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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Auf eigener Farm

Ein halbes Jahr zurück, da hast du gefragt, ob der Jürnjakob hier auch Heimweh gekriegt hat. Ne, nie nicht. Bloß mal als Junge Masern. Ich weiß nicht genau, woans das Heimweh sich regieren tut. Aber ich glaube nicht, daß es noch kommt. Nur welche von den Alten, die können das hier nicht so recht anwenden. Das ist, weil sie so spät rübergekommen sind oder sonst kein Murr (Kraft) in den Knochen haben. Tagsüber, bei der Arbeit, geht es noch. Aber abends in der Stube oder, wenn's Wetter ist, vor der Tür, dann fühlen sie nicht gut. Dann sacken sie zusammen und lassen den Kopf hängen. Dann folgen sie die Hände zwischen den Knien und sinnieren über ihr Dorf und sind kreuzunglücklich. Die lassen sich man schlecht aufmuntern. Alles zu seiner Zeit, sagte Salomo und zählt einen ganzen Posten auf, auch Steine sammeln und Steine zerstreuen. Aber das Auswandern nach Amerika hat er vergessen. Das war damals wohl noch keine Mode.

Für die Alten ist das hier nichts mehr, und für die Weichen erst recht nicht. Für die ist die amerikanische Luft zu scharf. Hier muß einer Eisen im Blut haben. Hier darf er seine Harfe nicht an die Trauerweiden hängen, wenn er eine hat. Hier ist es nicht so gemütlich als wie zu Hause. Hier hat keiner recht Zeit. Selbst der Rauch, wenn er aus dem Schornstein kommt, dann hat er hier nicht soviel Zeit als bei euch im Dorf. Da kroch er langsam aus der Tür oder durch die Wände, wo gerade Platz war, und dann kuckte er sich erst mal gemütlich um, und wenn das besorgt war, dann sagte er: Na, denn kannst du ja erst mal so'n bißchen die Dorfstraße entlang schmöken. Aber hier geht er auf und davon und kuckt sich nicht mal um.

Nein, ich bin hier zu Hause. Hier ist ja auch meist alles plattdeutsch und aus Mecklenburg. Und dann bin ich in jungen Jahren rübergekommen. Ich habe hier geheiratet. Ich habe hier eine gute Familie gereest. Ich habe hier gebaut. Ich habe hier gesät und geerntet. Ich habe hier viel Schweiß auf dem Acker liegen, und der Schweiß tut hier sein Ding gerade so gut als drüben. – Ne, dat deiht hei nich. Bi mi hett hei en ganz Deil mihr dahn, als hei tau Hus dahn hadd. Im Dorf wär ich bei aller Arbeit doch man Tagelöhner geblieben und, wenn's hoch kam, Häusler, und meine Kinder wären wieder Tagelöhner geworden. Wir haben hier auch scharf ranmüssen, viel schärfer als in old Country. Das muß wahr sein. Aber dafür hab ich auch mehr vor mich gebracht. Das muß auch wahr sein. Hier hab ich mich frei gemacht. Hier stehe ich mit meinen Füßen auf meinem eigenen Boden und taglöhnere nicht beim Bauern. Das Freisein ist schon ein paar Eimer Schweiß wert.

Mein Vater kriegte vier Schilling im Taglohn, bloß in der Aust (Ernte) mehr. Dort ging der Wind durch alle Katenwände. Hier hab ich mir ein schönes Haus gebaut mit acht Stuben und was dazu gehört. Dort hatten wir im ganzen vier Fensterscheiben, und eine ist entzwei gewesen, so lang ich denken kann. Hier haben wir viele feste Wände und große Fenster. Die sind alle neu. Die arbeiten mit Gewichtern. Die Scheiben sind 24 mal 26 Zoll und an der Südseite ein großes, 3 mal 5 Fuß, ein Glas, und um die große herum sind kleine mit bunten Farben. Die Verkleidungen an Türen und Fenstern hab ich selbst gemacht, weil daß der Zimmerer sechzig Dollars haben wollte und mir das zu steif war. Eine große Veranda ist auch gleich dabei. Die haben wir hier meist alle.

