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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid5c4eb35c
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Das Zimmer der Mädchen

Gerda schloß die Tür auf und ging leise ins Zimmer. Es duftete nach Lavendelwasser. Sie legte das Kuchenpaket behutsam auf einen Stuhl und stellte den mit frischer Milch gefüllten Topf hin.

Susie schlief noch immer.

Die Tür zum Nebenraum stand offen. Sie nannten es ihr Badezimmer, was allerdings leicht an Größenwahn grenzte. Die ganze Wohnung bestand eigentlich nur aus einem sehr großen Wohnzimmer, das sich an der Flurtür knapp zwei Meter tief abwinkelte, und aus einem winzig kleinen Abstellraum, in dem zwei Personen gerade noch eine Drehung ausführen konnten. Sie hatten eine Badewanne gekauft und in das Nebengemach gestellt, dazu einen großen Wandspiegel und ein neben dem Spiegel befestigtes Wandkästchen. Dieses Kästchen diente ihnen als Toilettentisch. Manchmal badeten sie auch aus Jux zusammen in der Wanne. Dann kam immer der Kaufmann Oberdörfer aus der ersten Etage herauf und beschwerte sich, das Wasser käme durch die Decke. Oberdörfer war ein kleiner dicker und sehr muffiger Mann, dessen Geschäfte nicht gerade sehr glänzend zu gehen schienen, denn er befand sich immer zu Hause und schimpfte mit seiner Frau herum. Ihm hatten es die Mädchen auch zuzuschreiben, daß eines Tages der Hausverwalter erschien und rundweg erklärte: »Die Hausbewohner wollen keine Barmädchen im Hause haben. Wir müssen Ihnen leider kündigen.« Gerda hatte ihm dann eindringlich den Unterschied zwischen einer Tänzerin und einem Barmädchen klarzumachen versucht. Er war schließlich ganz nett geworden und hatte versprochen, noch einmal mit den Hausbewohnern darüber zu reden. Seit dieser Zeit hörten die Mädchen nichts mehr von der Kündigung, aber ihnen war es nicht sehr wohl zumute. Sie kümmerten sich möglichst wenig um ihre Flurnachbarn und ließen sich selten im Hause sehen.

Die Wanne war gefüllt mit schmutzigem Wasser. Susie hatte also während dieser zehn Minuten, in denen Gerda einkaufen war, schon gebadet.

Gerda band sich eine blaue Leinenschürze vor und setzte den Milchtopf auf den Gasofen. Dieser praktische Apparat stand in der Wohnzimmernische, die sich die Mädchen mit viel Geschick zu einer Miniaturküche umgebaut hatten. Über dem Ofen befanden sich drei Regale, auf dem ersten standen ihre sämtlichen Töpfe, genau nach der Größe geordnet, auf dem zweiten die verschiedenartigsten Büchsen, die alle eine besondere Bedeutung und einen besonderen Inhalt hatten. Die Mädchen vergriffen sich nie. Sie waren beide gute Hausfrauen. Auf dem dritten Regal tickte ein großer Wecker und daneben lagen in langer Reihe Messer, Gabeln und Löffel. Ein besserer Platz war leider in der ganzen Wohnung nicht zu finden gewesen.

Gerda nahm aus einer Büchse Kakao und rührte ihn mit Wasser an. Sie war todmüde, ihre Augen schmerzten. Sie starrte zu Susie hin, die unbekleidet auf dem großen zweischläfrigen Bett lag, das nachts beiden Mädchen als Ruhestatt diente. Die Hitze wurde immer unerträglicher und ein einschläferndes Geräusch ging nicht aus Gerdas Ohren heraus. Erst dachte sie, es sei das Summen der erwärmten Luft, aber als sie genauer aufpaßte, merkte sie, daß es die Fliegen waren. Susie bewegte sich und sah zu Gerda hin.

»Ausgeschlafen?«

»Ausgeschlafen? Ich habe gar nicht geschlafen. Ich dusle nur so vor mich hin. Und du? Du willst dich wohl gar nicht ausruhen?«

»Ach laß nur.«

»Gerd, mir ist so schlecht zumute. Du mußt alle Arbeit machen, und ich laß dich den Koffer holen und den Kakao kochen und alles ...«

»Du bist ein kleiner Dummkopf. Hör auf.«

»Nein, nein. Ich bin schon schlecht.«

»Ach, schäme dich lieber, daß du so mies zu dem Jungen gewesen bist. Siehst du, er war doch kein Gauner.«

Susie richtete sich auf.

