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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 13
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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Zweites Buch:

Karl der Große und seine Paladine in der Sage

von

Therese Dahn

159 I.
Karls Jugend.

1. Bertha mit dem Gänsefuß.

König Pippin herrschte mit starker Hand über das Reich der Franken. Klein war seine Gestalt, groß sein Mut. In seines Vaters Palast war einst ein Löwe ausgebrochen: brüllend lief er durch Hallen und Höfe, erwürgte zwei Kinder, die spielend im Grase saßen, und von Schrecken gejagt flohen alle Bewohner des Schlosses, ihr Leben zu retten. Pippin aber faßte sein Schwert, schritt dem Löwen entgegen und stach ihm das Eisen ins Herz. Damals war er zwanzig Jahre alt.

Nun trug er die Krone. Es war um Pfingsten. König Pippin hielt einen Hoftag auf seinem Schloß in Bayern. Dahin war auch eine Botschaft des Königs von Kärlingen gekommen, der Pippin die Hand seiner Tochter Bertha anbot.

Seine Vasallen drängten ihn, die weitberühmte Jungfrau zu ehelichen.

»Hold ist ihr Angesicht, golden ihr Haar, alle Tugenden zieren sie« – rühmte laut ein fahrender Spielmann: – »nur ein Fehler haftet an ihr: der rechte Fuß ist größer als der linke. Das aber kommt von ihrem 160 Fleiße: denn kunstvoll weiß sie zu spinnen und zu wirken.«

Pippin ließ den Boten Geschenke reichen und bat sie, an seinem Hofe zu verweilen. Zum vornehmsten seiner Hofherren, – den roten Ritter nannte man ihn, – sprach er: »Zieh' hin und wenn die Jungfrau so schön ist, wie der Spielmann sagt, führe mir die Braut heim; denn ich will keine, sie gefalle mir denn.«

Der rote Ritter hatte eine Tochter fern in Lamparten, wo sie aufgezogen war, und er gedachte, sie an Berthas Stelle zur Königin der Franken zu machen, die echte Braut aber sollte sterben.

Nachdem er nun mit seinem Weib und einem Vertrauten verabredet hatte, wann und wo sie ihm die Tochter zuführen sollten, zog er mit den heimkehrenden Boten, mit seinen Söhnen und wenigen ihm ergebenen Rittern stattlich ausgerüstet nach Kärlingen. Dort wurden sie wohl aufgenommen: mit Tanzen, Schenken und Turnieren. So trieben sie's acht Tage, dann bereiteten sie sich zur Heimreise. Die Kärlinger wollten Bertha in großen Ehren ihrem Gemahl zuführen; da sprach der rote Ritter: »Auf halben Weg, Herr König, mögt Ihr Eure Tochter geleiten mit so vielen als Euch beliebt, aber nicht weiter, so ist mir geboten; denn mein Herr hat Fürsten und Edelinge genug, die die zweite Wegeshälfte mit ihrer Königin reiten und ihr dienen.«

Unter Klagen und Weinen schied Bertha aus ihrer Heimat; eine Tagereise begleitete sie ihr Vater, dann empfahl er die junge Königin dem roten Ritter auf seine Treue und wandte das Roß. Mehrere kärlingische Fürsten aber sollten ihr noch folgen, bis der rote Ritter sie entlassen würde, und als es diesem genug dünkte ihrer Begleitung, bat er sie mit höflichen Worten, umzukehren. Um der 161 Könige Gebot willen taten sie's ohne Widerrede, nachdem sie die Jungfrau dem Gewaltigen noch einmal auf seine Treue anbefohlen hatten.

Der zog mit Bertha und seinen Gesellen ins Bayerland und wich auf der letzten Tagereise zu Mühltal nahe dem Wirmsee von der rechten Straße ab in eine Waldeswildnis, wo sie nächteten. Als Bertha schlief, nahm er ihr fürstliches Obergewand fort und legte ein geringes an dessen Stelle. Dann befahl er zwei Knechten, vor Tagesanbruch Bertha tief in die Öde zu führen und zu ermorden, und sollten sie ihm des ein Wahrzeichen bringen. Und jeder mußte sich ihm mit drei Eiden verschwören: dafür versprach er ihnen viel Gold und großes Gut. Da nun Bertha geweckt wurde, sie aufstehn, das Gewand anlegen und den Knechten folgen sollte, kam ihr ein Grausen; doch sie wußten die Jungfrau mit guten Worten zu überreden und es kam ihr in den Sinn, ihr Werkzeug: Spindel, goldene und seidene Borten, mitzunehmen: auch folgte ihr kleines Hündlein nach und wollte nicht von ihr weichen. Und als sie nun immer tiefer in die Wildnis schritten, fragte sie zagend die Knechte, warum?

