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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 19
Quellenangabe
pfad/balzac/junggese/junggese.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Am zweiten November, zu Allerseelen stellte sich Philipp Bridau bei dem Polizeikommissar von Issoudun vor und ließ sich auf seinem Ausweis den Tag seiner Ankunft bescheinigen, sodann suchte er auf Anweisung des Beamten eine Unterkunft in der Rue de l'Avenier. Alsbald verbreitete sich das Gerücht von dem Eintreffen eines verbannten Offiziers, der in die letzte Verschwörung verwickelt war, in Issoudun, und als sich herausstellte, daß dieser Offizier ein Bruder des zu Unrecht angeklagten Malers war, wurde die Sensation noch stärker. Maxence Gilet war nun von seiner Verwundung ganz geheilt und hatte seine schwierigen Finanzoperationen beendet, die Hypotheken des alten Rouget flüssig gemacht und in Staatspapieren angelegt. Die Anleihe des Alten auf seinen Grundbesitz in Höhe von hundertvierzigtausend Franken erregte in der Kleinstadt, in der ja nichts verborgen bleibt, großes Aufsehen. Im Interesse der Bridaus erkundigte sich Herr Hochon, dem dieses Unheil naheging, bei Rougets Notar, dem alten Herrn Héron, nach dem Sinn dieser Transaktionen.

»Wenn der alte Rouget sich's noch einmal anders überlegt, können sich seine Erben bei mir bedanken!« erklärte Herr Héron. »Ohne meinen Einspruch hätte der gute Alte seine fünfzigtausend Franken Rente auf Maxence Gilets Namen überschreiben lassen. Ich habe aber Fräulein Brazier gesagt, sie müsse sich an das Testament halten, wenn sie nicht angesichts ihrer durch die vielen Transaktionen erwiesenen Machenschaften einen Prozeß wegen Beraubung riskieren wollte. Um Zeit zu gewinnen, habe ich Maxence und seiner Geliebten geraten, erst einmal abzuwarten, bis der jähe Wechsel in den Dispositionen des biederen Alten in Vergessenheit geraten sei.«

»Werden Sie der Anwalt und Schützer der Bridaus, die nichts haben«, bat Herr Hochon; er konnte es Gilet nicht verzeihen, daß er ihn soviel Angst vor der Plünderung seines Hauses hatte ausstehen lassen. Max und Flora aber glaubten sich außer Gefahr und lachten nur, als sie von dem Eintreffen des zweiten Neffen des alten Rouget hörten. Sobald sie auch nur das Geringste von Philipp zu fürchten hatten, konnten sie den alten Rouget eine Vollmacht unterzeichnen und damit die Papiere auf Maxences oder Floras Namen überschreiben lassen. Wurde dann das Testament widerrufen, so blieben die fünfzigtausend Franken Rente ein recht hübscher Trost, zumal ja der Grundbesitz mit einer Hypothek von hundertvierzigtausend Franken belastet war. Am Tage nach seiner Ankunft machte Philipp dem Onkel seine Aufwartung und zwar absichtlich in seinem furchtbaren Kostüm. Das wirkte: als der Rekonvaleszent aus dem Südhospital, der Gefangene des Luxembourg in den Saal trat, fuhr bei seinem abstoßenden Anblick Flora Brazier ein Schauer durchs Herz. Desgleichen spürte Gilet im Geiste und in den Nerven die Erschütterung, durch die uns die Natur vor heimlicher Feindschaft oder drohender Gefahr warnt. Hatten Philipps Mienen durch seine letzten Schicksalsschläge schon etwas unsagbar Finsteres bekommen, so wurde dieser Ausdruck durch seinen Aufzug noch erhöht. Der jämmerliche blaue Überrock blieb aus traurigen Gründen militärisch bis zum Halse zugeknöpft, und gerade dadurch betonte er nur noch mehr, was er verbergen sollte. Die Hosen, abgenutzt wie Invalidenkleider, faserten und glänzten vor Elend. Die Stiefel hinterließen feuchte Spuren kotigen Wassers, das aus den klaffenden Sohlen rann. Aus dem grauen Hute, den der Oberst in der Hand hielt, schaute fettiges Futter. Dem Rohrstock, der seinen Firnis verloren hatte, sah man an, daß er in allen Winkeln der Pariser Cafés herumgestanden und mit seinem verbogenen Ende allerhand Schlamm aufgewühlt hatte. Auf dem Samtkragen, der stellenweise seine Pappunterlage entblößte, erhob sich ein Kopf, fast wie der, den sich Frédéric Lemaître für den letzten Akt des ›Lebens eines Spielers‹ zurechtmacht; die kupferne, grünlich gefleckte Hautfarbe verriet die Erschöpfung einer noch recht kräftigen Natur. Solche Farben sieht man auf den Gesichtern der Wüstlinge, die viele Nächte am Spieltisch verbracht haben: ein Ring wie von Kohlenstaub umgibt die Augen, die Lider sind rot angelaufen, die Stirn ist drohend durch all das Verderben, das sie selbst bedroht. Philipp hatte sich von seiner ärztlichen Behandlung noch kaum erholt, das sah man seinen etwas eingefallenen runzeligen Backen an. Sein Schädel war kahl, nur am Hinterkopf waren ein paar Strähnen geblieben, die an den Ohren endeten. Der reine blaue Glanz der Augen hatte einen stählern kalten Ton bekommen.

