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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
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Im Jahre 1792 besaß die Bürgerschaft von Issoudun einen Arzt namens Rouget, der im Rufe großer Bosheit stand. Einige behaupteten dreist, er quäle seine Frau, obwohl sie die Schönste in der ganzen Stadt war. Sie wird wohl etwas dumm gewesen sein. Trotz aller Neugier der Freunde, allem Geschwätz der Gleichgültigen und aller üblen Nachrede der Neidischen wußte man nicht recht, wie es im Hause Rouget zuging. Der Doktor gehörte zu den Menschen, von denen man sagt: »Mit dem ist nicht gut Kirschen essen.« Solange er lebte, hielt man den Mund und zeigte ihm eine freundliche Miene. Seine Frau, eine geborene Descoings, war schon als junges Mädchen recht schwächlich gewesen, und das soll den Arzt mit veranlaßt haben, sie zu heiraten. Sie bekam erst einen Sohn und dann, seltsamerweise zehn Jahre später, eine Tochter. Die hatte, wie alle Leute meinten, der Doktor, obwohl er Arzt war, gar nicht mehr erwartet. Dieses späte Kind hieß Agathe. Bei solchen einfachen und nicht ungewöhnlichen Einzelheiten brauchte der Erzähler sich nicht gleich zu Beginn seiner Geschichte aufzuhalten, wenn ihre Kenntnis nicht notwendig wäre, um einen Mann vom Schlage des Doktors zu verstehen und ihn nicht schlechthin für ein Ungeheuer, einen unnatürlichen Vater zu halten, während er doch nur den üblen Neigungen nachgab, die sich gewöhnlich mit dem Grundsatze rechtfertigen: »Ein Mann muß Charakter haben!« Diese Männermaxime hat schon manche Frau unglücklich gemacht.

Rougets Schwiegereltern waren Wollagenten. Sie verkauften für die Viehzüchter und kauften für die Händler das goldene Vließ aus dem Lande Berry und bekamen von beiden Seiten ihre Provision. Dabei wurden sie reich und geizig, was bei vielen Existenzen zusammentrifft. Ihr Sohn, Descoings junior, der Bruder der Frau Rouget, mochte nicht in Issoudun bleiben. Er ging auf gut Glück nach Paris und ließ sich als Kaufmann in der Rue Saint-Honoré nieder. Und das war sein Verderben. Den Krämer zieht es nun einmal zum Handel mit der gleichen Stärke, mit der es den Künstler davon abstößt. Man hat noch nicht genügend erforscht, welche sozialen Kräfte die Menschen in die verschiedenen Berufe treiben. Seit der Sohn nicht mehr des Vaters Handwerk ergreifen muß, wie bei den Ägyptern, muß man sich fragen: Warum wird einer lieber Papierhändler als Bäcker? Bei der Berufswahl des jungen Descoings hatte dann noch die Liebe mitgesprochen. »Ich will auch Krämer werden!« sagte er sich und sagte sich noch mehr beim Anblick der Frau Krämerin, einer prachtvollen Person, in die er sich als Gehilfe sterblich verliebte. Und mit viel Geduld und ein wenig Geld, das ihm seine Eltern schickten, hat er dann wirklich die Witwe seines Vorgängers, des Herren Bixiou, geheiratet. Im Jahre 1792 galt Descoings für einen glücklichen Geschäftsmann.

Damals lebten die alten Descoings noch. Mit Wolle gaben sie sich nicht mehr ab, sie legten ihr Geld in Nationalgütern an: der Ankauf dieser staatlich aufgeteilten Ländereien war auch ein goldenes Vließ! In der sicheren Hoffnung, bald den Verlust seiner Frau beweinen zu dürfen, schickte ihr Schwiegersohn Rouget seine Tochter nach Paris zum Schwager, einmal, damit sie die Hauptstadt kennen lernte, und dann noch aus einer besonderen Hinterlist: Der Schwager Descoings war kinderlos. Seine Frau war zwar sehr gesund, aber fett wie eine Wachtel nach der Weinlese; als erfahrener Arzt sah der schlaue Rouget voraus, daß dies Ehepaar immer glücklich sein, aber, im Widerspruch zu der Märchenmoral, keine Kinder haben würde. Dann konnten also die beiden seine Agathe ins Herz schließen. Er hatte ja die Absicht, seine Tochter zu enterben, und hoffte, wenn er sie verpflanzte, dieses Ziel zu erreichen. Das junge Geschöpf, damals das schönste Mädchen von Issoudun, sah weder dem Vater noch der Mutter ähnlich. Agathes Geburt hatte den Doktor Rouget lebenslänglich entzweit mit seinem intimen Freund, dem früheren Subdelegierten Lousteau, der Issoudun gerade verlassen hatte. Wenn eine Familie aus einem so wohnlichen Orte, wie Issoudun einer ist, auswandert, haben die Bewohner das gute Recht, nach den Ursachen dieses ungewöhnlichen Entschlusses zu forschen. Böse Zungen behaupteten, Herr Rouget habe geschworen, daß Lousteau nur von seiner Hand sterben werde. Wenn das ein Arzt sagt, hat solch ein Wort Gewicht. Als die Nationalversammlung die Subdelegationen aufhob, verließ Lousteau die Stadt Issoudun auf Nimmerwiedersehn. Seit die Lousteaus fort waren, verbrachte Frau Rouget ihre ganze Zeit bei der Schwester des früheren Subdelegierten, einer Frau Hochon, diese war Patin ihrer Tochter Agathe und das einzige Wesen, dem sie ihr Herz ausschüttete. Das Wenige, was die Stadt Issoudun über die schöne Frau Rouget erfahren hat. stammt von dieser guten Dame her und erst aus der Zeit nach dem Tode des Doktors.

