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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/balzac/junggese/junggese.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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So sah sich Philipp genötigt, die Grausame nach London reisen zu lassen, wohin er ihr nicht folgen konnte, und er bezog, wie er es nannte, seine Winterquartiere in der Dachstube der Rue Mazarine; da hing er beim Aufstehn und Schlafengehn seinen düstern Gedanken nach. Es war ihm im Innern unmöglich, anders zu leben als dies letzte Jahr. Der Luxus rings um Mariette, die Diners und Soupers, die Abende hinter den Kulissen, der Betrieb der Journalisten und witzigen Köpfe, der beständige Lärm, der ihn umgab, und was sonst noch alles seinen Sinnen und seiner Eitelkeit wohltat in diesem Leben, das es eben nur in Paris und in Paris jeden Tag neu gibt, das war ihm mehr als eine Gewohnheit geworden; unentbehrlich war es ihm wie sein Tabak und sein Schnaps. Es war ihm klar, daß er ohne diese beständigen Genüsse nicht leben konnte. Der Gedanke an Selbstmord fuhr ihm durch den Kopf, nicht wegen des Fehlbetrags, den man demnächst in seiner Kasse entdecken würde, nein, nur weil er nun nicht mehr mit Mariette und in der Atmosphäre, die ihn seit einem Jahre umschmeichelte, leben sollte. In solchen trüben Gedanken betrat er zum ersten Male das Atelier seines Bruders, den er in seiner blauen Bluse beschäftigt fand, ein Bild für einen Händler zu kopieren.

»So also werden die Bilder gemacht?« suchte Philipp das Gespräch einzuleiten.

»Nein,« antwortete Joseph, »so werden sie nachgemacht.«

»Was zahlt man dir dafür?«

»Nie genug, zweihundertfünfzig Franken; aber ich lerne dabei, ich studiere die Kunst der alten Meister und komme hinter die Geheimnisse des Handwerks. Da ist eins meiner eigenen Bilder«, er zeigte mit dem Pinsel auf eine Skizze, deren Farben noch feucht waren.

»Und wieviel steckst du nun so im Jahre in deinen Beutel?«

»Zu meinem Unglück kennen mich bis jetzt nur die Maler. Schinner bemüht sich für mich, er wird mir Arbeit im Schlosse von Presles verschaffen; im Oktober soll ich hingehen, Arabesken, Türfüllungen und Ornamente zu malen, die von dem Grafen Sérizy sehr gut bezahlt werden. Mit diesem Kram da, den ich für die Händler mache, kann ich nunmehr achtzehnhundert bis zweitausend Franken, die Unkosten abgerechnet, schaffen. Na, in die nächste Ausstellung schick ich das Bild da; wenn es gefällt, bin ich ein gemachter Mann; meine Freunde sind mit ihm zufrieden.«

»Ich verstehe nichts davon«, sagte Philipp mit so sanfter Stimme, daß Joseph zu ihm aufsah.

»Was ist mit dir?« fragte der Künstler, dem die Blässe des Bruders auffiel.

»Ich möchte gern wissen, wie lange du brauchst, um mein Porträt zu machen.«

»Bei beständiger Arbeit und hellem Wetter brächte ich es in drei oder vier Tagen fertig.«

»Das ist zu viel, ich habe nur noch den einen Tag zu vergeben. Meine arme Mutter liebt mich so sehr: ich möchte ihr mein Ebenbild hinterlassen. Genug davon.«

»Willst du denn wieder fort?«

»Ja, fort, auf Nimmerwiedersehn«, sagte Philipp in künstlich lustigem Tone.

»Philipp! Lieber Freund, was ist dir geschehen? Ist es etwas ernstes, ich bin ein Mann, ich bin kein Kind mehr, bin selbst auf harte Kämpfe gefaßt. Ich kann schweigen.«

»Ist das sicher?«

»Auf meine Ehre.«

»Du wirst keinem Menschen auf der Welt etwas sagen?«

»Keinem.«

»Gut. Ich werde mir eine Kugel vor den Kopf schießen.«

»Wie? Du willst dich schlagen?«

»Ich will mich töten.«

»Warum?«

»Ich habe elftausend Franken aus meiner Kasse genommen und morgen muß ich abrechnen; die Hälfte meiner Kaution ist hin; unserer armen Mutter werden nur noch sechshundert Franken Rente bleiben. Aber das ist es ja nicht! Ich könnte ihr später ein Vermögen wiedergeben, allein, ich bin entehrt! Ich kann meine Schande nicht überleben.«

»Du bist nicht entehrt, da du ja das Geld zurückerstattest, aber du wirst deinen Posten verlieren; dann hast du nur noch die fünfhundert Franken, die dein Kreuz einträgt. Man kann mit fünfhundert Franken leben.«

»Leb wohl«, sagte Philipp, wollte nichts mehr hören und stieg rasch die Treppe hinunter.

Joseph verließ sein Atelier und ging hinunter an den Frühstückstisch der Mutter; aber Philipps Geständnis hatte ihm den Appetit verdorben. Er nahm die Descoings beiseite und teilte ihr das Schreckliche mit. Die alte Frau stieß einen Schrei des Entsetzens aus, ließ den Milchtopf aus der Hand fallen und sank in einen Stuhl. Agathe eilte herbei und erfuhr aus den Jammerlauten der Alten nach und nach die traurige Wahrheit.

»Philipp! Ehrlos! Ein Sohn Bridaus beraubt die Kasse, die ihm anvertraut ist?«

An allen Gliedern zitterte die Witwe; ihre Augen erweiterten sich und wurden starr, sie mußte sich setzen und zerfloß in Tränen.

»Wo ist er hin!« schluchzte sie. »Vielleicht hat er sich in die Seine gestürzt!«

»Du mußt nicht verzweifeln,« sagte die Descoings, »weil der arme Junge an ein böses Weib geraten ist, das ihn zu Torheiten verleitet hat. Mein Gott! Das gibt es oft. Philipp hat bis zu seiner Rückkehr aus Amerika soviel Mißgeschick gehabt und so wenig Gelegenheit zu glücklicher Liebe: da kann seine Leidenschaft für diese Person nicht Wunder nehmen. Leidenschaft führt immer zum Äußersten! Davon kann ich zu meiner Schande ein Lied singen und halte mich doch für eine ehrbare Frau! Ein einziger Fehltritt macht noch nicht ehrlos. Und schließlich und endlich, nur wer nichts tut, irrt nie!«

Agathe war so niedergebrochen von Verzweiflung, daß die Descoings und Joseph Philipps Fehltritt abschwächen und sie damit beruhigen mußten, daß so etwas in allen Familien vorkomme.

»Aber er ist achtundzwanzig Jahre alt und kein Kind mehr«, rief Agathe.

»Mutter, ich versichere dir, er dachte nur an deinen Gram, nur an das, was er dir angetan«, sagte Joseph.

»Ach, mein Gott! Wenn er nur wiederkommt! Wenn er nur noch lebt! Ich will ihm ja alles verzeihen«, rief die Arme, die im Geist schon ihren Philipp ertrunken aus dem Wasser gezogen sah.

Einige Augenblicke herrschte ein dumpfes Schweigen. Dann ging der Tag in qualvollster Spannung hin. Beim geringsten Geräusch stürzten alle drei ans Fenster in immer neuen Vermutungen und Ängsten.

Während seine Familie in solcher Verzweiflung war, brachte Philipp seine Kasse ruhig in Ordnung. Er hatte die Stirn, seine Rechnung vorzulegen und anzugeben, daß er die fehlenden elftausend Franken, um einem Unglücksfall vorzubeugen, mit nach Hause genommen habe. Um vier Uhr ging der Schelm fort, nachdem er nochmals fünfhundert Franken aus der Kasse genommen hatte, und stieg kaltblütig in den Spielsaal hinauf, den er, seit er seine Stellung einnahm, nicht mehr betreten hatte in der richtigen Erkenntnis, daß ein Kassierer in Spielhäusern nichts zu suchen habe. Diesem Burschen fehlte es nicht an Berechnung. Er hatte mehr von seinem Großvater Rouget als von dem ehrenwerten Vater, wie sein späteres Verhalten zur Genüge beweisen wird. Im Felde hätte er vielleicht einen guten General abgegeben; als Zivilist wurde er einer der verstockten Verbrecher, die ihre Pläne und üblen Taten hinter dem Schirm des Gesetzes und unter dem verschwiegenen Dach des Familienlebens verbergen. Philipp wahrte seine ganze Kaltblütigkeit bei dem entscheidenden Unternehmen. Zuerst gewann er und sein Vorrat stieg bis zu sechstausend Franken. Dann aber ließ er sich durch die Sucht, seine Ungewißheit mit einem Schlage zu endigen, verblenden. Als er hörte, daß beim Roulette sechzehn Mal hintereinander Schwarz gekommen war, verließ er den Trente-et-Quarante-Tisch. Er setzte fünftausend Franken auf Rot, und zum siebzehnten Male kam Schwarz. Da setzte der Oberst seinen letzten Tausendfrankenschein auf Schwarz und gewann. Trotz dieses erstaunlichen Einverständnisses mit dem Zufall war ihm der Kopf müde; er fühlte es und wollte doch weiterspielen, aber der prophetische Sinn, auf den die Spieler lauschen, und der in Blitzen aufhellt, war schon gestört. Es kamen die einzelnen Versager, welche die Spieler zugrunde richten. Das Hellsehen kann, wie die Sonnenstrahlen, nur in starr gerader Linie wirken, der Blick darf nicht gebrochen werden, das Hüpfen der Chance trübt ihn; Philipp verlor alles. Nach so starken Prüfungen sinkt die trägste wie die regste Seele zusammen. Auf dem Heimweg dachte Philipp um so weniger an den versprochenen Selbstmord, als er nie ernstlich die Absicht gehabt hatte, sich zu töten. Er dachte auch nicht mehr an seine verlorene Stellung, noch an die angebrochene Kaution, noch an die Mutter, noch an Mariette, die Ursache seines Ruins; er ging mechanisch vor sich hin. Als er ins Zimmer trat, fiel ihm die weinende Mutter, fielen ihm die Descoings und der Bruder um den Hals und schleppten ihn in heller Freude zum Kamin.

