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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
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Das Arbeitsamt

Quer durch das Stadtviertel schnitt ein Bahndamm.

Wolkenlos glatt war der Himmel, dann stiegen in den frühen Vormittagsstunden kleine weiße Wölkchen auf, sie blieben nicht stehen, sie stiegen höher.

Der Wind hatte sich erhoben.

Er trieb den Rauch nach Südosten.

Über den Dächern der unendlichen Stadt sammelte sich der Rauch, kleine heitere Wölkchen aus den Lokomotiven der Vorortzüge, dicke Rauchfahnen hinter den glatten, ölbeschmierten Kolossen der Fernzüge, ein Qualmnetz über den Werken und Betrieben, die Kessel standen unter Feuer, die Maschinen liefen, es dröhnte und stampfte und ratterte und zischte und pfiff, und der Wind wehte nach Südosten, über den Bahndamm hinweg, der quer durch das Stadtviertel ging.

Er lief in einer schnurgeraden Linie, der Damm, wie mit dem Lineal gezogen. Nur an der Stelle, wo er sich dem Zentrum der Stadt am weitesten näherte, knickte er an mehreren Stellen ein wenig ein, um sich durch das Gewirr der Fabriken und Anlagen hindurchzuwinden, ging dann aber wieder geradlinig weiter, wenn auch in etwas veränderter Richtung. An einigen Stellen, und zwar dort, wo er aus der Stadt hinauslief in das freie Land, und ein anderes Mal, wo er eine Fernlinie kreuzte und durch eine Unterführung geleitet wurde, war es kein Damm mehr, sondern nur noch eine zweigleisige Schienenstrecke, zur ebenen Erde, parallel der Straße. Abgesehen aber von diesen Stellen ging der Bahndamm gleichförmig in mäßiger Höhe quer durch das Stadtviertel, die Hänge bewachsen mit gelblichem, krankem Gras und verkümmerten Ginsterbüschen ab und zu, die Gleisanlagen mit rußigen Steinen geschottert, vom Regen gewaschen, vom Wind umspielt, vom Ruß verdreckt.

Die Ingenieure hatten Löcher in den Damm gebohrt, Tunnels, unterirdische Bahnstationen, der Verkehr flutete durch die Viadukte, Tag und Nacht, ein kleiner Kanal zog eine Zeitlang neben dem Damm her, der Damm mußte Platz machen, dem Wasser ausweichen, er kümmerte sich nicht darum, er war die Achse des Stadtviertels, über ihn brausten die Züge hinweg, an seinem Schienenstrang standen die Signalmasten, hoben und senkten ihre Arme, wechselten die Lichter, hielten die Züge an und schickten sie weiter, immer dröhnten die Gleise, nie gab es Ruhe, nicht am Tag und nicht in der Nacht, nie.

Im Zentrum des Viertels, wo Tunnel sich an Tunnel reihte, preßten die Häuserfronten den Eisenbahndamm ganz eng zusammen, gönnten ihm keine Luft und keinen Himmel, aber weiter draußen ging es ruhiger zu, da kamen Müllabladeplätze, flankiert von auffälligen Schildern: »Das Abladen von Schutt und Asche ist strengstens untersagt. Der Besitzer.«, riesige Schrebergartenanlagen mit hohen Fahnenstangen und kleinen Holzbuden, in denen nachts die Wohnungslosen pennten, ein Kinderspielplatz, Sportplätze. Diese grünen Inseln bergen das Glück der kleinen Leute, und die kleinen Leute sind die Nation, aber ihre Stimmen zählen nicht, und niemand weiß, wo die Nation ist. Viele sind noch jung in der Stadt, die Eltern wohnten schon hier, aber die Großeltern starben auf dem Lande, als Bauern, als kleine Handwerker, als untere Magistratsbeamte. Manchmal bekommen sie Sehnsucht nach dem Boden ihrer Väter, nach dem kühlen Duft der feuchten Erde, nach dem Geruch des einsamen Himmels, und aus diesen Gründen mieten sie sich einen Schrebergarten; wenn sie allein sind, kommen ihnen die Tränen und sie denken: Die jungen Leute können das nicht mehr fühlen, was wir fühlen, die sind in der Stadt groß geworden, die wissen nicht, was uns die Heimat bedeutet.

Aber Jahr für Jahr bleibt alles gleich, auch die Söhne und Töchter spüren den Schlag ihrer Herzen heftiger, sie wandern hinaus ins Land, sie kommen zurück, sie wählen einen Beruf, sie lernen, sie arbeiten, sie werden entlassen, sie gehen stempeln, sie müssen heiraten, sie bekommen Kinder, sie fügen sich viel Leid zu, sie haben etwas Freude und einmal, einmal denken sie daran, wie es damals war, als sie im heißen, knisternden Mittagsgrase lagen und nichts hörten als das Summen des Sommers, als sie einen Hasen über die Landstraße laufen sahen, wenige Meter vor ihnen, als sie nachts in den großen, kalten Bauernbetten schliefen und nichts hörten als fernes Hundegebell, der gelbe Mond stand hinter der Fensterscheibe. –

Selten kommt das.

Einmal aber packt es jeden. Stunden der Melancholie. Tränen. Tiefe Trauer. Die Verstorbenen. Die Vergessenen. Die Verlassenen.

Wo mag jener sein?

Wo?

Und diese eine?

Wo?

Nie bist du vom Fleck gekommen, wolltest auch was werden, die Eltern konnten dich nicht weiter auf die Schule schicken, du mußtest aufs Büro, die Jahre gingen hin, du kamst nicht vorwärts, wie hast du dich angestrengt, alles vergebens ...

Und er zerbricht sich den Kopf: Bin ich schuld? Bin ich unfähig? Habe ich keine Kraft? Immer wieder versucht er es, immer von neuem spannt er seine Kräfte an, und immer von neuem schlägt ihm eine unsichtbare Gewalt alles aus den Händen.

Er hat noch nicht die gerade Straße gefunden, er marschiert noch nicht in der Großen Armee, die im gleichen Schritt, stetig, unaufhaltsam vorrückt, überall in den Straßen der Städte, in den Gruben, auf den Schiffen, in den Betrieben und Werkstätten, auf den Stempelstellen und Büros, in den Polizeiwachen und Gefängnissen, die große Armee der Werktätigen, die das Gesicht der Städte und die Zustände der Welt verändern wird. Die es schon tut. Überall.

Und er geht weiter, mit dem verschlossenen Gesicht, an dem nichts zu erkennen ist, ein junger Mann wie du und ich, ein junger Mensch, der reichlich zwei Jahrzehnte in dieser Stadt gelebt hat, unruhigen Herzens. Neben ihm verändert sich viel. Er kommt aus der Vorstadt, dort, wo die letzten Häuserneubauten in das flache Land hinausstoßen, dort, wo es Kinderspielplätze, Schuttabladestellen, Gasometer, schlecht gepflegte Sportplätze und manches Mal Sommerfeste gibt. Die jungen Mädchen der Vorstädte, mit ihren klugen, einfachen Gesichtern, in billigen Fähnchen, die sie sich selbst angefertigt haben, begleiten ihn ein Stück, aber einige von ihnen schwenken plötzlich ab, sie haben eine andere Luft gerochen, sie wollen etwas werden, sie wollen heraus aus den Vorstädten, heraus aus dem Gleichmaß des Alltags.

Und weil die jungen Mädchen aus den Vorstädten sehr schön sind, von einer gesunden, einfachen Schönheit, die den Männern gefällt, kommen einige hoch, für einen bitteren Preis oft, aber sie kommen hoch. Viele möchten nach Hause zurück und können es nicht, enttäuscht, bitter enttäuscht, geben sie den Kampf auf und bleiben für sich allein. Oder sie kriechen unter.

Einige aber kehren zurück in die Vorstädte.

Die sehen dann plötzlich, nach langer Abwesenheit, den Bahndamm wieder, an einem kalten, klaren Herbsttag vielleicht, wo der Rauch unbeschwert in die Luft steigt, wo die Straßen leer und traurig sind, silbergrau gefärbt, nur die Kinder spielen ein altes Abzählspiel, das sie auch einmal gespielt haben, vor vielen Jahren, wie immer schon ...

Ri ra rutsch,
Wir fahren mit der Kutsch.

Und da stehen sie und sehen den Kindern zu und denken zurück und erinnern sich. Ja, so war das.

Und sie gehen wieder an ihre Arbeit, und nichts sieht man ihnen an.

Drei große, fast parallel zueinander liegende Hauptstraßen schneiden den Bahndamm, am Schnittpunkt liegt jedesmal eine Station. Auch ein Fluß führt durch die Stadt, aber er berührt dieses Viertel nicht. Zwischen der ersten und der zweiten Hauptstraße liegen die Kinos, zwischen der zweiten und dritten eine riesige Elektrofabrik, mehrere Kirchen und eine Gasanstalt.

Das Arbeitsamt aber liegt an der Peripherie.

Den letzten Knick macht der Bahndamm an der Metallfabrik, die Geschäftshäuser und die mit glatten, kalten Fassaden versehenen Kinopaläste verschwinden, in langen Reihen reihen sich uniformierte Mietskasernen aneinander, und hinter einer dieser Kasernen, die eine ebenso schmutzige, abgeblätterte Fassade hat wie alle anderen, versteckt sich das Arbeitsamt. Der Uneingeweihte erkennt das Besondere dieses Hauses nur an den vielen Menschen, die sich Tag für Tag auf der Straße aufhalten. Durch die große Toreinfahrt der Wohnkaserne geht der Weg in den Hinterhof, in diesem befindet sich das Lager eines Lumpenhändlers und große Kohlenberge einer Brennstoff-Firma. Der Hof wird geteilt durch eine lange Mauer, in dieser Mauer befindet sich ebenfalls eine Tür, und durch diese Tür gelangen die Arbeitslosen in das Arbeitsamt.

Das Arbeitsamt war früher eine Schule, es ist völlig eingeschlossen von dem Ring der Mietskasernen, auch nach der entgegengesetzten Seite muß man durch ein Privathaus, ehe man in die Stempelstelle kommt, aber dieser Eingang ist »Unbefugten strengstens untersagt«.

Arbeitslose sind Unbefugte. Sie gehen deshalb besonders gern durch diesen Eingang, es ist eine Abwechslung und dazu eine nicht ganz ungefährliche. Man kann erwischt werden und Strafabzüge bekommen.

Das Arbeitsamt liegt etwas abseits vom Bahndamm und an der Peripherie des Zentrums. Das Stadtviertel war ein durchaus proletarisches. Von den oberen Fenstern des Arbeitsamtes konnte man die rauchenden Essen und den Hochbau des Metallbetriebes sehen, es war – von diesen Fenstern aus – ein betrüblicher Anblick.

Man sah nicht den Bahndamm, aber der Rauch der Züge kam herüber, man hörte sie rollen und die Maschinen pfeifen, vielleicht fuhren sie in die Ferne, weit, unendlich weit:

Frankfurt-Basel-Luzern-Mailand
oder: Leipzig-Hannover-Amsterdam
oder: Wien-Budapest
oder: Paris-Warschau-Moskau

Sicher war es ein Stadtbahnzug, der nur drei Stationen weit fuhr und dann treu und brav wieder umrangiert wurde.

