sah keinen seiner Knechte, schwang die Fackel umher: da gewahrte er einen.

»Wo sind die andern und was ist los? Antworte, oder ich durchsteche dich mit Curtaine.«

»Teurer Herr,« flüsterte der Knecht, »Archimbald hat dich dem Kaiser verraten: die Franken sollen dich hier fangen, deine andern Knechte satteln die Hengste und packen ihre Habe zusammen.«

Da ging Ogier hin, erschlug die Meineidigen bei ihren Rossen und schob den Riegel vor das Burgtor, gerade als Archimbald und Hadurich davor anlangten. Sie pochten, wie sie verabredet. Ogier fragte mit verstellter Stimme: »Wer pocht?«

»Ich, Archimbald, was ist's mit Ogier?«

»Er schläft, wir stahlen ihm Curtaine, kommt nur herein.«

Ogier schob den Riegel zurück: als Archimbald eintrat und die Mauertreppe herunterstieg, schlug ihm Ogier das treulose Haupt ab.

Hadurich lief mit den Häschern davon; aber rasch stieg Ogier auf sein Roß, jagte nach und nicht einer von ihnen blieb am Leben. Den treuen Knecht entließ er: »Habe Dank für deine Treue,« sprach er, »reite hinweg und rette dich.«

Nun stopfte er die Rüstungen der meineidigen Knechte aus, setzte sie auf die Mauern, gab ihnen Waffen in die Hände und band Seile daran, daß sie die Glieder bewegten, so oft er daran zog, und Lebenden glichen. Die Franken wähnten, er habe heimlich Zuzug bekommen. Carlot sprengte gegen die Burg, schoß Speere auf die Wehrmannen und staunte, daß kein Schuß sie niederwarf. Karl hielt darum Rat: vor seinem Zelt saßen die Berater. Da kam Ogier plötzlich unter sie gesprengt mit 347 eingelegtem Speer und zielte auf Carlot; rasch warf sich der auf eine Bank, der Stoß ging über ihn weg und durchspeerte des Kaisers Mundschenk. Der Tisch, an dem sie gesessen, mit Brot und Wein darauf, stürzte um. Wie er gekommen, stob Ogier davon. Die von den Franken zuerst sich faßten, sprangen auf ihre Rosse und jagten ihm nach: doch ehe sie dem Dänen nur nahe kamen, flog Braiefort über die Schloßbrücke und das Burgtor fiel den Herren vor der Nase zu. Ogier saß nun ganz allein in der Halle von Castelfort: aus goldner Schüssel aß er das letzte Stück trocknen Brotes, dazu etwas Pferdefleisch. Seinem Hengst schüttete er den letzten Hafer vor. Er stieg, als es dunkelte, auf die Mauern, schob an seinen Strohmännern in Eisenkleidern herum und überdachte, was er beginnen sollte. Zwei Späher hatten ihn dabei beobachtet und merkten die List, sie hinterbrachten alles Carlot.

»Barone, bringt mir meine Waffen, ich will mit dem Herzog aus Dänenland reden,« sprach der und ritt frühmorgens vor Castelfort, die Eisenspitze des Speeres nach unten gekehrt, und rief hinauf: »Ogier, laß' dich versöhnen! Jeden Morgen und jeden Abend hab' ich meine Untat beweint: ich will dir den Mord Balduins sühnen: komm' zurück an meines Vaters Hof.«

Ogier antwortete von der Zinne herab: »Ich hasse dich und hab's geschworen, Carlot: mit deinem Haupt mußt du den Mord sühnen.«

»Ist denn dein Sinn gar nicht zu wenden, dann fahr' wohl,« sprach Carlot und wandte sein Roß.