›Aha!‹ dachte er, ›die Ankündigung hat gewirkt.‹ Dem Ungetüm fiel es nicht schwer, seine Miene den Umständen anzupassen, zumal er vom Spiele sehr aufgeregt war. Als die Mutter ihren fürchterlichen Liebling blaß und entstellt sah, kniete sie vor ihm nieder, küßte seine Hände und drückte sie an ihr Herz, und lange sah sie ihn mit verweinten Augen an. »Philipp«, hauchte ihre erstickte Stimme, »versprich mir, dich nicht zu töten, wir vergessen alles!« Philipp sah den Bruder gerührt, die Descoings in Tränen und mußte sich sagen: ›Es sind gute Menschen!‹, er faßte die Mutter um und hob sie auf, setzte sie auf seine Kniee, drückte sie an sich und flüsterte ihr unter Küssen ins Ohr: »Du schenkst mir zum zweiten Male das Leben!«

Die Descoings fand Mittel und Wege, alsbald eine treffliche Mahlzeit aufzutischen, dazu zwei Flaschen alten Weines und etwas Jamaikarum, Schätze aus ihren besseren Tagen.

»Agathe, er soll heute seine Zigarren rauchen«, sagte sie und bot Philipp Zigarren an. Die beiden armen Geschöpfe wähnten, wenn sie den Burschen ganz nach seinem Behagen leben ließen, würde er das Heim lieb gewinnen und zu Hause bleiben, und so versuchten alle beide, sich an den Tabakrauch zu gewöhnen, der ihnen gräßlich war. Dies große Opfer bemerkte Philipp nicht einmal.

Am nächsten Tage war Agathe um zehn Jahre gealtert. Nachdem ihre Ängste beschwichtigt waren, kamen die Gedanken wieder und eine ganze schreckliche Nacht hindurch konnte die Arme kein Auge schließen. Es sollten ihr nur noch sechshundert Franken Rente bleiben. Wie alle üppigen und leckermäuligen Weiber wurde die Descoings, zumal sie an einem hartnäckigen Husten litt, schwerfällig; ihr Schritt auf der Treppe dröhnte wie Holzhauerschlag; von einem Augenblick auf den andern konnte sie sterben, und mit ihr verschwanden dann viertausend Franken: töricht, noch lange auf diese Hilfsquelle zu rechnen. Was war zu tun? Was sollte werden? An sich selbst dachte Agathe nicht, sie war entschlossen, lieber Krankenwärterin zu werden als ihren Kindern zur Last zu fallen. Aber was sollte aus Philipp werden, wenn er nur die fünfhundert Franken von der Ehrenlegion hatte? Seit elf Jahren steuerte die Descoings jährlich tausend Taler bei und hatte ihre Schuld fast doppelt bezahlt, und sie fuhr fort, die Interessen ihres Enkels denen der Familie Bridau zu opfern. Alle rechtlichen Gefühle und Gesinnungen Agathes waren verletzt, und doch dachte sie mitten in all dem Unglück immer wieder: ›Der arme Junge! Ist es denn seine Schuld? Er bleibt seinen Schwüren treu. Mein Fehler war, daß ich ihn nicht verheiratet habe. Hätte ich eine Frau für ihn gefunden, er wäre nicht an diese Tänzerin geraten. Er ist so kräftig gebaut! . . .‹ Auch die alte Handelsfrau hatte in der Nacht nachgesonnen, wie die Ehre der Familie zu retten sei, und morgens kam sie mit einem Vorschlag zur Freundin: »Du und Philipp, ihr taugt nicht dazu, diese kitzlige Angelegenheit zu behandeln. Unsre beiden alten Freunde Claparon und Du Bruel sind tot, es bleibt uns nur Desroches mit seinem klugen alten Kopfe übrig, ich will heute vormittag zu ihm gehen. Er wird erklären, Philipp sei seinem Vertrauen zu einem Freunde zum Opfer gefallen, eine derartige Schwäche mache ihn gänzlich ungeeignet, eine Kasse zu verwalten. Wie heute, so könne es ihm später wieder gehen. So wird Philipp es vorziehen, seinen Abschied zu nehmen, statt entlassen zu werden.«

Durch diese freundliche Lüge sah Agathe des Sohnes Ehre sichergestellt, wenigstens in den Augen der Fremden, sie umarmte die Descoings, die sich dann aufmachte, um den abscheulichen Handel in Ordnung zu bringen. Philipp hatte den Schlaf des Gerechten geschlafen. »Die Alte ist schlau«, meinte er lächelnd, als Agathe ihm mitteilte, warum sie heute später zu Mittag essen würden.

Desroches senior hatte bei all seiner Härte nicht vergessen, daß Bridau ihm einst zu seinem Posten verholfen hatte, und so entledigte er sich als vollendeter Diplomat des heiklen Auftrags. Er besuchte die Familie zum Diner und wies Agathe an, am nächsten Tage in die Rue Vivienne auf das Schatzamt zu gehen, die Übertragung des verkauften Rentenanteils zu unterzeichnen und die übrigbleibenden sechshundert Franken abzuheben. Der alte Beamte verließ das traurige Haus erst, nachdem er Philipp dazu gebracht hatte, ein Gesuch an den Kriegsminister zu unterzeichnen, daß um seine Wiederaufnahme in die Armee bat. Desroches versprach den Frauen, den Weg der Bittschrift durch die Büros zu verfolgen und des Herzogs Triumph über Philipp bei der Tänzerin auszubeuten, um das Fürwort des hohen Herrn zu erlangen.

»Ehe ein Vierteljahr um ist, wird er Oberstleutnant im Regiment des Herzogs von Maufrigneuse, und Sie haben ihn vom Halse.«

Beim Abschied überschütteten beide Frauen und Joseph den alten Beamten mit Segenswünschen. Wie Finot es vorhergesagt hatte, ging zwei Monate später die Zeitung ein. Philipps Fehltritt hatte somit keine Folgen in der Öffentlichkeit. Aber Agathes Mutterherz hatte seine tiefste Wunde empfangen. Da der Glaube an den Sohn nun einmal erschüttert war, zuckte es in dauernden Ängsten, in die sich bisweilen eine kleine Zufriedenheit mischte, wenn einmal Agathes trübe Ahnungen sich nicht erfüllten.

Wenn körperlich tapfere, seelisch feige und unedle Menschen, wie Philipp einer war, merken, daß nach einer Katastrophe, die ihre sittliche Geltung zu vernichten drohte, alles um sie her wieder seinen natürlichen Lauf nimmt, dann empfinden sie die Nachsicht der Angehörigen und Freunde als Ermunterungsprämie. Sie vertrauen auf Straflosigkeit; die falsche Richtung ihres Denkens, die Befriedigung ihrer Leidenschaften treiben sie an, zu untersuchen, wie ihnen die Umgehung der sozialen Gesetze gelungen ist, und darüber werden sie abscheulich geschickt.