Als ihr Mann davon sprach, daß er Agathe nach Paris schicken wolle, war Frau Rougets erstes Wort: »Ich werde mein Kind nicht wieder sehen!« – »Und leider hat sie richtig geahnt«, pflegte die vortreffliche Frau Hochon zu sagen.

Nun wurde die arme Mutter quittengelb, und die da behaupteten, Rouget martere seine Frau langsam zu Tode, schienen recht zu behalten. Das tölpelhafte Benehmen ihres Sohnes trug auch sein Teil dazu bei, diese unschuldig beschuldigte Frau zu quälen. Der blöde Bursche, dessen Rücksichtslosigkeiten der Vater vielleicht noch ermutigte, war unaufmerksam und respektlos gegen seine Mutter. Jean-Jacques hatte des Vaters üble Eigenschaften geerbt, und viel war schon der Alte an Leib und Seele nicht wert.

Die Ankunft der entzückenden Agathe Rouget in Paris brachte ihrem Onkel Descoings kein Glück. In der Woche oder republikanisch richtiger in der Dekade, in welcher sie eintraf, warf ihn ein Wort Robespierres zu Fouquier-Tinville ins Gefängnis. Descoings war nämlich so unvorsichtig gewesen, die berühmte Teurung für künstlich zu halten, und dazu töricht genug, diese Meinung – er glaubte an Meinungsfreiheit – gegen mehrere Kunden und Kundinnen beim Bedienen zu äußern. Das Unglück wollte es, daß die Bürgerin Duplay, Ehefrau des Tischlers, bei dem Robespierre wohnte, und Wirtschafterin des großen Bürgers, Descoings' Laden mit ihrer Kundschaft beehrte. Die Bürgerin Duplay erblickte in der Ansicht des Krämers eine Beleidigung der Majestät Maximilians I. Die berühmte Aufwärterin des Jakobinerklubs war schon unzufrieden mit dem Geist im Hause Descoings und sah in der Schönheit der Bürgerin Descoings eine heimliche Aristokratie. Sie vergiftete, ehe sie sie ihrem guten, milden Meister wiederholte, Descoings' Worte. Der Krämer wurde unter der üblichen Anklage des Wucheraufkaufs verhaftet. Als Descoings ins Gefängnis kam, bemühte sich seine Frau um seine Befreiung; aber sie benahm sich dabei sehr ungeschickt; die Art, wie sie mit den Richtern über Descoings' Schicksal sprach, konnte den Glauben erwecken, sie wolle auf ehrenvolle Weise ihren Gatten loswerden. Sie kannte den einen der Sekretäre Rolands, des Ministers des Innern, Namens Bridau, welcher zugleich die rechte Hand all derer war, die nacheinander diesen Ministerposten bekleideten. Diesen Bridau setzte sie in Bewegung, um Descoings zu retten. Aber den unbestechlichen Bürovorsteher verhinderte seine törichte und bewundernswerte Tugendhaftigkeit, die Leute, von denen Descoings' Schicksal abhing, zu bestechen; er versuchte, sie aufzuklären! Leute von damals aufklären! – da hätte er sie ebensogut bitten können, die Bourbonen zurückzurufen. Der Minister Roland, der gerade als Führer der Gironde Robespierre bekämpfte, sagte zu Bridau: »Worein mischst du dich?« Alle, die der redliche Sekretär aufsuchte, wiederholten ihm das bittere Wort: »Worein mischst du dich?« Nun gab Bridau der Frau Descoings den guten Rat, sich still zu verhalten; allein, statt sich um die Gunst der Aufwärterin Robespierres zu bemühen, wetterte sie gegen die Verleumderin; sie suchte ein Konventmitglied auf, einen, der für sich selbst zu zittern hatte; der sagte ihr: »Ich werde mit Robespierre darüber sprechen.« Damit beruhigte sich die schöne Krämersfrau, und ihr Beschützer sagte natürlich kein Wort zu Robespierre. Hätte sie lieber der Bürgerin Duplay ein paar Zuckerhüte und etliche Flaschen guten Schnapses geschenkt, sie hätte Descoings retten können. In Revolutionszeiten ist es ebenso gefährlich, sein Heil den Redlichen anzuvertrauen wie den Halunken; rechnen kann man nur auf sich selbst. Im Tode genoß Descoings immerhin die Auszeichnung, zusammen mit André de Chénier das Schaffot zu besteigen. Da umarmten sich zum erstenmal Poesie und Krämerei; sie hatten ja immer heimliche Beziehungen und werden sie immer haben. Descoings' Tod machte übrigens viel mehr Aufsehen als der André de Chéniers. Es mußten dreißig Jahre vergehen, bis man erkannte, daß Frankreich an Chénier mehr als an Descoings verloren hatte. Einen guten Erfolg hat Robespierres Maßregel gehabt: bis zum Jahre 1830 haben sich die eingeschüchterten Krämer nicht mehr mit der Politik befaßt. Descoings' Laden lag nur hundert Schritt von Robespierres Wohnung. Und des Krämers Nachfolger machte schlechte Geschäfte. Das war der berühmte Parfümeriefabrikant Cäsar Birotteau. Übertrug diese unheimliche Nachbarschaft das Unglück und ruinierte den Erfinder der ›Sultaninnenpaste‹ und des ›Eau carminative‹? Diese Frage mögen die okkulten Wissenschaften lösen. Dem Bürovorsteher Bridau hatte, so oft er die Frau des unglücklichen Descoings besuchte, Agathe Rougets stille, kühle, klare Schönheit großen Eindruck gemacht. Nun kam er, die Witwe, die in ihrer Trostlosigkeit das Geschäft ihres zweiten Verstorbenen liegen ließ, zu trösten, und heiratete schließlich noch in der gleichen Dekade das reizende junge Mädchen. Er brauchte nur die Ankunft des Doktors Rouget abzuwarten, der unverzüglich eintraf. Der Arzt war entzückt, daß die Folge der Ereignisse seine Wünsche überholte, denn jetzt wurde seine Frau die einzige Erbin der alten Descoings; er eilte nach Paris, weniger, um der Hochzeit seiner Tochter Agathe beizuwohnen, als um den Ehevertrag in seinem Sinne abfassen zu lassen. Die Selbstlosigkeit und übergroße Liebe des Bürgers Bridau ließen der Gemeinheit des Arztes freie Hand, und der weitere Verlauf dieser Geschichte wird zeigen, wie Rouget die Verblendung seines Schwiegersohnes auszunutzen verstand. Frau Rouget oder genauer der Doktor erbte also den ganzen beweglichen und unbeweglichen Besitz von Vater und Mutter Descoings, die bald danach in einem Abstand von zwei Jahren starben. Zuguterletzt kam Rouget dann mit seiner Frau zum Ziel, die zu Anfang des Jahres 1799 starb. Und er bekam Weinberge, kaufte Gutshöfe, erwarb Eisenhämmer, und sein Wollhandel blühte. Sein lieber Sohn verstand nichts, und der Vater beschloß, ihn Grundbesitzer werden zu lassen, und ließ ihn aufwachsen in Reichtum und Dummheit. Dabei werde sein Kind das bißchen Leben und Sterben so gut lernen wie die Gelehrten, meinte er. Seit 1799 schätzten die Rechner von Issoudun den alten Rouget auf bereits dreißigtausend Franken Rente. Nach dem Tode seiner Frau ergab sich der Doktor seinen Ausschweifungen, aber sie waren sozusagen geregelt und unter Ausschluß der Öffentlichkeit auf das eigene Heim beschränkt. Dieser Mann von Charakter starb im Jahre 1805. Nun wußten die Bürger von Issoudun Gott weiß was alles von ihm zu berichten, und über sein Privatleben waren die schaurigsten Anekdoten in Umlauf. Jean-Jacques Rouget, den der Vater schließlich in Anbetracht seiner Dummheit strenger behandelt hatte, blieb aus Gründen, die im Verlauf dieser Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen werden, Junggeselle. Und daran war zum Teil der Doktor schuld.

