Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Honoré de Balzac >

Junggesellenwirtschaft

Honoré de Balzac: Junggesellenwirtschaft - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/balzac/junggese/junggese.xml
typefiction
authorHonoré de Balzac
titleJunggesellenwirtschaft
publisherDiogenes
year1998
isbn3257232160
translatorFranz Hessel
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20120314
modified20180124
projectidced02f74
Schließen

Navigation:

So lebten diese beiden Wesen neun Jahre hindurch ein Leben voll und leer zugleich, dessen große Ereignisse einige Reisen nach Bourges, Vierzon, Châteauroux oder weiter waren, die unternommen wurden, wenn Herr Héron die Hypothekengelder nicht unterbringen konnte. Rouget lieh zu fünf Prozent die erste Hypothek, und zwar an verheiratete Klienten mit Übertragung der Schuld auf die überlebende Frau. Nie gab er mehr als ein Drittel des wirklichen Wertes der Objekte und ließ sich Wechsel ausstellen über Zinsnachzahlungen in der Höhe von zweieinhalb Prozent, die über die Dauer des Darlehns verteilt wurden. Immer diese Grundsätze zu beobachten, hatte ihm sein Vater beigebracht. Der Wucher ist die Klippe, an der des Bauern finanzieller Ehrgeiz zerschellt, der Wucher zehrt an dem Lande. Ein Zinsfuß von siebeneinhalb Prozent erschien so loyal, daß Jean-Jacques Rouget sich seine Geschäfte auswählen konnte; die Notare ließen sich von den Leuten, denen sie zu so guten Bedingungen Geld verschafften, hohe Provisionen zahlen und wandten sich immer an den alten Junggesellen.

Im Laufe dieser neun Jahre gewann Flora unmerklich und unabsichtlich eine absolute Herrschaft über ihren Herrn. Sie behandelte Jean-Jacques zunächst sehr vertraulich, dann zeigte sie sich ihm, ohne den gebührenden Respekt zu verletzen, so sehr an Einsicht und Energie überlegen, daß er schließlich der Diener seiner Dienerin wurde. Dieses große Kind ließ sich gern pflegen und behandeln und kam dadurch Floras Regiment entgegen; sie war mit ihm wie eine Mutter mit ihrem Sohn. Und Jean-Jacques fühlte zuletzt ihr gegenüber wie ein Kind, das des mütterlichen Schutzes bedarf. Aber es gab noch engere Bande zwischen ihnen. Flora leitete die Geschäfte und das Hauswesen; Jean-Jacques verließ sich bei allen Entscheidungen ganz auf sie; ohne sie wäre ihm das Leben mehr wie schwer gefallen, es wäre ihm einfach unmöglich gewesen. Diese Frau war ihm ein Daseinsbedürfnis geworden; sie schmeichelte all seinen Träumen, sie kannte seine Sehnsüchte so genau! Er liebte es, dies glückliche Gesicht zu sehen, das ihm immer lächelte, das einzige, auf dem es für ihn je ein Lächeln gegeben hatte und geben sollte. Das Glück, das auf diesem blühenden Gesicht lebte, ein durchaus materielles Glück, für das die Berrichonen recht gewöhnliche Bezeichnungen hatten, war für ihn der Spiegel seines eignen Glückes. Er geriet in einen kläglichen Zustand, wenn Flora durch irgendwelche Widerwärtigkeiten mißlaunig wurde, und daran konnte sie den Umfang ihrer Macht erkennen; die wollte sie sich sichern und wollte sie brauchen. Brauchen heißt bei solchen Frauen immer mißbrauchen. Ohne Zweifel ließ die Käscherin ihren Herrn gewisse Szenen spielen, die zu den letzten Heimlichkeiten des Privatlebens gehören; Otway hat in seiner Tragödie vom ›Geretteten Venedig‹ ein Muster solcher Szenen gegeben in dem grauenhaft großartigen Austritt zwischen dem Senator und Aquilina! Flora war ihrer Herrschaft so sicher, daß sie zu ihrem eignen und zu Jean-Jacques' Unglück nicht daran dachte, sich heiraten zu lassen.

