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Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Gegen acht Uhr öffnete Flora die Tür zu Maxences Zimmer. Sie trug einen hübschen baumwollenen Morgenrock mit tausend rosa Streifen, ein Spitzenhäubchen und gefütterte Pantoffeln. Als sie Max schlafen sah, blieb sie vor seinem Bett stehen. ›Er ist spät nach Hause gekommen,‹ sagte sie sich, ›um halb vier. Man muß schon eine mächtige Natur haben, um solche Vergnügungen auszuhalten. Wie stark er ist, der herzliebste Mann! . . . Was mögen sie heute nacht wieder angestellt haben?‹

»Du bist's, meine kleine Flora«, rief Max. Er war gleich ganz wach, wie es die Offiziere sind, die das Kriegsleben daran gewöhnt, beim plötzlichsten Aufwachen ihre Gedanken sofort beistimmen zu haben.

»Du schläfst noch, ich gehe . . .«

»Nein, bleib, es gibt Wichtiges . . .«

»Ihr habt heute nacht eine Dummheit gemacht?«

»Ach wo! . . . Es handelt sich um uns und um das alte Schaf. Du hast mir ja nie von seiner Familie erzählt . . . Na und jetzt ist sie da, die Familie, und will uns sicher an den Kragen . . .«

»Ich werde ihm gleich die Leviten lesen.«

»Fräulein Brazier,« sagte Max mit Wichtigkeit, »die Dinge liegen ernst, wollen erst überlegt sein. Schick mir meinen Kaffee, ich will ihn im Bett trinken und dabei nachdenken, wie wir uns zu benehmen haben . . . Komm um neun Uhr wieder, dann wollen wir darüber sprechen; bis dahin tu, als ob du nichts wüßtest.«

Betroffen von dieser Nachricht, ließ Flora Max allein und ging ihm seinen Kaffee zu kochen; aber eine Viertelstunde später kam Baruch eilig herbei und sagte zum Großmeister: »Fario sucht seine Karre.« In fünf Minuten war Max angezogen und ging hinunter; scheinbar flanierend kam er an den Fuß des Turmes, wo er eine ganze Menge Menschen versammelt fand.

»Was gibt's«, fragte er und bahnte sich durch die Schar einen Weg zu dem Spanier.

Fario, ein kleiner dürrer Mensch, hatte die Häßlichkeit eines spanischen Granden. Von seinen heißen wie mit einem Bohrer dicht an der Nase eingeschraubten Augen hätte man in Neapel den bösen Blick gefürchtet. Er machte aber mit seiner ernsten Ruhe und seinen langsamen Bewegungen einen sanften Eindruck. Er galt für einen Biedermann. Sein pfefferkuchenfarbener Teint und seine Sanftmut verhüllten dem Ahnungslosen und verrieten dem Beobachter den halb maurischen Charakter eines Bauern aus Granada, den bisher noch nichts aus seinem trägen Phlegma aufgeschreckt hat. »Sind Sie sicher,« fragte Max, nachdem er sich die Beschwerden des Kornhändlers angehört hatte, »Ihren Wagen hergebracht zu haben? Denn Diebe gibt es, Gott sei Dank, in Issoudun nicht.«

»Er stand hier . . .«

»Wenn das Pferd an den Wagen gespannt war, kann es nicht mit ihm fortgelaufen sein?«

»Da ist mein Pferd«, sagte Fario und zeigte auf das Tier, das dreißig Schritt entfernt angeschirrt dastand. Max begab sich mit Würde zu dem Standort des Pferdes, um beim Aufschauen den Fuß des Turmes sehen zu können, den hier die Menge verbarg. Alle gingen ihm nach, und das hatte der Schalk gewollt.

»Hat jemand aus Versehen einen Wagen in die Tasche gesteckt?« rief François.

»Seht nach, durchsucht euch!« sagte Baruch.

Gelächter von allen Seiten. Fario fluchte. Flüche beweisen bei einem Spanier den höchsten Grad der Wut.

»Ist dein Wagen leicht?« fragte Max.

»Leicht? . . .« wiederholte Fario. »Wenn ihn die, die mich hier auslachen, über die Füße bekämen, die Hühneraugen täten ihnen nicht mehr weh.«

»Er muß aber verteufelt leicht sein,« antwortete Max und zeigte auf den Turm, »er ist den Hügel hinaufgeflogen.«

Bei diesen Worten hoben sich alle Augen, und es gab sogleich eine Art Aufruhr auf dem Markte. Einer zeigte dem andern den verzauberten Wagen. Alle Zungen waren im Gange.

