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Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer

Johannes Gillhoff: Jürnjakob Swehn der Amerikafahrer - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
authorJohannes Gillhoff
year1999
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-20119-3
titleJürnjakob Swehn der Amerikafahrer
pages3-184
created20001007
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1917
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Ein langer Monat

In New York zeigten sie mir das Auswanderungshaus. Ich ging ins Arbeitszimmer und schmiß meinen Sack unter die Bank. Es dauerte nicht lange, so kam ein Franzose. Er konnte deutsch. Er kuckte uns alle der Reihe nach an. Als er mit seinen Augen bei mir angekommen war, fragte er, ob ich ein Mond bei ihm arbeiten wollte. – Wieviel zahlst du das Mond? – Zwölf Dollars. – Ja, dann geh ich mit, wenn du am Weg nach Chicago wohnst. Da will ich nachher hin, wenn die andern aus meiner Gegend kommen. – Ja, sagte er, da wohne ich. Aber er wohnte über hundert Meilen Nord, und ich wußte mit den amerikanischen Himmelsrichtungen noch keinen Bescheid. Abends ging es zu Schiff den Nord River hundert Meilen hinauf. Ich fragte: Warum mietest du dir keinen Knecht aus deinem Dorf? – Wir haben hier keine Dörfer; hier wohnt jeder für sich auf seiner Farm. – Also wie die Büdner auf Hornkaten, sage ich. Da hat er sich gelacht. Das hat der Mensch nicht gern, wenn man über ihn lacht; noch dazu, wenn es der neue Dienstherr ist.

Als es Bettgehenszeit war, fragte er: Hast du Geld, daß du ins Schlafzimmer gehen kannst? – Nein. – So ging er allein, und ich stieg mit meinem Sack hinunter zu den Feuerleuten, weil daß es auf dem Wasser kalt wurde. Sie sagten was; ich rührte mich nicht. Sie sagten nochmal was und zeigten nach oben. Ich rührte mich nicht. So ließen sie mich die Nacht durch in der Ecke sitzen, und ich hab auch geschlafen. Das waren freundliche Menschen. Ja well.

Endlich waren wir in Hudson. Da kam ein sehr schöner Wagen. Darin saß ein Herr, der hatte sich sehr hübsch angezogen. Ich nahm meine Mütze ab und sagte: Das ist wohl der Großherzog von Amerika. Nein, sagte mein Franzose, wir haben hier keinen Großherzog. Da setzte ich meine Mütze wieder auf und dachte: Wo kann das Land leben ohne Großherzog? – Dann fuhren wir achtzehn Meilen auf der Eisenbahn. Das kostet 53 Cents. Da kriegte meine erste Million ein großes Loch. Wie aber gewöhnlich ein Ereignis nach dem andern kommt, so auch hier. In der Stadt wartete seine Tochter schon mit Pferd und Wagen. Sie war ein glattes, schieres Mädchen, aber das Pferd war lange nicht gestriegelt und der Wagen schlecht gebaut. Sie fuhren nach Haus, mein Sack fuhr mit, und ich wackelte hinterher. So ein Sack hat es manchmal besser als sein Herr.

Dann bekam ich endlich was zu essen. Ich glaube, der Riese Goliath hat nicht mehr Speck und Brot und Pellkartoffeln und Stipp essen können, als ich tat. Zuletzt wurde ich doch satt, und als ich das Messer weglegte, da dachte ich: Oh, nun sieht Amerika schon anders aus. Mein Franzose sagte: Ich sehe an deinem Beten, daß du kein Katholik bist. – Nein, ich bin lutherisch. – Ja, wir haben den Rahm und ihr die saure Milch. – Ja, sagte ich, und dann kommt die schwarze Katze und frißt den Rahm. Da machte er große Augen.

Es war ein Tag, da fragte er: Was hast du für Bücher in deinem Sack? Oh, sagte ich, einen ganzen Posten: Bibel, Gesangbuch, Katechismus und Starks Gebetbuch. Damit kommt man schon ein ganz Ende durch die Welt. Im Starkenbuch hat er öfter gelesen, und wenn er es zuklappte, sagte er: Das ist ein gutes Buch.

