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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Place Saint-Jean liegt mitten in einer Straße, die in ihrem Oberteil die große Narette und unten die kleine Narette heißt; das Wort Narette entspricht dem genuesischen ›salita‹ und bedeutet eine steil abfallende Straße. Von der Place Saint-Jean zu der Porte Vilatte ist das Gefäll der Narette sehr steil. Das Haus des alten Herrn Hochon liegt Jean-Jacques' Hause gegenüber. Bei aufgezogenen Vorhängen oder offnen Türen konnte man aus den Saalfenstern der Frau Hochon sehen, was bei dem alten Rouget geschah und umgekehrt. Hochons Haus und Rougets Haus sind einander sehr ähnlich, sie sind sicher von demselben Baumeister. Hochon war Steuereinnehmer in Selles gewesen, dann aber in seine Heimat zurückgekehrt, um sich mit der Schwester des galanten Subdelegierten Lousteau zu verheiraten und seinen Posten in Selles mit dem entsprechenden in Issoudun zu vertauschen. Da er sich bereits im Jahre 1787 von den Geschäften zurückzog, entging er den Stürmen der Revolution, deren Grundsätzen er sich übrigens anschloß, wie alle ›ehrlichen Leute‹, die mit den Wölfen heulen. Seinen Ruf als großer Geizhals hatte Herr Hochon wohl verdient. Um nicht in Wiederholungen zu verfallen, wollen wir nur einen Zug seines Charakters anführen, eine berühmte Geschichte, die den ganzen Menschen deutlich macht.

Als seine inzwischen verstorbene Tochter sich mit einem Borniche verheiratete, mußten Hochons die Borniches einmal zum Diner einladen. Es war der Tag, an dem der Ehevertrag unterzeichnet werden sollte, die ganze Verwandtschaft beider Familien war im Saale versammelt, auf der einen Seite die Hochons, auf der andern die Borniches, alle in Feiertagskleidung. Während nun der Vertrag von dem jungen Notar Héron feierlich verlesen wurde, kam die Köchin herein und bat Herrn Hochon um etwas Bindfaden, um einen Truthahn, den Hauptgang des Festmahls, zu binden. Der weiland Steuereinnehmer zog aus der tiefsten Tasche seines Überrocks ein Stück Bindfaden, womit ohne Zweifel schon einmal ein Paket verschnürt worden war, und gab es ihr, aber ehe sie noch an der Tür war, rief er ihr nach: »Gritte, du gibst ihn mir aber wieder.«

Von Jahr zu Jahr war der alte Hochon immer quengliger, immer peinlicher geworden, und jetzt war er fünfundachtzig Jahre alt! Er war einer von denen, die sich auf der Straße mitten in einem lebhaften Gespräch bücken, eine Nadel auflangen und sagen: »Da liegt der Tagelohn einer armen Frau!« und dann die Nadel in ihren Ärmel stecken. Er klagte sehr, wie schlecht heutzutage die Tuchfabrikation sei, sein letzter Überrock habe nur zehn Jahre gehalten. Er war groß, dürr und trocken, gelblich im Gesicht, sprach wenig, las wenig, vermied jede Anstrengung, beobachtete genau die Formen, hielt im Haus auf große Mäßigkeit und Sparsamkeit und tyrannisierte seine zahlreiche Familie, bestehend aus seiner Frau, der geborenen Lousteau, seinem Enkel Baruch und dessen Schwester Adolphine, den beiden Erben der alten Borniches, und schließlich aus seinem andern Enkel François Hochon.

Hochons ältester Sohn wurde im Jahre 1813 mit vielen andern Bürgerssöhnen, die bisher der Aushebung entgangen waren, in die sogenannten Ehrengarden eingereiht. Er fiel in der Schlacht bei Hanau. Dieser Erbanwärter hatte in jungen Jahren eine reiche Frau geheiratet, um sich von jeder Aushebung loskaufen zu können, und als er dann in den Krieg kam und sein Ende voraussah, sein ganzes Vermögen aufgezehrt. Seine Frau, die von fern dem französischen Heere folgte, starb 1814 in Straßburg und hinterließ Schulden, deren Bezahlung der alte Hochon verweigerte, indem er den Gläubigern einen Grundsatz aus der alten Rechtsprechung entgegenhielt: »Die Frauen sind juristisch minderjährig.« So bestand die Familie nur mehr aus drei Enkeln und zwei Großeltern.