»Edle Jungfrau,« antworteten sie, »wir müssen Euch töten, das haben wir mit starken Eiden geschworen.«

Bertha erschrak gar sehr: – aber sie faßte sich und bat die Mörder flehentlich um Erbarmen für ihr Leben. Der Tag brach an: von Berthas keuscher Schöne ging ein Glänzen durch den Wald und ward das Mitleid der Henker erweckt.

Reiner Frauen nasse Augen haben beredten Mund!

Sie versprachen ihr das Leben, wenn sie ihnen mit einem Schwure Schweigen geloben und auch nicht wieder heimziehen wollte. Das eidete Bertha den Knechten.

»So wendet Euch nun ins Dickicht, Herrin, und gebt 162 uns Euer linnen Hemd: wir müssen's durchstechen, Euer Hündlein töten und das Gewand in sein Blut tauchen und es unserm Herrn als Wahrzeichen Eures Todes bringen, damit er uns glaube.«

Also geschah's. Dann mahnten die Knechte nochmal die Königin, ihnen die gelobte Treue zu halten und nahmen Urlaub. Ihrem Herrn brachten sie das falsche Wahrzeichen: er glaubte ihnen und gab den verheißenen Lohn.

Nun traf er mit Weib und Tochter an dem verabredeten Ort zusammen. Um die Untat wußte außer ihm sein Weib, seine Kinder und die Knechte.

Die Grafentochter war in Berthas Gewand gekleidet worden und als sie in die Nähe der königlichen Burg kamen, ritt Pippin der falschen Braut entgegen: ihr wurden königliche Ehren geboten und eine reiche Hochzeit gehalten.

Die echte Braut aber irrte im Wald umher, bis sie an ein armes Mühlenhaus kam. Sie fand den Müller bei seiner Arbeit und bat ihn um Herberge. Er führte sie freundlich in die Hütte seinem Weibe zu und, erstaunend über ihre Gestalt und Gebärden, die so ungleich ihrem elenden Gewande schienen, fragte er, von wannen sie so allein komme?

»Verirrt in der Wildnis,« antwortete sie, »und ich bitte dich und dein Weib, laßt mich Waise bei euch bleiben. Was ich euch auch schaffen soll, ihr werdet mich zu keinem Dienst unwillig finden.

Die zwei waren's zufrieden. Der Müller baute ihr ein eignes Kämmerlein; und nun nahm Bertha Gold- und Seidenzeug und wirkte kunstvolle Borten, die mußte 163 der Müller in der nächsten Stadt zu Markte tragen und er wurde reich von Berthas Fleiß.

So hatte die Königin mehr denn sieben Jahre in der Reißmühle als Magd gedient; da fügte es sich, daß König Pippin in jenen Wald zu jagen ritt und gegen Abend seine Jäger verlor. Nur sein Arzt und ein Knecht waren ihm gefolgt. Sie wollten zu Hofe kehren, konnten aber nicht aus dem Walde finden: sie ritten hin und her bis sie in finsterer Nacht an die Mühle kamen. Der König bat um Herberge, und als er zur Türe einging, erkannte ihn der Müller und erwies ihm Ehren so gut er konnte. Er spreitete buntes Gewirk, das Bertha gesponnen hatte, über den Tisch, auf welchem er seinem Gast das einfache Mahl bot. Der König hatte darüber großes Verwundern: »Woher kommt dir so schöne Arbeit in deine arme Hütte?«

»Herr, eine verirrte Jungfrau nahm einst bei uns Herberge: sie blieb bei uns seitdem; sie spinnt und wirkt, über ihr Herkommen aber schwieg sie stets.«

»Führ' mir die Jungfrau her,« befahl Pippin.

Der Müller ging und sagte ihr's; Bertha erschrak, doch folgte sie dem Gebot und schritt mit holder Sitte aus ihrer Kammer vor den König.

Der ließ sie neben sich sitzen und befragte sie um ihre Arbeit und ihre Herkunft. Er hörte an ihrer Sprache und sah an ihrer Gebärde und Gestalt, daß sie anders war als eine Magd.

»Ich bitt' Euch, vertraut mir Eure Abkunft und Euer Geschick, das mag Euch zum Heile gedeihen.«

Da sah er ihre lichten Augen voll Tränen stehen, und um so mehr drang er in sie mit Bitten und Fragen.