Unser Haus haben wir gründlich um- und durchgebaut. Dabei konnte ich gerade so viel arbeiten, wie ich mochte. Als es fertig war, ließ ich es mit buntem Papier ausbacken (auskleben). Das kostete dreißig Dollars, die Arbeit zwanzig. Binnen und buten fertig kostete das Haus im Umbau rund 1500 Dollars, ohne meine Arbeit gerechnet. Ein paar Narben zur Erinnerung gab es für mich extra, weil ich mit dem Hammer am Haus vorbeiklopfte und den Daumen traf, daß das Blut raussprang. Da sagte Wieschen: So, dat hest du nu dorvon. Dacht heff ick mi dat all lang. Ja, so sind die Weiber. Aber dann ist sie doch hingegangen und hat mich verbunden, und am anderen Tag konnte ich weiterhämmern.

Nein, mit dem alten Strohkaten zu Hause will ich nicht mehr tauschen. Da gehörte mir kein Kuhschwanz. Bloß einmal, ich war so bei acht Jahr rum, da hat Düfferts Mutter mir einen Farkenstert geschenkt. Man bloß, das Ferkel war da schon abgeschnitten, und aus einem Schweineschwanz läßt sich kein seidenes Halstuch machen. Na, das kann man auch bleiben lassen. Das hat man ja auch nicht nötig.

Jetzt hab ich zehn Pferde, achtzig Kühe, ein paar Ochsen, dazu hundertzwanzig Schweine. Schweine waren es früher weniger. Aber in den letzten Jahren ist das Korn gut geraten. So haben wir mehr. Hühner mögen es bei sechshundert sein oder auch mehr. Die werden hier nicht gezählt.

Aber vom Vieh will ich dir diesen Winter durch erzählen. Denn was ein richtiger Farmer ist, der macht es wie ein richtiger Bauer bei euch. Er erzählt erstens vom Vieh und zweitens vom Vieh, und drittens holt er nach, was vom Vieh übrig geblieben ist. Erst kommen die Schweine.

Die haben hier auch einen ringeligten Schwanz und sagen auch öcke, öcke. Aber sonst ist das hier alles anders. In einer Bucht oder einem engen Stall kann man keine Schweine aufziehen. Wir haben das erst auch so gemacht, denn wir dachten: das muß so sein, weil es zu Hause so war. Aber dies Land hat andre Gebräuche bei den Schweinen. So haben wir umgelernt. Die Schweine müssen sich bewegen und viel Sonne haben. Das Schwein liebt das Licht, darin schlachtet es nach dem Menschen. Darum sind sie hier auch immer gesund, und wenn wir in euren Zeitungen lesen, daß die amerikanischen Schweine Trichinen haben, so ist das in unsern Ohren zum Lachen. Denn siehe, in euren Zeitungen lesen wir oft, daß Hof und Markt da und da gesperrt sind von wegen Rotlauf unter den Schweinen.

Auf 320 Acker kann ich genug Futter bauen für meine Kühe, denn das Land ist danach. Dabei hab ich auch genug Weide für die Schweine, beinahe vierzig Acker. Sie können vom Hof aus gleich reingehen. Alle acht Fuß ein Pfosten, unten zwei Brett von sechs Zoll, oben drei Stacheldraht. Das macht eine gute Fenz, das meint Zaun. Wir rechnen für das Schwein drei bis vier Mond auf der Weide. So gewinnt es in der Zeit bei hundert Pfund, und zehn Schweine auf einen Acker, das macht vierzig Dollars auf den Acker. Bloß, daß sie sind billiger als bei euch. Sie kosten jetzt vier Dollars das hundert Pfund. Aber hundert Schweine das Jahr macht doch was. Wenn man Korn pflanzt und kriegt fünfzig Bushel per Acker und zwanzig Cents den Bushel, das ist ein Unterschied; den fühlt der Geldbeutel. Da sagt der Geldbeutel: Dies Land ist mir lieb.

Wenn das Korn (d. i. Mais) reif ist, machen wir das so: Wir schaufeln die Kolben zusammen und stecken sie an. Wenn es ordentlich brennt, dann stellen sie sich um die Haufen rum und fressen von der Außenseite, was schon abgekühlt ist. So was haben die Schweine gern, ja well. Dann können sie Wasser zusaufen. Am zweiten Februar war ich mit achtzig Schweinen nach Chicago. Die brachten 685 Dollars. Nach Neujahr muß ich wieder hin. Schade, daß ich sie nicht auf einen deutschen Markt bringen kann.

