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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 14
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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2. Karl Mainet.

David hieß ein alter Jäger, der war einst von Pippin zu Dienst und Pflege des jungen Karl bestellt; und nun der König nicht mehr lebte, wachte David doppelt sorgsam über seinen Herrn.

Den Bastarden war ihr königlicher Bruder im Wege: sie versprachen David ein großes Lehen, wenn er Karl vergiften wolle. Der Treue erschrak, doch verstellte er sich und antwortete listig: »Ich habe eine Wallfahrt gelobt an St. Jakobs Grab in Spanien, das Gelübde laßt mich zuvor erfüllen: komme ich lebend zurück, dann mag's geschehn.«

Bevor er aus Paris schied, zog er Dederich, den 169 Schänken, ins Vertrauen und trug ihm auf, Karls Leben zu behüten, dann ritt er davon: aber nicht an St. Jakobs Grab, sondern zu den Mundwalten des jungen Karl. »Euer König ist verloren, ihr Herren,« sprach er, »wenn ihr nicht gleich einen Hoftag beruft und Karl krönt.« Der Bastarde Mordplan verschwieg er. Als er nach Paris zurückgekommen war – das war um die Osterzeit – drängten ihn die Bastarde zu dem Mord. »Geduldet euch nur,« antwortete David, »mir fehlt noch das rechte Kraut, bald muß es nun aufsprießen im Wald an der Seine: wird der Mond voll, will ich es dort suchen.« Da kamen aber der Herzog von Berri und der Graf von Auvergne nach Paris geritten und verlangten, daß ein Hoftag gehalten und der junge Karl zum König gekrönt werde.

Die Bastarde mußten nachgeben: Eilboten flogen durch die Lande mit der Ladung zu Pfingsten nach Reims. Dahin kamen die Vornehmen des ganzen Frankenreichs, viele gefolgt von ihren jungen Söhnen, die dort mit Karl das Schwert empfangen sollten. Die Bastarde zogen mit großer Streitmacht in die Stadt; denn ihr Reichtum – mit offenen Händen spendeten sie an Ergebene – hatte ihnen Anhänger in Scharen zugeführt.

Der Erzbischof von Reims, der Karl krönen sollte, hielt ein üppiges Festmahl bereit allen Geladenen. Der Hoftag war beisammen: der junge Karl stand da: schön, hochgewachsen, von lichter Hautfarbe, kraus hing ihm das hellbraune Haar auf die beiden Schultern; ober den Hüften war er schmal, aber breit um die Brust. Die Bastarde riefen: »Einen vierzehnjährigen Knaben kann man nicht krönen, Karl ist zu jung: Heinrich von Berri und Ihr, Hugo von Auvergne, wollt in seinem Namen über uns herrschen.«

170 Man stritt hin und her, bis die versammelten Barone entschieden, die Krönung noch ein Jahr aufzuschieben. Der Rat ging auseinander und alle eilten zu dem Festmahl in des Bischofs Haus. Voran drängten die Bastarde und nahmen unaufgefordert die Ehrenplätze ein. Zornig blickte Karl aus seinen blauen Augen und zögerte, sich zu setzen; da rief Rainfried, indem er auf den eben hereingetragenen Pfau wies:

»Ich will dich ehren, Brüderlein, zerlege mir den Braten dort, das wirst du schon können, und diene mir.«

Zornige Glut flammte über Karls Antlitz, schweigend ging er, faßte den dampfenden Pfau und schleuderte ihn dem Hochmütigen ins Gesicht, daß das Blut niederrann. Der Bastarde Freunde sprangen auf von den Bänken; hui! flogen da die Schwerte heraus, hüben und drüben. Dederich, der treue Schänke, sprang auf Karl zu, umschlang ihn mit den Armen und legte ihn Heinrich von Berri in den Schoß. Der rief laut: »Wer Karl schlägt, schlägt mich« und deckte seinen blauen Herzogsmantel über den Knaben, dann befahl er seinen Gefolgen: »Waffnet euch alle, die ihr zu mir gehört.« Rasch drängten sich die Gerufenen mit Schwert und Speer in den Saal: sie waren in der Minderzahl und Hugo von Auvergne suchte den Frieden wieder herzustellen, da rief Rainfried mitten in das Getümmel: »Nieder die Waffen! Was ein zorniger Knabe getan hat, das soll von mir vergessen sein.«

