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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Zur selben Zeit glitten die Ritter vom Müßiggang, einer nach dem andern, wie Schatten an den Bäumen des Boulevard Baron entlang und plauderten leise beim Spazierengehen.

»Was wird's heut geben?« war das erste Wort eines jeden, der hinzukam.

»Ich glaube, Max will uns nur bewirten«, sagte François.

»Nein, die Lage ist ernst für die Käscherin und ihn. Er hat sicher einen Streich gegen die Pariser im Sinn . . .«

»Das wäre fein, wenn man ihnen heimleuchten könnte.

»Meinem Großvater ist es sehr unangenehm, zwei Esser mehr bei Tische zu haben,« sagte Baruch, »jeder Vorwand wäre ihm lieb . . .«

»Hallo, ihr Ritter!« ließ sich leise Max vernehmen, der nun erschien, »was schaut ihr nach den Sternen? Die können uns keinen Kirsch destillieren. Auf! Zur Cognette!«

»Zur Cognette!«

Das schrien sie alle wie aus einem Mund, es gab einen furchtbaren Lärm, der durch die Stadt dröhnte wie das Hurra angreifender Truppen. Dann war gleich wieder tiefste Stille. Am nächsten Tage sagte mehr als ein Issouduner zu seinem Nachbarn: »Haben Sie heute nacht den entsetzlichen Schrei gehört. Ich dachte schon, es brennt irgendwo.«

Das Souper war der Cognette würdig, die Augen der zweiundzwanzig Tischgenossen leuchteten, der Orden war vollzählig versammelt. Um zwei Uhr, als man beim ›späten Nippen‹ angelangt war – so bezeichnete das Lexikon des Müßigganges das Trinken in kleinen schlürfenden Schlucken –, ergriff Max das Wort.

»Meine lieben Kinder, heut morgen gelegentlich des denkwürdigen Handstreichs gegen Farios Karre, ist euer Großmeister von diesem gemeinen Kornhändler – noch dazu einem Spanier, oh, die Galeeren! – ist, sage ich, euer Großmeister so empfindlich in seiner Ehre getroffen worden, daß ich beschlossen habe, den Kauz die volle Wucht meiner Rache fühlen zu lassen, aber dabei ganz im Bereich unserer Vergnügungen zu bleiben. Den ganzen Tag habe ich darüber nachgedacht, und da ist mir etwas eingefallen, das kann ein vortrefflicher Streich werden, ein Streich, der imstande ist, den Kerl toll zu machen. Indem wir dabei den Orden rächen, der in meiner Person betroffen ist, werden wir zugleich Geschöpfe speisen, die von den Ägyptern hoch verehrt wurden, kleine Tiere, die doch auch Gottes Geschöpfe sind und von den Menschen mit Unrecht verfolgt werden. Das Gute ist des Bösen Sohn, das Böse ist des Guten Kind: also lautet das höchste Gesetz! So befehle ich denn euch allen bei Strafe der höchsten Ungnade eures ganz ergebenen Großmeisters, euch in größtmöglicher Heimlichkeit ein jeglicher zwanzig Ratten oder, so Gott will, zwanzig schwangere Rattinnen zu beschaffen. Seht zu, daß ihr binnen drei Tagen euer Kontingent beisammen habt. Könnt ihr noch mehr erwischen, so ist der Überfluß hoch willkommen. Hütet diese interessanten Nager, ohne ihnen irgend etwas zu geben, denn es ist von Belang, daß die lieben kleinen Tiere wütenden Hunger haben. Ich betone, daß ich auch Stadt- und Feldmäuse an Ratten Statt annehme. Wenn wir nunmehr zweiundzwanzig mit zwanzig multiplizieren, so erhalten wir vierhundert und soundsoviel Mitverschworene, die, losgelassen in die alte Kapuzinerkirche, in der Fario das frischgekaufte Korn deponiert hat, eine beträchtliche Menge dieses Korns aufzehren könnten. Eile tut not! Fario soll in acht Tagen einen starken Posten des Korns liefern; und ich wünsche, daß mein verehrter Hispanier, der jetzt in Geschäften die Umgegend bereist, bei der Rückkehr auf einen erschütternden Abgang stoße. Meine Herren,« – er wehrte die Anzeichen allgemeiner Bewunderung ab – »meine Herren, der Verdienst dieses Einfalls gebührt nicht mir. Geben wir Cäsarn, was Cäsars ist, und Gott, was Gottes. Mein Gedanke ist nur eine Nachahmung des aus der Bibel bekannten Unternehmens Simsons mit den Füchsen. Simson aber war ein Brandstifter, und seine Tat ermangelte der Philanthropie; indessen wir es den Brahmanen gleichtun und Beschützer der verfolgten Kreatur sein werden. Fräulein Flora Brazier hat bereits alle ihre Mausefallen aufgestellt, und Kouski, meine rechte Hand, befindet sich auf der Jagd nach Feldmäusen. Das ist alles, was ich zu sagen hatte.«

»Ich wüßte ein Geschöpf zu finden, das allein vierzig Ratten aufwiegt«, erklärte Goddet junior.

»Nämlich?«

»Ein Eichhörnchen.«

»Und ich habe ein Äffchen anzubieten, das sich an dem Korn besaufen wird«, sagte ein Novize.

»Schlechte Vorschläge!« rief Max. »Man würde auf die Herkunft dieser Tiere kommen.«

»Man könnte in der Nacht aus jedem Taubenhaus der benachbarten Gutshöfe eine Taube beibringen und durch eine Öffnung im Kirchendach hineinschieben, dann würden bald mehrere tausend Tauben beisammen sein«, schlug der junge Beaussier vor.

Gilet lächelte ihm zu und begann wieder: »Es steht also eine Woche hindurch Farios Magazin auf unserer nächtlichen Tagesordnung. Ihr wißt, in Saint-Paterne wird früh aufgestanden. Wer hingeht, der binde seine Filzsohlen unter die Schuhe! Der Ritter Beaussier übernimmt als rühmlicher Erfinder des Taubenraubes die Leitung. Ich für mein Teil werde Sorge tragen, daß die Buchstaben meines Namens in die Kornhaufen eingezeichnet werden. Ihr aber seid Quartiermeister der Herren Ratzen. Sollte der Magazinbursche bei der Kirche schlafen, so werden die Kameraden ihn gefälligst betrunken machen und von der Stätte der Orgie entfernen, die wir den Nagetieren vorbereiten.«

»Du sagst uns ja gar nichts von den Parisern«, meinte Goddet junior.