»Ich möchte aber bloß wissen, warum er uns den Koffer nicht geholt hat ...«

Sie nahm die Nagelfeile aus ihrem Handtäschchen und begann ihre Fingernägel zu putzen.

»Wenn du nicht so schrecklich gemein zu dem Jungen wärst, könnte ich es dir vielleicht erklären ...«

»Na erlaube mal ... ich habe sogar auf seinem Sofa geschlafen. War das nicht nett von mir?«

Gerda rührte schweigend den Kakao an, bis sich Susie vernehmlich räusperte.

»Na, schieß doch endlich los!« sagte sie.

»Das ist ganz einfach. Der kennt dich sicher schon lange, ohne daß du was weißt, und da hat er sich in dich verknallt.«

»Das meinst du?« Sie hielt sich dabei mit den Händen an ihren Füßen fest und schaukelte ganz langsam hin und her und sagte gar nichts mehr. »Dreh mal das Grammophon an.«

»Das auch noch!« Gerda drehte den Apparat an und legte die erste Platte auf, die sie erwischte. Es war »Stars and stripes«.

Nach einer Weile sagte Susie laut durch den Lärm des englischen Armeemarsches hindurch: »Und warum ist er heute vormittag nicht zurückgekommen?«

»Er schämte sich.«

»Warum?«

»Weil du ihn so angefaucht hast.«

»Verstehe ich nicht.«

»Du weißt eben nicht, was Liebe ist ...«

Ein Bettkissen flog quer durch das Zimmer, und wenn Gerda nicht rasch zugepackt hätte, wäre der Topf mit dem heißen Kakao umgerissen worden.

»Himmelherrgott, soll ich ihn etwa heiraten, he?«

»Ach, daran habe ich wirklich noch nicht gedacht.«

»Du willst mich wohl uzen?«

»Aber Sus ...!«

»Schwöre alles ab!«

»Was soll ich abschwören?«

»Alles!«

»Gut, ich schwöre alles ab.«

»Du mußt die Hand dabei hochheben!«

»Du siehst doch, daß ich den Kakao in der Hand habe.«

»Laß ihn fallen, wenn es dir ernst ist ...«

»So siehst du aus ...«

Sie brachte die Kakaokanne und zwei Tassen auf einem Tablett bis ans Bett, und dann tranken sie zusammen und aßen Kuchen dazu und fühlten sich etwas besser.

»Siehst du, das ist genauso wie mit Heini ...«

»Wieso mit Heini? Du liebst Heini, und er liebt dich, und damit ist die Sache in Ordnung!«

»Hast du Ahnung. Damit fängt die Sache erst an.«

»Wieso?«

»Heini hat kein Geld, das ist es.«

»So. Das ist es. Natürlich, immer ist es das. Zum Kotzen.«

»Na, 'ne feine Dame wirst du ja auch nie.«

Plötzlich klingelte es an der Tür.

Die Mädchen sahen sich an.

»Das ist das rothaarige Roßhaupt«, sagte Susie. »Laß ihn nicht herein.«

Es klingelte noch einmal. Gerda stand auf.

»Bleibe ruhig liegen, ich will mal nachsehen.«

Susie zog die Bettdecke bis zur Nase herauf. Gerda ging zur Tür und öffnete. Susie hörte eine Männerstimme, es war aber nicht Emanuel. Die Tür wurde wieder geschlossen, und Gerda kam zurück. »Zieh dich schnell an«, sagte sie, »Langlotz ist da.«

»Wer? Dein edler Bräutigam?«

»Menschenskind, nicht so laut!«

»Mach keine Witze, sondern zieh dich an.«

Susie betrachtete ihre Freundin mit einem sehr komischen Gesicht, dann sprang sie vom Bett herunter, raffte ihre Sachen zusammen und verschwand im Badezimmer.

Gerda ging zur Tür und ließ Langlotz ein. Er hatte noch die Uniform an, den Tschako setzte er im Zimmer ab. Er schwitzte sehr und rückte sich gleich einen Stuhl an den Tisch.

»Ich kann mich doch setzen, was? Bin nämlich sehr müde, komme gerade aus dem Dienst.«

Er sah Gerda nicht an. Sie blieb am Tisch stehen. Was wollte er? Und was sollte sie mit ihm machen? Sie sah unzählige kleine Schweißperlen auf seiner Stirn.

