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Kaiser Karl und seine Paladine

Felix Dahn: Kaiser Karl und seine Paladine - Kapitel 12
Quellenangabe
typelegend
booktitleKaiser Karl und seine Paladine
authorFelix und Therese Dahn
yearca. 1923
publisherBreitkopf & Härtel
addressLeipzig
titleKaiser Karl und seine Paladine
created20060101
sendergerd.bouillon
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Zehntes Kapitel.

Karls Tod und Bestattung, seine Persönlichkeit, seine Lebensweise, seine Akademie, seine Familie.

Nachdem Karl sein Reich und Haus auf dem Septemberreichstag von 813 bestellt, mochte er ruhig sterben gehen.

Er jagte, nachdem er Ludwig entlassen (oben S. 133), noch bis Ende des Herbstes in der Nähe von Aachen und kehrte zu Anfang November nach Aachen zurück. Er hat die Zeit nach dem Abschied von Ludwig viel mit Beten und Almosen und mit der Richtigstellung von Handschriften verbracht, noch an dem Tage vor seinem Tode 142 mit Griechen und Syrern an Richtigstellung der vier Evangelien gearbeitet. Im Januar ward er zu Aachen von heftigem Fieber ergriffen nach einem Bad. Wie er pflag bei Fieberanfällen, legte er sich sofort strenges Fasten auf, in der Meinung, durch solche Enthaltung die Krankheit, wie schon oft, vertreiben oder doch lindern zu können: nur ein wenig Wasser nahm er zur Erfrischung: aber die Schwäche nahm zu, Seitenschmerz, welchen die Griechen »Pleuresis« nennen (Rippenfellentzündung), trat hinzu. Am 27. Januar, dem siebenten Tag, nachdem er sich gelegt (das war also am 21. Januar gewesen), ließ er seinen Erzkapellan Hildibald von Köln kommen und empfing von ihm das Abendmahl in beiden Gestalten. Dann litt er in Schwäche den Tag und die Nacht: am folgenden Morgen, den 28. Januar, bei Tagesanbruch streckte er die rechte Hand aus und machte mit der letzten ihm verbliebenen Kraft das Zeichen des Kreuzes über Stirn, Brust und den ganzen Leib. Nun legte er die Beine zusammen, streckte Arme und Hände über den Leib vor sich hin, schloß die Augen und sang mit leiser Stimme den Bibelvers: »In deine Hände, Herr, empfehle ich meinen Geist«. Gleich darauf starb er, im 72. Jahre des Lebens, im 46. der Herrschaft.

So starb er denn wie ein echter »christlicher Held«, demjenigen Herrn sich empfehlend und durch sein Zeichen – das Kreuz – noch einmal zu eigen gebend, dem er so getreu gedient hatte mit blutigem Schwert und starkem Königsstab. »Der Leib ward gewaschen und gepflegt und mit größter Trauer des ganzen Volkes in die Kirche gebracht und bestattet, in der Marienkirche zu Aachen, welche er selbst aus Liebe zu Christus und zu Ehren seiner heiligen und ewig jungfräulichen Mutter erbaut hatte. Hier ward ein vergoldeter Bogen errichtet mit 143 seinem Bild und der Inschrift: »Unter dieser Bergestätte (conditorium) liegt der Leib Karls, des großen und rechtgläubigen Kaisers, der das Reich der Franken ruhmvoll (nobiliter) erweitert und 46 Jahre glücklich beherrscht hat.« Der Marmorsarkophag mit einer Reliefdarstellung des Raubes der Proserpina, in welchem man den Leichnam bei der feierlichen Erhebung durch Friedrich I. 1165 fand, wird noch jetzt in Aachen aufbewahrt. Die Angabe, daß Otto III. im Jahre 1000 Karls Leichnam gefunden habe: »Sitzend auf dem Thron, im vollen Kaiserornat, mit Krone und Reichsapfel, das Schwert in der Hand«, ist mit Recht als Sage erkannt.