»Oh,« antwortete Max, »die muß man erst studieren. Gleichwohl biete ich als Lohn meine schöne Jagdflinte, ein Geschenk des Kaisers, ein Meisterwerk der Versailler Fabrikation, im Werte von zweitausend Franken demjenigen, der Mittel und Wege findet, den Parisern einen Streich zu spielen, der sie mit Herrn und Frau Hochon entzweit und es zuwege bringt, daß die beiden Alten sie fortschicken oder daß sie von selbst gehen, wobei allerdings den würdigen Altvordern meiner beiden Freunde Baruch und François kein Schaden erwachsen darf.«

»Gut! Ich will mirs bedenken«, sagte Goddet junior, der ein leidenschaftlicher Jäger war.

»Wenn der, dem der Streich einfällt, meine Flinte nicht will, soll er mein Pferd bekommen!« bemerkte Max.

Von dieser Nacht an quälten sich zwanzig Gehirne ab, um etwas diesem Programm Entsprechendes gegen Agathe und ihren Sohn anzuzetteln. Aber da mußte schon der Teufel oder der Zufall mithelfen, so erschwerend waren die Bedingungen.

Am nächsten Morgen kamen Agathe und Joseph kurz vor dem zweiten Frühstück, das um zehn Uhr genommen wurde, herunter. Erstes Frühstück hieß in diesem Hause eine Tasse Milch nebst Butterbrot, die man im Bett oder beim Aufstehen nahm. Während man auf Frau Hochon wartete, die trotz ihres Alters noch alle Toilettenzeremonien aufs peinlichste vollzog, wie es die Herzoginnen zur Zeit Ludwigs XV. taten, sah Joseph vor der Tür des Hauses gegenüber Jean-Jacques Rouget aufgepflanzt stehen; er zeigte ihn seiner Mutter, die ihn nicht wiedererkannte, so sehr hatte er sich verändert.

»Da ist Ihr Bruder«, sagte Adolphine, die ihrer Großmutter den Arm gab.

»Ein Kretin!« rief Joseph.

Agathe faltete die Hände und blickte zum Himmel auf. »Was hat man aus ihm gemacht? Mein Gott, ist das ein Mann von siebenundfünfzig Jahren?«

Als sie den Bruder genauer betrachtete, sah sie hinter ihm Flora Brazier auftauchen; sie war ohne Hut, unter dem Tüll ihres Spitzentuches erschien ein schneeiger Nacken und eine blendende Brust. Flora war gepflegt wie eine reiche Kurtisane; sie trug ein Miederkleid aus ›Grenadine‹, einem Seidenstoff, der damals Mode war, Puffärmel und um die Handgelenke prachtvolle Armbänder. Über den Busen rieselte der Käscherin eine goldene Kette. Sie brachte Jean-Jacques seine schwarze Seidenmütze, damit er sich nicht erkältete: diese Szene war offenbar beabsichtigt.

»Ein schönes Weib!« rief Joseph, »selten schön! Die ist, wie man sagt, zum Malen! Dies Inkarnat! Die Töne, die Kontur, die Rundung, diese Schultern! . . . Eine herrliche Karyatide, ein Modell für eine tizianische Venus.«

Adolphine und Frau Hochon glaubten griechisch reden zu hören; aber Agathe gab ihnen durch ein Zeichen hinter Josephs Rücken zu verstehen, daß sie an diese Sprache gewöhnt sei.

»Sie können ein Mädchen schön finden, das Ihnen ein Vermögen wegnimmt?« fragte Frau Hochon.

»Deshalb bleibt sie doch ein schönes Modell, gerade üppig genug, ohne daß Hüften und Wuchs verdorben sind.«

»Mein Lieber, du bist nicht in deinem Atelier,« sagte Agathe, »und Adolphine ist hier . . .«

»Ja, entschuldige, aber bedenke, von Paris bis hierher die ganze Strecke hab ich nur garstige Vetteln gesehen.«

»Ach, liebste Patin,« sagte Agathe, »wie kann ich denn meinen Bruder besuchen? . . . Wenn er mit dieser Person zusammenlebt . . .«

»Na, dann werde ich zu ihm gehen«, sagte Joseph. »Ich finde schon gar nicht mehr, daß er solch ein Kretin ist, da er doch so viel Geist hat, seine Augen an einer tizianischen Venus zu erquicken.«

»Wenn er nicht ein Dummkopf wäre,« sagte Herr Hochon, der hinzukam, »so hätte er ruhig geheiratet, er hätte Kinder gehabt, und Sie hätten keine Hoffnung, ihn zu beerben. Da sieht man, daß das Unglück auch sein Gutes hat.«

»Dein Sohn hat einen sehr guten Gedanken gehabt, er muß zuerst seinen Onkel besuchen gehen,« sagte Frau Hochon, »dann kann er ihm zu verstehen geben, daß er allein sein muß, wenn du ihn aufsuchst.«

»Wollen Sie Fräulein Brazier verletzen?« fragte Herr Hochon. »Nein, Madame, leeren Sie diesen Kelch . . . Und wenn Sie nicht die ganze Erbschaft bekommen, so suchen Sie wenigstens ein kleines Legat zu erhalten.«

Aber zu einem Kampfe mit Maxence Gilet waren die Hochons nicht stark genug. Während sie noch beim Frühstück saßen, kam der Pole und brachte im Auftrag seines Gebieters, des Herrn Rouget, einen Brief an Frau Bridau. Frau Hochon gab diesen ihrem Gatten zum Vorlesen:

»Meine liebe Schwester!

Durch Fremde erfahre ich, daß Du nach Issoudun gekommen bist. Ich errate, was Dich veranlaßt hat, Herrn und Frau Hochons Haus dem meinen vorzuziehen; wenn Du mich aber besuchst, so wirst Du hier empfangen werden, wie es Dir gebührt. Ich hätte Dir bereits als erster meinen Besuch gemacht, wenn mich meine schwache Gesundheit nicht zurzeit an das Haus fesselte. Ich beeile mich, Dir auszudrücken, wie sehr ich diesen Umstand bedaure. Ich würde mich sehr freuen, meinen Neffen bei mir zu begrüßen, und bitte ihn, heute mit mir zu speisen; junge Leute nehmen es ja mit der Gesellschaft nicht so genau wie Frauen. Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein, wenn er die Herren Baruch Borniche und François Hochon mitbringt.