Ochsen muß ich mir auch wieder anschaffen, weil wir über 120 Fuder Heu gemacht haben. Vor Weihnacht schickte ich zwanzig Stück nach Chicago, die brachten etwas über achthundert Dollars. Das ist hier schon ein guter Preis. Bloß Kühe sind hier jetzt billig; eine gute Kuh kostet 15 bis 23 Dollars. An Korn hab ich dies Jahr über 3000 Bushel, davon 400 Bushel verkauft, den Bushel zu 35 Cents. Das ist hier auch schon ein guter Preis. An die Kühe verfüttern wir auch viel Korn. Wir schneiden es grün und packen es luftdicht ein. Dann hält es sich. Sie geben dabei mehr Milch als bloß bei Kleie.

Sonst machen wir es mit den Kühen so: Wir jagen sie auch auf die Weide. Aber ein Kuhjunge ist nicht dabei. Sie kommen von selbst wieder rein. Im Winter bleiben sie bei den Häusern. Ist das Gras raus, gehen sie weiter, daß man sie nicht mehr sehen kann. Aber zum Melken kommen sie wieder ans Haus. Die Milch treibt sie. Das ist um halb fünf im Winter und Schlag sieben im Sommer. Unsre Uhr war stehengeblieben. Es hat doch keine Not. Wir haben gewartet, bis die Kühe nach Hause kamen. So haben wir die Uhr nach den Kühen gestellt. Als ich das nächste Mal nach dem Town kam, hab ich sie mit der Stadtuhr verglichen. Und siehe, sie ging richtig.

Dies Jahr konnten wir bis jetzt nur 36 Kälber verkaufen. Die welchen waren von der Ernte her alt; die haben ihre Milch selber von den Kühen geholt. So sparten wir uns das Melken. Ein paar Mond taten sie das. Dann haben wir sie abgenommen und ihnen etwas Hafer gegeben. Sie haben 590 Dollars gebracht. Bei euch wären sie noch mal so viel wert gewesen. Aber Kälber verkaufen ist der reinlichste Kram. Warum soll man die Butterfabriken auch noch reich machen? Bei mir kam auch mal so ein Rahmherr und Sahnenonkel angefahren. Gleich mit Auto. Dafür war er auch ein Amerikaner. Aber was die Sorte Rahm nennt oder einen Zoll Rahm, daraus machen wir 1¼ Pfund Butter. Er sprach: Ich will dir deinen Rahm abkaufen. Gleich fürs ganze Jahr will ich das tun, wo du hier doch so einsam wohnst. Dann bist du alle Sorgen los. Ich sprach: Das ist eine brave Gesinnung von dir; die mußt du dir einpökeln für schlechte Zeiten. Er sprach: Ich will dich auch gut bezahlen. Ich sprach: Von meinetwegen kannst du Sand buttern; ich gebe dir eine Fuhre umsonst. Da fuhr er hin. Da ist er nicht wiedergekommen. Die Sorte sucht bloß Dumme; aber dann muß er früher aufstehen, und mit einem neuen Auto lassen wir hier uns noch lange nicht die Augen voll Sand streuen.

Mit dem Mist ist das hier so, daß er nicht so geehrt wird als bei euch, wo jeder Forkvoll in acht genommen wird und die Kinder ihn aufsammeln auf der Straße. Der Urwaldboden braucht lange Jahre keinen Meß. Aber zu Anfang ist er zu wählig (übermütig, ungebärdig). Dann trägt er bloß Lagerkorn. Erst mit den Jahren wird er zahm. Dann ist er sehr gut. Dann gibt er Korn, wie es bei euch nicht zu sehen ist. Zuletzt kommt er ganz sachten in die Jahre, wo er Meß braucht. Meinem Nachbarn lag seiner im Wege. Er lag auf dem ganzen Hof rum und hinter der Fenz auch noch. Ich sagte zu ihm: Ich will dir deinen Dung abfahren. Ganz umsonst will ich das tun. Aus Nachbarschaft will ich das tun. So hat er ja gesagt, und ich fuhr ihn ab. Das waren über hundert Fuhren. Das ist meinem Acker gut bekommen. Aber das nächste Jahr gab er nichts mehr auf Nachbarschaft von wegen dem Meß. Da hat er ihn selbst abgefahren. Da war er klug geworden.