Wir müssen nun betrachten, wie die Rache wirkte, die Rache des Vaters an der Tochter, die er nicht für sein Kind hielt, und die es doch rechtmäßig war. In Issoudun hatte niemand einen jener wunderlichen Zufälle bemerkt, die aus der Zeugung und Abstammung einen Abgrund machen, in dem die Wissenschaft sich verliert. Agathe sah der Mutter des Doktors Rouget ähnlich. Das Überspringen einer Generation und die Vererbung von Großvater auf Enkel, die man häufig bei der Gicht beobachtet hat, läßt sich nicht selten bei der Familienähnlichkeit nachweisen. So glich Agathes erstes Kind von Ansehen der Mutter, aber den Charakter erbte es vom Großvater Rouget. Doch wir wollen die Lösung auch dieses Problems dem zwanzigsten Jahrhundert nebst einigen Fachausdrücken vermachen, und unsere Nachfahren mögen über diese dunkle Frage weiter soviel Törichtes schreiben wie unsere gelehrten Körperschaften es bereits getan haben.

Agathe Rouget gewann die allgemeine Bewunderung durch ein Gesicht, das gleich dem Marias, der Mutter des Heilands, immer jungfräulich blieb, auch nach der Heirat. Ihr Porträt, das im Atelier ihres Sohnes noch zu sehen ist, zeigt ein vollkommenes Oval und ein makelloses Weiß trotz ihres rötlich goldenen Haares. Häufig fragen andre Künstler unsern berühmten Bridau, wenn sie die reine Stirn, den verhaltenen Mund, die feine Nase, die zierlichen Ohren, die langen Wimpern, dunkelblauen, tief zärtlichen Augen, die ganze Innigkeit dieses Gesichtes betrachten: »Ist das eine Kopie nach Raffael?« Nie hatte jemand eine glücklichere Eingebung als der Bürovorsteher Bridau, als er das junge Mädchen heiratete. Agathe verwirklichte das Ideal der Hausfrau, die in der Provinz groß geworden und nie von der Mutter fortgekommen ist. Sie war fromm ohne Frömmelei und besaß nur die Bildung, welche die Kirche den Frauen gibt. Sie war eine musterhafte Gattin im einfachen Sinne des Wortes, und ihre Lebensunkenntnis brachte ihr manches Unglück. Die Grabschrift der berühmten Römerin: ›Sie wob und hütete das Haus‹, gibt am besten die stille Reinheit dieses einfachen Daseins wieder.

