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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Dieser Häuptling war ein gewisser Maxence Gilet, kürzer Max genannt, den seine früheren Lebensumstände ebenso sehr wie seine Kraft und Jugend zur Führerrolle bestimmten. Maxence Gilet galt in Issoudun als der natürliche Sohn des Subdelegierten Lousteau, dessen galantes Leben viele Spuren hinterlassen hatte, der ein Bruder der Frau Hochon war und der sich, wie schon berichtet, den Haß des alten Doktors Rouget gelegentlich der Geburt Agathes zugezogen hatte. Vor ihrem Bruch war die Freundschaft dieser beiden Männer sehr vertraut gewesen, sie gingen gern dasselbe Sträßchen, wie man damals dortzulande zu sagen pflegte. So wurde auch behauptet, Max könne ebensogut des Doktors Sohn wie der des Subdelegierten sein; er war aber weder das eine noch das andere: sein Vater war ein scharmanter Dragoneroffizier der Garnison Bourges. Nichtsdestoweniger machten sich infolge ihrer Feindschaft der Doktor und der Subdelegierte diese Vaterschaft fortwährend streitig, und das war für das Kind ein Glück. Seine Mutter, die Frau eines armen Schusters im Römischen Viertel, war zum Schaden ihrer Seele von ungewöhnlicher Schönheit, einer Schönheit, wie man sie unter den Römerinnen von Trastevere findet und die das einzige war, was sie ihrem Sohne hinterließ. Als Frau Gilet im Jahre 1788 mit Max schwanger ging, erfüllte sich ihr ein lange gehegter Wunsch. Sie hatte sich gesehnt nach dieser Segnung des Himmels, die die bösen Zungen der Galanterie der beiden Freunde zuschrieben, vermutlich, um sie gegeneinander aufzureizen. Gilet, der Ehemann, ein wüster Säufer, begünstigte die Unregelmäßigkeiten seiner Frau mit jener verständnisvollen Nachsicht, die man in den unteren Schichten öfters antrifft. Frau Gilet hütete sich, die Scheinväter aufzuklären: sie hatte ihrem Sohn für später Beschützer zu verschaffen. In Paris wäre sie auf diese Art Millionärin geworden; in Issoudun war sie abwechselnd wohlhabend und im Elend, und auf die Dauer wurde sie verachtet. Damit Max die Schule besuchen konnte, gab Frau Hochon, Herrn Lousteaus Schwester, ein Dutzend Taler im Jahre her. Diese Freigebigkeit, die sich Frau Hochon bei dem bekannten Geize ihres Gatten eigentlich nicht leisten konnte, wurde natürlich ihrem Bruder, der damals in Sancerre lebte, zugeschrieben. Dem Doktor Rouget, der als Junggeselle nicht glücklich lebte, fiel die Schönheit des jungen Max auf, und er bezahlte für den »kleinen Schelm«, wie er ihn nannte, bis zum Jahre 1805 die Pension im Internat. Der Subdelegierte Lousteau starb im Jahre 1800; der Arzt bezahlte weitere fünf Jahre Maxences Pension; damit schien er aber nur seiner eigenen Eitelkeit zu frönen; und so blieb die Frage nach der Vaterschaft immer ungelöst. Erst war Maxence Gilet der Anlaß zu tausend Witzen, dann wurde er schnell vergessen und verschwand von der Bildfläche . . . Kaum ein Jahr nach dem Tode des Doktors Rouget hatte sich der Knabe, der für ein abenteuerliches Leben geschaffen war und ungewöhnliche Kraft und Gewandtheit zeigte, eine Menge mehr oder weniger gewagter Vergehen zuschulden kommen lassen. Im Einverständnis mit den Enkeln des Herrn Hochon brachte er die Krämer der Stadt in Wut und erntete die Früchte vor den Gärtnern, wobei es ihm nichts ausmachte, hohe Mauern zu erklettern. Der Teufelsbursche hatte in kühnen Leibesübungen nicht seinesgleichen, war ein vollendeter Turner, er hätte Hasen im Laufe erwischen können. Scharfäugig wie Lederstrumpf, liebte er schon damals leidenschaftlich die Jagd. Statt zu lernen, verbrachte er seine Zeit mit Scheibenschießen. Für das Geld, das er dem alten Doktor Rouget abschmeichelte, kaufte er sich zu einer schlechten Pistole, die ihm sein Pflegevater, der Schuster, geschenkt hatte, Pulver und Kugeln. Und dann beging er im Herbst des Jahres 1806 mit siebzehn Jahren einen allerdings unbeabsichtigten Mord: er erschreckte eine junge schwangere Frau, in deren Garten er bei Einbruch der Nacht Obst stehlen wollte, zu Tode. Sein Vater, der Schuster, benutzte die Gelegenheit, um ihn loszuwerden, und drohte ihm mit der Guillotine. Max floh ohne Aufenthalt bis Bourges, stieß dort zu einem Regiment, das nach Spanien unterwegs war, und wurde Soldat. Sein fahrlässiger Mord blieb ohne Folgen.