»Du bist wahrscheinlich erstaunt, daß ich hier so hereingeschneit komme ohne vorherige Anmeldung ...«

»Oh gar nicht. Willst du etwas Kakao?«

»Nein, danke.«

»Oder Kuchen?«

»Ich habe in der Kaserne gegessen. Aber wenn du mir ein Glas kaltes Wasser geben willst, das wäre nett von dir.«

Während sie das Wasser ablaufen ließ, begann er zu erzählen. Er sah sie immer noch nicht an und starrte fortwährend auf den Boden. Nach einer Weile nahm er ein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich die Stirn ab.

»Deine Mutter hat dir wohl 'ne Karte geschrieben wegen heute abend, und nun wollte ich vorher mal mit dir sprechen, ich finde das besser so ...« Er hob rasch den Kopf. »Sind wir allein hier?«

Gerda nickte nach dem Badezimmer hin und sagte: »Sie hört nichts.« Dann setzte sie ihm das Glas mit dem klaren, frischen Wasser auf den Tisch, und als er ihre schmalen Hände sah, die so vieles Angenehme tun konnten, die blankpolierten Fingerkuppen und die zerbrechlichen Gelenke, schloß er schnell die Augen. Er wollte sich jetzt nicht ablenken lassen.

»Du weißt, daß deine Mutter die Verlobung festsetzen will und eine bestimmte Erklärung von mir verlangt ...«

»Was, die Verlobung?« Gerda kam nahe an den Tisch heran. »Davon weiß ich doch gar nichts.«

»Das hat deine Mutter dir nicht geschrieben? Komisch ... Na, mir hat sie es geschrieben ... aber begeistert scheinst du nicht gerade zu sein ...«

»Oh«, sagte sie.

»Ja«, sagte er, »es ist am besten, wir machen uns gar nichts vor. Deshalb bin ich auch zu dir gekommen, um alles in Ruhe zu besprechen. Wenn deine Mutter dabei ist, müssen wir ja doch Theater spielen. Ich bin für klare, eindeutige Verhältnisse.«

»Können wir nicht noch 'ne Weile warten?«

»Was wäre da schon gewonnen? Deine Mutter wird ungeduldig ...«

»Ja, meine Mutter ...«

»Siehst du, Gerda, ich weiß genau, wie es mit dir ist. Ein bißchen kenne ich dich ja schließlich auch. Ich, ich bin ein alter Muschkot, und ich habe meinen Dienst, und ich kann meiner Frau nicht mehr bieten als ein gutes bürgerliches Leben und ein bißchen Gemütlichkeit, aber ich möchte auch 'ne Frau, die mir den Haushalt richtig in Ordnung hält. Ich kenne die Flittchen von heute, das ist nischt für mich, ich brauche eine richtige Frau, die zu mir hält und auch einen Puff mal verträgt und so. Und natürlich muß ich sie gern haben. Dich habe ich verdammt gerne, Gerda, das weißt du auch, aber ich habe so das leise Gefühl, daß du mich nicht richtig leiden magst ...«

Sie war hinter ihn getreten und klopfte mit ihrer rechten Hand ganz leicht auf seine Schulter, und es tat ihm sehr wohl. »So schlimm ist es nicht«, sagte sie, »wir werden schon gut miteinander auskommen.«

»Gut miteinander auskommen! ... wie du das sagst! Ich glaube, zu einer Ehe gehört noch ein bißchen mehr.«

Gerda wußte nicht, was sie erwidern sollte, sie mochte ihn nicht belügen, weil er so offen gewesen war, sie fand das sehr anständig von ihm. Eigentlich hatte sie dem Jungen das gar nicht zugetraut, er war ihr auf einmal sympathisch, und sie dachte, vielleicht ist doch rasch heiraten die beste Lösung, mit einem Sprung alles Traurige und Schmerzende hinter sich lassen.

Aber Heini? Darüber konnte sie nicht sprechen, heute noch nicht. Nein. Sie mußte sich alles ganz genau überlegen, ehe es zu spät war. Klare, eindeutige Verhältnisse, ja, das ist ein gutes Wort ...