Eine abermalige feierliche Beisetzung seiner Gebeine erfolgte unter Friedrich I., dem Nacheiferer seiner Taten, der auch im Jahre 1165 die Heiligsprechung Karls durch den Gegenpapst Paschalis bewirkte; es erkannte nachmals die gesamte Kirche dieselbe an. »Ein Schrein der Marienkirche bewahrt daselbst noch jetzt seine Gebeine und der Stuhl Karls des Großen erinnert an alle die deutschen Könige, die auf ihm thronend dem größten ihrer Vorgänger keineswegs gleichkommen konnten.«

Seinen Tod sahen – nachträglich! – die Zeitgenossen durch gar manche Vorzeichen angemeldet: Mercurs Schatte warf lang einen Flecken auf die Sonne, häufig verfinsterten sich Sonne und Mond, der Säulengang zwischen der Pfalz und der Marienkirche zu Aachen stürzte ein, die Pfalz bebte wiederholt, die Decken der von Karl bewohnten Zimmer krachten, die Rheinbrücke bei Mainz brannte ab, die Marienkirche ward vom Blitz getroffen, der goldene Reichsapfel (?) auf ihrem Dach herabgeschleudert, in einer Inschrift der Kirche: »Karolus princeps« verschwand das mit roter Erdfarbe (sinopis) geschriebene Wort: »princeps«, Ja sogar ein Viehsterben von 810 und des Kaisers Sturz 144 mit dem Pferde (810) sollte – vier Jahre vorher – Karls Tod bedeutet haben.

Wir verdanken Einhard ein liebevoll ausgemaltes Lebensbild Karls des Großen. »Er war von mächtigem, starkem Wuchs, von hochragender, aber nicht allzulanger Gestalt: er maß siebenmal seines eignen Fußes Länge. Der Schädel war rundlich, die Augen sehr groß und lebhaften Blickes, die Nase überschritt ein wenig das Mittelmaß, der Ausdruck des Antlitzes freudig und heiter.« (Daß er Humor besaß, zeigen allerlei von ihm ausgehende Späße in den lateinischen Gedichten: sogar die unsäglich frostige, uns widerlich, weil gekünstelt und affektiert anmutende Form dieser »theologischen« Heiterkeit kann das Naturwüchsige in Karls Einfällen nicht stets verderben.) »Daher seine Erscheinung im Sitzen wie im Stehen höchst bedeutend und würdig war. Zwar der Nacken war breit und etwas kurz, der Unterleib ragte hervor: doch ward dies durch das Ebenmaß der andern Glieder verhüllt. Fest war sein Schritt und die ganze Haltung des Körpers männlich, die Stimme zwar hell, doch nicht so stark, wie man nach seiner Größe erwartet hätte. Seine Gesundheit war trefflich, nur in seinen letzten vier Lebensjahren ward er häufig von Fieber befallen, auch hinkte er zuletzt auf einem Fuß. Aber auch dann noch lebte er mehr nach seinem eignen Gutdünken als nach dem Rate der Ärzte, die ihm beinahe zuwider waren, weil sie ihm empfahlen, in den Speisen das Gebratene, an das er gewöhnt war, aufzugeben und sich an Gesottenes zu gewöhnen. Ständig übte er sich im Reiten, Jagen und Schwimmen, nach seines Stammes Art (quod illi gentilitium erat), denn kaum findet man ein Volk auf Erden, das sich hierin mit den Franken messen mag.

Darin übertraf ihn niemand. Er liebte die 145 Warmquellen: deshalb baute er sich zu Aachen die Pfalz und wohnte dort in seinen letzten Jahren ständig.