Wie es bei seinem Charakter vorauszusehen war, zeichnete sich Max im Kriege aus. Nach drei Feldzügen wurde er Hauptmann. 1809 ließ man ihn in Portugal in einer englischen Batterie, in die seine Kompagnie eingedrungen war, ohne sich halten zu können, für tot liegen. Max wurde von den Engländern gefangen genommen und auf die spanischen Gefangenenschiffe von Cabrera, die grauenvollsten von allen, geschickt. Wohl erbat man für ihn das Kreuz der Ehrenlegion und den Rang eines Bataillonskommandanten; aber der Kaiser war zur Zeit in Österreich, er behielt seine Auszeichnungen den Heldentaten vor, die unter seinen Augen geschahen; Leute, die sich gefangennehmen ließen, liebte er nicht, und obendrein war er mit dem ganzen portugiesischen Feldzug unzufrieden. Von 1810 bis 1814 blieb Max auf den Pontons. Diese vier Jahre demoralisierten ihn vollkommen. Denn die Gefangenenschiffe waren genau wie die Galeeren, wenn ihnen auch nicht die Schmach des Verbrechens anhaftete. Zuerst wollte der schöne junge Hauptmann seinen freien Willen gegen die Verderbnis auf diesen jeder Zivilisation unwürdigen Gefängnissen wahren. Im Duell (einem Duell, das auf einem Raum von sechs Quadratfuß ausgefochten wurde) tötete er zur großen Freude der Schiffsgenossen sieben Raufbolde, die die andern gequält hatten. Und dank seiner erstaunlichen Gewandtheit in der Handhabung der Waffen, seiner Körperkraft und Geschicklichkeit war Max der König seines Schiffes. Aber nun geriet er selbst in Willkürtaten; es fanden sich Augendiener, die sich um ihn bemühten und seine Höflinge wurden. In der Schmerzensschule, welche die verbitternden Herzen nur noch Rache träumen läßt und in den Hirnen, die einander zu nahe sind, Sophismen ausheckt, welche die bösen Anschläge rechtfertigen, entartete Max ganz und gar. Er lieh denen sein Ohr, die von dem Glück um jeden Preis träumen und vor keinem Verbrechen zurückschrecken, wenn es nur unbewiesen bleibt. Dann kam der Frieden, und Max ging, noch unschuldig und schon verdorben, in die Freiheit, und nun hing es von seinen Schicksalsumständen ab, ob er ein großer Politiker im öffentlichen Leben oder ein Privathalunke würde. Nach Issoudun zurückkehrend, erfuhr er das jammervolle Ende seiner Eltern. Wie so manche, die nur ihren Leidenschaften frönen und rasch und lustig leben, waren die Gilets im bittersten Elend im Hospital gestorben. Fast zu gleicher Zeit verbreitete sich in ganz Frankreich die Kunde von Napoleons Landung in Cannes. Da hatte Max nichts Eiligeres zu tun, als nach Paris zu reisen, sein Bataillonsführerpatent und sein Kreuz zu verlangen. Der Marschall, der damals Kriegsminister war, erinnerte sich der rühmlichen Führung des Hauptmanns Gilet in Portugal; er stellte ihn in die Garde als Hauptmann ein und verschaffte ihm dadurch in der Linie den Rang eines Bataillonsführers; aber das Kreuz konnte er nicht für ihn bekommen. – »Der Kaiser hat gesagt, Sie würden es sich schon verdienen in der ersten Schlacht«, meinte er. In der Tat ließ der Kaiser am Abend des Gefechtes bei Fleurus, in dem Gilet sich auszeichnete, den tapferen Hauptmann für die Ehrenlegion vormerken. Nach der Schlacht bei Waterloo zog sich Max an die Loire zurück. Bei der Entlassung bestätigte der Marschall Feltre ihm weder seinen Rang noch sein Kreuz. So kam denn der Napoleonskrieger in einem begreiflichen Zustand von Verbitterung nach Issoudun zurück; dienen wollte er nur mit dem Kreuz und in seinem Rang als Bataillonsführer. Auf den Büros fand man diese Bedingungen von seiten eines unbekannten fünfundzwanzigjährigen jungen Menschen, der auf diese Weise mit dreißig Jahren hätte Oberst werden können, übertrieben. Daraufhin nahm Max seinen Abschied. So verlor der Major (so nannte er sich nach Art der napoleonischen Offiziere, die unter sich ihre im Jahre 1815 erlangten Grade weiter behaupteten, noch immer) nun auch noch die magere Besoldung der Offiziere der Loirearmee, das sogenannte Wartegeld.

