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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 19
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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2. Von Roland.

215 Karls Lieblingsschwester Gisela liebte den schlichten Grafen Milon von Anglant. Sie suchten einander ungestört zu sehen: in Frauenkleidern schlich Milon unter den Mägden zu ihr. Bald entdeckte Karl ihrer Liebe Geheimnis: zornflammend warf er beide in den Kerker zu Paris und bedrohte sie mit schwerer Strafe. Herzog Naimes aber öffnete heimlich den Liebenden den Kerker und verhalf ihnen zu rascher Flucht. Karl ächtete den Grafen und zog seine Güter ein. Da flohen sie nach Italien. In einer Höhle bei Sutri gebar Gisela einen Sohn, den sie Roland nannten. Der Knabe gedieh und wuchs, aber ihre Barschaft war bald aufgezehrt, Milon mußte ausziehen, um Hilfe zu schaffen.

Gisela saß einsam in der Felsenhöhle, Roland lief umher: Hunger und Not hatten ihn bald gelehrt, Speise zu gewinnen für die Mutter und sich. In der Stadt bezwang er im Kampfspiel vier Knaben, die brachten ihm rotes und weißes Tuch und ließen ihm's vierfältig zusammennähen zum Rock. –

Kaiser Karl war auf der Heimfahrt von Rom und rastete in Sutri. An herrlicher Tafel saß er in der Halle und alles arme Volk der Stadt speiste im Vorhof. Edelknaben gingen dienend umher mit gefüllten Goldbechern, Sang und Saitenspiel tönte. Karl schaute durch das Bogentor in das Gedränge der Bettler; da sah er einen Knaben kommen, ärmlich in buntes Tuch gekleidet, aber trotzig blickte er aus blauen Augen, goldbraune Locken umrahmten sein edles Gesicht. Er schritt mitten durch die Bettler und geradezu in den Saal an des Kaisers Tisch 216 und nahm mit fester Hand eine Schüssel voll Hirschgebrät und trug sie hinaus. Staunend hatte Karl ihn gewähren lassen. So taten's die andern auch. Nicht lange, da kehrte der Knabe schon wieder zurück und nahm des Kaisers gefüllten Goldbecher fort. Karl hustete stark, den Knaben zu erschrecken: aber der zupfte ihn am Bart und fragte: »Was fehlt dir?« und schaute ihn mit einem Blick an, stolzer als der Kaiser blickte, und schritt weg mit dem Becher.

»Halt, Knabe,« rief Karl, »das ist sonderbarer Brauch! Für wen nimmst du mir Speise und Trank fort?«

Roland wandte sich auf der Schwelle des Saales und antwortete: »Für meine Mutter, Herr, der's geziemt wie Euch.« Dann eilte er hinaus. Der Kaiser erhob sich, winkte seinen Paladinen und folgte mit ihnen dem voranschreitenden Knaben an die Höhle. Da stand Gisela im grauen Bettlerkleid, bleich und elend; sie sank Karl zu Füßen, aber der alte Zorn erwachte: sein Auge sprühte, drohend reckte er die Hand empor: doch Klein-Roland umklammerte sie mit gewaltigem Griff und zog sie herunter. Blut quoll unter des Kaisers Nägeln vor. Da sprach Karl mit weicher Stimme: »Steh' auf, Schwester, um deines Knaben willen verzeih ich dir. Er soll ein wackrer Degen werden, folgt mir an meinen Hof.«

So kehrte Gisela nach acht Jahren aus dem Elend zurück in Glanz und Glück.

Und in Paris löste Karl sein Wort: er gab Ogier ein Herzogtum in der Picardie, eine Grafschaft in Burgund, dazu vier feste Schlösser mit allen Einkünften zum ewigen Lehen. So sehr er ihm einst gezürnt hatte, so gern sah er ihn nun der Schar seiner Vasallen eingereiht. 217 Da erhielt Ogier Nachricht von Elisene, daß sie ihm einen Sohn geboren und Balduin getauft habe. Er sandte ihr köstliche Geschenke und die Botschaft, bald komme er selbst. Nun hielt er seine Liebe nicht länger geheim, Herzog Naimes sagte ja und Ogier eilte mit des Kaisers Urlaub nach Sankt Omer und führte sein Weib heim.