»Guten Tag, lieber Onkel,« sagte er heiser, »ich bin Ihr Neffe Philipp Bridau. Da sehen Sie, wie die Bourbonen einen Oberstleutnant zugerichtet haben, einen von der alten Garde, den, der bei Montereau des Kaisers Befehle überbrachte. Wenn mein Rock aufginge, ich müßte mich vor dem gnädigen Fräulein schämen. Ja, so geht's im Spiel: wir haben die Partie noch einmal anfangen wollen und haben verloren! Auf Polizeibefehl wohn ich in Ihrer Stadt und bekomme eine Zulage von sechzig Franken im Monat. Somit braucht die Bürgerschaft nicht zu befürchten, daß ich die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben werde. Ich sehe Sie in guter und schöner Gesellschaft . . .«

»Ah – du bist mein Neffe? . . .«, stammelte Jean-Jacques.

»So laden Sie doch den Herrn Obersten zum Frühstück ein«, sagte Flora.

»Nein, Madame, ich danke,« entgegnete Philipp, »ich habe bereits gefrühstückt. Auch würde ich mir eher die Hand abhacken, als nach dem, was in dieser Stadt meinem Bruder und meiner Mutter zugestoßen ist, meinen Onkel um ein Stück Brot oder einen Centime zu bitten . . . Es erscheint mir nur angemessen, da ich nun einmal in Issoudun bin, dem Herrn Onkel von Zeit zu Zeit meine Reverenz zu machen. Im übrigen« – hierbei streckte er dem Onkel die Hand hin und schüttelte die dargebotene Rechte des Alten –, »im übrigen können Sie tun, was Ihnen beliebt, ich werde nichts dagegen haben, solange die Ehre der Bridaus unangetastet bleibt . . .«

Gilet konnte den Oberstleutnant in aller Ruhe betrachten, denn Philipp vermied es in geradezu auffälliger Weise, ihn anzusehen. Wohl fühlte Max das Blut in seinen Adern kochen, aber er zwang sich zu dem vorsichtigen Benehmen des großen Diplomaten, das bisweilen der Feigheit ähnelt; er war zu zielbewußt, um sich hinreißen zu lassen, er blieb still und kalt.

»Es wäre nicht schicklich, mein Herr,« sagte Flora, »wenn Sie von monatlich sechzig Franken leben wollten, Ihrem Onkel zum Trotz, der über vierzigtausend Franken Rente verfügt und sich bereits gegenüber dem Herrn Major Gilet hier, seinem Blutsverwandten, so entgegenkommend gezeigt hat . . .«

»Ja, Philipp,« sagte der gute Alte, »wir wollen doch sehen . . .«

Bei Floras Vorstellung tauschte Philipp einen beiderseits beinah ängstlichen Gruß mit Gilet.