Die Erscheinung des schönen jungen Mannes, dessen ganzer Besitz in zwanzig »Napoleons« bestand, stimmte die Issouduner zu seinen Gunsten, und der Bürgermeister gab ihm einen Posten mit sechshundert Franken Gehalt im Rathaus. Diesen Posten gab Max nach sechs Monaten selbst wieder auf; sein Nachfolger war ein Hauptmann namens Carpentier, der wie er Napoleon treu geblieben war. Gilet war inzwischen Großmeister des Ordens vom Müßiggang geworden, und sein Lebenswandel verscherzte ihm die Achtung der ersten Familien der Stadt; aber das ließ man ihn nicht merken. Denn sein heftiges Wesen war allgemein gefürchtet, selbst von den Offizieren des ehemaligen kaiserlichen Heeres, die wie er den Dienst im neuen Heer verschmäht hatten und in das Land Berry zurückgekehrt waren, um ihren Kohl zu bauen. Nach dem Bilde, das hier von Issoudun entworfen wurde, hat die Abneigung seiner Bewohner gegen die Bourbonen nichts Überraschendes. Und es gab in dieser Stadt im Verhältnis zu ihrer geringen Bedeutung mehr Bonapartisten als irgendwo sonst. Die Bonapartisten wurden bekanntlich fast alle liberal. In Issoudun und der Umgegend zählte man ungefähr ein Dutzend Offiziere in gleicher Lage wie Maxence; die wählten ihn zum Führer, so sehr gefiel er ihnen. Ausnahmen bildeten nur Carpentier, sein Nachfolger auf dem Bürgermeisteramt, und ein gewisser Herr Mignonnet, ehemaliger Gardeartilleriehauptmann. Carpentier hatte als Kavallerieoffizier gute Karriere gemacht, er verheiratete sich bald und kam so in eine der angesehensten Familien der Stadt, die Borniche-Hérau. Mignonnet war Schüler des Polytechnikums gewesen und hatte bei einer Truppe gedient, die sich den andern überlegen fühlte. Es gab in den kaiserlichen Armeen zwei Abarten Militärs. Ein großer Teil hegte gegen den Bourgeois, den »Zivilisten«, die Verachtung des Adligen gegen den Bürgerlichen, des Eroberers gegen den Unterworfenen. Diese Offiziere beobachteten in ihren Beziehungen zum Zivil nicht immer die Gesetze der Ehre; bei ihnen wurde es keinem nachgetragen, wenn er mit den Bürgern kurzen Prozeß machte. Die andern, und vor allen die Artilleristen, ließen vermutlich infolge ihrer republikanischen Anschauungen diesen Standpunkt nicht gelten, der ja darauf hinauslief, zwei verschiedene Frankreich zu schaffen, ein militärisches und ein zivilistisches. Wenn also der Major Potel und der Hauptmann Renard, zwei Offiziere aus dem römischen Viertel, ihre Meinung über die Zivilisten nicht änderten und »trotz allem« zu Maxence Gilet hielten, so schlugen sich Major Mignonnet und Hauptmann Carpentier zur Bürgerschaft und fanden Maxences Lebenswandel eines Mannes von Ehre unwürdig. Major Mignonnet war ein kleiner dürrer Mann voll Würde; er befaßte sich mit den Problemen der Dampfmaschine und lebte bescheiden. Seine Gesellschaft waren Herr und Frau Carpentier. Seine ruhige Lebensweise und