»Das sind leere Worte, glaub' ihnen nicht, Herzog,« flüsterte Dederich Heinrich von Berri zu. Grollend sprach Heinrich zu Eberhard und Morand, zwei seiner Edelgefolgen: »Wir sind allzu wenig. Hinaus vor die Stadt! Dort wollen wir Rainfrieds Worte beraten.« Sie nahmen Karl mit und bezogen ein festes Schloß vor Reims. David und Dederich rieten zur Flucht. Noch in derselben 171 Nacht flog der junge König auf raschem Roß davon: Morand und Eberhard mit zweihundert ritterlichen Schwertmännern geleiteten den jungen Karl nach Toledo zu dem Saracenen-König Galafer.

Sie gaben sich für vertriebene Edelinge aus und boten dem Saracenen ihre Waffendienste an. »Seid mir willkommen,« sprach Galafer, »wer ist euer Führer?« »Herr, zuvor schwör' uns Sicherheit zu,« antwortete Morand.

»Bei Mohammed, ich schwöre.« Da wies der Franke auf Karl und sprach: »Dieser unmündige Knabe ist unser Lehnsherr, wir nennen ihn Mainet.«

König Galafer hatte eine junge Tochter, Galiane geheißen: licht waren ihre Augen, fahl ihr Haar, sie war schön zu schauen, wie ein Maientag. Sie kam in den Saal geschritten, die Fremdlinge zu sehen. Die Franken neigten sich tief vor ihr, nur Karl nicht. Da sprach sie leise zu Morand: »Sagt an, Graf, wer ist dieser Jüngling, daß er mich seines Grußes nicht würdigt?«

»Der Knabe ist aus großem Geschlecht: seit seiner Kindheit schon verneigt er sich vor keinem Weibe, nur vor St. Marien, wann er sein Gebet verrichtet. Und doch, so Euch irgend wer gekränkt hat, dieser Knabe ist Mannes genug, Euch zu rächen.«

So verheimlichten sie Karls Herkommen und Geschick, ihn vor aller Verfolgung zu schützen. Und wann sie Galafer Heerdienst leisteten, ließen sie Karl in Toledo, sein Leben nicht zu gefährden.

172 König Bramante, ein Maure aus Afrika, begehrte die lichte Galiane zum Weibe, dazu die Unterwerfung ihres Vaters. Ein köstlich Roß und Schwert sandte er mit seiner Werbung Galianen als Geschenke. Aber Galafer wies ihn zürnend ab.

Da zog Bramante mit Heeresmacht bis vor die Tore von Toledo, Galiane zu erkämpfen. Im Tal Sonorial standen seine Zelte.

König Galafer sprach zu Graf Morand: »Nun helfet mir gegen diesen Afrikaner, reich werd' ich's Euch lohnen.«

Die Franken legten die Waffen an und ritten hinaus, Karl aber ließen sie wieder im Palast zu Toledo zurück. Morand stahl sich von ihm fort, während er schlief.

Und als die vereinten Franken und Toledaner mit dem Afrikaner zusammenstießen, fochten sie eine wilde Schlacht: die Franken zwangen einen Teil der Mauren zum Weichen. Aber alsobald rief Bramante mit stolzen Worten ihnen neuen Mut wach, sie gingen wieder vor, besiegten die Franken und warfen sie zurück. Graf Morand sammelte die aufgelösten Reihen und rief in fränkischer Sprache: »Gott sei mit uns, wir fürchten die Heiden nicht.« Tapfer stritten da die Franken. Hin und her wogte der Kampf, schwankte der Sieg.