Dein Dich liebender Bruder

J.-J. Rouget.«

»Sagen Sie, wir wären gerade beim Frühstück und Frau Bridau werde gleich nachher antworten; die Einladungen werden angenommen«, ließ Herr Hochon durch die Magd sagen. Der Alte legte einen Finger an die Lippen und hieß alle stillschweigen. Als dann die Haustür zufiel, warf er seiner Frau und Agathe seinen schlauesten Blick zu. (Daß seine beiden Enkel mit Max intim befreundet waren, ahnte er nicht im entferntesten.) »Das hat Rouget so wenig selbst schreiben können,« sagte er dann, »wie ich imstande bin, fünfundzwanzig Louisdor zu verschenken . . . wir haben mit dem Soldaten zu korrespondieren.«

»Was bedeutet das?« fragte Frau Hochon. »Auf alle Fälle werden wir antworten. Und Sie, mein Herr,« sie wandte sich an den Maler, »gehn Sie nur zum Essen hinüber; wenn aber . . .«

Ein Blick ihres Gatten hinderte sie weiterzusprechen. Hochon erkannte, wie stark die Freundschaft seiner Frau für Agathe war und fürchtete, sie würde ihrem Patenkind ein Legat aussetzen, falls Frau Bridau die ganze Erbschaft Rougets verlöre. Und obwohl der Geizhals fünfzehn Jahre älter war als seine Frau, hoffte er sie doch zu beerben und sich eines Tages an der Spitze des gesamten Besitzes zu sehen. Diese Hoffnung war seine fixe Idee. Frau Hochon hatte richtig erraten, wie von ihrem Manne einige Konzessionen zu erreichen waren: sie mußte seine Furcht vor ihrem Testament aufrechterhalten. Hier lag der Grund, warum Herr Hochon für seine Gäste Partei ergriff. Zudem handelte es sich um eine gewaltige Erbschaftsmasse; und schon aus sozialem Gerechtigkeitsgefühl wollte er diese Hinterlassenschaft lieber den natürlichen Erben zufließen als in fremde unwürdige Räuberhände geraten sehen. Endlich würden seine Gäste, je eher diese Frage gelöst wäre, um so schneller abreisen. Seit der Kampf zwischen Erbschleichern und Erben, der sich bis dahin nur im Geiste seiner Frau abspielte, zur Wirklichkeit wurde, erwachte in Herrn Hochons Geist die bisher vom Provinzleben eingeschläferte Tatkraft. Es war für Frau Hochon eine angenehme Überraschung, noch am selben Morgen an einigen liebenswürdigen Worten, die der Alte zu ihrem Patenkind sagte, zu bemerken, daß dieser erfahrene und geriebene Helfer für die Sache der Bridaus gewonnen war.

Agathe und Joseph erstaunten über die äußerst vorsichtige Wortwahl der beiden Alten, als alle vier gegen Mittag mit vereinten Geisteskräften das schwierige Antwortschreiben zustande brachten, das nur für Flora und Maxence bestimmt war:

»Mein lieber Bruder!

Wenn ich dreißig Jahre hindurch nie in die Heimat gekommen bin, wenn ich mit niemandem hier, nicht einmal mit Dir, Beziehungen unterhielt, so sind daran nicht allein die seltsamen und falschen Vorurteile schuld, die mein Vater gegen mich gefaßt hatte, sondern auch Glück und Unglück meines Lebens in Paris; hat Gott mich als Frau glücklich gemacht, die Mutter hat er dafür schwer getroffen. Du weißt ja, daß mein Sohn, Dein Neffe Philipp, wegen seiner Anhänglichkeit an den Kaiser eine bedrohliche Anklage auf sich geladen hat. So wirst Du es verstehen, daß eine Witwe, die, um ihr Leben zu fristen, eine bescheidene Anstellung in einem Lotteriebüro annehmen mußte, zu denen kommt, die sie von Geburt an kennen, um Trost und Hilfe zu suchen. Der Beruf, den mein anderer Sohn, der mich begleitet, ergriffen hat, gehört zu denen, die ein Höchstmaß an Talent, Opfern und Studien erfordern, ehe sie Resultate aufzuweisen haben. In seinem Berufe geht der Ruhm dem Reichtum voran. Und so wird Joseph, selbst wenn er unsere Familie berühmt gemacht hat, immer noch arm sein. Deine Schwester, mein lieber Jean-Jacques, hätte die Folgen der väterlichen Ungerechtigkeit schweigend ertragen, der Mutter aber mußt Du es verzeihen, wenn sie Dir ins Gedächtnis ruft, daß Du zwei Neffen hast, von denen der eine des Kaisers Befehle in der Schlacht bei Montereau überbrachte, bei Waterloo in der Kaiserlichen Garde diente und nun im Gefängnis sitzt, während der andere von seiner Veranlagung seit seinem dreizehnten Lebensjahre in eine ebenso schwierige wie ruhmreiche Laufbahn getrieben wurde. Und so danke ich Dir denn aus innigstem Herzen für Deinen Brief, lieber Bruder, um meiner selbst und um Josephs willen, der Deiner Einladung gern Folge leistet. Krankheit, mein lieber Jean-Jacques, entschuldigt alles; also werde ich Dich besuchen. Eine Schwester ist bei ihrem Bruder immer gut am Platze, was für eine Lebensführung er auch angenommen haben mag. Sei herzlich umarmt von Deiner

Agathe Rouget.«

»Nunmehr ist alles im Gange«, sagte Herr Hochon zu der Pariserin. »Sie werden ihm über seine Neffen reinen Wein einschenken können.«

Den Brief trug Gritte hinüber, nach zehn Minuten kam sie wieder und berichtete mit kleinstädtischer Genauigkeit ihrer Herrschaft alles, was sie zu sehen und zu hören bekommen hatte.

»Gnädige Frau«, sagte sie, »man hat seit gestern abend das ganze Haus hergerichtet, nachdem es die gnädige Frau bisher in einem Zustand gelassen . . .«

»Welche gnädige Frau?« fragte der alte Hochon.

»So nennt man doch drüben im Hause die Käscherin«, antwortete Gritte. »Sie hatte den Saal und alles um Herrn Rouget herum in einem Zustand gelassen, daß es zum Erbarmen war; aber seit gestern ist das Haus wieder so geworden wie es vor der Ankunft von Herrn Maxence war. Spiegeln kann man sich drin! Die Védie hat mir erzählt, daß Kouski heute früh um fünf Uhr aufs Pferd gestiegen ist; um neun ist er wiedergekommen und hat Vorräte mitgebracht. Es wird also das großartigste Diner geben, ein Diner wie für den Erzbischof von Bourges. Da wird gestapelt und umgeräumt und ausgebaut in der Küche . . . ›Ich will meinen Neffen feiern‹, hat der gute Alte gesagt, als er sich alles berichten ließ. Der Brief hat, scheint's, den ›Rougets‹ sehr geschmeichelt. Die gnädige Frau ist selbst gekommen, mir Bescheid zu sagen . . . Hat die aber Toilette gemacht! . . . Nie hab ich was Schöneres gesehn! Zwei Diamanten hat die gnädige Frau in den Ohren, zwei Diamanten, jeder tausend Taler wert, hat mir die Védie gesagt . . . Und Spitzen! und die Finger voll Ringe, und Armbänder wie eine Heilige im Kirchenschrein, und ein Seidenkleid, schön wie eine Altardecke . . . Und alsdann hat sie mir gesagt: ›Der gnädige Herr ist entzückt, daß seine Schwester so lieb ist; ich hoffe, sie wird uns erlauben, ihr nach Gebühr aufzuwarten. Und wir wollen ihren Sohn so aufnehmen, daß sie hoffentlich eine gute Meinung von uns bekommt . . . Der Herr Rouget ist sehr begierig, seinen Neffen kennenzulernen.‹ Die gnädige Frau hat kleine Schuhchen von schwarzem Satin und Strümpfe . . . nein, sind die wunderbar! Da sind sozusagen Blumen drin in der Seide und lauter Löcherchen, wie in einer Spitzendecke, man kann die rosige Haut hindurchsehen. Kurz, sie ist wie aus dem Ei gepellt, und vorn – da hat sie so eine süße kleine Schürze: die Védie hat mir gesagt, die Schürze ist zwei Jahreslöhne von unsereinem wert . . .«