Von den Eiern will ich diesen Winter auch noch ein paar Wörter machen. Sie sind hier teurer als bei euch auf dem Dorf. Sie kosten heute das Dutz 1,80 Mark. Das macht, weil sie alle nach New York gehen. Da kommen sie in große Kühlhäuser und liegen da, bis die Eierbarone den richtigen Preis raushaben. Dann drücken sie uns wieder die Preise. Aber wir können die Hühner man nicht drücken, daß sie streiken mit dem Eierlegen. Dann essen wir so viel Eier, daß wir bloß noch Kikeriki sagen können. Dann kommen wir zuletzt in einen Zustand, daß wir den ganzen Himmel für einen Eierdopp ansehen und die Abendsonne für einen Pfannkuchen.

Zwei Jahre zurück, da konnten wir zuletzt keine Eier mehr sehen. Es war ein Elend. Es war wie eine von Pharao seinen zehn Plagen. Zu der Zeit waren auch die kleinen Ferkel so billig. Wir gaben gern eins zu, um das andere los zu werden. Bloß, wir wurden das andere nicht los, und die Muttersauen ferkelten wie unklug. Ganz leidenschaftlich taten sie das. Es quiekte in allen Ecken. Was haben wir da gemacht? – Ich sage zu Wieschen: Wieschen, sage ich, weißt du, was Hannjürn Timmermann mir mal sagte, als auch solche Heimsuchung über old Country gekommen war? – Was hat er gesagt? sagt sie. – Er hat gesagt, seine Großmutter hat auch mal solche Not durchgemacht und ihm gesagt, daß sie die Ferkel an die Hühner verfüttert haben. Und seine Großmutter war eine brave Frau.

Äwer du büst unklaug, Jürnjakob, sagte sie. Heil und deil büst du unklaug. Wo kannst du so'ne olle abergläubische Saken glöwen. Woans sall dat woll angahn, dat de Häuhner de Swien upfreten. Häuhner freten Roggen un Kurn un Brot un Tüffel, das ist Gottes Ordnung; äwer Swien freten, das ist gegen Gottes Ordnung. – Hoho, Wieschen, sagte ich, weißt du nicht mehr, daß da mal sieben magere Kühe sieben fette Kühe aufgefressen haben? Und das steht in der Schrift, und darum ist es nicht gegen Gottes Ordnung. – I, sagte sie, das war auch man bloß im Traum. – Da sah ich sie freundlich an und beredete sie weiter mit schönen Wörtern, bis sie einwilligte in meinen Rat. So haben wir die Ferkel abgestochen und gekocht und richtig an die Hühner verfüttert. So waren wir sie glücklich los.

Aber was geschah? Das geschah, daß die Hühner nun wie verrückt legten. Immer ein Ei hinter dem andern her. Es war ein rechter Jammer und gar nicht mehr auszuhalten. Mir wurde ganz kakelig zumute. Mir sackten die Hände am Leibe dal. Wieschen auch. Sie schalt: Nu hebben wir uns richtig taum Ulenspeigel makt vör de ganze Gegend. Und wenn sie so sagt, dann ist das immer ein Zeichen, daß sie sich ärgern tut. – Noch lange nicht, Wieschen, sage ich: denn siehe, ich habe einen Plan. – Noch einen Plan? Wist du uns noch mehr Unglück int Hus bringen? – Wieschen, sage ich, es ist ein ganz ernstlicher Plan und nicht zu verachten. Nu hör mal zu und paß Achtung. Magst du noch Eier eten? – Ne! – Magst du noch Pannkauken eten? – Swieg mi still von Pannkauken! – Schön, denn sünd wi also wedder mal einig, un Einigkeit macht stark. Nu will ich die wat seggen. De Farkn sünd wi los. De Eier willen wi nun mal uns Kalwer geben, denn sind wie dei ok los. Denn hett alle Not ein Enn', und du sast mal seihn, wo ehr dat bekümmt.