Er trug heimische (d. h. fränkische, nicht römische) Tracht: am Leib ein Linnenhemd und Linnen(hüften)hosen, darüber einen Rock mit seidenem Besatz und Schienbeinstrümpfe (tibialia, ›Wadenstrümpfe‹, unterhalb des Knies bis an die Knöchel), um die Beine Binden (fasciolis), Schuhe (calciamenta) an den Füßen. Im Winter wahrte er Schultern und Brust mit einer Brustweste (thorax, Brustwams) von Otter und Zobel (murinae pelles), darüber schlug er einen blauen Kriegsmantel. Immer trug er das Schwert umgürtet, Heft und Wehrgehäng von Silber oder Gold. Nur bei Festen oder dem Empfange fremder Gesandten legte er ein Schwert mit edelsteinbesetzter Scheide an. Fremde Tracht verschmähte er, war sie auch noch so kostbar. Nur an Festen trug er ein goldgewobenes Gewand, mit Edelsteinen besetzte Schuhe; eine goldene Spange hielt dann den Mantel zusammen, auch unter goldenem, mit Edelgestein geschmücktem Diadem schritt er dann einher. An andern Tagen unterschied sich seine Kleidung wenig von der gewöhnlichen des einfachen Volkes. In Speise und Trank war er mäßig, mäßiger noch im Trinken: denn Trunkenheit verabscheute er am meisten an allen, zumeist an seinen Familiengliedern. Nicht ebenso enthaltsam konnte er im Essen sein, so daß er oft klagte, das (kirchlich gebotene) Fasten schade seinem Leibe. Bei der täglichen Hauptmahlzeit wurden ihm nur vier Gerichte vorgesetzt, außer Bratfleisch, welches die Jäger an den Jagdspießen (veribus) steckend hereinzutragen hatten, das aß er lieber als alles andre. Während der Mahlzeit lauschte er einem Vorleser: er ließ sich Geschichte vorlesen und Taten der alten Könige. Auch ergötzte er sich an den Büchern des heiligen Augustinus, besonders an dessen 146 civitas dei.« Diese kurze Angabe ist von allerhöchstem Wert: sie enthält den Schlüssel zu Karls ganzem theokratischen System und die stärkste Befestigung unsrer Grundauffassung seines Deutens. Die religiös-sittliche Gemeinschaft der Heiligen schon auf Erden, die Gottes Gebot erfüllende (oben S. 123) Christenheit, sie ist das »Kaiserreich«, das ihm vorschwebt. Und auf eine durchaus großartig und ideal angelegte Natur wie Karl – wie mächtig mußte dieser edle, obzwar sehr schädliche Mystizismus wirken! Wie auf den Helden mehr noch als die Eroberungsr echte, die dadurch auferlegte Helden pflicht! Gerade das Heldenhafte, d. h. das ursprünglich Germanisch-Heidnische, in Karl ward durch diesen Idealismus ergriffen: er ward der heldenhafte Vorkämpfer – dieses begeisternden und bluttriefenden Wahnes.

»So wenig genoß er von Wein und anderm Getränk, daß er bei Tisch selten mehr denn dreimal trank. Im Sommer nach dem Mittagessen nahm er etwas Obst, trank einmal, legte Oberkleid und Schuhe ab und ruhte zwei oder drei Stunden. Nachts dagegen unterbrach er den Schlaf vier- oder fünfmal, indem er sogar aufstand. Während er sich Kleider und Schuhe anlegte, verstattete er nicht nur Freunden den Zutritt, – auch wenn der Pfalzgraf sagte, da sei ein Rechtsstreit, der nur nach des Königs Urteil entschieden werden könne, – sofort ließ er während des Ankleidens die Parteien vor sich führen, hörte sie an und sprach das Urteil, wie wenn er auf dem Richterstuhl säße. Er gebot über Fülle und Überfluß der Sprache; was er dachte, konnte er auf das klarste ausdrücken; nicht begnügt mit der Muttersprache, verwandte er viele Mühe auf Erlernung der fremden: Latein sprach er so gut wie fränkisch, das Griechische verstand er besser als er es sprach. Für das Germanische hatte er so viel Sinn, daß er die 147 volkstümlichen und uralten Lieder, in welchen die (Helden-) Taten und Kriege der alten Könige gefeiert wurden, aufschreiben und so der dauernden Erinnerung überliefern ließ.« – (Ludwig ließ bekanntlich die Sammlung wegen des heidnischen Schmacks verbrennen.) – »Ja, er begann eine Grammatik der fränkischen Sprache! Den Monaten legte er« – er war also der erste Reiniger germanischer Sprache von entbehrlichen Fremdwörtern! – »Namen fränkischer Sprache bei; ebenso bezeichnete er zwölf Winde mit fränkischen Namen.« Rein erfunden hat Karl nicht all diese Namen, vielmehr meist vorgefundene verwendet: doch beseitigte er (fast) alle die ziemlich häufigen mit heidnischen Vorstellungen zusammenhängenden. »Der Wissenschaften und Künste (artes liberales) pflegte er auf das eifrigste« – das ist keine Höflingsrede, sondern im großartigsten Sinne geschichtliche Wahrheit: an Karls Hof knüpft sich ein Aufschwung der Literatur im Abendlande, der Jahrhunderte vorher und nachher nicht seinesgleichen hat. Wahrhaft erstaunlich ist die vielseitige Begabung oder doch Empfänglichkeit des wunderbaren Mannes und auch seine Arbeitskraft und Zeitverwendungskunst. »Er schätzte der Wissenschaften und Kunst Lehrer sehr hoch und bedachte sie mit großen Ehren. Zum Lehrer in der Grammatik hatte er Petrus, den greisen Diakon von Pisa, in den andern Fächern den Diakon Alkuin, vom sächsischen Britannien, einen ganz allgemein hochgelehrten Mann, bei dem er auf Rhetorik, Dialektik, besonders aber auf Astronomie sehr viel Zeit und Mühe verwandte.« (Seit 786 weilte auch der fromme, wackere Langobarde Paulus Diakonus, des Warnefrid Sohn, an Karls Hof, bis er sich wieder in das Kloster Monte Casino zurückzog.) »Er lernte die (höhere) Rechenkunst und erforschte mit höchstem Eifer den Gang der Gestirne. Auch 148 zu schreiben versuchte er und pflegte zu diesem Behuf Tafeln und Blättchen unter dem Kopfkissen mit sich zu führen, in müßigen Augenblicken die Hand an das Malen der Buchstaben zu gewöhnen,« – welche Wirtschaftlichkeit mit der Zeit, wie mit den Eiern der Königshöfe! – »Aber wenig fruchtete die allzuspät begonnene Bemühung.«