»Da muß man sich also schön machen«, sagte lächelnd der Künstler.

»Und woran denkst du, Herr Hochon?«, . . . fragte die alte Dame, als Gritte hinausgegangen war.

Frau Hochon zeigte ihrer Patentochter ihren Gatten, der, den Kopf in die Hand und den Ellbogen auf die Lehne des Sessels gestützt, in Gedanken versunken dasaß.

»Sie haben es mit einem Erzpfiffikus zu tun!« sagte der Alte. »So wie Sie die Welt ansehen, junger Mann,« – er wandte sich an Joseph – »sind Sie dem Kampf mit einem Gesellen von Maxences Kaliber nicht gewachsen. Was ich Ihnen auch sagen mag, Sie werden doch Dummheiten begehen. Erzählen Sie mir wenigstens heute abend genau alles, was Sie gesehen, gehört und getan haben. Und somit Gott befohlen! Sehen Sie zu, daß Sie Ihren Onkel allein sprechen. Wenn Ihnen das bei aller Schläue nicht gelingt, so wirst das schon ein Licht auf den Plan der andern; sollten Sie aber einen Augenblick mit ihm allein sein, ohne daß man Sie belauscht, ei, dann müssen Sie ihm die Würmer aus der Nase ziehen und etwas herausbekommen über seine wahre Lage, die wahrhaftig nicht glücklich ist, und müssen die Sache Ihrer Mutter führen . . .«

Um vier Uhr überschritt Joseph den Engpaß zwischen dem Hause Hochon und dem Hause Rouget, eine Art Allee kränklicher Linden, zweihundert Fuß lang und so breit wie die Grande Narette. Als der Neffe eintrat, ging ihm Kouski in gewichsten Stiefeln, schwarzen Tuchhosen, weißer Weste und schwarzem Rock voran, um ihn anzumelden. Im Saal war der Tisch schon gedeckt. Joseph, der seinen Onkel gleich erkannte, ging geradeswegs auf ihn zu und umarmte ihn, dann begrüßte er Flora und Maxence.

»Wir haben uns noch nicht gesehen, seit ich auf der Welt bin, mein lieber Onkel,« sagte munter der Maler, »aber spät ist besser als nie.«

»Willkommen, mein Freund,« sagte der Alte und starrte den Neffen stumpfsinnig an.

»Madame«, wandte sich Joseph an Flora mit Künstlerverve, »ich habe bereits heute früh, als ich Sie von weitem sah, meinen Onkel um den Vorzug beneidet, sie täglich bewundern zu können!«

»Nicht wahr, sie ist schön?« sagte der Alte, und seine trüben Augen glänzten fast.

»Sie könnte einem Maler Modell stehen.«

»Lieber Neffe«, sagte der alte Rouget, den Flora mit dem Ellbogen stieß, »darf ich dich mit Herrn Maxence Gilet bekannt machen, einem Manne, der wie dein Bruder dem Kaiser in seiner Garde gedient hat.«

Joseph verbeugte sich.

»Ihr Herr Bruder stand meines Wissens bei den Dragonern, während ich nur bei den Kieselschiebern war«, sagte Maxence.

»Zu Pferde oder zu Fuß,« sagte Flora, »man hat sein Leben dran gewagt.«

Joseph und Max beobachteten einer den andern; Max war nach der damaligen Mode der eleganten jungen Herren angezogen; was er trug, war aus Paris. Eine himmelblaue Tuchhose mit breiten Bügelfalten brachte seinen Fuß zur Geltung, indem sie fast nur den sporengeschmückten Absatz des Stiefels sehen ließ. Eine weiße Weste mit modellierten Goldknöpfen umschloß eng seine Taille; sie war hinten geschnürt, wodurch sie zugleich als Gürtel diente. Hochgeknöpft bis zum Kinn, ließ sie seine breite Brust gut hervortreten, und ihr schwarzer Satinkragen zwang ihn, den Kopf militärisch hoch zu tragen. Sein schwarzer Überrock war gut geschnitten. Aus der Westentasche hing eine hübsche Goldkette, die flache Uhr war kaum wahrzunehmen; er spielte mit dem sogenannten Kricketschlüssel, den damals Bréguet gerade erfunden hatte.

›Recht stattlich ist der Bursche‹, sagte sich Joseph, als Maler bewunderte er den lebhaften, kraftvollen Ausdruck des Gesichtes und die geistvollen grauen Augen, die Max von seinem Vater, dem Edelmann, geerbt hatte. ›Mein Onkel muß wohl recht öde sein; das schöne Mädchen hat sich einen Ausgleich gesucht, sie leben zu dritt. Das sieht man.‹

In diesem Augenblick traten Baruch und François ein.

»Sie haben sich doch noch nicht den Turm von Issoudun angesehen?« fragte Flora Joseph. »Wenn Sie Lust haben, vor dem Essen, das erst in einer Stunde serviert wird, einen kleinen Spaziergang zu machen, würden wir Ihnen die größte Sehenswürdigkeit unserer Stadt zeigen.« »Recht gern«, sagte der Künstler, es kam ihm nicht in den Sinn, daß dieser Spaziergang ihm nachteilig sein könnte.

Während Flora ging, um ihren Hut aufzusetzen, die Handschuhe anzuziehen und den Kaschmirschal umzunehmen, erhob sich Joseph plötzlich, als hätte ihn ein Zauberer mit seinem Stabe berührt: er hatte die Bilder gesehen!