Kaum waren zwei Wochen vergangen, so war Philipp schon wieder der gelangweilte Müßiggänger von früher geworden, er verfiel wieder dem Caféleben, den Schnapsstationen, den langen Billardpartien beim Punsche, den Nachtsitzungen am Spieltisch, wo er gelegentlich einen kleinen Einsatz wagte und gerade soviel gewann, wie zum Unterhalt seiner Haltlosigkeit genügte. Um seine Mutter und die Descoings sicherer zu täuschen, spielte er den Sparsamen, trug einen ziemlich schmierigen Hut mit fasernden Bändern, geflickte Stiefel, einen abgeschabten Rock, auf dem seine rote Rosette, von langem Aufenthalt im Knopfloch gebräunt, mit Schnaps und Kaffeeflecken beschmutzt, kaum noch glänzte, dazu immer dieselben alten grünen Wildlederhandschuhe. Seine samtene Halsbinde legte er erst ab, wenn sie wie Filz aussah. Mariette blieb seine einzige Liebe, und ihre Treulosigkeit verhärtete vollends sein Herz. Nach einem unverhofften Spielgewinn oder nach einem Souper mit dem alten Kameraden Giroudeau wandte sich Philipp in einer Art derber Verachtung des ganzen Geschlechtes an die Venus der Straßenecke. Im übrigen hatte er sehr regelmäßige Gewohnheiten, aß mittags und abends zu Hause und ging Nacht für Nacht gegen ein Uhr schlafen. Drei Monate dieses öden Lebens machten der armen Agathe wieder einige Zuversicht.

Joseph lebte ganz in seinem Atelier und arbeitete an dem herrlichen Gemälde, das seinen Ruhm begründet hat. Auf das Urteil ihres Enkels hin glaubte die Descoings an Josephs Ruhm und überhäufte den Maler mit mütterlicher Fürsorge; sie brachte ihm morgens das Frühstück, machte Besorgungen für ihn, wusch seine Pinsel. Der Maler erschien nur zum Diner; seine Abende gehörten den Freunden seines Kreises. Im übrigen las er viel und verschaffte sich die tiefe und ernste Bildung, die man nur durch eigne Kraft erwirbt und der sich alle Begabten zwischen Zwanzig und Dreißig widmen. Agathe sah ihn wenig, er machte ihr keine Sorgen; sie lebte nur für Philipp, er allein verschaffte ihr den Wechsel zwischen aufgewühlter und wieder besänftigter Furcht, von der ja zum großen Teil das Gefühl lebt und die eine Mutter so wenig entbehren kann wie eine Geliebte. Jede Woche kam Desroches einmal zu der Witwe seines weiland Chefs und Freundes und machte ihr Hoffnung: der Herzog von Maufrigneuse hatte Philipp für sein Regiment angefordert; der Kriegsminister ließ sich Bericht erstatten; und da der Name Bridau weder in einer Polizeiliste noch in irgend welchen Gerichtsakten stand, würde Philipp in den ersten Monaten des kommenden Jahres sein erneuertes Offizierspatent erhalten. Desroches hatte seinen ganzen Bekanntenkreis in Bewegung gesetzt; als er bei seinen Erkundigungen auf der Polizeipräfektur ermittelte, daß Philipp jeden Abend spielen ging, erachtete er es für notwendig, dies Geheimnis der Descoings unter vier Augen anzuvertrauen mit der Aufforderung, den künftigen Oberstleutnant zu überwachen; denn ein Skandal konnte alles verderben; vorläufig würde der Kriegsminister nicht nachforschen, ob Philipp ein Spieler sei, und stünde der Oberstleutnant erst einmal unter der Fahne, so würde er schon diese Leidenschaft seiner müßigen Tage aufgeben. Agathe, die abends keine Gesellschaft mehr hatte, las am Kaminfeuer ihr Gebetbuch, während die Descoings sich Karten legte, ihre Träume deutete und die Regeln der Kabbala auf ihre Einsätze anwandte. Diese muntere Besessene versäumte keine Ziehung, sie verfolgte weiter ihre Terne, die noch immer nicht gekommen war. Die Terne wurde nunmehr einundzwanzig Jahre alt und sozusagen majorenn. Dieser Umstand machte der alten Spielratte kindische Hoffnungen. Seit die Lotterie bestand, war eine Nummer immer unten im Rade geblieben, und gerade darum setzte die Descoings alles auf diese Nummer und alle Kombinationen der drei Ziffern. Die unterste Matratze ihres Bettes diente den Ersparnissen der armen Alten als Schatzkammer; die trennte sie auf, tat das mühsam abgesparte Goldstück hinein, umwickelte es sorgsam mit Wolle und nähte dann wieder zu. Zur letzten Pariser Ziehung wollte sie ihre gesamten Ersparnisse an die Kombinationen ihrer geliebten Terne wagen. Man hat die Spielleidenschaft wohl allgemein verurteilt, aber nie genauer erforscht. Noch hat niemand darin das Opium der Armen erkannt. Die Lotterie, die mächtigste Zauberin unserer Welt, erregt sie nicht geradezu magische Hoffnungen? Während der Gang der Roulette, der den Spielern Goldmassen und Genüsse vorflimmert, nur so lange dauert wie ein Blitz, gibt die Lotterie dem köstlichen Leuchten dieses Blitzes eine Dauer von fünf Tagen. Welche andre soziale Macht macht heutzutage die Menschen für zwei Franken fünf Tage lang glücklich und schenkt ihren Träumen alle Wonnen der Zivilisation? Der Tabak, ein tausendmal unmoralischeres Staatsmonopol, zerstört den Körper, greift den Geist an und macht eine ganze Nation stumpfsinnig, dagegen ist die Lotterie ganz unschuldig. Auch ist die Spielleidenschaft zwangsweise geregelt durch die Abstände zwischen den einzelnen Ziehungen und durch die gemeinsame Hingabe aller Herzen an das rollende Rad. Die Descoings setzte übrigens nur in die Pariser Lotterie. Ungewöhnliche Entbehrungen hatte sie sich auferlegt, um auf die letzte Ziehung des Jahres so hoch wie möglich setzen zu können. Hatte sie kabbalistische Träume – und nicht alle Träume deckten sich mit den Lottozahlen –, so ging sie damit zu Joseph; er war das einzige Wesen, das ihren Erzählungen zuhörte; er zankte sie nie aus, ja, er hatte noch obendrein freundliche Worte für sie, Trostworte, wie sie die Künstler für die Armen im Geiste haben. Das große Talent ehrt und begreift die wahren Leidenschaften, legt sie aus und verfolgt sie bis auf ihre Wurzeln in Herz und Hirn. Er erkannte: sein Bruder liebte Tabak und Schnaps, die alte Mama Descoings die Terne, seine Mutter Gott, Desroches junior die Prozesse, Desroches senior das Angeln; jedermann, meinte er, hat seine Leidenschaft; er selbst liebte die ideale Schönheit aller Dinge, die Dichtkunst Byrons, die Malerei Géricaults, die Musik Rossinis, die Romane Walter Scotts. – »Jeder nach seinem Geschmack, Mama Descoings,« rief er, »aber Ihre Terne scheint interniert zu sein.«

»Sie wird kommen, du wirst dann reich sein, und mein kleiner Bixiou auch!«

»Geben Sie nur Ihrem Enkel alles«, wehrte Joseph ab, »leben Sie ganz nach Ihrem Belieben!«

»Ei, wenn sie herauskommt, hab ich genug für alle. Du bekommst dann gleich ein schönes Atelier, bekommst deine Opernbilletts und Geld für deine Modelle und den Farbenhändler. Weißt du auch, daß du mich da auf deinem Bilde keine besonders schöne Rolle spielen läßt?«

Er hatte aus Sparsamkeit die Descoings zum Modell für die alte Kupplerin genommen, die auf seinem herrlichen Gemälde die junge Kurtisane dem venezianischen Senator zuführt.

»Wer Sie kennt, der weiß, wie Sie sind«, erwiderte er belustigt, »sorgen Sie sich nicht um die, die Sie nicht kennen!«

Seit einem Jahrzehnt hatte die Descoings die reifen Farbtöne einer überwinterten Reinette angenommen. Runzeln hatten sich in der Fülle ihres kalt und weichlich gewordenen Fleisches gebildet. Ihre Augen waren jung und lebhaft geblieben. Aber diese Lebhaftigkeit war gierig. Es waren Spieleraugen. Ihr speckiges Gesicht verriet Verstellung und tief vergrabene Hintergedanken. Ihre Leidenschaft verlangte Heimlichkeit. Die Bewegungen ihrer Lippen hatten bisweilen etwas Leckermäuliges. So konnte, obwohl sie doch eine rechtschaffene und redliche Frau war, ihr Anblick irreführen. Mithin war sie ein ausgezeichnetes Modell für die Alte, die Bridau malen wollte. Coralie, eine junge, in der Blüte ihres Lebens verstorbene Schauspielerin von wundersamer Schönheit, die Geliebte des jungen Dichters Lucien de Rubempré, mit dem Bridau befreundet war, hatte ihn zu diesem Bilde begeistert. Man hat diesem schönen Gemälde seinen altmeisterlichen Stil zum Vorwurf der Nachahmung gemacht. Dabei vereinigte es doch drei Porträts Lebender zu einem herrlichen Gesamtbild. Für den Senator hatte Michel Chrestien, einer der jungen Männer des Kreises, seinen Republikanerkopf geliehen; und Joseph veränderte ihn nur ins Reifere, wie er auch das Gierige im Gesicht der Descoings übertrieb. Das bedeutende Bild, später sehr berühmt und Anlaß vieler Feindschaft, Eifersucht und Bewunderung, war noch Skizze, und oft mußte Joseph die Ausführung unterbrechen, um zum Lebensunterhalt bestellte Arbeiten zu machen: er kopierte alte Meister, drang in ihre Handwerksgeheimnisse ein und erwarb die weiseste Technik. Gesunde Vernunft bewahrte den Künstler davor, seine Mutter und die Descoings, die er, die eine durch Philipp, die andre durch die Lotterie, mit dem Ruin bedroht sah, in die Höhe seiner Einnahmen einzuweihen. Philipps Kaltblütigkeit im Unglück, die Berechnung, mit der er den Selbstmordskandidaten spielte, und die Joseph durchschaute, all die Fehltritte während seiner zu Unrecht aufgegebenen militärischen Laufbahn, die geringsten Einzelheiten endlich in Philipps Benehmen hatten Joseph schließlich die Augen geöffnet. Ein solcher Scharfblick ist oft den Malern eigen: in der tagelangen Arbeitsstille ihres Atelierdaseins über Werken, die bis zu einem gewissen Grade die Gedanken frei lassen, werden sie darin den Frauen ähnlich: ihr Geist kann die Alltagsereignisse umkreisen und in ihren heimlichen Sinn eindringen.