»Herr,« sprach sie, »wenn ich Euch meine Abkunft sagte, so würd' ich meineidig: denn ich habe geeidet, von 164 dem Geschick, das mich hierher geführt hat, nichts zu verraten.«

Nun dachte Pippin, daß sie großes Geschehnis verhehle, und forschte um so eifriger danach: »Liebe Jungfrau, sagt mir Euer Geheimnis, was es auch sei: ich will's bewahren und Euch Rat schaffen, kann es sein. Und ist der Eid erzwungen, habt Ihr ihn in der Not geschworen, so dürft Ihr ihn brechen.«

Da trat der Arzt, der ein Sternseher war, in die Hütte und sprach heimlich zu Pippin: »Herr, ich les' ein wunderlich Ding in den Sternen: Ihr sollt noch heute Euer ehelich Weib umarmen und ist es doch nicht möglich, daß Ihr heute noch in Eure Burg reitet.« Damit ging er wieder hinaus. Dem König aber kam's zu Sinnen, was ihm einst der Spielmann gesungen hatte von Bertha aus Kärlingen: wie sie schön sei, und wie sie kunstvoll zu spinnen und zu wirken wisse und durch ihren Fleiß der rechte Fuß größer geworden sei als der linke, und er hub sein Fragen von neuem an. Da sprach sie endlich: »So wisset Herr, ich bin Bertha von Kärlingen, Euch zur Gemahlin gesandt; Ihr seid mein Eheherr und um Euretwillen bin ich in dieses Elend geraten.« Und sie erzählte ihm wie alles geschehen war, und bat ihn, er möge nicht in jähem Zorn Rache nehmen, sondern nach weisem Rat richten und strafen; auch bat sie um Gnade für die Knechte. Das gelobte er ihr. So ward des Sternsehers Wort wahr und in armer Hütte hielt König Pippin Hochzeit mit seinem echten Weibe.

Am nächsten Morgen schied er von Bertha. Er befahl sie dem Müller auf seine Treue: »Behüte mir wohl mein Weib und diese heimlichen Dinge, daß niemand davon erfahre. Wird mir von ihr ein Degenkind geboren, so bringe mir als Zeichen in mein Schloß einen Pfeil, 165 ist es aber ein Mägdlein, eine Spindel.« Dann gab er ihm königliches Zehrgeld, befahl auch seinen Begleitern Schweigen und ritt zurück in seine Burg. Nun suchte er so lange in seinen Landen bis er die beiden Knechte des roten Ritters gefunden hatte und sprach zu ihnen: »Gedenkt ihr's noch, wie ihr mit meinem Hofmeister nach Kärlingen geritten seid, mir die Königin zu holen? Sagt mir ohne Furcht alles, was damals geschehen ist.«

Die Knechte erbleichten und standen zitternd vor dem König, als wären sie verstummt. Der hub abermals an: »Sprecht und seid ohne Sorgen; muß ich euch aber zum Reden zwingen, so sollt ihr keine Gnade vor mir finden.«

Da fielen sie ihm zu Füßen und gestanden alles: des roten Ritters Betrug und Mordplan und ihre Beihilfe dazu, und daß bittre Reue sie quäle.

Pippin hieß sie aufstehen: »Weil ihr barmherzig gegen Bertha wart und sie selbst bei mir für euch gebeten hat, erlaß' ich euch die Strafe: doch schweiget von diesem Handel und seid mir fürderhin getreu, so wahr euch meine Huld lieb ist.«

Als die Knechte hörten, daß Bertha noch lebte, freuten sie sich aus der Maßen.

Der König berief darauf einen Hoftag: die Fürsten und Herren seines weiten Reiches und die weisesten Männer besandte er dazu: mit ihm einen Rat zu halten.

Unterdessen hatte Bertha einen Knaben geboren; da nahm der Müller einen Pfeil und machte sich auf zum König. Er fand ihn inmitten seiner Hofherren in einer seiner Pfalzen und schritt vor ihn und überreichte das verabredete Zeichen. Freudig empfing Pippin den Pfeil, sprach heimlich mit dem Müller, befahl, seinen Sohn 166 »Karl« zu nennen und entließ ihn mit reichem Botenlohn.

