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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Den ganzen nächsten Morgen schwatzten die Frauen vor den Türen. Die erstaunlichen Umwälzungen im Hause Rouget waren das einzige Stadtgespräch. Und alle Unterhaltungen endeten mit der gleichen Frage: Was wird es morgen auf dem Krönungsbankett zwischen Max und dem Obersten Bridau geben?

Zu der Védie sagte Philipp nur: »Sechshundert Franken Leibrente oder adieu!« Das zwang sie zu augenblicklicher Neutralität zwischen den beiden Großmächten Philipp und Flora.

Da Flora ihren Max in Lebensgefahr wußte, wurde sie zu dem alten Rouget liebenswürdiger als selbst in den ersten Tagen ihres Zusammenseins. Bewußte Verstellung wirkt auf Verliebte oft stärker als wahres Gefühl, daher bezahlen so viele Männer reichlich die geschickten Betrügerinnen. Die Käscherin erschien erst zum Frühstück an Rougets Arm. Als sie auf Gilets Platz den grimmigen Philipp sah mit seinem düster blauen Blick und seiner kalten Miene, traten ihr Tränen in die Augen.

»Was haben Sie, mein Fräulein?« fragte er, nachdem er dem Onkel guten Morgen gewünscht hatte.

»Ach, lieber Neffe, sie kann den Gedanken nicht ertragen, daß du dich mit dem Major Gilet schlagen könntest . . .«

»Ich habe nicht die geringste Lust, diesen Gilet zu töten, er braucht ja nur Issoudun zu verlassen und sich nach Amerika einzuschiffen. Ich bin der erste, der Ihnen rät, ihn mit dem Nötigen zu versehen, damit er sich möglichst die besten Waren kaufen kann, und wünsche ihm gute Reise! Er wird drüben sein Glück machen, das ist besser als nachts in der Stadt Issoudun üble Streiche zu begehen und hier im Hause den Teufel zu spielen.«

»Nun, das ist doch ein guter Gedanke!« sagte Rouget und sah Flora fragend an.

»Nach A . . . me . . . ri . . . ka!« schluchzte sie.

»Besser in New York lebendig herumlaufen, als in Frankreich in einem hölzernen Rock verfaulen. – Übrigens behaupten Sie ja, daß er ein gewandter Fechter ist: er kann mich töten!«

»Wollen Sie mich mit ihm sprechen lassen?« fragte Flora demütig und unterwürfig.

»Gewiß, er kann kommen und sich seine Sachen holen; nur muß ich bei dem Onkel bleiben die ganze Zeit, ich verlasse den Guten nicht mehr.«

»Védie,« rief Flora, »lauf in die Post, mein Kind, und sag dem Major, ich bitte ihn . . .«

». . . herzukommen und seine Sachen zu holen«, schnitt Philipp ihr das Wort ab.

»Ja, ja, Védie, das gibt den anständigsten Vorwand für ihn, mich zu sehen, ich will ihn sprechen . . .«

Sie sah sich einem starken und unerbittlichen Wesen gegenüber, sie, die nur an Schmeichelei gewöhnt war. Sie ließ sich von Philipp behandeln wie sie den alten Rouget behandelt hatte. Ihre Angst wurde größer als ihr Haß. Bangend erwartete sie die Rückkehr der Védie. Aber die Védie überbrachte eine förmliche Weigerung Gilets: er ließ Fräulein Brazier bitten, ihm seine Sachen in das Gasthaus zur Post zu schicken.

»Erlauben Sie, daß ich sie ihm bringe?« fragte Flora den alten Rouget.

»Ja, aber du wirst doch wiederkommen?« fragte Jean-Jacques.

»Wenn das gnädige Fräulein nicht bis zwölf Uhr zurückgekommen ist, werden Sie mir um ein Uhr Ihre Vollmacht zum Verkauf der Renten geben«, sagte Philipp mit einem Blick auf Flora. »Nehmen Sie die Védie mit, das macht sich besser, mein Fräulein. Sie müssen von nun an auf die Ehre meines Onkels Rücksicht nehmen.«