Karl zuerst hat nicht nur für Geistliche, auch für Laien ein Mindestmaß von Wissen vorgeschrieben, eine Art staatlichen Schulzwangs eingeführt. Auch ein eifriger Bauherr war er: »Sehr viele Bauwerke begann er zur Zierde seines Reiches und zur Behaglichkeit an verschiedenen Orten, manche brachte er zur Vollendung: so die Marienkirche zu Aachen (oben S. 142), die 500 Schritt lange hölzerne Rheinbrücke bei Mainz: nachdem sie abgebrannt war, wollte er eine neue aus Stein herstellen, starb aber bald darüber weg. Pfalzen von ausgezeichneter Schöne begann er zu bauen bei dem Gehöft Ingelheim, zu Nimwegen an der Waal. Besonders aber gebot er, wo er irgend in seinem ganzen Reich erfuhr von Kirchen, die vor Alter zerfallen, Bischöfen und Äbten, deren Sorge dies anging, die Herstellung und – wie immer – überzeugte er sich durch Gesandte, daß auch geschah, was er geboten.« Als frommer Christ und als »milder«, d. h. freigebiger König, »sorgte er sehr eifrig für Unterhalt der Armen, nicht nur in der Heimat, auch über die Meere nach Syrien, Ägypten, Afrika, Jerusalem, pflegte er Geld zu schicken und suchte besonders zu diesem Zwecke (d. h. Unterstützung der christlichen Pilger im Morgenlande) die Freundschaft überseeischer Könige (oben S. 58). Viele, unzählige Geschenke sandte er den Päpsten, und vor andern Weihtümern ehrte er die Peterskirche zu Rom, gewaltige Summen Geldes verwandte er auf Geschenke für diese (oben S. 131). Er liebte die Fremden und nahm Gäste 149 zu sorgfältiger Pflege auf – wieder zugleich germanisch-heidnische Königssitte und Königsehrenpflicht und christliches Gebot – so zwar, daß deren Zudrang nicht nur dem Hofe, sogar dem Reiche manchmal lästig ward. Für Freundschaft war er trefflich geartet: leicht schloß er sie und höchst beständig bewahrte er sie, und wen er sich so verbunden, des pflegte er in gewissensernster Treugesinnung:« Einhard sprach hier aus dankerfüllter Erfahrung!