»Der Teufel behütet die Wirte, die ihm ja alle verfallen sind,« sagte der junge Goddet zu dem verdutzten Handelsmann, »er hat dich lehren wollen, du sollst die Karre in der Herberge unterstellen und nicht auf der Straße herumstehen lassen.«

Die Menge johlte; denn Fario galt für einen Geizhals.

»Mußt nicht den Mut verlieren, alter Knabe«, sagte Max. »Wir wollen zum Turm hinaufsteigen und zusehen, wie deine Karre dahin gekommen ist. Schockschwerenot! Wir packen alle zu und helfen dir. Los, Baruch!«

»Und du,« flüsterte er dem François ins Ohr, »dränge die Leute zurück, damit keiner hier unten steht, wenn du uns oben siehst.«

Fario, Max, Baruch und drei weitere Ritter stiegen zum Turm hinauf. Während dieses nicht ungefährlichen Aufstiegs stellte Max mit Fario fest, daß keinerlei Beschädigungen oder Spuren darauf deuteten, daß die Karre da hinauftransportiert worden war. Fario glaubte an Hexerei, er hatte den Kopf verloren. Als sie oben angelangt, alles untersuchten, schien solch ein Transport tatsächlich unmöglich.

»Wie bring ich die Karre nur hinunter? . . .« fragte der Spanier. Zum ersten Male strahlte Entsetzen aus seinen kleinen Augen, sein hohlwangiges Gesicht, das sonst nie seine gelbe Farbe verlor, wurde blaß.

»Ach,« sagte Max, »das scheint mir nicht so schwer.« Er nutzte die Verdutztheit des Kornhändlers aus, packte und balancierte die Karre auf den beiden Deichselgabeln, um sie losfahren zu lassen; dann im Augenblick, da sie ihm entgleiten mußte, rief er mit Donnerstimme: »Achtung da unten!«

Aber das war gar nicht mehr nötig: die Menschenmenge, von Baruch gewarnt und neugierig geworden, war auf dem Platze schon weit genug zurückgewichen, um zu sehen, was oben auf dem Hügel vorging. Es war herrlich anzusehen, wie die Karre in tausend Stücke zerschellte.

»So, nun ist sie unten«, sagte Baruch.

»Banditen, Kanaillen!« rief Fario, »am Ende habt ihr sie hinaufgebracht! . . .«

Max, Baruch und die drei andern erhoben ein Gelächter über die Flüche des Spaniers.

»Man hat dir einen Dienst leisten wollen«, sagte Max kalt. »Wie leicht hätte ich, als ich deine verdammte Karre balancierte, mitgerissen werden können; und das ist dein Dank? . . . Wo bist du denn zu Hause? . . .«

»In einem Lande, wo man nicht vergibt«, erwiderte Fario; er zitterte vor Wut. »Meine Karre soll die Kutsche werden, mit der ihr zur Hölle fahrt! . . . es sei denn,« fügte er mit einmal sanft wie ein Lamm hinzu, »ihr verschafft mir eine neue dafür . . .«

»Darüber läßt sich reden«, sagte Max, als sie hinunterstiegen.

Als sie dann unten bei den ersten lachenden Gruppen ankamen, nahm Max Fario am Rockknopf und sagte: »Also, mein braver alter Fario, ich schenke dir eine prachtvolle Karre, wenn du mir zweihundertfünfzig Franken schenkst; aber natürlich kann ich nicht garantieren, daß sie wie die da gedrechselt ist.«

Diesem letzten Spaß begegnete Fario mit einer Kälte, als gelte es einen Handel abzuschließen: »Nun, geben Sie mir nur einen Ersatz für meine arme Karre, besser hätten Sie das Geld des alten Rouget noch nie verwendet.«

Max erblaßte; schon hob er seine furchtbare Faust gegen den Spanier, da hob Baruch, der erkannte, daß solch ein Faustschlag nicht nur den Bedrohten treffen würde, den Spanier wie eine Feder auf und sagte leise zu Max: »Mach keine Dummheiten!«

Das brachte Max zur Besinnung, er lachte und gab dem Fario zur Antwort: »Ich hab dir aus Versehen die Karre zerbrochen, du suchst mich zu verleumden; wir sind also quitt.«

»Noch nicht«, brummte Fario. »Aber nun weiß ich doch wenigstens, was meine Karre wert ist.«

»Solltest du deinen Mann gefunden haben, Max?« sagte ein Zeuge dieses Auftritts, der nicht zum Orden vom Müßiggang gehörte.