Am andern Tag sollte ich melken und konnte nicht, weil das bei uns Dirnsarbeit ist. Die Kuh merkte auch bald, daß ich nichts davon verstand. Sie sah mich mit Verachtung an und schlug mir den Schwanz um die Ohren. Als das geschehen war, schlug sie hinten auch noch aus, und ich und mein Eimer, wir flogen in den Dreck. So melkte er die Kuh. Das ging ihm läufig von der Hand. – Dann sollte ich die beiden Ochsen aufjochen und pflügen. Ich ging auf die Weide, sie zu holen. Als die Ochsen mich sahen, nahmen sie Kopf und Schwanz hoch und kniffen aus. Ich lief hinterher; da nahmen sie noch mehr Reißaus. Ich dachte: Amerika ist heil und deil verrückt. Hier haben die Ochsen es auch schon mit den Nerven zu tun. Nun jochte er sie auf. Kriegen die Ochsen keine Leine? fragte ich. Nein, sagte er, die werden mit Wörtern und Peitsche regiert. Ich dachte: Diese Welt steht auch nicht mehr lange. Und das will die neue Welt sein? Wenn Kolumbus sich man nicht geirrt hat. – Die Ochsen zogen den Pflug an einer Kette. Das kannte ich. Er pflügte das erstemal rum. Ich tüffelte nebenher. Er sagte mir die Wörter, die ich zu den Ochsen sprechen sollte. Denn siehe, seine Ochsen verstanden kein Deutsch. So was von Wörtern hab ich in meinem Leben nicht gehört.

Dann fuhr er mit seiner Tochter nach der Stadt, und nun hatte ich das Reich und mußte pflügen. Das ging ziemlich mittelmäßig, denn das Land war voll Stubben. Das zweitemal rum hatte ich alle Wörter vergessen und sprach plattdeutsch mit den Ochsen. Aber als ich Hüh! sagte, da standen sie still und spitzten die Ohren, und als ich Hott! sagte, standen sie noch stiller. Als ich aber Kemm! und Tudi! sagte, da nahmen sie Reißaus. Ich hielt die Pflug. Sie liefen kreuz und quer nach allen Richtungen; ich hielt die Pflug. Sie liefen immer döller; ich hielt die Pflug. Sie liefen in den Busch; ich hielt die Pflug. Als wir im Busch steckten, sah ich mich nach allen vier Winden um und sprach: O du mein liebes Vaterland, wo geht das deinen Kindern hier! Und das soll Amerika sein? Das ist den Deubel Amerika! Das ist noch schlimmer als bei den Türken oder in Konstantinopel. – Als ich das gesagt hatte, prügelte ich sie wieder raus aus dem Busch. Aber gründlich. Als das besorgt war, ging es besser. Aber das Stück Land sah bös aus, und es war man gut, daß da keiner aus unserm Dorf grade vorbeikam. Sonst hätte kein Bauer mich mehr als Knecht genommen und Hannjürn Timmermann erst recht nicht.

Auf einen andern Tag mußte ich Holz hauen, hartes natürlich. Mein Franzose sagte: Ein Amerikaner haut zwei Faden den Tag und setzt es auch auf. Wenn du einen Faden machst, bin ich zufrieden. Aber es ist mir sauer geworden. – Er hatte auch Buchweizen; der wurde mit Haken gemäht. Ich hatte schon von Haken gehört, aber noch keinen gesehen, noch weniger damit gemäht. Mit der Sense wollte ich schon fertig werden; da sollte mir keiner über sein. So ging es los. Ich mit der Sense voran. Die beiden baumlangen Amerikaner hauten zweimal zu, da waren sie mir auf den Hacken. Sie standen und lachten. Ich mähte und schwitzte. Ich mähte aus Leibeskräften. Sie hauten wieder zweimal zu. Da war ich gefangen. Da mähten sie im Bogen um mich rum. Ich haperte hinterher. Dies Land mag der Kuckuck holen! dachte ich und besah die Quesen (Schwielen) an meinen Händen. Man bloß, es gibt hier keinen Kuckuck. Aber die Sensen hier im Land haben auch schuld. Sie sind gegossen und lassen sich nicht mit dem Hammer haaren (schärfen). Dann brechen sie aus. So werden sie auf dem Schleifstein geschliffen. Sie kosten bloß drei Mark deutsches Geld, sind aber auch danach. Eine gut geschmiedete Sense aus Deutschland kostet hier sieben bis acht Mark und ist schwer zu haben.

