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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 2
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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Erstes Buch

Karl der Große in der Geschichte

von

Felix Dahn

9 Vorbemerkung

Die germanische Heldensage hat schon acht und mehr Jahrhunderte vor Karl dem Großen begonnen. Nicht nur halbgöttliche, der Göttersage angehörige, auch geschichtliche Helden und Könige hat sie gefeiert seit grauester Vorzeit. Als Tacitus um das Jahr 100 nach Christi Geburt sein Büchlein über Land und Volk der Germanen schrieb, da sang und sagte man noch in den Wäldern der Cherusker von Armin, den der Römer selbst: »zweifellos Germaniens Befreier« nennt: wohl waren es damals schon achtzig Jahre, seit diesen Befreier von dem Römerjoch der Neid der eignen Gesippen ermordet hatte: doch unvergessen lebte sein Bild, sein Name in dem Herzen seines Volkes. Gewiß war aber Armin nicht der erste, den das Heldenlied besang. – Und ebenso gewiß ward auch in den folgenden Jahrhunderten gar mancher tapfre Führer, gar mancher weise König gepriesen in den Hallen der Fürsten, bei dem Opferfeuer im heiligen Hain. Der Freiheitskampf der Batăver um das Jahr 70, der große Markomannenkrieg um 170, die Züge der Goten zu Land und zu Meer von der Donau bis in das Herz von Asien seit Anfang des dritten Jahrhunderts, die von der gleichen Zeit an viele Menschenalter hindurch 10 wiederholten Versuche der Alamannen am Oberrhein, der Burgunden am Mittelrhein, der Franken am Niederrhein, die römische Grenzwehr, den limes , zu durchbrechen, die Fahrten und Ritte der Friesen und der Sachsen zu Wasser und zu Land in das römische Gallien hinein, aber auch die Kämpfe germanischer Völker untereinander: der Langobarden und der Gepiden, der Langobarden und der Héruler, der Vandalen und der Ostgoten, endlich die Kriege dieser Germanen mit Slaven, Finnen, Avaren, Hunnen vom 3.–6. Jahrhundert sind nicht verlaufen, ohne die tödliche Bedrängnis, die Freuden des Sieges, in Heldenlied und Heldensage auszudrücken. Das sind nicht bloße Vermutungen: es steht solche Heldensage zweifellos fest. Zwar die Dichtungen selbst sind fast spurlos verloren, aber die Angaben geschichtlicher Quellen bezeugen eine Wandersage, Königssage, Heldensage beinah all der genannten Völker wie auch der Nordgermanen in Skandinavien, der Angelsachsen in England. Der machtvolle Ostgotenkönig Ermanrich c. 350, die Vorfahren Theoderichs des Großen, die Amalungen, und er selbst, Herr Dieterich von Bern, der Burgundenkönig Gunthachar, der 438 mit seinem Heer von hunnischen Scharen bei Worms vernichtet ward, die Gottesgeißel Etzel, der Langobardenkönig Alboin, aber auch die Ahnen der fränkischen Merowinge, – all diese sind in Sagen gefeiert worden, welche sich zum Teil, wie die gotische (Dietrich), burgundische (Gunther), fränkische (Siegfried), hunnische (Etzel), bayerische (Rüdiger) mannigfaltig durchdringen und verwirren.

Neben diesen allbekannten Gestalten hat aber die Sage, wie wir vielen Andeutungen mit Bestimmtheit entnehmen können, noch eine gar reiche Zahl von andern 11 geschichtlichen Männern und Frauen, dann die Bilder von Wanderungen, von großen Völkergeschicken jeder Art, mit ihrem dunkelgrünen Efeugerank, schmückend zugleich und verhüllend, umwoben. Fast alles ist verloren: – ließ doch Ludwig der Fromme die von seinem großen Vater – der, selbst ein Held, an Heldentum sich freute, – gesammelten Sagen von den alten Königen und Helden wegen des heidnischen Ruches ins Feuer werfen! Das Wenige, was gerettet, läßt uns in seiner stolzen Herrlichkeit das Viele, was verloren, auf das Schmerzlichste beklagen.

Es war also nichts Neues, nur Fortsetzung uralten Waltens und Webens, ja die Befriedigung eines nicht zu erstickenden Triebes in der Seele des Volkes, in seiner Einbildungskraft, seinem Gemüt, seiner Dankbarkeit, seiner Bewunderung und Liebe, oder auch seines Hasses und Entsetzens, seiner Furcht, endlich auch seines köstlichen Humors und seiner dichterischen Lust am Fabulieren, wenn auch Karl der Große und zwar sehr bald nach seinem Tode schon zum Gegenstand der Heldensage ward.

Wahrlich, dieser Mann von überwältigender Größe, von Größe auf so verschiedenen Gebieten, von alles überstrahlenden Erfolgen und – nicht am leichtesten wiegend! – auch rein menschlich so reich an herzgewinnenden Zügen, dieser als Siegesheld und Friedenskönig, als Vater seiner Völker, als Rechtsbeschirmer und Retter zumal der von den Vornehmen verunrechteten geringen Leute, der freien, aber vielgedrückten Bauern: – dieser Mann mußte der Mittelpunkt eines weiten, farbenbunten Sagenkreises werden, wie kaum ein andrer, wie auch Dietrich von Bern und der keltische König Artus mit seiner Tafelrunde nicht.