seine wissenschaftlichen Interessen verschafften ihm allgemeine Achtung. Man sagte von den Herren Mignonnet und Carpentier, sie seien von ganz anderm Schlag als Major Potel und Hauptmann Renard, Maxence und die andern Stammgäste des Cafés »Zur Armee«, welche die soldatischen Sitten und Verirrungen des Kaiserreichs bewahrten. Zur Zeit, als Frau Bridau nach Issoudun zurückkehrte, war Max bereits von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen. Er war übrigens selbst taktvoll genug, keinen Zutritt zu der Gesellschaft, dem sogenannten »Cercle«, zu suchen und beklagte sich nie darüber, daß man ihn in Verruf getan hatte, obwohl er der jüngste, eleganteste, am besten angezogene Mann von ganz Issoudun war, reichlich Geld ausgab und sich sogar ausnahmsweise ein Pferd hielt, das in Issoudun ungefähr so auffallend war wie Lord Byrons Pferd in Venedig. Er verstand es, bei all seiner Armut den Dandy von Issoudun zu spielen; die schimpflichen Mittel und Wege, die ihm das ermöglichten und ihm die Verachtung der behutsamen und frommen Leute eintrugen, hängen, wie man sehen wird, eng zusammen mit den Interessen, die Agathe und Joseph Bridau nach Issoudun führten. Die Keckheit seiner Haltung und seiner Mienen zeigten, daß Max sich recht wenig um die öffentliche Meinung kümmerte; er mochte wohl damit rechnen, eines Tages Vergeltung zu üben und über die zu herrschen, die ihn jetzt verachteten. Auch hatte er ein Gegengewicht gegen die schlechte Meinung der Bürgerschaft in der Bewunderung, die das Volk seinem Charakter zollte; der Masse gefiel sein Mut, seine Erscheinung, sein entschiedenes Auftreten, und von seiner Verderbtheit, die ja auch die Bürger nicht in ihrem ganzen Umfang mutmaßten, wußte sie nichts. Max spielte in Issoudun ungefähr die Rolle des Schmiedes in dem »Hübschen Mädchen von Perth«, er war der Kämpe des Bonapartismus und der Opposition. Wenn es darauf ankam, zählte man auf ihn wie die Bürger von Perth auf Smith zählten. Ein besonderer Anlaß brachte den Helden und das Opfer der Hundert Tage zur Geltung. Im Jahre 1819 kam auf seinem Wege nach der Garnison Bourges ein Bataillon durch Issoudun, das von royalistischen Offizieren, jungen Leuten, die frisch aus dem »Roten Hause« der Garde kamen, befehligt wurde. Die Offiziere wußten nicht, was sie in einer so konstitutionellen Stadt wie Issoudun anfangen sollten und gingen, um die Zeit zu verbringen, ins Café ›Zur Armee‹. Solch ein Café gibt es in jeder Provinzstadt. Das von Issoudun, am Paradeplatz vor einer Wallecke gelegen und von einer Offizierswitwe geführt, war der gegebene Klub für die Bonapartisten der Stadt, die pensionierten Offiziere und alle, die Maxences Anschauungen teilten und denen der Geist der Stadt erlaubte, ihren Napoleonkult öffentlich zu bekennen. Sie feierten seit 1816 alle Jahre mit einem Festmahl den Jahrestag der Kaiserkrönung.

