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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Noch nie in seinem ganzen Leben hatte Jean-Jacques Rouget so viel auszustehen gehabt, wie seit dem ersten Besuch seines Neffen Philipp. Flora war der Schreck in die Glieder gefahren, und sie ahnte eine Gefahr für Max. Ihres Herren war sie überdrüssig, ihr graute davor, daß er noch lange leben würde, da er doch ihren verbrecherischen Anschlägen schon so lange standhielt, und so kam sie denn zu dem sehr einfachen Entschluß, die Stadt zu verlassen und in Paris ihren Max zu heiraten, sobald die Überschreibung der fünfzigtausend Franken Staatsrente zustande gekommen wäre. Weder aus Interesse für seine Erben noch aus persönlichem Geiz, nur aus Leidenschaft weigerte sich der alte Junggeselle, die Überschreibung vorzunehmen. Er wandte Flora ein, sie sei doch auf alle Fälle seine einzige Erbin. Der Arme wußte ja, wie sehr sie Maxence liebte, und sah voraus, daß sie ihn verlassen würde, sobald sie reich genug wäre, um jenen zu heiraten. Nachdem sie nun mit allem Schmeicheln und Liebkosen kein Glück gehabt hatte, versuchte sie es mit der Strenge: sie sprach nicht mehr mit ihrem Herrn und ließ ihn von der Védie bedienen; eines Morgens sah die Magd die Augen ihres Herrn rotgeschwollen von Tränen, er hatte die Nacht verweint. Schon eine Woche lang mußte der alte Rouget allein frühstücken, und weiß Gott wie! So fand denn Philipp, als er am Tage nach der letzten Unterredung mit Herrn Hochon seinen zweiten Besuch bei ihm machte, seinen Onkel sehr verändert, Flora blieb die ganze Zeit bei dem Alten, ließ es nicht an liebevollen Blicken und zärtlichen Worten fehlen. Philipp war diese Komödie verdächtig, und er erkannte an soviel Güte und Mühe die Gefahr der Lage. Gilet ließ sich nicht blicken, seine Taktik bestand darin, daß er jeden Zusammenstoß mit Philipp vermied. Nachdem nun der Oberst seinen Onkel und Flora eine Zeitlang scharf beobachtet hatte, hielt er den Augenblick für gekommen, einen großen Schlag zu führen.

»Adieu, lieber Onkel«, sagte er und stand auf, als wollte er sich schon verabschieden.

»Ach, geh' doch noch nicht«, rief der Alte, dem Floras falsche Zärtlichkeit wohltat. »Bleib doch zum Essen.«

»Ja, wenn Sie vorher eine Stunde mit mir spazierengehen wollen.«

»Herr Rouget ist nicht recht wohl, er hat heut auch nicht ausfahren wollen«, sagte Fräulein Brazier und sah den guten Alten mit dem starren Blick an, mit dem man die Irren magnetisiert.

Da nahm Philipp Flora am Arm, zwang sie, ihm ins Auge zu schauen, und blickte sie ebenso starr an, wie sie soeben ihr Opfer angeblickt hatte.

»Sagen Sie bitte, mein verehrtes Fräulein«, begann er, »sollte es etwa meinem Onkel nicht freistehen, mit mir allein spazierenzugehen?«

»Aber gewiß, Herr Oberst«, antwortete Flora, der nichts anderes einfiel.

»Dann kommen Sie also, lieber Onkel. Geben Sie ihm doch gefälligst Stock und Hut, Fräulein.«

»Aber er ist es nicht gewöhnt, ohne mich auszugehen. Nicht wahr, Herr Rouget?«

»Ach ja, Philipp, ich habe sie immer sehr nötig . . .«

»Es wäre wohl auch besser, auszufahren«, meinte Flora.

»Ja, wir wollen ausfahren«, rief der Alte. Er hätte gar zu gern seine beiden Tyrannen geeinigt.

»Lieber Onkel, Sie werden zu Fuß ausgehen, und zwar mit mir; sonst komm ich nicht mehr her. Denn dann hat die Stadt Issoudun recht; dann stehen Sie wirklich unter der Zwangsherrschaft von Fräulein Brazier. Daß mein Onkel Sie liebt, vortrefflich!« – er erdrückte Flora mit einem bleischweren Blick –. »Daß Sie meinen Onkel nicht lieben, auch das ist in der Ordnung. Daß Sie aber den guten Alten unglücklich machen . . . Stopp! Das gibt's nicht! Wenn man eine Erbschaft begehrt, muß man sie auch verdienen. Kommen Sie jetzt, Onkel? . . .«

Philipp sah ein qualvolles Zögern auf dem Gesicht des armen Narren, dessen Augen zwischen Flora und seinem Neffen hin und her wanderten.

»Ah! So steht es hier. Dann also, leben Sie wohl, lieber Onkel. Küss die Hand, gnädiges Fräulein.« An der Tür drehte er sich jäh um und überraschte Flora bei einer drohenden Gebärde gegen den Onkel.

»Wenn Sie doch noch mit mir spazieren gehen wollen, lieber Onkel, so werde ich Sie vor Ihrer Tür treffen; ich gehe auf zehn Minuten zu Herrn Hochon hinüber . . . Wird aus unserm Spaziergang nichts, so nehm ich's auf mich, gewisse andere Leute spazieren zu schicken . . .«

Und Philipp ging quer über den Platz zu den Hochons hinüber.

Man kann sich den häuslichen Auftritt denken, den Philipps Enthüllungen über die Enkel im Hause Hochon bewirkt hatten. Um neun Uhr erschien der alte Héron, mit Papieren versehen, im Saal, wo auf Hochons Anordnung ausnahmsweise geheizt war. Frau Hochon saß, trotz der frühen Stunde bereits angekleidet, im Sessel am Kamin. Den beiden Enkeln, die durch Adolphine auf ein Gewitter vorbereitet waren, das sich seit gestern über ihren Häuptern zusammenzog, war verboten worden auszugehen. Als Gritte sie gerufen hatte, waren sie von den feierlichen Vorbereitungen der grollenden Großeltern überrascht.

»Stehen Sie nicht auf vor denen da«, sagte der Achtzigjährige zu Herrn Héron. »Sie sehen zwei Elende vor sich, die keine Verzeihung verdienen.«

»Aber Großpapa«, wollte François anfangen.

