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Gutenberg > Hermann Löns >

Junglaub

Hermann Löns: Junglaub - Kapitel 4
Quellenangabe
typepoem
authorHermann Löns
titleJunglaub
publisherFriedrich Gersbach/Verlag
editorFriedrich Castelle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160523
projectidfc22fd5b
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Auf dem Greifswalder Bodden

Braune Kormorane flogen
Mächtigklafternd übers Meer,
Grau' und weiße Möwen zogen
Kreischend um den Dampfer her,
Heringsbänke, silberblank
Unter grünen Wellen,
Auf dem Decke lauter Sang
Narbiger Gesellen.

Sie stand am Backbord: farblos, ohne Blut
Das Antlitz war; ihr Auge, blauumrändert,
Das blickte ruhig, kalt und unverändert
Hinunter auf der Ostsee graue Flut;
Ein blaues Kleid umschloß den schlanken Leib,
Am schwarzen Hut der Federschmuck vom Reiher,
Und lustig flatterte der weiße Schleier,
Dem Ostwind ein willkommener Zeitvertreib.

Rügens Kreidemauern ragten
Aus dem Meere marmorhell,
Weißbemützte Wogen jagten
Über Feuersteingeröll,
Ostwind, Sonne, Fischgeruch,
Fernsicht, goldbeschienen,
Scherze, derber Seemannsfluch,
Ausgelass'ne Mienen.

Sie seufzte, langsam hob sich ihre Brust,
Das weiße Händchen stützte müd die Schläfe,
So jung, und schon des Lebens letzter Hefe
Fadbittrer Nachgeschmack nach wenig Lust.
Zu der Kajüte ging ihr müder Schritt,
Die Arme hingen schlaff am Rock hernieder,
Kontrast; »So leben wir –« und andre Lieder,
Sie ging, und meine Augen nahm sie mit.

Gellend in den blauen Lüften
Scholl des Adlers Hungerschrei,
An den weißen Kreideklüften
Schoß der Dampfer stolz vorbei,
Glatte Robben flohen schnell
Nach dem sichern Strande,
Kurze Wellen glühten hell
Auf im Sonnenbrande.

Sie trat aus der Kajüte, leichenblaß,
Das blaue Auge schwarz vom Tod umschattet,
Die Lippen fahl, vom Todeskuß ermattet,
Und von der Stirne lief das kalte Naß;
Sie sah sich hilflos, hilfeflehend um:
»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen sagen –«
Kein Mensch wird ihren Willen mehr erfragen,
Sie wankte, fiel und ward für immer stumm.

Langsam sank des Nebels Laken
Über Meer und Buchengrün,
An des Leuchtschiffs Eisenhaken
Schwachen Feuerscheines Glühn,
Rasch die Sonne ward entthront,
Glut und Glanz zerflogen,
Und der totenbleiche Mond
Küßte schwarze Wogen.

Sie lag auf dem Verdecke, starr und kalt,
Ein Mediziner kniete bei ihr nieder
Und prüfte ernst den Herzschlag unterm Mieder,
Ein Fragenstrudel hielt ihn scheu umballt:
»Woher, wohin? Kein Mensch hat sie gekannt?« –
»Durch eigne Hand, Blausäure, keine Rettung!« –
Mit Mut zerriß sie des Geschicks Verkettung,
Und Greifswalds Friedhof ward ihr Rettungsstrand.

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