Seit dem Konsulat war Bridau ein begeisterter Anhänger Napoleons, der ihn 1804, ein Jahr vor Rougets Tode, zum Sektionschef ernannte. Er bezog zwölftausend Franken Gehalt und stattliche Gratifikationen, und so blieb er gleichgültig gegenüber den schmählichen Ergebnissen der Testamentsvollstreckung in Issoudun, bei der Agathe leer ausging. Sechs Monate vor seinem Tode hatte der alte Rouget seinem Sohne einen Teil seines Besitzes käuflich überlassen, und der Rest wurde dann Jean-Jacques mehr als eine Art Schenkung denn als Erbschaft zugesprochen. Agathes ganzer Anteil an der Hinterlassenschaft ihrer Eltern waren die hunderttausend Franken, die sie als Vorschuß auf ihre Erbschaft in ihrem Ehevertrag erhalten hatte. Ein wahrer Anbeter des Kaisers, diente Bridau mit fanatischer Ergebenheit den gewaltigen Entwürfen des modernen Halbgottes, der alles in Frankreich zerstört fand und alles neu schaffen wollte. Nie versuchte der Sektionschef zu bremsen. Pläne, Denkschriften, Rapporte, Studien, die lastendsten Aufgaben übernahm er; dem Kaiser zu folgen war sein höchstes Glück; er liebte den Menschen, er vergötterte den Herrscher Napoleon, er duldete nicht die kleinste Kritik an seinen Taten oder Absichten. Von 1804 bis 1808 hatte er eine große schöne Wohnung am Quai Voltaire, ein paar Schritte von seinem Ministerium und den Tuilerien. In ihrer Glanzzeit verwaltete Frau Bridau ihren ganzen Haushalt mit einer Köchin und einem Diener. Agathe stand stets als erste auf und ging mit ihrer Köchin in die Hallen einkaufen. Während der Diener die Zimmer machte, überwachte sie das Frühstück. Bridau begab sich immer erst gegen elf Uhr in sein Ministerium. Und solange sie zusammen waren, bereitete ihm seine Frau mit immer neuer Freude ein schmackhaftes Frühstück, die einzige Mahlzeit, an der Bridau ein wirkliches Vergnügen hatte. Zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter sah Agathe ihrem Manne aus dem Fenster nach, wenn er ins Ministerium ging, und zog den Kopf erst zurück, wenn er in die Rue du Bac einbog. Dann räumte sie selbst ab, ging noch einmal ordnend durch die Zimmer, zog sich an, spielte mit ihren Kindern, ging mit ihnen aus oder empfing Besuche, bis Bridau nach Hause kam. Brachte der Sektionschef dringende Arbeiten mit, so setzte sie sich zu ihm in seinem Arbeitszimmer neben seinen Schreibtisch und sah ihm strickend und stumm wie ein Standbild bei der Arbeit zu. Sie blieb wach solange wie er und ging erst einige Augenblicke vor ihm zu Bett. Bisweilen besuchte das Ehepaar das Theater in der Ministerloge. Dann pflegten sie im Gasthaus zu speisen; und das Gasthaus war für Frau Bridau auch ein Schauspiel, das sie genoß wie alle, die fremd in Paris sind. Oft mußte Bridau als Sektionschef und leitende Persönlichkeit in einem Teil des Ministeriums des Innern Einladungen zu großen Diners annehmen und entsprechend erwidern; bei solchen Gelegenheiten paßte sich seine Frau dem damaligen Toilettenluxus an, aber sie war froh, wenn sie zu Hause die Pracht wieder abwerfen und ihr schlichtes Hauskleid anziehen konnte. Einmal in der Woche, am Donnerstag, empfing Bridau seine Bekannten, und am Fastnachtsdienstag gab er einen großen Ball. Diese wenigen Worte enthalten die ganze Geschichte dieser Ehe, in der sich nur drei große Ereignisse abspielten: die Geburt zweier Kinder im Abstand von drei Jahren und Bridaus Tod, Im Jahre 1808 erlag er den Folgen seiner Nachtwachen, gerade in dem Augenblick, als der Kaiser ihn zum Generaldirektor, Grafen und Staatsrat ernennen wollte. In dieser Zeit befaßte sich Napoleon insbesondere mit den innern Angelegenheiten, überhäufte Bridau mit Arbeiten und untergrub schließlich die Gesundheit des unermüdlichen Beamten. Der Kaiser hatte sich nach dem Leben und Vermögen dieses Mannes, der ihn nie um etwas bat, erkundigt und erfahren, daß dieser Getreue nichts besaß als sein Amt. Dabei gewann er Einblick in eine der unbestechlichen Seelen, die seiner Verwaltung Wirksamkeit und Würde gaben und wollte nun Bridau mit glänzenden Auszeichnungen überraschen. Der Eifer, eine ungeheure Arbeit vor dem Aufbruch des Kaisers nach Spanien zu Ende zu bringen, tötete den Sektionschef in der Form eines Nervenfiebers. Als der Kaiser auf ein paar Tage nach Paris zurückkam, um den Feldzug von 1809 vorzubereiten, und von diesem Verlust hörte, sagte er: »Es gibt Männer, die man nie ersetzen kann«. Unter dem Eindruck einer Ergebenheit, die nicht auf die glänzenden, dem Heere vorbehaltenen Ehrenbezeugungen aus war, beschloß der Kaiser einen hohen Zivilorden zu stiften, welcher der Ehrenlegion des Militärs entsprechen sollte. Von diesem Orden, dessen Gedanken Bridaus Tod eingegeben und dessen Verwirklichung aus Zeitmangel unterblieb, werden die meisten Leser nichts mehr wissen. Sein Abzeichen war ein blaues Band, und der Kaiser nannte ihn ›Réunion‹, weil er das goldene Vließ des spanischen und das des österreichischen Hofes zu vereinigen gedachte. ›Diese Profanation‹, sagte ein preußischer Diplomat, ›hat die Vorsehung verhindert‹. Der Kaiser ließ sich über Frau Bridaus Lage Bericht erstatten. Die beiden Kinder bekamen jedes ein volles Stipendium am kaiserlichen Lyzeum und der Kaiser bestritt die ganzen Kosten ihrer Erziehung aus seiner Privatschatulle. Sodann verschrieb er Frau Bridau eine Pension von viertausend Franken und behielt sich zweifellos zugleich die Sorge für die Zukunft ihrer Söhne vor. Vom Tage ihrer Hochzeit bis zum Tode ihres Mannes blieb Frau Bridau ohne alle Beziehungen zu Issoudun. Als sie ihre Mutter verlor, sah sie der Geburt ihres zweiten Sohnes entgegen. Als dann der Vater, von dem sie sich wenig geliebt wußte, starb, stand die Salbung des Kaisers bevor, und die Krönung machte ihrem Gatten so viel Arbeit, daß sie ihn nicht verlassen wollte. Ihr Bruder Jean-Jacques Rouget hatte ihr seit ihrer Abreise von Issoudun kein Wort geschrieben. Anfangs litt Agathe unter dieser unausgesprochenen Verstoßung aus ihrer Familie, aber schließlich dachte sie nicht mehr an die, welche an sie nie dachten. Einmal im Jahre bekam sie einen Brief von ihrer Patin, der Frau Hochon, und beantwortete ihn mit Alltäglichkeiten, ohne auf die Fingerzeige zu achten, die ihr diese vortreffliche und fromme Freundin zwischen den Zeilen gab. Kurz vor dem Tode des Doktors Rouget schrieb Frau Hochon ihrer Patentochter, sie habe nichts von ihrem Vater zu erwarten, wenn sie nicht Herrn Hochon Vollmacht erteilte. Es widerstrebte Agathe, ihrem Bruder Ungelegenheiten zu machen. Ob nun Bridau die Erbausschließung dem Recht und der Sitte des Landes Berry entsprechend fand, oder ob dieser Reine und Gerechte Seelengröße und Gleichgültigkeit seiner Frau gegen Geldangelegenheiten teilte, kurz, er wollte nicht auf seinen Notar Roguin hören, der ihm riet, seine Stellung zu benutzen, um die Maßnahmen anzufechten, durch die der Vater die Tochter ihres rechtmäßigen Anteils beraubte. Das Ehepaar Bridau billigte, was damals in Issoudun geschah. Immerhin benutzte der Notar Roguin die Gelegenheit, um den Sektionschef auf die gefährdeten Interessen seiner Frau hinzuweisen. Der edle Mann bedachte, daß Agathe bei seinem Tode ohne Vermögen dastehen werde. Er machte sich daran, seinen Besitzstand nachzuprüfen, stellte fest, daß seine Frau und er von fünfzigtausend Franken, die der alte Rouget seiner Tochter mitgegeben hatte, ungefähr dreißigtausend hatten aufnehmen müssen, und legte nun die übrigen zwanzigtausend in Staatspapieren an. Konsols standen damals vierzig. Agathe bezog also ungefähr zweitausend Franken Rente. Mit einem Einkommen von sechstausend Franken konnte Frau Bridau als Witwe standesgemäß leben. Sie war Provinzialin geblieben, sie wollte Bridaus Diener entlassen, nur ihre Köchin behalten und eine kleinere Wohnung beziehen; aber ihre gute Freundin, Frau Descoings, die darauf bestand, Tante genannt zu werden, verkaufte ihre Möbel, gab ihre Wohnung auf, zog zu Agathe und richtete sich im Arbeitszimmer des verstorbenen Bridau ihr Schlafzimmer ein. Beide Witwen warfen ihre Einkünfte zusammen und sahen sich im Besitz von zwölftausend Franken Rente. Das erscheint einfach und natürlich. Aber nichts verlangt genauere Beachtung, als was natürlich aussieht. Das Außergewöhnliche macht alle Welt bedenklich. Wenn aber Männer von Erfahrung, Anwälte, Ärzte, Richter, Priester, den einfachen Dingen eine hohe Bedeutung beimessen, so findet man sie ängstlich pedantisch. Und oft kann man unbedachte Leute, die ihre Torheiten vor sich und andern entschuldigen wollen, sagen hören: »Es war so einfach, jeder andere wäre auch darauf hereingefallen!«