»Lieber Onkel,« sagte er dann, »ich habe Ihnen Bilder zurückzugeben; sie befinden sich bei Herrn Hochon; Sie werden mir das Vergnügen machen, sie gelegentlich zu besichtigen und ihre Identität festzustellen.«

Das waren seine letzten, in trocknem Ton vorgebrachten Worte, dann empfahl sich Oberstleutnant Philipp Bridau. Dieser Besuch hinterließ in Floras und Maxences Seelen eine tiefe Erregung. Kaum hatte Philipp die Tür mit der Heftigkeit des beraubten Erben hinter sich geschlossen, so versteckten sich die beiden hinter den Fenstervorhängen, um ihm auf seinem Wege zum Hause Hochon nachzusehen.

»Das ist eine Nummer!« sagte Flora und sah Gilet fragend an.

»Ja, zum Unglück hat es ein paar solche Kerls in des Kaisers Heer gegeben; sieben von ihnen habe ich auf den Pontons hingemacht«, war die Antwort.

»Ich hoffe stark, daß du mit dem da keine Händel anfängst!«

»Ach, der! das ist ein räudiger Hund . . .; der will einen Knochen« – Max wandte sich an den alten Rouget. – »Wenn sein Onkel Vertrauen zu mir hat, dann wird er sich ihn durch irgendeine Schenkung vom Halse schaffen; denn sonst gibt er keine Ruhe, Papa Rouget.«

»Er roch nach Tabak«, sagte der Alte.

»Er roch auch Ihre Taler«, sagte Flora in entschiedenem Ton. »Ich bin dafür, daß Sie sich seine Besuche ersparen.«

»Nichts wäre mir lieber«, erklärte der Alte.

In das Zimmer, in dem die ganze Familie Hochon nach dem Frühstück versammelt war, trat Gritte mit der Meldung: »Gnädiger Herr, der Herr Bridau, von dem Sie gesprochen haben, ist da.«

Mit höflichen Allüren trat Philipp ein, empfangen von tiefem neugierigen Schweigen. Frau Hochon zitterte vom Kopf bis zu den Füßen, als sie den Mann erblickte, der ihrer Agathe soviel Kummer bereitet und die gute Descoings umgebracht hatte. Auch Adolphine war erschrocken. Baruch und François sahen einander überrascht an. Der alte Hochon wahrte seine Kaltblütigkeit und bot Frau Bridaus Sohn einen Stuhl an.

»Ich bin gekommen, Herr Hochon,« begann Philipp, »mich Ihrer Gunst zu empfehlen; ich muß mich darauf einrichten, hierzulande fünf Jahre lang zu leben mit monatlich sechzig Franken, die Frankreich mir gibt.«

»Das läßt sich machen, antwortete der Achtzigjährige.

In guter Haltung sprach Philipp von allerlei gleichgültigen Dingen. Den Journalisten Lousteau, den Neffen der Frau Hochon, schilderte er als einen jungen Adler, der seine Schwingen regte und bald einen großen Namen haben würde, und damit errang er sich die Gunst der alten Dame. Dann nahm er keinen Anstand, die vielen Fehler, die er im Leben begangen hatte, einzugestehen. Und auf die freundschaftlichen Vorwürfe, die ihm Frau Hochon mit leiser Stimme machte, erwiderte er, er habe im Gefängnis Zeit gehabt, nachzudenken, und könne ihr versprechen, von nun an ein ganz anderer Mensch zu werden.