Das Haus war geräumig, aber es enthielt wenig Mobiliar. Gleichwohl konnten Joseph und Frau Bridau in zwei Zimmern des zweiten Stockwerks gut untergebracht werden. Bei dieser Gelegenheit tat es dem alten Hochon leid, daß er dort oben zwei Betten, zwei alte Sessel aus rohem Holz mit gestickten Bezügen und zwei Nußbaumtische, auf denen je eine blaugeränderte Waschschüssel nebst Kanne stand, aufbewahrt hatte.

In diesen beiden Zimmern pflegte der Alte seine Ernte an Äpfeln, Winterbirnen, Mispeln und Quitten unterzubringen, und die Ratten und Mäuse tanzten darin; es roch nach Obst und Mäusen. Frau Hochon ließ dort reinmachen; die Tapete, die an vielen Stellen abblätterte, wurde mittelst Oblaten festgeklebt; die Fenster versah sie mit kleinen Vorhängen, die sie aus ihren alten Musselinresten schnitt. Und da ihr Mann sich weigerte, Matten zu kaufen, gab sie für ihre arme kleine Agathe – so nannte sie diese Mutter von siebenundvierzig Jahren – den eignen Bettvorleger her. Von den Borniches lieh sie zwei Nachttische, und schließlich hatte sie die Kühnheit, von einem Trödler aus der Nachbarschaft der Cognette zwei alte Kommoden mit Kupferbeschlägen zu mieten. Sie besaß noch zwei Paar Leuchter aus kostbarem Holze, die ihr eigner Vater verfertigt hatte, der ein leidenschaftlicher Drechsler gewesen war. In den achtziger Jahren war es nämlich guter Ton bei den reichen Leuten, ein Handwerk zu erlernen, und Herr Lousteau senior, der ehemalige Finanzpachtsekretär, war Drechsler wie Ludwig XIV. Schlosser war. Die Leuchter waren mit Reifen aus dem Wurzelholz von Rosen-, Pfirsich- und Aprikosensträuchern verziert. So kostbare Reliquien gab Frau Hochon her! . . . Über diesen Vorbereitungen und Opfern wurde Herr Hochon immer ernster; er glaubte noch nicht recht daran, daß die Bridaus wirklich kommen würden.

Am Morgen des Tages, den der Schabernack mit Fario berühmt machte, sagte Frau Hochon nach dem Frühstück zu ihrem Gatten: »Ich hoffe, du wirst Frau Bridau, mein Patenkind, wie es sich gehört, aufnehmen, Hochon.« Sie vergewisserte sich, daß ihre Enkel fort waren, und setzte hinzu: »Ich habe freie Verfügung über mein Hab und Gut, zwinge mich nicht, Agathe in meinem Testament für eine schlechte Aufnahme zu entschädigen.

»Glauben Sie, Madame,« erwiderte Hochon mit sanfter Stimme, »ich wüßte in meinem Alter noch nichts von den einfachsten Regeln der Höflichkeit und des Anstandes?«

»Du weißt sehr gut, was ich sagen will, verstell dich nicht. Sei liebenswürdig zu unsern Gästen, denke daran, wie sehr ich Agathe liebe . . .«

»Maxence Gilet hast du auch geliebt, der die Erbschaft einheimsen wird, die eigentlich deiner geliebten Agathe gehört! . . . Du hast eine Schlange am Busen genährt; aber schließlich und endlich mußte ja das Geld der Rougets irgendeinem Lousteau zufallen.« Mit dieser Anspielung auf Agathes und Maxences vermeintliche Abstammung wollte Hochon abgehen; aber die alte Frau Hochon, immer noch aufrecht, dürr, gepudert, in ihrer Schleifenhaube, in ihrem taubengrauen Taftkleid mit den engen Ärmeln, stellte ihre Tabaksdose auf das Tischchen und sagte: »Wie kann ein Mann von Geist wie Sie, Herr Hochon, solche Torheiten wiederholen, die meiner armen Freundin ihre Ruhe und meinem armen Patenkind das väterliche Vermögen gekostet haben? Mein Bruder ist nicht der Vater von Maxence Gilet, und ich habe ihm seinerzeit immer geraten, seine Taler zu sparen. Und daß Frau Rouget die Tugend selbst war, wissen Sie so gut wie ich . . .«