Der Bahndamm wurde zweimal von Fernlinien gekreuzt und an einem Kreuzungspunkt befand sich einer der vielen Fernbahnhöfe, die es in der Stadt gab. Aus einem Nebenportal dieses Bahnhofs kam ein junger, lustiger Mann, er trug eine Sportmütze, die Hände hatte er in den Hosentaschen, sein Hemd stand vorn offen. Dieser junge Mann pfiff. Er marschierte quer über den Bahnhofsvorplatz, ohne sich nach links oder rechts umzusehen, bog in eine Hauptstraße ein, ging ein Stück geradeaus und blieb nach einer Weile stehen. Nachdenklich betrachtete er die Auslagen einer Buchhandlung. Schöne Bücher. Er las über die Titel hinweg, besah sich die Bilder und dachte: Wie lange habe ich schon kein Buch mehr in der Hand gehabt. Da war eins zum Beispiel, in einem rosa Umschlag: »Die Hoffnungen der jungen Mädchen.« Obendrauf, von einem geschickten Zeichner hingewischt, das Bildnis eines zarten Mädchenkopfes. Das Mädchen und der rosa Umschlag gefielen dem jungen Mann, denn die Zeichnung erinnerte ihn an Susie. Das wäre was für sie. Er zählte seine sieben Groschen. An dem Buch stand 2.50 Mark. Aber das Geld mußte er irgendwo herkriegen, da war im Arbeitsamt gestern so eine faule Vertreterstelle angeboten worden – immerhin, ein paar Groschen würde man schon herausschinden können. Er war auf einen Gedanken gekommen. Natürlich, wenn er in der Stadt blieb, mußte er weiter stempeln gehen, um die Krisenunterstützung zu bekommen, und wenn er sich den Tagesstempel geholt hatte, konnte er wieder zum Bahnhof zurückgehen, um den Koffer in Empfang zu nehmen. Im Fundbüro hatte man ihm nämlich gesagt, er solle noch einmal wiederkommen, die Morgenzüge seien noch nicht kontrolliert worden, anscheinend trauten sie ihm nicht, weil er, trotz seines Ausweises, einen etwas verwahrlosten Eindruck machte. Ihr könnt mir mal, dachte er. Jetzt gehe ich ins Arbeitsamt, und dann hole ich den Koffer, und dann sehe ich Susie wieder.

Er änderte die Marschrichtung und bog in eine Seitenstraße. Eine Uhr zeigte zwanzig nach acht. Emanuel verließ den Fußsteig und ging auf den Fahrdamm hinunter. Er lief hart neben der Bordschwelle her. Ein Motorrad flitzte knapp an ihm vorbei, geführt von einem Mädchen. He, brüllte Emanuel in den knatternden Lärm. Das Mädchen drehte sich nicht um. Der junge Mann lachte. Immer noch schien die Sonne, ein guter Tag. Verdammt nochmal, ein guter Tag.

Der Weg vom Fernbahnhof zum Arbeitsamt war eigentlich nicht sehr lang, aber unterwegs blieb Emanuel vor verschiedenen Läden stehen und besah sich die Auslagen. In einer Vogelhandlung gab es einen kleinen Affen zu sehen, der fletschte die Straßenpassanten an, sprang in seinem Käfig auf und ab und machte allerlei tolles Zeug. Wenn man ihm die Zunge heraussteckte, drehte er den Zuschauern sein Hinterteil zu. Im zweiten Fenster war ein großes Vogelhaus mit Miniaturbäumen, Springbrunnen, Futterplätzen und vielen Vögeln. Es gab die wunderlichsten und seltsamsten Färbungen unter den Vögeln, einige winzig kleine saßen eng nebeneinander auf dem Boden, ihr graues Gefieder war rosa gesprenkelt, sie schienen zu frieren. Emanuel machte eine Kniebeuge, um diese kleinen aus nächster Nähe zu sehen. Er stieß dabei auf Widerstand, denn um ihn herum standen eine Menge Leute, meistens Männer. Von hinten bekam er einen unfreundlichen Stoß, rutschte ein Stück vor und hatte im nächsten Augenblick ein Büschel Haare eines vor ihm knienden Individuums im Munde. Der Besitzer der Haare drehte sich wütend um und sah Emanuel, der nach Kräften spuckte, ins Gesicht. Im nächsten Augenblick hatte Emanuel einen ziemlich sicher gezielten Fauststoß unter dem Kinn sitzen, er hob blitzschnell die Fäuste, um einen zweiten Stoß abzuwehren.

»Na man langsam!«

Das Individuum grinste quietschvergnügt. Die kleine Aufmerksamkeit unter dem Kinn war nur freundschaftlich gemeint.

»Robert!«

»Jawoll! Jawoll!«

»Was machst du denn hier?«

»Dasselbe wie du.«

»Nee ...«

Sie drängten sich durch die Leute ins Freie.

Dann sahen sie sich an und lachten, wie alte Freunde, die sich lange nicht gesehen hatten, und der junge Bursche packte Emanuel im Nacken und schüttelte ihn.

»Ich hätte dir beinahe etwas abgetreten.«

»Du mir? ... Junge, Junge!«

Sie schlenderten langsam nebeneinander her.

»Wo kommst du eigentlich her?« fragte der Kleinere.

»Aus dem Bahnhof.«

»Bahnhof?«

»Ich wollte was abholen im Fundbüro. Ich muß nochmal hingehen, sie hatten es noch nicht gefunden.«

»Von dir was?«

»Nee.«

»Und jetzt?«

»Den Stempel holen.«

»Dasselbe wie ich.«

Schweigend marschierten sie dahin.

»Haste 'ne Zigarette?«

Emanuel schüttelte den Kopf.

Sie kamen auf einen freien Platz. Die Sonne schien sehr hell. Emanuel dachte daran, daß er eigentlich schon außerhalb der Stadt sein könnte, aber er bereute es nicht. Auf dem Platz arbeitete eine Teerkolonne. Die beiden Jungens lehnten sich über eine Barriere und sahen sehnsüchtig zu. Sorgfältig und gleichmäßig wurde der dickflüssige Teer verrieben. Die Arbeiter rutschten auf hölzernen Knieschonern Stück um Stück zurück, andere brachten den Teer. Die Arbeiter rauchten dazu. Die Hitze war sehr groß.

»Was werden die wohl die Stunde bekommen?« sagte Emanuel plötzlich.

Sie stierten schweigend auf die zähe Masse, die unaufhaltsam vorwärts rückte, quer über den ganzen Platz weg.

Nach einer Weile gingen sie weiter.

»Ich muß Geld verdienen«, sagte Emanuel, »ganz egal wie.«

Robert lachte.

»Ich brauche unbedingt Geld, unbedingt.«

»Komisch, so was habe ich lange nicht gehört.«

»Mach keine Witze, ich meine es ernst.«

»Gut. Verrate mir dein Rezept, wenn du eins hast.«

»Vielleicht Gelegenheitsarbeit.«

Robert sah seinen Freund von der Seite an.

»Ist was los?« fragte er.

Emanuel beachtete die Frage nicht, er ging rasch geradeaus, immer geradeaus, die Hände hatte er in den Hosentaschen. Vor ihnen verengte sich die Straße, ein Stück voraus führte ziemlich hoch eine Brücke darüber. Sie hörten den Zug kommen, sie sahen den scharf abgesetzten weißen Rauch, der sich stoßartig hob. Den Zug selbst aber sahen sie nicht. Auch das Keuchen der Maschine war zu hören und das Geräusch der Räder.

»Machen wir einen Gesangverein auf und gehen wir in die Höfe«, schlug Robert vor. Er wußte noch nicht genau, ob es seinem Freund ernst war.

»Kann nicht singen.«

»Das schadet nichts, wenn's schlecht klingt, geben sie schneller, um uns los zu werden.«

»Mach keine faulen Witze.«

»Wieso? Ich mein's ernst. Paß mal auf ...«

Und er fing an zu singen:

»Blutrote Rosen solln dich umkosen,
sollen dir sagen, dich hab ich lieb, nur allein dich.
Wenn dann die Rosen dich lieb umkosen,
denke zuweilen ein wenig an mich ...

Ist das nicht süß?«

»Mensch, hör auf. Die Leute sehen her.«

»Laß sie sehen. Die freuen sich.«

»Lynchen werden sie uns.«

»Sollen sie!«

Emanuel antwortete darauf gar nicht mehr.

Sie kamen aus dem Zentrum heraus. Es war nicht mehr weit bis zum Arbeitsamt. Man sah schon deutlich den Weg dahin, viele liefen in der gleichen Richtung, junge Mädchen, halbwüchsige Burschen, und die abgebauten Angestellten waren daran zu erkennen, daß sie noch etwas Wert auf ihre Kleidung legten, die Männer zum Beispiel kamen alle mit Kragen und Schlips. Viele alte Leute und dann die Arbeiter. Vor einem Kino blieben die beiden Jungens stehen und sahen sich die Bilder im Schaukasten an. Auf einer Uhr war es 8 Uhr 25. Sie mußten sich beeilen, wenn sie den Stempel noch rechtzeitig bekommen wollten. Das Arbeitsamt wartet nicht auf Nachzügler.

Robert blieb noch einmal stehen, als sie an einer Plakatsäule vorüberkamen.

»Warte mal«, sagte er, »ein neues Plakat von uns.«

Er winkte Emanuel heran. Der machte ein mürrisches Gesicht und schlenderte näher, er wußte, daß Robert in der Partei war. Auf dem Plakat wurde zu einer Massenversammlung gegen den Faschismus aufgerufen. Das Plakat war rot mit schwarzer Schrift, es stand viel darauf. Emanuel las es nicht. Er sah sich zuerst eine bunte Schokoladenreklame an, auf der ein sehr schönes junges Mädchen zu sehen war, dann las er den Theaterspielplan, eine Warnung, die Plakate abzureißen und die Ankündigung eines Beethoven-Konzertes. Gleich daneben klebte ein resedafarbenes Plakat mit der riesengroßen Aufschrift:

Das verschenkte Girl

Emanuel besah sich das Plakat eine Weile. Er fand die Haltung des abgebildeten Tanzmädchens gemein. Im Stadthotel, so, so.

»Das wäre was für uns.« Robert stand neben ihm und sah ihn an. »Wenn du plötzlich so 'ne Puppe hättest, was? Emanuel!«

Der schüttelte den Kopf.

»Nee, danke für Obst. Die Weiber sind doch alle krank.«

Sie gingen weiter.

»Aber dafür haben sie Geld«, sagte Robert. »Hast du gelesen, wieviel es Eintritt kostet? Man müßte die Bude zusammenschlagen.«

Sie bogen in die Straße ein, in der das Arbeitsamt lag. An allen Ecken und vor den Haustüren standen Arbeitslose und unterhielten sich, oder sie hatten einfach nur die Hände in den Hosentaschen, oder sie saßen auf den Treppenstufen vor den Haustüren. Einige auch auf der Bordschwelle des Fußsteigs.

Susie, dachte der Junge. Susie. Sie liegt auf meinem Sofa und wartet auf mich. Sie schläft. Sie hat ein süßes Kindergesicht. Sie hat eine helle Stimme. Sie ist hübsch. Sie ist klug. Sie ist gut.

Aber er versuchte vergebens, sich an ihr Gesicht zu erinnern. Es zerfloß immer wieder, es blieb nichts vor ihm stehen ... Laß sie schlafen. Wenn ich das Handköfferchen im Fundbüro abgeholt habe und mittags nach Hause komme, dann wird sie völlig ausgeruht sein. Dann mache ich die Tür auf: Guten Tag, werde ich sagen, hier ist der Koffer, es hat etwas lange gedauert, aber nun bin ich da.

Ich werde ihr etwas mitbringen. Blumen? Oder Schokolade? Nein, keine Schokolade.

Er fuhr sich über das Gesicht, es war stachlig.

»Ich muß mich rasieren lassen.«

»Jetzt doch nicht! Du kriegst den Stempel nicht mehr.«

Emanuel fuhr mit der flachen Hand über das Kinn hin, es war ein angenehmes Gefühl.