»Reite unbesorgt zurück,« antwortete Ogier, »jetzt nehm' ich nicht Rache an dir.«

In der Nacht aber ritt Ogier ans fränkische Lager und schlich in Carlots Zelt: bei dem unruhigen Schein 348 einer Fackel sah er das königliche Lager und stieß mit dem Speer hinein, in dem Wahn, Carlot durchbohrt zu haben. Der hatte sich aber am Boden auf Stroh gebettet, jedem Überfall zu entgehen. Krachend war das Speerholz gebrochen, die Wachen griffen nach Schwert und Speer, aber der Däne entkam im Dunkel der Nacht.

Am nächsten Morgen ritt Kaiser Karl seinen Scharmannen weit voraus gegen Castelfort. Ogier erkannte ihn, er schob den Torriegel zurück, rannte auf Braiefort den Kaiser mit eingelegtem Speer an und warf ihn ins Feld; schon schwang er Curtaine über Karls Haupt, da war Naimes mit seiner Mannschaft zur Stelle und fing den Hieb mit seinem Schild auf. Ogier wandte zur Flucht: weg von Castelfort. Die Franken jagten hinter ihm drein.

Braiefort lief an den reißenden Rhone hin, sprang hinein, schwamm durch und rannte auf der andern Seite am Ufer entlang. Keines der fränkischen Rosse wollte in die schäumende Flut. Eine Strecke abwärts mit dem Stromlauf fanden die Barone eine Brücke, ritten hinüber und verfolgten wieder Ogier. Da lenkte der Braiefort quer übers Feld, stieß ihn mit dem Sporn, und der Hengst schoß dahin, Funken schlagend, mit schnaubenden Nüstern. Bald waren Roß und Reiter verschwunden, und die Franken ritten zurück!

Ogier kam nach langem Ritt an einen Seehafen und fuhr über See gen Rom.

Kaiser Karl aber versammelte seine Barone und sprach: »Ogier hat manchen Freund unter euch, ihr Herren: wer ihn heimlich unterstützt, dem tu' ich, was einem Verräter gebührt. Der Däne sei friedlos unter der Sonne, wer ihm begegnet soll ihn erschlagen oder fangen.«

349 Er ritt hinein durchs Tor von Castelfort, das niemand mehr bewachte. Er bewunderte des Dänen Kriegslist und Ausdauer und klagte laut: »Weh' um solchen Helden, daß er ins Elend oder in den Tod muß.« – Darauf sammelte er sein Kriegsvolk und kehrte nach Pavia zurück, Desiderius zu bezwingen.

Der Langobardenkönig hielt sich mit Sohn und Tochter in Pavia eingeschlossen. Karl lag davor und bestürmte die festen Mauern vergeblich. Da schoß des Desiderius Tochter einst einen Pfeil mit einem darangebundenen Brief über den Tessin. Der Brief war an Karl gerichtet: darin stand geschrieben: »Großer Karl, nimm mich zum Ehegemahl, dann überliefere ich dir die Stadt und meines Vaters Schatz.«

Karl sandte ihr eine Antwort, welche die Königstochter nach ihrem Wunsche deutete. Da nahm sie, als Desiderius schlief, die Schlüssel der Tore und gab den Franken Nachricht: »Haltet euch bereit, heute Nacht.« Und wie Karl einritt in die Stadt, sprang ihm die Jungfrau entgegen: aber im Gedräng geriet sie unter die Hufe der fränkischen Rosse und wurde zerstampft. Adelchis erwachte von dem Wiehern der Hengste, sprang auf, schwang sein Schwert und erschlug viele Franken. Doch Desiderius befahl ihm, abzulassen, er wolle sich Karl ergeben. Da floh Adelchis aus Pavia hinweg. Kaiser Karl nahm die Stadt ein und ließ sich von den Langobarden den Eid der Treue leisten. Desiderius schickte er gefangen ins Frankenreich.

Adelchis kehrte aber heimlich nach Pavia und in den königlichen Palast zurück, um zu spähen. Zu Schiff kam er, in geringem Gewand, und wurde von niemand erkannt, außer von einem alten, ihm getreuen Knecht, der 350 nun im Palast Speisen auf des Kaisers Tisch tragen mußte.