Jürnjakob, du büst nich bi Trost, un wenn du öfter so'ne Infäll kriegst, denn süst du doch mal wat dorgegen dauhn. Irst verfudderst du de Farken an de Häuhner. Nu wist du de Eier de Kalwer geben. Wist du denn nachher de Kalwer nich slachten und de Swien mit Kalwerbraten fett maken, dat sei düchtig farken dauhn? Mi dücht, denn is de Rundreis' dörch de Wirtschaft richtig fardig. Odder willen wi dat nich versäuken un de Ossen mit Häuhnerbraden fett maken? Wat 'ne Wirtschaft, wat 'ne Wirtschaft!

Damit legte si sich in den Schaukelstuhl. Als sie das getan hatte, stand sie wieder auf und lief hinaus. Ich aber kuckte ihr nach und sprach zu mir: Was die Frau da eben von der Rundreise gesagt hat, das ist nicht ganz ohne. Das ist eine richtige Karussellfahrt durch die Viehwirtschaft und durch die ganze Naturgeschichte. Als ich das gedacht hatte, steckte ich so'n Dutzend frische Eier in die Taschen und ging zu den Kälbern. Oha, haben die aber gelickmünnt! Als Wieschen das sah, da war sie nicht mehr zornig. Da holte sie sich gleich eine halbe Schürze voll Eier. Da hat sie mir geholfen. So haben wir die Kälber mit Eiern gefüttert, und sie lachten über das ganze Gesicht, und dem kleinen schwarzen Bullenkalb lachte das Herz im Leibe.

Lieber Freund, ich kann dir mitteilen, sie sind so glatt geworden wie Spickaal, und wenn wieder mal solche Ferkel- und Eierplage über das Land kommt, dann machen wir wieder eine Rundreise durch die Wirtschaft. Es ist aber besser, daß du diese Geschichte nicht im Dorf vorlesen tust. Sonst lacht uns das ganze Dorf aus vom ersten Häusler auf dem Lasen bis zum letzten Büdner am Schnellenberg.

In den ersten Jahren, als wir eine eigene Farm hatten, da waren die Eier billig. Wir waren froh, wenn wir für das Dutz acht Cents kriegten. In den Jahren war es, daß die Geschichte mit dem Regierungshahn geschah. Wir hatten rund rum noch viel Busch (Urwald) und im Busch viel kleines Raubzeug. Da gingen die Hühner über das Feld bis an den Busch. Aber sie kamen nicht alle zurück. Wir hatten noch wenig. Wir zählten sie noch. Ich sagte zu Wieschen: Das geht nicht. Da muß was geschehen. Wieschen sagt: ja, da muß was geschehen; aber was willst du machen? Ich sagte: Paß mal auf. Ich kaufe eine Bell, das meint eine kleine Glocke. Die hänge ich dem großen schwarzen Hahn um den Hals, denn er ist das Haupt. Dann nimmt das Raubzeug Reißaus, und die Hühner wissen gleich, wo ihr Herr ist und daß sie ausritzen müssen, wenn Not am Platze ist.

Sie sagt: Jürnjakob, du bist nicht klug. Was werden die Leute sagen? – Was die Leute sagen, darauf liegt keine Steuer; das ist mir auch gleich. – Aber der schwarze Hahn wird verrückt. – Abwarten, Wieschen! – Sie sagt noch dies und das, aber sie lacht sich dabei, und das ist immer ein gutes Zeichen an ihr.

So kriegte der Schwarze seine Glocke. Erst wurde mir auch bange. Er tobte wahrhaftig wie verrückt umher. Aber wo döller er tobte, wo döller er klingelte. Er hackte nach der Glocke, es half nichts. Er wälzte sich auf dem Rücken und stangelte mit den Beinen in der Luft rum; es half nichts. Es sah doll aus, und ich dachte: Na, wenn er sich man bloß nicht mit Selbstmord ums Leben bringt und ins Wasser geht. – Die Hühner kniffen auch erst aus, wenn er angebimmelt kam. Sie liefen in alle Ecken hinein und über das ganze Feld. Sie schlugen mit den Flügeln und schrien vor Furcht, wenn er mit der Bell am Halse angesaust kam.