»Adieu, Herr Gilet, ich danke Ihnen noch nicht für Ihre handgreifliche Hilfe«, sagte der Kornhändler, stieg auf seinen Gaul und verschwand, begleitet von Hurrageschrei.

»Das Eisen der Radreifen heben wir Ihnen auf«, rief ihm ein Stellmacher nach, der sich den Schaden besehen hatte.

Eine der Wagengabeln stand aufrecht eingepflanzt wie ein Baum. Max blieb bleich und in Gedanken, das Wort des Spaniers hatte sein Herz getroffen. Fünf Tage lang sprach man in Issoudun von Farios Karre. Sie sollte eine Reisekutsche werden, wie Goddet junior meinte, denn sie kam im ganzen Lande Berry herum, überall erzahlte man sich Maxences und Baruchs Späße. Was den Spanier am meisten reizte, war, daß er acht Tage lang in drei Departements in aller Munde war und endlos über ihn geschwätzt wurde. Aber auch Max und die Käscherin wurden infolge der furchtbaren Antworten des rachsüchtigen Spaniers zum Gegenstand von tausend Kommentaren, die man sich in Issoudun ins Ohr flüsterte und in Bourges, Vatan, Vierzon und Châteauroux laut besprach; Maxence Gilet kannte das Land zur Genüge, um zu erraten, wie vergiftet dieses Gerede sein mochte.

›Das Schwatzen kann man ihnen nicht verbieten‹, dachte er. ›Ich habe einen dummen Streich gemacht.‹

»Also, Max, heute abend kommen sie . . .«, sagte François und nahm den Freund am Arm.

»Wer? . . .«

»Die Bridaus! Meine Großmutter hat einen Brief von ihrem Patenkind.«

»Hör mal, Kleiner,« sagte Max ihm ins Ohr, »ich habe über diese Geschichte gründlich nachgedacht. Es darf nicht so aussehen, als ob Flora und ich etwas gegen diese Bridaus hätten. Wenn wir die Erben glücklich wieder aus Issoudun wegbekommen, so müßt ihr Hochons diejenigen gewesen sein, die sie fortgeschickt haben. Sieh dir diese Pariser genau an; morgen bei der Cognette will ich sie abschätzen, und dann wollen wir sehen, was sich mit ihnen machen läßt und wie man deinen Großvater gegen sie aufhetzen kann.«

»Der Spanier hat bei Max die Stelle gefunden, wo der Panzer klafft«, sagte Baruch zu seinem Vetter François, als sie in das Haus Hochon heimkehrten und dem abgehenden Freunde nachsahen.

Während Max seinen Streich mit der Karre spielte, hatte Flora, trotz der Mahnungen ihres Gefährten, ihren Zorn nicht im Zaum halten können, und ohne sich klar zu werden, ob das den Plänen des Freundes nützlich oder gefährlich sei, kühlte sie ihr Mütchen an dem armen Hagestolz. Immer, wenn Jean-Jacques sich den Zorn seiner Hausherrin zuzog, wurden ihm mit einem Schlage die Aufmerksamkeiten und üblichen Schäkereien entzogen, die all seine Freude waren. Dann gab es harte Buße für ihn. Dann bekam er nicht mehr die Schmeichelwörtchen zu hören, mit denen Flora sonst ihre Unterhaltungen in allen Tonlagen spickte, dann gab es nicht mehr die zärtlichen Blicke, wenn sie sagte: »mein Katerchen – mein Bählamm – mein Vögelchen – meine Puppe – mein Mauseprinz usw.« Ein trocknes, kaltes »Sie«, mit ironischer Ehrerbietung ausgesprochen, drang dann dem armen Kerl wie kalter Stahl ins Herz. Dies »Sie« war immer die Kriegserklärung. Statt bei dem ›Lever‹ des Biedermanns zugegen zu sein, ihm seine Sachen zu reichen, seinen Wünschen zuvorzukommen, ihn mit der bewußten Bewunderung anzuschauen, auf die sich die Weiber verstehen und die um so mehr entzückt, je derber sie aufgetragen wird, statt all der schönen Redensarten: »Bist ja frisch wie eine Rose! – Siehst ja blühend aus! – Bist du heut schön, alter Hans!« – kurz, statt ihm sein Aufwachen mit Schmeicheln und Scherzen zu versüßen, ließ Flora ihn seine Toilette allein machen; und wenn er seine Käscherin rief, bekam er Antwort unten von der Treppe: »Ich kann doch wahrhaftig nicht alles auf einmal machen, Ihr Frühstück kochen und im Zimmer aufwarten. Sind Sie denn noch immer nicht erwachsen genug, um sich allein anzuziehen?«