»Ruhe!« gebot feierlich der Alte. »Ich kenne euer nächtliches Treiben und eure Freundschaft mit Herrn Maxence Gilet; ihr werdet ihn nicht mehr um ein Uhr nachts bei der Cognette treffen. Ihr werdet dies Haus nur noch verlassen, um euch an eure beiden Bestimmungsorte zu begeben. Fario habt ihr zugrunde gerichtet! Ein paarmal wart ihr drauf und dran, vor das Schwurgericht zu kommen . . . Ruhe!« gebot er wieder, als er sah, daß Baruch den Mund auftun wollte. »Beide seid ihr Herrn Maxence Geld schuldig. Seit sechs Jahren leiht er euch Geld für eure Liederlichkeiten. Jetzt sollt ihr beide meinen Vormundschaftsbericht anhören, nachher können wir uns unterhalten. Ihr werdet aus den Akten ersehen, ob ihr das Recht habt, euch über mich, über die Familie und ihre Gesetze lustig zu machen, indem ihr die Geheimnisse meines Hauses verratet und einem Herrn Maxence Gilet berichtet, was hier gesagt und getan wird . . . Für tausend Taler werdet ihr Spione, für zehntausend würdet ihr am Ende Mörder werden! . . . Habt ihr Frau Bridau nicht schon beinahe umgebracht? Herr Gilet wußte doch, daß Fario nach ihm gestochen hatte, als er dies Attentat auf meinen Gast Joseph Bridau schob. Solch ein Verbrechen konnte dieser Galgenvogel nur begehen, nachdem er von euch erfahren hatte, daß Frau Agathe beabsichtigte, hier zu bleiben. Meine Enkel die Spione eines solchen Menschen! Meine Enkel Spitzbuben! . . . Wußtet ihr nicht, daß euer würdiger Räuberhauptmann bereits im Anfang seiner Laufbahn im Jahre 1806 ein armes junges Menschenkind umgebracht hat? Ich will keine Mörder und Diebe in meiner Familie haben; ihr werdet euer Bündel schnüren und euch anderswo hängen lassen!«

Die beiden jungen Leute wurden bleich und starr wie Gipsfiguren.

»Lassen Sie uns beginnen, Herr Héron«, wandte sich der Geizhals an den Notar.

Der Alte las einen Vormundschaftsbericht, aus dem sich ergab, daß das liquide Vermögen der beiden Kinder aus der Familie Borniche siebzigtausend Franken betrug, daß diese Summe die Mitgift ihrer Mutter war, daß ferner Herr Hochon seiner Tochter ziemlich hohe Summen geliehen und somit Anspruch auf einen Teil des Vermögens seiner Enkel Borniche hatte. Die Hälfte, die Baruch zustand, belief sich auf zwanzigtausend Franken.

»Siehst du, du bist reich,« sagte der Alte, »nimm dein Geld und schlag dich allein durch! In meinem Belieben steht es, mein Vermögen und das meiner Frau, die darin jetzt ganz mit mir einig ist, zu geben wem ich will, zum Beispiel unserer lieben Adolphine; wir werden sie, wenn wir wollen, mit dem Sohne eines Pairs von Frankreich verheiraten, denn sie wird unsere ganzen Kapitalien bekommen! . . .«

»Ein recht schönes Stück Geld!« sagte Herr Héron.

»Herr Maxence Gilet kann euch ja schadlos halten«, sagte Frau Hochon.

»Und für solche Taugenichtse hat man die guten Silberstücke gehäuft!« rief Herr Hochon.

»Verzeihung!« stammelte Baruch.

»Verzeih, will's nicht wieder tun«, wiederholte höhnisch der Alte mit nachgemachter Kinderstimme. »Verzeih ich euch, so lauft ihr zu eurem Herrn Maxence und sagt ihm alles, was euch hier passiert ist, damit er auf seiner Hut sei . . . Nein, nein, meine Herrchen. Ich weiß jetzt, wie ich euch auf die Spur komme. Mit ein paar Tagen oder einem Monat anständigen Benehmens ist es diesmal nicht getan. Jetzt will ich euch mehrere Jahre beobachten . . . Noch bin ich gut auf den Beinen, mein Auge ist noch scharf, und ich fühle mich gesund. Ich hoffe noch lange genug zu leben, um zu sehen, wie ihr es weiter treibt. Zunächst werden Sie, Herr Kapitalist, sich nach Paris begeben und bei Herrn Mongenod das Bankwesen studieren. Weh dir, wenn du vom rechten Wege abweichst: man wird dort ein Auge auf dich haben. Dein Geld liegt bei den Herren Mongenod und Sohn; hier hast du einen Wechsel darüber. Also unterschreibe den Vormundschaftsbericht, quittiere hier unten und entlaste mich.« Er nahm aus Hérons Händen das Papier und reichte es Baruch.

»Und Sie, François Hochon, Sie haben nichts zu beanspruchen, Sie schulden mir sogar noch Geld. Lesen Sie ihm seine Akten vor. Der Bericht ist nur allzu klar.«

Tiefes Schweigen begleitete die Verlesung.

»Du wirst mit sechshundert Franken jährlich nach Poitiers gehen und dort Jura studieren«, sagte der Großvater, als der Notar geendet hatte. »Für dich hatte ich eine schöne Existenz vorgesehen; jetzt mußt du Advokat werden, um dein Brot zu verdienen. Sechs Jahre lang seid ihr Halunken mir durchgegangen. Seht ihr! Nun brauch ich nur eine Stunde, um euch einzuholen; ich habe Siebenmeilenstiefel.«

Als der alte Herr Héron mit den unterzeichneten Akten wegging, meldete Gritte den Herrn Obersten Philipp Bridau. Frau Hochon verließ mit ihren beiden Enkeln das Zimmer. Herr Hochon wollte, daß sie den Burschen die Beichte abnähme und zusähe, was für einen Eindruck die Szene auf sie gemacht hätte. Philipp und der Alte traten in eine Fensternische und sprachen leise miteinander.