Aus dem Hof kam verworrener Lärm herauf, schon eine Weile, aber sie merkten es erst jetzt richtig, als ihr Gespräch ins Stocken kam. Gerda machte das Fenster auf und sah hinunter. Ein paar Frauen und viele Kinder waren hinter einem Kanarienvogel her, der ruhig, vergnügt und wie ein kleiner gelber Klecks auf dem Dach des Schuppens saß. Ein Junge kletterte geschickt und schnell hinauf, die Frauen riefen ihm unnötigerweise zu, was er zu tun habe, und der Junge näherte sich langsam dem Ausreißer. Der Vogel blieb ruhig sitzen, aber gerade, als der Junge zupacken wollte, flog der kleine gelbe Klecks unter großem Hallo auf, flatterte einige Male ängstlich über das Dach hinweg und setzte sich schließlich auf einen alten Buchenbaum, der einsam und auf verlassenem Posten in dieser Hofwüste die strotzende Natur zu vertreten hatte.

Langlotz war hinter Gerda an das Fenster getreten, und er sah in ihren ausrasierten Nacken und auf das weiche, gewellte Haar, und er roch das Parfüm, und er hatte das Gefühl, jetzt mußt du sie umarmen und ihr einen Kuß auf den Nacken geben, aber plötzlich bekam er eine törichte Scheu und wagte es nicht. Er mußte seinen ganzen Mut zusammennehmen, um ihre nackten Arme leicht zu berühren. Sie drehte sich erstaunt herum und sah ihn an. Er lachte verlegen und ließ ihre Arme wieder los. Sie lachte ihn auch an, aber ihr Gesicht zeigte keinen Unwillen.

»Hast du Vögel gern?«

»Schon, aber sie dürfen nicht im Käfig sein.«

»Dann mag ich sie auch nicht.«

»Sag das nicht; wenn man ganz allein ist, ist so 'n Vogel ein ganz hübscher Zeitvertreib.«

»Ach, ich vertreibe mir lieber die Zeit mit meiner Shagpfeife ... aber das ist natürlich nichts für euch Mädchen.«

Gerda schloß das Fenster. Sie gingen zum Tisch und setzten sich hin.

»Was wollen wir also heute abend tun, wenn deine Mutter dabei ist«, sagte er, und ihr fiel auf, wie müde und hoffnungslos seine Stimme klang.

»Nun, es bleibt alles beim alten, und wir wollen abwarten, was sie sagt.«

Er seufzte komisch, und sie sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, und da mußten beide lachen.

Es klopfte an die Tür, die in das »Badezimmer« führte. Sus steckte ihren Kopf ins Zimmer.

»Störe ich noch?«

»Nein, komm nur herein.«

Susie war fertig angezogen, sie trug ein leichtes plissiertes Straßenkleid aus weißem Stoff und helle Halbschuhe.

»Ihr kennt euch doch?« sagte Gerda.

»Ja, wir haben uns wohl schon einmal gesehen.«

»Also, Herr Alfred Langlotz und Susie Schmitz, meine Freundin, erster Solostar bei den Broadway-Girls.«

»Tritt dir bloß nicht auf den Schlips!« sagte Susie. Langlotz stand auf und schlug die Hacken zusammen.

»Kommt, wir wollen noch etwas essen«, sagte Susie, und zu Langlotz gewandt: »Wir müssen nämlich gleich in die Probe.«

»In die Probe? Das weiß ich noch nicht mal. Ist das so ein großes Geheimnis, Gerda?«

»Sicher, Staatsgeheimnis!«

»Geht ihr wirklich?«

»Spätestens halb drei müssen wir gehen.« Sie stand wieder am Ofen und kochte Kaffee.

»Ist mir recht. Ich gehe mit. Wir sind den ganzen Vormittag im Dienst gewesen und haben Dienst gehabt.«

»Verkehrsampeln putzen, was?«

»Nee. Heute war es ernster. Wir haben sogar Verwundete gehabt.«

»Verwundete? Wieso Verwundete?«

»Die Stempelbrüder vom Arbeitsamt Nordost haben wieder mal Krach gemacht. Stellen Sie sich nur einmal vor, die ganze Inneneinrichtung im Arbeitsamt kaputt geschlagen!«

»Ach nee. Na und?«

»Und da bin ich mit einem Überfallkommando hingeschickt worden. Obwohl ich eigentlich noch gar nicht qualifiziert bin, ein größeres Kommando zu führen. Aber ich habe plötzlich den Auftrag dazu bekommen. Na und da haben wir die Bürschchen dann ein bißchen besänftigt.«

Die kleine Schwarzhaarige hörte ihm aufmerksam zu und das machte ihm Spaß. Gerda sollte ruhig merken, was für ein Kerl er war.