»Ich werde dich verleugnen, so lang ich's kann,« sprach der.

Adelchis war jung, kühn und mutig; er sprach zu dem Vertrauten: »Ich vermag nichts gegen den übermächtigen Karl; doch will ich einmal an seiner Tafel gasten. Laß mich am untersten Ende des Tisches sitzen und sorge, daß alle Knochen vor mich gelegt werden.« Als es zum Essen ging, tat der Knecht wie ihm Adelchis geboten hatte. Der zerbrach die Knochen, aß das Mark heraus und warf sie dann unter den Tisch: da gab's einen tüchtigen Haufen. Vor allen andern stand er auf und ging hinaus. Karl hob die Tafel auf, sah die Knochen und fragte: »Wer hat soviel Knochen zerbrochen?«

Niemand wußte es. Einer antwortete: »Hier saß ein mächtiger Recke, der zerbrach sie wie Hanfstengel.«

Karl rief den alten Knecht herbei und fragte: »Wer war der Mann, der hier an meinem Tische saß?«

»Herr, ich weiß es nicht,« antwortete der Getreue; als aber der Kaiser rief: »Bei meinem Zorn, du weißt es,« erschrak er und schwieg, und Karl fuhr fort: »Adelchis war's: wo ist er hinausgegangen?«

Da rief ein andrer: »Er kam zu Schiff, so wird er wohl auch zu Schiff wieder gehen.«

Und ein dritter fragte: »Soll ich ihm nacheilen und ihn erschlagen?«

»Wie wolltest du das können?« antwortete Karl.

»Gib mir deine goldenen Armspangen, Herr, damit will ich ihn berücken.«

Der Kaiser gab sie ihm, und der Franke eilte davon.

Adelchis fuhr schon im Schiff auf dem Tessin dahin, als der Franke vom Ufer aus rief: »Komm' ans Land, 351 Karl schickt dir als Friedenszeichen seine goldenen Armspangen.«

Adelchis steuerte dem Ufer zu, der Franke bot ihm die Ringe auf der Speeresspitze dar. Da hielt Adelchis seinen Nachen an, bevor er ans Land stieß, streckte seinen Speer hin und rief: »Was du mir mit dem Speer reichst, will ich mit dem Speer empfangen. Sendet mir Herr Karl eine Gabe, will ich ihm auch nicht nachstehen, bring' ihm dafür meine Armspangen.«

Er nahm die goldenen des Kaisers und reichte mit dem Speer seine eignen zurück und fuhr den Strom hinab. Der Franke brachte sie Herrn Karl. Wie der sie anlegte, fielen sie ihm bis auf die Schultern. Adelchis wollte sich dem Kaiser nicht unterwerfen und entfloh über See. Karl kehrte zurück nach Francien.

Ogier war in Welschland Tage und Nächte hindurch geritten, da fingen seine Waffen an, ihn zu drücken, und als er auf eine stille Waldwiese kam, die ein klarer Bach durchrieselte, stieg er ab, legte Brünne und Waffen von sich, schnallte Braiefort den Sattel ab und ließ ihn weiden, während er sich am Ufer hinstreckte und schlief.