Seit jener Zeit (786) besonders sammelte Karl eine Schar von Gelehrten an seinem Hof um sich, welche man nicht unfüglich seine Akademie genannt hat: er errichtete an dem Hof eine Schule, in welcher seine Kinder und die in großer Zahl am Hofe lebenden Kinder vornehmer Franken unterrichtet wurden; hier empfingen Jünglinge wie Eginhard (Einhard), Karls Lebensbeschreiber, und Angilbert, sein vertrauter Rat, ihre Ausbildung, von hier aus wurden Bischöfe und Äbte in alle Kirchen und Klöster des Reiches ausgesandt. Hier verkehrte der große Herrscher, der Majestät sich entkleidend, zwang- und formlos mit den Gelehrten und Dichtern: Sitzungen wurden regelmäßig abgehalten in welchen Vorträge über wissenschaftliche Aufgaben gehalten, Gedichte vorgelesen, Rätsel aufgegeben wurden; auch an Scherzen fehlte es nicht, die uns oft freilich meist sehr gesucht anmuten: Karl selbst scheint mehr echten Witz und Humor besessen zu haben denn seine Hofdichter, aus denen, zumal was die Form betrifft, Theodulf, ein Westgote, später Bischof von Orleans, auch sonst ein das Mittelmaß überragender Geist, hervorragte. Der König selbst und die »Akademiker« führten in diesem Verkehr biblische oder antike Namen: so hieß Karl David, Angilbert Homer, Alkuin Flaccus.

Geradezu wohltuend berührt es, wenn hier und da 150 durch das (sogenannte) »Christliche« und zumal das durch und durch angekünstelte Antike, das »Rhetorische«, womit die Kirche, die Zeitbildung, besonders Alkuin und Genossen diese große, kraftfrische Seele überkrustet haben, das Menschliche, das Germanische, das Heidnische, das Natürliche hervorbricht: in Vorzügen – so in dem unter solchen theologischen und antikisierenden Umgebungen geradezu bewundernswerten Sinn für das altgermanische Heldenlied, für die Muttersprache – wie auch etwa in Fehlern: so in dem fast drolligen Ingrimm gegen die Ärzte, welche ihm das geliebte Bratfleisch verwehren wollen! Auch etwa, was freilich sehr ernsten Schaden anrichtete, aber doch im Gemüte wurzelte, in einer Schwäche gegenüber seinen Töchtern. Wohl hatte er treffliche Erziehungsgrundsätze: er ließ Söhne wie Töchter vor allem in Wissenschaften und Künsten unterrichten: dann die Söhne, sobald nur die Jahre es verstatteten, nach Germanen- (Franken-) Sitte im Reiten, im Jagen und in allen Waffen üben. Die Töchter wurden, auf daß sie nicht durch Müßiggang stumpf würden, im Spinnen, was übrigens auch ein altgermanischer Zug war, mit Spindel und Rocken unterrichtet und zu aller Ehrbarkeit erzogen. Er liebte die Kinder so zärtlich und pflegte ihre Erziehung so eifrig, daß er nie, wann er daheim war, ohne sie speiste, niemals ohne sie eine Reise unternahm. Die Söhne ritten dann an seiner Seite, die Töchter folgten von ferne, hinter ihnen ritten zu ihrem Schutz hierzu besonders ausgelesene Krieger. Allein mit diesen »wunderschönen« (pulcherrimae) Mädchen erlebte er doch trotz dieser »Erziehung zur Ehrbarkeit« viel Verdruß, nicht ohne eigne schwere Schuld. Obgleich sie »wunderschön« waren und er sie so zärtlich liebte, hat er sonderbarerweise niemals auch nur eine von ihnen einem seiner Franken oder einem Ausländer zu vermählen den Willen 151 gefaßt: sondern sie alle behielt er bei sich im Hause bis zu seinem Tode. Er sagte: »Er könne ihrer Gesellschaft nicht entraten!« Und deshalb (d. h. weil er ihnen die Ehe versagte) erfuhr er, in andern Dingen so sehr vom Glücke begünstigt, an ihnen »die Bosheit üblen Geschicks«. Jene auserlesenen Krieger, die ferne nachritten, mochten den schönen Begleiteten unter solchen Umständen gefährlicher werden, als die abzuwehrenden Wegelagerer. In diesem Sinne hat die Sage munter fortgearbeitet und die schöne Liebe von Emma und Einhard erfunden. Die Zustände im Palast waren so schlimm, daß Karl selbst noch durch ein Capitular ungute Weiber aus seiner Pfalz wies. Aber es blieb doch so arg, daß Ludwig der Fromme sofort nach des Vaters Tod eine grimmige Säuberung des Palastes vornahm; man sieht, Sage, Dichtung und Klatsch fanden hier reichen Stoff.