Auf Philipps Bitte ging Herr Hochon dann mit ihm aus. Als der Geizhals und der Soldat auf dem Boulevard Baron an eine Stelle kamen, wo niemand sie hören konnte, sagte der Oberst: »Wenn es Ihnen recht ist, Herr Hochon, so wollen wir nur auf Spaziergängen über Land oder an Orten, wo niemand unser Gespräch belauschen kann, von Menschen und Angelegenheiten reden. Herr Desroches hat mir die Wichtigkeit von Gerücht und Gerede in Kleinstädten genau auseinandergesetzt. Zugleich hat er mir geraten, Sie um Rat zu fragen, und ich bitte Sie, mir diesen nicht vorzuenthalten, möchte aber nicht, daß Sie in Verdacht geraten, mir mit Ihrem Rat beizustehen. Wir haben es mit einem mächtigen Feind zu tun und dürfen keine Vorsicht ihm gegenüber außer acht lassen. So entschuldigen Sie bitte zunächst, wenn ich Sie nicht mehr besuchen komme. Eine gewisse Kühle zwischen uns wird Sie vor dem Anschein eines Einflusses auf mein Verhalten bewahren. Wenn ich Ihres Rates bedarf, werde ich um halb zehn Uhr, also in der Zeit nach Ihrem Frühstück, über den Platz vor Ihrem Hause gehen. Sehen Sie mich meinen Stock geschultert tragen, so bedeutet das: wir wollen uns zufällig an irgendeiner Stelle der Promenade, die Sie mir bezeichnen werden, treffen.«

»Das alles scheinen mir Gedanken eines verständigen Mannes, der sein Ziel erreichen will«, sagte der Alte.

»Ja, ich werde es erreichen, Herr Hochon. Und nun nennen Sie mir vorerst die Offiziere des alten Kaiserlichen Heeres, die hierher zurückgekommen sind und nicht zur Partei dieses Maxence Gilet gehören. Mit denen könnte ich anknüpfen.«

»Da ist zunächst ein Gardeartilleriehauptmann namens Mignonnet, aus der polytechnischen Hochschule hervorgegangen, ein ehrenwerter Mann von vierzig Jahren und bescheidener Lebensführung; er hat sich gegen Max erklärt, dessen Benehmen ihm eines echten Soldaten unwürdig erscheint.«

»Gut!«

»Es gibt nicht viele Militärs von dieser Art, ich wüßte hier nur noch einen ehemaligen Kavalleriehauptmann.«

»Meine Waffe! Stand er bei der Garde?«

»Ja. Er heißt Carpentier und war 1810 erster Quartiermeister bei den Dragonern; von diesen ging er als Unterleutnant zur Linie und wurde dort Hauptmann.«

›Den wird Giroudeau kennen‹, dachte Philipp.

»Herr Carpentier hat im Bürgermeisteramt den Posten angenommen, den Maxence verschmäht hat; er ist mit dem Major Mignonnet befreundet.«

»Wie kann ich hier meinen Lebensunterhalt verdienen?«

»Es soll hier eine Filiale der Rückversicherung des Departements Le Cher gegründet werden, da könnten Sie einen Posten finden, aber von höchstens fünfzig Franken im Monat.«

»Das würde mir genügen.«

Eine Woche später besaß Philipp einen neuen Rock, Hose und Weste aus gutem blauen Tuch, dazu Stiefel, wildlederne Handschuhe und einen Hut, alles gegen eine bestimmte monatliche Abzahlung auf Kredit gekauft. Giroudeau schickte ihm aus Paris Wäsche, seine Waffen und einen Brief für Carpentier, der unter dem früheren Dragonerhauptmann gedient hatte. Durch dies Schreiben gewann Philipp Carpentiers Freundschaft und Hilfsbereitschaft. Dieser stellte ihn dem Major Mignonnet als einen Mann von hohen Verdiensten und ausgezeichnetem Charakter vor. Philipp erschlich sich die Bewunderung der beiden würdigen Offiziere durch vertrauliche Mittellungen über die Verschwörung, als deren Teilhaber er verurteilt worden und die bekanntlich das letzte Unternehmen der alten kaiserlichen Armee gegen die Bourbonen war; denn der Prozeß der Sergeanten von La Rochelle steht auf einem andern Blatt.