Die drei ersten Royalisten, die eintraten, verlangten Zeitungen, unter andern die »Quotidienne« und den »Drapeau blanc«. Nun vertrugen sich aber die in Issoudun und besonders im Café »Zur Armee« herrschenden Anschauungen nicht mit der Lektüre royalistischer Blätter. Im Café gab es nur den »Commerce«. Diesen Namen hatte der »Constitutionel«, den ein Dekret verbot, für einige Jahre angenommen, um weiterzubestehen. Man nannte ihn auch fernerhin »Constitutionel«, begann doch, als er zum erstenmal als »Commerce« erschien, der Leitartikel mit den Worten: »Der Commerce (Handel) ist recht eigentlich konstitutionell.« Alle Abonnenten begriffen dieses boshafte Wortspiel der Opposition, das ihnen nahelegte, nicht auf die veränderte Etikette zu achten, da der Wein derselbe bliebe. So antwortete denn die dicke Büfettdame hoch von ihrem Sitz herab den Royalisten, die von ihnen verlangten Blätter hielte sie nicht.

»Welche Zeitungen gibt es denn bei Ihnen?« fragte einer der Offiziere, ein Hauptmann.

Der Kellner kam, ein kleiner junger Bursche in blauer Tuchjacke und derber Leinwandschürze, und brachte den »Commerce«.

»Das ist also Ihre Zeitung! Haben Sie sonst keine?«

»Nein,« sagte der Kellner, »das ist unsre einzige.«

Da riß der Hauptmann das Oppositionsblatt in Stücke, warf die Fetzen auf die Erde, spuckte darauf und sagte: »Ein Domino!«

Zehn Minuten später wußte man in allen Straßen der Stadt die Neuigkeit von der Schmach, die der konstitutionellen Opposition und dem Liberalismus in der Gestalt der sakrosankten Zeitung, die mit bekanntem Geist und Mut die Priester angriff, angetan war; sie floß wie das Licht in die Häuser; ein Platz erzählte sie dem andern. Auf allen Lippen war sofort das gleiche Wort: »Sagt es Max!« So erfuhr Max das Ereignis schnell.

Und die Offiziere hatten ihre Partie Domino noch nicht fertiggespielt, da trat er schon ins Café, Major Potel und Hauptmann Renard begleiteten ihn, und hinterdrein kamen dreißig junge Leute, die fast alle in Gruppen auf dem Paradeplatz blieben und auf den Ausgang des Abenteuers warteten. Bald war das Café voll. – »Kellner, meine Zeitung«, sagte Max mit ruhiger Stimme. Es wurde eine kleine Komödie gespielt. Die dicke Büfettdame sagte mit ängstlichem und beschwichtigendem Ausdruck: »Herr Hauptmann, ich habe sie weggegeben.«

»So holen Sie sie«, rief einer von Maxences Freunden.

»Könnten Sie die Zeitung heute entbehren?« fragte der Kellner. »Wir haben sie nicht mehr.«

Die jungen Offiziere lachten und warfen schräge Blicke auf die Bürger.

»Man hat sie zerrissen!« rief ein junger Mann aus der Stadt und sah dem einen der royalistischen Offiziere auf die Füße.

»Wer hat sich erlaubt, die Zeitung zu zerreißen?« donnerte Max, seine Augen flammten, er sprang auf und kreuzte die Arme.

»Und wir haben noch darauf gespuckt!« kam die Antwort von den drei jungen Offizieren, die sich erhoben und Max mit Blicken maßen. Max wurde weiß im Gesicht. »Sie haben die ganze Stadt beleidigt«, zischte er.

»Und was weiter? . . .« meinte der jüngste Offizier. Mit einer Gewandtheit, Kühnheit und Geschwindigkeit, welche die jungen Leute nicht voraussehen konnten, gab Max dem nächststehenden Offizier ein paar Ohrfeigen und sagte: »Verstehen Sie Französisch?«

Man ging auf die Allee nach Frapesle, um sich zu schlagen, drei gegen drei. Potel und Renard konnten nie und nimmer zugeben, daß Maxence Gilet allein den Offizieren Bescheid gab. Max tötete seinen Gegner. Major Potel verwundete den seinen, einen Sohn aus vornehmer Familie, so schwer, daß man ihn in das Hospital bringen mußte, wo er am folgenden Tage verstarb. Der dritte kam mit einem Hieb davon und verwundete seinen Gegner, den Hauptmann Renard. In der Nacht brach das Bataillon nach Bourges auf. Diese Geschichte, die im ganzen Lande Berry Aufsehen erregte, machte Maxence Gilet endgültig zum Helden.

Die Ritter vom Müßiggang – es waren alles junge Leute, der älteste noch nicht fünfundzwanzig Jahre alt – bewunderten ihren Max. Einige von ihnen, der Prüderie und Strenge ihrer Familien zum Trotz, beneideten ihn sogar um seine Stellung und fanden, daß er glücklich daran war. Unter solch einem Führer mußte der Orden Wunder vollbringen. Vom Januar 1817 ab verging keine Woche, ohne daß die Stadt durch ein neues Stücklein in Erregung gebracht wurde. Bestimmte Bedingungen, deren Erfüllung Max von den Rittern verlangte, waren Ehrensache. Statuten wurden aufgestellt. Diese Teufelsburschen wurden munter und geschickt wie die Turnschüler des Don Amoros, frech wie die Geier, stark und gewandt wie Übeltäter. Sie vervollkommneten sich in der Kunst, auf Dächer zu steigen, an Häusern emporzuklettern, lautlos zu gehen und zu springen, Gips anzurühren und eine Tür zu vermauern. Sie hatten ein ganzes Arsenal von Stricken, Leitern, Handwerkszeug und Vermummungen.