Nun war Erzbischof Turpin gerade auf der Heimreise von Rom, wohin ihn Karl entsendet hatte mit Briefen für den Papst. Der Bischof ritt in kleinem Geleit von Mönchen und Wehrmännern des Weges. Einer der Knechte wollte sein Roß tränken und fand den schlafenden Herzog; eilig meldete er's Turpin: »Brünne und Helm hangen am Strauch, Schwert und Schild liegen im Grase.« Turpin betrübte sich: er wäre dem Herzog gern aus dem Wege gegangen, aber er fürchtete Karls Zorn. Während die 352 einen Knechte Ogiers Waffen fortnahmen, suchten und fingen die andern Braiefort. Der Hengst wieherte hell: Ogier erwachte, griff nach Curtaine und fand das Schwert nicht an seiner Seite. Ein Mönch wollte Hand an ihn legen, der Däne sprang auf und erschlug ihn mit der geballten Faust. Dann riß er von des Gefallenen Gaul den Sattel herunter und verteidigte sich damit. Die ersten Angreifer fielen wund ins Gras, die andern wichen zurück. Er schwang sich auf des Mönches Roß und wollte davon. Aber die Knechte warfen dem Gaul Speere zwischen die Beine, daß er stolperte und stürzte, und Ogier mit ihm.

Rasch fielen alle Knechte und Mönche über den Wehrlosen her und banden ihn. Sie setzten ihn auf ein Roß; unfreudig hatte Turpin zugeschaut, nun ritt er an Ogiers Seite und führte ihn nach Reims in sein bischöfliches Haus.

Bald erfuhr Kaiser Karl des Erzbischofs Gastlichkeit; er befahl ihm, den Dänen nach Paris zu bringen, »daß er den Schwerttod sterbe, sein Leib aber am Galgen hänge auf dem Falkenberge, wilden Vögeln zum Fraß«.

Der Bischof band Almace an seine Hüfte, stieg auf seinen Hengst, ritt nach Paris und trat vor Karl, der unter seinen Paladinen saß: »Gott segne dich, großer Karl,« begann er, »ich bitte dich um Gnade für Ogier; blick' um dich,« – er deutete auf die Paladine – »diese alle, und Carlot selber bitten mit mir: bedenke, wie oft er dein Leben schirmte und wie er Brunamont, das heidnische Ungeheuer, erschlug. Stirbt Ogier, dann werden Saracenen und Heiden in dein Land einbrechen und Gottes Altäre umstürzen! Ogier stammt von Nordleuten, die kaum absagten der Blutrache: wer mag sich da wundern, daß der Vater den Sohn rächen wollte? Ich sage 353 dir, Kaiser Karl: laß von deinem Zorn und gewähre Gnade.«

Schweigend blickte Karl auf den Bischof; der begann aufs neue: »Willst du ihn nicht freigeben, so laß ihn mir: in meinem festen Haus mag er dann seine Sünden bereuen. Willst du aber auch das nicht, dann lebe wohl, Herr Karl, entlaß mich aus deinem Dienst.«

Als der Bischof zu Ende war, riefen die Paladine: »Turpin hat recht, du sollst ihn nicht töten.«

Herzog Naimes sprach: »Ogier erschlug mir Bertram, meinen Sohn: ich will's vergessen; einen Helden wie Ogier straft man nicht mit dem Tode: du sollst ihm Gnade gewähren.«

Milde sprach da der Kaiser zu Turpin: »Erzbischof, behalte deinen Gefangenen zu Buße und Besserung, bei schmaler Kost, hörst du! Und hüte ihn mir gut hinter Eisenstäben und Stein,« und mit der Rechten winkte er ihm, zu gehen.

Freudig eilte Turpin nach Reims zurück: er ließ einen geräumigen, festen Turm neben seinem Hause bauen, mit Söller und behaglichem Schmuck und führte Ogier hinein: »Lieber Freund,« sprach er, »du mußt nun mein Gefangener bleiben, bei schmaler Kost: ein viertel Brot, eine Schale Wein, ein Stücklein Fleisch im Tag, und also gefangen fürs ganze Leben.« Ogier erbleichte, seine Augen verloren den Glanz: »Ein rascher Tod wäre besseres Los als der Hungertod,« sprach er.