Gleich jener vom 19. August blieb diese Verschwörung in ihrer eigentlichen Tragweite der königlichen Regierung unbekannt. Als sie entdeckt wurde, waren die Verschwörer klug genug, das große Unternehmen auf den Umfang eines armseligen Kasernenkomplotts zu reduzieren. Der Herd der Revolte war im Norden Frankreichs, von wo man mit einem einzigen Schlage die Grenzfestungen nehmen wollte. Bei günstigem Erfolge wären die Verträge von 1815 durch einen Bund mit Belgien gebrochen worden, das man der Heiligen Allianz entrissen hätte; zwei Throne hätte dieser Sturm gestürzt. Von diesem hohen Plan großer Persönlichkeiten erfuhr der Pairshof nichts. Dem gab man nur eine Einzelheit preis. Philipp Bridau war bereit, seine Führer zu decken. Diese verschwanden im gefährlichen Augenblick. Sie saßen in den Kammern und hatten ihre Mitwirkung nur zugesagt, um im Herzen der Regierung das Gelingen des Unternehmens zu vollenden. Philipp hatte eine Doppelrolle gespielt. Er sollte in Paris eine Bewegung leiten, die nur geplant war, um die eigentliche Verschwörung zu maskieren und bei ihrem Ausbruch im Norden die Regierung in ihrem Zentrum zu beschäftigen. Philipp wurde dann beauftragt, die Verbindung zwischen beiden Komplotten zu durchschneiden und nur Geheimnisse zweiten Grades preiszugeben, und dabei half das furchtbare Elend, von dem seine Kleidung und sein Gesundheitszustand zeugten, das Unternehmen in den Augen der Machthaber belanglos und klein erscheinen zu lassen. Eine solche Rolle paßte gut zu der unsicheren Lage eines gewissenlosen Spielers. Nun stellte sich der schlaue Bursche mit beiden Parteien gut. Vor der königlichen Regierung spielte er den Ehrlichen und bewahrte sich zugleich die Achtung der Führer Seiner Partei. Dabei war sein Hintergedanke, später denjenigen der beiden Wege einzuschlagen, der ihm den größeren Vorteil versprach. Jetzt machten seine Enthüllungen über die gewaltige Tragweite des eigentlichen Komplotts, an dem selbst einige seiner Richter teilhatten, Philipp in den Augen Carpentiers und Mignonnets zu einem Mann von hoher Bedeutung und Hingabe an die Sache, zu einer politischen Persönlichkeit, die in den großen Tagen des Konvents eine würdige Rolle gespielt hätte. In wenigen Tagen wurde der verschlagene Bonapartist beider Männer Freund, und ihr Ansehen kam ihm zugute. Auf ihre Empfehlung erhielt er den vom alten Hochon bezeichneten Posten bei der Versicherung des Departements Le Cher. Da hatte er Register zu führen, in vorgedruckten Briefen Namen und Ziffern auszufüllen und Policen auszufertigen, das beschäftigte ihn täglich nicht mehr als drei Stunden. Mignonnet und Carpentier führten ihn in ihre Kreise ein, in denen seine Haltung im Verein mit der hohen Meinung, welche die beiden Offiziere von ihm hatten und den anderen mitteilten, ihm ein Ansehen verschaffte, wie man es oft einem trügerischen Anschein gewährt. Philipps Benehmen war wohlüberlegt; er hatte im Gefängnis reiflich über die Unannehmlichkeiten eines nachlässigen Lebens nachgedacht. Die Predigt des Advokaten Desroches erübrigte sich: Philipp hatte schon begriffen, daß es für ihn eine Notwendigkeit war, durch ehrsames anständiges geordnetes Leben die Achtung der Bürger zu erwerben. Der Gedanke, Max durch eine Haltung in der Art von Mignonnet in den Schatten zu stellen, entzückte ihn. Er wollte den Feind einschläfern, indem er ihn über seinen Charakter täuschte. Ihm lag daran, daß man ihn für einen wackeren Tölpel hielt, er tat großmütig und selbstlos; in beständiger heimlicher Gier nach dem Erbe des Onkels umgarnte er den Gegner, während die natürliche Schlichtheit seiner Mutter und seines Bruders, die wirklich uneigennützig, großmütig und weitherzig waren, für Berechnung gegolten hatte. Alles, was Herr Hochon ihm im einzelnen von dem Vermögen seines Onkels berichtet hatte, entzündete Philipps Begehrlichkeit. In seiner ersten geheimen Unterredung mit dem Greise waren sie übereingekommen, daß Philipp auf keinen Fall Maxences Mißtrauen erwecken durfte; alles war verloren, wenn Flora und Max ihr Opfer fortbrachten, und wäre es auch nur nach Bourges. Einmal in der Woche speiste der Oberst bei dem Hauptmann Mignonnet, einmal bei Carpentier und Donnerstags bei Herrn Hochon. Bald wurde er noch in zwei, drei andre Häuser eingeladen, und so hatte er nach ein paar Wochen nur noch sein Frühstück zu bestreiten. Von seinem Onkel, der Käscherin und Gilet sprach er nur, wenn es etwas über den Aufenthalt seiner Mutter und seines Bruders in Issoudun zu erfahren galt. Die drei befreundeten Offiziere, die einzigen in der Stadt, die dekoriert waren – und Philipp hatte als einziger die Rosette, die ihm in den Augen der Kleinstädter noch eine besondre Überlegenheit gab –, pflegten immer zur selben Stunde vor dem Essen zusammen zu promenieren und bildeten einen Kreis für sich, Ihre reservierte gelassene Haltung machte in Issoudun ausgezeichneten Eindruck. Die Anhänger Gilets sahen in Philipp einen einfachen Haudegen und Draufgänger, einen, der Mut hat, aber nicht die für eine Befehlshaberstelle nötigen Fähigkeiten. Und wenn ihn Goddet senior einen ehrenwerten Mann nannte, meinte Gilet: »Ach was! Nach seinem Auftreten vor dem Pairshof ist er ein Gefoppter oder ein Spitzel; Sie sagen ja selbst, daß sich dieser Tölpel von den großen Spielern foppen ließ.«