»Sie haben Bilder, lieber Onkel?« Er trat an das Gemälde heran, das ihm aufgefallen war. »Freilich«, sagte der Biedermann, »die sind von den Descoings auf uns gekommen, und die haben während der Revolution den Plunder aus Stiften und Kirchen im Lande Berry gekauft.«

Joseph hörte ihm schon nicht mehr zu, er bewunderte jedes einzelne Bild. – »Herrlich!« rief er. »Ach, und das da . . . Und der, der hat seine Leinwand auch nicht verdorben. Aber das wird ja immer besser, ganz wie bei Nicolet . . .«

»Es gibt da noch sieben oder acht sehr große oben auf dem Boden, die man der Rahmen wegen behalten hat«, sagte Gilet.

»Die wollen wir ansehen«, sagte Joseph, und Maxence führte ihn auf den Boden.

Begeistert kam Joseph zurück. Max sagte der Käscherin ein Wort ins Ohr, und die zog den alten Rouget in die Fensternische. Obwohl sie flüsterte, verstand Joseph doch die Worte: »Ihr Neffe ist Maler; Sie können ja doch nichts mit den Bildern anfangen; seien Sie liebenswürdig und schenken Sie sie ihm.« Der Onkel trat, auf Floras Arm gestützt, zu seinem Neffen, der gerade in Ekstase vor einem Albano stand.

»Du bist Maler, wie ich höre . . .«

»Ich, ich bin nur ein Rapin . . .«

»Was ist denn das?« fragte Flora.

»Ein Anfänger«, war die Antwort.

»Ei, wenn dir diese Brüder in deinem Beruf irgendwie nützlich sein können«, meinte Jean-Jacques, »so schenk ich sie dir, allerdings ohne die Rahmen. Die sind nämlich vergoldet, die Rahmen, und sind so kurios, ich könnte da hinein . . .«

»Ei!« rief Joseph entzückt. »Kopien könnten Sie da hineintun, Onkel, die werde ich Ihnen schicken, sie werden ebenso groß sein.«

»Aber das wird Sie Zeit kosten, und dann brauchen Sie doch Leinwand, Farben,« meinte Flora. »Da müßten Sie Geld ausgeben. Schauen Sie, Vater Rouget, bieten Sie doch Ihrem Neffen hundert Franken für jedes Bild, Sie haben siebenundzwanzig . . . Und elf sind, glaube ich, noch auf dem Boden, die sind mächtig groß und müßten doppelt bezahlt werden . . . geben Sie für das Ganze viertausend Franken . . . Ja, Ihr Onkel kann Ihnen recht gut die Kopien mit viertausend Franken bezahlen, da er doch die Rahmen behält! Und Sie brauchen doch auch Rahmen, und Rahmen sollen mehr wert sein als Bilder, es ist doch Gold daran . . .« Sie rüttelte den alten Biedermann am Arm. »Nun, Herr Rouget! Das ist doch nicht teuer, für viertausend Franken wird Ihnen Ihr Neffe lauter neue Bilder machen statt Ihrer alten da . . .« Und ins Ohr flüsterte sie ihm: »So kannst du ihm auf seine Art viertausend Franken schenken. Er kann's, scheint's, gut brauchen . . .«

»Also, lieber Neffe, ich zahle dir für die Kopien viertausend Franken.«

»Nein, nein,« sagte der redliche Joseph, »viertausend Franken und die Bilder, das ist zuviel; die Bilder haben doch ihren Wert.«

»So seien Sie doch kein Tropf und nehmen Sie es an!« sagte Flora zu ihm, »er ist doch Ihr Onkel.«

»Also gut, ich nehme an«, sagte Joseph, dem der Kopf ganz benommen war von dem großen Geschäft, das er machen sollte, – er erkannte gerade ein Werk des Perugino.

Des Künstlers Gesicht strahlte, als er am Arm der Käscherin aus dem Hause trat, und das kam Maxence sehr gelegen. Weder Flora noch Max noch sonst jemand in Issoudun hatte eine Ahnung von dem Wert der Bilder, und der verschlagene Max glaubte Floras Triumph gegen eine Kleinigkeit erkauft zu haben, als er sie jetzt stolz am Arm des Neffen ihres Gebieters vor den Augen der ganzen verblüfften Stadt einhergehen sah. Man trat in die Türen, um den Triumph der Käscherin über die Familie zu sehen. Diese ganz ungewöhnliche Erscheinung erregte das große Aufsehen, auf das Max rechnete. Und als Onkel und Neffe gegen fünf Uhr heimkehrten, sprach man in allen Familien von nichts als Maxences und Floras vollkommener Eintracht mit Rougets Neffen. Schon zirkulierte die Geschichte von den geschenkten Bildern und den viertausend Franken. Das Diner, bei dem noch Lousteau, ein Herr vom Gericht und der Bürgermeister zugegen waren, fiel großartig aus. Es war ein echtes Provinzdiner, das fünf Stunden dauert. Die erlesensten Weine belebten die Unterhaltung. Beim Dessert war der Maler, der zwischen Flora und Max seinem Onkel gegenübersaß, schon ganz kameradschaftlich mit dem Offizier geworden, er hielt ihn für einen guten Jungen. Um elf Uhr kam Joseph ziemlich angetrunken nach Hause. Den biederen alten Rouget mußte Kouski in sein Bett tragen, er war schwer geladen, er hatte mächtig gegessen und getrunken wie der Sand der Wüste.

»Siehst du«, sagte Max, als er mit Flora allein war, »so geht es doch besser, als wenn wir mit ihnen geschmollt hätten! Man nimmt die Bridaus gut auf, macht ihnen kleine Geschenke; überhäuft von unsern Freundlichkeiten, können sie nur noch unser Lob singen; sie werden in aller Ruhe abreisen und uns unsere Ruhe lassen. Morgen früh nehme ich mit Kouski die ganzen Leinwände aus den Rahmen, wir schicken sie dem Maler hinüber, damit er sie beim Aufwachen vorfindet, tun die Rahmen auf den Boden und an ihre Plätze im Saal tun wir Glanzpapiere, auf denen Szenen aus dem Télémaque zu sehen sind, wie auf denen bei Herrn Mouilleron.«

»Ach ja, das wird viel hübscher aussehn«, rief Flora.

Am nächsten Tage erwachte Joseph erst mittags. Vom Bett aus sah er die Bilder, die hereingebracht worden waren, ohne daß er etwas gehört hatte. Von neuem betrachtete er sie genau und erkannte an der Malerei und auch an den Signaturen, daß es Meisterwerke waren. Inzwischen war seine Mutter hinübergegangen, um ihren Bruder zu besuchen und ihm zu danken. Dazu hatte sie der alte Hochon gedrängt, der an der Sache der Bridaus schier verzweifelte, als er von all den Torheiten hörte, die der Maler gestern begangen hatte.