Turpin erwiderte: »Dabei müßtest du freilich verhungern: ich lasse aber Brot und Schale so groß sein, daß du mehr als genug daran haben wirst.«

Seitdem lag Ogier im Turm. Der kluge Bischof verpflegte ihn gut, er holte ihn auch oft in sein Haus zum Schachspiel oder sonstiger Kurzweil mit Spielleuten und 354 zarten Frauen; doch wachte er darüber, daß unberufener Mund Herrn Karl davon nichts verraten konnte. Nach ein paar Jahren verlangten die fränkischen Barone des Dänen Freilassung: »Er hat genug gebüßt, gefastet und gedürstet,« sprachen sie; aber Karl antwortete: »Nein.« Seitdem vergaß man seiner und fing an, ihn tot zu sagen im Reich und bis zu den Heiden hin.

Da sprachen die Heiden: »Ogier starb, nun kam die Zeit uns an Karl zu rächen.« Auf vielen Schiffen schwammen sie daher und drangen durch Flandria und Hennegau bis unter die Mauer von Laon vor. Dort fanden ihre Boten Kaiser Karl in seinem Palast und sprachen: »Auf, großer Karl, sende zehn deiner Kämpen vor die Stadt; denn Bruher, unser Herr, wartet ihrer. Bezwingen sie ihn, so ziehen wir ab, bezwingt aber Bruher deine Recken, dann mußt du sterben.«

»Hinaus mit euch aus meiner Pfalz und aus meinem Land!« rief Karl und ballte drohend die Faust.

In Laon waren nur einzelne der Paladine und ohne ihre Kriegsscharen versammelt, die andern saßen auf ihren Lehen oder verteidigten eine Grenzmark. So ritt Kaiser Karl mit einem kleinen Zug Bewaffneter hinaus, die Heiden zu vertreiben. Die griffen das Häuflein der Franken sogleich an. Kaiser Karl stürmte den Seinen voran in den Streit und zwang die heidnischen Landbrenner, als die Nacht einbrach, von den Mauern der Stadt zurückzuweichen. Aber Bruher ritt auf seinem fahlen Roß vor die Franken, schüttelte seinen Speer und rief: »Ich fürchte euch alle nicht: nur Ogier könnte mich bezwingen, und den hat Karl in den Tod geschickt. Morgen beginnen wir das Spiel von neuem.«

355 Schweigend saßen in der Pfalz des Kaisers Räte, als Naimes begann: »Ihr Herren, heut' dünkt mir's gut, Karl erfahre, daß Ogier lebt.«

»Er lebt?« fragten die, welche das Geheimnis nicht kannten. Da trat Karl selber ein und Herzog Naimes sprach: »Herr Karl, ich will von dem reden, dessen Namen vor dir zu nennen du uns Paladinen bei Lebensstrafe verboten hast: er würde jetzt, da Roland fern ist, Bruher im Zweikampf besiegen und das Land bliebe verschont.«

Der Kaiser blickte finster und schritt hinaus. Nun hatte aber Naimes, bevor er in den Rat ging, allen Knechten befohlen, wann sie des Kaisers ansichtig würden, laut zu rufen: »Weh', daß Ogier im Turm zu Reims liegt.«

Als Karl durch die Pfalz schritt, blieb er horchend stehen und seufzte: »Ja, wenn er noch lebte!« Und wie er so klagte, trat Naimes zu ihm und sprach: »Teurer Herr, er lebt: willst du ihm verzeihen?«

»Ich will's, aber wie könnte der starke Held noch leben! Im dunklen Turm, bei karger Kost, die langen Jahre und Monde hindurch?« antwortete Karl.

»Der Erzbischof hat ihn gut gepflegt: bange nicht, geliebter Herr, Ogier lebt.«

Da sandte der Kaiser sogleich Herzog Naimes mit zweihundert Speerreitern nach Reims: »Will Ogier Carlot verzeihen und gegen Bruher streiten, so ist er frei und mein Herzog wie zuvor; das melde ihm.«

In Reims antwortete Ogier: »Gegen Bruher will ich gerne streiten, aber Carlot kann ich nicht vergeben.« Dennoch befreite ihn Naimes.