»Ich habe über den Stand Ihrer Angelegenheiten nachgedacht«, begann Herr Hochon und zeigte auf das Haus Rouget. »Eben habe ich mit Herrn Héron darüber gesprochen. Die eingetragenen fünfzigtausend Franken Rente können nur von dem Inhaber oder einem Bevollmächtigten verkauft werden; nun hat, seit Sie hier sind, Ihr Onkel in keinem Notariat eine Vollmacht unterzeichnet; und da er nicht aus Issoudun herausgekommen ist, hat er auch nicht anderswo unterzeichnen können. Wenn er hier eine Vollmacht erteilt, so werden wir es unmittelbar erfahren; auch wenn er sie außerhalb erteilt, werden wir alsbald davon unterrichtet werden, denn sie muß eingetragen werden, und der ehrenwerte Herr Héron hat Mittel und Wege, sich einen solchen Vorgang nicht entgehen zu lassen. Sollte also der gute Alte Issoudun verlassen, so spüren Sie ihm nach, und bringen Sie in Erfahrung, wohin er gegangen ist, wir werden dann schon herausbekommen, was er getan hat.«

»Noch ist die Vollmacht nicht erteilt,« sagte Philipp, »man wünscht sie, aber ich hoffe, verhindern zu können, daß sie gegeben wird, und – sie – wird – nicht – ge – ge – ben – werden!« Diese Worte schrie der Raufbold: er sah gerade seinen Onkel drüben vorm Hause erscheinen. Er zeigte ihn Herrn Hochon und setzte ihm in gedrängter Kürze die geringfügigen und zugleich so gewichtigen Umstände seines letzten Besuches im Hause Rouget auseinander. – »Maxence hat Furcht vor mir, aber er kann mir nicht entgehen. Mignonnet hat mir gesagt, daß die Offiziere der alten Armee in Issoudun alljährlich den Tag der Kaiserkrönung feiern; nun, so werden wir, Maxence und ich, uns in zwei Tagen treffen.«

»Wenn er aber am Morgen des ersten Dezembers die Vollmacht in Händen hat, nimmt er sofort die Post nach Paris und pfeift auf das Krönungsfest . . .«

»Gut, es handelt sich also darum, den Onkel festzuhalten; ich habe den Blick, der die Schwachköpfe bannt.«

Herr Hochon erbebte, so furchtbar sah ihn Philipp bei diesen Worten an. Dann aber wandte er ein: »Wenn sie den Alten mit Ihnen allein spazierengehen lassen, so muß Maxence wohl doch eine Möglichkeit wissen, das Spiel auch so zu gewinnen.«

»Fario paßt auf,« warf Philipp ein, »und er ist nicht mein einziger Aufpasser. Mein Spanier hat in der Gegend von Vatan einen meiner alten Soldaten aufgetrieben, dem ich einmal geholfen habe. Niemand ahnt, daß dieser Benjamin Bourdet auf Farios Weisungen wartet. Der Spanier hat ihm eines seiner Pferde zur Verfügung gestellt.«

»Wenn Sie dies Ungeheuer, das mir meine Enkel verdorben hat, töten, tun Sie eine gute Tat.«

»Ich habe dafür gesorgt, daß heute ganz Issoudun weiß, was Herr Maxence seit sechs Jahren des Nachts treibt. Das Stadtgespräch ist über ihn im Gange. Moralisch ist er verloren!«

Als Philipp das Haus des Onkels verlassen hatte, war Flora sogleich zu Maxence ins Zimmer gekommen und hatte ihm vom Besuch des verwegenen Neffen alle Einzelheiten erzählt. »Was ist zu tun?« schloß sie.

»Eh ich zum letzten Mittel greife und mich mit diesem langen Lümmel schlage,« meinte Max, »müssen wir noch in einem großen Zug alles riskieren. Laß nur unsern alten Narren mit seinem Neffen spazierengehen.«

»Aber der Kerl wird nicht viel Umstände machen, er wird die Dinge beim richtigen Namen nennen.«

»Hör mich,« – Maxences Stimme wurde schneidend scharf – »ich hab' doch auch an den Türen gehorcht und über unsere Lage nachgedacht. Laß dir vom alten Cognet ein Pferd mit einem Leiterwagen geben, aber sofort, alles muß in fünf Minuten parat sein! Tu all deinen Kram hinein, nimm die Védie mit und fahre stracks nach Vatan und richte dich dort gleich auf längere Zeit ein. Vergiß nicht die zwanzigtausend Franken mitzunehmen, die der Alte im Schreibtisch hat. Wenn ich dann mit dem Biedermann zu dir komme, so erklärst du, nicht eher hierher zurückzukehren, als bis die Vollmacht unterschrieben ist. Während ihr nach Issoudun heimfahrt, mach ich mich auf den Weg nach Paris. Wenn Jean-Jacques jetzt von seinem Spaziergang zurückkommt und dich nicht mehr findet, wird er den Kopf verlieren, wird dir nachlaufen wollen . . . Na, dann laß mich nur mit ihm reden . . .«

Während dieser Verschwörung hatte Philipp seinem Onkel den Arm gereicht und führte ihn auf dem Boulevard Baron spazieren.

›Da kämpfen zwei große Diplomaten miteinander‹, sagte sich der alte Hochon, der dem Obersten nachsah. ›Neugierig bin ich auf das Ende dieser Partie. Der Einsatz sind neunzigtausend Franken Rente.‹

»Lieber Onkel«, begann Philipp zu dem alten Rouget, und seiner Wortwahl war sein Pariser Umgang anzumerken. »Sie lieben dies Mädchen, und da haben Sie einen verteufelt guten Geschmack. Sie ist höllisch lecker! Aber statt brav von ihr karessiert zu werden, haben Sie sich zu ihrem Lakaien machen lassen. Auch das ist nicht verwunderlich. Am liebsten hätte das Mädchen Sie sechs Fuß unter der Erde, damit sie ihren himmlischen Max heiraten kann . . .«

»Ja, das weiß ich, Philipp, aber ich liebe sie dennoch.«

»Nun, beim Schoße meiner Mutter, die immerhin Ihre Schwester ist, ich habe mir geschworen, Ihnen Ihre Käscherin kirre zu machen, sie soll Ihnen passen wie mir mein Handschuh, soll wieder so werden, wie sie war, eh dieser Hund, der nicht wert ist, in des Kaisers Garde gedient zu haben, sich in Ihrem Hause eingenistet hat . . .«

»Oh, wenn du das tätest . . .«, seufzte der Alte.