»Mein Gott, was hab' ich ihr wieder getan?« fragte sich der Alte, als er wieder solch einen Anschnauzer abbekam, weil er um Wasser zum Rasieren gebeten hatte. »Védie, bringen Sie dem Herrn heißes Wasser hinauf«, schrie Flora.

»Védie,« jammerte der Biedermann in blöder Angst vor dem drohenden Zorn, »Védie, was hat denn Madame heute?«

Flora Brazier ließ sich von ihrem Herrn, von Védie, Kouski und Max Madame nennen.

»Madame wird wohl was zu hören bekommen haben vom Herrn, was nicht schön ist«, antwortete die Védie mit affektierter Trübsalsmiene. »Sie tun Unrecht daran, gnädiger Herr. Schauen Sie, ich bin nur eine arme Magd, und Sie können mir sagen, ich soll meine Nase nicht in Ihre Angelegenheiten stecken; aber da können Sie suchen gehen unter allen Frauen der Erde, wie der König aus der Heiligen Schrift, da werden Sie keine finden wie unsre gnädige Frau. Die Spur ihrer Füße müßten Sie küssen, wo sie vorbeigegangen ist . . . O du mein Gott, wenn Sie Madame Kummer bereiten, dann schneiden Sie sich ins eigne Fleisch! Tränen haben ihr in den Augen gestanden.«

Der Arme blieb ganz verdonnert zurück, als die Védie ging; er fiel in einen Sessel und starrte ins Leere tiefsinnig und blöde und vergaß sich zu rasieren. Dieser beständige Wechsel von Zutulichkeit und Kühle machten den Schwächling, der nur von der Liebe lebte, so anfällig und kränklich wie der plötzliche Übergang von Tropenglut zu Nordpolfrost einen empfindlichen Körper. Er bekam immer wieder seelische Lungenentzündungen, die ihn aufbrauchten. So konnte in der ganzen Welt nur Flora auf ihn einwirken; nur ihr gegenüber war er ebenso gutmütig wie einfältig.

Flora erschien in der Tür: »Wie? Sie haben sich noch nicht rasiert?« herrschte sie ihn an.

Der alte Rouget erschrak heftig. Eben noch blaß und hinfällig, wurde er nun puterrot; aber er wagte nicht, sich zu beklagen.

»Ihr Frühstück wartet! Sie können ja in Schlafrock und Pantoffeln hinuntergehen, können ja allein frühstücken.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie. Allein frühstücken müssen, das war für den Biedermann die härteste Strafe: er plauderte so gern beim Essen. Als er die Treppe herunterkam, packte ihn ein plötzlicher Husten; die Aufregung war ihm in die Lungen gefahren.

»Huste du nur!« sagte Flora in der Küche, ohne sich darum zu kümmern, ob ihr Herr sie vielleicht hören konnte. »Der alte Sünder kann, wahrhaftigen Gott, noch allerlei vertragen, um den braucht man sich nicht zu sorgen. Eh der seine Seele aushustet, sind wir alle längst tot . . .«

Solche Liebenswürdigkeiten versetzte die Käscherin dem Junggesellen in den Zeiten ihres Zorns. Dann saß der arme Rouget tief traurig mitten im Saal an der Ecke des Tisches und sah bekümmert seine alten Möbel und Bilder an.

»Eine Krawatte hätten Sie wenigstens umbinden können«, mit diesen Worten kam Flora herein. »Glauben Sie, daß es eine Lust ist, solch einen Hals anzusehen, röter und faltiger als ein Truthahnhals.«

»Was hab' ich dir bloß getan?« fragte er und hob seine dicken hellgrünen Augen, die voll Tränen standen, zu der kalten Gestrengen empor.

