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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/balzac/junggese/junggese.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Einige Male hatte Philipp mit ehemaligen Kameraden im Restaurant diniert. Die alten Soldaten plauderten von ihren Angelegenheiten und kamen auf die Hoffnungen zu sprechen, die sich an den Bau eines Unterseebootes zur Befreiung des Kaisers knüpften. Unter den alten Getreuen war ein Gardedragonerrittmeister, namens Giroudeau, in dessen Kompagnie Philipp sich die Sporen verdient und den er besonders gern hatte. Der sorgte dafür, daß Philipps »Teufelskutsche«, wie Rabelais es genannt hat, komplett wurde, indem zu den drei Rädern Likör, Tabak und Kartenspiel ein viertes hinzukam. Anfang Februar nahm Giroudeau Philipp nach dem Essen mit in die Gaité in die Loge einer kleinen Theaterzeitung, die seinem Neffen Finot gehörte, bei dem er Kasse und Bücher führte. Nachdem die beiden weiland Kriegsmänner noch »einen hinuntergespült hatten«, wie sie es nannten und dabei einander die Herzen ausgeschüttet, traten sie in ihren breiten bis an die Fersen reichenden Überröcken mit den viereckigen Kragen, bis ans Kinn zugeknöpft, wie es die Mode der Offiziere von der Opposition gebot, und im Knopfloch die Rosette, Rohrstöcke mit Bleiknopf und Lederschleife in der Hand, in die Loge ein. Im seligen Nebel von Wein und Likör zeigte Giroudeau seinem Freunde auf der Bühne eine kleine üppige und bewegliche Figurantin, namens Florentine, deren Gunst und Zärtlichkeiten er ebenso wie die Loge der Allmacht der Zeitung verdankte.

»Sag mal, wieweit geht denn die Gunst dieser Schönen für so ein ergrautes Schlachtenroß wie dich?« fragte Philipp.

»Gottlob habe ich die alten Grundsätze unserer glorreichen Uniform nicht aufgegeben,« erwiderte Giroudeau. »Ich habe noch keinen roten Heller für ein Weib gezahlt.«

Philipp wollte das nicht für möglich halten. »Wie ich dir sage,« versicherte Giroudeau. »Allerdings spielt die Zeitung auch eine gewisse Rolle dabei. Morgen werden wir in zwei Zeilen der Direktion den Rat erteilen, Fräulein Florentine ein wenig Solo tanzen zu lassen. Kannst mir glauben, mein Söhnchen, ich bin sehr glücklich.«

Philipp wurde nachdenklich: »Wenn dieser brave Giroudeau mit seinem Schädel so blank wie ein Knie, seinen achtundvierzig Jahren, seinem Bauch, seinem Winzergesicht und der Kartoffelnase es zum Freunde einer Figurantin gebracht hat, müßte ich doch die erste Schauspielerin von Paris bekommen.« – »Wo findet man dergleichen?« sagte er laut zu Giroudeau. »Ich werde dich heut abend bei Florentine einführen. Obwohl meine Dulcinea nur fünfzig Franken Monatsgage hat, ist sie doch dank einem alten Seidenhändler, namens Cardot, der ihr fünfhundert im Monat gibt, ganz gut beieinander.«

»Gut, aber . . .« fing Philipp eifersüchtig an.

»Ach was!« meinte Giroudeau, »die wahre Liebe ist blind.«

Er führte seinen Freund nach der Vorstellung zu Fräulein Florentine, die zwei Schritt vom Theater in der Rue de Crussol wohnte.

»Nun aber Haltung,« mahnte er, »Florentine hat ihre Mutter da. Du begreifst, ich habe nicht die Mittel, ihr eine zu zahlen, und die Alte ist ihre wirkliche Mutter. Früher war sie Portierfrau, aber sie versteht's! Cabirolle heißt sie; nenne sie Madame. Darauf legt sie Wert.«

