Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfred Brust >

Jutt und Jula

Alfred Brust: Jutt und Jula - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleJutt und Jula
authorAlfred Brust
year1928
firstpub1928
publisherHoren Verlag
addressBerlin-Grunewald
titleJutt und Jula
pages167
created20120129
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

8

Sie gingen alle drei hinaus auf die Pflanzung. Jula war in der Mitte. Sie verwunderte sich des anheimelnden Gefühls so neben dem Innigen hinzuschreiten. Das Gefühl war genau so, wie es nachts im Traum gewesen war. Und vorsichtig verglich sie die Hände der beiden Männer. Jutts Hände waren anders als diejenigen des Fremden. Doch sie hatte beider Hände gleich gern aus demselben Empfinden heraus. Es war das Empfinden geschützt zu sein. Die alte Hand war Schutz. Die junge Hand war auf dem Wege Schutz zu werden – und doch war sie auch schon Schutz.

Als der Alte mitten in der großen Pflanzung stand und ringsher das schwere, seltsame Werk der Toten überblickte, quollen seine Augen über. Er kniff die Lippen fest zusammen und beschattete den Blick mit den buschigen, beweglichen Brauen.

In dichten Büscheln oder in einzelnen Gräsern und Stengeln drängten sich üppig die heilenden Kräuter auf 111 dem Erdboden, der durch jahrlange Mühe sauber, frei von Unkraut geworden war.

»Jetzt ist nicht mehr viel zu tun,« sagte Jula. »Vor Jahren, da war es anders. Nun braucht man nur am Morgen die kleinen Schmarotzer zu entfernen, dann bleibt alles rein, wie am ersten Schöpfungstag . . . Laß uns beginnen,« sprach sie zu Jutt und bückte sich und zeigte dem Jüngling die kleinen Sprießer, die überflüssiges Unkraut waren.

Da es zur Nacht geregnet, Nordwest aber den Himmel gesäubert hatte, blühte die blanke Sonne so warm, daß es eine Lust war. Fast hätte der Innige sich auch gebückt und mitgeholfen. Doch er besann sich.

»Es würde die Pflanzen nicht freuen, wenn ich sie berührte mit meinen Händen, die anderer Arbeit geweiht sind. Auch darauf muß man achten. Tante Maria hat dies Werk für euch gedacht. Sie wird eure Hände auch segnen.«

Jutt erhob sich.

»Und was sind dort hinten für Felder – außerhalb der Pflanzung?« Er zeigte in die Ferne, wo sich hinter dem Wehr den Fluß entlang saftige Äcker und Wiesen hinzogen.

»Auch das sind unsere Ländereien,« entgegnete Jula. »Sie werden, solange ich denke, besorgt von einigen Armen im Dorf, die uns als Zins Getreide, Kartoffeln, Hafer 112 und Heu geben – und was an Gemüsen zwei Menschen im Jahr verzehren können.«

»Das ist mir nicht lukrativ genug!« sagte Jutt gewichtig und mit einer Geste, als stünde er in der Apotheke hinter dem Ladentisch.

Jula erhob sich. Sie kannte das Fremdwort nicht.

Auf dem Gesicht des Alten stand ein heiteres Lachen.

Jutt wurde rot. Er eiferte in sich hinein. Und auf einmal platzte er wirklich los:

Er würde die Leitung dieser Anpflanzung übernehmen, die so sehr nach seinem Sinn war. Hier stand ein Mann in seinen besten Kräften. Jubelnd würde er sie an diese Arbeit spannen. Wie so viel unbenutzter Boden lag um die Pflanzung her! Oh – das sollte sich dehnen und wachsen! Das große Brausen der neuen Zeit sollte auch diese schlummernden Schollen aufjauchzen lassen! Sie sollten eingeordnet werden in den tätigen Rhythmus der Allgemeinheit! Jutt reckte die Arme . . . Ausdehnung brauchten wir, Ausdehnung! Hier hatte die Tante den Boden bereitet.