Das war ein langer Mond in meinem Leben, aber zuletzt hatte ich ihn doch bei seinem kurzen Ende. Man bloß, daß ich wieder loslassen mußte. Mein Franzose wollte mich nach der Stadt fahren und meinen Sack auch, denn es waren fünfzehn Meilen englische Maß. Aber ich sollte noch eine Woche bleiben und seinen Buchweizen dreschen helfen. Er tät mich auch dafür bezahlen. Ich wollte nicht recht. Er machte noch ein Angebot: Fleisch satt! Das war mir neu in meinem Leben. In der Sprache hatte noch kein Mensch zu mir gesprochen. Das gefiel mir. Ich blieb, ich drosch, ich aß. Als die Woche zu Ende war, gab er mir für die ganze Zeit sieben Dollars und sagte: Das ist genug für einen Grünen, und nach der Stadt fahren tät er mich auch nicht. Aber seine Tochter hatte ein barmherziges Herz; darum gab sie mir einen ordentlichen Knacken Brot mit und durchgewachsenen Speck.

Damit machte ich mich auf die Socken und wickelte den Weg wieder ab. Der Speck war mir sehr angenehm auf meinem Wege. Als er alle war, ging ich auf eine Farm. Die gehörte einem Mann aus Schwaben. Da hab ich vier Tage gedroschen, 1¼ Dollars den Tag. Aber ein Engländer, mit dem ich zusammen schlief, hat mir in der letzten Nacht die fünf Dollars gestohlen. Am Abend vor dem Einschlafen und Stehlen hat er noch ganz christlich gebetet. Da hatte ich wieder nichts. Ich suchte eine andere Farm. Willst du dreschen? – Ich blieb und verdiente sechs Dollars. Ich zog weiter. Nachher bin ich auf dem Wege noch zweimal bestohlen worden und einmal betrogen. Das war, als wenn alle Spitzbuben von Amerika sich da niedergelassen hatten und auf mich warteten. Das war beinah als in der Gegend zwischen Jerusalem und Jerichow. Das kannte ich von zu Hause nicht. Aber da gab es auch keine Räuber, Spitzbuben und Betrüger.

So zog ich weiter und kam an einen Berg. Der war ähnlich getrachtet wie der Püttberg in unserm Dorf. Oben auch mit einem Wasserloch. Bloß daß er höher war. Oben auf dem Berge stand ich still. Da besah ich mich inwendig und auswendig, von unten bis oben. Und siehe, da stand ich vor mir und hatte nichts als einen Rock, einen Stock und meinen Gott. Mir gehörte nichts als die Knochen in meinem Fell und der Sack auf meinen Schultern. Da machte ich einen Strich unter das erste Mond. Da dachte ich nach über mich. Als ich das getan hatte, sprach ich zu mir:

Jürnjakob Swehn, du bist dumm gewesen, darum hat es dich begriesmult (angeführt). Zwölf Dollars hat er dir versprochen, sieben gegeben. Nach der Stadt gefahren hat er dich auch nicht. Das Geld hast du dir auch stehlen lassen. Du schiltst auf die Menschen, daß sie so schlecht sind, aber warum läßt du dich bestehlen? Jürnjakob, du bist dumm gewesen. Du mußt mehr Vorsicht lernen. Du mußt Achtung geben in diesem Lande. Sonst kriegst du von den beiden Kuhherden keinen Kälberschwanz zu sehen, den du in deinen Stall ziehen kannst. Du mußt auch ganz anders arbeiten lernen, Jürnjakob. Auf mecklenburgisch geht das zu ebendrächtig, das hast du beim Buchweizenmähen gesehen. Mit dem Pflügen und Holzhauen, das ging man auch so so. Die Knochen hast du, aber die haben die Ochsen auch. Du mußt umlernen in diesem Lande, Jürnjakob. Du mußt all deinen Grips brauchen, sonst wird mein Lebtag nichts aus dir. Sonst bist du übers Jahr wieder in deinem Dorf, aber als der Peter in der Fremde, und die Kinder zeigen mit dem Finger auf dich: Kiek mal, dat is Jürnjakob Swehn. Jürnjakob wer tau dumm för Amerika. Dorüm hebben sei em wedder trüggeschickt.

Als ich das gesprochen hatte, sah ich mich nach allen vier Winden um. Aber das war nicht ich; das war noch der alte Jürnjakob, der das tat. Der dachte an seinen Großvater. Der kam in seinem Leben auch mal an eine Ecke und wußte nicht, wohin. Da warf er seinen Hut in die Luft und sprach: Wohin der Wind ihn weht, dahin gehst du. Das war zum Anhören eine lustige Geschichte. Aber für Amerika paßte sie nicht. Da darf man sich nicht nach dem Wind richten und nach Großvater Swehn seinem alten Hut. Darum schwengte ich mir den Speck wieder auf die Schulter, nahm Vaters Eichenstock in die Hand und stieg den Berg hinab. Und von dem Tage an wurde ich nicht mehr betrogen und bestohlen. So ging ich den graden Weg nach New York und sah mich nicht mehr um. Ich sah bloß noch vorwärts.