Als Mainet im Palaste zu Toledo erwachte und keinen seiner Freunde sah, hub er laut zu klagen an: »Weh deinem Sohne, König Pippin! Fern der Heimat muß er ruhmlos und tatenleer sein Leben verbringen.«

Die schöne Galiane stand oberhalb seiner Kammer auf dem Söller ihres Saales und hörte ihn klagen. Sie schlang bunte Schleier um Haupt und Hüften und trat so geschmückt in Mainets Gemach: denn sie liebte ihn. Der Königssohn stand nicht einmal auf, so schwer lag's auf seinen Gedanken.

173 »Ich habe deine Klagen gehört,« hub sie an, »und wahrlich, wüßt' ich, wo man Sold zahlt für Schlafen, so solltest du dorthin gehen: denn du denkst wohl nicht daran, deinen Franken zu helfen, die im Tal Sonorial stehen und streiten gegen Bramante, der mich wider meinen Willen sich zum Weib erzwingen will!«

Mainet schaute Galiane an und sah ihre Schönheit: er sprang empor und rief: »Holde Jungfrau, schaff' mir ein Roß und ein Schwert, daß ich in die Schlacht reiten kann!«

»Ich habe dein Geheimnis erlauscht und will es hüten,« antwortete Galiane. »Roß und Waffen will ich dir geben,, König Karl, damit sollst du, um mich und meine Liebe zu gewinnen, Bramante besiegen. Und wenn du heimkehrst nach Francien, sollst du mich mit dir nehmen und zu deiner Königin machen. Willst du das?«

»Vielschöne Galiane« – rief Karl – »das will ich alles gerne tun.«

Da ward Galianens Herz froh: denn sie wußte, was Karl sprach, würde geschehen: das hatte sie in den Sternen gelesen. Sie eilte hinaus und brachte ihm Wehrkleider, sie half ihm die Waffen anlegen, dann gab sie ihm das Schwert Joyeuse, und ließ das Streitroß Tencendur in den Hof führen. Mainet schwang sich in den Sattel und sprengte kampfbegierig ins Tal Sonorial. Roß und Schwert aber waren die Geschenke Bramantes. Da versuchte Karls Heldenarm die ersten Hiebe: einer um den andern fiel vor seinem Schwert. Eilig meldeten die Mauren Bramante von dem neuen Kämpen. Der Afrikaner lenkte seinen Hengst Karl entgegen: er erkannte das Roß, das er Galiane als Liebesgabe gesandt hatte, legte den Speer ein und rannte in wildem Grimme mit Karl zusammen. Die Speere zerbrachen beim ersten Stoß, sie 174 rissen die Schwerter heraus und schlugen sich herrlich. Bramante erstaunte über des Jünglings große Kraft und fragte: »Wer bist du?«

»Ich bin Karl, König von Francien und König Pippins Sohn; du aber wahre dein Leben.«

»Weh um dich, ritterlicher Held!« klagte Bramante, »denn ich werde dich erschlagen.«

»Das steht in Gottes Hand,« sprach Karl.

Bramante trug sein Schwert in der Hand und schwang es empor: mit gewaltigem Schlag fuhr es auf Karls Helm nieder. Einen Teil seiner Locken schnitt es ab und noch dazu Ringe von seiner Rüstung. Karl aber tat einen scharfen Hieb entgegen mit Joyeuse auf seines Gegners Schwertarm und schnitt ihn ab: Bramante riß den Hengst herum und floh. Rasch sprang Karl ab, riß des Mauren Schwert aus der abgeschlagenen Hand und jagte dem Fliehenden nach. Bald hatte er ihn eingeholt und spaltete mit einem Schlag seines Schwertes Joyeuse Bramantes Leib in zwei Teile. Karl stieg ab, nahm die Waffen des Besiegten, schlug ihm das Haupt ab und ritt damit zurück. Die führerlosen Afrikaner räumten das Feld in wilder Flucht. Der Sieg fiel Galafer zu: Karl hatte ihn so von seinen Feinden befreit.