Flora erreichte nichts bei Maxence. Er war verzweifelt darüber, daß die Stadt hinter seine Heimlichkeiten gekommen war, und zu stolz, um vor Philipp zu fliehen. Vergebens bekämpfte die Käscherin seine Gründe, vergebens schlug sie dem Freunde vor, mit ihr nach Amerika zu fliehen. Er wollte sie nicht ohne Rougets Geld, und das konnte er ihr nicht gestehen; so blieb er bei seinem Entschluß, Philipp zu töten. »Wir haben eine mächtige Dummheit begangen«, sagte er. »Alle drei hätten wir den Winter über nach Paris gehen sollen; aber wie konnte man darauf kommen, daß dieser lange Lümmel so schnell alles auf den Kopf stellen würde? Das geht ja mit betäubender Geschwindigkeit. Ich hielt den Obersten für einen simplen Draufgänger, der keine zwei Gedanken im Kopfe hat: das war mein Fehler. Da ich ihm nun einmal nicht gleich im Anfang entwischt bin, wäre es jetzt feige von mir, auch nur einen Fußbreit zurückzuweichen; er hat meinen Ruf in der Stadt ruiniert, nur durch seinen Tod kann ich mich rehabilitieren.

»Reise nach Amerika mit vierzigtausend Franken; ich werde mir den wüsten Kerl schon vom Halse schaffen, dann komm ich dir nach; das ist das Gescheiteste . . .«

»Was soll man von mir denken? Nein! Neun habe ich schon unter die Erde gebracht. Der Bursche scheint mir nicht sehr stark zu sein. Er ist von der Schule gleich in die Armee gekommen, ist bis 1815 immer im Feld und nachher in Amerika gewesen; nie hat der Kerl einen Fuß in den Fechtsaal gesetzt. Ich habe mit dem Säbel nicht meinesgleichen. Der Säbel ist seine Waffe, ich bin der Großmütige, wenn ich sie ihm anbiete, denn ich will zusehen, daß ich der Beleidigte werde, und dann werde ich ihn niederschlagen. So ist es sicher besser. Beruhige dich: übermorgen sind wir die Herren.«

Der törichte Ehrenpunkt gewann bei Max die Oberhand über die gesunde Politik. Heimgekommen, schloß sich Flora in ihr Zimmer ein, um nach Herzenslust zu weinen. Den ganzen Tag lief der Stadtklatsch durch Issoudun, man betrachtete das Duell zwischen Philipp und Maxence als unvermeidlich.

»Wir sind in großer Sorge,« sagte Mignonnet, der auf seinem Spaziergange mit Carpentier Herrn Hochon traf, zu dem alten Herrn, »Gilet ist in allen Waffen sehr gewandt.«

»Tut nichts,« erwiderte der alte Provinzdiplomat, »Philipp hat seine Sache gut geführt . . . Ich hätte nicht geglaubt, daß so ein ungehobelter Gesell so geschwind zum Ziele käme. Diese beiden Burschen sind aufeinander losgerollt wie zwei Gewitter . . .«

»Philipp ist ein tiefangelegter Mensch,« meinte Carpentier, »seine Haltung vor dem Pairshof war ein Meisterstück der Diplomatie.«

»Es heißt doch immer, die Wölfe fressen sich nicht gegenseitig auf,« meinte ein Bürger zum Hauptmann Renard, »trotzdem scheint Ihr Maxence mit dem Obersten Bridau anbinden zu wollen. Das kann ernst werden bei zweien von der alten Garde.«

»Sie lachen darüber. Weil dieser arme Bursche sich nachts amüsierte, sind Sie gegen ihn«, sagte der Major Potel. »Aber von einem Manne wie Gilet können Sie nicht verlangen, daß er es in einem Neste wie Issoudun aushält, ohne etwas zu unternehmen!«

»Meine Herren,« sagte ein vierter, »mußte der Oberst nicht seinen Bruder rächen? Denken Sie doch, wie schändlich sich Max mit dem armen Kerl damals benommen hat.«

»Ach, das war nur ein Künstler«, sagte Renard.

»Aber, es geht doch um die Erbschaft des alten Rouget. Wie man sagt, wollte sich Gilet gerade, als der Oberst zu seinem Onkel zog, der fünfzigtausend Franken Rente bemächtigen.«

»Gilet einem andern Renten stehlen? Lassen Sie so etwas anderswo nicht verlauten, Herr Ganivet,« rief Potel, »sonst geben wir Ihnen Ihre Zunge zu schlucken und ohne Soße!«

In den gutbürgerlichen Häusern betete man für den würdigen Obersten Bridau.