Gegen Ende des Jahres 1815 hatte Flora mit siebenundzwanzig Jahren die volle Entfaltung ihrer Schönheit erreicht. Üppig und frisch, weiß wie eine Pächterin aus Bessin, war sie der Idealfall dessen geworden, was unsere Vorfahren ein schönes Frauenzimmer nannten. Sie hatte den Reiz einer köstlichen Wirtstochter, aber in imposanterer gepflegterer Art, eine gewisse Ähnlichkeit mit Mademoiselle George in ihrer besten Zeit, allerdings ohne die kaiserliche Vornehmheit: die schönen runden strahlenden Arme, den Reichtum der Formen, das seidige Fruchtfleisch, die verführerischen Konturen, nur weniger streng als die der großen Schauspielerin. Floras Mienen waren voll Zärtlichkeit und Sanftmut. Ihr Blick gebot nicht Ehrfurcht wie der jener schönsten Agrippina, die seit der des Racine die Bretter des Théâtre Français beschritten hatte, sondern lud zu derben Freuden ein. Im Jahre 1816 sah die Käscherin Maxence Gilet und war ihm auf den ersten Blick verfallen. Quer durch das Herz empfing sie jenen mythologischen Pfeil, das wunderbare Sinnbild einer natürlichen Wirkung, diese sinnfällige Erfindung der Griechen, die von der ritterlichen, idealen und melancholischen Liebe nichts wußten, welche das Christentum hervorgebracht hat. Flora war zu schön, als daß Max eine solche Eroberung hätte verschmähen können. Und so erfuhr die Käscherin mit achtundzwanzig Jahren die wahre Liebe mit ihrem Götzendienst und ihrer Unendlichkeit. Sobald der Offizier, der ja ohne Vermögen war, die Wechselbeziehungen Floras und Jean-Jacques Rougets in Erfahrung gebracht hatte, sah er in einer Liaison mit der Käscherin mehr als eine bloße Liebelei. Hier bot sich eine Gelegenheit, seine Zukunft sicherzustellen, er konnte sich nichts Besseres wünschen, als bei Rouget einquartiert zu werden, er durchschaute den schwächlichen Charakter des Junggesellen. Jean-Jacques' häusliches Leben geriet nun ganz unter den Einfluß von Floras Leidenschaft. Einen Monat lang mußte er mit ansehen, wie Floras sonst lachendes, befreundetes Gesicht düster, trübe und mürrisch wurde, und das beängstigte ihn sehr. Er hatte die Ausbrüche ihrer absichtlich schlechten Laune zu ertragen genau wie ein Ehemann, dessen Frau auf Untreue sinnt. Wenn der Arme, immer wieder grausam zurückgewiesen, schüchtern fragte, was sie denn so verändert habe, ließ sie Flammen von Haß aus ihren Blicken lodern, und ihre Stimme bekam herausfordernde und verächtliche Töne, wie der arme Jean-Jacques sie noch nie vernommen hatte.

»Sie haben wahrhaftig kein Herz und keine Seele«, sagte sie. »Seit sechzehn Jahren schenk ich hier meine Jugend her, und ich hatte immer noch nicht gemerkt, daß Sie da« – sie schlug sich auf das Herz – »einen Stein haben! Seit zwei Monaten sehen Sie den braven Major, dies Opfer der Bourbonen, hier ins Haus kommen, einen Mann, der dazu bestimmt war, General zu werden, und nun in der Klemme sitzt, in diesem Winkel, in diesem Nest, wo kein Glück Platz hat. Den ganzen Tag muß er auf seinem Stuhl im Bürgermeisteramt hocken, und was verdient er dabei? . . . Erbärmliche sechshundert Franken, das lohnt gerade! Und Sie mit Ihren sechshundertneunundfünfzigtausend Franken Kapital und sechzigtausend Franken Rente, Sie, der Sie es mir zu verdanken haben, daß Sie, im Jahre alles einbegriffen, selbst meine Kleider, nicht mehr als tausend Taler ausgeben, Sie sind noch nicht auf den Gedanken gekommen, ihm hier ein Quartier anzubieten, wo doch der ganze Oberstock leer steht! Sie lassen lieber die Mäuse und Ratten da oben herumtanzen, statt ein Menschenkind hineinzusetzen, noch dazu eines, das Ihr Vater immer für seinen eignen Sohn gehalten hat! . . . Wollen Sie wissen, was Sie sind? Das will ich Ihnen sagen: ein Brudermörder sind Sie! Ich weiß aber auch, weshalb! Sie haben gesehen, daß ich mich für ihn interessiere, und das verdrießt Sie! Sie scheinen gutmütig und dumm, aber dabei sind Sie in Ihrer Art arglistiger als die Arglistigsten . . . Ja doch! Ich interessiere mich für ihn, und sogar sehr . . .«