Ich sage zu Wieschen: Von Treue und Liebe ist da auch nicht viel zu sehen bei dem Hühnervolk. Es ist man gut, daß es bei den Menschen anders ist. Je ßüh du! sagte sie; häng du dir mal so'ne Glocke um den Hals und lauf dann als Späuk hier rum, dann –. So, da hatte ich auch mein Teil. – Aber Gewohnheit ist das halbe Leben. Zuletzt gab sich das alles, und manchmal sah es schon aus, als trug der Schwarze seine Bell ordentlich mit Stolz über das Feld. Die Hühner gewöhnten sich wieder an, und das Mittel half gegen die Raubtiere.

In der Zeit war es, da kam einmal ein Tag, da fuhr hier eine Deutschrussin durch, die war auf dem Wege zu ihrem Sohn. Die hörte den Hahn läuten und sah ihn auch. Da hielt sie still und betrachtete sich den Hahn lange Zeit mit ihren Augen. Als sie das getan hatte, sprach sie: Was ist das für eine Sache, die ich hier mit meinen Augen sehe und mit meinen Ohren höre? Ich habe sechzig Jahre gelebt und bin von Rußland nach Amerika gekommen, aber so was habe ich noch nicht gesehen. Hat die Regierung das anbefohlen, daß die Hühner hierzulande eine Glocke tragen müssen?

Da hab ich ihr die Sache richtig klargemacht, warum das sei. Sie hörte auch mit ihren Ohren zu. Aber dann schüttelte sie doch den Kopf und sagte: Wo kann das einmal angehen! Das ist hier ein ganz malles Land. Wenn ich meinen Leuten das nach Hause schreibe, daß die Hähne hier eine Glocke tragen und sich noch groß damit tun, dann sagen sie: Die Alte ist ja wohl bei lebendigem Leibe verrückt geworden. Ach Gott, wenn ich doch man bloß in Rußland geblieben wäre! – Aber ich hab ihr gesagt: Das laß dir man nicht leid sein, daß du da ausgerückt bist. Dein Russenkaiser kauft dir doch nicht Hahn noch Huhn, wenn seine Wölfe sie dir weggeputzt haben. Und das mit der Glocke, das laß man gut sein. Wir Menschen mögen gern Musik hören. Warum die Hühner nicht auch? Sie legen da auch besser nach. Du wirst deinem Sohn seinem Hahn auch noch eine Glocke umtüdern (umbinden), und mich wirst du dafür noch loben und danksagen. Nach Rußland brauchst du das ja gar nicht zu schreiben.

Da wurde sie ganz gemütlich und meinte: Ja, es ist hier vieles anders als im Süden von Rußland, und ich habe auch schon umlernen müssen. Am meisten mit meinen Zähnen. Als ich fahren wollte, da kam der Zahndoktor aus Jekaterinosklaw raus und sagte: Wenn du durchkommen willst, dann mußt du noch alle Zähne haben, sonst schicken sie dich zurück. Der Zar von Amerika ist darin sehr strenge. Ich sagte: Ist das indem? Ja, sagte er, das ist indem. Er hat sieben Zahngebote erlassen, und ich sehe an deinem Munde, daß du sie nicht erfüllen kannst. Darum kommst du nicht durch. Ich sprach: Was ist dagegen zu tun? Er antwortete: Der amerikanische Zar hat mir schreiben lassen, er will die Leute hier noch durchlassen, wenn ich ihnen vorher ein künstliches Gebiß einsetze. Aus Gnaden will er das tun. – Ist das wirklich indem? – Ja, das ist wirklich indem. Der amerikanische Konsul in Odessa hat es mir geschrieben. – Aber ich fahre über Bremen. – Das ist gleich; untersucht wirst du erst drüben in New York. – So hat er mir ein volles Gebiß eingesetzt und sich teuer bezahlen lassen. Aber dafür bin ich auch ganz gut durchgekommen und habe schon vieles gesehen. Aber so was doch noch nicht.

Sie kuckte wieder nach dem Schwarzen. Der stand oben auf der Fenz und krähte und bimmelte. Als sie mit der Tasse Kaffee fertig war, die Wieschen ihr gebracht hatte, fuhr sie weiter. Aber unterwegs hat sie sich noch ein paarmal umgekuckt nach dem Regierungshahn und nach uns. –

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