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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Man kann sich leicht vorstellen, wie zufrieden Agathe und Joseph waren, in ihre kleine Wohnung in der Rue Mazarine zurückzukehren und den Feldzug hinter sich zu haben. Der Künstler hatte schon auf der Reise seine durch die Verhaftung und Gefangenschaft gestörte Munterkeit wiedergefunden; aber es gelang ihm nicht, die Mutter aufzuheitern. Um so schwerer wurde es ihr, sich zu erholen, als jetzt der Prozeß gegen die Teilhaber der Militärverschwörung vor dem Pairshof begann. Trotz der Geschicklichkeit seines von Desroches beratenen Verteidigers erhob sich doch gegen Philipps Verhalten ungünstiger Argwohn. Joseph unterrichtete in Eile Desroches von den Vorgängen in Issoudun, dann reiste er gleich mit Mistigris nach dem Schlosse des Grafen von Sérizy, um erst gar nichts von dem Prozeß zu hören, der zwanzig Tage dauerte.

Wir brauchen hier nicht auf Tatsachen zurückzukommen, die aus der neueren Geschichte bekannt sind. Ob er nun selbst eine Rolle gespielt hat oder nur ein Denunziant war, Philipp wurde zu fünfjähriger Überwachung durch die politische Polizei verurteilt und mußte sich gleich am Tage seiner Freilassung nach der Stadt Autun begeben, die ihm der Polizeipräsident zum Aufenthalt anwies. Diese Strafe entsprach der Haft Gefangener, denen eine Stadt auf Ehrenwort zum Gefängnis angewiesen wird. Nun erfuhr Desroches, daß der Graf Sérizy, einer der von der Kammer zur Untersuchung in diesem Prozeß erwählten Pairs, Joseph die Ausschmückung seines Schlosses Presles in Auftrag gegeben hatte, er suchte um eine Audienz bei ihm nach und fand den Grafen dem Maler sehr gewogen. Desroches setzte ihm die finanzielle Lage der beiden Brüder auseinander und erinnerte zugleich an die Dienste, die der Vater dem Staate geleistet hatte und die durch die Restauration in Vergessenheit geraten waren.

»Die Folge solcher Ungerechtigkeiten, Euer Gnaden, sind Gereiztheit und Unzufriedenheit. Sie haben den Vater gekannt, verschaffen Sie den Kindern wenigstens die Möglichkeit, ihr Brot zu verdienen!«

Er schilderte kurz die Familienverhältnisse in Issoudun und bat den allmächtigen Vizepräsidenten des Staatsrates, bei dem Polizeipräsidenten vorstellig zu werden, damit Philipp statt Autun Issoudun zum Aufenthalt angewiesen bekäme. Dann sprach er noch von Philipps furchtbarer Notlage und erbat für ihn einen monatlichen Zuschuß von sechzig Franken, den das Kriegsministerium schon wegen des Dekorums einem ehemaligen Oberstleutnant geben müsse.

»Ich werde Ihre Wünsche durchsetzen, sie scheinen mir alle gerechtfertigt«, sagte der Minister.

Drei Tage später begab sich Desroches, mit den nötigen Vollmachten versehen, zu Philipp ins Gefängnis, holte ihn ab und nahm ihn mit in seine Wohnung in der Rue de Béthizy. Dort bekam der grimmige Haudegen von dem jungen Advokaten eine Standrede zu hören, auf die es nichts zu erwidern gab. Da war alles vom juristischen Standpunkt richtig abgewogen, das Verhalten des Klienten mit derben treffenden Worten gekennzeichnet, seine Gefühle auf ihren einfachsten Ausdruck zurückgeführt. Er machte den Ordonnanzoffizier des Kaisers gehörig herunter, hielt ihm seine sinnlose Verschwendung, alles Unglück, das er über seine Mutter gebracht, und den Tod der alten Descoings vor. Sodann klärte er ihn über den Stand der Dinge in Issoudun auf, über Pläne und Eigenart des Maxence Gilet und der Flora Brazier. Diesen Teil der Predigt hörte Philipp, der für so etwas eine schnelle Auffassung besaß, mit mehr Aufmerksamkeit an als den ersten.

»Wie die Dinge liegen,« sagte der Anwalt, »können Sie gutmachen, was noch gutzumachen ist von all dem Unrecht, das Sie Ihrer ausgezeichneten Familie angetan haben; der armen Frau, die Sie umgebracht haben, können Sie allerdings das Leben nicht wiedergeben, aber Sie allein könnten . . .«

»Und wie soll ich das machen?« unterbrach Philipp.

»Ich habe es durchgesetzt, daß Ihnen statt Autun Issoudun zum Aufenthalt angewiesen wird.« Philipps abgemagertes, verfinstertes, von Leiden und Entbehrungen zerwühltes Gesicht wurde plötzlich von einem Freudenstrahl hell.