Auch an Milon von Anglant erwies sich Herrn Karls Milde: er hob die Acht auf, gab ihm sein Lehen zurück und berief ihn wieder an seinen Hof und zu Weib und Kind. Roland ging im Edelkleid unter den vornehmsten Knaben, stolzen Mutes und geraden Sinnes. Karl liebte ihn, wie einen eignen Sohn.

Einmal saß Karl beim Mahle zu Aachen in seiner Pfalz, um ihn seine Paladine. Herzog Naimes, Graf Richard von Normannenland mit dem grauen Auge, dem braunen Haar; der war so kühn und stark, daß er Furcht nicht kannte. Da saß Turpin, mit der Adlernase, den dunklen Augen und dem glatten, schwarzen Haar. Als bescheidener Priester war er einst aus Rom an Karls Hof gekommen und dort geblieben; und Karl erhob ihn zu seinem Kanzler und bald zum Erzbischof von Reims. Er war ein streitbarer Herr: er fehlte nie freiwillig, wann Herr Karl zu Felde zog, und tapfer schwang er Almace, sein Schwert. Neben ihm saß Graf Garin, dem hatte der Kaiser Land und Schloß am Rhone geschenkt. Die hohe kräftige Gestalt, das helle Haar, das lichtblaue Auge und rosige Antlitz verrieten sein austrasisch Geschlecht, ihm war kein Dienst zu schwer für seinen Herrn.

Da war Graf Haimon aus dem Ardennerwald, der niemals floh, wann er im Streite stand. Er war nicht groß, aber unter breiten Schultern wölbte sich weit die Brust, man sah's den sehnigen Armen an, daß sie den Wurfspeer sicher und kräftig schleuderten, und den starken 218 Schenkeln, daß sie wilden Hengst leicht bezwangen. Breit war ihm Stirn und Kinn gewachsen, rotbraun Haar wie Bart, und fast trotzig blickte sein dunkelblaues Auge. Leicht riß ihn der Zorn hin, seine Rede war oft rauh, aber treu sein Herz. Er war der jüngste von vier Brüdern; die hatten viel Streit mit ihrem Kaiser und vermieden es, huldigend zu Hofe zu gehn. Ihr Ahnherr hatte bei Mainz gesessen.

Schäumender Wein funkelte in Gold- und Silberbechern, auf gleißenden Schüsseln trugen Edelknaben duftende Speisen herein, da hub der Kaiser an: »Ihr Herren, das beste Kleinod dieser Welt fehlt uns noch: das trägt ein Riese in seinem Schild, im Ardennerwald.«