»Und die Tochter ist der Mutter würdig, sie scheint mir recht töricht zu sein. Erst hat sie ihr ganzes Vermögen verloren, dann hat sie ihre Kinder so gut erzogen, daß der eine wegen einer Verschwörung im Gefängnis sitzt mit einem Kriminalprozeß auf dem Hals, die ihn vor den Pairshof bringt, und der andre . . . der ist noch schlimmer dran, der ist Kunstmaler! . . . Sollen deine Schützlinge hier bleiben, bis sie den Narren Rouget aus den Krallen der Käscherin und ihres Max losgeeist haben, dann werden wir mehr als einen Scheffel Salz mit ihnen essen.«

»Genug, Herr Hochon, lassen Sie uns hoffen, daß sie wenigstens etwas dabei herausbekommen.«

Herr Hochon nahm seinen Hut, faßte den Elfenbeingriff seines Stockes und ging; die Worte seiner Frau waren ihm in die Glieder gefahren, soviel Entschlossenheit hatte er ihr nicht zugetraut. Frau Hochon nahm ihr Gebetbuch, um die Worte der Messe zu lesen; denn bei ihrem hohen Alter konnte sie nicht mehr täglich in die Kirche gehen; das machte ihr schon an Sonn- und Festtagen Mühe. Seit sie Agathes Anwortschreiben erhalten hatte, fügte sie ihren üblichen Gebeten eine besondere Bitte hinzu, Gott möge Jean-Jacques Rouget die Augen öffnen, Agathe segnen und das Unternehmen, in das sie ihr Patenkind gedrängt hatte, mit Erfolg krönen. Ihre Enkel, die in ihren Augen ›Ketzer‹ waren, durften nichts davon erfahren, daß sie den Pfarrer gebeten hatte, zu diesem Zweck eine neuntägige Messe abzuhalten im Verein mit ihrer Enkelin Adolphine Borniche, die dabei die Großmutter vertrat.

Die achtzehnjährige Adolphine, die seit sieben Jahren in diesem kalten Hause mit den pedantischen und einförmigen Sitten an der Seite der Alten arbeiten mußte, übernahm diese Rolle um so lieber, als sie hoffte, Joseph Bridau gewisse Gefühle einzuflößen. Sie nahm an diesem von Herrn Hochon unverstandenen Künstler gerade wegen der ungeheuerlichen Dinge, die ihr Großvater von dem jungen Pariser behauptete, den lebhaftesten Anteil.

Die alten Leute, die ehrbaren Stadthäupter und Familienväter billigten übrigens Frau Hochons Auftreten, und ihr Wohlwollen für Frau Bridau und ihre Kinder stand in Einklang mit ihrer heimlichen Abneigung gegen Maxence Gilet. So schuf die Nachricht von der Ankunft der Schwester und des Neffen Rougets zwei Parteien in Issoudun: die der vornehmen alten Bürgerschaft, die sich mit untätigem Zusehen und Glückwünschen begnügen mußte, und die der Ritter vom Müßiggang, Maxences Parteigänger, die zum Unglück imstande waren, den Parisern manchen Streich zu spielen.

An diesem Tage kamen also Agathe und Joseph um drei Uhr vor dem Postbüro auf der Place Misère an. So müde Frau Bridau war, der Anblick ihrer Heimat verjüngte sie: jeder Schritt erweckte Erinnerungen und Jugendeindrücke. Die damaligen Zustände von Issoudun brachten es mit sich, daß die Ankunft der Pariser in zehn Minuten in der ganzen Stadt bekannt war. Frau Hochon kam vor die Tür, der Patentochter entgegen, und umarmte sie wie eine wahre Tochter. Sie hatte zweiundsiebzig Jahre eines öden und leeren Lebens hinter sich, aus dem sie rückblickend die Särge ihrer drei Kinder auftauchen sah, die alle unglücklich gestorben waren, und so hatte sie sich eine Art künstlicher Mutterschaft zurechtgemacht für das junge Geschöpf, das sie, wie sie es ausdrückte, sechzehn Jahre in ihrem Beutel getragen hatte. Im Dämmer des Provinzlebens hatte sie dann diese alte Freundschaft und das Gedächtnis dieser Kindheit gepflegt, als wäre Agathe immer zugegen; und ihr Anteil an dem Schicksal der Bridaus war eine Leidenschaft. Nun wurde Agathe im Triumph in den Saal geführt, wo der würdige Herr Hochon kalt dastand wie ein unterhöhlter leerer Backofen.