So erreichten die Ritter vom Müßiggang ein schönes Schelmenideal nicht nur in der Ausführung, sondern schon in der Erfindung ihrer Streiche. Sie waren schließlich ganz besessen von dem bösen Geiste, den Panurg so ergötzlich fand, der zum Lachen reizt und seine Opfer so lächerlich macht, daß sie sich nicht zu beklagen wagen. Diese Söhne der guten Familien hatten in allen Häusern Leute, mit denen sie heimliches Einverständnis unterhielten und die ihnen die zur Durchführung ihrer Attentate nützlichen Auskünfte verschafften.

In kältester Zeit versetzten diese leibhaftigen Teufel einen Ofen ganz gemütlich von dem Saal in den Hof und stopften ihn so voll mit Holz, daß das Feuer am Morgen noch brannte. Und dann erfuhr die Stadt, Herr Soundso (ein Geizhals) versuchte jetzt, seinen Hof zu heizen.

Bisweilen legten sie sich in den beiden Hauptadern der Stadt, der Grand'Rue und der Basse, in die viele Querstraßen münden, in den Hinterhalt. Überall, in Mauerwinkel und Gassenecken geduckt, hoben sie von Zeit zu Zeit den Kopf hoch und riefen von Tür zu Tür, von einem Ende der Stadt zum andern, jedem Haus in seinen ersten Schlummer hinein mit Schauerstimmen: »He! Was gibt's? Was ist das?« Von diesen wiederholten Fragen geweckt, erschienen die Bürger in Hemd und Nachtmütze mit Kerzen in den Händen und fragten einander aus. Das ergab die merkwürdigsten Zwiegespräche und seltsamsten Gesichter.

Es gab in Issoudun einen armen alten Buchbinder, der an Geister glaubte. Wie fast alle Handwerker der Kleinstadt, arbeitete er in einem kleinen niedrigen Laden. Als Teufel verkleidet, drangen die Ritter nachts in den Laden ein, sperrten den Alten in seinen Kasten für Abfälle und ließen ihn dann allein. Sein Jammergeschrei weckte die Nachbarn auf. Denen erzählte er, daß Luzifer ihm erschienen sei, und sie konnten ihn nicht davon abbringen. Der arme Alte war nahe daran, wahnsinnig zu werden.

Mitten in einem strengen Winter rissen die Ritter den Kamin des Steuereinnehmers ein und bauten ihn in derselben Nacht äußerlich ganz unverändert wieder auf; dabei machten sie keinen Lärm und hinterließen keine Spuren ihrer Arbeit. Aber innen hatten sie den Kamin so eingerichtet, daß er den Raum einräuchern mußte. Zwei Monate lang hatte der Steuereinnehmer zu leiden, ehe er erkannte, weshalb ihm sein Kamin, der immer so gut geheizt hatte und mit dem er so zufrieden gewesen war, jetzt so böse Streiche spielte; er sah sich gezwungen, ihn umarbeiten zu lassen.

Eines Tages steckten sie drei geschwefelte Strohbündel und ölgetränkte Papiere in den Kamin einer alten Betschwester, die mit Frau Hochon befreundet war. Als die arme Frau, die die Sanftmut selber war, morgens ihr Feuer ansteckte, glaube sie einen Vulkan angesteckt zu haben. Die Feuerwehr kam, die ganze Stadt lief zusammen; unter den Feuerwehrleuten aber befanden sich etliche Ritter vom Müßiggang, die setzten der Alten das ganze Haus unter Wasser und jagten ihr nach den Ängsten vor dem Feuertode Furcht, zu ertrinken, ein. Der Schreck machte sie krank.

Wollten sie einen die ganze Nacht in Todesangst und unter Waffen verbringen lassen, so kündigten sie ihm in einem anonymen Briefe an, er werde bestohlen werden; dann schlichen sie einer hinter dem andern unter den Fenstern und an den Mauern des Bedrohten entlang und riefen einander durch Diebespfiffe.