Ein kleiner Ausschnitt aus jenem großen Sagenkreise wird in diesem Buche dargestellt.

12 Meine Einleitung will dem Reiz der Sage durch Erzählung des Inhalts nicht vorgreifen, will auch nicht eine wissenschaftliche Auflösung der Karlssagen in ihre verschiedenen Bestandteile versuchen: nur das geschichtliche Bild des Mannes will ich hier voranstellen, ohne jede gelehrte ZurüstungEine ausführliche Darstellung von Karls Regierung gibt meine Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker. III. Band, Berlin 1886. 1887. S. 952 f.; eine kürzere meine Deutsche Geschichte I. 2. Gotha 1887.. Ich meine, es muß die jungen Leser – und vielleicht auch ein paar alte – anziehen, zuerst in aller Kürze zu erfahren, was und wie und wer dieser Karl wirklich war und dann zu sehen, wie diese Gestalt sich in der Sage gespiegelt hat. Dabei würde eine lehrhafte und zopfige Hinweisung in jedem Einzelnen auf die entsprechende Gestaltung in der Sage, ein steter Vergleich von Geschichte und Sage, nur stören: der sinnige Leser wird in der Sage mit Wohlgefallen selbst herausfühlen, wie diese sich nach ihren Bedürfnissen die Geschichte zurechtgeschnitten und übermalt hat. Im ganzen und großen aber ist die Sage wahrhaftig: sie drückt, wenn auch in ihrer phantastischen Sprache, treffend die Eigenart des Mannes und seiner Taten aus.

Sie hat das unerschütterliche Gottvertrauen, die tiefe, tatbereite, unermüdlich im Dienste Gottes und der Kirche eifernde Frömmigkeit, die unablässige Bekämpfung der Heiden in Ost und West, in Nord und Süd, das Feldherrngenie, die Heldentapferkeit, die geistige Überlegenheit des Königs über alle Großen seines Palastes, »die Paladine« (richtiger: Palatine), trefflich zur Anschauung gebracht; aber auch seine Weisheit und Herzensgüte im Frieden, zumal die stete Sorge für strengste Rechtspflege, ohne Ansehen der Person, zum Schutz der armen kleinen 13 Unterdrückten, welche gegen den Druck der Großen nur Gott und Herrn Karl zum Helfer haben. Gewisse Schwächen seines Wesens: Jähzorn und andres, – dann das lockere Leben an seinem Hof und die Kleinheit seines Sohnes und Nachfolgers Ludwig, – Karl und Pippin, die beiden sehr tüchtigen Söhne, starben vor dem Vater, – im Vergleich mit dem großen Vater sind auch nicht vergessen, vielmehr mit Humor, aber doch stets mit liebevoller Schonung des gefeierten Helden angedeutet.

Viel willkürlicher als die echte Volkssage springt freilich die Kunstpoesie mit ihren Gegenständen um: und diese hat ja auch Karl, sein Haus und seine Helden in außerordentlich zahlreichen Dichtungen von Deutschen, Franzosen, Italienern, Spaniern, Engländern, Nordgermanen behandelt. Die Ausscheidung der beiden Bestandteile ist Aufgabe mühereichster Untersuchungen, die nicht hierher gehören, ebensowenig die Sonderung der deutschen von den romanischen Gestaltungen der Sage wie der Kunstdichtung über Karl. Es genügt die Bemerkung, daß im ganzen die Volkssage von Karl bei den Deutschen, die Kunstdichtung über Karl bei den Romanen überwiegt: deutsche Dichter haben oft das von romanischen Gestaltete übertragen, umgearbeitet, aber eben doch im wesentlichen entlehnt. Mit jenem Unterschied hängt es auf das innigste zusammen, daß die romanische Kunstdichtung vor allem das Phantastische, Buntglänzende, auch räumlich in das Ungemessene Trachtende – Jerusalem, Byzanz, Rom, Spanien –, das Romantische, Ritterliche an diesen Stoffen behandelt, während die deutsche Überlieferung das Gemütvolle, Herzergreifende, dann den strengen Schutz des Rechts, die Schirmung der Unterdrückten hervorhebt: der Grundgedanke von »Karls Recht« lebt noch heute in dem Haberfeldtreiben der Bauern meiner lieben 14 oberbayerischen Heimat. Und lebte noch vor kurzem in der Heimat meiner lieben Frau, in Westfalen, wo bis vor wenigen Jahrzehnten noch die Freischöffen der Feme auf der roten Erde zum Ding zusammentraten nach Kaiser Karls Recht und Bann. Die herrliche Schilderung dieser uralten Volkssitte, in welcher auch des Kaisers Schwert noch erglänzt, in Immermanns Münchhausen ist ja bekannt. So lebte und lebt Kaiser Karl noch ein Jahrtausend nach seinem Tod im Dank des deutschen Volkes

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