Joseph hatte sich eine herrliche Truhe gekauft, wie sie erst später in Mode gekommen sind. Die schmückte eine Ecke seines Ateliers, auf die das Licht fiel, das, in den Holzreliefs flimmernd, dieses Meisterstück der Schreinerkunst aus dem sechzehnten Jahrhundert in seinem ganzen Glanze hervorhob. In dieser Truhe entdeckte er ein Geheimfach, das er zu seiner Sparbüchse machte. Was er im Monat an Geld brauchte, pflegte er, arglos wie alle echten Künstler, in einen Totenkopf zu tun, der auf einem der Felder der Truhe stand. Seit der Rückkehr des Bruders in das Heim stellte sich immer wieder ein Mißverhältnis zwischen Josephs Ausgaben und der Summe in diesem Behälter heraus. Die monatlichen hundert Franken verschwanden mit unglaublicher Geschwindigkeit. Das erstemal, als er nur vierzig bis fünfzig Franken ausgegeben hatte und nichts mehr vorfand, sagte er sich: »Mein Taler geht wandern.« Das zweite Mal gab er genauer auf seine Ausgaben acht; da aber hatte er gut rechnen, wie Robert Macaire, sechzehn und fünf macht dreiundzwanzig; es stimmte nicht. Als er dann beim dritten Male eine noch größere Fehlsumme feststellte, teilte er seine Besorgnisse der alten Descoings mit, von der er sich mit der mütterlich zarten, vertrauenden, gläubigen Liebe geliebt fühlte, die dem werdenden Künstler notwendig ist wie die Hut der Henne dem nackten Kücken, und die er an seiner Mutter bei all ihrer Güte vermissen mußte. Der Alten allein konnte er seinen schrecklichen Verdacht anvertrauen. Seiner Freunde war er sicher wie seiner selbst, die Descoings nahm ihm gewiß nichts weg für ihre Lotterie; die arme Frau rang die Hände; diesen kleinen Hausdiebstahl konnte nur Philipp begehen.

»Warum bittet er mich nicht, ihm zu geben, was er braucht«, rief Joseph, nahm Farbe von der Palette und verwischte unaufmerksam alle Töne auf seinem Bilde. »Würde ich's ihm abschlagen?«

»Er beraubt ein Kind!« rief die Descoings entsetzt.

»Das dürfte er,« erwiderte Joseph, »dafür bin ich sein Bruder, meine Börse ist auch seine; aber er könnte mir's doch sagen.«

»Tu heute eine bestimmte Summe Kleingeld hinein und rühre sie nicht an,« riet die Descoings, »ich werde acht geben, wer in das Atelier kommt; und wenn nur er eingetreten ist, so hast du Gewißheit.«

So bekam Joseph schon am nächsten Tag den Beweis der gewalttätigen Anleihen seines Bruders bei ihm. Philipp pflegte das Atelier in Josephs Abwesenheit zu betreten und die kleinen Summen zu entnehmen, deren er bedurfte. Der Künstler mußte für seinen kleinen Schatz zittern.

»Ei, warte nur! Ich werde dich ertappen, du Schelm« sagte er zu der Descoings und lachte.

»Das wird ihm gut tun, wir müssen ihn strafen; auch mir fehlt manchmal was in meiner Börse. Aber der arme Junge, er braucht Tabak, er ist daran gewöhnt.«

»Armer Junge hin, armer Junge her,« versetzte der Künstler, »ich fange an, Fulgences und Bixious Meinung zu teilen: Philipp nasführt uns beständig; bald mischt er sich in Meutereien, läßt sich nach Amerika schicken und kostet unsere Mutter zwölftausend Franken; dann weiß er in den Wäldern der Neuen Welt nichts zu finden, und seine Heimreise kostet soviel wie seine Hinfahrt. Weil er einmal ein paar Worte Napoleons einem General überbracht hat, hält er sich für einen bedeutenden Soldaten und für verpflichtet, den Bourbonen zu schmollen, mittlerweilen amüsiert er sich, reist, sieht sich die Welt an; ich gehe nicht mehr auf den Leim seiner Mißgeschicke; er sieht aus wie einer, der sich überall wohlzufühlen weiß. Man findet für den Kerl einen herrlichen Posten, er führt ein sardanapalisches Leben mit Einer von der Oper, leert die Sparbüchse einer Zeitung und kostet unsere Mutter abermals zwölftausend Franken. Ich für mein Teil kann darauf pfeifen; aber die arme Frau wird er noch auf's Stroh bringen. Ich bin ihm Luft, weil ich nicht bei den Gardedragonern gedient habe. Und dabei werde am Ende ich allein die gute Mutter auf ihre alten Tage ernähren, während dieser Kriegersmann, wenn er's so weiter treibt, wer weiß wo endet. Bixiou hat schon zu mir gesagt: ›Dein Bruder ist ein nettes Pflänzchen!‹ Recht hat er, dein kluger Enkel: Philipp wird der Familienehre noch einmal einen gefährlichen Streich spielen, und man wird wieder zehn- bis zwölftausend Franken aufbringen müssen! Jeden Abend spielt er; wenn er schwergeladen nach Hause kommt, fallen ihm markierte Karten aus der Tasche auf die Stiege. Der alte Desroches setzt alle Hebel in Bewegung, um Philipp wieder in die Armee zu bringen, und ich schwöre dir, ihm wäre es gräßlich, wieder dienen zu müssen. Hättest du das geglaubt von einem Jungen mit so schönen lichtblauen Augen und solch einem Ritter-Bayard-Gesicht?«

Trotz all seiner Vorsicht und Kaltblütigkeit beim Spiel saß Philipp doch mitunter, wie die Spieler sagen, in der Brenne. Er mußte unbedingt jeden Abend seinen Einsatz, seine zehn Franken haben, und hatte er sie nicht, so machte er zu Hause lange Finger nach dem Geld des Bruders oder der Mutter oder nach dem, das die Descoings herumliegen ließ. Eine schreckliche Erscheinung hatte schon einmal die arme Agathe im Halbschlaf gehabt: Philipp war in ihr Zimmer getreten und hatte aus der Tasche ihres Kleides alles Geld, das er darin fand, genommen. Sie hatte sich schlafend gestellt, aber dann den Rest der Nacht verweint. Nun sah sie klar. Wenn auch die Descoings gesagt hatte: »Ein Fehltritt macht noch nicht ehrlos,« die beständigen Rückfälle ließen der Mutter keinen Zweifel mehr; ihr liebster Sohn besaß weder Zartgefühl noch Ehre. Am Tage nach dieser schrecklichen Vision hatte sie ihn nach dem Frühstück, als er weggehen wollte, in ihr Zimmer gezogen und ihn flehentlich gebeten, doch das Geld, das er brauchte, von ihr zu verlangen. Das geschah dann so oft, daß nunmehr seit vierzehn Tagen Agathes ganze Ersparnisse erschöpft waren. Sie hatte keinen roten Heller mehr und dachte schon daran, Arbeit zu suchen. Schon hatte die Arme öfters des Abends mit der alten Descoings allerhand Verdienstmöglichkeiten erörtert, schon hatte sie sich beim Hausvater nach Musterstickerei umgetan, einer Arbeit, die ungefähr einen Franken am Tage einbringt. Obwohl Agathe kein Wort verlauten ließ, hatte die Alte den Anlaß erraten können; Agathes Gesichtszüge waren ja beredt genug: die Frische trocknete ein, die Haut spannte sich an Schläfen und Wangen, die Stirn bekam Runzeln, die Augen verloren ihren Schimmer; es war zu sehen, daß ein inneres Feuer an ihr zehrte, und daß sie nachts weinte. Am stärksten aber rieb es sie auf, daß sie ihre Qualen, Ängste und Ahnungen verschweigen mußte. Nie schlief sie ein, bevor Philipp heimgekommen war, sie wartete, bis sie ihn auf der Straße hörte. Sie hatte alle Variationen seiner Stimme, seines Gesanges, die Sprache seines über das Pflaster schleifenden Stockes studiert. Nichts entging ihr mehr; sie spürte den Grad seiner Betrunkenheit, zitterte, wenn sie ihn auf der Treppe straucheln hörte; eines Nachts hatte sie auf der Stelle, wo er hingeglitten war, Goldstücke aufgelesen. Hatte er getrunken und gewonnen, dann war seine Stimme heiser, der Stock schleppte nach; hatte er verloren, so bekam sein Schritt etwas Scharfes, Hartes, Wütendes; er sang mit heller Stimme und trug den Stock geschultert wie ein Gewehr; beim Frühstück war er, wenn er gewonnen hatte, munter und fast liebevoll; er machte seine derben Späße, aber es waren doch Späße; nach dem Verlust saß er düster da, seine Worte waren kurz und abgehackt, sein harter Blick war beängstigend. Durch das liederliche Leben und alltägliche Schnapstrinken verlor sein ehedem schönes Gesicht von Tag zu Tag. Die Adern waren angeschwollen, die Züge vergröberten sich, die Augen verloren ihre Wimpern und ihren feuchten Glanz. Er pflegte sich auch nicht mehr, er roch nach Kneipe, nach kotigen Stiefeln; ein Fremder hätte ihn für einen Menschen aus dem Pöbel halten können.