»Laß doch die Stoppeln ruhig stehen, dann haste mehr Chancen bei den Mädchen, die haben das gern.«

Emanuel sah Robert an, dann zeigte er stumm auf seine Stirn.

»Tag Robert!« sagten ein paar Jungens.

Sie grüßten. Es war heute viel Betrieb auf der Straße. Mehr als sonst.

»Was los?«

Robert zeigte auf die Ansammlungen.

»Die Herren haben es noch nicht nötig gehabt, die Schalter aufzumachen«, antwortete einer aus der Gruppe.

»Aha, Hitzeferien für uns.«

»Alles gratis und umsonst.«

»Na siehst du, wir kommen noch zur richtigen Zeit«, sagte Emanuel zu Robert.

»Gehst du zum Friseur?«

»Hinterher.«

»Na also.«

Sie gingen durch den Torweg.

»Tag, Bayer.«

»Tag, Robert.«

Ein blasser Mann schloß sich ihnen an.

Sie kamen in ihrem gewöhnlichen gleichgültigen, weitausholenden Schritt. Im Torweg war viel Gedränge, die Unterstützungsempfänger kamen und gingen, sie stießen sich an, es war schon nichts mehr dabei. Draußen schien noch die warme Sonne, aber im Torweg fröstelte man. Dunkle, feuchte Wände, große Mauerrisse, vergilbte Bekanntmachungen, Fetzen von Flugzetteln. Am Hofeingang, obwohl das verboten war, standen zwei Straßenhändler. Einer hatte einen geöffneten Koffer vor sich stehen, in dem wild und bunt durcheinander eine große Menge Schals lagen.

»Stück für Stück 'ne Mark«, sagte der Händler. Er trug einige Schals über dem linken Unterarm und einige um den Hals. Noch während er verkaufte, sah er sich scheu nach allen Seiten um. Auch die Käufer musterte er auf komische Art.

Der andere Händler verkaufte an einem Klapptischchen Glasschneider. Er demonstrierte an einem dicken Stück gerippten Milchglases, wie sie funktionierten.

»Kann man einem Mädchen so einen Schal schenken?« fragte Emanuel im Vorbeigehen.

»Du kannst einem Mädchen alles schenken«, antwortete Robert, »bloß ein Baby nicht.

Ich meine, daß sie einen Herrenschal kaum tragen wird, zumindest nicht um den Hals. Wegen mir kannst du ihn deiner Angebeteten ruhig kaufen. Kenne ich sie?«

»Wieso? Sind das Herrenschals?«

Robert nickte. Er drehte sich zu Bayer und sagte. »Was meinst du, Erwin?«

Erwin Bayer lachte geringschätzig.

Emanuel schämte sich. Er schwieg. Sie gingen weiter.

Immer war das Arbeitsamt voller Menschen, nur nachts lag es verlassen im Schlafe, mit erstorbenen Fenstern und leeren Gängen, und der Wächter machte im Hof seine Runde. Die Gänge hatten Türen, genau numeriert, die erste Tür im Erdgeschoß begann mit 1 und die letzte in der fünften Etage endete mit 432. Im Keller lagen die Kassenräume, hier wurde die Unterstützung ausgezahlt. In der zweiten Etage befand sich ein großer Konferenzsaal, der zu jener Zeit, als in diesem Gebäude noch Schulkinder über den Segen der Arbeit und die Früchte des Fleißes aufgeklärt wurden, als Aula gedient hatte. Hier mußten sich alle Arbeitslosen den Tagesstempel holen. Hinter langen Tischen saßen fünf Beamte für diese Arbeit, an regulären Tagen mußte jeder Mann eine halbe Stunde warten, bis er an die Reihe kam. Es war kein Vergnügen, weder für die Beamten, noch für die Wartenden. Heute aber war der Konferenzsaal geschlossen. In langer Schlangenlinie warteten die Unterstützungsempfänger, immer fünf Mann nebeneinander, für jeden Beamten einen Mann. Die Schlange begann an der Tür des Konferenzzimmers, ging durch den langen Gang der zweiten Etage, machte eine Wendung um die Ecke, kletterte im Seitenflügel die Treppe herab, zog durch einen schmalen Gang der ersten Etage, stieg in kurzen Windungen ins Erdgeschoß und endete hier, etwa zehn Meter von der Hoftür entfernt. Es hatte sich schon einige Male ereignet, daß die Schlange bis in den Hof gekommen war.

Noch aber war sie im Gebäude des Arbeitsamtes.

Es schlug dreimal. Viertel vor neun.

Emanuel, Robert und Erwin kamen herein.

Die Jungen schlossen sich der Schlange an.

Sie warteten.

Die Ausgangstür lag etwas tiefer als der Gang, in dem die Leute warteten. Fenster gab es an dieser Stelle nicht, so war alles in ein unsicheres Halbdunkel gehüllt, in die müde, verbrauchte Luft eines nutzlosen Vormittags. Ruhig standen die Leute nebeneinander und erzählten sich leise Dinge, die sie schon hundertmal erzählt hatten. Hier geschah immer dasselbe. Da es nur Männer waren – die erwerbslosen Frauen wurden an einer anderen Stelle abgefertigt –, hob sich keiner vom anderen ab. Leute mit feldgrauen Jacken, die sie schon bald fünfzehn Jahre trugen, Sweater, offene Hemden, Windjacken. Nur wenige mit Kragen und Schlips. Draußen war es warm, Sommer, die beste Zeit. Die Monate würden schnell vorübergehen, dann kam der Regen und die Kälte und die Heimatlosigkeit, dann fehlten die Mäntel und Schuhe, dann fehlten Heizung und Wärme und alles. Sie scharrten leise mit den Füßen, es klang, als bewegte sich die Schlange vorwärts, aber die Schlange stand weiterhin still. Es roch auch nach den Kleidern, ein leicht süßlicher, muffiger Geruch, untermischt mit dem Gestank schlechten Knasters und billiger Zigaretten.

Von den Wänden rieselte immerwährend Kalk, und dieses zarte Geräusch übertönte sogar das Murmeln der Wartenden. »Verflucht nochmal, die haben da oben wohl noch nicht ausgeschlafen«, sagte einer.

»Wenn wir Schwein haben, schließen sie unten den Schalter, ehe wir drankommen. Und dann können wir bis morgen früh den Magen hochbinden.«

Dann war es wieder eine Weile ganz still, und sie hörten alle den Kalk rieseln. Die Leute wußten, daß an den Kassenschaltern pünktlich zwölf Uhr Schluß gemacht wurde, und wer sich bis dahin das Geld nicht geholt hatte, bekam es erst am nächsten Tag. Für Emanuel kam das nicht in Frage, er mußte sich nur den Tagesstempel holen.

Erwin Bayer zog aus seiner oberen Jackentasche eine zerknautschte Zigarette.

»Nanu?« sagte Robert und hielt seine Hand hin.

»Die letzte«, antwortete Erwin, »Kippe?«

»Nee, so lange kann ich nicht warten, halbiere sie.«

Erwin nahm die Zigarette wieder aus dem Mund, um sie in zwei Stücke zu teilen. Aber auf einmal sah er auf und betrachtete aufmerksam Emanuel.

»Nee nee«, Emanuel wehrte ab, »ich rauche nicht.«

Geschickt riß Erwin mit dem Daumennagel die Zigarette mittendurch und reichte die eine Hälfte Robert. Schweigend begannen sie zu rauchen.

Sie waren nicht mehr die letzten. Immerzu kamen neue und stellten sich hinten an. Die Schlange ging schon bis zur Tür. Emanuel betrachtete ruhig und glücklich den Rücken seines Vordermannes, der hatte einen braunen Anzug an mit sechseckigem Wabenmuster. Durch das Braun liefen rote Fäden, die man aber erst beim genaueren Hinsehen entdeckte. Das Muster war schon etwas verwischt und die Fäden faserten an einigen Stellen aus, aber Emanuel konnte sich ganz genau vorstellen, wie dieser Anzug früher ausgesehen hatte, als er noch neu war. Wenn ich einmal so einen neuen Anzug anhätte, vielleicht diesen dunkelbraunen, oder besser noch einen helleren, ach nein, einfach einen Chauffeuranzug, und dann bekomme ich ein Taxi, und dann sieht sie mich, und ich gefalle ihr, und ich fahre sie ins Geschäft, ach so, sie ist gar keine Verkäuferin, sie ist eine Tänzerin, sie waren tanzen, ihre Freundin hat es gesagt, deshalb sind sie in der Nacht weggewesen, ja, später hat sie das nicht mehr nötig, da braucht sie nicht mehr nachts fortzubleiben ... komisch ... Er dachte plötzlich an das Plakat.

... Susie wird doch nicht dazu gehören? Quatsch. Denkst wohl gar, sie ließe sich mal pro Abend verschenken, was? Du Trottel, du! Du einfältiger Idiot, du, sie ist eine gute Tänzerin und eine anständige noch dazu.

Er biß sich auf die Lippen, aber der dumme Gedanke wollte nicht weggehen. Er fühlte sich sehr unglücklich, daß ihm so etwas überhaupt eingefallen war. In der Reihe vor ihm spielten sie Karten. Es gab viele Kiebitze. Sie machten das Spiel im Stehen, brauchten keinen Tisch dazu, denn jeder behielt seine Karten, sie zogen einige, zeigten sie vor, steckten sie wieder weg, und dann hatte plötzlich einer gewonnen, sie warfen die Karten zusammen, mischten und begannen von neuem. Emanuel verstand nichts vom Kartenspiel, aber er sah doch zu. Er mußte immer dasselbe denken.

Neben Emanuel stand ein dicker Mann mit einem breiten, weißen Gesicht. Als er zu sprechen begann, sah Emanuel, daß der Mann Säcke unter den Augen hatte und daß sein Gesicht aufgedunsen war.

»Ich komme gerade aus dem Gefängnis«, sagte der Mann, »ich habe drei Monate abgerissen.«

»So«, sagte Emanuel.

»Ich habe eine Vertretung gehabt«, sagte der Mann. Einige drehten sich um und hörten zu.

»Eine Vertretung für Gesundheitstee«, sagte der Mann. Er sprach sehr schwerfällig und sah starr geradeaus.

»Wir mußten Bestellscheine ausfüllen lassen«, sagte der Mann. »Dafür bekamen wir unsere Provision. Einmal gingen sechs Aufträge von mir zurück. Der Obervertreter behauptete, sie wären gefälscht. Sie waren aber ganz richtig, die Leute konnten bloß nicht zahlen. Vier davon erklärten vor Gericht, sie könnten sich nicht erinnern. Aber zwei beschworen, daß sie mir nie einen Auftrag gegeben hätten, und da haben sie mich verknackt. Ich wäre verstockt, sagte der Richter, und man müßte endlich mal durchgreifen, damit der Provisionsschwindel aufhöre, und sie haben mich auch nicht aus der Haft entlassen.«

»Wo hast du denn gesessen?« fragte einer der Jungs.

»Hast du die Vertretung durch das Arbeitsamt bekommen?« fragte ein Mann namens Müller.

»Es ist eine große Scheiße«, sagte Erwin. Er drückte sich an der Wand herum. »Ob deine Bestellscheine echt oder gefälscht sind, das ist doch Jacke wie Hose. Wann kriegst du denn eine Bestellung, he? Einen Fünfer reichen sie dir raus, wenn du recht erbärmlich aussiehst, und dann knallen sie die Tür zu. Dann kannst du alle Fürze lang dem nächsten besten Schupo deine Papiere vorzeigen ...«

»Dir mit deiner Verbindung zur Polizei wird das wohl nicht den Schlaf rauben«, meinte Robert.