Florentine hatte an diesem Abend eine Freundin bei sich, eine gewisse Marie Godeschal, schön wie ein Engel und kalt wie eine Tänzerin, eine Schülerin von Vestris, der ihr eine große choreographische Zukunft prophezeite. Fräulein Godeschal wollte damals unter dem Namen Mariette im Panorama-Dramatique debütieren und rechnete auf die Gunst eines ersten Kammerjunkers, dem Vestris sie schon längst vorstellen sollte. Der große Tänzer, der immer noch in Blüte stand, fand seine Schülerin dafür noch nicht fertig genug. Die ehrgeizige Marie Godeschal machte ihren Künstlernamen Mariette berüchtigt; im übrigen aber war ihr Ehrgeiz sehr löblich. Sie hatte einen Schreiber bei Derville zum Bruder. Waisen waren die Geschwister und arm, sie liebten einander und kannten ihr Paris genau; er wollte Advokat werden, um der Schwester eine Position zu schaffen, und lebte von zehn Sous am Tage; sie war kühl entschlossen, Tänzerin zu werden und ihre Schönheit und ihre Beine zu gebrauchen, um dem Bruder ein Anwaltsbüro zu kaufen. Außerhalb ihrer gegenseitigen Zuneigung, ihrer Interessen und ihres Zusammenlebens war ihnen alles, wie einst den Römern und Hebräern, barbarisch, feindlich, fremd. Diese schöne und unerschütterliche Freundschaft machte Mariette ihren lntimen verständlich. Die Geschwister wohnten damals im achten Stockwerk eines Hauses der Rue Vieille du Temple. Seit ihrem zehnten Lebensjahr studierte Mariette und jetzt zählte sie sechszehn Lenze. Ach, dem zierlich trippelnden Persönchen fehlte es noch an der rechten Toilette und Pflege, und in ihrem Kaschmirschal aus Kaninchenfell, ihrem Kattunkleid und den derben Schuhen konnte diese Schönheit nur von gewissen Parisern erraten werden, die der Grisettenjagd und dem Aufspüren unglücklicher Schönheiten ergeben sind. Philipp verliebte sich in Mariette. Mariette sah in Philipp den Gardedragonermajor, den Ordonnanzoffizier des Kaisers, die Jugend und – das Vergnügen, Florentine zu übertreffen durch Philipps sichtliche Überlegenheit über Giroudeau. Florentine und Giroudeau, er, um seinen Kameraden glücklich zu machen, sie, um der Freundin einen Beschützer zu verschaffen, drängten Mariette und Philipp, eine »wilde Ehe« zu schließen, was auf pariserisch der »morganatischen Ehe« der Könige und Königinnen entspricht. Auf dem Heimweg vertraute Philipp dem Freunde den elenden Stand seiner Finanzen an, aber der alte Roué verstand ihn zu beruhigen.

»Ich werde meinem Neffen Finot von dir erzählen. Siehst du, Philipp, jetzt ist das Königreich der Zivilisten und der Phrase gekommen, dem müssen wir uns fügen. Heut regiert das Tintenfaß die Welt. Die Tinte hat das Pulver ersetzt und das Wort die Kugel. Na, immerhin sind diese kleinen Kröten, die Redakteure, recht pfiffig und dabei gute Burschen. Besuch mich morgen in der Redaktion; inzwischen hab ich meinem Neffen ein paar Worte über dich gesagt. Nach einer Weile bekommst du dann einen Posten bei irgendeiner Zeitung. Mariette, die dich in diesem Augenblick nimmt (darüber mach dir nichts vor), weil sie nichts hat, kein Engagement, keine Aussicht auf ein Debut – ich hab ihr gesagt, daß du bei einer Zeitung tätig sein wirst wie ich –, Mariette wird dir beweisen, daß sie dich nur um deiner selbst willen liebt, und du wirst ihr glauben! Mach es wie ich: sieh zu, daß sie, solang es dir irgend möglich ist, Figurantin bleibt! Kaum daß Florentine solo zu tanzen wünschte, hab ich in meiner Verliebtheit Finot gebeten, ihr ein Debut zu verschaffen; da hat mein Neffe mir gesagt: ›Nicht wahr, sie hat Talent? Mit dem ersten Soloschritt, den sie auf die Bühne setzt, setzt sie dich vor die Tür.‹ Da hast du den ganzen Finot. Der kennt sich aus.«

Am nächsten Tag um vier Uhr fand sich Philipp in einem schmalen Zwischenstock der Rue du Sentier ein. Wie ein wildes Tier im Käfig saß da Giroudeau in einer Art Hühnerstall zwischen Öfchen, Tischchen, zwei Stühlchen und ein paar Holzscheiten. Das Ganze nannte sich »Vertriebsbüro«, wie auf der Tür mit schwarzen Lettern pompös gedruckt stand. Außerdem las man noch das Wort »Kasse« mit der Hand geschrieben über dem Gitterkäfig. Längs der Mauer, dem Etablissement des Hauptmanns gegenüber, lief eine Bank, auf der gerade ein einarmiger Invalide frühstückte, den Giroudeau, wahrscheinlich wegen seines ägyptischen Teints, Koloquint anredete »Das sieht ja nett aus«, sagte Philipp umherblickend, »Und du, der den Sturmangriff des unglücklichen Obersten Chabert bei Eylau mitgeritten ist, was treibst du hier? Donnerwetter! Himmelkreuzdonnerwetter! Ein hoher Offizier! . . .«

»Na ja – wenn schon! – ein hoher Offizier, der Zeitungsquittungen ausschreibt«, sagte Giroudeau und rückte an seinem schwarzen Seidenkäppchen. »Ja, mehr noch, ich bin sogar verantwortlicher Redakteur dieser Späße.« Er zeigte auf das Blatt.