»Ganz einfach ist das,« schnitt ihm Philipp das Wort ab, »ich werde Ihnen diesen Max wie einen Hund totschlagen . . . Aber . . . unter einer Bedingung.«

»Welcher?« fragte der Alte mit blödem Blick.

»Sie dürfen die Vollmacht, die man von Ihnen haben will, nicht vor dem dritten Dezember unterschreiben, müssen es solange hinziehen. Ihre beiden Henker wollen die Erlaubnis, Ihre fünfzigtausend Franken zu verkaufen, nur haben, um nach Paris zu gehen, da zu heiraten und Ihre Million zu verjubeln . . .«

»Davor ist mir angst«, erwiderte Rouget.

»Nun, so verschieben Sie, was man auch mit Ihnen anstellen mag, die Unterschrift der Vollmacht auf die nächste Woche.«

»Ja, aber wenn Flora mit mir spricht, dann kehrt sie mir die Seele um, und mein Verstand ist hin. Sie braucht mich ja nur auf eine gewisse Art anzusehen – ihre blauen Augen sind mein Paradies – und ich bin nicht mehr mein eigener Herr, besonders wenn sie seit ein paar Tagen streng zu mir war.«

»Na gut, wenn sie süß tut, dann versprechen Sie ihr zunächst mal die Vollmacht und lassen Sie es mich am Tage vor der Unterschrift wissen. Das genügt mir. Maxence wird Ihr Bevollmächtigter nicht sein, er müßte mich denn getötet haben. Töt ich ihn, so nehmen Sie mich an seiner Stelle ins Haus, und dann soll das hübsche Kind nach Ihrer Pfeife tanzen. Lieben soll Sie die Flora, Himmeldonnerwetter! und wenn Sie nicht mit ihr zufrieden sind, so werde ich ihr die Peitsche geben.«

»Oh, das werde ich niemals dulden. Ein Schlag, der Flora trifft, trifft mich ins Herz.«

»Es ist aber die einzige Manier, mit Weibern und Pferden umzugehen. Lassen Sie sich das gesagt sein . . . Ah, guten Tag, meine Herren«, wandte er sich an Mignonnet und Carpentier. »Ich führe, wie Sie sehen, meinen Onkel spazieren und versuche, ihn zu bilden; wir leben ja in einem Jahrhundert, in dem die Kinder ihre Eltern erziehen müssen.«

Gegenseitige Begrüßung.

»An meinem lieben Onkel können Sie die Folgen einer unglücklichen Leidenschaft studieren«, nahm der Oberst wieder auf. »Man will ihm sein Vermögen rauben und ihn dann auf dem Trocknen sitzenlassen; Sie wissen, von wem ich spreche. Der Biedermann durchschaut die ganze Intrige und hat nicht die Kraft, ein paar Tage ohne seine Herzensamme auszuhalten, um das Komplott zu vereiteln.«

Philipp setzte die Lage seines Onkels klar auseinander.

»Sie sehen, meine Herren,« schloß er, »hier gibt es nur einen Weg, meinen Onkel zu befreien: der Oberst Bridau muß den Major Gilet oder der Major Gilet den Obersten Bridau töten. Übermorgen feiern wir die Kaiserkrönung, ich rechne darauf, daß Sie die Plätze beim Bankett so verteilen, daß mir der Major Gilet gegenübersitzt. Sie werden mir, hoffe ich, die Ehre machen, meine Zeugen zu sein.«

»Wir werden Sie zum Präsidenten wählen und rechts und links von Ihnen sitzen. Max wird als Vizepräsident Ihr Visavis sein«, sagte Mignonnet.

»Dann wird der Kerl den Major Potel und den Hauptmann Renard für sich haben«, meinte Carpentier. »Was man auch in der Stadt von seinen nächtlichen Streifzügen erzählen mag, diese beiden Tapfern sind schon einmal seine Sekundanten gewesen und werden ihm treu bleiben . . .«

»Sie sehen, lieber Onkel, wie glatt das alles geht. Also nichts unterschreiben vor dem dritten Dezember! Dann sind Sie am Tage drauf frei, glücklich, geliebt von Ihrer Flora und ohne Nebenbuhler.«

»Ach Kind, du kennst Max nicht«, sagte ängstlich der alte Mann. »Er hat neun Männer im Duell getötet.«

»Ja, aber da handelte es sich nicht darum, hunderttausend Franken Rente zu stehlen«, antwortete Philipp.

»Schlechtes Gewissen verdirbt die Hand«, sagte Mignonnet sentenziös.

»Noch ein paar Tage,« fing Philipp wieder an, »und Sie und Ihre Käscherin leben zusammen wie die Turteltäubchen, sobald sie ihre Trauer abgetan hat; erst wird sie sich ja winden wie ein Wurm, wird winseln und flennen, aber . . . lassen Sie nur die Tränen versiegt sein . . .«

Die beiden Offiziere unterstützten Philipps Beweisführung und ermutigten nach Kräften den alten Rouget während eines weiteren Spaziergangs. Nach zwei Stunden brachte Philipp seinen Onkel heim und sagte ihm noch beim Abschied: »Fassen Sie keinen Entschluß ohne mich. Ich kenne die Weiber. Ich habe für eine zahlen müssen, die mich mehr gekostet hat, als Flora Sie je kosten wird. Die hat mir für den Rest meines Lebens beigebracht, wie man mit dem schönen Geschlecht umgehen muß. Die Frauen sind ungezogene Kinder, sind Tiere von niederer Gattung als der Mann, man muß sie in Respekt halten; nichts ist schlimmer für uns, als wenn uns diese Bestien beherrschen.«

Es mochte zwei Uhr nachmittags sein, als der Biedermann heimkam. Kouski öffnete ihm mit Tränen in den Augen oder wenigstens – auf Maxences Geheiß – mit weinerlicher Miene.

»Was ist geschehn?« fragte Jean-Jacques.

»Ach, gnädiger Herr! Madame ist mit der Védie abgereist!«

»Ab–ge–reist!« Der Alte konnte kaum sprechen. Er mußte sich auf eine Treppenstufe setzen, so heftig traf ihn dieser Schlag. Dann erhob er sich, schaute in den Saal, in die Küche, stieg hinauf in seine Zimmer, ging durch alle andern Zimmer, kam wieder in den Saal herunter, warf sich in einen Sessel und zerfloß in Tränen.