Die Offiziere der kaiserlichen Armee aus Issoudun und Umgegend gingen am nächsten Tage um vier Uhr auf dem Marktplatz vor dem Restaurant Lacroix spazieren und erwarteten Philipp Bridau. Auf punkt fünf Uhr war das Bankett zur Feier der Kaiserkrönung angesetzt. Auch die einfachen Soldaten hatten ein Zusammensein in einer Weinschenke am Platze verabredet. Alle Gruppen sprachen von Gilet und seiner Verstoßung aus dem Hause Rouget. Unter den Offizieren waren Potel und Renard die einzigen Verteidiger ihres Freundes.

»In Erbschaftsstreitigkeiten soll man sich nicht einmischen«, sagte Renard.

»Gegen das schöne Geschlecht ist Max schwach«, bemerkte der Zyniker Potel.

»Also man wird blankziehen nachher«, meinte ein ehemaliger Unterleutnant, der jetzt Gemüsegärtner im oberen Baltan war. »Da Herr Maxence Gilet nun einmal die Dummheit begangen hat, bei dem alten Rouget zu wohnen, wäre es eine Feigheit von ihm, sich wie ein Dienstbote wegjagen zu lassen, ohne Genugtuung zu verlangen.«

»Eine Dummheit mit üblen Folgen wird zum Verbrechen«, erwiderte Mignonnet trocken.

Das Schweigen, mit dem Max, der nun zu den alten Kriegern Napoleons stieß, empfangen wurde, war recht bezeichnend. Potel und Renard nahmen ihren Freund in die Mitte und gingen Arm in Arm, mit ihm plaudernd, auf und ab. Da sah man von weitem schon Philipp in Galauniform erscheinen. Seine lässige Art, den Stock nachschleifen zu lassen, kontrastierte mit Maxences gezwungener Aufmerksamkeit auf die Reden seiner beiden letzten Freunde. Philipp wurde von Mignonnet, Carpentier und mehreren andern mit herzlichem Händedruck empfangen. Dieser Anblick vertrieb aus Maxences Geist das bißchen feige Vernunft, das Floras Bitten und mehr noch ihre Zärtlichkeiten beschworen hatten. »Wir werden uns schlagen,« sagte er zum Hauptmann Renard, »und zwar auf Leben und Tod! Redet mir nicht herein, laßt mich meine Rolle spielen.« Nach diesen in fiebrischem Tone gesprochenen Worten mischten sich die drei wieder in die Gruppen der Offiziere. Max grüßte Bridau zuerst. Philipp erwiderte den Gruß mit kältestem Blick.

»Zu Tische, meine Herren«, rief Major Potel.

»Wir trinken auf den ewigen Ruhm des kleinen Korporals, der jetzt im Paradies der tapfern Burschen ist«, rief Renard.

Man verstand die Absicht des kleinen Infanteriehauptmanns. Bei Tische würde man weniger gezwungen sein. Man stürzte in den tiefen niederen Saal des Restaurants. Jeder nahm schnell seinen Platz ein. Die beiden Gegner saßen, wie Philipp es gewünscht hatte, einander gegenüber. Vor der Tür gingen junge Leute aus der Stadt, darunter einige ehemalige Ritter vom Müßiggange, in unruhiger Erwartung auf und ab und unterhielten sich von der kritischen Lage, in die Philipp den Maxence Gilet gebracht hatte. Man beklagte die Feindschaft, sah aber das Duell als unvermeidlich an. Bis zum Dessert ging alles gut, obschon die beiden Helden mitten in der schwungvollen Feststimmung eine gespannte und etwas unruhige Aufmerksamkeit bewahrten. Beide erwarteten und erwogen die Gelegenheit für den Ausbruch des Streites; dabei zeigte sich Philipp erstaunlich kaltblütig, Max überlustig; aber für die Augen der Kenner spielten beide eine Rolle.

Als das Dessert aufgetragen wurde, sagte Philipp: »Füllen Sie Ihre Gläser, meine Freunde! Ich erbitte die Erlaubnis, die erste Gesundheit auszubringen.«

»›Meine Freunde‹ hat er gesagt; laß dein Glas leer«, sagte Renard Maxence ins Ohr.

Max schenkte sich ein.

»Auf die Große Armee!« rief Philipp mit aufrichtiger Begeisterung.

»Auf die Große Armee!« wiederholten alle wie aus einem Munde.