»Und ich, der ich mit nach Ägypten gegangen bin, ich gehe jetzt aufs Postamt«, sagte der Invalide.

»Still, Koloquint!« sagte Giroudeau. »Es steht einer vor dir, der des Kaisers Adjutant war in der Schlacht bei Montmirail!«

»Zur Stelle!« meldete sich Koloquint. »Dort habe ich meinen Arm verloren.«

»Koloquint, bewache die Bude, ich gehe zu meinem Neffen hinauf.«

Die beiden Offiziere a. D. gingen in das vierte Stockwerk hinauf, einen Gang zu Ende, und fanden in einer Dachkammer auf einem schlechten Kanapee einen jungen Menschen, der sie mit blaß-kalten Augen ansah. Ohne aufzustehen bot der Zivilist dem Onkel und dessen Freunde Zigarren an.

»Hier, mein Lieber,« fing Giroudeau sanft und bescheiden an, »bring ich dir den tapfern Schwadronführer, von dem ich dir erzählt habe.«

»Na, und?« Finots Blick maß Philipp, der wie Giroudeau vor dem Pressediplomaten alle Energie verlor. »Liebes Kind« – Giroudeau versuchte den Onkel herauszukehren – »der Oberst kommt aus Texas zurück.«

»So, Sie haben sich auch auf die Texasgeschichte eingelassen, auf die Freistätten. Dabei waren Sie für einen ›Ackersoldaten‹ doch noch ziemlich jung.«

Um die Schärfe dieses Witzes zu verstehen, muß man die Flut von Stichen, Ofenschirmen, Wanduhren, Bronzen und Gipsen erlebt haben, die der »Ackersoldat« hervorgebracht hat, ein Gleichnis des Schicksals Napoleons und seiner Helden, das in Gassenhauern und Operetten endete. Der »Ackersoldat« hat denen, die damit handelten, mindestens eine Million eingetragen. In entlegenen Provinzwinkeln findet man noch heute Ackersoldaten auf den Tapeten. Wäre der junge Mann nicht Giroudeaus Neffe gewesen, Philipp hätte ihm ein paar Ohrfeigen versetzt.

»Ja, ich hab mich darauf eingelassen und dabei zwölftausend Franken und meine Zeit verloren«, erwiderte Philipp und quälte sich ein Lächeln heraus.

»Und Sie lieben immer noch den Kaiser?« fragte Finot.

»Er ist mein Gott«, antwortete Philipp Bridau.

»Sie sind liberal?«

»Ich werde immer der konstitutionellen Opposition angehören. Foy, Manuel, Laffitte! Das sind meine Leute! Die werden uns von den Elenden befreien, die die Fremden wieder ins Land gebracht haben.«

»Gut«, meinte Finot kalt. »Dann kommt es darauf an, Ihr Unglück auszuschlachten; Sie sind ein Opfer der Liberalen, mein Lieber! Sie können ruhig liberal bleiben, wenn Sie an Überzeugungen hängen. Aber Sie müssen den Liberalen drohen, Sie würden die Texasdummheiten enthüllen. Von der Nationalsubskription haben Sie keinen roten Heller gekriegt, nicht wahr? Nun, dann sind Sie gut dran! Fordern Sie Rechenschaft über die Subskription. Wissen Sie, was dann passieren wird? Die Abgeordneten der Linken lassen jetzt gerade ein neues Oppositionsblatt gründen; da werden Sie Kassierer, mit tausend Taler Gehalt, ein Dauerposten. Sie brauchen sich nur zwanzigtausend Franken Kaution zu verschaffen und in acht Tagen sind Sie untergebracht. Ich werde den Leuten raten, sich Ihre Kritik vom Halse zu schaffen, indem Sie Ihnen den Posten anbieten. Aber erst müssen Sie schreien und zwar laut!«

Philipp erschöpfte sich in Dankesworten. Dann ließ Giroudeau ihn ein paar Schritt vorangehen und sagte zu seinem Neffen: »Na, hör mal, du bist komisch! . . . Mir gibst du zwölfhundert Franken und . . .«

»Die Zeitung lebt ja nicht ein Jahr«, antwortete Finot. »Für dich hab ich was Besseres.«