»Quatsch nicht.«

Alle beteiligten sich an dem Gespräch, nur die Kartenspieler hörten nicht zu. Die Schlange rückte nicht vorwärts.

»Sein Bruder ist nämlich bei den Kosaken«, sagte Robert, »aber er ist 'n feiner Kerl.«

»Ist das nu 'ne Gerechtigkeit?« meinte der Dicke, »das ist keine Gerechtigkeit, sage ich.«

»Recht haste.«

»Wie lange sollen wir uns eigentlich noch die Beine in den Leib stehen?«

»Ich werde mal raufgehen und nachsehen. Die Kiste mal in die Hand nehmen. Da müssen erst Männer kommen«, sagte Robert.

»Mach dir nur nicht das Vorhemd voll!«

Sie lachten. Robert trat aus der Reihe und ging nach oben.

Eine Weile wurde es wieder still. Man wollte wissen, wie lange das noch dauern würde und was da oben eigentlich los war.

»Dein Bruder ist bei der Schupo?« fragte Emanuel.

Erwin Bayer nickte.

»Nehmen die noch Leute?« fragte Emanuel weiter.

Erwin schüttelte den Kopf. Dann sah er Emanuel aufmerksam an.

»Warum willst du denn das wissen?«

»Vielleicht würde ich eintreten«, sagte Emanuel leichthin. Erwin lachte laut.

»Hier will einer Kosak werden«, sagte er zu den Umstehenden. »Seht euch mal den Goldjungen an.«

»Dein Bruder ist doch auch dabei.«

»Was mein Bruder ist, geht dich einen Dreck an.«

Erwin Bayer machte kein gutes Gesicht, er war blaß und ganz schmal, schmal von Entbehrungen und Sorgen, außerdem hatte er dunkle Augen und sehr breite Augenbrauen. Er schien nur darauf zu warten, von Emanuel eine Antwort zu bekommen.

Der aber schwieg.

Ihm war auf einmal hundeelend zu Mute. Er fühlte sich verlassen und allein zwischen diesen arbeitslosen Männern. Hunger hatte er auch. In ihm war alles leer. Er dachte an Susie. Sie mochte ihn nicht. Sie würde einmal einen reichen Mann heiraten, einen Mann, der Arbeit hatte, oder einen Mann, der es nicht mehr nötig hatte, zu arbeiten. Und dieser Mann würde sie unglücklich machen. Sie würde zwischen all ihrem Reichtum armselig und hilflos sein, armselig, und hilflos wie Emanuel jetzt. Und dann würde sie vielleicht an ihn denken. Und dieser Gedanke tat ihm wohl. Aber im nächsten Augenblick kam er sich furchtbar dumm und einfältig vor, daß er an so was dachte. So 'n Quatsch. Das kam nur in den amerikanischen Filmen vor, die er sich so gern ansah. Nirgends sonst.

Es verschaffte ihm keine Erleichterung, das zu wissen.

Und dann drehte sich alles in seinem Kopfe herum, genau so, wie am Morgen im Zimmer, als die beiden Mädchen dabei waren. Nur kam es jetzt viel stärker. Er hatte das Gefühl, im nächsten Augenblick bewußtlos hinzustürzen, in einen tiefen Abgrund; er hätte an die Wand gehen können, um sich anzulehnen, aber er tat es nicht. Er blieb ruhig stehen, beobachtete sich ganz genau, so wie der Arzt einen Kranken beobachtet, es war eine ganz unpersönliche Sache, und dann ging der Schwindelanfall langsam vorbei. Ihm war, als müßten die anderen etwas gemerkt haben – hatte er nicht geschwankt? –, aber sie standen ebenso gleichmütig und ruhig da wie vorher und warteten und sahen ihn nicht an. Sie hatten mit sich selbst zu tun.

Nur Robert schien etwas zu merken, als er von oben zurückkam.

»Zählst du die Würmer im Bauche?« sagte er.

Emanuel schrak auf, er hatte seine Augen auf Robert gerichtet, aber er sah ihn nicht an, der Blick ging in die Ferne, er machte Robert Platz.

»Nun?« fragten mehrere.

Robert antwortete nicht sofort. Er nahm eine kleine Shagpfeife aus der Tasche, stopfte sie umständlich und steckte sie behaglich in den Mund.

»Feuer?« sagte er.

Einer hielt ihm ein Streichholz hin.

Die Leute hatten ziemlich Respekt vor Robert, obwohl er einer der Jüngsten war. Er spielte in der Partei eine Rolle und gehörte zu den Funktionären des Arbeitslosenausschusses.

»Da oben kann es noch Qualm geben«, sagte er. »Die Leute warten zum Teil schon seit sieben Uhr.«

»Ist die Tür noch immer zu?«

»Ja.«

»Und niemand hat etwas gesagt?«

»Nee.«

»Da muß man mal reingehen und sich beschweren.«

»Ist schon geschehen.«

»Und was haben sie gesagt?«

»Ihr hättet euch den Tagesstempel für beide Abteilungen schon gestern holen sollen.«

»Wieso gestern schon?«

»Die Herren Beamten behaupten, das wäre am Montag allen mitgeteilt worden.«

»Wo hat denn das gestanden?«

»Ist ja nicht wahr!«

»Da sollen wir wohl erst morgen Geld kriegen?«

Robert hob eine Hand hoch und lachte.

»Alles bleibt hier.« Und dann nach einer kleinen Pause, mit eindringlicher Stimme: »Winter und Swarzenski sind oben!« Diese Meldung machte sichtlich Eindruck auf die Männer. Winter und Swarzenski waren die Obleute des Erwerbslosenausschusses vom Arbeitsamt Nordost, sie hatten einen bedeutenden Einfluß auf die Arbeitslosen.

Emanuel drehte sich um. Dichtgedrängt standen die Wartenden hinter ihm, die Schlange reichte schon bis in den Hof.

»Ich habe vor einigen Jahren mal in Stadtmitte gestempelt«, erzählte Müller, »da mußten wir immer einen ganzen Vormittag warten, und einmal haben sie uns nachmittags um fünfe wegschicken wollen, ohne daß wir was gekriegt hatten. Aber da ist die Hölle losgegangen. Die Glaser haben dann ganz gute Geschäfte gemacht.«

Die Kartenspieler hörten nun auch zu. Einer von ihnen, ein Mann mit einem kleinen Schnurrbart, sagte: »Wenn wir heute überhaupt noch was kriegen, dann kommen wir nicht vor ein Uhr dran. Und dann gehe ich nach Hause, und meine Frau kommt von der Arbeit, und ich habe das Essen noch nicht fertiggemacht, und sie denkt, ich bin sonstwo gewesen, und es gibt Krach – es ist ein großer Mist.«

Alle waren verbittert. Allen hing das nutzlose Warten zum Halse heraus. Ihre Wut machte sich in wüsten Schimpfworten Luft. Aber Winter und Swarzenski würden schon wissen, was zu tun war. Sie hatten großes, fast unbeschränktes Vertrauen zu den beiden Obleuten.

»Höhler hat heute oben Dienst«, berichtete Robert weiter.

»Höhler?«

»Äh ... Höhler!«

»Nun sieh mal an.«

Einer spuckte aus, als habe er was Schlechtes in den Mund bekommen.

Dann schwiegen die Leute wieder. Einige lehnten sich an die Wand, von der immer noch Kalk herunterrieselte. Die übliche Fünferordnung löste sich sichtbar. Etwas war nicht mehr in Ordnung.

»Äh, Höhler!« wiederholte einer verächtlich, nachdem eine kleine Weile vergangen war.

Höhler gehörte zu den Aufsichtsbeamten des Arbeitsamtes Nordost.

Es mochte kurz vor zehn sein. Und plötzlich, ganz unvermittelt und ohne jeden ersichtlichen Grund, dachte Emanuel wieder an das Plakat mit dem nackten Tanzmädchen und der Aufschrift: Das verschenkte Girl.

Wie kann man denn so ein Mädchen verschenken, dachte er, das verstehe ich nicht. Wenn ich etwas verschenken will, muß es mir gehören, und wenn das Stadthotel – er, merkte mit Entsetzen, daß er sich sogar schon den Namen des Hotels eingeprägt hatte, obwohl ihn die ganze Geschichte eigentlich einen Dreck anging –, wenn also das Stadthotel ein Tanzmädchen verschenken will, dann muß das Tanzmädchen natürlich dem Stadthotel gehören. Klar? Nun, angenommen, ich würde hingehen mit einer richtigen Eintrittskarte für zig Mark, und ich würde das Mädchen gewinnen, was würde dann passieren? Dann habe ich also ein Mädchen. Für wie lange? Und darf ich alles mit ihr machen? Oder muß ich sie unbeschädigt wieder abliefern? Aber das wäre gar kein richtiges Geschenk, das wäre einfach ein Schwindel.

Er beschloß, vorsichtig Robert um seine Meinung zu fragen. Aber Robert kam ihm zuvor: »Komm, wir gehen mal rauf«, sagte er, »mal sehen, wie die Sache steht.«

Sie gingen durch das Erdgeschoß, stiegen die gewundene Treppe empor in die erste Etage, dann kamen sie durch den schmalen Gang und höher in die zweite Etage und liefen immer weiter bis zur Tür des Konferenzsaales, und überall standen Männer und warteten, aber sie schwiegen nicht mehr wie am frühen Morgen, in die Reihen war Unruhe und Unordnung gekommen, die Stimmen der Männer klangen wütend und gereizt, einige traten heraus und gingen mit nach oben, so daß vor der Konferenztür eine dichtgeballte Masse stand, die sich hin und her schob. Seltsamerweise war hier oben die Stimmung erheblich vergnügter und aufgekratzter. Zwar diskutierten drei oder vier Leute in der Mitte der Ansammlung sehr heftig, und sie schienen nicht einig zu sein, aber die Umstehenden machten Witze dazu, krakeelten und lachten.

Robert und Emanuel wollten sich durchdrängen, aber sie kamen nicht weit, denn jeder wollte seinen Platz behalten, und niemand dachte daran, zurückzugehen.

»Sie wollen uns heute nicht abfertigen«, schrie ein junger Bursche, »sie denken, mit uns können sie machen, was sie wollen, wir müssen ihnen die Hammelbeine lang ziehen, damit sie wissen, mit wem sie es zu tun haben.«

»Feste, Oswald!« rief einer aus dem Gedränge dem jungen Burschen zu, »verdiene dir mal das E. K.«

»Halt die Klappe, du Etappenhengst«, antwortete Oswald. Alle lachten.

»Wo sind denn die Obleute?« sagte jemand zu Emanuel, »die lassen sich wohl nicht sehen, wenn es brenzlig wird.«

»Doch, die sollen hier sein«, antwortete Emanuel.

Ein Neuangekommener rief laut: »Swarzenski!«

Alle drehten sich nach dem Rufer um.

Aus dem Gedränge kam ein kleiner, schwarzhaariger Mann mit einem Kneifer. Es war Swarzenski. Er sprach leise etwas mit dem Neuen. Eine Weile wurde es ruhig.

Da kam von der anderen Seite des Ganges ein Aufsichtsbeamter. Emanuel war wohl der erste, der ihn sah, da er sich ganz außerhalb des Gedränges befand. Die Beamten des Arbeitsamtes trugen alle ihre Zivilkleidung und nur eine weiße gestempelte Armbinde als Zeichen ihres Amtes.

Emanuel sah auch sofort, daß es Höhler war.

