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Gutenberg > Hermann Löns >

Junglaub

Hermann Löns: Junglaub - Kapitel 24
Quellenangabe
typepoem
authorHermann Löns
titleJunglaub
publisherFriedrich Gersbach/Verlag
editorFriedrich Castelle
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160523
projectidfc22fd5b
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Im Kohlenrevier

Grauschwarz war der dürren Gebüsche Laub
Und schwarz war der Himmel bezogen,
Ein schwarzer, wildwirbelnder Kohlenstaub
Kam über die Straße geflogen.

Die Sonne ging aus und es nahte die Nacht,
Es glühte mit flackerndem Brande
Der Hochöfenfeuer unheimliche Pracht
Irrlichternd am Himmelsrande.

Ich ging an den schwarzen Fabriken einher,
Dampfschnauben erklang durch die Fenster,
Aus den Schornsteinen wälzten sich wuchtig und schwer
Des Rauches verworrne Gespenster.

Es flog auf das Herz mir der häßliche Staub,
Es welkten die Hoffnungsgrünblätter,
Die Ideale – der Altklugheit Raub,
Zertrümmerte Griechenlands Götter.

Ich genoß den berauschend brennenden Trank,
Den fressenden Weltschmerzfusel,
Ich trank mich müde und schwelgte mich krank
Im lebenzersetzenden Dusel.

Am Bahnhof, im wimmelnden Menschengewühl,
Im Donnern und Blitzen und Pfeifen,
Da fühlt' ich ein schluchzendes Stöhnen kühl
An die trauernde Seele mir greifen.

An die Mauer gelehnt ein Mädchen dort stand
Im schwarzen, schlechtsitzenden Kleide,
Das nasse Gesicht in der mageren Hand:
»Was tat man dir, Mädchen, zu Leide?«

Und schüchtern, wie Ostwind den Rohrwald durchzieht,
So erzählte sie mir ganz leise
Ein uralt schön Verzweiflungslied
In modern komponierter Weise:

»Unsern Vater, den schleppten sie neulich nach Haus,
Vom Schwungrad in Stücke gerissen,
Da ging unsrer Mutter die Lebenskraft aus –
Das hat sie aufs Bett hingeschmissen.

Und mein Bruder, der Fritz, wie ein wildes Tier« –
Ihre Lippen zuckend sich schlossen,
»Den haben sie uns vorgestern hier
Bei der Zeche ›Zum Frieden‹ erschossen.

Vier kleine Geschwister, die hungern zu Haus,
Und ich hab' kein Geld für die Reise ...
Ihr Kopf sank herab, das Epos war aus,
Sie weinte bitter und leise.

Ich gab ihr das Geld in die schwielige Hand,
Nie werd' ich ihr Lächeln vergessen,
Sie hielt meine Finger festklammernd umspannt
Mit ungläubig dankbarem Pressen.

Fort dampfte der keuchende, jappende Zug
Mit Donnern und Blitzen und Rasen,
Der Weltschmerzgedanken verschrobener Flug
Zerstob, wie vom Sturme zerblasen.

Ich sah den verglimmenden Glutaugen nach,
Belächelnd mein eigenes Herzlein –
Was war gegen Schmerzen von solchem Schlag
Mein rührend Poetenschmerzlein?

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