»War das gefährlich?«

»Die Leute haben Blumentöpfe aus den Fenstern geworfen, und dann haben sie auch geschossen, natürlich, sie haben auch geschossen. Und einer meiner Beamten, also der hat direkt Glück, daß er noch mit dem Leben davongekommen ist. Vor meinen Augen hat er einen Rückenstich erhalten. Und dazu noch mit einem Polizeiseitengewehr.«

»Wieso? Ist er von ihren Beamten niedergestochen worden?«

Langlotz lachte.

»Nein, so einfach war das nicht, das Seitengewehr hatten die Kommunisten natürlich vorher einem Polizeibeamten weggenommen.«

»So ... Haben Sie den Täter?«

»Leider nicht. Ausgerissen. Wie das so immer ist, wenn sie in Übermacht sind, gehen sie drauflos, aber dann, haste nicht gesehen, sind sie verschwunden. Übrigens, den Burschen, der den Wachtmeister Bayer niedergestochen hat, den Burschen kriegen wir noch.«

»Warum?«

»Ah, den kenne ich unter Tausenden wieder. Ich habe es nämlich gesehen, wie er zustach. Ich stand nur einen Schritt entfernt. Hätte mich auch haschen können. Ein ganz junger Bursche mit brandroten Haaren.«

»Äh ... mit was??«

»Ein Rotkopf, so mit richtig borstigen roten Haaren, wie ein Teufel sah er aus, und Sommersprossen hatte er von oben bis unten, ich habe seine verzerrte Fratze gesehen, als er zustach ...«

»Rothaarig ...?«

»Was haben Sie denn?«

Gerda stellte den Kaffee auf den Tisch und sah Susie kopfschüttelnd an.

»Kennen Sie etwa einen Rothaarigen?« fragte Langlotz.

»Natürlich. Ich kenne viele Rothaarige.«

Langlotz lachte. »Sehr gut. Aber den kennt man wirklich aus Hunderten heraus, so eine gemeine Visage hatte er.«

»Und den wollen Sie kriegen?«

»Den kriegen wir schon, warten Sie nur ab.«

Gerda stellte Aufschnitt auf den Tisch, und sie unterhielten sich noch eine Weile während des Essens.

»Ich gehe jetzt in die Kaserne und muß meinen Bericht abfassen«, sagte Langlotz, »und dann werden uns die Verhafteten wahrscheinlich noch einmal vorgeführt, ob wir sie wiedererkennen und so. Vielleicht ist der Kerl sogar schon dabei. Na, der kann sich auf was gefaßt machen.«

»Auf was denn?« sagte Susie.

»Das ist nichts für so hübsche junge Mädchen wie Sie«, sagte er und lächelte. »Ich bin eigentlich nur auf einen Sprung heraufgekommen, habe schon viel zu lange hier oben gesessen ...«

»Und wenn der Rotkopf nun nicht dabei ist«, sagte Susie ...

»Zum Teufel, was haben Sie mit dem Rotkopf? Der scheint Ihnen ja sehr ans Herz gewachsen zu sein!«

»Vielleicht«, sagte Gerda sehr rasch dazwischen. Alle drei mußten lachen, aber alle drei aus einem anderen Grund.

»O wie schön«, sagte Susie auf einmal, als erwache sie aus einem langen Traum. Sie blickten auf und horchten. Im Hofe sangen zwei tiefe Männerstimmen.

Sie sangen »Rosmarienheiden« und nach einer kleinen Weile ein fremdes Lied. Langlotz gab einen Groschen und Gerda gab einen Groschen, Susie packte das Geld in ein Stück Zeitungspapier und warf es in den Hof hinunter. Einer der Männer sagte ein paar Worte, und ehe sie gingen, sangen sie noch

»Du hast die Seele mein
So ganz genommen ein,
Daß ich kein' andern lieb
Als dich allein!«

Es war sehr schön, und Susie mußte beinahe weinen.

Nach einer Weile verabschiedete sich Langlotz.

Als er fort war, sagte Susie fassungslos: »Also ein Mörder ist er.«

»Du weißt doch gar nicht, ob es gerade er ist. Es gibt doch viele Rothaarige.«

»Er ist es«, sagte Susie. »Er ist es bestimmt.«

Dann gingen auch die Mädchen fort, nachdem sie ihr Toilettenzeug und die Trainingsanzüge sorgfältig in dem kleinen Köfferchen verpackt hatten.

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