»Was Sie getan haben? – Das wissen Sie nicht? – Ist das ein Heuchler! – Ihre Schwester Agathe ist gekommen. Schwester? Sie ist nicht mehr Ihre Schwester, als ich dem Turm von Issoudun seine Schwester bin, wenigstens nach dem, was Ihr Vater immer sagte. Diese Schwester, die Sie gar nichts angeht, ist aus Paris gekommen mit ihrem Sohn, dem Herrn Kunstmaler, das Bild zu zwei Sous, die wollen Sie besuchen . . .«

Er war ganz überrascht: »Meine Schwester und meine Neffen kommen nach Issoudun?«

»Ja, tun Sie nur erstaunt, damit ich glauben soll, Sie hätten die Pariser nicht selbst herkommen lassen. Man merkt doch die Hinterlist, die ist mit weißem Garn geflickt. Nur keine Sorge, wir werden Ihre Pariser Angehörigen nicht stören; ehe sie ihren Fuß über die Schwelle gesetzt haben, haben unsere Füße längst kein Stäubchen mehr aufgeweht. Max und ich, wir gehen fort auf Nimmerwiedersehn. Und Ihr Testament, das reiß ich Ihnen hier vor Ihrer Nase in vier Stücke, verstehen Sie wohl? . . . Hinterlassen Sie nur Ihr Hab und Gut Ihrer Familie; wir sind ja nicht Ihre Familie. Sie können dann ja zusehen, ob Sie um Ihrer selbst willen geliebt werden von Leuten, die Sie seit dreißig Jahren oder überhaupt nie gesehen haben! Soll mich am Ende Ihre Schwester hier ersetzen? Diese alte Betschwester!«

»Weiter nichts? Darüber grämt sich meine kleine Flora«, sagte der Alte. »Nun, dann werde ich eben weder meine Schwester noch meine Neffen empfangen . . . Ich schwöre dir, ich habe noch nichts von ihrer Ankunft gehört. Das hat gewiß Frau Hochon, die alte Frömmlerin, angerichtet.«

Da erschien Max, er hatte noch Rougets Antwort gehört und fragte in herrischem Ton: »Was gibt es hier?«

»Mein guter Max«, fing wieder der Alte an, glücklich, sich den Schutz des Kriegers erkaufen zu können, der mit Flora verabredet hatte, daß er immer Rougets Partei nähme. »Mein guter Max, ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich höre die Neuigkeit eben zum erstenmal. Ich habe nie an meine Schwester geschrieben; mein Vater hat mir das Versprechen abgenommen, ihr nichts von meinem Hab und Gut zu hinterlassen; das sollte ich lieber noch der Kirche geben . . . Kurz und gut, ich werde weder meine Schwester noch ihre Söhne empfangen.«

»Ihr Vater war im Unrecht, mein lieber Jean-Jacques, und Madame ist es noch weit mehr,« antwortete Max. »Ihr Vater hatte immerhin seine Gründe, er ist tot, sein Haß sollte mit ihm gestorben sein. Ihre Schwester bleibt Ihre Schwester, Ihre Neffen sind Ihre Neffen. Sie sind es sich selbst schuldig, sie gut zu empfangen, und sind es auch uns schuldig. Was würde man in Issoudun sagen . . .? Kreuzschwerenot, ich habe schon genug auf dem Buckel, das fehlte gerade noch, daß die Leute sagten, wir sperrten Sie ab, Sie seien nicht frei, wir hätten Sie gegen Ihre Erben aufgehetzt, wir wären Erbschleicher . . . Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht bei der nächsten Verleumdung das Feld räume! An einer hab ich schon genug! Und nun wollen wir frühstücken.«

Flora war schon wieder sanft geworden wie ein Lämmchen; sie half der Védie beim Tischdecken. Der alte Rouget bewunderte Max, er ergriff seine Hände, führte ihn in eine Fensternische und sagte dort leise zu ihm: »Und wenn ich einen Sohn hätte, Max, ich würde ihn nicht so sehr lieben wie dich. Flora hatte recht: ihr beiden, ihr seid meine Familie . . . Du hast Ehrgefühl, Max, alles, was du sagst, zeugt davon.«

»Feierlich sollten Sie Ihre Schwester und Ihren Neffen empfangen, aber an Ihren Verfügungen nichts ändern,« unterbrach ihn Max. »Dann kann weder Ihr Vater noch die Welt mit Ihnen unzufrieden sein.«

»Unser Ragout wird kalt, ihr Herzensbübchen«, rief Flora lustig. »Da hast du einen Flügel, alter Mäuserich«, und sie lächelte Ihrem Jean-Jacques zu.