»Du müßtest dir vorn Kopf bis zu den Füßen neue Sachen machen lassen«, sagte in den ersten Dezembertagen die Descoings zu Philipp.

»Und wer bezahlt sie?« fragte er ärgerlich. »Meine arme Mutter hat nichts mehr; ich selbst habe fünfhundert Franken im Jahre. Um mir Sachen anzuschaffen, würde ich ein ganzes Jahresgehalt brauchen, und dies Gehalt hab ich auf drei Jahre verpfändet.«

»Und warum?« fragte Joseph.

»Eine Ehrenschuld. Giroudeau hatte von Florentine tausend Franken genommen, um sie mir zu leihen . . . Blendend seh ich allerdings nicht gerade aus; aber wenn man bedenkt, daß Napoleon auf Sankt Helena ist und, um leben zu können, sein Silber verkauft, dann können seine getreuen Soldaten ruhig auf ihren Stiefelschäften laufen« und er zeigte auf seine Stiefel, die keine Hacken mehr hatten. Dann ging er.

»Schlecht ist er nicht«, sagte Agathe. »Er hat doch gute Gefühle.«

»Man kann den Kaiser lieben und sich dabei sauber kleiden«, meinte Joseph. »Wenn er auf sich und seine Sachen achtete, würde er nicht wie ein Bettler herumlaufen.«

»Joseph, du mußt nachsichtig mit deinem Bruder sein«, sagte Agathe. »Du tust, was du willst, und er ist nicht am richtigen Platz.«

»Warum hat er den verlassen? Was liegt daran, ob die Wanzen Ludwigs XVIII. oder Napoleons Kuckuck auf der Fahne ist, wenn die Lappen nur französisch sind? Frankreich ist Frankreich! Malen würde ich auch, wenn der Teufel es bestellt hätte. Der wahre Soldat schlägt sich schon aus Liebe zur Kunst. Wäre Philipp ruhig in der Armee geblieben, heut wäre er General . . .«

»Du bist ungerecht gegen ihn,« sagte Agathe, »dein Vater, der den Kaiser anbetete, hätte ihm zugestimmt. Aber jetzt ist er ja entschlossen, wieder in das Heer einzutreten. Gott weiß, wie sehr das deinen Bruder grämt, was er doch als Verrat empfinden muß.«

Joseph erhob sich, um ins Atelier zu gehen; da nahm ihn Agathe bei der Hand und sagte: »Sei gut zu deinem Bruder, er ist so unglücklich!«

Die Descoings folgte Joseph in sein Atelier und redete auf ihn ein: er solle die empfindliche Mutter schonen und bedenken, wie sie sich veränderte, und wieviel inneres Weh diese Veränderung verriete. Als sie eintraten, fanden sie zu ihrer Verwunderung Philipp vor. »Joseph, mein Kleiner,« sagte er ganz unbefangen, »ich brauche, hols der Teufel, Geld! Ich bin im Tabakverschleiß dreißig Franken für Zigarren schuldig, ich trau mich gar nicht mehr an der verdammten Bude vorbei, hab schon zehnmal zu zahlen versprochen.«

»Na also, auf die Art ist mir's sympathischer,« antwortete Joseph, »lange nur in den Kopf.«

»Ich habe schon gestern nach dem Essen alles genommen.«

»Es waren fünfundvierzig Franken . . .«

»Ja, soviel brauchte ich auch gerade. Ich habe sie gefunden. War's unrecht von mir?«

»Nein, mein Lieber, das nicht. Wenn du reich wärest, würde ich es ebenso machen; nur würde ich erst fragen, oh es dir auch recht sei.«

»Erst fragen ist demütigend«, meinte Philipp. »Ich sähe es lieber, du nähmst, wie ich, ohne was zu sagen; das ist vertraulicher. Stirbt im Heer ein Kamerad und hat ein gutes Paar Stiefel an, und man selbst hat ein schlechtes, dann tauscht man mit ihm.«

»Aber so lange er lebt, nimmt man sie ihm nicht weg.«

»Bagatellen!« – Philipp zuckte die Achseln – »also du hast kein Geld?«

»Nein«, sagte Joseph: sein Geheimfach wollte er nicht preisgeben.

»In wenigen Tagen werden wir reich sein«, sagte die Descoings.

»Ja, Sie; Sie glauben, daß am fünfundzwanzigsten bei der Pariser Ziehung Ihre Terne herauskommen wird. Wenn Sie uns alle reich machen wollen, müßten Sie schon einen kräftigen Einsatz riskieren.«

»Eine Netto-Terne von zweihundert Franken gibt ohne die Amben und Extras zu rechnen, allein schon drei Millionen.«

»Fünfzehntausendmal den Einsatz, ja, dazu brauchen Sie gerade zweihundert Franken!« rief Philipp.

Die Descoings biß sich die Lippe, sie hatte ein unvorsichtiges Wort gesagt.

Und so überlegte denn auch Philipp auf der Treppe: ›Wo mag die alte Hexe das Geld für ihren Einsatz versteckt halten? Ist ja verlorenes Geld, ich wüßte es so gut anzuwenden! Mit vier Sätzen zu fünfzig Franken kann man zweihunderttausend Franken gewinnen, und mit mehr Wahrscheinlichkeit als bei ihrer Terne!‹ – In Gedanken suchte er den Versteck der Descoings. Am Abend vor Festtagen pflegte Agathe in die Kirche zu gehen und dort lange zu bleiben, sie beichtete wohl und bereitete sich auf die Kommunion vor. Es war Weihnachtsabend, die Descoings mußte ausgehen und Süßigkeiten für das Fest einkaufen; vielleicht machte sie aber zugleich auch ihren Einsatz. Die Ziehung fand von fünf zu fünf Tagen in den Lotterien von Bordeaux, Lyon, Lille, Straßburg und Paris statt, die Pariser immer am fünfundzwanzigsten des Monats, und die Listen wurden am vierundzwanzigsten um Mitternacht abgeschlossen. Der Soldat bedachte all diese Umstände und paßte auf. Gegen Mittag, sobald die Descoings ausgegangen war, kam er nach Hause zurück. Die Alte hatte den Schlüssel mitgenommen. Das hinderte ihn nicht. Unter dem Vorwande, etwas vergessen zu haben, bat er die Portierfrau, einen Schlosser aus der nahen Rue Guénégaud zu holen, der dann kam und die Tür aufmachte. Des Kriegsmanns erster Verdacht traf das Bett: er deckte es auf, und bevor er sich daran machte, das Holz zu untersuchen, tastete er die Matratzen ab; in der untersten Matratze fühlte er die in Papier eingewickelten Goldstücke. Schnell ward die Leinwand aufgetrennt, die zwanzig Goldstücke aufgegriffen, dann machte er sich nicht erst die Mühe wieder zuzunähen, er brachte nur das Bett recht geschickt wieder in Ordnung, damit der Descoings nichts auffiele.