Einen ihrer hübschesten Streiche, über den die Stadt noch lange lachte und den man sich noch heut erzählt, spielten sie den Erben einer geizigen und reichen alten Dame. Sie sandten allen Erben eine Todesanzeige mit der Aufforderung, pünktlich zur Stunde der Testamentsversiegelung zu erscheinen. Da kamen etwa achtzig Menschen an, aus Vatan, aus Saint-Florent, aus Vierzon und Umgegend, alle in tiefer Trauer, aber recht munter, die einen mit ihren Frauen, die andern mit ihren Eltern, Witwen mit ihren Kindern, einer in der Kutsche, der andre im Korbwagen, der dritte im armseligen Karren. Man stelle sich den Auftritt vor zwischen der Magd der alten Dame und den ersten Ankömmlingen! Und dann die Besuche bei den Notaren! . . . Ganz Issoudun kam in Aufruhr.

Schließlich verfiel eines Tages der Unterpräfekt darauf, diesen Stand der Dinge unerträglich zu finden, zumal nicht herauszubekommen war, wer sich die Scherze erlaubte. Wohl lastete der Verdacht auf den jungen Leuten; aber da es eine Nationalgarde damals in Issoudun nur dem Namen nach gab und eine Garnison überhaupt nicht, da der Gendarmerieleutnant nur acht Gendarmen zur Verfügung hatte und keine Patrouillen aussenden konnte, so war es unmöglich, Beweise beizubringen. Der Unterpräfekt aber kam auf die schwarze Liste der Ritter und wurde zum Sündenbock ausersehen. Der wackere Beamte hatte die Gewohnheit, zum Frühstück zwei frische Eier zu verzehren. Nicht genug damit, daß er immer die frischesten Eier seiner Hennen haben mußte, er mußte sie auch selber kochen. Weder seine Frau noch seine Magd, noch sonst jemand verstand nach seiner Meinung ein Ei zu kochen, wie es gekocht werden müßte. Er sah dabei immer nach der Uhr und war sehr stolz auf seine Kunst. So kochte er bereits seit zwei Jahren seine Eier mit einem Erfolg, der ihm tausend Späße eintrug. Da wurden einen ganzen Monat hindurch allnächtlich seinen Hennen die Eier weggenommen und durch harte Eier ersetzt. Darüber ging dem Präfekten sein Latein und sein ganzer Eierruhm verloren. Schließlich aß er überhaupt keine Eier mehr zum Frühstück. Aber auf die Ritter des Müßiggangs hatte er keinen Verdacht, dazu war ihr Streich zu gut gespielt. Max hatte den Einfall, dem Präfekten die Rohre seiner Öfen jede Nacht mit einem Öl einzufetten, das mit Materien von solchem Gestank durchsetzt war, daß man es im Hause nicht aushalten konnte. Nicht genug damit: Eines Tages will die Frau Unterpräfektin zur Messe gehen und greift nach ihrem Schal. Da ist er mit einer so zähen Masse innen zusammengeklebt, daß sie ihn nicht umlegen kann. Der Unterpräfekt bat um seine Versetzung. Und durch diese Feigheit und Nachgiebigkeit wurde die heimliche Schelmenmacht der Ritter vom Müßiggang endgültig befestigt.

