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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 17
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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2. Karls Recht.

Karl richtet die Römer und rächet den Papst.

187 Leo, Karls Halbbruder, war zu Rom auferzogen worden und saß nun auf St. Peters Stuhl. In einer Nacht zu Ingelheim weckte Karl eine Stimme, die rief: »Wach' auf, Karl, lieber! Zieh' nach Rom: Leo, dein Bruder, fordert dich.«

Sogleich machte Karl sich auf die Reise: und er wurde in Rom von allen freudig empfangen. Der Papst sang eine Messe, das Volk sprach: »Karl soll unser Vogt und Richter sein.« Er aber achtete solcher Rufe nicht; demütig und barfuß pilgerte er in die Kirchen und flehte zu Gott. Da warfen Papst und Volk sich vor ihm nieder, Karl willfahrte ihren Bitten und alle sangen Amen. Als er aber wieder geschieden war aus der Stadt, erhoben sich die Unzufriedenen gegen ihn: sie drangen in Sankt Peter ein, fingen den Papst und stachen ihm beide Augen aus: so geblendet schickten sie ihn ins Frankenland, Karl zum Hohn. Der Papst ritt auf einem Maultier, zwei Kapellane und zwei Knechte geleiteten ihn nach Ingelheim, wo Karl weilte. Als der Papst daselbst in den Burghof eingeritten war, hielt er sein Maultier an und sandte den einen Kapellan zum König in den Saal: »Sage dem König, ein armer Pilger wolle ihn gern sprechen.«

Weinend, daß ihm blutige Zähren über den Bart rannen, ging der Kapellan vor den König, kniete nieder und konnte kaum sprechen: »Auf, großer Karl! Komm 188 hinaus und rede mit deinem Kapellan, dem großes Leid angetan ist.«

Karl folgte dem Mann eilend hinaus und sprach: »Weilet bei mir, ihr frommen Leute, und klaget mir eure Not, damit ich euch Sühne und Recht schaffe.« Da wollte sich der Papst zu dem König kehren, aber sein Haupt stand zwerch, er sprach: »Wolle Gott, daß mir deine Hilfe geschehe! Es ist noch nicht lang her, da sang ich dir – sehend mit beiden Augen – eine Messe!« Nun erst erkannte Karl seinen Bruder, den Mißhandlung, Verstümmelung und Not also entstellt hatten; er raufte sich die Haare und brach in Tränen aus.

»Um deinetwillen,« fuhr der Papst fort, »hab' ich die Augen verloren. Doch weine nicht mehr, Karl: laß uns Gott danken, seine Barmherzigkeit ließ mir das Leben.«

Wehklagen und Weinen geschah durch die weite Pfalz. Karl aber ließ sich genau die Missetat der Römer berichten und schwur: »Ich räche deine Augen, oder führe nie wieder Joyeuse, mein Schwert!«

Er sammelte ein Heer und zog über die Alpen. Als sie vom Mendelbergmons gaudii, monsjoie: daher Karls Heerruf: »mons joie«. aus Rom liegen sahen, ließ Karl die Scharen halten. Er betete drei Tage und Nächte, daß seine Herzoge darüber ungeduldig wurden; doch Karl sprach: »Ich erflehe Gottes Urlaub zu diesem Streit und harre noch eines Dienstmannes, den Gott mir senden möge.« Am vierten Tag scholl eine Stimme vom Himmel: »Zögere nicht länger, Karl, die Rache soll ergehen.«

Da schwangen die Herzoge Karls Banner empor: die Oriflamme, das ist eine goldene Flamme, und als die Reihen den Berg hinabzogen, ritt ein Kämpe auf den König zu: 189 der Schwabe Gerold, und ihm folgten drei Scharen. Freudig grüßte ihn Karl:

»Ich habe lange dein gewartet, du liebster unter meinen Mannen.« Er rückte den Helm auf und küßte ihn und verlieh den Schwaben den Vorkampf im Streit.

Sieben Tage und Nächte belagerte Karl Rom, und kein Römer wagte, mit ihm zu streiten; am achten Tage schlossen sie die Tore auf und ließen den König ein. Nun saß König Karl zu Gericht über die Römer: die Schuldigen wurden vorgefordert, aber sie leugneten alle. Da wollte Karl durch Kampf die Wahrheit erwiesen haben.