Rasch machte sich der Spieler aus dem Staube. Er nahm sich vor, dreimal und zwar von drei zu drei Stunden und jedesmal nur zehn Minuten lang zu spielen. So haben seit dem Jahre 1786, seit die öffentlichen Spielsäle bestehn, die echten Spieler gespielt, die großen Spieler, welche die Verwaltung fürchtet, und die, wie man in den Spielhöllen sagt, die Bank kahl machen. Allein, ehe man diese Erfahrung hatte, ging oft ein ganzes Vermögen verloren. Die ganze Gewinnphilosophie der Pächter beruhte auf der Festigkeit ihrer Kasse, auf den unentschiedenen Treffern, dem sogenannten »Refait«, bei dem die Hälfte der Einsätze der Bank verblieb, und der von der Regierung gutgeheißenen ausgesprochenen Übervorteilung, die darin bestand, daß die Einsätze nur fakultativ gehalten, beziehungsweise ausgezahlt wurden. Mit einem Wort, das Spiel, das den Satz des reichen und kaltblütigen Spielers gegebenenfalls zurückwies, verschlang das Vermögen dessen, der eigensinnig und töricht genug war, um sich von dem raschen Kreisen des Rades berauschen zu lassen. Philipp hatte schließlich das kalte Blut eines kommandierenden Generals erworben, der mitten im Wirbel der Ereignisse klaren Blick und Verstand bewahrt. Er hatte die hohe Stufe der Spielpolitik erreicht, die, beiläufig gesagt, in Paris tausend Menschen ernährte, die allabendlich ohne Schwindel in den Abgrund zu schauen vermochten. Er war entschlossen, heut mit seinen vierhundert Franken das Glück zu erjagen. Zweihundert Franken tat er als Reserve in den Stiefel, zweihundert behielt er in der Tasche. Um drei Uhr betrat er den Saal, den heute das Theater des Palais Royal innehat, und in dem seinerzeit die Bank die höchsten Summen hielt. Er verließ ihn eine halbe Stunde später im Besitz von siebentausend Franken. Er ging zu Florentine, der er fünfhundert Franken schuldete, gab sie ihr wieder und lud sie ein, nach dem Theater im Rocher de Cancale mit ihm zu soupieren. Auf dem Rückweg kam er in die Rue du Sentier und besuchte im Zeitungsbüro seinen Freund Giroudeau, den er von dem bevorstehenden Festmahl in Kenntnis setzte. Um sechs Uhr gewann Philipp fünfundzwanzigtausend Franken und ging, seinem Vorsatz getreu, nach zehn Minuten weg. Um zehn Uhr abends hatte er fünfundsiebenzigtausend Franken gewonnen. Nach einem prächtigen, reichlich begossenen und intimen Souper kehrte Philipp um Mitternacht zum Spiele zurück. Er brach das Gesetz, das er sich auferlegt hatte, spielte eine ganze Stunde und verdoppelte sein Vermögen. Die Bankhalter, die er durch seine Spieltaktik um hundertfünfzigtausend Franken geschwächt hatte, betrachteten ihn mit Neugier.

›Wird er gehen? Wird er bleiben?‹ fragten einander ihre Blicke. ›Bleibt er, so ist er verloren‹, Philipp glaubte im Glücke zu sitzen und blieb. Um drei Uhr morgens waren die hundertfünfzigtausend Franken in die Spielkasse zurückgewandert. Der Offizier hatte beim Spielen beträchtliche Mengen Grog getrunken; er ging in einem Zustande von Betrunkenheit fort, den draußen die schneidende Kälte auf den höchsten Grad brachte. Ein Saalkellner folgte ihm, faßte und führte ihn in eines jener entsetzlichen Häuser, über deren Tür unter einer Lampe das Wort ›Nachtherberge‹ steht. Der Kellner zahlte für den ruinierten Spieler, und man legte ihn ganz angezogen auf ein Bett, wo er bis zum Abend des Weihnachtstages blieb. Die Verwaltung der Spielhäuser hatte ihre Art Fürsorge gegenüber ihren großen Kunden. Erst gegen sieben Uhr wachte Philipp auf, den Mund verschleimt, das Gesicht geschwollen, von Fieber geschüttelt. Seine starke Natur machte es ihm möglich, zu Fuß bis in das Haus seiner Mutter zu gelangen, in das er ahnungslos Trauer, Verzweiflung, Elend und Tod gebracht hatte.

Am Vorabend hatten die Descoings und Agathe ungefähr zwei Stunden lang Philipp zum Essen erwartet. Erst um sieben Uhr setzte man sich zu Tisch. Agathe ging sonst fast immer um zehn Uhr zu Bett, da sie aber heute der Mitternachtsmesse beiwohnen wollte, legte sie sich gleich nach dem Essen schlafen. Die Descoings und Joseph blieben am Kaminfeuer sitzen, in dem kleinen Salon für alles, und die Alte bat ihn, ihr ihren bewußten Einsatz, ihren Rieseneinsatz auf die berühmte Terne zu berechnen. Sie wollte die Amben nebst den Prämien spielen, wollte alle Chancen zusammentun. Als sie nun alle phantastischen Reize ihres Treffers ausgekostet, zwei Füllhörner voll Glück vor ihrem Adoptivkind ausgegossen und ihm ihre Träume erzählt hatte, wobei sie in ihrer Gewinnsicherheit nur die eine Sorge hegte, wie solch ein schweres Glück zu ertragen sei, kam Joseph darauf, von den vierhundert Franken, die er nicht sah, anzufangen. Da lächelte die Alte listig und führte ihn in ihr Schlafzimmer, den früheren Salon.

»Wirst gleich sehen!« sagte sie.

Geschwind deckte die Descoings ihr Bett auf und suchte dann die Schere, um die Matratze aufzutrennen; sie setzte ihre Brille auf, untersuchte die Leinwand, sah, daß sie schon aufgetrennt war und ließ die Matratze los. Joseph hörte ihr Stöhnen, das aus der Tiefe der Brust kam und vom Blute, das zum Herzen drang, erstickt wurde. Er fing die alte Aktionärin der Lotterie in seine Arme auf, bettete die Ohnmächtige auf einen Sessel und rief nach seiner Mutter. Agathe erhob sich, warf den Schlafrock über, eilte herbei, und bei dem Licht der Kerze behandelte sie die Tante mit den üblichen Mitteln: kölnisches Wasser an die Schläfen, kaltes Wasser an die Stirn, eine angebrannte Feder unter die Nase. Endlich kam die Alte wieder zu sich.

»Heut früh waren sie noch drin. Er hat sie genommen, das Scheusal!«

»Was?« rief Joseph.

»Ich hatte zwanzig Louisdor in meiner Matratze, zwei Jahre Ersparnisse; nur Philipp hat sie wegnehmen können.«

»Aber wann denn?« rief die arme Mutter niedergeschmettert, »er ist doch seit dem Frühstück von Hause fort.«

»Wie gern wollt ich mich irren«, sagte die Alte. »Aber schon heut früh in Josephs Atelier, als ich von meinem Einsatz sprach, hatte ich so ein Vorgefühl; wär ich nur gleich hinuntergegangen, hätte meine paar Groschen geholt und meinen Einsatz gemacht. Ich wollte ja, ich weiß selbst nicht, warum ich's nicht getan habe. Ach Gott! Ich bin ihm Zigarren kaufen gegangen!«

»Aber die Wohnung war doch zu«, meinte Joseph, »außerdem ist es so gemein, daß ich's nicht glauben kann. Philipp müßte dich ausspioniert, die Matratze aufgetrennt haben, alles mit Vorbedacht . . . nein!«

»Ich hab sie heut morgen noch gefühlt, als ich nach dem Frühstück mein Bett machte«, wiederholte die Descoings.

Entsetzt eilte Agathe hinunter und fragte, ob Philipp untertags nach Hause gekommen wäre, und die Portierfrau erzählte ihr die ganze Geschichte. Ins Herz getroffen kam die Mutter zurück; sie war ganz verändert. Weiß wie ihr Hemd, bewegte sie sich, wie in unserer Phantasie Gespenster gehen, lautlos langsam, wie von einer übermenschlichen Kraft getragen und fast mechanisch zugleich. Sie hielt einen Leuchter in der Hand, dessen Licht sie voll bestrahlte und ihre schreckensstarren Augen hervorhob. Ohne daß sie es merkte, hatte sich ihr Haar, das sie mit der Hand aus der Stirn gestrichen hatte, gesträubt, und das machte sie so schrecklich schön, daß Joseph angenagelt stand vor diesem Bilde der Gewissensqual, vor dieser Statue des Schreckens, der Verzweiflung.

»Tante, sagte sie, »nimm meine silbernen Bestecke, ich habe sechs, die sind soviel wert, wie dein Geld; das habe ich genommen für Philipp; ich habe geglaubt, es ersetzen zu können, eh du's merktest. Oh, es hat mir sehr weh getan!«

Sie setzte sich. Ihre trocknen stieren Augen flackerten.

»Er hat es getan«, sagte die Descoings ganz leise zu Joseph.