»Wo ist sie?« schluchzte er. »Wo ist sie? Wo ist Max?«

»Ich weiß es nicht«, antwortete Kouski. »Der Major ist ausgegangen, ohne mir etwas zu sagen.«

Als geschickter Diplomat hatte es Gilet für angebracht gehalten, durch die Stadt zu flanieren. Absichtlich ließ er den Alten mit seiner Verzweiflung allein, um ihn die Verlassenheit recht auskosten zu lassen und ihn dadurch den eignen Absichten gefügig zu machen. Damit aber Philipp dem Onkel in diesem kritischen Augenblick nicht beistehen könnte, hatte Max Kouski anempfohlen, niemanden einzulassen. Durch Floras Abwesenheit war der Alte ohne Zaum und Zügel, und die Lage konnte kritisch werden. Auf seinem Gang durch die Stadt wurde Maxence Gilet von vielen Leuten gemieden, die noch am Tage vorher auf ihn zugeeilt wären, um ihm die Hand zu schütteln. Es war eine allgemeine Reaktion gegen ihn eingetreten. Das Treiben der Ritter vom Müßiggange war in aller Munde. Joseph Bridaus ungerechte Verhaftung war jetzt aufgeklärt und machte Maxence wenig Ehre, man sah sein Leben und Gebahren mit ganz andern Augen an. Gilet begegnete dem Major Potel, der ihn schon suchte. Er war außer sich.

»Was hast du, Potel?«

»Mein Lieber, des Kaisers Garde wird von der ganzen Stadt in den Dreck gezogen! . . . Das Zivilistenpack läßt kein gutes Haar an dir. Das tut mir in der Seele weh.«

»Was haben die Leute an mir auszusetzen?« fragte Max.

»Was du ihnen nachts angetan hast.«

»Kann man sich denn nicht ein klein wenig amüsieren?«

»Das ist noch das wenigste«, sagte Potel. Er gehörte zu der Art Offiziere, die auf die Beschwerden entsetzter Bürgermeister zu antworten pflegen: »Na, dann wird man Ihnen Ihre Stadt bezahlen, wenn man sie verbrannt hat!« Daher regten ihn die Streiche derer vom Müßiggang nicht weiter auf.

»Was gibt's denn noch?« fragte Gilet.

»Die Garde steht gegen die Garde! Das bricht mir das Herz. Bridau hat die ganze Bürgerschaft gegen dich aufgehetzt. Die Garde gegen die Garde – das ist vom Übel. Du kannst nicht zurück, Max, du mußt dich mit Bridau schlagen. Siehst du, ich wollte schon selber mit der Kanaille anbinden und ihn abstechen oder niederschießen. Dann hätten die Bürger nicht die Garde gegen die Garde gesehen. Im Kriege, da ist das was andres: wenn sich da zwei brave Kerls von der Garde zanken, dann schlägt man sich eben, und es sind keine Zivilisten dabei, die sich über unsereinen lustig machen. Der lange Lümmel hat sicher nie in der Garde gedient. So benimmt sich einer von der Garde nicht vor aller Bürger Augen gegen seinesgleichen. In den Dreck gezogen ist die Garde und noch dazu in Issoudun, wo sie sonst in Ehren stand!«

»Ach Potel, mach dir keine Sorge. Selbst wenn du mich bei dem Krönungsbankett nicht sehen solltest . . .«

»Was? Du willst übermorgen nicht zu Lacroix kommen?« unterbrach Potel heftig den Freund. »Willst du für einen Feigling angesehen werden, der vor dem Bridau auskneift? Nein, das geht nicht! Die Gardegrenadiere dürfen sich nicht vor den Gardedragonern drücken. Verschieb deine Geschäfte und sei übermorgen da!«

»Also noch einen ins Jenseits befördern«, sagte Max, »nun, ich denke, ich kann dabei sein und doch meine Geschäfte besorgen.« – Dabei dachte er: ›Die Vollmacht wird besser nicht auf meinen Namen ausgestellt. Der alte Héron sagt ganz richtig, das würde zu sehr nach Diebstahl aussehen.‹

Der Löwe knirschte mit den Zähnen, er fühlte sich in Philipps Netzen. Er wich den Blicken aller, die ihm begegneten, aus und kam den Boulevard Villatte entlang im Selbstgespräch heim. ›Eh ich mich schlage, werde ich die Renten haben. Fall ich, so soll wenigstens dieser Philipp die Papiere nicht haben. Dann sind sie bereits auf Floras Namen überschrieben. Ich werde dem Kind einschärfen, geradeswegs nach Paris zu reisen, und dort kann sie, wenn's das Herzchen will, den Sohn eines Marschalls aus der Kaiserzeit heiraten. Die Vollmacht lass ich auf Baruchs Namen ausstellen, der sich dann bei der Überschreibung nach meinen Anordnungen richten wird.‹ – Eine Gerechtigkeit muß man Max widerfahren lassen: er war äußerlich nie so ruhig, als wenn sein Blut und seine Gedanken kochten. In ihm waren alle soldatlichen Eigenschaften vereint, die den großen General machen. Wäre nicht seine Gefangenschaft störend dazwischengekommen, der Kaiser hätte in dem Burschen einen von denen entdeckt, die ihm zu seinen großen Unternehmungen taugten.

Max trat in den Saal, in dem immer noch das Opfer all dieser zugleich komischen und tragischen Szenen weinend saß. Er fragte den Alten nach dem Grund seiner Verzweiflung, er machte den Erstaunten, er wußte von nichts, vernahm mit gut gespielter Überraschung Floras Abreise, fragte Kouski aus, um etwas von dem Sinn dieser unerklärlichen Reise zu begreifen.

»Madame hat mir gesagt, so und so, und ich sollte dem Herrn bestellen, Madame habe aus dem Sekretär die zwanzigtausend Franken genommen, die da drin waren. Die würde ihr, meinte Madame, der Herr als Lohn für zweiundzwanzig Jahre Dienst nicht abschlagen.

»Lohn? Dienst?« stammelte Rouget.