»Das ist kein Recht in Rom,« riefen sie, »dazu kann uns niemand zwingen, wir reinigen uns durch Eid.«

»Euer Recht will ich nicht kränken,« antwortete Karl funkelnden Blickes, »so sollt ihr schwören, aber auf die Gebeine von Pankratius, dem heiligen Knaben, der den Meineid straft! Auf, ins Pankratiusstift!«

Da zogen sie hinein in die Krypta, aufgetan ward der Sarg, und die Angeschuldigten mußten die Finger auf die heiligen Gebeine des Toten legen: der erste, welcher den Schwur sprach, sank tot zu Boden. Die andern wichen verzweifelnd zurück und suchten zu entfliehen. Zürnend ritt Karl ihnen nach. Drei Tage hindurch ließ er sie in ihren Verstecken fangen und erschlagen, dann wurde St. Peters Dom gesäubert: Karl führte den Papst wieder hinein an den Altar, kniete nieder und rief laut zu St. Peter: »Du Torwart des Himmels, schau an deinen Papst: heil und gesund ließ ich ihn in deinem Haus, blind hab' ich ihn wiedergefunden. Machst du ihn nicht wieder sehend, so reiße ich deinen Dom nieder, breche deine Stiftung und fahre in mein Heimatland.«

Darauf sprach der Papst seine Beichte und sah ein 190 himmlisches Licht, er wandte sich zum Volke und hatte beide Augen wieder.

König Karl und alles Volk sanken in die Knie, breiteten die Arme aus und lobsagten Gott. Der Papst salbte Karls Haupt und das Volk rief: »Heil Karl unserm Kaiser!« Da war große Freude in Rom.

Kaiser Karl setzte nun sein Recht und sein Gesetz ein und alle Römer eideten, das zu halten.

Einhard und Imma.

Kaiser Karl hatte einen Geheimschreiber Einhard, der ihm löbliche Dienste tat. Er war klein von Gestalt, jung, rechtschaffen, voll Gelehrsamkeit und hatte regen Sinn für die Künste und alles Schöne. Er wurde darum von Karl und allen Leuten geliebt und gar hoch geehrt, und mehr als alle liebte ihn Imma, des Kaisers schöne Tochter. Sie war dem griechischen König als Braut versprochen. Aber zwischen ihr und Einhard wuchs heimlich heiße Liebe. Nur die Furcht, daß Karl ihr Geheimnis entdecken möchte, hielt die beiden davon ab, eine Zusammenkunft zu wagen. Endlich, – es war in der Pfalz zu Aachen, – in Winterszeit, da obsiegte die unheilbare Liebe: der Jüngling, der keinem Boten vertrauen wollte, was in seinem Herzen brannte, schlich selber in stiller Nacht an des Mägdleins Gemach. Leise klopfte er an die Kammertür, als käme er mit einer Botschaft des Kaisers, und fand Einlaß. Da haben sie einander ihre große Liebe gezeigt.

Als er dann vor Tagesanbruch von ihr scheiden und zurückeilen wollte, da war über Nacht ein dicker Schnee 191 gefallen; er wagte nicht, durch den Hof zu schreiten, um nicht durch die Spuren von Mannestritten das Geheimnis zu verraten. Sie berieten, was zu tun sei, und Imma fand kühnen Rat: »Ich trage dich auf meinem Rücken über den Hof und vorsichtig in meine eignen Fußspuren tretend kehr' ich wieder zurück.« Nun wollte es die Schickung, daß Karl in dieser Nacht keinen Schlaf fand. In der ersten Morgendämmerung stand er auf und schaute von seinem Söller aus hinab in den Hof. Da sah er seine junge Tochter, wie sie hochgegürtet unter ihrer Last hinschritt, den Mann absetzte und hurtig zurückkam. Wohl hatte er Einhard erkannt: Bewunderung und Scham zugleich ergriffen ihn, doch bezwang er sich und schwieg.

Einhard aber, dem das Gewissen schlug, ging am nächsten Tag zu seinem Herrn, kniete nieder und bat um seine Entlassung, weil sein treuer Dienst ihm nicht gelohnt werde, wie er's ersehne.

Kaiser Karl strich seinen langen Bart, schweigend betrachtete er lange den Jüngling, dann antwortete er: »Steh' auf, Einhard, bald sollst du Bescheid erhalten auf deine Bitte.«

Unterdessen setzte er ein Gericht an und berief dazu seine Räte und des Reiches Vornehmste und als sie versammelt waren, hub er an, daß seine kaiserliche Ehre beschimpft sei durch einen Liebeshandel seiner Tochter Imma mit seinem Schreiber. Und als seine Räte erstaunt und voll Zweifel da saßen, erzählte der Kaiser ihnen, was er mit eignen Augen gesehen, und forderte ihr Urteil. Die einen rieten zur Strenge, die andern zur Milde und Herzog Naimes sprach: »Herr, in Liebessachen ist Verzeihen das Beste: da es sich nun um deine Tochter handelt, so richte du allein über sie als der Weiseste unter uns.«

Lang erwog der Kaiser den Spruch, den er also fällte:

»So mag Gnade für Recht ergehen und ich will sie durch rechtmäßige Ehe miteinander verbinden.«