»Nun, wie findest du Herrn Hochon?« fragte die Patin ihr Patenkind.

»Ganz genau wie ich ihn verlassen habe«, sagte die Pariserin.

»Ah, man sieht, Sie kommen aus Paris, Sie verstehn sich auf Komplimente«, meinte der Alte.

Dann wurde vorgestellt: der »kleine« Baruch Borniche, ein großer junger Mensch von zweiundzwanzig Jahren, der »kleine« François Hochon, vierundzwanzig Jahre alt, und die kleine Adolphine, die errötete und nicht wußte, wo sie ihre Arme und erst recht ihre Augen lassen sollte; denn sie wollte den Anschein vermeiden, als blickte sie auf Joseph Bridau, den auch, allerdings von andern Gesichtspunkten, die beiden jungen Leute und die alte Hochon neugierig anschauten. Der Geizhals sagte sich: ›Der kommt aus dem Spittel, er wird Hunger haben wie ein Rekonvaleszent.‹ Die beiden jungen Leute dachten: ›Was für ein Brigantengesicht! Der wird uns noch manche Nuß zu knacken geben.‹

Agathe stellte den Künstler vor: »Mein Sohn, der Maler, mein guter Joseph!«

Die Art, wie sie das Wort »gut« eigens betonte, offenbarte ihr ganzes Herz: sie dachte an das Luxembourg-Gefängnis.

»Er sieht kränklich aus, er sieht dir nicht ähnlich«, rief Frau Hochon.

»Nein, Madame,« sagte Joseph mit der naiven Derbheit des Künstlers, »ich sehe meinem Vater ähnlich und noch dazu wie eine Karikatur.«

Frau Hochon drückte Agathes Hand, die sie in ihrer hielt, und sah ihr ins Auge. Dieser Druck, dieser Blick besagten: ›Ach, ich verstehe, mein Kind, daß du den Taugenichts, den Philipp, lieber hast.‹

»Ich habe Ihren Vater nie gesehen, mein liebes Kind,« sagte Frau Hochon laut, »aber mir genügt es, daß Sie der Sohn Ihrer Mutter sind, um Sie zu lieben. Zudem haben Sie Talent, das hat mir die selige Frau Descoings geschrieben, die einzige, die mir von Ihrer Familie in der letzten Zeit Nachricht gegeben hat.«

»Talent!« sagte der Maler, »noch nicht, aber mit Geduld und Zeit werde ich vielleicht einmal Ruhm und Geld erwerben.«

»Etwa mit der Malerei?« fragte Herr Hochon sehr ironisch.

»Adolphine, sieh nach dem Essen«, sagte Frau Hochon.

»Mutter,« sagte Joseph, »da kommen unsere Koffer, ich will sie hinaufbringen lassen.«

»Hochon, zeige Herrn Bridau die Zimmer«, sagte die Großmutter zu François.

Da um vier Uhr gespeist wurde und es erst halb vier Uhr war, ging Baruch noch in die Stadt, um über die Familie Bridau zu berichten, Agathes Toilette und vor allem Joseph zu beschreiben, dessen zerwühltes, kränkliches, ausdrucksvolles Gesicht dem Idealbild entsprach, das man sich in Issoudun von einem Briganten macht. An diesem Tage trug Joseph in allen Häusern die Kosten der Unterhaltung.

»Rougets Schwester scheint sich während ihrer Schwangerschaft in einen Affen versehen zu haben,« sagte man, »ihr Sohn sieht ja aus wie eine Meerkatze.« – »Er hat ein Räubergesicht und Basiliskenaugen.« – »Kurios soll er anzusehen sein, geradezu abscheulich.« – »Ja, so sind die Pariser Künstler alle.« – »Sie sind tückisch wie störrische Esel und boshaft wie Affen.« – »Das liegt am Beruf.« – »Eben habe ich Herrn Beaussier getroffen, der sagt, er möchte diesem Menschen nicht nachts am Waldrande begegnen, er hat ihn im Postwagen gesehen.« – »Er hat Gruben im Gesicht wie ein Pferd, er gebärdet sich wie ein Verrückter.« – »So ein Bursche ist am Ende zu allem fähig, vielleicht ist er schuld daran, daß sein Bruder, der ein schöner stattlicher Mann war, auf Abwege geraten ist. Die arme Frau Bridau sieht auch nicht so aus, als ob sie mit ihm glücklich wäre . . .« – »Wir sollten die Gelegenheit benutzen und, da er nun einmal hier ist, unsre Porträts von ihm ›abnehmen‹ lassen.«