Da sah man auf der Schwelle des Saals mehrere einfache Soldaten erscheinen, darunter Benjamin und Kouski, die wiederholten: »Auf die Große Armee!«

»Kommt herein, Kinder! Wir wollen ›seine‹ Gesundheit trinken«; sagte der Major Potel.

Die Kaisersoldaten kamen herein und stellten sich hinter die Stühle der Offiziere.

»Siehst du wohl, er ist nicht tot!« sagte Kouski zu einem alten Sergeanten, der vermutlich die endlich beendete Agonie des Kaisers beklagt hatte.

»Ich erbitte mir den zweiten Toast«, sagte der Major Mignonnet und erhob sich.

»Ich trinke auf die, die versucht haben, ›seinen‹ Sohn wieder auf den Thron zu setzen«, sagte Mignonnet. Alle, außer Maxence Gilet, tranken Philipp Bridau zu.

»Jetzt bin ich dran«, sagte Max und erhob sich.

»Max ist dran! Max!« rief es draußen. Tiefe Stille entstand im Saal und auf dem Platz; bei Gilets Charakter war jetzt die Provokation zu erwarten.

»Mögen wir uns ›alle‹ im nächsten Jahr an solch einem Tage wiedertreffen!« Und Max trank Philipp ironisch zu.

»Jetzt wird's«, sagte Kouski zu seinem Nachbarn.

»Solche Bankette wie unseres hat Ihnen in Paris die Polizei nicht gestattet«, wandte sich Major Potel an Philipp.

»Was redest du da zum Teufel dem Obersten Bridau von der Polizei?« fragte Maxence Gilet frech.

»Major Potel hat sich nichts Boshaftes dabei gedacht wie andre«, sagte Philipp mit bösem Lächeln. Es wurde so still im Saal, daß man eine Fliege hätte summen hören können. – »Die Polizei muß wohl Angst vor mir haben,« fuhr Philipp fort, »warum hätte sie mich sonst nach Issoudun geschickt? Ich habe zwar hier zu meiner Freude alte Kumpane gefunden; aber sonst gibt's nicht viel Unterhaltung hier, muß ich gestehen. Für einen, der gewissen Spielen nicht abgeneigt ist, ist es hier schlecht um mich bestellt. Na, ich werde sparen für die Pariser Fräulein. Ich gehöre nicht zu denen, die aus den weichen Federbetten noch Renten beziehen, mich hat Mariette von der Großen Oper tolle Summen gekostet.«

»Geht das, was Sie sagen, auf mich, mein lieber Oberst?« fragte Max und schoß auf Philipp einen wie mit Elektrizität geladenen Blick.

»Nehmen Sie es, wie Sie wollen, Major Gilet.«

»Oberst, hier meine beiden Freunde, Renard und Potel, werden sich morgen verständigen mit . . .«

». . . mit Mignonnet und Carpentier«, fiel Philipp ihm ins Wort und wies auf seine Nachbarn. –

»Jetzt wollen wir weiter Gesundheiten ausbringen«, sagte Max.

Keiner der beiden Gegner war aus dem üblichen Tonfall der Unterhaltung gefallen; feierlich war nur das Schweigen, mit dem sie die Zuhörer umgaben.

»Ihr da« – Philipp warf den einfachen Soldaten einen Blick zu –, »denkt daran, daß unsere Angelegenheiten die Bürger nichts angehen! . . . Kein Wort über das, was es hier gab. Das bleibt unter denen von der alten Garde.«

»Sie werden die Instruktion befolgen, Oberst«, sagte Renard, »dafür steh ich ein.«

»Hoch lebe ›sein‹ Kleiner! Der künftige Kaiser der Franzosen!« rief Potel.

»Nieder mit England!« schrie Carpentier.

Dieser Toast tat wunderbare Wirkung.

»Schande und Schmach über Hudson Lowe!« sagte der Hauptmann Renard.