»Sie haben Schlauköpfe zu Feinden. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie solch eine Haltung beobachtet wie bei diesem Soldaten; ja, der Krieg scheint die jungen Leute zu erziehen. Joseph hat sich hineinlegen lassen. Er ist am Arm der Käscherin spazieren gegangen! Man hat ihm, scheint's, den Mund gestopft mit Wein, mit elenden alten Bildern und mit viertausend Franken. Ihr Künstler hat Maxence nicht viel gekostet!«

Der umsichtige Alte hatte der Patentochter seiner Frau genau eingeschärft, wie sie sich benehmen sollte: sie sollte auf Maxences Ideen eingehen und der Flora schmeicheln, um mit ihr zu einer gewissen Vertrautheit zu kommen und auf diese Weise einige Augenblicke des Alleinseins mit Jean-Jacques zu gewinnen.

Frau Bridau wurde von ihrem Bruder äußerst liebenswürdig aufgenommen. Flora hatte ihm vorher eine Lektion gegeben. Der Alte lag, krank von den gestrigen Exzessen, zu Bett. Da Agathe nicht gleich in den ersten Minuten auf die ernsthaften Fragen zu sprechen kommen konnte, hatte Max es für angemessen und großmütig gehalten, die Geschwister allein zu lassen. Und das war sehr klug gerechnet. Die arme Agathe fand ihren Bruder so krank, daß sie ihn nicht der Pflege der ›Madame Brazier‹ berauben wollte.

»Übrigens wünsche ich,« sagte sie zu dem alten Junggesellen, »das Wesen kennenzulernen, dem ich für das Glück meines Bruders Dank schulde.«

Diese Worte machten dem Biedermann ersichtliche Freude; er schellte, um Madame Brazier herzubitten. Flora war, wie sich denken läßt, nicht weit weg. Beide Gegnerinnen begrüßten sich. Gleich ließ die Käscherin alle Künste untertänigster, aufmerksamster Zärtlichkeit spielen; sie fand, daß der Kopf des Herrn zu tief liege, sie rückte ihm die Kissen zurecht, sie war wie eine Neuvermählte. Der Alte verging vor Rührung.

»Mademoiselle, wir sind Ihnen soviel Dank schuldig,« sagte Agathe, »für all die Beweise der Anhänglichkeit, die Sie meinem Bruder schon so lange Zeit gegeben haben, und für alle Ihre Bemühungen um sein Wohlbefinden und Glück.«

»Ach ja, Agathe,« sagte der Brave, »es ist wahr, sie hat mich das Glück kennengelehrt, es ist eine Frau voll vorzüglicher Eigenschaften.«

»Nun, so könntest du auch das Fräulein nie genug belohnen, lieber Bruder, du hättest sie zu deiner Frau machen sollen. Ja! Ich bin zu fromm, um nicht innigst zu wünschen, daß du die Vorschriften der Religion befolgst; sie sowohl wie du würden dann die wahre Ruhe haben und nicht mit den Gesetzen und der Moral in Zwist geraten. Zwar bin ich gekommen, um dich in meiner trüben Lage um Hilfe zu bitten, lieber Bruder, aber deshalb mußt du nicht glauben, daß wir daran dächten, dir irgendwelche Vorhaltungen über die Art, wie du über dein Vermögen verfügst, zu machen . . .«

»Gnädige Frau,« sagte Flora, »wir wissen, daß Ihr Herr Vater ungerecht gegen Sie war. Ihr Herr Bruder kann es Ihnen bezeugen« – bei diesen Worten fixierte sie streng ihr Opfer –; »der einzige Streit, den es zwischen uns gab, betrifft Sie. Ich behaupte, daß Herr Rouget Ihnen den Teil des väterlichen Vermögens schuldet, den Ihnen mein armer Wohltäter zu Unrecht entzogen hat. Ja, er ist mein Wohltäter gewesen, Ihr Vater« (sie nahm einen weinerlichen Tonfall an), »das werde ich nie vergessen . . . Aber Ihr Bruder, gnädige Frau, hat es eingesehen . . .«

»Ja,« sagte der wackre Rouget, »wenn ich mein Testament mache, sollst du nicht vergessen werden . . .«

»Von all dem wollen wir nicht sprechen, lieber Bruder, du kennst meinen Charakter noch gar nicht.«

Nach diesem Gespräch kann man sich leicht den weiteren Verlauf dieses ersten Besuchs vorstellen. Rouget lud seine Schwester auf den übernächsten Tag zum Essen ein.

Während dieser drei Tage fingen die Ritter vom Müßiggang eine ungeheure Menge Ratten, Stadt- und Feldmäuse und setzten sie, vierhundertundsechsunddreißig Stück, darunter mehrere trächtige Weibchen, eines Nachts ausgehungert mitten in das Korn. Und zu diesen Kostgängern, die sie Fario verschafften, holten sie noch aus zehn verschiedenen Gutshöfen je eine Taube, machten ein Loch ins Dach der Kapuzinerkirche und taten die Tauben hinein. All dies Getier konnte in voller Ruhe seine Gastmähler feiern, denn Farios Magazinbursche wurde von einem bösen Spaßvogel verdorben, mit dem er sich von früh bis spät betrank, ohne auf das Korn seines Herrn achtzugeben.

Im Gegensatz zu dem alten Hochon glaubte Frau Bridau, daß ihr Bruder sein Testament noch nicht gemacht habe; sobald sich bei einem Spaziergange mit ihm allein Gelegenheit fände, gedachte sie ihn nach seinen Absichten in bezug auf Fräulein Brazier zu fragen; Flora und Maxence machten ihr auf solch einen Moment Hoffnungen, die immer wieder getäuscht wurden.

Obwohl die Ritter insgesamt nach Möglichkeiten suchten, die Pariser zu verjagen, kamen sie nur auf unmögliche Narrheiten. Es verging eine Woche, und das war die Hälfte der Zeit, welche die Pariser in Issoudun zubringen wollten, ohne daß die Ritter weiter kamen als am ersten Tag.

»Ihr Advokat kennt die Provinz nicht«, sagte der alte Hochon zu Frau Bridau. »Was Sie hier vorhaben, das läßt sich nicht in vierzehn Tagen und auch nicht in vierzehn Monaten erreichen; Sie dürften Ihren Bruder überhaupt nicht mehr verlassen, müßten ihm fromme Ideen in den Kopf setzen. Die Festungen Floras und Maxences können Sie nur mit der Sappe des Priesters unterminieren. Und ich meine, es wird Zeit, damit zu beginnen.«

»Du hast eigenartige Vorstellungen von der Geistlichkeit«, sagte Frau Hochon zu ihrem Gatten.