Höhler war schon ziemlich alt und ganz mager, die Kleider schlotterten an ihm herum, an den Händen hatte er Gichtknoten und nur spärliches weißes Haar auf dem Kopfe. Wenn er jemanden ansehen wollte, beugte er seinen Kopf etwas vor und sah von unten nach oben. Man hatte den Eindruck, als würde er über eine schlecht sitzende Brille hinwegsehen. Er hatte dreißig Jahre Kommiß hinter sich, Berufssoldat, der auch die neue Zeit mit Feldwebelaugen, verschärft durch hypochondrische Anfälle infolge Zipperlein, ansah. Die Arbeitslosen, die leider seine seelische Konstitution nicht begreifen wollten, waren für ihn eine herrliche Rekrutenarmee. Deshalb war Höhler der verhaßteste Beamte des Arbeitsamtes. Er aber hielt sich immer noch für den besten Feldwebel.

Er kam langsam näher und sah schon von weitem von unten nach oben. Die wartenden Männer schienen ihn überhaupt nicht zu interessieren, obwohl er die Funktion hatte, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Auch die Männer beachteten Höhler nicht, sie drehten nur die Köpfe nach ihm hin und sahen ihn schweigend an. Es war auf einmal ziemlich still.

Höhler ging auf die Tür des Konferenzsaales zu.

»Na, macht mal Platz!« schnauzte er. Er hatte eine üble Stimme.

»Na, na«, sagten ein paar, aber sie drückten sich doch zur Seite.

Als Höhler schon die Türklinke in der Hand hatte, legte ein junger Bursche seine Hand auf Höhlers Schulter und sagte: »Wie lange sollen wir eigentlich noch hier warten?«

Höhler schüttelte die Hand ab, sah von unten nach oben und sagte: »Wenn ihr nicht ruhig warten könnt, kommt ihr überhaupt nicht dran.« Im selben Augenblick öffnete er die Tür. Aber weiter kam er nicht.

Derselbe Junge, der die Frage an den Beamten gerichtet hatte, riß nun die Tür auf und packte Höhler grob an der Jacke: »Sag das nochmal!«

Alles ging blitzschnell.

Die Arbeitslosen an der Tür, auch Emanuel und Robert, sahen die erstaunten Beamten an ihren Tischen sitzen und frühstücken. Es sah so aus, als hätten die Beamten seit sieben Uhr ununterbrochen gefrühstückt, in Wirklichkeit durften sie auf höhere Weisung die Tür nicht öffnen, um erst ihren statistischen Monatsabschluß fertigzumachen. Die Beamten hatten alle weiße Kittel an. Sie schienen im ersten Augenblick erstarrt vor Staunen und Überraschung. Einer hatte sein Butterbrot halb zum Munde gehoben und auf dem Wege dahin verweilte der Arm nun, unbeweglich und erstarrt wie eine Salzsäule.

Höhler dagegen entwickelte erstaunliche Kräfte, als der junge Bursche ihn anpackte. Mit einem kurzen Ruck hatte er sich losgerissen, dann versetzte er seinem Angreifer einen derben Stoß, daß dieser bis zur Tür zurücktaumelte und gegen die anderen Arbeitslosen flog. Höhler versuchte rasch die Tür zu schließen.

Nun merkten die Beamten auch, daß es sich um mehr als eine der kleinen täglichen Auseinandersetzungen handelte, zwei griffen schon nach dem Telephon, um die Polizei zu alarmieren.

Im selben Augenblick aber ging die Hölle los.

Der ganze Trupp vor der Tür warf sich mit einem Ruck nach vorn. Höhler stolperte und fiel, über ihn ein paar der Jungens hinweg, der zweite Flügel der Tür gab unter dem Druck nach, und alles strömte in den Stempelsaal. Ein paar Arbeitslose waren in raschem Sprunge bei den Beamten und schlugen ihnen die Telephone aus der Hand. Die Jungens sprangen über die Schaltertische hinweg, warfen die Akten zu Boden und hängten sich den Beamten an die Hälse.

Emanuel hatte eine furchtbare Wut bekommen, als er die höhnische Antwort Höhlers hörte, dann noch mehr, als er die frühstückenden Beamten sah. Er hörte noch, wie Robert zu ihm sagte: »Ran an den Speck!«, und dann quetschte er sich mit den anderen durch die Tür des Stempelsaales. Er sah Höhler stöhnend in einer Ecke liegen, auf dem Bauche, mit heruntergerissener Jacke. Die Arbeitslosen kletterten an den Registraturen, auf den Schreibtischen und überall herum, zerrissen und zerfetzten, was ihnen in die Hände fiel und vollführten dabei einen Riesenkrach. Einige schossen Äpfel durch den Saal, anscheinend die Zugabe zum Frühstück der Beamten.

Da brüllte jemand: »Raus!«

Es war Swarzenski. Neben ihm stand Winter, ein großer, breitschultriger Mann, und dahinter Robert.

»Raus! Denkt ihr etwa, die haben die Polente noch nicht benachrichtigt?«

Es wurde plötzlich still im Saal, während es im Hause noch rumorte. Alle hörten den fernen Lärm.

»Die konnten doch nicht mehr telephonieren«, sagte ein Junge.

Swarzenski sagte gar nichts, er zeigte nur nach nebenan. Natürlich, überall in den Zimmern saßen noch Beamte und das ganze Haus war in Aufruhr. Das Arbeitsamt war besetzt von den Arbeitslosen, sie drangen von draußen ein, sie kamen durch den verbotenen Eingang der Nebenstraße, sie schlossen die Türen und rannten von Etage zu Etage. Es war ein toller Lärm.

»Selbstschutz antreten!« kommandierte Winter.

Langsam leerte sich der Saal.

Die Beamten standen schweigend an der Fensterseite und betrachteten sich die Sache, sie machten ganz indifferente Gesichter und einer putzte sich seinen Ärmel ab. Sie pflegten bei solchen Anlässen zu den Arbeitslosen zu sagen: »Wir sind doch genauso arme Luders wie ihr!« Ihnen war nichts geschehen. Höhler lag noch am Boden, er hatte etwas abgekriegt. Ein Schrank war umgestürzt worden, eine Fensterscheibe hatte einen kleinen Sprung, und die Akten waren nicht mehr ganz in Ordnung.

Im ganzen Haus traten die Selbstschutzkolonnen der Arbeitslosen an, vier zu vier. Sie säuberten das Haus. Die Arbeitslosen sollten auf der Straße warten und sich nicht provozieren lassen. Sie sollten aber auch die Straße nicht verlassen, bis die Delegation Bericht erstattet hatte. Swarzenski, Winter und noch zwei andere Arbeitslose begaben sich zu dem Direktor des Arbeitsamtes.

Emanuel ging langsam aus dem Haus. Er hatte Robert verloren. Eine seltsame Erregung war über ihn gekommen, sein Herz schlug heftig, und er ballte seine Fäuste. Er horchte auf alle Gespräche. Es wurde viel erzählt. Polizei sollte schon unterwegs sein. Aber das konnte natürlich niemand wissen.

Der Selbstschutz hatte eine Kette gebildet und drückte die Leute hinaus. Sie folgten alle freiwillig, nur ging das nicht so schnell, weil die Ausgänge verstopft waren.

Wo kamen die vielen Leute so schnell her?

Draußen schien noch die Sonne, Emanuel war ganz erstaunt, als er aus dem dunklen Haus kam. In den Hinterfenstern der Häuserblocks lagen viele neugierige Frauen.

Alles drängte auf die Straße.

»Das gibt noch einen Schlamassel«, sagte einer, »wir hätten aus dem Arbeitsamt nicht rausgehen sollen.«

»Gefällt es dir so gut?«

»Weitergehen, weitergehen«, sagten die Leute vom Selbstschutz, »und quasselt nicht so viel Blödsinn. Wenn die Polizei kommt, hat sie euch hier drinnen sofort am Kanthaken.«

Der Straßenhändler mit den Glasschneidern hatte sein Tischchen zusammengeklappt, neben ihm stand der Schalverkäufer mit seinem geschlossenen Musterkoffer. Sie machten keine freundlichen Gesichter.

»Wollt ihr nicht mit stempeln gehen?« rief jemand aus der Menge.

In die grauen Gesichter war Leben gekommen, sie stießen sich an, lachten. Draußen auf der Straße hörte man singen. Erstaunlich, wie viele Menschen an einem Morgen im Arbeitsamt abgefertigt wurden. Emanuel vergaß seinen Hunger, er vergaß seine Traurigkeit. Er dachte nicht mehr daran, aus der Stadt fortzugehen. Er vergaß sogar für eine ziemlich lange Zeit, daß er noch den Handkoffer vom Bahnhof abholen mußte. Er lachte auch. Mit der rechten Hand fuhr er sich ein paarmal durch seine borstigen, widerspenstigen Haare, es war eine zufriedene Bewegung, und sie tat angenehm wohl. Dabei schob er sich im Strom immer weiter vorwärts, es ging sehr langsam. Aber schließlich kamen sie in den Torweg und dann auf die Straße. Weder von Robert noch von Erwin Bayer war etwas zu sehen.

Die Straße war schwarz von Menschen. Die Leute standen in Gruppen zusammen und diskutierten. Kinder trieben sich dazwischen herum und Frauen, aber meistens waren es junge Leute.

Emanuel mußte einen Augenblick verschnaufen, als er in das helle Licht der Straße sah, die Sonne kam warm und angenehm herunter, und er dachte leicht fiebernd: Wie wird es weitergehen?

Und in diesem Augenblick hörte er das Polizeiauto trillern. In diesem Augenblick hörten alle das Polizeiauto trillern.

Sie drehten sich in der Richtung um, die Kinder liefen auf den Fußsteig, es wurde ganz still, und dann rief alles: »Sie kommen!«

»Ruhig bleiben!«

»Nicht weggehen!«

»Wo ist der Selbstschutz?«

»Stehen bleiben!!«

Und dann:

»Bluthunde! Bluthunde!«

Wie alle anderen blieb Emanuel ruhig stehen. Er zitterte etwas, und im Magen hatte er ein seltsam kitzliges Gefühl. Alles sah leicht und klar und durchsichtig aus, ein wenig zu klar vielleicht. Große Ruhe. Ein verspätetes Fenster wurde klirrend geöffnet.

Es waren acht Mann. Sie gingen in der Mitte der Fahrstraße und hatten ihre Gummiknüppel in der Hand. Die Gummiknüppel wippten leicht hin und her. Nur der erste, der anscheinend das Kommando führte, hielt den Knüppel noch an der Schlaufe. Sie sahen gesund und stämmig und tadellos aus in ihren sauberen Uniformen.

Nach den ersten Rufen der Menge war es ruhig geworden.

Alle warteten, wer den Anfang machen würde.

Die Schutzpolizisten kamen langsam näher, vor ihnen öffnete sich eine Gasse, die Erwerbslosen machten ihnen Platz.

»Halt!« befahl Rothacker.

Seine Beamten blieben stehen.

»Wir werden zuerst den Toreingang säubern«, sagte Rothacker. »Aber nicht unnötig schroff vorgehen, auch nicht, wenn Schimpfworte fallen.«

Wachtmeister Korn sah ihn an, mit einem halb mitleidigen, halb verächtlichen Blick, wie es Rothacker schien.

»Los!« sagte Rothacker.

Die Beamten gingen in Schwarmlinie auseinander, mit einem halben Meter Abstand von Mann zu Mann. Karl Bayer lief eng neben Rothacker, er ließ den Gummiknüppel lose an der Hand herunterhängen.

Am rechten Flügel ging der Wachtmeister Albrecht Korn.

Die Arbeitslosen standen noch immer ruhig da, beobachteten aber genau, was die Polizei machte. Die Frauen, die an den Hausfronten und in den Türen und Torwegen standen, schimpften.

»Weitergehen, weitergehen«, sagten die Beamten.