Das Dessert nahm einen ausgezeichneten Verlauf unter reichlichen Libationen. Die beiden Gegner und ihre vier Zeugen setzten ihre Ehre darein, daß dies Duell, bei dem ein mächtiges Vermögen auf dem Spiele stand und in dem sich zwei so hervorragend tapfere Männer maßen, nichts mit gewöhnlichen Händeln gemein habe. Zwei englische Gentlemen hätten sich nicht besser aufführen können als Max und Philipp. Die Erwartungen der jungen Leute und Bürger draußen auf dem Platz wurden enttäuscht. Als echte Soldaten wahrten alle Tischgenossen das tiefste Geheimnis über die Episode beim Dessert. Um zehn Uhr wußten beide Gegner bereits, daß die verabredete Waffe der Säbel war. Als Stätte für die Begegnung wurde der Chorumgang der Kapuzinerkirche ausersehen, als Stunde acht Uhr morgens. Goddet, der als ehemaliger Stabsarzt am Bankett teilnahm, wurde ersucht, dem Waffengang beizuwohnen. Die Zeugen bestimmten, daß der Kampf unter keinen Umständen länger als zehn Minuten dauern sollte. Um elf Uhr abends brachte zur großen Überraschung des Obersten Herr Hochon seine Frau zu ihm, gerade, als Philipp zu Bett gehn wollte.

»Wir wissen, was geschieht,« sagte die alte Dame mit Tränen in den Augen, »ich bitte Sie, gehn Sie morgen früh nicht aus, ohne zuvor gebetet zu haben . . . Erheben Sie Ihre Seele zu Gott.«

»Gewiß, gnädige Frau«, erwiderte Philipp auf ein Zeichen hin, das ihm der Alte hinter dem Rücken seiner Frau machte.

»Noch eins,« sagte Agathes Patin, »ich setze mich an die Stelle Ihrer armen Mutter, und so habe ich mich von dem Kostbarsten, was ich besitze, getrennt. Da!« – und sie reichte Philipp einen Zahn hin, der aus ein Stück schwarzen goldgestickten Samt befestigt war, an das sie zwei grüne Bänder genäht hatte; nachdem sie ihm diese Kostbarkeit gezeigt hatte, tat sie sie wieder in ein Beutelchen. – »Es ist eine Reliquie, die von der heiligen Solange, der Patronin des Landes Berry, stammt; ich habe sie aus der Revolution gerettet; behalten Sie dies morgen früh auf der Brust.«

»Kann das gegen Säbelhiebe schützen?« fragte Philipp. Die alte Dame bejahte.

»Solches Zeug kann ich ebensowenig auf mir haben wie einen Panzer«, rief Agathes Sohn.

»Was meint er?« fragte Frau Hochon ihren Mann.

»Er sagt, das sei gegen die Regeln«, antwortete der alte Hochon.

»Nun gut, sprechen wir nicht mehr davon. Ich werde für Sie beten«, erklärte die alte Dame.

»Ei, gnädige Frau, ein Gebet und ein guter Hieb, die können nicht schaden«, sagte der Oberst und fuhr mit der Hand durch die Luft, als durchbohrte er dem alten Hochon das Herz.

Die alte Dame küßte den schrecklichen Philipp auf die Stirn. Dann ging sie hinunter und gab Benjamin zehn Taler, ihr ganzes Geld, damit er die Reliquie in Philipps Hosentasche nähte. Benjamin tat es, nicht weil er an den Zauber dieses Zahnes glaubte – er meinte, sein Herr habe kräftigere Zähne, um seinen Feind zu packen, – sondern aus Pflichtgefühl für so hohen Lohn. Frau Hochon aber blieb voll Vertrauen auf die heilige Solange zurück.

Am nächsten Morgen, dem dritten Dezember, erschien um acht Uhr unter grauem Himmel Max mit seinen beiden Zeugen und dem Polen auf dem kleinen Rasen hinter dem Chor der ehemaligen Kapuzinerkirche.

Dort trafen sie Philipp mit seinen Zeugen und Benjamin. Potel und Mignonnet maßen vierundzwanzig Fuß ab. Die beiden Soldaten zogen an den Enden dieser Distanz mit einem Spaten Linien, hinter die die Duellanten nicht zurückweichen durften. Jeder der beiden mußte sich auf seine Linie stellen, um dann auf das Kommando der Zeugen nach Belieben vorzurücken.

»Legen wir den Rock ab?« fragte Philipp kühl.

»Gern, Oberst«, erwiderte Maxence im kecken Rauferton.

Sie behielten nur die Hosen an; rosig schimmerte das Fleisch durch das Gewebe der Hemden, ihre Säbel waren von gleichem Gewicht, drei Pfund, und gleicher Länge, drei Fuß. Sie hielten die Klingen gesenkt und warteten auf das Signal. Beide waren ganz ruhig, trotz der Kälte bebte kein Muskel an ihnen, sie standen wie aus Bronze. Goddet, die vier Zeugen und die beiden Soldaten überlief ein Schauer der Bewunderung.