»Ach geht mir, ihr Betschwestern!« rief der Alte.

»Nie würde Gott ein Unternehmen segnen, das auf einem Sakrileg beruht«, sagte Frau Bridau. »Zu solchen Dingen die Religion benutzen . . . Dann wären wir ja verbrecherischer als diese Flora.«

Dieses Gespräch fand während des Frühstücks statt, und François sowohl wie Baruch spitzten die Ohren.

»Sakrileg nennen Sie das,« rief der alte Hochon, »ach, wenn irgendein freundlicher Pfarrer, ein Mann von Geist, wie ich deren einige gekannt habe, wüßte, in was für einer Verlegenheit Sie sind, er würde kein Sakrileg darin sehen, die verirrte Seele Ihres Bruders zu Gott zurückzuleiten, ihm aufrichtige Reue über seine Verfehlungen einzuflößen, ihn dazu zu bringen, daß er die Frau, die den Skandal veranlaßt hat, wegschickt, ihr irgendwo ein sicheres Leben verschafft; er müßte ihm klarmachen, daß er sein Gewissen beruhigen kann, wenn er dem kleinen Seminar des Erzbistums ein paar tausend Franken Rente stiftet und sein Vermögen den natürlichen Erben hinterläßt . . .«

Der passive Gehorsam, den der alte Geizhals in seinem Hause bei seinen Kindern durchgesetzt und auf seine Enkel übertragen hatte – die unterstanden seiner Vormundschaft, und indem er Geld häufte, tat er, wie er erklärte, alles für sie, was er für sich selbst tat, und sammelte ihnen ein schönes Vermögen – dieser notgedrungene Gehorsam erlaubte den beiden Enkellöhnen François und Baruch nicht, irgendein Zeichen ihrer Verwunderung oder Mißbilligung sichtbar werden zu lassen, aber sie wechselten einen bedeutsamen Blick und bezeugten so einander, wie schädlich und gefährlich dieser Vorschlag der Sache ihres Freundes Maxence werden konnte.

Dann sagte Baruch: »Die Sache liegt so, gnädige Frau: wenn Sie die Erbschaft Ihres Bruders antreten wollen, so ist dies das einzige Mittel, und Sie müssen so lange in Issoudun bleiben als zu seiner Anwendung nötig ist.«

»Liebe Mutter, du solltest über all das an Desroches schreiben«, sagte Joseph. »Ich für meinen Tell beanspruche von meinem Onkel nichts als das, was er mir schon von selbst gegeben hat . . .«

Er hatte in der Erkenntnis des hohen Wertes der neununddreißig Bilder sorgfältig die Nägel aus den Leinwänden gezogen, diese übereinandergeschichtet und in eine große Kiste verpackt, die Kiste hatte er als Fracht an Desroches adressiert und beabsichtigte, ihm die kostbare Ladung, die am Vorabend abgegangen war, zu avisieren.

»Sie sind billig zufriedenzustellen«, sagte Herr Hochon.

»Mit Leichtigkeit könnte ich hundertundfünfzigtausend Franken für die Bilder bekommen.«

»Das ist eine Maleridee!« meinte Herr Hochon und sah den guten Joseph ironisch an.

»Höre,« wandte dieser sich wieder an seine Mutter, »ich werde an Desroches schreiben und ihm den Stand der Dinge auseinandersetzen. Wenn Desroches dir rät, zu bleiben, so bleibe hier. Für deinen Posten in Paris werden wir dir dann schon einen Ersatz ausfindig machen.«

»Mein Lieber,« wandte sich Frau Hochon an Joseph, als man von Tische aufstand, »was die Bilder Ihres Onkels wert sind, kann ich nicht beurteilen, aber nach den Orten, von denen sie stammen, zu schließen, müssen sie gut sein. Sollten sie auch nur vierzigtausend Franken, jedes also etwa tausend Franken wert sein, so sagen Sie nur niemandem etwas davon. Meine Enkel sind diskret und wohlerzogen, aber sie könnten, ohne sich etwas Schlimmes dabei zu denken, von dem vermeintlichen glücklichen Funde reden, ganz Issoudun würde es erfahren, und unsere Gegner dürfen doch nichts davon ahnen. Sie benehmen sich wie ein Kind . . .«

In der Tat waren schon Mittags eine Menge Menschen in Issoudun und nicht zuletzt Maxence Gilet von der Meinung des Malers über den Wert der Bilder unterrichtet, und die Folge war, daß man nach alten Bildern stöberte, an die man längst nicht mehr gedacht hatte, und furchtbare ›Schinken‹ zutage förderte. Max war über sich selbst ärgerlich, daß er den Alten zum Verschenken der Bilder gedrängt hatte, und als er von dem Plan des alten Hochon erfuhr, stieg seine Wut über das, was er seine Dummheit nannte, noch höher. Der Einfluß der Religion auf ein schwaches Wesen war das einzige, was man befürchten mußte, daher bestärkte ihn der Hinweis seiner beiden Freunde in der Absicht, alle Hypotheken Rougets zu Geld zu machen und Anleihen auf seinen Grundbesitz aufzunehmen, um dann alles flüssige Geld aufs schnellste in sicheren Papieren anzulegen; noch dringlicher aber schien es ihm, die Pariser fortzubekommen. Auf Maxences Rat gab Flora vor, Herrn Rouget griffen die Spaziergänge zu sehr an; bei seinem Alter wäre es besser, spazieren zu fahren. Dieser Vorwand wurde nötig, weil sie sich jetzt öfters, ohne daß man es in der Stadt bemerkte, nach Bourges, Vierzon, Châteauroux, Vatan, an alle die Orte begeben mußten, wo sich die Hypotheken Rougets flüssig machen ließen. Ende der Woche war große Überraschung in Issoudun: der alte Rouget wollte sich in Bourges einen Wagen beschaffen. Flora und Rouget kauften eine fürchterliche Halbkutsche mit schlechten Scheiben und geborstenen Ledern, die zweiundzwanzig Jahre und neun Feldzüge alt war und der Auktion aus dem Nachlaß eines Obersten entstammte, der mit dem Marschall Bertrand befreundet gewesen war und dessen Besitzungen im Lande Berry übernommen hatte, solange dieser getreue Begleiter des Kaisers abwesend war. Das grellgrün angestrichene Gefährt hatte einige Ähnlichkeit mit einer Kalesche, doch war die Gabel so umgestaltet, daß man ein einzelnes Pferd davorspannen konnte. Diese billigeren Wagen waren damals im Zusammenhang mit dem Rückgang des Besitzes sehr in Mode. Man nannte sie ›Demifortunes‹. Das Tuch des Einspänners, der für eine Kalesche ausgegeben wurde, war wurmstichig, die Borten sahen aus wie Tressen alter Invaliden, das Eisen rasselte jämmerlich; dafür kostete der Wagen auch nur vierhundertfünfzig Franken. Max kaufte von dem Regiment, das damals in Bourges lag, eine brave dicke ausgemusterte Stute. Er ließ den Wagen dunkelbraun streichen, verschaffte sich ein noch recht anständiges Geschirr aus zweiter Hand, und so erwartete denn ganz Issoudun in ungeduldiger Aufregung ›dem alten Rouget seine Equipage‹. Als der Biedermann zum erstenmal darin ausfuhr, waren alle Türen und Fenster der Stadt voll Neugieriger. Die zweite Ausfahrt brachte den Alten bis Bourges, und dort unterschrieb er, um sich die sonst nötigen Umstände in der Transaktion, die Flora ihm geraten oder besser anbefohlen hatte, zu ersparen, bei einem Notar eine Vollmacht für Maxence Gilet, die diesem alle Verträge übertrug. Flora behielt sich vor, mit Herrn Rouget die in Issoudun und Umgebung angelegten Hypothekengelder flüssig zu machen; Rouget suchte den ersten Notar von Bourges auf und bat ihn, ihm eine Anleihe von hundertvierzigtausend Franken auf seinen Grundbesitz zu verschaffen. In Issoudun erfuhr man von diesen heimlichen und geschickten Maßregeln nichts. Max konnte als guter Reiter von fünf Uhr morgens bis fünf Uhr abends die Strecke nach Bourges hin und zurück reiten, und Flora verließ den alten Junggesellen nicht mehr. Der Alte war auf alle Vorschläge Floras eingegangen, aber er wollte auf den Namen des Fräuleins Brazier nur die Nutznießung der fünfzigtausend Franken Rente eintragen lassen, den Besitz dagegen auf seinen eigenen Namen. Der Eigensinn des Alten in dieser Angelegenheit beunruhigte Maxence; er vermutete Gedankengänge dahinter, welche die Gegenwart der natürlichen Erben angeregt haben mochte.