Zwischen der Rue des Minimes und der Place Misère gab es damals noch Reste von einem Stadtteil, den unterwärts der Kanal und oben zwischen dem Paradeplatz und dem Topfmarkt der Wall einrahmte. Es war ein unförmiges Viereck voll von armseligen, aneinandergedrängten Häusern, durchschnitten von ganz engen Straßen, durch die man nicht zu zweit gehen konnte. Dieser Stadtteil war eine Abart der Pariser »Cour des Miracles«, und dort wohnten die ganz Armen und Leute, die einen wenig einträglichen Beruf ausübten; sie hausten in Hütten oder in jener Art finsterer Häuser, die der Volksmund so malerisch die »Einäugigen« nennt. Das war sicher zu allen Zeiten eine infame Gegend und Zufluchtstätte der Leute von üblem Lebenswandel, und eine der Gassen heißt auch Henkergasse. Dort hat nachweislich fünf Jahrhunderte hindurch der Henker sein Haus mit der roten Tür gehabt. Der Gehilfe des Henkers von Châteauroux soll noch heute dort wohnen, wenn das Gerücht auf Wahrheit beruht; denn die Bürger sehen ihn nie. Nur die Winzer stehen in Verbindung mit diesem geheimnisvollen Wesen, das von seinen Vorgängern die Gabe geerbt hat, Brüche und Wunden zu heilen. Ehedem, als Issoudun sich noch großstädtisch gebärdete, hatten hier die Freudenmädchen ihre Residenz. Hier gab es Althändler mit Waren, denen man nie einen Käufer zugemutet hätte, Höker, deren Auslagen die Luft verpesteten, kurz eine ganze heimliche Völkerschaft, wie man sie in fast allen Städten an solcher Stätte antrifft und unter der ein oder zwei Juden die Hauptrolle spielen. Im lebhaftesten Teil des Viertels an einer Ecke düstrer Straßen bestand von 1815 bis 1823 und vielleicht noch länger der Ausschank der Mutter Cognette. Das war ein ganz gut gebautes Haus, es bestand aus Schichten weißen Steines, deren Zwischenräume mit Bruchstein und Kalk ausgefüllt waren; es hatte ein Stockwerk und einen Boden. Über der Tür prangte der übliche mächtige Fichtenzweig, leuchtend wie Florentiner Bronze. Als redete dieses Sinnbild nicht deutlich genug, wurde das Auge noch von einem auf das Gesims geleimten Bilde auf blauem Grunde angezogen, das unter der Inschrift »Gutes Märzenbier« einen Soldaten zeigte, der einer stark dekolletierten Frau einen Schaumstrahl darbot, der sich in Form eines Brückenbogens vom Kruge in das Glas begab, das sie hinhielt, das Ganze von einer Farbe, vor der Delacroix in Ohnmacht gefallen wäre. Das Erdgeschoß bestand aus einem großen Saal, der zugleich als Küche und Eßzimmer diente; an den Deckenbalken waren allerlei Vorräte aufgehangen. Hinter diesem Saal führte eine Müllertreppe ins obere Gelaß, unter dieser Treppe öffnete sich eine Tür nach einem kleinen länglichen Zimmer, das sein Licht von einem der engen schwarzen, hohen Provinzhöfe bekam, die wie Kaminschächte aussehen.

Von einem Wetterdach verdeckt und durch Mauern ringsum den Blicken entzogen, diente der kleine Raum den bösen Buben von Issoudun als Sitzungssaal. Vor den Augen der Welt beherbergte der alte Cognet die Landleute, die an den Markttagen in die Stadt kamen, insgeheim aber war er der Wirt der Ritter vom Müßiggang. Vordem war er in einem reichen Hause Stallknecht gewesen, dann hatte er die Cognette geheiratet. So hieß seitdem diese ehemalige Herrschaftsköchin. Denn das römische Viertel hat die alte, auch in Italien und Polen übliche lateinische Sitte beibehalten, für die Frau den Namen des Gatten zu feminisieren. Beide warfen ihre Ersparnisse zusammen, kauften das alte Haus und gründeten eine Schankwirtschaft. Die Cognette war ungefähr vierzig Jahre alt, hochgewachsen und üppig, hatte eine Sarmatennase, dunkle Haut, pechschwarzes Haar, braune runde lebendige Augen und trug ein kluges und munteres Wesen zur Schau. Ihr Wesen und ihre Kochkunst hatten Maxence Gilet veranlaßt, sie zur Pflegemutter des Ordens zu erwählen. Der Wirt Cognet mochte ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt sein, er war klein und gedrungen, gehorchte seiner Frau und konnte die Welt, nach einem Witz, den seine Cognette beständig wiederholte, immer nur mit einem guten Auge ansehen, er war nämlich einäugig. Sieben Jahre hindurch, von 1816 bis 1823, ließen weder er noch sie je das Geringste verlauten über das, was zur Nachtzeit in ihrem Hause stattfand oder angezettelt wurde. Immer liebten sie alle ihre Ritter mit großer Anhänglichkeit und waren ihnen blind ergeben. Man könnte allerdings diese Ergebenheit vielleicht weniger schön finden bei dem Gedanken, daß das Interesse der beiden ihre Verschwiegenheit und Treue verbürgte. Zu welcher Stunde der Nacht die Ritter auch immer bei der Cognette einfielen, sie brauchten nur auf eine bestimmte Art zu klopfen, und der alte Cognet, der ihr Signal erkannte, stand auf, steckte Herd und Kerzen an, machte die Tür auf und holte aus dem Keller den guten Wein, den er nur für den Orden kaufte, und die Cognette kochte ihnen, ob vor oder nach ihren gestern oder heute beschlossenen Expeditionen, ein vortreffliches Nachtmahl.

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