Diese Meinungen, die wie vorm Winde durch die Stadt jagten, bewirkten eine ungeheure Neugier. Alle, die Zutritt zum Hause der Hochons hatten, beschlossen, diese noch heute abend zu besuchen und sich die Pariser genauer zu besehen. Die Ankunft der beiden Fremden wirkte auf die stagnierende Stadt wie der Balken, der in der Fabel mitten unter die Frösche fällt.

Nachdem er das Gepäck seiner Mutter und sein eignes in die beiden Mansardenzimmer gebracht und diese angesehen hatte, besah sich Joseph das ganze stille Haus mit den schmucklosen Mauern, Treppen und Vertäfelungen, die Kälte atmeten und nur das Allernotwendigste enthielten. Er war ergriffen von dem plötzlichen Übergang aus dem phantastischen Paris in die tonlose trockne Provinz. Als er dann zum Essen hinunterkam und sah, wie Herr Hochon selbst jedem seine Scheibe Brot abschnitt, ging ihm zum ersten Male in seinem Leben Molières Harpagon auf. ›Wir wären besser in das Gasthaus gegangen‹, dachte er bei sich. Der Anblick des Diners bestätigte seine Ahnungen. Nach einer Fleischbrühe, deren Helligkeit deutlich zeigte, daß in diesem Hause mehr auf die Quantität als auf die Qualität Wert gelegt wurde, servierte man ein Suppenfleisch, imponierend umrahmt von Petersilie. Die Gemüse kamen auf einer besonderen Schüssel und zählten als Gang. Das Suppenfleisch thronte mitten auf der Tafel und war von drei weiteren Platten umgeben: harte Eier auf Sauerampfer, den Gemüsen gegenüber ein Nußölsalat und Creme in kleinen Schalen. Statt Vanille enthielt diese Creme gebrannten Hafer und verhielt sich zu richtiger Creme wie Zichorienkaffee zu Mokka. Butter und Radieschen, Rettiche und Essiggurken, aus zwei Schüsseln an den Tischenden, vervollständigten die Mahlzeit, die Frau Hochons Billigung fand. Mit dem Ausdruck der Zufriedenheit nickte die gute Alte ihrem Gatten zu; hatte er doch wenigstens am ersten Tage alles gut gemacht. Der Alte antwortete mit einem Blick und einer Bewegung der Schultern, die sich leicht in die Worte übersetzen ließ: ›Sieh nur, was du mich für Torheiten machen läßt! . . .‹

Gleich nachdem Herr Hochon das Suppenfleisch in Scheiben dünn wie Schuhsohlen geschnitten hatte, wurde dieser Gang durch drei Tauben ersetzt. Dazu gab es Landwein. Auf Anraten der Großmutter hatte Adolphine die Enden der Tafel mit zwei Buketts geschmückt.

»So geht's nun einmal im Kriege zu«, dachte der Künstler, in den Anblick der Tafel vertieft.

Und er machte sich über das Essen her, wie es von einem, der zum Frühstück um sechs Uhr morgens in Vierzon nichts als einen scheußlichen Kaffee bekommen hatte, nicht anders zu erwarten war. Als Joseph sein Brot aufgegessen hatte und um ein neues Stück bat, erhob sich Herr Hochon, suchte lange in der Tiefe seiner Rocktasche nach einem Schlüssel, öffnete einen Schrank hinter seinem Platze, schwang den Kanten eines Zwölfpfundbrotes herüber, schnitt feierlich eine Scheibe herunter, schnitt sie in zwei Teile, legte sie auf einen Teller und reichte den Teller über den Tisch dem jungen Maler hinüber, alles mit der Ruhe und Kaltblütigkeit eines alten Soldaten, der sich zu Beginn der Schlacht sagt: ›Wenn's sein muß, trifft's mich heut.‹

Joseph nahm die eine Hälfte der Scheibe und sah ein, daß er nicht noch einmal um Brot bitten durfte. Den Mitgliedern der Familie Hochon machte diese Szene, die Joseph ungeheuerlich vorkam, gar keinen Eindruck. Die Unterhaltung ging weiter. Agathe erfuhr, daß ihr Geburtshaus, das ihr Vater bewohnt hatte, ehe er das Haus der Descoings erbte, von den Borniches gekauft worden war; sie äußerte den Wunsch, es wiederzusehen.