Liebliche Jungfrau! Und sie schlägt so langsam die Augen auf . . . Mit zartem Lächeln ging sie auf den Jüngling zu, der peinlich die Lippen schloß und die Arme sinken ließ, die noch in leidenschaftlicher Stellung waren. Etwas in ihm stürzte zusammen. Und was da plötzlich zusammenstürzte, war dasselbe, was ihm über diesem 113 Landschaftsraume gestern morgen und bis jetzt noch unheimlich gebreitet gewesen war. Es war das Empfinden, daß er an diesem Allen keinen Teil hatte. Und nun brach dieses Empfinden entzwei. Er sah ein, daß er Unsinn geredet hatte und fühlte, wie ihn aus dieser Jungfrau her der Atem der Kräuter und Felder heimatlich warm anblies. Oh, würde sie doch nicht sprechen! Er wußte ja alles, alles. Alles war richtig! Und nun redete sie dennoch! O Scham! Scham! – Aber sie sprach ja ganz anders.

»Das hatte natürlich die Tante auch schon gedacht. Aber nur dieser Erdboden im breiten Streifen rings um den großen Teich her hat so heilsame Kraft. Wo das Auge bei Sonnenaufgang nicht hinreicht, ist es vorbei. Und dann sagte die weise Tante immer zu mir: Einkehr braucht die kommende Zeit, nicht Auskehr. Und sagte auch: es ist alles Ding auf Erden schon so ausgedehnt, daß es weder Maß noch Gewicht hat; Vertiefung brauchen die Menschen, nicht Ausdehnung, also Verflachung . . . So sagte die Tante . . .« Jula schwieg.

Jutt hatte das Mädchen in Verdacht, daß es auch eigene Meinungen mit dem Namen der Tante verhüllte, um nur nicht ihren reizenden Hauch zierlicher Bescheidenheit zu verlieren. Und er konnte nicht sagen, in welcher Charaktereigenschaft er diesen Zug unterbringen sollte. Er fühlte aber deutlich, daß sein Gemüt völlig gewandelt 114 war und daß es besser wäre, in diesem neuen Zustand nicht mit früheren Ideen umherzuspringen.

Er und auch Jula wurden darauf aufmerksam, wie der Alte zur Sonne sah, das Gesicht nach Süden wandte und aus einem Büchlein die Tagesstunde genau zu errechnen wußte. Dann ging er ein paar Schritte vorwärts, bückte sich und lenkte seine Schritte den Mühlenteich entlang wieder dem Walde zu.

Jula war feuerrot geworden.

»Was ist denn?« fragte Jutt.

»Ich habe in diesen Tagen der Verwirrung versäumt die Schlüsselblumen zur rechten Stunde zu ernten,« entgegnete Jula leise und nachdenklich. »Dieses aber ist die allerletzte Stunde.«

»Schlüsselblumen?« Jutt sah das Mädchen verwundert an. »Was will man denn mit der Schlüsselblume?«

»Tee kochen, Herr Apotheker! Sie sänftigt das Herz, macht fröhlich, leicht und hoffnungsvoll,« war die Antwort.

So pflückten sie die Schlüsselblumen. Bis in den Wald hinein pflückten sie und legten die zarten Kräuter zu Haufen aufeinander. Jutt erzählte dabei von seinem Leben, denn Julas Leben, wenigstens das äußere Leben, war mit ein paar Sätzen abgetan. Sie stellten fest, daß sie beide Vollwaisen waren, deren sich die milde, gütige, manchmal auch strenge Tante angenommen hatte. Von 115 ihren Eltern wußten sie nichts. Aber die Tante hatte Jula so warnend angeraten, dem Innigen in jeder Weise zu vertrauen, daß sie von diesem rätselhaften Schweiger noch vieles erwartete. Mutmaßungen zu stellen lehnte sie mit einer so vornehmen Geste ab, daß der Jüngling vor diesem Adel erschrak und sich sofort anschickte mit seiner neuen Gemütsverfassung, die ihn körperlich verfitzt hatte, seine frühere Haltung eines selbstbewußten Menschen zu verbinden. Und er verwunderte sich, wie rasch das ging und welch ein starker Ausgleich durch dieses Äußere zustande kam.

Dann trugen sie in Körben die Ernte in die Wassermühle, vor deren Einrichtung der junge Mann erstaunte. Noch mehr erstaunte er vor dem schlichten Wissen der Jungfrau, die ihn hier gelassen an die Urgründe der Pharmacie führte. Und doch durchkreuzte seine Gedanken immer und immer die eine und eine Gewißheit, daß sie um etwas herumsprachen, daß sie sich fürchteten das Eine und Große zu berühren, das sie doch miteinander verband – ob sie nun wollten oder nicht. Und dieses Herumreden, das merkte er deutlich, war ein gefährliches Spiel mit Worten. Offenes Bekennen mußte diese Gefahr eindämmen, wenn nicht beseitigen oder zerbrechen.