Und als nun der Hof versammelt war, sprachen die Räte: »Herr und König, eröffne uns deinen Willen.«

»Höret: man verlobet eines Königs Kind einem Fürsten. Der Fürst schickt seinen ersten Diener, sie zu holen. Auf der Fahrt befiehlt der Diener zweien Knechten, die Braut zu töten, und gibt ihr Gewand seiner Tochter. Dem Fürsten aber bringt er seine Tochter an Stelle des Königskindes. Was gebührt solchem Manne?« Und Pippin wies auf den älteren Sohn des roten Ritters: »rede du«.

»Gnädiger Herr, hebt das Urteil bei einem Weiseren an, denn ich bin.«

»Dich frag' ich, du antworte mir.«

Da sprach der Degen: »Ein solcher Mann ist nicht wert, daß ihn die Sonne überscheine, nicht, daß ihn die Erde berge noch daß sie ihn trage. Man soll ihn binden an Rosses Schweif, ihn schleifen und verbrennen.«

Und Pippin fragte den jüngeren Sohn: der antwortete: »Ich halte zu meines Bruders Urteil.« Er fragte weiter und jeder urteilte dasselbe Urteil und er fragte auch den roten Ritter; der sprach: »Gnädiger Herr, ich will kein Urteil fällen über mich selbst: denn ich habe die Tat an dir begangen.«

»Da du sie bekennst, so bedarf ich keines Zeugen: ungetreuer Mann, du bist gerichtet.«

Viele baten für ihn um Gnade, denn er war ein gewaltiger Herr, aber umsonst; ihm geschah nach seines Sohnes Spruch: er ward an Rosses Schweif gebunden, geschleift, und verbrannt. Sein Weib wurde vermauert, die falsche Königin in ein Kloster verwiesen, wo sie bald 167 starb, ihre und Pippins Kinder aber – drei Knaben und ein Mägdlein – blieben beim König.

Und nun ritt Pippin mit seinen Fürsten und Herren in den Wald zur Mühle und holte Bertha in seine Burg. Dann ließ er sie feierlich zur Königin der Franken krönen. Dem Müller ist reicher Lohn geworden für seine treue Pflege und noch weiset man die Reißmühle in jenem Wald in Bayern. König Pippin aber zog bald darauf mit seinem Hof wieder ins Frankenland und dort hat die Königin all' ihres Elends vergessen. Karl wurde in königlichen Höfen erzogen in Gesellschaft seiner Halbbrüder Holderich und Rainfried: aber sie haßten den echten Erben, der schon als Knabe aller Herzen gewann und in ritterlichen Spielen vor andern der beste war. Doch wußten sie es zu verbergen und Pippins Gunst sich zu erhalten.

Als Holderich, der ältere, sich einst in einem Dorfe bei Paris aufhielt, erschien ihm im Schlafe ein Zwerg und sprach: »Steh' auf ehe der Tag kommt und gehe nach Paris und auf die Brücke: dort wird dir etwas Unangenehmes und etwas Angenehmes widerfahren.« Holderich kehrte sich nicht daran; in der andern Nacht geschah das ebenso; als aber der Zwerg zum dritten Male kam, stand Holderich auf und tat nach seinen Worten. Auf der Brücke begegnete er einem Geldwechsler, welcher seinen Geschäften nachging; Holderich fragte ihn, was er da so frühe suche und erzählte ihm seine nächtliche Erscheinung. »Auch zu mir ist der Zwerg in jenen drei Nächten gekommen,« entgegnete der Wechsler, »und erzählte mir, daß ich in Balduche an der grünen Weide, nahe dem Fluß, einen Schatz finden würde, aber ich bin nicht so dumm 168 wie du, auf eines Zwerges Geschwätz zu hören«; und gab ihm eine Ohrfeige und ging. Das war Holderich sehr unangenehm; er kehrte heim, suchte und fand den Schatz – und das war ihm sehr angenehm. So wurden die Söhne der falschen Königin reich und mächtig.

Und grimmer wurde ihr Haß gegen Karl und Bertha. Sie reichten Karl beim Mahl einen Becher vergifteten Weines. Er ließ ihn vorübergehn, aber Bertha nahm die Schale und trank sie leer. Bald darauf starb sie. Die falschen Söhne stellten sich so traurig, daß niemand sie des Mordes verdächtig hielt. Der König aber wollte den Schuldigen strenge bestrafen; und es wird gesagt, daß sie aus Furcht auch Pippin vergiftet haben. Er bestellte sie, bevor er starb, noch zu Hütern des zwölfjährigen Karl in Gemeinschaft mit dem Herzog von Berri und dem Grafen von Auvergne.

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