»Nicht stehenbleiben! Weitergehen!«

Die Arbeitslosen gingen vor dem Polizeitrupp auseinander, aber hinter ihm schlossen sie sich wieder zusammen.

Fern hörten sie einen Zug pfeifen, ein schweres Lastauto ratterte auf einer Seitenstraße vorüber, die Häuser zitterten, die Sonne schien immer heftiger, es wurde unbehaglich heiß. Wachtmeister Korn war dem Toreingang am nächsten. Ein Teil der Leute ging in das Innere des Torweges, die anderen drängten nach außen. Einige junge Burschen blieben am Tor stehen, sie hatten ihre Hände in den Hosentaschen, und man wußte nicht, was sie noch in den Hosentaschen hatten, und sie sahen den Beamten ruhig entgegen. Es waren Selbstschutzleute. Korn ging auf den nächsten zu und sagte: »Mach, daß du wegkommst!«

»Ich kann doch hier stehen bleiben«, antwortete der Junge.

Korn hob seinen Arm, es war nur eine kurze Bewegung, er holte nicht weit aus und schlug mit dem Gummiknüppel zu. Der erste Schlag traf auf den rechten Unterarm, den der junge Mann schützend vor das Gesicht gehoben hatte, der Arm klappte mechanisch nach unten, und der nächste Schlag ging quer über die Stirn. Der Junge knickte zusammen und erhielt noch einen schweren Schlag auf den Schädel. Korn stand nun über ihn gebeugt und schlug weiter. Unter seinem Tschako rann der Schweiß hervor.

Alle sahen es.

Einen Augenblick war die Straße ruhig, starr. Ohne Atem. Von hinten rückten die anderen Beamten an. Nur wenige Meter trennten sie noch von den nächsten Arbeitslosen. Die blieben stehen und wichen nicht zurück.

Vorn steht einer breitbeinig, das Hemd offen, er sieht zu Korn hin. Und auf einmal nimmt er die Hände aus den Taschen und springt los, ein paar Leute vom Selbstschutz folgen ihm. Korn ist stark und gewandt, er läßt von dem Niedergeschlagenen ab und trifft die beiden ersten Angreifer mit dem Gummiknüppel. Von hinten springt einer ihn an und schlägt ihm mit der Faust den Tschako ins Gesicht, der Sturmriemen rutscht unter seinem Kinn weg. Korn beugt sich tief, der Angreifer kommt aus dem Gleichgewicht und kollert zu Boden.

»Bluthunde! Schlagt sie tot, die Bluthunde!« brüllt die Straße.

Rothacker trillert auf seiner Pfeife, die sieben Mann laufen zu Korn hin, von allen Seiten werden sie angegriffen, ein Arbeitsloser hält das Bein eines Beamten fest, eine Frau schlägt Karl Bayer mit der Faust ins Gesicht, die Beamten reißen ihre Revolvertaschen auf, greifen nach den Waffen und halten sich dicht zusammen.

»Nicht schießen!« befiehlt Rothacker. »Macht die Seitengewehre ab!«

Ein peitschender Schlag ... Wachtmeister Korn hat geschossen.

Die Angreifer verschwinden rasch in der Masse, ausgelöscht, aufgesogen. Der niedergeschlagene schwer blutende Mann vom Selbstschutz wird von den Arbeitern fortgetragen. Die Straße brodelt und kocht.

Die acht Polizeibeamten stehen eng aneinander gelehnt, sie schwitzen und atmen heftig und überlaut und sagen gar nichts. Karl Bayer zittert, er hat Schüttelfrost, er friert in der warmen Sonne. Sie haben ihre Seitengewehre draußen. Korn hält immer noch den Revolver in der rechten Hand, den Arm schwer in die Hüfte gestützt.

Rothacker beobachtet seinen Untergebenen, aber er wiederholt den Befehl nicht. Korn sieht den Zugführer gar nicht an, er sieht in die Menge, die wenige Meter vor ihnen steht, auf dem Fußgängerweg, in den Toren und Hausfluren. Die Männer haben ihre Fäuste geballt, man spürt es, man sieht es. Weiter hinten wird gerufen und geschrien:

»Los!«

»Schlagt sie zu Mus!«

Die Arbeitslosen schieben sich immer näher heran. Eine Mauer aus Leibern wächst um die Polizeiabteilung. Rothacker läßt seine Leute einen Kreis bilden, Arm an Arm, die Beine gespreizt, mit eingezogenen Schultern. Er hofft auf raschen Entsatz.

Hinter der Menschenmauer steht Swarzenski. Der Direktor des Arbeitsamtes hat sich geweigert, mit der Delegation zu verhandeln.

»Hat der Schuß jemanden getroffen?« fragt er. Niemand weiß etwas.

»Die Kuriere her! Aber schnell! Und die Abteilungsleiter!« Viele sprechen auf ihn ein. Nicht weit von ihm entfernt steht Emanuel und starrt den kleinen, unscheinbaren Mann an. Er möchte auch etwas tun, mithelfen, aber niemand beachtet ihn. Er schlängelt sich von einer Gruppe zur anderen. Ein Stück läuft er neben dem Verwundeten her, der auf einer Bahre weggetragen wird. Der Verletzte hält die Augen geschlossen, das Blut hat man ihm abgewaschen, sein Gesicht ist von einer entsetzlich grünen Farbe überzogen, auf der Stirn, unterhalb der ersten Haarwurzeln, beginnt der blutige Riß. An der nächsten Straßenecke bleibt Emanuel stehen, und dann kehrt er schnell zurück. Die Straße ist voller Menschen. Fiebrige, erregte Gesichter. »Die Hunde haben geschossen. Warum macht ihr nicht schnell Schluß mit den paar Männekens?«

»Ruhe! Nicht provozieren lassen!«

Die Kuriere stehen vor Swarzenski. Der Obmann spricht einige Worte. Und die so leise, daß Emanuel nichts versteht. Aber er sieht Robert zwischen den Kurieren, er ist stolz auf seinen Kameraden. Sein Herz hämmert. Vor Freude. Die Jungens spritzen los. Einer hängt sich an einen Lastkraftwagen, andere haben Fahrräder bei sich, oder sie borgen sich Räder, das geht schnell, jeder kennt jeden, jeder weiß wozu. Robert hatte kein Rad. Er mußte zum Arbeitsamt Ost II. Er lief bis zur Hauptstraße, er rannte und sah sich überall nach irgendeiner Gelegenheit um, noch schneller vorwärts zu kommen. Aber erst, als er schon fast die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, rief ihn ein Chauffeur an. Es war Wilhelm von der Metallfabrik Fritsche & Blumberg, der mit seinem leeren Lastauto nach Hause trudelte.

»Junge, Robert! Verliere die Hosen nicht! Wohin, mein Süßer?«

Schwitzend sprang Robert auf, er konnte kaum sprechen, keuchend kamen die Worte heraus, und die Spucke lief an seinem Mund herunter.

»Bei uns am Arbeitsamt schießen die Kosaken ... und sie werden gleich Verstärkung da haben ... und ich muß ein paar Abteilungen von Ost holen ... und, ach, weißt du ... fahre die Jungen 'n Stück!«

Wilhelm kratzte sich am Kinn.

»Bloß 'n kleines Stück«, bettelte Robert. »Es wird schon niemand merken!«

»Tscha, da muß ich erst die Plane drübermachen ... Und nicht mehr als zwanzig! Und ich warte ein Stück weiter unten. Die Sache muß schnell gehen.«

Sie ging schnell. Robert sprang kurz vor dem Arbeitsamt Ost II ab, und während er dort die Arbeitslosen alarmierte, machte Wilhelm die Plane von seinem Auto herunter. Die Arbeitslosen von Ost II formierten sich zu einem Zuge und marschierten los. Inzwischen waren aber schon zwanzig Leute vom Selbstschutz auf den Lastwagen der Firma Fritsche & Blumberg geklettert. Robert führte seine Kolonne als erste auf den Platz.

Von überallher kamen sie. Selbstschutzstaffeln von den umliegenden Arbeitsämtern, Bauarbeiter von einigen Baustellen, die in der Nähe lagen, Spezialgruppen wurden in Arbeiterwohnungen alarmiert, die trillernden Polizeiflitzer versetzten das ganze Viertel in Aufregung, überall marschierten sie, Arbeiter, Arbeiterfrauen, Jungarbeiter, Arbeitslose, sie rannten, sie gingen in losen Kolonnen, in kleinen Trupps, aus allen Straßen bewegten sich die Züge auf das Arbeitsamt Nordost zu. Sie wußten alle nicht genau, was los war, sie hörten nur die Polizeiflitzer und die Lieder der Demonstranten und den Lärm der Straße, und deshalb marschierten sie. » Großalarm!« schrie ein Arbeiterjunge in eine Mietskaserne hinein.

Der Ruf wurde im ganzen Arbeiterviertel gehört.

»Wie lange sollen wir denn in der Falle noch drin bleiben«, knurrte Wachtmeister Korn. Der Jiu-Jitsu-Lehrer drehte sich nach der anderen Straßenseite und sagte: »Langlotz läßt auch nichts von sich hören.« Und dann fügte er leise hinzu: »Wenn es nicht bald knallt, setzen sie uns hier ein Denkmal.« Rothacker sollte diese Worte nicht hören. Die Polizeibeamten standen aber so eng zusammen, daß er sie doch hörte. Sie wurden nervös. Die Menge ging nicht auseinander. Mit feindseliger Verbissenheit wartete sie auf einen günstigen Augenblick. Von der Gruppe Langlotz war nichts zu hören und nichts zu sehen.

Rothacker holte tief Atem und dann sagte er: »Schnauze halten! ... he, Schnauze halten, habe ich gesagt!« Einen Augenblick waren alle still. »Wir müssen bis zum Toreingang kommen, dann sind wir in Sicherheit, aber deswegen brauchen wir nicht zu knallen. Befehl, versteht ihr! Auf Zurufe wird nicht reagiert!«

»Und wenn sie mir den Tschako vom Kopfe schlagen«, sagte Korn heftig, »dann sage ich danke schön! Was?«

»Ich werde Sie melden, Wachtmeister Korn!« erwiderte Rothacker. Er hatte eine belegte Stimme.

Korn lachte leise.

»Nehmt die Knüppel in die Hand«, sagte Rothacker. Er trat aus dem Kreis heraus und ging in den leeren Raum, der zwischen den Arbeitslosen und dem Polizeitrupp war. Die Arbeitslosen beobachteten genau seine Schritte. Als er bis zu dem Wachtmeister Karl Bayer gekommen war, blieb er stehen. Der Junge hatte ein käsiges Gesicht.

»Feste, Karl!« sagte er zu ihm. Bayer erwiderte nichts, und auch sein Gesicht veränderte sich nicht. Rothacker zog den Rock unter dem Koppel straff und gab ein Zeichen mit der rechten Hand. Er ging voran, auf den Toreingang des Arbeitsamtes zu.

»Ich fordere Sie auf, die Straße zu räumen!«

Sie schritten entschlossen vorwärts, ihre schweren Stiefel krachten auf das Pflaster. Rothacker ließ seinen Zug schwenken, und zwar so, daß Wachtmeister Korn genau in der Mitte ging. Sie fanden keinen Widerstand. In den hinteren Reihen der Arbeitslosen begannen einige zu singen, das Lied sprang von Mann zu Mann, vorn drehten sie sich um, hörten einen kurzen Augenblick zu, und dann sangen sie mit.

Die Arbeitslosen, die im Toreingang des Arbeitsamtes standen, gingen auseinander, als die Polizeibeamten näher kamen, und dabei sangen sie besonders laut und deutlich.

Von ferne trillerte ein Polizeiauto. Aha!