Alle lobten des Kaisers Milde: Einhard ward gerufen, freundlich grüßte ihn Karl und sprach: »Hättest du mich deine Unzufriedenheit früher wissen lassen, wäre dir dein Dienst längst besser vergolten worden; nun will ich dir meine Tochter Imma, die dich neulich, hochgegürtet, willig getragen hat, zur Frau geben.«

Sogleich ließ er seine Tochter Imma hereinführen; mit errötenden Wangen trat sie vor ihn hin und wurde aus des Vaters Hand in die Einhards gegeben. Auch schenkte er ihr eine reiche Aussteuer und Mitgift an Land, Gold und allerlei Gerätschaften. Dem fügte später, nach Karls Tod, sein Sohn noch zwei Besitzungen im Maingau hinzu, wo es jetzt Seligenstadt heißt. Dort in der Kirche liegen Einhard und Imma auch begraben.

Karl und die Schlange.

Überall, wohin Kaiser Karl kam, ließ er vor seiner Herberge eine Glocke aufrichten. Da sollte herzugehen und die Glocke läuten, wer ein Urteil heischte, ob er reich oder arm, vornehm oder gering sei.

Nun saß Kaiser Karl einst beim Mittagsmahl in Zürich, – in dem Hause »Zum Loch« genannt, – als er die Glocke erklingen hörte. Er sandte vier Hüter hinaus, sie fanden niemand bei der Glocke und meldeten es ihrem Herrn. Es läutete aber zum andern Male. »Bei meinem 193 Zorn!« gebot der Kaiser, »ihr lässigen Boten, gehet und habet besser acht.«

Die gingen und schauten nach allen vier Winden aus, sahen niemand und kehrten zurück in den Saal: »Herr, wir taten nach deinem Befehl, es steht aber niemand draußen, weder nah noch fern.«

Indem erklang die Glocke zum dritten Male, zornig sprach Karl: »Hört ihr den Klang nicht? Und führt ihr mir nicht herein, wer draußen sein Recht begehrt, so straf' ich euch mit dem Tode.«

Erschrocken liefen die vier Hüter hinaus, fanden aber wieder kein lebendes Wesen, und klang doch die Glocke. Da beugte sich einer nieder und schaute hinein: da sah er, wie eine harmlose Schlange sich um den Klöppel geringelt hatte und ihn hin und her schwang. Sie meldeten es dem Kaiser. Der sprach: »Das ist Gotteswunder! Der Schlange mag ein Unrecht widerfahren sein, das sie mir klagen will. Tut auf die Tür.« Da schlüpfte der Wurm alsbald durch das offene Tor. »Herr, der Wurm geht gegen Euch,« riefen ängstlich die Diener vorspringend, aber Karl befahl: »Zurück! Wehret ihm nicht.« Die Schlange neigte sich ehrerbietig vor dem Kaiser und legte sich vor seine Füße: daran erkannte er, daß sie Gericht von ihm heische, und er sprach: »Ich gebiete dir bei Gott dem Allwissenden, tue mir kund dein Leid, damit ich dir helfen mag.«

Da kroch die Schlange wieder hinaus, ihr folgten auf des Kaisers Wink die vier Hüter der Glocke. Der Wurm führte sie in ein Dickicht, nah einem Wasser, da hockte eine häßliche Kröte breit auf der Schlange Nest und auf ihren Eiern. Mit Stockschlägen trieben sie die Kröte in den Saal vor Kaiser Karl. Der richtete sie sogleich und ließ sie durchstechen mit einem Jagdspeer. Auf der Stelle, wo der 194 Schlange Nest gestanden hat, erbaute der Kaiser eine Kirche; man nennt sie WasserkilchAuch wird gesagt: »Die Schlange kam nach einigen Tagen wieder zu Hof, kroch auf des Kaisers Tisch, hob den Deckel von Karls goldnem Pokal und ließ aus ihrem Munde einen kostbaren Edelstein hineinfallen, verneigte sich und schlüpfte hinaus. Diesen Stein schenkte Karl seiner Gemahlin Hildigard: er hatte die Kraft, daß Karl ständig ihr anhing. Als sie starb, steckte sie den Stein unter ihre Zunge, damit er ihrer nicht vergessen sollte. Karl mochte sich nicht von dem unverwesenden Leichnam trennen und führte ihn viele Jahre mit sich herum, vergessend seiner Geschäfte. Da hörte Turpin, der Bischof, von dem Stein, durchsuchte die Leiche und fand ihn unter der Zunge und nahm ihn fort. Alsbald verfiel die blühende Tote der Verwesung. – Karl befahl nun sie zu begraben. Turpin aber warf den Stein in einen See zu Aachen und darum soll der Kaiser Karl dort am liebsten geweilt haben..

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