So ein Berg ist manchmal eine ganz gute Einrichtung im Leben, wenn's man auch ein kleiner ist. Man kann sich da oben besser besinnen. Es haben schon viele Menschen auf Bergen gestanden. Ich kenne einen, der stieg auch gern auf einen Berg, wenn er allein sein und sich mit Gott bereden wollte. Den haben wir bei dir in der Schule kennengelernt. Man kann sich da oben auch besser mit sich selbst bereden. Seinen Sack oder was man sonst mit sich rumträgt, kann man da auch leichter ablegen. Man kann da auch besser um sich sehen. Ich sah zurück auf meinen ersten Mond im neuen Lande. Aber ich sah auch vorwärts und lernte, wie ich mein Leben machen mußte, um voran zu kommen. Als das geschehen war, stieg ich wieder hinab und kam zu Menschen. Denn die Berge sind nicht dazu da, daß man da oben stehenbleibt. –

Als ich in New York ankam, hatte ich noch einen Dollar. Aber die andern aus unserm Dorf waren da eben auch angekommen, und ich sah sie alle mit Namen: Schröder, Schuldt, Timmermann, Düde, Saß, Wiedow, Völß und Brüning. Dann fuhren wir alle nach Iowa; dazu borgte Schröder mir das Geld. Dort habe ich mich auf ein Jahr vermietet für 210 Dollars. Da geriet es mir gut. Schröders Tochter Wieschen diente ja auch auf der Farm. So blieb ich da und ging noch für ein Jahr auf die Nachbarfarm. Als das Jahr um war und noch ein halbes dazu, da zählte ich mein Geld. Es waren rund 350 Dollars. Ich ging zu Wieschen. Es war Sonntag nachmittag. Sie saß mit dem Knüttstrumpf vor der Tür. Ich setzte mich auch auf die Bank. Wir sprachen vom Wetter und von der Wirtschaft. Als das besorgt war, fragte ich: Wieschen, wieviel Geld hast du zusammen? Sie holte ihren Beutel. Sie hatte gut 200 Dollars. Ich legte meine 350 daneben und sagte: Ich weiß da eine kleine Farm in der Nähe von Springfield. Es sind nur zwei Kühe und zwölf Schweine da; aber für den Anfang ist das genug. Ich will sie rennen, das meint: pachten, wenn du mit mir gehen willst. Sie folgte ihre Hände und kuckte einen Augenblick vor sich hin. Dann strich sie über die Schürze. Als sie das getan hatte, sagte sie Ja und gab mir die Hand. Siehe, so sind wir Brautleute geworden, und von dem Tage an war ich glücklich.

Aber wenn man ins Land kommt, ist einer so grun wie der andere. Was glaubst du wohl, wie klug einer ist, wenn er rüberkommt? So dumm as en Daglöhnerfarken, einer wie der andre. Wenn Dummheit weh täte, dann wär am Hafen von New York vom Morgen bis an den Abend nichts zu hören als Heulen und Wehklagen. Aber das verlernt sich bald. Einer wird hier auch ganz anders rumgestoßen als drüben, und wenn man erst ein paarmal ordentlich angeeckt ist mit seinem dicken Kopf, dann lernt man bald Vorsicht und fest auf den Beinen stehen und fest zufassen. Wer das nicht kann, der soll das Reisegeld sparen; der soll Deutschland nicht mit dem Rücken ansehen. Denn dort ist der liebe Gott noch dem Dummen sein Vormund. Dor is de Minsch noch den leiwen Gott sin Dummerjahn. Hier gilt das nicht so recht. Hier sitzt den meisten ihr lieber Gott im Geldkasten. Ich könnte drollige Geschichten erzählen von manchen, die rübergekommen sind. Aber ich will keinen rügen, und bei den meisten würde es bloß mein eigenes Bild geben.

Nun ist mir der Blackpott runtergefallen, und bei den letzten Wörtern mußte ich vom Fußboden stippen. Nun ist Berti dabei und füllt die Dinte wieder ein. Mit dem Teelöffel tut sie das. Dabei sagt sie: Das kommt davon, wenn man so'n Mann als Vater im Haus hat. – Ja, so sind die Gören hierzulande.

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