»Potztausend«, sagte Philipp zu Giroudeau. »Ein heller Kopf, dein Neffe. Darauf wäre ich nicht gekommen, mein Unglück auszuschlachten.«

Abends im Café Minerva und im Café Lemblin wetterte der Oberst Philipp gegen die Liberalen, die Subskriptionen veranstalten, einen nach Texas schicken, verlogenes Zeug vom »Ackersoldaten« schwatzen, den Braven im Elend sitzen lassen, nachdem sie ihm seine zwanzigtausend Franken weggefressen und ihn zwei Jahre lang nasgeführt haben. »Ich werde Rechenschaft fordern über die Freistättensubskription«, sagte er zu einem Stammgast des Cafés Minerva, und der erzählte es den Journalisten der Linken weiter.

Philipp ging nicht nach Hause, sondern zu Mariette mit der großen Neuigkeit von seiner künftigen Mitarbeiterschaft an einer Zeitung mit zehntausend Abonnenten, in der ihre choreographischen Ansprüche aufs wärmste befürwortet werden würden. In Todesangst erwarteten Agathe und die Descoings Philipp, denn gerade war der Herzog von Berry ermordet worden. Am nächsten Morgen erschien der Oberst kurz nach dem Frühstück. Als die Mutter ihn fühlen ließ, wie sehr seine Abwesenheit sie beunruhigt hatte, wurde er wütend und fragte: »Bin ich denn minderjährig? – Schockschwerenot! ich komme mit einer guten Botschaft und ihr macht Leichenbittermienen. Der Herzog von Berry ist tot, um so besser! Wieder einer weniger. Ich werde Kassierer einer Zeitung mit tausend Talern Gehalt, und ihr seid die Sorgen um mich los.«

»Ist es möglich?« sagte Agathe.

»Ja, ihr braucht nur zwanzigtausend Franken Kaution für mich zu stellen; es genügt, daß ihr eure Staatsrente von dreizehnhundert Franken deponiert, eure Halbjahrszinsen bekommt ihr weiter.«

Seit fast zwei Monaten hatten sich die beiden Witwen umgebracht, um herauszubekommen, was Philipp anstellte, und wie man ihm einen Posten schaffen könnte. Die neue Aussicht machte sie nun so glücklich, daß sie die vielen Katastrophen der Gegenwart vergaßen. Abends kamen die Weisen Griechenlands, der alte Du Bruel, der kränkelnde Claparon und der starre Desroches senior; einstimmig rieten sie der Witwe, die Kaution für ihren Sohn zu stellen. Die Zeitung war zum Glück vor der Ermordung des Herzogs von Berry gegründet worden und entging dem Schlage, den jetzt Decazes gegen die Presse führte. Die Rente der Witwe Bridau wurde als Kaution für den zum Kassierer ernannten Philipp deponiert. Alsbald versprach der gute Sohn, den beiden Witwen für Wohnung und Verpflegung monatlich hundert Franken zu geben, und war nun der Allerbeste. Alle, die Agathe Böses von ihm prophezeit hatten, beglückwünschten sie zu ihrem Musterkind.

»Wir hatten ihn nicht richtig erkannt«, erklärte sie. Der arme Joseph wollte nicht hinter seinem Bruder zurückbleiben und versuchte, den eignen Unterhalt selbst zu verdienen, was ihm auch gelang. Drei Monate vergingen, ohne daß der Oberst, der für viere aß und trank, anspruchsvoll war und mit Hinweis auf seine Kostgelder die beiden Witwen zu Ausgaben für die Tafel verführte, einen roten Heller gezahlt hätte. Sowohl die Mutter wie die Descoings waren zu zartfühlend, um ihn an sein Versprechen zu erinnern. Das Jahr ging vorüber und noch war keiner von den »Tigern mit fünf Tatzen«, wie Léon Gozlan diese Münzen so kräftig benannt hat, aus Philipps Tasche in den Haushalt gewandert. Er selbst hatte allerdings ein Beruhigungsmittel gegen Gewissensbisse gefunden: er aß nur selten zu Hause.