Auf einmal schrie einer aus der Menge: »Karl!«

Der Polizeibeamte Karl Bayer, der ein Stück hinter Rothacker ging, stoppte jäh, machte eine halbe Wendung und dann drehte er sich wieder um und ging weiter. Rothacker war stehen geblieben, mit einem verbissenen Gesicht. Er fixierte Wachtmeister Bayer scharf, der sah den Blick und errötete über und über. Schnell drehte er sein Gesicht weg und ging merkwürdig schwankend und krampfhaft weiter. Die Erwerbslosen wurden aufmerksam, ihre Gesichter bekamen einen gespannten, witternden Ausdruck, sie wußten nicht genau, um was es sich handelte, einige Leute riefen etwas, niemand konnte die Worte verstehen, denn das Polizeiauto trillerte wieder. Es ratterte auf der Straße näher, ein Trupp Beamter ging nebenher.

»Weitergehen! Weitergehen!«

Einige Jungens, die zu spät zur Seite sprangen, bekamen ein paar mit dem Gummiknüppel übergezogen.

Die Menge pfiff.

Oberwachtmeister Langlotz sagte etwas.

Seine Beamten rannten los, sie jagten hinter einzelnen Arbeitern her und schlugen sie nieder. Das Auto trillerte ununterbrochen.

Die Kette der Demonstranten riß in der Mitte der Fahrstraße auseinander, und die beiden Polizeiabteilungen stießen zusammen. Rothacker ging dem Trupp ein Stück entgegen und blieb salutierend vor Langlotz stehen.

»Mensch, warum haben Sie den Befehl nicht ausgeführt?« Langlotz fingerte an seinem Sturmriemen herum, obwohl der ganz fest saß. »Sie sollten das Arbeitsamt besetzen!«

»Zu Befehl«, antwortete Rothacker. »Wir haben einen Zusammenstoß gehabt. Wachtmeister Korn ist angegriffen worden, und die Menge nahm eine drohende Haltung gegen uns ein. Ich wollte es nicht zu einem Blutvergießen kommen lassen ...«

»Quatsch, Blutvergießen ...« Langlotz dehnte die Worte lang aus. »Sie haben Ihren Befehl auszuführen, verstanden?«

»Befehl!« Rothacker schlug die Hacken zusammen.

Der Oberwachtmeister starrte ihn immer noch an, anscheinend wollte er etwas sagen, aber er fand nicht die richtigen Worte. Rothacker stand korrekt und stramm vor ihm und erwartete seine Befehle.

»Oben sind zwei neue Züge eingetroffen, der eine besetzt das Arbeitsamt von hinten, und wir müssen die Straße säubern.« Er wurde plötzlich wieder jovial: »Lassen Sie die stramme Haltung, das hat hier keinen Nährwert.« Er lachte leise. Rothacker stellte den rechten Fuß ein Stück vor, aber sein Gesicht veränderte sich nicht. Langlotz ärgerte sich wieder. Die beiden Abteilungen hatten die Straßenbreiten vor dem Toreingang des Arbeitsamtes abgekämmt, die Menschen standen nun an den beiden gegenüberliegenden Ausgängen der Straße noch enger zusammengeballt und versperrten die Zufahrt. Der Motor des Flitzers ratterte, und der große schwere Wagen zitterte leicht. Der Chauffeur unterhielt sich mit einem Zivilisten, der plötzlich in der Menge aufgetaucht und ohne nähere Erklärungen durch die Polizeisperre hindurchgegangen war.

»Spitzel!« rief ein Junge und lief ein Stück aus den Reihen der Demonstranten heraus. Er hatte seine Faust erhoben und drohte. Als ein Polizeibeamter auf ihn zulief, machte er schnell kehrt und verschwand in der Menge.

»Provokateur!«

Hinten begannen sie ein neues Lied zu singen. Robert war gerade mit seiner Abteilung erschienen.

Das Lied kannten alle, alle sangen es mit, die Fenster sangen es mit, die Straße sang es mit, die Torwege sangen es mit, das Lied stieg in die Luft, hoch bis zu dem sonnigen heiteren Himmel. Und der Gesang schwoll an, die Nebenstraßen hörten das Lied, die Polizeibeamten hörten das Lied, alle hörten es, alle. Das Propellerlied:

»Und höher
Und höher
Und höher
Wir steigen trotz Haß und Hohn!«

Einige Beamte sahen Langlotz an. Der überlegte, ihm kam an dem Lied etwas bekannt vor, es kam wellenartig, ruckartig auf ihn zu, einen Augenblick erfaßte ihn ein leichter Schwindel, er hatte das Gefühl, als sei er allein auf der Straße, einer schönen fernen Stimme lauschend, jemand strich ihm durchs Haar ... das Polizeiauto trillerte, und da wußte er wieder, wo er war. Er biß sich auf die Unterlippe und krallte die Fingernägel in die Handballen. Langsam brachte ihn der Schmerz zur Besinnung. Es passierte manchmal, daß ihm die Nerven auf diese Weise versagten.

Wachtmeister Korn kam auf ihn zu und flüsterte etwas.

»Natürlich!« sagte Langlotz.

Dann drehte er sich scharf um: »Wachtmeister Rothacker!«

Rothacker klappte die Hacken zusammen. »Mensch, das Lied ist doch verboten!«

»Befehl!«

»Schlagen Sie die Leute auseinander. Die Straße muß gesäubert werden.«

Rothacker zögerte einen Augenblick, er trat nicht weg. Der Gesang schwoll an, wurde stärker, lauter, höhnischer.

»Na, warum warten Sie noch?«

»Ich habe das Gefühl, als würde es bei der Stimmung der Leute einen Zusammenstoß geben.«

Langlotz verzog seinen Mund und sah zur Seite, lächelnd blickte er Korn an. Der begann ebenfalls perfide zu lächeln.

»Sie haben meiner Meinung nach zu viel Gefühle, Wachtmeister Rothacker!« sagte Langlotz. Dann veränderte er rasch seine legere Haltung. »Korn, Sie übernehmen Ihren und Rothackers Zug, Sie kämmen dahinunter ab, Rothacker, Sie übernehmen meinen Zug und säubern nach der anderen Seite. In zwei Minuten ist die Straße frei. Achtung!« Er lief zum Bürgersteig hinüber und trillerte mit seiner Signalpfeife. Die Beamten rannten und stolperten vorwärts. Die Masse stutzte. Das Lied brach in der Mitte ab, ein paar einzelne dünne Stimmen sangen noch ein Stück weiter, dann pfiff, schrie, kreischte, brüllte alles los.

»Bluthunde! Nieder mit der Hungerregierung! Nieder!«

»Stehenbleiben! Stehenbleiben!«

Von der einen Seite kam, über die Erwerbslosen hinweg, ein faustgroßer Pflasterstein geflogen. Nicht weit von Langlotz entfernt knallte er auf den Boden und sprang dann noch einige Meter weiter.

»Hunde!« sagte Langlotz und sah zu dem Stein hin.

Die Menge wich zurück, aber einzelne Männer blieben stehen. Korn und der Jiu-Jitsu-Lehrer sprangen auf einen älteren Mann mit einem kleinen schwarzen Spitzbart zu und schlugen ihn nieder. Die Gummiknüppel pfiffen durch die Luft und klatschten schwer auf. Der Niedergeschlagene sackte zusammen. Einige schleppten sich weiter, tauchten unter in der Menge, in schützenden Hausfluren, in Wohnungen.

»Was machen Sie denn hier, Wachtmeister Bayer?« schnauzte Langlotz.

Bayer drückte sich in der Mitte der Straße herum, er nestelte an der Schlaufe seines Knüppels. Nun lief er rasch hinter den anderen her.

»Na warte«, sagte Langlotz und folgte ihm in raschen Sprüngen.

»Zusammenbleiben! Nicht ausreißen!«

Ein junger Bursche stieß nach einem Wachtmeister, dabei glitt er aus, rutschte zu Boden und riß den Wachtmeister mit. Sie kugelten sich eine Weile auf dem Fußweg herum, ineinander verkrampft und verbissen. Der Wachtmeister wollte an seinen Revolver, aber er kam nicht bis dahin, der Junge biß ihm in die Hand. Sie bluteten beide.

Korn sprang dazwischen, er war überall, er behielt auch den Überblick. Der am Boden liegende Schutzpolizist stieß nach ihm, das Gesicht war blutverschmiert, und er konnte nichts sehen. Er traf Korn direkt am Schienbein. Korn sackte in die Knie. Nun kam erst die richtige Wut über ihn, er schmiß sich mit voller Wucht auf den Jungen, der mit dem Beamten am Boden herumkugelte, würgte ihn am Hals und riß ihn hoch. Dessen Gesicht verfärbte sich, wurde weiß, gelblich, Schaum stand ihm vor dem Munde, er ließ sich schleifen. Korn warf den Gummiknüppel auf die Erde, der rollte weg bis in den Rinnstein. Mit der linken Hand hatte Korn noch immer den Hals des Jungen umkrallt. Er riß ihn hoch und an die Hausmauer. Der Hinterkopf des Jungen bumste mit einem dumpfen Schlag gegen die Wand. Der Kerl schrie. Dann schlug Korn zu, mit der rechten Faust, gerade gute Stöße, direkt ins Gesicht, auf Nase, Mund, Kinn. Er war ein guter Boxer. Das Blut floß ihm über die Faust und spritzte zu Boden.

Da kamen die Jungens vom Arbeitsamt Ost II. Im Laufschritt, in der Mitte der Fahrstraße. Robert lief vornweg. Emanuel sah ihn und sprang auf ihn zu. Robert lief vorbei, ohne seinen Freund zu bemerken. Emanuel rannte mit, er preßte die Lippen aufeinander, seine Fäuste ballten sich ganz fest, schmerzhaft fest. Er bedauerte, daß er nichts in den Händen hatte. Die Fenster in den Häusern standen offen, sie waren schwarz voller Menschen, die Menschen schrien und riefen:

»Feste!«

»Gebt es den Bluthunden!«

Es war ein großer Lärm und viel Geschrei in der Straße.

Sie überrannten die Wartenden, sie rissen die verprügelten und zurückgeschlagenen Erwerbslosen mit, in wenigen Sekunden veränderte sich die Straße, die Lücken in den Reihen schlossen sich, aus den Haustoren kamen sie herausgerannt, die Beamten konnten nicht weiter, sie blieben einen Augenblick hilflos stehen, einer wollte zuschlagen, er machte den Mund auf, vier Mann hingen an ihm, rissen und zerrten, er aber stürzte nicht. Sie schlugen ihm den Tschako vom Kopf, einer trennte mit einem scharfen Schnitt das Lederkoppel durch, alles bumste zu Boden.

Die Jungens brachen durch, von hinten stießen sie nach, die Polizeibeamten liefen ein Stück zurück und rissen die Revolver heraus. Karl Bayer wollte dem niedergeschlagenen Beamten zu Hilfe kommen, er wußte, daß Langlotz hinter ihm her war, er hörte die höhnische Stimme des Oberwachtmeisters, nun wollte er zeigen, was er konnte. Sein Gummiknüppel hing noch an der Schlaufe um das Handgelenk, das Gesicht brannte ihm, er stolperte vorwärts. Er war der nächste, den die Jungens erwischten.

Bayer bückte sich, um seinen Kameraden aufzuheben. Im selben Augenblick knickte er zusammen, ihm war einer auf den Buckel gesprungen. Er richtete sich kniend wieder auf und sah vor sich einen jungen Erwerbslosen, der das Seitengewehr des niedergeschlagenen Polizeibeamten in der rechten Hand hielt. Der Junge sah ihn an und wagte nicht, zu stechen, und das alles sah Bayer und er wußte, daß es in wenigen Sekunden aus sein konnte, und er verspürte so nah wie noch nie das ohnmächtige, hilflose Gefühl, sich umsonst einzusetzen.