»Ja«, erwiderte Kouski. – »›Ich komm nicht wieder‹, hat sie zu der Védie gesagt, – die arme Védie, sie hängt so sehr am gnädigen Herrn, sie hat Madame ins Gewissen geredet, – ›Nein, nein!‹ hat Madame gesagt, ›er hat kein bißchen Herz für mich, er hat mich von seinem Neffen behandeln lassen wie das schlechteste Weibstück.‹ Und hat helle Tränen dabei geweint.«

»Ich pfeif auf den Philipp!« schrie der Alte. Max beobachtete ihn. »Wo ist Flora?« jammerte Rouget. »Wie bekommt man heraus, wo sie ist?«

»Da wird Ihnen Ihr Philipp helfen können. Sie hören ja auf seinen Rat«, antwortete Max kalt.

»Philipp? Was vermag der über das arme Kind? – Nur du kannst Flora finden, mein guter Max, dir wird sie folgen, du wirst sie mir wiederbringen . . .«

»Ich will Herrn Bridau nicht im Wege sein.«

»Ach, wenn dir das Sorgen macht –, er hat mir versprochen, dich umzubringen.«

»Wir werden schon sehen«, lachte Gilet.

»Mein lieber Freund, geh sie suchen, sag ihr, ich werde alles tun, was sie will!«

»Man wird sie doch irgendwo in der Stadt gesehen haben«, sagte Max zu Kouski, »mach das Essen fertig, stell alles auf den Tisch und lauf schnell überall herum, erkundige dich, damit du uns nach Tisch sagen kannst, wohinaus Mademoiselle Brazier gefahren ist.«

Dieser Befehl beruhigte den armen Alten, der immer noch wie ein Kind nach seiner Bonne jammerte, für den Augenblick. Haßte er sonst in Max die Ursache all seines Ungemachs, jetzt erschien er ihm als rettender Engel. Seine Leidenschaft für die Käscherin hatte etwas Kindisches. Um sechs Uhr kam der Pole, der behaglich spazierengegangen war, zurück und meldete, Flora sei auf der Straße nach Vatan gesehen worden.

»Madame geht in die Heimat zurück, das ist klar«, meinte er.

»Wollen wir heut abend nach Vatan?« wandte sich Max an den Alten. »Die Straße ist schlecht, aber Kouski ist ein guter Kutscher, und es ist besser, Sie versöhnen sich noch heut abend mit ihr, als morgen früh.«

»Wir wollen gleich fahren«, rief Rouget.

»Spann an in aller Stille, sieh zu, daß die Stadt nichts von dem dummen Zeug erfährt, es gilt Herrn Rougets Ehre. Sattle mein Pferd. Ich reite voran«, sagte Max dem Kouski ins Ohr.

Philipp war bereits durch Herrn Hochon von Fräulein Braziers Abreise unterrichtet. Er erriet den Sinn dieser geschickten Strategie, eilte auf die Place Saint-Jean, wollte bei seinem Onkel eintreten, bekam aber von Kouski aus dem Fenster den Bescheid, Herr Rouget könne niemand empfangen.

Philipp rief Fario, der in der Grande Narette spazierenging: »Fario, geh rasch zu Benjamin, er soll nachreiten, ich muß durchaus erfahren, was mein Onkel und Maxence anstellen.«

»Die kleine Halbkutsche wird bespannt«, sagte Fario, der Rougets Haus beobachtete.

»Wenn sie nach Vatan fahren«, sagte Philipp, »dann schaff mir ein zweites Pferd und komm mit Benjamin zu Herrn Mignonnet.«

Herr Hochon, der Philipp mit Fario auf dem Platz stehen sah, kam aus dem Haus und fragte: »Was gedenken Sie zu tun?«

»Mein verehrter Herr Hochon, ein guter General beschränkt sich nicht darauf, die Bewegungen des Feindes zu beobachten, er versteht auch aus diesen Bewegungen die Absichten zu erraten und ändert seinen Plan, so oft der Feind etwas Unerwartetes anfängt. Sehen Sie, wenn mein Onkel und Maxence zusammen in der Chaise ausfahren, dann geht's nach Vatan; dann hat Max ihm versprochen, ihn mit Flora, die nach einem Manöver des Generals Vergil ›fugit ad salices‹, zu versöhnen. Wenn das stimmt, weiß ich noch nicht, was ich zu tun habe; aber ich habe die Nacht vor mir, und um zehn Uhr abends wird mein Onkel keine Vollmachten zeichnen, da schlafen die Notare. Aus dem Stampfen des zweiten Pferdes ist zu schließen, daß Max dem Onkel voranreiten will, um seiner Flora Verhaltungsmaßregeln zu geben, das ist nötig und wahrscheinlich. Und dann ist der Hund verloren! Dann sollen Sie sehen, wie alte Soldaten im Erbschleichespiel Revanche geben. Und da ich für die letzte Runde einen Partner brauche, gehe ich jetzt zu Mignonnet und setze mich mit meinem Freunde Carpentier ins Einvernehmen.«

Er drückte dem alten Herrn die Hand und ging die Kleine Narette hinunter zum Major Mignonnet. Zehn Minuten später sah Herr Hochon Maxence im scharfen Trab wegreiten und das reizte seine Greisenneugier: er blieb am Fenster und wartete auf das Geräusch der Halbkutsche, die nicht lange auf sich warten ließ. Jean-Jacques folgte Max in seiner Ungeduld in einem Abstand von nur zwanzig Minuten. Kouski fuhr Schritt, wenigstens in der Stadt, das hatte ihm wohl sein wahrer Herr befohlen.

›Wenn sie nach Paris fahren, ist alles verloren‹, dachte Herr Hochon. Da kam ein kleiner Junge aus dem Römischen Viertel in das Haus gelaufen und überbrachte einen Brief für Baruch. Die beiden Enkel des alten Hochon waren von der Morgenszene her noch ganz eingeschüchtert und blieben freiwillig zu Hause. Bei dem Gedanken an ihre Zukunft sahen sie ein, wie vorsichtig sie die Großeltern behandeln müßten. Baruch kannte den Einfluß seines Großvaters Hochon auf seine Großeltern Borniche nur zu gut; Herr Hochon würde sicher möglichst das ganze Geld der Borniche Adolphine zuschanzen, wenn man für sie die große Heirat erhoffen durfte, mit der man heute früh gedroht hatte. Baruch war reicher als François und hatte viel zu verlieren, er war also für absolute Unterwerfung mit der einzigen Bedingung, daß man seine Schulden bei Max bezahlte. François wußte seine Zukunft in den Händen seines Großvaters, er hatte nur von ihm Geld zu erhoffen; er wurde doch nach dem Vormundschaftsbericht sein Schuldner. So wurde die Reue der beiden jungen Leute durch ihre gefährdeten Interessen angestachelt und sie machten feierliche Versprechungen. Frau Hochon beruhigte sie über ihre Schulden bei Maxence.