Im Jahre 1809 war Frau Descoings, die ihr Alter nie eingestand, fünfundsechzig Jahre alt. Sie hatte zu ihrer Zeit »die schöne Krämerin« geheißen und war noch jetzt eine der seltenen Frauen, denen die Zeit nichts anhat. Ihrer ausgezeichneten Konstitution verdankte sie die glückliche Bewahrung einer Schönheit, die einer genauen Prüfung allerdings nicht mehr standhielt. Sie war mittelgroß, üppig und frisch, hatte schöne Schultern und rosigen Teint. Ihr blondes Haar, das ins Kastanienbraune spielte, hatte trotz ihres Gatten furchtbarem Schicksal nichts von seiner Farbe eingebüßt. Sehr lecker war sie und bereitete sich gern gute kleine Gerichte; aber neben der Küche schwärmte sie auch für das Theater, und dann hatte sie noch ganz im geheimen ein besonderes Laster: sie spielte in der Lotterie! Sollte das Danaidenfaß der Mythologie uns vielleicht diesen Abgrund versinnbildlicht haben? Die Descoings war übrigens bis auf eine gewisse Toiletteneitelkeit, wie sie Frauen, die das Glück haben, lange jung zu bleiben, eigen ist, eine recht umgängliche Person. Sie war immer derselben Meinung wie die andern, ärgerte niemanden durch Widerspruch und machte sich durch eine gelinde gesellige Heiterkeit beliebt. Als gute Pariserin verstand sie Spaß, und das haben die alten Kaufleute und Kleinrentner gern. Nur die Zeitumstände waren schuld daran, daß sie sich nicht zum drittenmal verheiratete. Während der Kriege des Kaiserreichs fanden die Heiratslustigen leicht schöne reiche junge Mädchen und brauchten sich um die Frauen von sechzig Jahren nicht zu kümmern. Frau Descoings bemühte sich, Frau Bridau aufzuheitern; sie nahm sie oft ins Theater und auf Spazierfahrten mit und stellte vortreffliche kleine Diners für sie zusammen; sie versuchte sie sogar mit ihrem Sohne aus erster Ehe, Herrn Bixiou, zu verheiraten. Ach, sie gestand ihr das schreckliche Geheimnis, um das nur sie, der selige Descoings und ihr Notar gewußt hatten. Die junge, elegante Descoings, die sich für eine Dame von sechsunddreißig Jahren ausgab, hatte einen Sohn von fünfunddreißig Jahren, namens Bixiou, der schon Witwer war und Major im einundzwanzigsten Linienregiment. Er ist dann als Oberst in Dresden gestorben und hat einen einzigen Sohn hinterlassen. Diesen Enkel, den die Descoings nur heimlich sah, gab sie als einen Sohn ihres Mannes aus erster Ehe aus. Ihr Geständnis war ein Akt der Klugheit: der Sohn des Obersten wurde mit den beiden jungen Bridaus im kaiserlichen Lyzeum erzogen und bezog ein halbes Stipendium. Es war ein gewandter und verschlagener Bursche, der sich später als Zeichner und feiner Kopf einen großen Namen gemacht hat.