»Sicherlich werden die Borniches heute abend kommen, sagte ihre Patin, »die ganze Stadt wird herkommen, um Sie zu besehen,« wandte sie sich an Joseph, »und die Borniches werden euch einladen.«

Zum Dessert brachte die Magd den berühmten weichen Käse der Touraine und des Landes Berry, der aus Ziegenmilch bereitet wird und die Zeichnung der Weinblätter, auf denen er serviert wird, in so deutlichen Abdrücken reproduziert, daß der Kupferstich eigentlich in der Touraine hätte erfunden werden müssen. Zu beiden Seiten der kleinen Käsestücke hatte Gritte mit einer gewissen Feierlichkeit Nüsse und die obligaten Biskuits aufgebaut.

»Wo bleibt das Obst, Gritte?« fragte Frau Hochon.

»Angefaultes ist keins mehr da, gnädige Frau«, antwortete Gritte.

Joseph brach in ein Gelächter aus, als säße er unter seinen Kameraden im Atelier; hier war also die Vorsicht, das angegangene Obst zuerst zu essen, zur lieben Gewohnheit geworden.

»Ach, wir werden es auch so essen«, rief er mit munterer Entschlossenheit.

»Nun bitte, Monsieur Hochon«, rief die alte Dame. Herr Hochon war sehr verdrossen über die Worte des Künstlers; er holte Pfirsiche, Birnen und Katharinenpflaumen.

»Adolphine, pflück uns Weintrauben«, sagte Frau Hochon zu ihrer Enkelin.

Joseph sah sich die beiden jungen Leute an mit einer Miene, die zu fragen schien: »Verdankt ihr etwa diesem Regime eure wohlgenährten Gesichter?«

Baruch verstand den deutlichen Blick und lächelte. Sein Vetter Hochon und er hatten sich nichts anmerken lassen. Für Leute, die dreimal in der Woche bei der Cognette zu Nacht speisten, spielten die häuslichen Mahlzeiten keine große Rolle. Auch hatte Baruch bereits die Meldung erhalten, daß der Großmeister den Orden vollzählig auf Mitternacht einberief, um ihn zur Vorbereitung eines Handstreichs großartig zu bewirten. Das Begrüßungsmahl, das der alte Hochon seinen Gästen gab, bewies, wie notwendig die nächtlichen Feste bei der Cognette zur Ernährung der beiden großen eßlustigen Burschen waren, die denn auch keines versäumten.

»Wir nehmen den Likör im Salon«, sagte Frau Hochon, erhob sich und bot Joseph ihren Arm. Beim Vorangehen konnte sie dem Maler zuflüstern: »Mein armer Junge, dies Diner wird dir keine Magenbeschwerden machen; dabei hatte ich Mühe genug, es überhaupt durchzusetzen. Du wirst hier fasten, wirst nur das Allernotwendigste zu essen bekommen. Habe bitte Geduld mit unserer Küche.« Die Menschlichkeit der vortrefflichen alten Dame, die so gegen sich selbst plädierte, gefiel dem Künstler.

»Bald werde ich nun fünfzig Jahre mit diesem Manne zusammen gelebt haben, und habe noch nie zwanzig Taler im Säckel gehabt! Oh, wenn es sich nicht darum handelte, euch ein Vermögen zu retten, nie hätte ich deine Mutter und dich in mein Gefängnis gelockt.«

»Aber wie halten Sie dies Leben aus?« fragte naiv der Maler, den die bekannte Lustigkeit der französischen Künstler nie verließ.

»Ich?« erwiderte sie, »ich bete«.