»Ihr habt Torheiten begangen,« sagte sie, »macht sie wieder gut, das wird Herrn Hochon milde stimmen.«

Als nun François über Baruchs Schulter hinweg den Brief gelesen hatte, flüsterte er ihm ins Ohr: »Frag den Großvater um Rat.«

Baruch reichte dem Alten den Brief.

»Lies ihn mir vor, ich habe meine Brille nicht zur Hand.«

»Mein lieber Freund!

Du wirst, hoffe ich, nicht zögern, mir in den schwierigen Umständen, in denen ich mich befinde, einen Freundesdienst zu leisten, indem Du eine Vollmacht des Herrn Rouget übernimmst. Sei bitte morgen früh um neun Uhr in Vatan. Ich werde Dich wahrscheinlich nach Paris schicken müssen; sei ohne Sorge, ich gebe Dir Reisegeld und komme schnellstens nach. Ich werde nämlich so gut wie sicher Issoudun am 3. Dezember verlassen müssen. Leb wohl, ich rechne auf Deine Freundschaft, Du kannst rechnen auf die Deines Freundes

Maxence.«

»Gott sei gepriesen«, rief Herr Hochon. »Die Erbschaft des armen Narren ist aus den Teufelskrallen gerettet!«

»Nun, wenn Sie es sagen, wird dem so sein, und ich danke Gott dafür,« sagte Frau Hochon, »Gott hat meine Gebete erhört. Der Sieg der Bösen ist nie von Dauer.«

Der Alte wandte sich an Baruch: »Du wirst nach Vatan gehen und die Vollmacht des Herrn Rouget annehmen. Es handelt sich darum, fünfzigtausend Franken Rente auf Fräulein Braziers Namen zu überschreiben. Sodann fährst du nach Paris ab, bleibst aber in Orléans und wartest dort auf eine Nachricht von mir. Daß mir aber niemand erfährt, wo du wohnst! Steige in der kleinsten Herberge des Faubourg Bannier ab, in einer Fuhrmannswirtschaft.«

François war ans Fenster geeilt, er hatte einen Wagen die Grande Narette heraufkommen hören: »Das Allerneuste!« rief er. »Der alte Rouget und Herr Philipp Bridau kommen zusammen in der Kalesche zurück, Benjamin und Herr Carpentier reiten hinterdrein!«

»Da muß ich hin«, rief Herr Hochon. Er war eitel Neugier.

Herr Hochon fand den alten Rouget in seinem Zimmer, im Begriff, unter dem Diktat seines Neffen einen Brief zu schreiben:

»Mein Fräulein!

Wenn Sie nicht unmittelbar nach Empfang dieses Schreibens aufbrechen und in mein Haus zurückkehren, so beweist Ihr Benehmen einen solchen Grad von Undankbarkeit gegen all meine Güte, daß ich mein zu Ihren Gunsten abgefaßtes Testament widerrufen und mein Vermögen meinem Neffen Bridau geben werde. Sie müssen begreifen, daß Herr Gilet meine Gastfreundschaft verwirkt, wenn er sich bei Ihnen in Vatan einfindet. Ich beauftrage den Herrn Hauptmann Carpentier, Ihnen diese Zeilen zu überbringen, ich hoffe, Sie werden auf ihn hören, denn was er Ihnen sagt, spricht liebevoll zu Ihnen Ihr

J.-J. Rouget.«

»Hauptmann Carpentier und ich sind meinem Onkel unterwegs begegnet, als er die Torheit beging, nach Vatan zu fahren, um Fräulein Brazier und Major Gilet zu finden«, sagte mit wilder Ironie Philipp zu Herrn Hochon. »Ich habe dem guten Onkel klargemacht, daß er kopfüber in eine Falle liefe; das Mädchen verläßt ihn ja, sobald er die Vollmacht, die sie nur haben will, um die Rente an sich selbst zu verkaufen, unterzeichnet hat! Auf unsern Brief hin wird sein schöner Flüchtling noch heute nacht unter sein Dach zurückkehren. Ich verpflichte mich, das Fräulein für die ganze Zukunft geschmeidig wie eine Weidengerte zu machen. Mein Onkel braucht mir nur den Platz des Herrn Gilet, den ich hier nicht am Platze finde, einzuräumen. Hab' ich recht? . . . Und da jammert der Onkel noch!«

»Lieber Nachbar,« meinte nun Herr Hochon, »Sie sind auf dem besten Wege, Frieden im Hause zu haben. Glauben Sie mir, Sie müssen Ihr Testament ungültig erklären, dann werden Sie sehen, Flora wird wieder, was sie in den ersten Tagen für Sie war.«

»Ach nein, sie wird mir nie verzeihen, daß ich ihr weh getan habe, sie wird mich nicht mehr lieben.« Der Alte weinte.

»Sie wird Sie lieben, und zwar gehörig, dafür stehe ich ein«, sagte Philipp.

»Tun Sie doch die Augen auf«, wandte sich wieder Herr Hochon an Rouget. »Man will Sie ausrauben und dann verlassen . . .«

»Ach wenn ich das nur sicher wüßte . . .«

»Also dann lesen Sie den Brief hier, den hat Maxence an meinen Enkel Baruch geschrieben.«

»Das ist ja schauderhaft«, rief Carpentier, als der Alte weinerlich den Brief vorgelesen hatte.

»Ist es Ihnen nun klar, lieber Onkel?« fragte Philipp.

»Sie müssen diese Flora bei ihrem Interesse packen, dann wird sie Sie gefälligst anbeten . . . so gut es geht, sie mag wollen oder nicht.«

»Sie liebt Maxence zu sehr, sie wird mich verlassen«, brachte der Alte eingeschüchtert vor.