Agathe liebte auf der Welt nur ihre Kinder, wollte nur noch für die Kinder leben und schlug sowohl aus Vernunft wie aus Treue jede zweite Ehe aus. Aber es wird den Frauen leichter, eine gute Gattin zu sein als eine gute Mutter. Eine Witwe hat zwei Aufgaben, die sich widersprechen: sie ist Mutter und muß zugleich die väterliche Gewalt ausüben. Wenige Frauen haben die Kraft, diese Doppelrolle zu verstehen und zu spielen. So wurde die arme Agathe bei all ihren Tugenden die unschuldige Ursache vielen Unglücks. Mit wenig Geist und dem großen Vertrauen der schönen Seelen wurde sie das Opfer der Frau Descoings, die sie tief ins Unglück stürzte. Die Descoings hielt die Ternen, und die Lotterie gab ihren Aktionären keinen Kredit. Da sie das Hauswesen leitete, konnte sie das Haushaltungsgeld in ihre Einsätze stecken und so geriet sie, immer in der Hoffnung, ihren Enkel Bixiou, ihre liebe Agathe und die kleinen Bridaus reich zu machen, tiefer und tiefer in Schulden. Als die Schulden die Höhe von zehntausend Franken erreicht hatten, erhöhte sie ihren Einsatz, indem sie darauf rechnete, daß ihre Lieblingsterne, die seit neun Jahren nicht gezogen worden war, den Schlund des Defizits füllen würde. Von da an stieg die Schuld schneller. Als sie zwanzigtausend Franken erreicht hatte, verlor die Descoings den Kopf, aber die Terne gewann sie nicht. Sie wollte nunmehr ihr Vermögen verpfänden, um ihre Nichte zu entschädigen, aber ihr Notar Roguin bewies ihr die Unausführbarkeit dieses redlichen Vorsatzes. Der verstorbene Rouget hatte beim Tode seines Schwagers Descoings dessen Erbschaft angetreten und Frau Descoings mit einer Nutznießungsrente abgefunden, die auf dem Besitz von Jean-Jacques Rouget lastete. Auf eine Leibrente von ungefähr viertausend Franken würde kein Wucherer einer Frau von siebenundsechzig Jahren zwanzigtausend Franken leihen, zumal in einer Zeit, in der man sein Geld gut und gern zu zehn Prozent anlegen konnte. Eines Morgens warf sich die Descoings ihrer Nichte zu Füßen und gestand ihr unter Schluchzen, wie es um sie stand. Frau Bridau machte ihr keinen Vorwurf, sie entließ den Diener und die Köchin, verkaufte alle entbehrlichen Möbel, dazu noch drei Viertel ihrer Staatspapiere, bezahlte alles und kündigte ihre Wohnung.