»Aber, Flora . . .«

»Da hilft kein ›Aber, Flora‹. Sie können sich eine andere Flora suchen, wenn Sie eine finden. Der Wein hier in meinem Glas soll gleich zu Gift werden, wenn ich Ihre verdammte Bude nicht verlasse. Ich werde Ihnen, Gottlob, nichts gekostet haben, die zwölf Jahre, die ich hier bin, und Sie haben Ihr Behagen billig geliefert bekommen. Überall anderswo hätte ich gut mein Brot verdienen können, wenn ich, wie hier, alles selbst getan hätte: scheuern, waschen, plätten, einkaufen, kochen, mich um all Ihre Angelegenheiten kümmern, mich abrackern von früh bis spät . . . Und was hab' ich zum Lohn?«

»Aber Flora . . .«

»Ach was Flora, Sie werden gerade Floras kriegen, Sie mit Ihren einundfünfzig Jahren, kränklich wie Sie sind, ich weiß doch, wie schrecklich es mit Ihnen hergab geht. Und unterhaltend sind Sie auch durchaus nicht . . .«

»Aber, Flora . . .«

»Lassen Sie mich in Ruhe!«

Sie ging und warf die Tür so heftig hinter sich zu, daß das ganze Haus dröhnte und in seinen Grundfesten zu erbeben schien. Ganz sanft machte Jean-Jacques die Tür auf und schlich noch sanfter in die Küche, wo Flora weiter grollte.

»Flora,« sagte dieses Lamm, »heut hör ich doch zum ersten Male von deinem Wunsch; du weißt ja gar nicht, ob ich überhaupt was dagegen habe.«

»Erstens«, fing sie an, »brauchen wir einen Mann im Hause. Die Leute wissen, daß Sie zehn- und fünfzehn- und zwanzigtausend Franken liegen haben; und um die zu stehlen, könnte man uns umbringen. Ich habe keine besondre Lust, eines schönen Morgens in vier Stücke geschnitten aufzuwachen, wie es der armen Magd ergangen ist, die dumm genug war, ihren Herrn zu verteidigen! Wenn man nun aber bei uns einen Mann sieht, so tapfer wie Herkules, der sich nichts bieten läßt . . . Max, der würde ja drei Diebe auf einmal hinmachen, eh sie sich's versehen . . . nun, dann würde ich ruhiger schlafen. Man wird Ihnen vielleicht allerhand Dummheiten einreden; ich liebte den Max, ich sei verschossen in den Max . . . Wissen Sie, was Sie dann zu antworten haben? . . . Sie werden sagen, das wüßten Sie selbst, aber Ihr Vater hätte Ihnen diesen armen Burschen auf seinem Totenbette anvertraut. Dann werden alle den Mund halten. Denn das pfeifen ja in Issoudun die Spatzen von den Dächern, daß Ihr Vater ihm seine Schulpension gezahlt hat! Neun Jahre eß ich jetzt Ihr Brot . . .«

»Flora . . . Flora . . .«

»Da ist mehr als einer gekommen, hier in der Stadt, der mir den Hof gemacht hat, ja . . . Goldene Armbänder hat mir der geboten, goldne Uhren der . . . ›Liebe kleine Flora‹, hat's geheißen, ›lauf doch dem alten Tropf, dem Rouget, weg‹; ja, so hat man von Ihnen gesprochen . . . Ich ihm weglaufen, hab' ich gesagt, schau ich so aus? So eine arme Unschuld wie den sitzen lassen! Was soll denn aus ihm werden? hab' ich immer gesagt. Nein, wo die Ziege angebunden ist, da muß sie auch grasen . . .«