Hei, sprangen sie da auf: Graf Richard, Turpin, Erzbischof von Reims, Naimes von Bayerland, Graf Garin, Milon von Anglant und Graf Haimon aus dem Ardennerwald und wer ihrer noch zugegen war; da wollte keiner säumen: sie legten das Eisenkleid an und zogen aus. Roland sprach zu Milon: »Vater, hältst du mich auch noch zu klein, mit dem Riesen zu streiten, so will ich doch Schild und Speer dir nachtragen.« Es war heiße Sommerszeit: zu sechst ritten sie aus, Roland hinter seinem Vater mit Schild und Speer. Im Ardennerwald trennten sie sich. Drei Tage lang zog Milon hin und her, den Riesen zu finden, am vierten mittags legte er sich unter eine Eiche, zu ruhen. Roland bewachte seinen Schlaf. Da sah er ein Leuchten durch den Wald dringen, das alles Getier im Walde aufscheuchte, und sah, daß es von einem großen Schilde kam, welchen ein Riese trug, der den Berg niederstapfte. »Was soll ich den Vater im Schlafe stören?« dachte er bei sich, band sich des Vaters Schwert um, nahm Speer und Schild, stieg auf des Vaters Roß und ritt den Riesen an. Der lachte ihn aus: »Was willst du, kleiner 219 Fant? Dein Schwert ist zweimal so lang als du selbst, dein Speer zieht dich vom Roß herunter und dein Schild erdrückt dich ja.« »Nur auf zum Streit, du lachst nicht lange mehr,« antwortete Roland. Der Riese schlug mit seiner Stange nach dem Knaben: geschwind wich der kleine Held zur Seite und warf seinen Speer, aber er sprang von dem Schild auf Roland zurück. Nun faßte der das Schwert mit beiden Händen, der Riese langte nach dem seinen, – ein wenig unbehende – Roland kam ihm zuvor und schlug ihm unter dem Schild die Linke ab. Hand und Schild rollten auf den Boden. Des Riesen Mut schwand: er lief dem Schilde nach: da stach ihn Roland ins Knie, daß er stürzte. Hurtig sprang Roland aus dem Sattel, griff den dicken Kopf bei den Haaren und hieb ihn ab. Das Kleinod brach er aus dem Schild und barg es in seinem Gewand. Dann wusch er sich an einem Quell Gesicht und Hände vom Blut rein und ritt zurück an die Eiche, wo er den Vater noch schlafend fand. Ermüdet schlief auch er bald ein, bis ihn Milon spät am Tage weckte: »Wach' auf, Sohn, daß wir den Riesen suchen.« Sie brachen auf und kamen bald an die Stelle, wo Roland den Riesen erschlagen hatte: staunend sah Roland, daß nur noch der Rumpf dalag, Haupt, Hand, Stange und Schild fehlten; er schwieg, aber Milon klagte: »Was ist das für ein langer Kerl gewesen? Sohn, das ist der Riese, und ich hab' Ehr' und Ruhm verschlafen.« Trübselig ritt er nach Aachen zurück.

Kaiser Karl saß harrend in der Pfalz: »Meine Helden säumen lange: doch traun, dort kommt einer geritten mit des Riesen Haupt.«

Haimon war's, unlustig legte er das Haupt vor Karls Füße: »Ich fand's im Wald, den Rumpf daneben.«

Bald langte Turpin an mit des Riesen Faust im 220 Erzhandschuh, lachend hielt er sie Karl hin: »Ich fand sie, schon so zugehauen!«

Dicht hinter ihm schritt Herzog Naimes in die Halle mit der Stange: »Schaut, Herr Karl, was ich für einen Fund getan: die wiegt ein Stück!«

Graf Richard schritt neben seinem Roß daher: er brachte auf seines Tieres Rücken Brünne und Schwert des Riesen: »Mir waren sie zu schwer zum Tragen: wer Lust hat, laufe in den Wald, er mag noch allerlei finden.«

»Dort kommt Garin mit dem Schild,« rief Karl, »tröstet euch, der bringt uns das Kleinod.«

»Nein, Herr Kaiser, ich bringe nur den Schild, der Stein ist herausgebrochen,« antwortete der Eintretende. Milon kam, der letzte, langsam geritten, hinter ihm Roland. Als sie der Pfalz nahten, brach Roland aus seines Vaters Schild den Zierat in der Mitte, zog das Kleinod aus seinem Wams und setzte es an die Stelle. Das gab einen Schein weithin, wie die lichte Sonne. »Heil Milon von Anglant!« riefen da alle – »er bringt das Kleinod, er hat den Riesen erschlagen.«

Milon schaute um und sah staunend das Leuchten seines Schildes. »Sohn Roland, wer hat dir das gegeben?«

»Niemand, Vater, ich hab's genommen. Zürne nicht, daß ich den Riesen erschlug, während du gerade schliefst,« antwortete der Knabe.

Freudig zog Karl den jungen Schildträger an seine Brust: »Warte nur, bald gebe ich dir ein Schwert.«

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