Es ist recht zopfig und ganz im Stil eben jenes »Angekünstelten«, dessen Durchbrechung bei Karl erfreut, wenn Einhard tadelnd bemerkt: »Den Verlust seiner Söhne Pippin und Karl und seiner Tochter Hrothrud ertrug er nicht ganz so geduldig, wie seiner sonstigen Seelengröße entsprochen hätte: denn er weinte über ihren Tod.« Diese Tränen Karls sind menschlich viel mehr wert als Einhards, den lateinischen Klassikern nachgeahmte »Seelengröße«.

Aber Ende wie Anfang muß bei einem Bilde Karls stets bleiben das fromme Christentum seiner Zeit. »Auf das ehrfurchtsvollste diente er dem Christentum«, nicht nur – wie Einhard hervorhebt – in seinem Kirchenbau zu Aachen tritt dies hervor, in dem fleißigen Besuch der Kirche, »sofern es irgend seine Gesundheit verstattete«, und in der Fürsorge, daß alles in der Kirche mit höchster Würde vor sich gehe, nicht nur in der Besserung der 152 kirchlichen Vorträge (Vorlesungen, legere) und des Kirchengesanges, »in denen beiden er sehr unterrichtet war«, – sein ganzes Regiment beweist es: die Kaiserkrönung, das Blutgericht an der Aller, die Frankfurter und die Regensburger Synode, unzählige Verordnungen und Gesetze, die Ansprache an seinen Erben; er war und fühlte sich vor allem als Vorkämpfer der Kirche, des Glaubens. Er ist in diesem Sinne das Vorbild eines »christlichen« Königs und Kaisers: »magnus et orthodoxus«: diese seine kurze Grabschrift könnte nicht richtiger verfaßt sein. »Magnus rex et imperator« heißt er schon in gleichzeitigen Quellen; aber als geschichtlicher Beiname tritt das Wort zuerst auf bei seinem Enkel Nithard († 858): »Karl, guten Andenkens und mit Recht von allen Völkern ›der große Kaiser‹ (magnus imperator) genannt.«

Karls einflußreichste Räte waren: Abt Fulrad von St. Denis († 784) und Angilramn († 791), Bischof von Metz, Nachfolger Chrodegangs († 6. März 766) seit 25. Sept. 768, später Erzbischof und Archicapellanus, beide ursprünglich Karlmanns Untertanen: Fulrad wirkte hervorragend mit bei Ausschließung der Söhne Karlmanns (S. 32). Angilramns Nachfolger als Archikapellan ward Erzbischof Hildibald von Köln (791 bis über Karls Leben hinaus); auch Arn von Salzburg (oben S. 104) stand bei ihm (seit 787) in hohem Ansehen.

Karl war durchaus nicht frei von der Sinnlichkeit, welche seinem Geschlecht, wenn auch nicht in merowingischem Unmaß, erblich war. Er hatte 4 Ehefrauen, von diesen 12 Kinder: außerdem mehrere von der Kirche nicht anerkannte Verbindungen: so schon vor seiner Vermählung 153 mit der Tochter des Desiderius einen Sohn von Himiltrud, aus edlem fränkischen Geschlecht, Pippin, schön von Antlitz, aber höckerig, der sich (792) gegen des Vaters Leben verschwor, zum Tode verurteilt, aber von Karl begnadigt ward und als Mönch im Kloster (811) starb. Nach Verstoßung der Langobardin heiratete er die erst 12jährige Hildigard, aus edelstem alamannischen Geschlecht, die Urenkelin des Herzogs Gottfried, Schwester Gerolds, des »Präfekten« von Bayern (oben S. 103). Sie gebar ihm in 12 Jahren 9 Kinder: Karl (geb. 772? † 4. Dez. 811), Pippin (geb. 777 † 8. Juli 810), die Zwillinge Ludwig (778–840) und Lothar (geb. 778 † 778), letzterer starb bald nach der Geburt, die Töchter Hrothtrud (geb. 773 † 6. Juni 810), Adelheid (geb. und † 774), Bertha (geb. 775–76), Gisela (geb. 781), Hildigard (geb. und † 783).