Und er sagte es ihr. Und sie hielt still. Dann sprach sie von der Nacht und ihrer Wanderung mit dem Innigen durch die jenseitigen Reiche. Und er sagte von allem, 116 was er erlebt in der Kapelle. Und sagte ihr seine eigenen Gedanken über Liebe, und wie ein Dämon, der immer lauerte und immer versuchte ihn anzuspringen, ihn gestern im Walde und in der Nacht ganz übermocht hätte.

Es wurde ihnen beiden leichter und freier bei dem Gespräch. Vor ihrem Innern zerteilte es sich wie Nebel.

»Ich denke mir, die Ehe ist eine heilige, schöne und schwere Aufgabe,« sagte Jutt, nachdem er lange geschwiegen hatte. »Der kommende neue Adel wird aus solchen Menschen hervorbrechen. Ich sah selige Brautmenschen. Aber sie nahmen einander wie man einen Gegenstand in Gebrauch nimmt. Wie bald waren sie entzweit und haßten einander!«

Und wie sie wieder in die Pflanzung gingen, stand die Sonne schon weit im Nachmittag.

»Was hat es mit der Stunde auf sich,« fragte Jutt, »in der wir die Schlüsselblumen pflückten?«

»Jede Pflanze muß zu ihrer rechten Stunde am richtigen Tag gepflückt werden,« entgegnete Jula.

»Oh – das wirst du mich alles noch lehren!« rief der Jüngling.

»Nicht werde ich dich solches lehren,« antwortete sie. »Das mußt du dir erringen. Wenn du ein – ein König sein wirst, dann wird es schon von selber zu dir kommen.«

»Ein König? So ein König der Dinge – von dem der Innige sprach?« fragte er gespannt.

117 »Nein – ein an–derer König! Ein König deiner selbst!«

Und Jula bückte sich, um ein paar Kräutlein Unkraut zu ziehen. Ihre Bluse lag hohl um den Hals. Jutt erblickte mit tiefer Erschütterung ihre vollen schneeigen Brüste, die leise in den Bewegungen des Mädchens zitterten. Ganz rein und selig sah er hin, schloß die Augen, sah wieder hin und fühlte ein paar Perlen über seine Wangen rinnen. Rasch wandte er sich ab und lief, ohne Gruß oder Wort, lief dem Walde zu. Ein Jubel saß in seiner Kehle, und er ließ ihn hinaus. Hoch und feierlich klang der befreite Ton dahin. Jutt wandte sich nicht mehr um. Er wollte allein, allein sein. Denn die feuchten Klauen des Satans fingerten um ihn her. Er wollte ihn abseits schleppen, um ihn niederzuringen, niederzujauchzen!

Im Walde warf er sich in das Gras. Aber da spürte er, daß man auch diesem reinen Gedanken der Schönheit nicht nachhängen dürfe, daß dies nicht Tätigkeit war, sondern romantische Unfruchtbarkeit. Und er sprang auf und stellte sich in den Rhythmus der hohen Mächte, nahm seine Braut mit den weißen Brüsten und fügte sie diesem Rhythmus ein. Und es geschah große, reine, heilige Liebe aller Menschheit. Die Freude bannte er in seinem Herzen. Aber nicht rauschende Musik wie heut Morgen ging da auf in ihm, sondern ein ganz klarer reiner Ton, dem er mit erschreckter Verzückung lauschte. Das war der Stein der Weisen, der Blei in Gold verwandelte; das war das ewige Feuer, das alle Erze im nu durchläuterte! Das war der Ton aus Urtagen her! Das war der Ton, den auch der singende Fisch sang!! –

* * *

Am Abend brachte Jula neben der Atzung zwei wollene Decken zur Kapelle. Und auch zwei kleine Kopfpolster.

Ihre Augen waren feucht. Und als sie ging, warf sie einen langen Blick auf den Geliebten.

Er folgte ihr. Und drückte draußen auf ihren schluchzenden Mund einen langen Kuß.

»Bald,« hauchte er, »bald – – –« 118

 

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.