Bei diesen Worten überlief Joseph ein leichter Schauer, und diese alte Frau wuchs seiner Ehrfurcht so ins Große, daß er ein paar Schritte zurücktrat, um ihr Gesicht zu betrachten. Das sah er strahlen im Glanz milder Heiterkeit. »Ich werde Sie malen«, sagte er.

»Nein, nein, ich habe mich zuviel weggesehnt von dieser Erde, um im Bilde auf ihr verbleiben zu wollen.«

Diese traurigen Worte sprach sie munter aus, dabei nahm sie aus einem Schrank ein Fläschchen mit Cassis, ihrem selbstbereiteten Hauslikör, dessen Rezept sie von den berühmten Nonnen hatte, denen man die Issouduner Kuchen verdankt, eine der größten Schöpfungen der französischen Zuckerbäckerei, die noch kein Küchenchef, Koch, Konditor oder Confiseur nachzumachen verstanden hat. Monsieur de Rivière, der Gesandte in Konstantinopel ließ jedes Jahr gewaltige Mengen dieses Gebäcks für Mahmuds Serail kommen. Adolphine hielt auf einem Lackteller die kleinen altertümlichen Gläser mit Gravierungen und Goldrand der Großmutter zum Einschenken hin und bot an.

»Rund in der Reihe, das Alter voran«, rief munter Agathe, die diese unveränderte Zeremonie an ihre Kindheit erinnerte.

»Gleich wird Hochon in seinen Verein gehen, die Zeitungen zu lesen, dann haben wir ein paar Minuten für uns«, flüsterte ihr die alte Dame zu. Und wirklich waren bald darauf die drei Frauen und Joseph allein in diesem Saal, dessen Parkett nie gebohnert, immer nur gefegt wurde; die Tapeten in ihren Eichenholzrahmen mit Holzkehlen und Schnitzwerk, das ganze einfache, fast düstere Mobiliar war noch genau so, wie Frau Bridau es einst verlassen hatte. Monarchie, Revolution, Kaiserreich und Restauration, die sonst so wenig verschonten, diesen Saal hatten sie verschont gelassen, hier war von ihrem Glanz und Untergang nicht die geringste Spur.

»Ach, Patin, wie stürmisch war mein armes Leben im Vergleich mit Ihrem«, rief Frau Bridau, die immer wieder erstaunte über alles, was sie wiederfand; da war auf dem Kamin zwischen der Uhr und den alten silbernen Leuchtern ein ausgestopfter Kanarienvogel, den sie lebend gekannt hatte!

»Liebes Kind«, erwiderte die alte Frau, »die Stürme sind im Herzen. So notwendig und groß die Entsagung war, so groß waren auch die Kämpfe, die wir mit uns selbst zu bestehen hatten. Aber sprechen wir nicht von mir, beschäftigen wir uns mit euren Angelegenheiten. Ihr seid hier dem Feinde gerade gegenüber.« Sie zeigte auf den Saal des Hauses Rouget drüben.

»Sie setzen sich zu Tisch«, sagte Adolphine. Das junge Mädchen, das wie eine Einsiedlerin lebte, sah immer zu den Fenstern hinaus in der Hoffnung, etwas zu erhaschen von den ungeheuerlichen Dingen, die man Maxence Gilet, der Käscherin und Jean-Jacques nachsagte und von denen ihr immer einiges zu Ohren kam, wenn man sie hinausschickte, um nicht vor ihr von diesen sonderbaren Menschen zu sprechen. Auch jetzt sagte die alte Dame zu ihrer Enkelin, sie sollte sie mit Herrn und Frau Bridau allein lassen, bis Besuch käme.

»Ich kenne mein Issoudun auswendig,« sagte sie dann zu den beiden Parisern, »wir bekommen heut abend noch zehn bis zwölf Schuh Neugieriger.«

Kaum hatte Frau Hochon den beiden das Große und Kleine von der erstaunlichen Macht Gilets und der Käscherin über Jean-Jacques Rouget berichten können (wobei sie nicht synthetisch verfuhr wie der Erzähler, sondern tausend Kommentare, Beschreibungen und Hypothesen vorbrachte, mit denen die guten und bösen Zungen von Issoudun die Umstände ausschmückten), so kam auch schon Adolphine, die Ankunft der Borniche, Beaussier, Lousteau-Prangin, Fichet und Goddet-Héreau zu melden, im ganzen vierzehn Personen, die in der Ferne sichtbar wurden.