Die Sage hat nicht vergessen, daß die sanfte blonde Hildigard, die schon mit 24 Jahren starb (783), seine Lieblingsgemahlin war. Ihre Grabschrift von Paulus Diakonus ist schön und warm empfunden: er lobt außer ihrer Schöne, Güte, Sanftmut, Heiterkeit, Einfachheit ihre Frömmigkeit und Barmherzigkeit, sie war eine Gönnerin von St. Gallen. Darauf heiratete er sogleich (783) Fastrada, die Tochter des ostfränkischen Grafen Radolf. Sie gebar ihm zwei Töchter und starb 794: ihre Härte soll ungünstig auf Karl gewirkt und zwei Verschwörungen hervorgerufen haben: auch sie starb in der Blüte der Jugend. Darauf heiratete er die edle Alamannin Liudgard (795 oder 797–800), deren Schönheit, Frömmigkeit, Freigebigkeit, Güte und Bildungsstreben – sie lernte eifrig und begünstigte die »Akademiker« – nicht nur von den Hofpoeten gepriesen, auch Dritten gegenüber von Alkuin bezeugt werden.

154 Von ihr, die er nach Fastradens Tod heiratete, hatte Karl keine Kinder. Nach ihrem Tode vermählte er sich nicht wieder.

Karl hat nicht völlig neue Bahnen eingeschlagen, nicht unerhörte Ausgaben in Angriff genommen: vielmehr nur die vorgefundenen, schon von Vater, Großvater, Urgroßvater behandelten, allein er hat sie in viel gründlicherer umfassenderer Art behandelt: er hat sie endgültig, er hat sie großartig gelöst: er hat genial vollendet, was Vorgänger talentvoll begonnen.

Pippin hat die Langobarden, dem Papst zu helfen, wiederholt bekämpft: – Karl hat sich selbst zum Langobardenkönig gemacht; die Vorfahren haben Raubfahrten der Sachsen abgewehrt, Karl hat die Sachsen unterworfen; die Vorfahren haben die Mauren in Frankreich geschlagen, Karl errichtet in Spanien selbst eine Mark zur Abwehr; die Vorfahren haben den Herzog von Bayern als halb selbständigen Landesherrn dulden müssen, Karl macht Bayern zur fränkischen Provinz und erobert dem Land als Ostmark das Avarenreich hinzu; die Vorfahren schlagen mit den Slaven wechselvolle Schlachten: Karl unterwirft Abodriten, Sorben, Tschechen, Wilzen, Linonen, Smeldingen; die Vorfahren werden von nordischen Raubfahrern heimgesucht, Karl herrscht bis an das Danevirke hin; die Vorfahren verfügen nur über Landmacht, Karls Kriegsflotte besetzt Korsika und Majorca; Pippin wechselt Gesandte mit dem Kalifen, Karl erwirbt von dem Kalifen die Schutzherrschaft über Jerusalem: endlich Karl Martell lehnt jedes Einschreiten in Italien, in Rom ab, Pippin erfüllt Pflichten eines Schützers in Rom, übt keine Rechte, Karl erwirbt 1505 die römische Kaiserkrone, die Krone des ganzen weströmischen Reiches. Er ist von überwältigender Größe: man muß ihn – trotz seiner Sachsengreuel und der an künftigem Unheil so reich trächtigen Verwechslung und Verquickung von Staat und Kirche, – beide Verirrungen wurzeln doch in einem edeln, obzwar begriffsverworrenen Idealismus – verehren und wegen seines gütevollen Herzens, wegen seiner köstlich gesunden Menschlichkeit lieb gewinnen: er war ein Vater seiner Völker.

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