Einer der schrecklichsten Winkel von Paris ist das Stück der Rue Mazarine von der Rue Guénégaud bis zu der Stelle, wo sie hinter dem Institut mit der Rue de Seine zusammenstößt. Die hohen grauen Mauern des Kollegiums und der Bibliothek, welche der Kardinal Mazarin der Stadt Paris stiftete, und in der dann später die französische Akademie tagen sollte, werfen eisige Schatten auf den Straßenwinkel; der Nordwind bläst hinein und selten zeigt sich die Sonne. Im dritten Stockwerk eines Hauses an dieser feuchten schwarzen kalten Ecke fand die arme ruinierte Witwe Unterkunft. Vor dem Hause steigen die Gebäude des Instituts empor, in denen sich damals die Zellen jener wilden Tiere befanden, die bei den Bürgern Kunstmaler und in den Ateliers ›Rapins‹ genannt werden. Als Rapin kam der Kunstschüler hinein, mit dem Stipendium für Rom konnte er herauskommen. Das geschah unter großem Lärm zu bestimmten Zeiten des Jahres, in denen die Wettbewerber in diese Zellen eingeschlossen wurden, um in gegebener Zeit als Bildhauer ein Tonmodell, als Maler ein Bild, als Architekt den Plan eines Gebäudes, als Musiker eine Kantate zu vollenden und preisgekrönt zu werden. Heute befindet sich diese Menagerie nicht mehr hinter diesen düsterkalten Mauern, sie ist ein paar Schritte weiter in das Palais der schönen Künste überführt worden. Aus den Fenstern der Frau Bridau hatte man die tieftraurige Aussicht auf diese vergitterten Zellen. Gegen Norden war der Horizont begrenzt durch die Kuppel des Institutes. Die Straße aufwärts fanden die Augen als einzige Aufmunterung die Fiakerreihe auf der Höhe der Rue Mazarine. Die Witwe stellte in ihre Fenster drei Kästen mit Blumenerde und bestellte einen jener hängenden Gärten, die, beständig von den polizeilichen Vorschriften bedroht, den Zimmern Luft und Licht rauben. Da das Nachbarhaus auf die Rue de Seine geht, hat dieses Haus nur sehr wenig Tiefe und eine schmale Wendeltreppe. Das dritte Stockwerk ist das oberste. Drei Fenster, drei Zimmer: Eßzimmer, kleines Wohnzimmer, Schlafzimmer; auf der andern Seite des Treppenabsatzes eine kleine Küche, darüber zwei Kammern und ein großer Boden. Aus dreierlei Gründen wählte Frau Bridau diese Wohnung: erstens Billigkeit; sie zahlte vierhundert Franken und konnte einen neunjährigen Vertrag schließen; dann die Nähe des kaiserlichen Lyzeums, und drittens blieb die Familie in einem Stadtviertel, das ihr vertraut war. Das Innere der Wohnung entsprach dem Charakter des Hauses. Das Eßzimmer mit seiner gelben, grüngeblümten Tapete und seinem roten Steinfußboden enthielt nur das Notwendigste: einen Tisch, zwei Anrichten und sechs Stühle, alles noch aus dem verlassenen Appartement stammend. Das Wohnzimmer schmückte ein Aubussonteppich, den Bridau bei einer Erneuerung des Mobiliars im Ministerium geschenkt bekommen hatte. Die Witwe stellte billige Mahagonimöbel mit ägyptischen Aufsätzen hinein, wie sie Jakob Desmalter um 1806 in Massen fabrizierte. Die waren mit grüner, weißgeblümter Seide bezogen. Über dem Kanapee hing ein Pastellporträt von Bridau, von Freundeshand gemalt, das sofort den Blick auf sich zog. Ein Kunstkenner hätte manches daran auszusetzen gehabt. Aber immerhin war die feste Stirn, war die Klarheit der zugleich sanften und stolzen Augen des großen vergessenen Bürgers gut getroffen. Die Lippen, die von Scharfsinn zeugten, das freimütige Lächeln, der ganze Ausdruck des Mannes, den der Kaiser: »justum et tenacem« genannt hatte, waren, wenn nicht mit Talent, so doch mit Treue wiedergegeben. Beim Anblick des Porträts mußte man sich sagen, dieser Mann hatte immer seine Pflicht erfüllt. In seiner Miene lebte die Unbestechlichkeit, die man den besten Republikanern nachsagt. Über dem Spieltisch gegenüber strahlte eine Kopie des Kaiserbildes von Vernet, aus dem Napoleon an der Spitze seines Gefolges rasch vorüberreitet. Agathe leistete sich zwei große Vogelbauer, einen mit Kanarienvögeln, den anderen mit Sittichen. Eine Spielerei, die sie in ihrem unersetzlichen Verlust ergötzte. Ihr Witwenzimmer war schon nach drei Monaten so, wie es bis zu dem verhängnisvollen Tage bleiben sollte, an dem sie es verlassen mußte: ein Durcheinander, das keine Beschreibung ordnen könnte. Da hausten die Katzen auf den Sesseln, manchmal flogen die Kanarienvögel frei herum und ließen ihre Spuren in Kommagestalt auf allen Möbeln. An mehreren Plätzen stellte die gute Witwe Hirse und Vogelfutter für sie aus. Die Katzen fanden Leckereien in abgestoßenen Untertassen. Plunder lag herum. Das ganze Zimmer roch nach Kleinstadt und Treue.

Alles, was dem seligen Bridau gehört hatte, wurde sorgfältig aufgehoben. Seine Schreibtischutensilien erfuhren die Pflege, die ehedem die Witwe eines Paladins den Waffen ihres Verstorbenen gewidmet haben mag. Ein Beispiel für den rührenden Kult dieser Frau: Eine Schreibfeder hatte sie eingewickelt und auf die versiegelte Hülle die Inschrift gesetzt: »Letzte Feder, die mein teurer Gatte benutzt hat.« Auf dem Kaminsims stand unter Glas die Tasse, aus der er seinen letzten Schluck getrunken hatte. Nachtmützen und Perücken thronten später auf den Glasstürzen, die diese kostbaren Reliquien deckten. Seit Bridaus Tode kannte die junge Witwe von fünfunddreißig Jahren keine Spur von Koketterie oder weiblicher Sorgfalt mehr. Verlassen von dem einzigen, den sie gekannt, verehrt, geliebt und der ihr nie den geringsten Kummer bereitet hatte, fühlte sie sich nicht mehr Frau, ließ alles stehn und gehn und vernachlässigte ihre Kleidung. Sie gehörte zu denen, die in der Liebe ihr Ich ganz auf den andern übertragen können, und denen mit seinem Verlust das Leben unmöglich wird. Da sie nun nur noch für die Kinder leben konnte, machte es sie unsagbar traurig, mitansehen zu müssen, wieviel Entbehrungen ihr Ruin diesen auferlegen werde. Seit dem Einzug in die Rue Mazarine bekamen ihre Züge einen ergreifenden Schimmer von Melancholie. Sie rechnete wohl noch auf den Kaiser, aber der Kaiser konnte jetzt auch nicht mehr tun als er tat: Aus seiner Privatschatulle wurden für jedes Kind außer dem Stipendium jährlich sechshundert Franken gezahlt.