»Du siehst, mein Kind,« schloß die alte Dame ihren Bericht, »es ist nicht so einfach, dieses Vermögen dem Rachen des Wolfes zu entreißen . . .«

»Mit einem Burschen, wie Sie ihn uns eben beschrieben haben, und mit solch einem Weibstück muß das einfach unmöglich sein«, meinte Joseph. »Wir müßten ja mindestens ein Jahr in Issoudun bleiben, um ihren Einfluß auf meinen Onkel zu bekämpfen und ihre Herrschaft über ihn zu brechen . . . Soviel Scherereien ist das Vermögen gar nicht wert, ganz abgesehen von all den entehrenden Gemeinheiten, auf die man sich einlassen müßte. Meine Mutter hat nur zwei Wochen Urlaub, und sie darf ihre sichere Stellung nicht riskieren. Ich selbst muß im Oktober wichtige Arbeiten vornehmen, die Schinner mir bei einem Pair von Frankreich verschafft hat . . . Sehen Sie, gnädige Frau, mein ganzes Vermögen ist meine Palette!«

Diese Worte wirkten geradezu verblüffend auf Frau Hochon. So überlegen sie sonst der Stadt, in der sie lebte, war, an die Malerei glaubte auch sie nicht . . . Sie sah ihre Patentochter an und drückte ihr von neuem die Hand.

»Dieser Maxence ist eine Fortsetzung, eine erweiterte Ausgabe von Philipp,« sagte Joseph seiner Mutter ins Ohr, »aber mit mehr Diplomatie und mehr Haltung, als Philipp hat. – Nun, lange werden wir Herrn Hochon nicht mit unserm Hiersein verdrießen«, sagte er dann laut.

»Ach, Sie sind jung, Sie kennen die Welt nicht«, sagte die alte Dame. »In zwei Wochen kann man mit etwas Diplomatie schon allerlei erreichen; hören Sie auf meinen Rat, folgen Sie meinen Winken.«

»Sehr gern,« antwortete Joseph, »ich weiß, ich bin in Sachen häuslicher Politik von erstaunlicher Unfähigkeit; ich habe keine Ahnung, was uns zum Beispiel Desroches selbst raten würde, wenn etwa morgen mein Onkel sich weigert, uns zu empfangen.«

Die Damen Borniche, Goddet-Héreau, Beaussier, Lousteau-Prangin und Fichet, alle mit ihren Gatten versehen, traten ein.

Als nach den üblichen Komplimenten alle vierzehn sich gesetzt hatten, konnte Frau Hochon nicht umhin, ihnen Agathe und Joseph vorzustellen. Joseph blieb auf seinem Sessel sitzen und studierte mit heimtückischem Eifer die sechzig Gesichter, die von halb sechs bis neun Uhr erschienen und ihm gratis »saßen«, wie er zu seiner Mutter sagte. Seine Haltung gegenüber den Patriziern von Issoudun bestärkte die Kleinstadt in ihrer Meinung über ihn; alle waren geärgert von seinem spöttischen Blick, beunruhigt von seinem Lächeln, erschreckt von seinem Aussehen, das für Leute, die kein Verständnis für das Seltsame des Genies haben, düster sein mußte.

Als alle fort waren und man um zehn Uhr schlafen ging, behielt die Patin ihr Patenkind noch bis Mitternacht in ihrem Zimmer. Hier waren sie unbelauscht, konnten einander ihren Kummer anvertrauen, ihre Schmerzen mitteilen. Als Agathe in die endlose Wüste Einblick gewann, in der sich die Kräfte der verkannten schönen Seele ihrer Patin verloren, als sie den letzten Widerhall dieses Geistes vernahm, der seine Bestimmung verfehlt hatte, als sie die Leiden dieses großmütigen und barmherzigen Gemütes erfuhr, das seine Großmut und Barmherzigkeit nie anwenden konnte, kam ihr das eigene Leben, in dem die von Gott gesandten Bitternisse durch so mancherlei Zerstreuungen, so viel kleines Glück des Pariser Daseins gemildert wurden, weniger unglücklich vor.

»Sie sind fromm, Patin, Sie könnten mir erklären, worin ich gefehlt habe und was Gott an mir straft.«

»Gott bereitet uns vor, mein Kind«, erwiderte die Patin, als es Mitternacht schlug.

*

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