»Ja, Flora, ich habe auf der Welt nur dich, ich bin ja so glücklich . . . Wenn es dir Freude macht, liebes Kind, gut, so wollen wir Maxence Gilet hier haben, er soll mit uns essen . . .«

»Das will ich hoffen . . .«

»Ärgere dich doch nur nicht . . .«

»Wo es für einen reicht, wird es auch für zwei reichen«, sagte sie lachend. »Wenn du lieb sein willst, weißt du, was du tun mußt, mein Hämmelchen? . . . du gehst hübsch um das Rathaus herum spazieren, so um vier Uhr, siehst zu, daß du den Herrn Major Gilet triffst und lädst ihn zum Essen ein. Wenn er Umstände macht, mußt du ihm sagen, er würde mir eine Freude damit machen; er ist zu galant, um dann nein zu sagen. Na, und dann, beim Nachtisch, wenn er anfängt, von seinen schlimmen Zeiten zu erzählen, von den Galeeren, und du wirst es doch wohl verstehen, ihn darauf zu bringen, dann bietest du ihm an, hier zu wohnen . . . Wenn er dann noch etwas einzuwenden hat, sei nur ruhig, ich werde ihn schon dazu bestimmen . . .«

Langsam ging der Junggeselle auf dem Boulevard Baron spazieren und sann, so gut es ging, über dies Erlebnis nach. Wenn er sich von Flora trennte . . . bei dem bloßen Gedanken wurde ihm schwarz vor den Augen . . . wo sollte er wieder eine Frau finden? . . . Heiraten? . . . In seinem Alter würde man ihn nur seines Geldes wegen nehmen, und eine rechtmäßige Ehefrau würde ihn noch grausamer ausbeuten als Flora. Der Gedanke, die Liebkosungen dieses Mädchens, mochten sie auch trügerisch sein, entbehren zu sollen, verursachte ihm Angstqualen. Er war also zu dem Major Gilet so liebenswürdig, als es ihm irgend möglich war. Und ganz nach Floras Wunsch lud er Gilet vor Zeugen ein und nahm in jeder Weise Rücksicht auf dessen Ehre.

So waren denn Flora und ihr Herr wieder versöhnt, aber von diesem Tage an beobachtete Jean-Jacques Merkmale großer Veränderungen im Wesen der Käscherin.

Vierzehn Tage lang beklagte sich Flora Brazier bei den Lieferanten, auf dem Markt und bei den Nachbarinnen, mit denen sie schwatzte, über die Tyrannei des Herrn Rouget, der mit einmal den Rappel hatte, seinen vermeintlichen natürlichen Bruder zu sich zu nehmen. Aber niemand fiel auf ihr Komödienspiel herein, man hielt sie nur für ein ganz durchtriebenes Geschöpf. Der alte Rouget war zunächst sehr glücklich über die Einsetzung des Majors als Haushüter; nun hatte er doch jemanden, der aufmerksam um ihn bemüht war, ohne kriecherisch zu sein. Gilet plauderte, politisierte mit dem alten Rouget und ging manchmal mit ihm spazieren. Seit der Offizier im Hause wohnte, wollte Flora nicht mehr Köchin sein. Das Kochen verdarb ihr die Hände, sagte sie. Auf Wunsch des Ordensgroßmeisters machte die Cognette eine ihrer Verwandten ausfindig, eine alte Jungfer, deren Herr, ein Pfarrer, gerade gestorben war, ohne ihr etwas zu hinterlassen, eine vortreffliche Köchin, die Flora und Maxence auf Tod und Leben ergeben sein würde. Diesem Wesen versprach die Cognette im Namen dieser beiden Großmächte nach zehn Jahren treu ergebenen, verschwiegenen und redlichen Dienstes eine Rente von dreihundert Franken. Védie hieß die Verwandte, war sechzig Jahre alt und mit ihrem auffallend pockennarbigen Gesicht von erwünschtester Häßlichkeit. Nachdem die Védie in Funktion getreten war, wurde aus der Käscherin eine Madame Brazier. Sie trug Korsetts, hatte seidene Roben und je nach der Jahreszeit schöne Woll- und Baumwollstoffe, sie besaß sehr teure Halskrausen und Fichus, gestickte Häubchen, Spitzeneinsätze und schöne Schuhe und blieb immer auf einer Höhe der Eleganz und des Reichtums, die sie verjüngte. Sie glich einem ehedem rohen Diamanten, den ein Goldschmied geschliffen und gefaßt hat, um seinen hohen Wert zur Geltung kommen zu lassen. Sie wollte ihrem Max Ehre machen. Schon nach einem Jahre ließ sie für den armen Major, den die Spaziergänge langweilten, ein angeblich englisches Pferd aus Bourges kommen. Max hatte in der Umgegend einen ehemaligen kaiserlichen Gardeulanen ausfindig gemacht, einen Polen, mit Namen Kouski, der in Not geraten war und sich gar nichts Besseres wünschen konnte, als in der Eigenschaft eines Dieners des Majors in das Haus Rouget einzutreten. Max war Kouskis Abgott, besonders seit dem Duell mit den drei Royalisten. Vom Jahre 1817 ab bestand somit der Hausstand des alten Rouget aus fünf Personen, von denen drei die Herrschaft waren, und die Ausgaben stiegen auf ungefähr achttausend Franken im Jahre.