»Nun ist er doch glücklich,« sagte die Mutter, »nun hat er Ruhe, hat einen Posten!«

Das Feuilleton, welches Vernou, ein Freund von Bixiou, Finot und Giroudeau redigierte, verschaffte Mariette ihr Debut, zwar nicht im Panorama-Dramatique, sondern an der Porte Saint-Martin, wo sie neben der Bégrand mit Erfolg auftrat. Zu den Direktoren dieses Theaters gehörte ein reicher, groß auftretender Stabsoffizier, der einer Schauspielerin zuliebe Impresario geworden war. Solche Leute, die aus Liebe zu Schauspielerinnen, Tänzerinnen oder Sängerinnen Theaterdirektoren werden, finden sich häufig in Paris. Der Stabsoffizier kannte Philipp und Giroudeau. Mit Hille von Finots und Philipps Zeitungen wurde Mariettes Debut von den drei Offizieren ins Werk gesetzt. Die Solidarität aller leidenschaftlichen Toren beschleunigte den Vorgang. Boshaft hinterbrachte Bixiou seiner Großmutter und der frommen Agathe, daß der Kassierer Philipp, der Bravste der Braven, Mariette, die berühmte Tänzerin an der Porte Saint-Martin, liebte. Diese schon nicht mehr neue Neuigkeit traf die beiden Witwen wie ein Blitzschlag; einmal waren für Agathes religiöses Empfinden alle Damen vom Theater Höllenbrände, und dann meinten beide, daß solche Frauen im Gold wühlten, Perlen tranken und Riesenvermögen ruinierten.

»Ach, Mutter,« sagte Joseph, »glaube doch nicht, daß mein Bruder so töricht wäre, seiner Mariette Geld zu geben! Diese Frauen richten nur die Reichen zugrunde.«

»Mariette soll übrigens an der Oper engagiert werden, erzählt man sich«, berichtete Bixiou. »Sie brauchen keine Furcht zu haben, Frau Bridau, an der Porte Saint-Martin verkehrt die hohe Diplomatie, dies schöne Kind wird nicht lange bei Ihrem Sohne bleiben. Es soll ein Gesandter in Mariette sterblich verliebt sein. Noch etwas Neues: der alte Claparon ist gestorben, er wird morgen begraben, sein Sohn, der Herr Bankier, der mit Gold und Silber spielt, hat ein Begräbnis dritter Klasse bestellt. Dieser Jüngling ermangelt der Erziehung.«

Philipp war gierig, sich die Tänzerin zu sichern; er bot ihr die Ehe an. Aber am Tage vor ihrer Aufnahme in die Oper wies Fräulein Godeschal ihn zurück, vielleicht, weil sie ihn durchschaute, vielleicht weil sie begriff, wie notwendig für ihre Karriere die Freiheit war. Den Rest des Jahres besuchte Philipp seine Mutter höchstens zweimal im Monat. Wo war er? In seinem Büro, im Theater, bei Mariette? In die Stuben der Rue Mazarine drang kein Schimmer von seinem Treiben. Giroudeau aber, Bixiou, Vernou und Lousteau kannten sein lustiges Leben. Philipp war auf allen Festen der Tullia, des großen Opernsterns, bei Florentine, Mariettes Nachfolgerin an der Porte Saint-Martin, bei Florine und ihrem Matifat, Coralie und ihrem Camusot. Hatte er um vier Uhr seine Kasse geschlossen, so wurde gebummelt bis Mitternacht; täglich wurde etwas verabredet für den nächsten Tag, irgend jemand lud immer zum Diner, zum Spiele, zum Souper ein. Da war Philipp in seinem Element. Dieser Karneval, der achtzehn Monate dauerte, brachte aber auch seine Sorgen mit sich.

Bei ihrem ersten Auftreten an der Oper im Januar 1821 eroberte die schöne Mariette einen der glänzendsten Herzöge am Hofe Ludwigs XVIII. Philipp wollte den Kampf mit dem Herzog aufnehmen. Aber, obwohl er Glück im Spiel hatte, zwang ihn doch die Leidenschaft, bei den Quartalzahlungen im Monat April in die Kasse der Zeitung zu greifen. Im Mai schuldete er elftausend Franken. In diesem verhängnisvollen Monat reiste Mariette nach London, um dort die Lords auszubeuten, so lange an dem provisorischen Opernsaal im Hotel Choiseul, Rue Le Pelletier, gebaut wurde. Mit Philipp war es, wie das so geschieht, so weit gekommen, daß er Mariette trotz ihrer offenkundigen Untreue liebte; sie aber sah in ihm nur einen derben geistlosen Haudegen, die erste Stufe ihres Anstiegs, auf der sie nicht lange verweilen wollte. Und als sie nun auch den Augenblick kommen sah, an dem Philipp kein Geld mehr haben würde, hatte sie sich bereits nach andern Helfern in der Zeitungswelt umgetan, die ihr Philipps Erhaltung erübrigten; immerhin bewahrte sie ihm die besondre Dankbarkeit der Frauen ihrer Art für den ersten, der ihnen den Qualenweg des Bühnenlebens ebnet.

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