Bei ihren Worten verlor das Pferdegesicht des Alten seine Kadaverfarbe, auf seinen hängenden Lippen erschien ein glückseliges Lächeln; aber dann packte ihn wieder der Husten, denn die Begnadigung war für ihn eine nicht minder heftige Erregung als vorher die Strafe. Flora erhob sich, nahm ihren kleinen Kaschmirschal von den Schultern und legte ihn dem Alten als Krawatte um den Hals: »Es taugt nichts, sich so um nichts aufzuregen. Da, altes Dummerchen, das wird dir gut tun, es hat auf meinem Herzen gelegen . . .«

»Was für ein gutes Geschöpf!« sagte Rouget zu Max, während Flora eine schwarze Samtkappe holte, um den beinah kahlen Kopf des Junggesellen zu bedecken.

»Ebenso gut wie schön,« antwortete Max, »nur allzu lebhaft, wie alle, die das Herz auf der Zunge haben.«

Vielleicht wird man die Derbheit dieses Gemäldes tadeln und wird in der Art, wie das Wesen der Käscherin beleuchtet wurde, die Wahrhaftigkeit finden, die der Maler besser im Schatten läßt. Hundertmal mit entsetzlichen Varianten wiederholt, ist diese Szene in ihrer rohen Wirklichkeit der Prototyp so vieler andern, welche die Frauen jeder Sprosse der Gesellschaftsleiter spielen, wenn irgendein Interesse sie von der geraden Linie des Gehorsams abgelenkt hat und sie die Macht an sich gerissen haben. Wie den großen Politikern heiligt auch den Frauen der Zweck die Mittel. Zwischen einer Flora Brazier und der Herzogin, zwischen der Herzogin und der reichen Bürgerfrau, zwischen der Bürgerin und der glänzend ausgehaltenen Kurtisane gibt es nur Unterschiede der Erziehung und des Milieus. Wo die Käscherin wettert, schmollt die große Dame. Überall erreichen bitterer Spott, witziger Hohn, kühle Verachtung, verlogene Klage, künstlicher Zank dasselbe Ziel wie das pöbelhafte Geschwätz dieser Frau Everard von Issoudun.

Max fing nun an, die Geschichte von Farios Karre so drollig zu erzählen, daß er den biederen Jean-Jacques zum Lachen brachte; Védie und Kouski im Hausflur schüttelten sich vor Lachen. Und Flora lachte am tollsten. Als dann der Alte nach dem Essen die Zeitungen las – man hatte sich auf den ›Constitutionel‹ und die ›Pandora‹ abonniert –, nahm Max Flora auf sein Zimmer.

»Bist du sicher, daß er, seit er dich zur Erbin eingesetzt hat, nicht noch ein andres Testament gemacht hat?«

»Er hat ja kein Schreibzeug«, sagte sie.

»Er kann es aber einem Notar diktiert haben. Wenn nicht, so muß man doch diesen Fall vorsehen. Wir wollen also die Bridaus sehr liebenswürdig empfangen und zugleich versuchen, und zwar möglichst schnell, alles, was wir in Hypotheken angelegt haben, flüssig zu machen. Mit Vergnügen werden unsere Notare die Überschreibungen vornehmen, denn dabei gibt's etwas für sie zu verdienen. Die Rente steigt von Tag zu Tag, man wird Spanien erobern und Ferdinand VII. von seinen Cortes befreien: dann wird im kommenden Jahre die Rente vielleicht über pari stehen. Demnach ist es ein gutes Geschäft, die siebenhundertfünfzigtausend Franken des Alten zu neunundachtzig in Staatspapieren anzulegen. Nur sieh zu, daß sie auf deinen Namen eingetragen werden. Ein Teil des Vermögens ist dann jedenfalls gerettet!«

»Eine glänzende Idee«, sagte Flora.

»Und da achthundertneunzigtausend Franken fünfzigtausend Franken Rente abwerfen, müßte man ihn veranlassen, auf zwei Jahre hundertvierzigtausend Franken zu leihen, die dann in zwei Raten rückzahlbar sind. In zwei Jahren bekommen wir aus Paris hunderttausend Franken und von hier achtzigtausend; wir riskieren also nichts.«

»Ach, was wäre aus uns geworden ohne dich, mein schöner Schatz?« sagte sie.

»Morgen abend bei der Cognette werde ich schon dafür sorgen, daß die Hochons selbst die Pariser verabschieden.«

»Wie klug du bist, mein Herzensmax!«

*

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