»Nein, nein«, bestand Agathe. »Nimm meine Bestecke, verkauf sie, ich brauch sie nicht, wir können mit deinen essen.«

Sie ging in ihr Zimmer, nahm den Silberkasten, fühlte, wie leicht er war, machte ihn auf und sah einen Pfandschein. Die arme Mutter stieß einen fürchterlichen Schrei aus. Joseph und die Descoings eilten herbei, sahen den leeren Kasten, und die himmlische Lüge der Mutter ward vergeblich. Alle drei schwiegen und wagten nicht, einander anzusehen. Da legte Agathe mit der Gebärde eines Irren den Finger an die Lippen und gebot, ein Geheimnis zu wahren, das ja doch keiner verraten hätte. Die drei gingen wieder in den Salon an den Kamin.

»Ach Kinder,« sagte die Descoings, »wie mich das ins Herz getroffen hat! Meine Terne wird herauskommen, ich weiß es gewiß. Ich denke ja nicht an mich, sondern an euch beide! Dein Philipp, Agathe, ist ein Unmensch; kannst für ihn tun, was du willst, er liebt dich nicht. Wenn du dich nicht gegen ihn schützest, bringt dich der Elende noch aufs Stroh. Versprich mir deine Renten zu verkaufen, zu Geld zu machen und dann als Leibrente anzulegen. Joseph hat einen guten Beruf, der ihn ernähren wird. Tust du, wie ich dir sage, mein Herz, so fällst du Joseph nicht zur Last. Herr Desroches will jetzt seinen Sohn etablieren. Der kleine Desroches – dieser ›kleine‹ war sechsundzwanzig Jahre alt – hat eine Advokatur gefunden, er wird dir deine zwölftausend Franken auf Leibrente verzinsen.«

Joseph faßte nach dem Leuchter der Mutter und stieg geschwind in sein Atelier hinauf; mit dreihundert Franken kam er zurück: »Da, Mama Descoings,« sagte er und bot ihr seine Barschaft an, »was du mit deinem Gelde anfängst, darum haben wir uns nicht zu kümmern; wir sind dir schuldig, was dir fehlt; hier ist annähernd so viel.«

»Ich deinen kleinen Notschatz nehmen, die Frucht deiner Entbehrungen, die mir soviel Kummer machen! Bist du närrisch, Joseph?« rief die alte Aktionärin der königlich französischen Lotterie, sichtlich schwankend zwischen ihrem wilden Glauben an die Terne und der Scheu vor einer Handlung, die ihr wie Tempelschändung erschien.

»Oh! mach damit, was du willst«, sagte Agathe, zu Tränen gerührt von Josephs Geste.

Die Descoings umfaßte Josephs Kopf und küßte ihn auf die Stirn. »Verführ mich nicht, mein Kind. Ich würde doch wieder nur verlieren. Die Lotterie, das ist eine Dummheit!«

Nie ist ein heldenhafteres Wort gesprochen worden in den unbekannten Dramen des Privatlebens. Triumph der Liebe über ein eingewurzeltes Laster! In diesem Augenblick fingen die Glocken der Mitternachtsmesse zu läuten an.

»Und dann ist auch keine Zeit mehr«, fuhr die Alte fort.

»Und deine kabbalistischen Berechnungen?« wandte Joseph ein. Und der Großmütige stürzte sich über die Nummern, eilte die Treppe hinunter und lief davon, um den Einsatz zu besorgen. »Da geht er wirklich hin, der Herzensjunge!« rief die Spielerin. »Aber es soll alles ihm gehören. Es ist sein Geld!«

Zum Unglück hatte Joseph keine Ahnung, wo die Lotteriebüros lagen, die damals die Pariser Spieler so genau kannten, wie heutzutage die Raucher die Tabakverschleiße. Wie ein Verrückter lief er umher und sah nach den Laternen. Er fragte Vorübergehende nach den Lotteriebüros, und bekam zu hören, daß alle geschlossen waren; nur das an der Treppe zum Palais Royal bliebe mitunter etwas länger offen. Er flog zum Palais Royal: das Büro war geschlossen.

»Zwei Minuten früher hätten Sie Ihren Einsatz noch machen können«, sagte einer der Losverkäufer, die an der Treppe ihren Stand hatten und immer wieder die sonderbaren Worte ausriefen: »Zwölftausend Franken für vierzig Sous!« wobei sie fertiggestellte Lose feil hielten.

Beim Schein der Laterne und der Lichter des Café de la Rotonde besah Joseph die Lose der Händler, ob vielleicht die eine oder andre Nummer der Descoings darunter wäre, aber nicht eine fand sich. Vergebens hatte er nun alles, was er für die alte Frau tun konnte, getan, traurig kam er nach Hause und berichtete sein Mißgeschick. Agathe ging mit ihrer Tante in die Mitternachtsmesse von Saint-Germain-des-Prés. Joseph legte sich schlafen. Es gab kein Weihnachtsmahl. Die Descoings hatte den Kopf verloren, Agathe war trostlos. Spät standen die Frauen auf. Es schlug zehn Uhr, als die Descoings sich aufraffte, um das Frühstück zu machen, das erst um halb zwölf fertig wurde. Zu dieser Stunde erschienen auf den länglichen Rahmen über den Türen der Lotteriebüros die Nummern, die herausgekommen waren. Hätte die Descoings ihr Billet gehabt, so wäre sie um halb zehn in die Rue Neuve-des-Petits Champs gegangen, um ihr Schicksal zu erfahren, das sich in einem Hause neben dem Finanzministerium, da, wo jetzt das Theater Ventadour steht, entschied. An allen Ziehungstagen konnten dort die Neugierigen einen Haufen alter Weiber, Köchinnen, alter Männer angaffen, die in damaliger Zeit ein ähnliches Schauspiel abgaben, wie heutzutage die Kette der Rentner am Auszahlungstage vor dem Schatzamt.

»Sie sind aber reich geworden!« Mit diesen Worten trat der alte Desroches ein, gerade als die Descoings ihren letzten Schluck Kaffee trank.

»Wie?« rief die arme Agathe.

»Ihre Terne ist herausgekommen!« Er zeigte auf einem Stück Papier, wie es die Kassierer zu hunderten in der Holzmulde auf dem Zahltisch hatten, die Liste der Nummern.

Joseph las die Liste. Agathe las die Liste. Die Descoings las nichts. Sie war mit einem Schrei und entstelltem Gesicht umgefallen wie von einem Blitzschlag; Desroches und Joseph trugen sie auf ihr Bett. Agathe ging einen Arzt holen. Der Schlag hatte die Arme gerührt. Erst gegen vier Uhr nachmittags kam sie wieder zu sich. Ihr Arzt, der alte Haudry, meinte, sie müßte jedenfalls an die Ordnung ihrer irdischen Angelegenheiten und ihr Seelenheil denken. Sie hatte nur ein Wort gesprochen: »Drei Millionen!«

Desroches, den Joseph mit den nötigen Einschränkungen über die Umstände aufklärte, wußte ähnliche Geschichten von Spielern, die auch gerade an dem Tage, an dem sie ihren Einsatz versäumten, das Glück verfehlten; er sah ein, daß nach einer Ausdauer von zwanzig Jahren solch ein Schlag tödlich werden mußte. Um fünf Uhr, als gerade die tiefste Stille in dem kleinen Zimmer herrschte, in dem die Kranke, von Joseph zu Häupten und Agathe zu Füßen ihres Lagers bewacht, auf ihren Enkel wartete, den der alte Desroches holte, hallte auf der Treppe Philipps Schritt und das Geräusch seines Stockes.

»Da ist er! Da ist er!« schrie die Descoings. Sie saß aufrecht und konnte mit einmal die gelähmte Zunge rühren.

Der Schauder in der heftigen Bewegung der Kranken teilte sich Agathe und Joseph mit. Aber ihre Erwartungen wurden noch übertroffen von dem Anblick Philipps, der mit bläulich verfallendem Gesicht, mit tief geränderten, glanzlosen und doch stieren Augen, wankenden Schrittes erschien. Heftiges Fieber schüttelte ihn, seine Zähne klapperten.

»Schwere Not in Preußen!« rief er, »kein Brot und kein Brei, und Brand in der Kehle. Nu? Was ist los? Meine alte Descoings steckt im Bett und macht mir Augen groß wie Untertassen . . .«

»Schweigen Sie, Herr!« – Agathe erhob sich. – »Achten Sie wenigstens das Unglück, das Sie angerichtet haben.«

»Sie? Herr?« – Er sah die Mutter an. – »Das ist nicht hübsch von dir, mein kleines Mütterchen. Ist das die Liebe zu deinem Jungen?«

»Verdienen Sie es, geliebt zu werden? Wissen Sie nicht mehr, was Sie gestern getan haben? Bitte suchen Sie sich eine Unterkunft, bei uns können Sie nicht mehr bleiben . . . Von morgen an also,« setzte sie hinzu, »denn in dem Zustande, in dem Sie sich befinden, ist es schwer . . .« »mich hinauszusetzen, nicht wahr?« nahm er auf, »Ihr spielt hier wohl das Melodram vom ›Verbannten Sohn?‹ So dreht ihr die Geschichte! Ihr seid mir die Rechten! Was hab' ich denn Arges getan? Ich habe die Matratze der Alten einer kleinen Säuberung unterzogen. Teufel auch, Geld tut man nicht in die Bettdecken! Schuldet sie uns übrigens nicht zwanzigtausend Franken, die sie uns weggenommen hat? Da hab ich immer schon etwas einkassiert. Das ist mein ganzes Verbrechen.«

»Mein Gott! Mein Gott!« schrie die Sterbende mit betend erhobenen Händen.