Um dem Gerede zu entgehen und die Aufmerksamkeit der kleinen Stadt von gewissen Dingen, die ihn betrafen, abzulenken, zog Philipp in ein Quartier am äußersten Ende des Stadtviertels Saint-Paterne. Sein Zimmer ging auf einen großen Garten, in dem er heimlich mit seinem Freunde Carpentier, der, ehe er zur Garde kam, in der Linie Fechtmeister gewesen war, fechten konnte. So erlangte er im verborgenen wieder seine Überlegenheit, lernte von Carpentier noch einige Kunstgriffe hinzu, und hatte bald von dem tüchtigsten Gegner nichts mehr zu fürchten. Sodann übte er sich mit Mignonnet und Carpentier im Pistolenschießen, angeblich zum Zeitvertreib, in Wahrheit, um Max glauben zu machen, daß er im Fall eines Duells mit dieser Waffe rechnete. Wenn Philipp Gilet begegnete, wartete er dessen Gruß ab und erwiderte ihn mit einem Lüpfen seines Hutes, vornehm und nachlässig, wie ein Offizier den Gruß eines Soldaten erwidert. Maxence aber ließ sich keinerlei Nervosität oder Ungehaltenheit anmerken, nie entschlüpfte ihm über dies Verhältnis ein Wort, wenn er mit den Seinen bei der Cognette saß, bei der es immer noch Nachtgelage gab, während die bösen Streiche der ›Ritter‹ seit Farios Messerstich provisorisch aufgehoben waren. Nach einiger Zeit war die Verachtung des Oberstleutnants Bridau für den Major Gilet eine feststehende Tatsache, die einige der Ritter vom Müßiggang, die nicht so eng mit Max liiert waren wie Baruch und François, besprachen. Es erregte allgemeines Erstaunen, daß der heftige stürmische Max so zurückhaltend blieb. Mit ihm selbst aber wagte niemand, nicht einmal Potel oder Renard, über diese kitzliche Angelegenheit zu sprechen. Potel, dem die öffentliche Mißhelligkeit zwischen zwei Helden der kaiserlichen Garde besonders naheging, suchte Max als einen Mann hinzustellen, von dem zu erwarten stand, daß er am Ende dem Obersten eine Falle stellen würde, in die der Gegner ging. Nach dem, was Max getan hatte, um Bridaus Bruder und Mutter loszuwerden, könne man sich auf etwas gefaßt machen. Über Gilets entsetzliche Hinterlist hatte Herr Hochon die Altbürger aufgeklärt. Und Herr Mouilleron, über den es auch einen Stadtklatsch gab, hatte den Namen dessen, der Gilet angefallen hatte, vertraulich mitgeteilt, schon, um den Gründen der Feindschaft Farios gegen Max auf die Spur zu kommen und die Polizei für künftige Ereignisse wach zu halten. So waren für ganz Issoudun Max und Philipp von vornherein Gegner. Das Forschen nach den Einzelheiten, die bei der Verhaftung seines Bruders mitspielten, und nach Gilets und Floras Vorgeschichte brachte Philipp schließlich dahin, mit seinem Nachbarn Fario in vertraulichere Beziehungen zu treten. Gründlich studierte er den Spanier und glaubte sich dann auf einen Menschen dieses Schlages verlassen zu können. Beide vereinte gemeinsamer Haß. Fario erzählte Philipp alles, was er über die Ritter vom Müßiggang wußte, und stellte sich ihm zur Verfügung. Philipp versprach Fario für den Fall, daß er über seinen Onkel die Macht gewänne, die jetzt Gilet ausübte, Entschädigung für seine Verluste, und machte ihn dadurch zu seinem Getreuen. So bekam Max einen gefährlichen Feind, er hatte, wie man sagt, seinen Mann gefunden. Und ganz Issoudun ahnte einen Kampf zwischen diesen beiden, die sich, wohlbemerkt, gegenseitig verachteten.