»Das sind stolze Gesellen! –« Dieser Ausruf entfuhr dem Major Potel.

Im Augenblick, als das Signal gegeben wurde, bemerkte Max das düstere Haupt Farios, der dem Kampf durch das Loch zusah, welches die Ritter im Kirchendach gemacht hatten, um die Tauben in sein Magazin zu bringen. Die beiden Augen entsandten Feuerströme von Haß und Rache und blendeten Max. Der Oberst ging gerade auf den Gegner los und blieb dabei in vorteilhafter Deckung. Die Kenner der Mordkunst wissen, daß der geschicktere von zwei Fechtern die ›obere Straße‹ nimmt, womit sie die hohe Deckung bezeichnen. Diese Stellung, die dem Fechter erlaubt, den Gegner abzuwarten, beweist einen Duellanten ersten Ranges, und so überkam Maxence gleich das Gefühl seiner Unterlegenheit und richtete in ihm die Zerstreuung der Kräfte an, welche den Spieler vor einem Meister oder einem Glücklichen so demoralisiert, daß er in seiner Verwirrung schlechter spielt als gewöhnlich. ›Der Schuft,‹ dachte Max, ›er ist erste Klasse, ich bin verloren‹.

Max versuchte ein Moulinet und handhabte dabei seinen Säbel mit Stockfechtergeschicklichkeit. Er wollte Philipp verwirren, ihm an den Säbel geraten, ihn entwaffnen; aber schon beim ersten Prall bemerkte er, daß der Oberst ein eisernes Handgelenk besaß, biegsam wie eine Stahlfeder. Max mußte etwas anderes ersinnen; nachdenken wollte der Unglückliche! Während Philipp mit der Kaltblütigkeit eines Fechtlehrers, der im Saal unter dem Schutzleder ficht, alle Angriffe parierte; dabei schleuderten seine Augen hellere Blitze als die Klingen.

Bei so hervorragenden Kämpfern beobachtet man eine Erscheinung, die auch bei dem volkstümlichen Fußboxen, der ›Savate‹, auffällt. Die Entscheidung hängt ab von einer falschen Bewegung, einem Fehler in der Rechnung, die blitzschnell und instinktiv gemacht sein will. Während einer Zeitdauer, die dem Beobachter kurz scheint und für den Kämpfer lang ist, besteht der Kampf in gegenseitiger Beobachtung, die Seelen- und Körperkräfte erschöpft und sich hinter Finten verbirgt, deren Langsamkeit und Vorsicht den Anschein erweckt, als wollte sich keiner der Gegner wirklich schlagen. Für den Kenner ist dieser Moment, dem dann der rasche Entscheidungskampf folgt, furchtbar. Max machte eine schlechte Parade. Der Oberst schlug ihm den Säbel aus der Hand.

»Heben Sie ihn auf,« sagte er, »es ist nicht meine Art, entwaffnete Feinde zu töten.«

Jetzt wurde das Grausige erhaben. Die Großmut Philipps verkündete eine solche Überlegenheit, daß die Zuschauer die geschickteste aller Berechnungen in ihr erblickten. Und wirklich hatte Max, als er wieder auslag, seine Kaltblütigkeit verloren, er stand immer noch unter dem Eindruck der hohen Deckung, die ihn bedroht und den Feind geschützt hatte; nun wollte er durch Tollkühnheit die schmachvolle Niederlage wettmachen, er dachte nicht mehr an Deckung, mit beiden Händen faßte er den Säbel und brach rasend auf den Obersten los, um ihn tödlich zu treffen, mochte ihm jener auch dabei das Leben nehmen. Philipp erhielt einen Säbelhieb, der ihm die Stirn und einen Teil des Gesichts aufriß, aber zugleich spaltete er Maxences Kopf schräge durch ein furchtbares verkehrtes Moulinet, mit dem er dem Todeshieb begegnete, den Max ihm bestimmt hatte. Die beiden rasenden Hiebe beendeten in der neunten Minute den Kampf. Fario kam herunter, um sich an dem Anblick des Feindes, der in Todeszuckungen lag, zu weiden. Er sah noch lange die Muskeln des starken Maxence Gilet toben. Philipp wurde in das Haus seines Onkels getragen.

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