»Bedenken Sie eins, lieber Onkel, einer von uns beiden, Maxence oder ich, wird übermorgen keine Fußspur mehr auf den Wegen von Issoudun hinterlassen.«

»Nun, so gehen Sie, Herr Carpentier«, sagte der Biedermann. »Wenn Sie mir versprechen, daß Flora wiederkommt, so gehen Sie! Sie sind ein Ehrenmann, sagen Sie ihr alles, was ich ihr sagen lassen kann . . .«

»Der Hauptmann Carpentier braucht ihr nur ins Ohr zu flüstern, daß ich aus Paris ein Weib von allerliebster Jugend und Schönheit kommen lassen werde, dann wird das Frauenzimmerchen schon angelaufen kommen!«

Der Hauptmann machte sich auf den Weg, er kutschierte selbst die alte Kalesche; Benjamin begleitete ihn zu Pferde. Kouski war nämlich nicht zu finden. Obwohl ihm die beiden Offiziere den Verlust seiner Stellung und einen Prozeß angedroht hatten, war der Pole auf einem Mietpferd nach Vatan geflohen, um Maxence und Flora den Handstreich der Gegner zu melden. Carpentier sollte auf dem Rückweg Benjamins Pferd reiten; er wollte nicht gern mit der Käscherin zusammen zurückfahren.

Als Philipp Kouskis Flucht erfuhr, sagte er zu Benjamin: »Von heute abend an wirst du den Polen hier vertreten. Sieh zu, daß du hinten auf die Kalesche klettern kannst, ohne daß Flora es merkt. Du mußt mit ihr zugleich wieder hier sein. Die Sache macht sich, Papa Hochon. Übermorgen gibt's ein lustiges Bankett.«

»Sie wollen sich hier häuslich niederlassen?« fragte der Geizhals.

»Ich habe schon Fario gesagt, er soll mir all meine Sachen herschicken. Ich will in dem Zimmer neben Gilets Zimmern schlafen, mein Onkel hat nichts dagegen.«

»Wie wird das alles enden?« meinte ängstlich der arme Alte.

»Mit der Wiederkehr der schönen Flora«, antwortete Herr Hochon. »In vier Stunden ist sie hier, sanft wie ein Osterlamm.

»Gott geb's!« – Der Biedermann wischte sich die Tränen ah.

»Jetzt ist es sieben Uhr«, sagte Philipp. »Um halb zwölf ist Ihre Herzenskönigin hier. Und Gilet bekommen Sie nicht mehr zu sehn. Werden Sie nicht herrlich dran sein wie der Papst?« Dann flüsterte er Herrn Hochon ins Ohr: »Wenn Sie meinen Triumph wollen, so bleiben Sie bis zur Ankunft der albernen Gans hier bei uns und helfen Sie mir, dem Alten zuzureden, damit er nicht von seinem Entschluß abgeht; dann werden wir zwei schon der Dame Käscherin ihre wahren Interessen beibringen.«

Das leuchtete Herrn Hochon ein, und er leistete Philipp Gesellschaft; aber sie hatten ein hartes Stück Arbeit mit dem alten Rouget, dessen kindisches Gejammer erst nachließ, als ihm Philipp zum zehntenmal wiederholt hatte: »Wenn die Flora wiederkommt, lieber Onkel, und niedlich mit Ihnen ist, dann werden Sie schon sehen, daß ich recht habe. Gehätschelt werden Sie, behalten Ihre Renten und werden sich in Zukunft von mir beraten lassen; dann wird's hier zugehen wie im Himmelreich.«

Um halb zwölf hörte man das Geräusch der Halbkutsche in der Grande Narette. Kam der Wagen leer oder voll zurück? In Rougets Mienen malte sich furchtbare Angst, die dann durch maßlose Seligkeit verdrängt wurde, durch eine Freude, die ihn ganz schwach machte, als er den einfahrenden Wagen wenden sah und dabei die beiden Frauen erblickte. Philipp half Flora beim Aussteigen und sagte zu Kouski: »Sie sind nicht mehr in Herrn Rougets Diensten. Sie können heute nacht hier nicht schlafen, schnüren Sie Ihr Bündel; Benjamin hier ersetzt Sie.«

»Sie sind also hier der Herr?« fragte Flora ironisch.

»Wenn Sie gestatten«, antwortete Philipp und preßte Floras Hand in der seinen wie in einem Schraubstock. »Kommen Sie, wir müssen einander das Herz ›ankäschern‹.«

Und er führte die Verblüffte ein Stück beiseite auf den Platz hinaus.

»Schönes Fräulein, übermorgen wird Gilet von diesem Arm ins Jenseits befördert sein oder mich mit seinem dahin befördern. Fall ich, dann sind Sie Herrin bei meinem armen närrischen Onkel: bene fit. Bleib ich auf den Beinen, dann vorwärts marsch, mein Fräulein, geradeaus, und servieren Sie dem Onkel Glück, und zwar prima Qualität. Ansonsten weiß ich in Paris Käscherinnen, die, ohne Ihnen zu nahe zu treten, hübscher sind als Sie; denn sie zählen erst siebzehn Jahre; die werden meinen Onkel äußerst glücklich machen und dabei meine Interessen vertreten. Fangen Sie also heut abend Ihren Dienst an, denn wenn morgen der gute Alte nicht munter ist wie ein Fink, so sage ich Ihnen nur das eine, wohlverstanden: einen Mann umzubringen, ohne daß die Justiz sich einmischt, gibt's nur einen Weg: sich mit ihm duellieren; um mich einer Frau zu entledigen, weiß ich drei. Merk dir's, Herzchen!«

Flora zitterte wie im Fieber. »Max töten? . . .« sagte sie und starrte Philipp im Mondlicht an.

»Still, da kommt der Onkel . . .«

Tatsächlich kam der alte Rouget, trotz Herrn Hochons Einwendungen, auf die Straße, um Flora mit Händen zu fassen, wie ein Geizhals seinen Schatz; er ging mit ihr ins Haus, führte sie in sein Zimmer und schloß sich mit ihr ein.

»Heute ist Sankt Valentin, läufst du vom Platz, verlierst du ihn«, sagte Benjamin zu dem Polen.

»Mein Herr wird euch allen das Maul stopfen«, antwortete Kouski, und dann ging er fort zu Max, der das Gasthaus zur Post bezog.

*

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