»Schweig!« rief Joseph, stürzte sich auf den Bruder und legte ihm die Hand auf den Mund.

»Links schwenkt ein, Malerjunge!« – Philipp faßte mit starker Hand Josephs Schulter und drehte ihn, daß er auf einen Sessel fiel. »So zupft man einen Schwadronsrittmeister der kaiserlichen Gardedragoner nicht am Barte.«

Agathe erhob sich mit zornheißem Gesicht: »Sie hat mir doch alles wiedergegeben, was sie mir schuldete. Im übrigen geht das nur mich an, und Sie töten sie. Gehen Sie, mein Sohn« – sie brach fast zusammen von der Qual der Bewegung, mit der sie ihn hinauswies. »Erscheinen Sie nie mehr vor meinen Augen. Sie sind ein Ungetüm!«

»Ich sie töten?«

»Ihre Terne ist herausgekommen,« rief Joseph, »und du hast ihr den Einsatz gestohlen!«

»Wenn sie an zurückgetretener Terne krepiert, hab ich sie doch nicht umgebracht«, erwiderte der Betrunkene.

»Aber so gehen Sie doch,« sagte Agathe, »mir graust vor Ihnen und all Ihren Lastern. Mein Gott, ist das mein Sohn?«

Ein dumpfes Röcheln aus der Kehle der Descoings hatte Agathes Erregung noch gesteigert.

»Ich hab dich immer noch lieb, Mutter, und dabei bist du an meinem ganzen Unglück schuld«, sagte Philipp. »Du setzt mich am Weihnachtstag vor die Tür, am Geburtstag von . . . na, wie heißt er doch? . . . von Jesus! Was hast du eigentlich dem Großpapa Rouget angetan, deinem Vater, daß er dich weggejagt und enterbt hat? Hättest du ihn nicht geärgert, dann wären wir reich, und ich wäre nicht in das äußerste Elend geraten. Was hast du deinem Vater angetan, eine gute Frau wie du? Da kannst du sehen, ich kann ein guter Bursche sein und doch hinausgeworfen werden, ich, der Ruhm der Familie.«

»Die Schande!« rief die Descoings.

»Geh oder schlag mich tot!« rief Joseph und stürzte sich mit Löwenwut auf den Bruder.

Agathe warf sich zwischen die beiden.

In diesem Augenblick traten Bixiou und der Arzt Haudry ein. Joseph hatte den Bruder zu Boden gestreckt.

»Ein wildes Tier ist das«, sagte er. »Kein Wort mehr oder . . .«

»Das sollst du mir büßen«, heulte Philipp.

»Eine Familienauseinandersetzung?« fragte Bixiou.

»Helfen Sie ihm auf,« sagte der Arzt, »er ist ebenso krank wie die arme Frau; ziehen Sie ihn aus, bringen Sie ihn zu Bett, ziehen Sie ihm die Stiefel aus.«

»Leicht gesagt,« meinte Bixiou, »man muß sie ihm aufschneiden, seine Beine sind ganz geschwollen.«

Agathe nahm eine Schere. Als sie die Stiefel, die man damals über den enganliegenden Hosen trug, aufschnitt, rollten zehn Goldstücke auf den Boden.

»Da hat sie ihr Geld«, murmelte Philipp. »Ich verfluchtes Rindvieh, ich habe meine Reserve vergessen. Auch ich hab das Glück verratzt.«

Ein schreckliches Fieberdelirium ergriff ihn, er redete verworren. Der alte Desroches kam hinzu und half Joseph und Bixiou, den Unglücklichen in sein Zimmer zu schleppen. Der Doktor Haudry mußte ein paar Zeilen an das Krankenhaus der Charité schicken und eine Zwangsjacke erbitten. Philipps Delirium nahm Formen an, daß man fürchten mußte, er könnte sich in seiner Tobsucht töten.

Um neun Uhr wurde es wieder ruhig im Hause. Der Abbé Loraux und Desroches versuchten, Agathe, die am Bett ihrer Tante unaufhörlich weinte, zu trösten; kopfschüttelnd und unter hartnäckigem Schweigen hörte sie zu; was in ihrem wunden Herzen vorging, konnten nur Joseph und die Descoings ermessen.

»Er wird sich bessern, Mutter«, sagte Joseph, als endlich Bixiou und der alte Desroches gegangen waren.

»Ach!« rief die Witwe, »Philipp hat ganz recht. Mein Vater hat mich verflucht. Ich habe gar kein Recht, ich . . .« Sie tat Josephs dreihundert und die gefundenen zweihundert Franken zusammen und wandte sich an die Descoings: »Da ist das Geld.« Und dann zu Joseph: »Sieh zu, ob dein Bruder nicht etwas zu trinken braucht.«

»Wirst du ein Versprechen halten, das du am Sterbebette gibst?« fragte die Descoings, die ihr Bewußtsein abnehmen fühlte.

»Ja, liebe Tante.«

»Gut, dann schwöre mir, daß du dein Geld dem kleinen Descoings zur Anlage auf Leibrenten geben wirst. Mein Einkommen wird dir fehlen, und wenn ich dich reden höre, muß ich fürchten, daß du dich von dem Elenden da bis auf den letzten Blutstropfen aussaugen läßt.«

»Ich schwöre dir, Tante.«

Die alte Krämerin starb am 31. Dezember, fünf Tage nach dem furchtbaren Schlag, den der alte Desroches ihr in aller Unschuld versetzt hatte. Die fünfhundert Franken, und das war alles Geld, das es im Hause gab, reichten kaum hin, um die Begräbniskosten zu bestreiten. Die Witwe Descoings hinterließ nur etwas Silber und einige Möbelstücke, deren Gegenwert Frau Bridau dem Enkel der Verstorbenen gab. Desroches junior, der wegen einer rein nominellen Advokatur ohne Klientel unterhandelte und dazu Agathes Kapital von zwölftausend Franken brauchen konnte, richtete ihr eine Leibrente von achthundert Franken ein, auf die sich nunmehr ihre Einkünfte beschränkten. Agathe gab dem Hauswirte die Wohnung im dritten Stock zurück und verkaufte alles überflüssige Mobiliar. Als dann nach Verlauf eines Monats der kranke Philipp genas, erklärte Agathe ihm kalt, daß die Kosten der Krankheit alles flüssige Geld aufgezehrt hätten, und daß sie von nun an von ihrer Hände Arbeit leben müsse. Und dann forderte sie ihn in liebevollstem Tone auf, wieder in den Heeresdienst zu treten und sich selbst zu versorgen.

»Diese Predigt hättest du dir ersparen können«, sagte Philipp und traf die Mutter mit einem Blick, der von lauter Gleichgültigkeit leer und kalt geworden war. »Ich hab's schon gemerkt, daß ihr, du und mein Bruder, mich nicht mehr liebt. Jetzt bin ich allein auf der Welt; um so besser!«

Die arme Mutter war ins tiefste Herz getroffen.

»Werde der Liebe wert,« erwiderte sie, »und du wirst unsere Liebe wiedergewinnen.«

»Unsinn«, unterbrach er sie.

Er nahm seinen Stock, drückte sich den alten Hut mit den abgeschabten Rändern aufs Ohr und ging pfeifend die Treppe hinunter.

»Philipp, wohin willst du ohne Geld?« rief ihm die Mutter nach. Sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. »Da nimm . . .«

Sie reichte ihm hundert Franken Gold, in ein Papier eingewickelt. Philipp kam die Stufen wieder herauf und nahm das Geld.

»Willst du mich denn nicht küssen?« fragte sie, in Tränen zerfließend.

Er drückte die Mutter an das Herz, aber diesem Herzen fehlte der Zustrom des Gefühls, der einem Kuß erst Wert verleiht.

»Wo gehst du hin?« fragte sie.

»Zu Florentine, dem Giroudeau seiner Mätresse. Das sind Freunde!« antwortete er brutal.

Er war fort. Agathe kam in die Stube zurück, die Beine zitterten ihr, ihr Blick war getrübt, das Herz gepreßt. Sie warf sich auf die Knie und flehte Gott an, das unnatürliche Kind in seinen Schutz zu nehmen, und damit wollte sie die Last der Mutterschaft von sich abtun.

*

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