Die schöne alte Descoings bewohnte im zweiten Stock dieselben Räume wie ihre Nichte im dritten. Sie ließ Frau Bridau jährlich tausend Taler aus ihrer Rente überweisen. Auf diese Weise regelte der Notar Roguin die Einkünfte der Frau Bridau, aber es erforderte ungefähr sieben Jahre, um in langsamer Rückzahlung den Schaden auszugleichen. Der Descoings blieben nur noch zwölfhundert Franken, von denen sie ärmlich mit ihrer Nichte lebte. Die beiden ehrsamen, aber schwachen Geschöpfe nahmen nur morgens eine Aufwärterin ins Haus. Die Descoings, die gern küchelte, bereitete die Mahlzeiten. Abends kamen einige Bekannte, Ministerialbeamte, die ihre Stellen Bridau verdankten, mit den beiden Witwen Karten zu spielen. Die Descoings hielt immer noch ihre Terne, die sich's, wie sie sagte, in den Kopf gesetzt hatte, nicht herauszukommen. Sie gab die Hoffnung nicht auf, mit einem Schlage der Nichte die alte Schuld zurückzahlen zu können. Die beiden kleinen Bridaus liebte sie mehr als ihren Enkel Bixiou; so sehr fühlte sie sich ihnen gegenüber im Unrecht, so sehr bewunderte sie die Güte ihrer Nichte, die ihr im größten Leid nie den geringsten Vorwurf gemacht hatte. Man kann sich vorstellen, wie Joseph und Philipp von der Descoings verwöhnt wurden! Die alte Aktionärin der kaiserlichen Lotterie von Frankreich suchte ihr Laster dadurch abzubüßen, daß sie den Knaben besondere Leckerbissen zu essen gab. Und später bekamen beide, ohne viel bitten zu müssen, aus der Tasche der Alten das nötige Kleingeld, Joseph, der Jüngere, für Kohle, Bleistifte, Papier und Zeichenwischer, Philipp, der Ältere, für Apfelkuchen, Murmeln, Bindfaden und Messer. Ihre Spielleidenschaft ging so weit, daß sie ihre ganzen Ausgaben auf fünfzig Franken im Monat beschränkte und den Rest auf die Lotterie trug.

Frau Bridau ließ ihrerseits die Ausgaben aus Mutterliebe nicht höher anwachsen. Zur Strafe für ihre Vertrauensseligkeit schränkte sie heldenhaft ihre kleinen Freuden ein. Das einmal verletzte Gefühl, das einmal erweckte Mißtrauen brachte sie gleich vielen ängstlichen und beschränkten Gemütern dahin, das Laster der Knauserei so weit zu treiben, daß es schon wie eine Tugend aussah. Der Kaiser konnte vergessen, sagte sie sich, er konnte in einer Schlacht fallen, und ihre Pension würde mit ihr erlöschen. Sie zitterte vor der Möglichkeit, daß ihre Kinder ohne Vermögen auf der Welt zurückblieben. Wenn Roguin ihr klar zu machen suchte, daß eine Abgabe von dreitausend Franken aus Frau Descoings' Rente innerhalb sieben Jahren ihr verkauftes Kapital wiederherstellen werde, so vermochte sie seinen Berechnungen nicht zu folgen, sie traute weder dem Notar, noch der Tante, noch dem Staat, sie zählte nur noch auf sich selbst und auf das, was sie sich absparte. Konnte sie jedes Jahr tausend Taler von ihrer Pension zurücklegen, so würde sie in zehn Jahren dreißigtausend Franken und somit schon fünfzehnhundert Franken Einkommen für ihre Kinder haben. Mit ihren sechsunddreißig Jahren konnte sie noch auf zwanzig Lebensjahre rechnen und dann würden die beiden Söhne, wenn sie an ihrem System festhielt, einmal wenigstens das Notwendigste haben. So waren die beiden Witwen aus falschem Reichtum in freiwilliges Elend geraten, die eine unter dem Druck eines Lasters, die andere im Zeichen der reinsten Tugend. Diese Einzelheiten, unentbehrlich für den Zusammenhang dieser Geschichte, sind aus dem Alltäglichen gegriffen, aber um so größer ist vielleicht ihre Tragweite. Der Anblick der Malerzellen, das Getriebe der Rapins auf der Straße, der Aufblick zum Himmel, der über die garstigen Umrisse dieses feuchten Gassenwinkels hinweghelfen mußte, das Bild des Vaters, das trotz der dilettantischen Mache des Verfertigers Seelengröße atmete, die reichen, harmonisch gealterten Farben des stillen Heims, die Gewächse der hängenden Gärten, die Armseligkeit des Haushalts, die Vorliebe der Mutter für den älteren Bruder, ihre Strenge gegen die Neigungen des jüngeren, all diese Tatsachen und Umstände haben vielleicht den fruchtbaren Boden gebildet, dem wir Joseph Bridau, einen der großen Maler der lebenden französischen Schule verdanken.

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