»Erzbischof,« sprach Ogier, »bring' mir meine Waffen her.«

»Deine Waffen sind bereit: doch wo Braiefort hinkam, weiß ich nicht, ich gebe dir einen andern Hengst,« 356 antwortete Turpin. Aber keiner war stark genug für den gewaltigen Dänen. »Ohne ein Roß kann ich nicht kämpfen,« rief er unmutig. Da sprach zaghaft ein dabei stehender Mönch: »Wir haben Braiefort in unserm Kloster: erzieht Steine zum Kirchenbau.«

»Ihr unvernünftigen Pfaffen!« schalt Ogier zornig, »solchen Hengst gibt man nicht Kirchenknechten: wartet, ich reiße euch noch ebensoviel Steine aus eurem Bau als Braiefort hingeschleppt hat. Fort mit dir und schaff' den Hengst her.«

Braiefort kam, er war mager und schlecht gepflegt, Ogier erkannte ihn nicht, aber das Roß erkannte seinen Herrn und sprang hell wiehernd auf ihn zu. Ogier striegelte ihn und schüttete ihm Hafer vor, daß er sich rasch erholte. Bald ritt er auf seinem Rücken in Laon ein und vor Karls Palast und rief: »Herr Karl, erst will ich meine Rache an Carlot vollziehen, dann deinen Feind erschlagen.«

Der Kaiser bot ihm zur Sühne alles, was er wolle, nur nicht Carlots Leben. Aber Ogier blieb in seinem Haß und bei seiner Rache. Da faßte Karl seines Sohnes Hand und führte ihn zu dem Dänen: »Hier nimm meinen Sohn, tu' mit ihm, was Gott zulassen wird, und errette mein Volk vor den Heiden.«

Carlot beugte sein Knie und sprach: »Verzeihe! Und schenke mir mein Leben.«

Aber Ogier zog Curtaine. Karl sah's: er verhüllte sein Haupt und schritt zur Kapelle; auf der Schwelle sank er besinnungslos nieder. Naimes und die umstehenden Barone hielten Ogiers Schwertarm fest, mit Bitten ihn drängend. Karl hatte sich erhoben, er wandte sich um und rief betränten Auges: »Ogier, schone meines Kindes!« Der Däne hielt Carlots Locken mit der Linken gefaßt, stieß 357 die Barone zurück und holte aus zum Todesschlag: da erschien ein Engel in der Luft schwebend über der Schwertspitze und rief: »Schlage nicht! Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr! Steig' auf deinen Hengst und erschlage den Heiden.«

Und glänzend und leuchtend fuhr der Engel gen Himmel auf: alle sahen Gottes Wunder. Ogier ließ die Locken fahren, sank ins Knie und sprach: »Geh' in Frieden hin, Carlot: ich diene Herrn Karl, wie ich zuvor getan.«

Kaiser Karl schritt auf den Herzog zu, dankte und umarmte ihn und sprach: »Bis an meinen Tod bleib' ich dein treuer Freund.« Er half selber dem Dänen die Brünne umschnallen, den Helm aufbinden und Braiefort besteigen. Ogier ritt freudig hinaus zum Zweikampf mit Bruher. Das Getöse ihrer Waffen schallte weithin: Bruher durchhieb mit wuchtigem Schlag Braieforts stolzen Bug. Tot stürzte der gute Hengst zu Boden. Ogier sprang vom Boden auf, Bruher sprang vom Sattel ab: er griff dem Dänen an den Hals und sie rangen miteinander, bis es Ogier gelang, die Rechte freizumachen: da schlug er dem Heiden das Haupt ab.

Er schwang sich auf des Erschlagenen starkes Roß und stürmte, gefolgt von den Baronen und Bewaffneten, gegen die überraschten Heiden, die eilends davon und auf ihren Schiffen über See flohen.

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