Gegen Ende November sagte Philipp eines Morgens bei ihrem Stelldichein in der großen Allee nach Frapesle zu Herrn Hochon: »Ich habe entdeckt, daß Ihre beiden Enkel Baruch und François intime Freunde von Maxence Gilet sind. Die Burschen machen alle nächtlichen Streiche mit. Von den beiden hat Max alles erfahren, was in Ihrem Hause zur Zeit, als meine Mutter und mein Bruder hier waren, gesprochen wurde.«

»Und wie haben Sie diese Schändlichkeiten herausbekommen?«

»Ich habe sie nachts vor der Schenke reden hören. Ihre Enkel sind dem Maxence jeder tausend Taler schuldig. Der Schuft hat die armen Jungen angestiftet, herauszubekommen, was wir vorhaben, hat sie daran erinnert, daß Sie es verstanden haben, die Pfaffen auf meinen Onkel zu hetzen, hat ihnen gesagt, daß Sie allein imstande wären, mich anzuleiten, denn mich selbst hält er zum Glück für einen simplen Haudegen.«

»Was sagen Sie? Meine Enkel?«

»Geben Sie acht auf die Burschen! Früh um drei können Sie sie voll wie Schläuche in Maxences Gesellschaft über die Place Saint-Jean heimkommen sehen.«

»Also deshalb sind die Lausbuben sonst so mäßig.«

»Ich weiß das alles von Fario. Ohne ihn wäre ich nie darauf gekommen. Mein Onkel muß nach den paar Worten, die mein Spanier Maxence und Ihren Enkeln abgelauscht hat, unter einem furchtbaren Drucke stehen. Ich habe Max und die Käscherin im Verdacht, daß sie die fünfzigtausend Franken Staatsrente wegschnappen und dann mit ihrer Beute abziehen und irgendwo heiraten wollen. Es wird hohe Zeit zu erfahren, was im Hause meines Onkels vorgeht; ich habe schon meinen Plan.«

»Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen«, sagte der Alte. In diesem Augenblick kamen Leute in die Nähe, und Philipp und Herr Hochon trennten sich.

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