Mit stolzem Staunen erkannten die Franken in dem Sieger, der Bramantes Haupt am Sattel trug, ihren Herrn: sie führten ihn vor Galafer und offenbarten nun seine Schicksale. Der König umgürtete ihn mit dem Schwerte, ließ ihm Ehren und Feste bereiten und Karls Ruhm war in aller Munde.

Karl aber brachte Bramantes Haupt und Waffen Galianen und empfing heimlich von ihr Gürtel und Ring als Gegengabe.

175 Nun Galafers Feinde bezwungen waren, beriet Karl mit seinen Freunden, wie sie in ihre Heimat zurückkehren und Karls Reich und Krone erstreiten wollten. Da trat ein Franke vor und sprach: »Herr, ich hörte Galafer sagen, daß er weder Euch noch uns wieder aus seinen Diensten entlassen würde, – müßt' er auch Gewalt gebrauchen.«

Graf Morand antwortete: »Königlicher Herr, so ziehet Galiane ins Geheimnis, daß sie unverzagt ausharre, bis wir sie holen werden. König Galafer meld' ich, daß Ihr morgen auf die Jagd reiten wollt, so's ihm gefällt. Unsern Pferden nageln wir die Hufeisen verkehrt auf, damit niemand errate, wohin wir reiten.«

So geschah's. Als aber die Franken über die Gebühr lang ausblieben, schöpfte Galafer Verdacht und ließ im Jagdforst nach ihnen suchen, doch man fand sie nicht. Graf Morand hatte sie sicher übers Gebiet von Toledo hinausgeleitet. Da sandte Karl ihn mit wenigen Kriegern zurück, Galiane zu entführen, während er selber nordwärts über die Pyrenäen zog.

Galiane stand harrend auf ihrem Söller und spähte ins Land, ob sie Morand kommen sehe. Und als sie ihn endlich erblickte, stieg sie hinab und schlich heimlich durch ein Hinterpförtchen aus dem Palast: da harrte der Graf schon ihrer: er hielt ein Roß bereit, hob sie hinauf und ritt mit ihr davon, die ganze Nacht durch und rastlos weiter.

Am nächsten Morgen entdeckte Galafer Galianens Flucht und erriet, daß sie ihm von den Franken geraubt worden war. Er sandte ihnen eine Kriegsschar nach. Sie holten Morand und seine Genossen ein, griffen sie an und nur mit verzweifelter Gegenwehr schlugen die Franken ihre Verfolger in die Flucht. Tag und Nacht ritt Graf Morand 176 mit Galiane immer nordwärts, bis er in Sicherheit war vor den Saracenen.

Kaum hatte Karl das Gebirg im Rücken, da flog die Kunde seines Kommens durchs fränkische Reich. Und alle von den Bastarden um seinetwillen Verfolgten verließen nun Versteck und Verbannung und eilten mit Waffen Karl zu: so wuchs sein Heer von Tag zu Tag: Städte und Burgen taten sich dem rechtmäßigen Herrn auf. Endlich trat ihm Rainfried mit einem Heer entgegen: es ging aber, da es den jungen König erschaute, zu ihm über, Rainfried entfloh und barg sich mit Holderich hinter den festen Mauern der Stadt Paris. Karl kam, erbrach die Tore und zog als Sieger ein, während die Bastarde flüchtig entwichen. Sie wurden eingeholt, gefangen, an den Galgen gehängt, ihre Gebeine verbrannt und ihre Asche ward in alle Winde zerstreut.

Da ritt ein Bote ins Palatium und rief: »Heil König Karl, bereite dich, Galiane zu empfangen.« Sogleich saß Karl auf: gefolgt von einer Schar der Edelsten zog er über die Seinebrücke vor die Stadt, Galianen entgegen.

»Sei willkommen, Königin, in meinem Land!« begrüßte er sie und führte sie in seinen Palast. Sie empfing die Taufe, ward Karl vermählt und mit ihm gekrönt. Doch schon nach Jahresfrist verlor er die Jugendgeliebte durch den Tod.

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