Über allen diesen großen Unternehmungen, die Maxence vor den Augen der Stadt geheimhalten wollte, vergaß er den Kornhändler. Fario hatte indessen Schritte unternommen und Reisen gemacht, um die Getreidepreise in die Höhe zu treiben, und schickte sich nun an, seine Lieferungen zu bewerkstelligen. Er kam von der Reise zurück und in seine Wohnung gegenüber der Kapuzinerkirche, da sah er das Kirchendach ganz schwarz von Tauben. Er fluchte sich selbst, daß er es vernachlässigt hatte, das Dach untersuchen zu lassen, ging sofort hinüber in sein Lager und fand die Hälfte seines Korns aufgezehrt. Die Unmasse von Maus- und Rattenköteln ringsumher offenbarten ihm eine weitere Ursache seines Ruins. Die Kirche war eine Arche Noah. Als er dann aber bei dem Versuch, den Umfang seines Schadens zu ermessen, bemerkte, daß alles Korn unten gekeimt hatte – Max hatte nämlich durch ein Blechrohr mehrere Kannen Wasser mitten in die Getreidehaufen geleitet –, da wurde der Spanier vor Wut weiß wie Lein. Die Tauben und Ratten ließen sich durch den tierischen Instinkt erklären, aber das infame Keimen verriet die Hand des Menschen. Fario setzte sich in einer Kapelle auf die Altarstufen und sah, den Kopf in die Hand gestützt, vor sich hin. So verging eine halbe Stunde mit spanischen Erwägungen; dann sah er mit einmal das Eichhörnchen, das Goddet junior ihm durchaus in Pension hatte geben wollen: oben aus dem Querbalken unterm Dach spielte es mit seinem Schwanz. In eisiger Ruhe erhob sich der Spanier, und das Gesicht, das er seinem Magazinburschen zeigte, war unbewegt wie das eines Arabers. Fario beklagte sich nicht, er ging nach Hause, und dann mietete er ein paar Arbeiter, um das gute Korn in Säcke zu packen und das feuchte in der Sonne auszubreiten und so wenigstens zu retten, was noch zu retten war. Dann befaßte er sich mit seinen Lieferungen; seinen Verlust schlug er auf drei Fünftel an. Da aber seine eigenen Umtriebe eine Preissteigerung bewirkt hatten, so ergab sich für ihn, als er die fehlenden drei Fünftel kaufen mußte, ein Verlust, der mehr als die Hälfte des ganzen Wertes betrug. Da der Spanier sonst keine Feinde hatte, schrieb er diesen Racheakt mit Recht Gilet zu. Es war ihm klar, daß Max und ein paar andere, auf die allein all der nächtliche Schabernack zurückzuführen war, sicherlich auch seine Karre auf den Turm geschleppt hatten und sich nun einen Spaß daraus machten, ihn zu ruinieren: und das war ihnen gelungen, er verlor etwa tausend Taler, fast das ganze Kapital, das er seit dem Friedensschluß mühselig erworben hatte. Nun entfaltete die Rachegier in diesem Menschen die ganze Ausdauer und Verschlagenheit eines Spions, dem man eine große Belohnung versprochen hat. Er legte sich nachts in Issoudun in den Hinterhalt und kam schließlich dem Lebenswandel der Ritter vom Müßiggang auf die Spur: er sah sie, er zählte sie, erspähte ihre Stelldichein und Gelage bei der Cognette; er begleitete sie ungesehen auf einem ihrer Streiche und wurde Zeuge ihrer nächtlichen Gepflogenheiten.

Obwohl Max jetzt vielerlei zu bedenken und zu tun hatte, wollte er doch die nächtliche Tätigkeit nicht vernachlässigen, einmal, damit seine großen Operationen mit dem Vermögen des alten Rouget im Verborgenen blieben, dann, um seine Freunde immer in Atem zu halten. Nun waren die Ritter gerade dabei, einen der Streiche vorzubereiten, von denen man sich Jahre hindurch unterhielt: sie wollten in einer einzigen Nacht allen Wachthunden der Stadt und der Vorstädte Giftkuchen zu fressen geben. Fario belauschte sie, als sie, aus der Tür ihrer Kneipe tretend, sich im voraus zu dem Gelingen dieses Streiches beglückwünschten und auf die allgemeine Trauer freuten, die dieser herodianische Mord erwecken würde. Wie würden sich die Bürger ängstigen vor den finsteren Anschlägen, die alle die Häuser bedrohten, denen man ihre Wächter raubte?

»Darüber wird man am Ende dem Fario seine Karre vergessen!« meinte Goddet junior.

Dieser Bestätigung seines Verdachtes bedurfte Fario nicht mehr, sein Entschluß war gefaßt.

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