Zur Zeit, als Frau Bridau nach Issoudun zurückkehrte, um, wie der Advokat Desroches es ausdrückte, eine ernsthaft bestrittene Erbschaft zu retten, war der alte Rouget nachgerade in ein nahezu vegetatives Dasein geraten. Seit der Major im Hause mitregierte, hielt Fräulein Brazier die Tafel auf bischöflicher Höhe. Rouget gewöhnte sich an das Schmausen und ließ sich von den vortrefflichen Gerichten der Védie zum Immermehressen verführen. Trotz der ausgezeichneten und überreichlichen Ernährung wurde er aber nicht fetter. Von Tag zu Tag fiel er immer mehr zusammen, vielleicht überanstrengte ihn die Verdauung, er bekam tiefe Ringe um die Augen. Wenn ihn aber auf seinen Spaziergängen die Mitbürger nach seinem Befinden fragten, erklärte er, er habe sich nie wohler gefühlt als jetzt. Da er immer für recht beschränkt gegolten hatte, fiel die beständige Abnahme seiner Fähigkeiten nicht weiter auf. Das einzige Gefühl, das ihn belebte, war seine Liebe zu Flora, er existierte nur durch sie, war ihr gegenüber von grenzenloser Schwäche; ein einziger Blick zwang ihn zum Gehorsam; er spähte nach den Bewegungen dieses Geschöpfes, wie ein Hund nach den geringsten Bewegungen seines Herrn späht. Mit seinen siebenundfünfzig Jahren schien der alte Rouget nach Frau Hochons Meinung älter als Herr Hochon mit seinen achtzig.

Man kann sich vorstellen, daß Maxences Zimmer eines so liebenswürdigen jungen Mannes würdig waren. Im Laufe von sechs Jahren hatte der Major seine Wohnung immer komfortabler gestaltet und in allen Einzelheiten verschönert, ebensosehr für sich selbst wie für Flora. Allerdings war es nur der Komfort von Issoudun: bunte Fensterscheiben, recht elegante Tapeten, Mahagonimöbel, Spiegel mit vergoldeten Rahmen, Musselingardinen mit roter Borte, ein Himmelbett, dessen Vorhänge im Geschmack der Provinztapezierer angeordnet waren, die eine reiche Braut einrichten. Das erschien als höchste Pracht, obwohl dergleichen in den gewöhnlichsten Modeblättern zu finden ist und in Paris der kleinste Kaufmann sich so etwas nicht mehr anschafft, wenn er heiratet. Etwas ganz Ungeheuerliches für Issoudun waren die Bastmatten auf der Treppe. Die sollten ohne Zweifel das Geräusch der Schritte dämpfen: so weckte Max, wenn er gegen Morgen heimkam, niemanden auf, und Rouget kam nie darauf, daß sein Hausgast in die nächtlichen Abenteuer der Ritter vom Müßiggang verwickelt war.

*

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.