»Sie allein können die Erbschaft Ihres Onkels Rouget, die vielleicht schon halb in Gilets Wolfsrachen steckt, wieder erwischen. Sie wissen jetzt über alle Einzelheiten Bescheid. Handeln Sie danach. Ich kann Ihnen keinen Schlachtplan entwerfen, da weiß ich keinen Rat, und in solchen Fällen hängt ja auch alles vom Kriegsgelände ab. Ihre Gegenpartei ist stark. Gilet ist verschlagen; die Art, wie er die Bilder, die Ihr Onkel Joseph geschenkt hatte, wiedererobern wollte, die Keckheit, mit der er Ihrem armen Bruder ein Verbrechen aufgeladen hat, zeugen von einem Gegner, der zu allem fähig ist. Also seien Sie vorsichtig, berechnen Sie, wenn die Eingebung des Augenblicks nicht hinreicht. Ich habe hinter Josephs Rücken – sein Künstlerstolz hätte sich dagegen empört – die Bilder an Herrn Hochon zurückgeschickt mit der Bitte, sie niemandem als Ihnen herauszugeben. Dieser Maxence Gilet ist tapfer . . .«

»Um so besser,« sagte Philipp, »ich rechne auf die Courage des Kerls, die kommt mir nur gelegen. Ein Feigling würde an seiner Stelle Issoudun verlassen.«

»Nun also, denken Sie an Ihre verehrungswürdige Mutter, die immer noch mit Zärtlichkeit an Ihnen hängt, an Ihren Bruder, den Sie zu Ihrer Milchkuh gemacht haben.«

»So? Hat er Ihnen von diesen dummen Geschichten erzählt?« schrie Philipp.

»Glauben Sie etwa, ich, der beste Freund Ihrer Familie, wüßte nicht mehr von Ihnen als Ihre Angehörigen?«

»Was wissen Sie denn?«

»Daß Sie Ihre Kameraden verraten haben . . .«

»Ich! Ich! Des Kaisers Ordonnanzoffizier! . . . Die Pairskammer haben wir angeführt, die Justiz, die Regierung, die ganze verflixte Bande. Des Königs Leute haben nichts davon begriffen . . .«

»Nun, wenn dem so ist, will ich zufrieden sein,« antwortete der Anwalt, »aber Sie müssen begreifen, daß man die Bourbonen nicht stürzen kann, sie haben Europa auf ihrer Seite; denken Sie lieber daran, mit dem Kriegsminister Frieden zu schließen . . . Oh, wenn Sie einmal reich sind, werden Sie es schon tun. Und um reich zu werden und Ihren Bruder reich zu machen, müssen Sie den Onkel in Ihre Gewalt bekommen. Das will gut gemacht sein, das erfordert Gewandtheit, Verschwiegenheit und Geduld, das gibt Ihnen Ihre ganzen fünf Jahre zu tun . . .«

»Nein, nein,« sagte Philipp, »da muß man schnell zu Werke gehen; dieser Gilet könnte das Vermögen meines Onkels flüssig machen, könnte es auf den Namen jenes Mädchens überschreiben lassen, und dann wäre alles verloren.«

»Nun gut, wenden Sie sich an Herrn Hochon, der weiß guten Rat, hat einen klaren Blick. Sie haben Ihren Reiseausweis, Ihren Platz in der Diligence nach Orléans für halb acht Uhr. Ihr Koffer ist gepackt, nun kommen Sie zum Essen . . .«

»Ich besitze nur das, was ich am Leibe habe,« sagte Philipp und knöpfte seinen abscheulichen blauen Überrock auf, »drei Stücke fehlen mir. Bitten Sie meinen Freund Giroudeau, Finots Onkel, sie mir zu schicken: meinen Säbel, meinen Degen und meine Pistolen! . . .«

»Ganz etwas andres fehlt Ihnen«, sagte der Advokat, den es beim Anblick seines Klienten kalt überlief.

»Sie werden auf drei Monate Diäten erhalten, um sich anständig einzukleiden.«

»Du hier, Godeschal!« rief Philipp; er hatte in Desroches' erstem Schreiber den Bruder der Mariette erkannt.

»Ja, seit zwei Monaten bin ich bei Herrn Desroches.«

»– und wird, hoff ich, bei mir bleiben, bis er ein eignes Amt bekommt«, meinte Desroches.

»Und Mariette?« fragte Philipp in süßen Erinnerungen.

»Sie wartet auf die Eröffnung des neuen Opernsaals.«

»Für sie wäre es eine Kleinigkeit, meinen Arrest aufheben zu lassen« sagte Philipp. » . . . Na, wie sie will!«

Desroches, der seinen ersten Schreiber beköstigte, lud Philipp zu einem mageren Essen ein. Dann brachten die beiden Juristen den ausgewiesenen Politiker zum Postwagen und wünschten ihm gute Verrichtung.

*

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