»Laßt das doch!« sagte er mit seiner müden Stimme, als man ihm den Tschako herunterschlug. Er hob ihn auf und stülpte ihn sich wieder über. Von hinten bekam er einen neuen Stoß, sein Tschako fiel wieder herunter und rollte über den Boden, der Sturmriemen mußte gerissen sein.

»Macht doch keine Dummheit«, sagte Bayer noch einmal. Emanuel stand sehr weit vorn. Er sah einen Polizisten am Boden liegen, und er sah, wie einem anderen Polizeibeamten der Tschako vom Kopf geschlagen wurde. Dieser Beamte war noch ganz jung und hatte ein verängstigtes Gesicht, Emanuel kam es in der kurzen Sekunde, da er in das Gesicht sah, so vor, als kenne er es. Von hinten drängten die Arbeitslosen nach. Sie drückten das Polizeidetachement von beiden Seiten immer enger zusammen, es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis sie es von der Straße wegfegen würden.

Der Führer des Polizeitrupps pfiff seine Leute zusammen und rannte auf die Gruppe der Erwerbslosen zu, die den Wachtmeister Bayer und den anderen Beamten mit Schlägen zudeckten. Emanuel sah, daß der Oberwachtmeister in der rechten Hand eine schwarze Pistole mit einem ziemlich langen Lauf hatte. Der Führer sah ihn ebenfalls an. Einen Augenblick prägten sich ihre Gesichter fest ein.

Einer der Angreifer rutschte aus und klatschte lang hin. Wachtmeister Bayer bekam seine Arme frei und richtete sich auf. Er war sehr benommen von den Schlägen, die er abbekommen hatte. Aber gerade, als er sich von den Angreifern loslöste und forttaumelte, sprang ein Mann mit einem Polizeiseitengewehr aus der Menge und stach ihm in den Rücken. Bayer hob seine Arme etwas hoch und den Kopf, seine Augen sahen den klaren Himmel, einen klaren Sonnenhimmel, dann knickten ihm die Knie weg.

»Menschenskinder, seid ihr verrückt?« Zwei Männer stürzten aus der Menge auf den Niedergestochenen zu und fingen ihn auf, der eine war Swarzenski, der andere Erwin Bayer. Erwin heulte vor Wut, er rüttelte seinen Bruder und wollte etwas sagen, aber Oberwachtmeister Langlotz stand nur noch vier Schritte von ihm entfernt, hob seine Pistole und schoß dreimal hintereinander ab. Die Schüsse klatschten durch die Straße und weckten in allen Häusern und auf den Plätzen in der Umgebung Widerhall. Erwin faßte sich an den Unterleib, sagte gar nichts weiter, stand auf, und dann riß es ihn herum wie einen im Laufen geschossenen Hasen. Er blieb still liegen.

»Sie schießen! Sie schießen!«

»Bluthunde!«

Die Straße brüllte auf, aber hinten spritzten sie schon auseinander. Die Beamten sammelten sich um Langlotz und gaben eine Salve nach oben ab. Sie bekamen etwas Luft. Plötzlich, ohne daß etwas zu hören gewesen wäre, knickte Wachtmeister Korn zusammen, er hatte einen Blumentopf auf den Kopf gekriegt. Kohlenstücke, Holzscheite, Vasen, Töpfe knallten auf das Pflaster, aus allen Fenstern wurden die Beamten bombardiert.

»Fenster schließen oder es wird geschossen!« Die Beamten liefen mit erhobenen Revolvern an den Häusern entlang. Ein Blumentopf zersplitterte in tausend Stücke. Ein Polizist schoß. Jedes Geräusch war zu hören. Und wieder trillerte ein Polizeiflitzer. Von der anderen Straßenseite antwortete ein zweiter. Die Verstärkung kam. In langen Schwarmlinien rannten die Polizisten auf die Arbeitslosen zu. Die Straße war hermetisch abgeschlossen, niemand konnte herein, niemand konnte heraus, die Arbeiter saßen fest.

Zuerst begriffen sie es noch nicht. Emanuel stürzte mit den anderen davon, als die Schüsse krachten. Aber vor ihm stauten sich die Massen und ließen keinen hindurch. Emanuel sah an einer Plakatsäule Robert stehen, er lief hin zu ihm und schwenkte seine rechte Hand in der Luft: »Robert!« Aber der blieb ruhig auf seinem Platz, ohne sich um Emanuel zu kümmern. Er wußte schon, was kommen würde. Vorsichtig zog er sich mit einigen Leuten vom Selbstschutz bis an das nächste Haus zurück. Emanuel blieb bei ihm.

Die Polizei war nun, nachdem sie Verstärkung erhalten hatte, glatt überlegen. Sie brauchte nicht einmal mehr ihre Revolver. Von beiden Seiten hetzten sie mit ihren Gummiknüppeln die Proleten auf die Gruppe Langlotz zu. Langsam begriffen alle Demonstranten, daß sie in einer Sackgasse waren, sie versuchten, in die Haustüren und Höfe zu flüchten, aber dazu waren sie zu viele. Es ging nicht schnell genug. Die Nachhut wurde erwischt und verdroschen. Die Flitzer ratterten näher, die Lastautos füllten sich mit Verhafteten. Truppweise transportierten die Beamten ihre Gefangenen auf die Autos. Einem Teil der Arbeiter gelang es, durch die Polizeiketten zu entkommen. Aber sie wurden alle jämmerlich verprügelt.

»Achtung, die jagen Swarzenski«, sagte Robert.

Der Obmann des Arbeitslosenausschusses stand ruhig an der Anschlagsäule, eine Zigarette im Mund, und betrachtete aufmerksam die Polizeibeamten, die ihn anscheinend einzukreisen versuchten. Aus einiger Entfernung sah das sehr komisch aus. Die meisten Demonstranten liefen weg, aber Swarzenski blieb stehen, er rief sogar den Polizeibeamten noch etwas zu. »Steckt doch eure Knüppel ein, euch tut doch niemand was«, rief er.

Ein kleiner Köter rannte, fürchterlich kläffend, über die Straße, quer durch die Reihen der Polizeimannschaft hindurch.

»Wir müssen Swarzenski herausholen«, sagte Robert. Er hatte noch ein Dutzend Arbeiter bei sich, gute, mutige Kerls, auf die Verlaß war. Sie rückten langsam den Fußweg hinauf. Emanuel ging in der ersten Reihe. Als sie noch ungefähr zehn Schritte von Swarzenski entfernt waren, tauchte aus einem Hauseingang knapp vor ihnen ein Polizeitrupp auf, der dort anscheinend gewartet hatte. An der Spitze ging jener Oberwachtmeister, der Emanuel so aufmerksam beobachtet hatte, kurz bevor der Polizeiwachtmeister den Stich mit dem Seitengewehr erhielt.

Auch Langlotz erkannte den Jungen sofort wieder.

»Den Rotkopf müßt ihr erwischen«, sagte er zu seinen Beamten. Sie standen sich so nahe, daß die Arbeitslosen diese Aufforderung hörten. Robert drehte sich um, als wollte er erst einmal nachsehen, wer denn von seinen Leuten einen Rotkopf hatte.

»Verschwinde«, sagte er schnell zu Emanuel. Der zauderte und blieb stehen. Ganz wohl war ihm nicht. Was hatte denn dieser Schupo gegen ihn?

Die Polizeibeamten stürzten los. Swarzenski trat ruhig einen Schritt zur Seite und rief: »Die Leute tun doch gar nichts. Euch hat man ja verhetzt ...«

Weiter kam er nicht. Drei Beamte schlugen gleichzeitig auf ihn ein. Er schützte seinen Kopf mit hochgehobenen Armen.

»Zurück!« rief Robert. Sie rannten den Weg zurück, die Polizeibeamten hinter ihnen her.

»Hände hoch!« brüllte Langlotz. Swarzenski hob die Arme.

»Zum Auto!« Swarzenski taumelte. Zwei Beamte gingen neben ihm her. Er mußte die Hände weiter in die Höhe halten. Die Beamten schlugen ihn mit ihren Knüppeln, sie trafen ihn auf den Kopf, auf die Schultern und besonders in den Rücken.

Swarzenski wurde auf das Auto geschmissen. Die Arbeiter auf dem Wagen richteten ihn auf und wischten ihm sein Gesicht ab.

Emanuel lief. Wenn sie ihn kriegten, war es aus. Er dachte plötzlich wieder an Susie, aber das war nur einen Augenblick und ging vorbei wie ein Hauch. Die Straße vor ihm war leer bis zur Ecke, dort standen noch ein paar Trupps der Erwerbslosen. Hinter ihm trampelten viele Schritte, er wußte nicht, ob es seine Kameraden oder die Polizeibeamten waren. Der Schweiß lief ihm über das Gesicht. Er hatte einen trockenen Mund. Nur schnell, dachte er, nur schnell. Da stutzten die Arbeitslosen an der Ecke. Was war auf der anderen Straßenseite los? Sie hörten quietschende Polizeisirenen, drehten sich um und stürzten der flüchtenden Kolonne Roberts entgegen. Von beiden Seiten preßten die Polizeiabteilungen das kleine Häuflein zusammen und schlugen es dann wieder auseinander. Langlotz war an der Spitze, er behielt den Rothaarigen genau im Auge. Emanuel rannte auf die nächste Haustür zu. Seine Beine baumelten merkwürdig lose und leicht unter ihm weg, er spürte sie gar nicht mehr. Ein paar Jungens würgten schon, um durch die Tür zu kommen. Sie behinderten sich gegenseitig. Emanuel flog mit einem Stoß dagegen, die Menschenmauer vor ihm kam ins Wanken und gab nach, einer stürzte zu Boden, die anderen sprangen drüber hinweg, sausten in den Hof hinaus, in den Keller hinunter, überall suchten sie sich zu verstecken.

Der Hausflur war eng, rechts ging eine dunkle, feuchte Treppe hinauf, Emanuel übersprang viele Stufen auf einmal, sie waren in der Mitte ganz ausgetreten, er blieb hängen und stolperte. Einen Augenblick setzte sein Herzschlag aus, keuchend hockte er auf den feuchten, schmutzigen Stufen, hinter sich hörte er wieder Getrampel, er sprang auf und lief weiter.

In der ersten Etage befand sich ein Fenster, er sah einen schmalen Hinterhof und Häuser und darüber etwas sonnigen Himmel. Neben dem Fenster tröpfelte eine Wasserleitung. Hinten waren einige Türen. Emanuel lief weiter, zur nächsten Etage, hinter ihm immer die Schritte. Er hielt sich an dem Holzgeländer fest, das schwankte, morsch und wacklig, als er es berührte.

In der zweiten Etage blieb er wieder stehen und lauschte. Die Schritte waren nicht mehr hinter ihm, von unten hörte er dumpfen Lärm. Plötzlich heulte eine Jungensstimme los: »Ich habe doch nichts gemacht, laßt mich los, ich habe doch nichts gemacht«, und dann vernahm Emanuel die klatschenden Schläge. Er lief weiter. Alle Etagen waren gleich, still, eintönig, verbraucht, an den Wänden große schmierige Flecke.

Als er in der nächsten Etage stehenblieb, um zu horchen, hörte er wieder die Schritte, und diesmal wußte er genau, daß es Polizeibeamte waren, er kannte das schwere Tapsen der Polizeistiefel.

Eine Stimme schrie: »Holt die Kerls aus ihren Schlupfwinkeln! Hier sind auch welche rauf!«

Und dann ging der Lärm von neuem los. Poltern und Schreie und schwere Schritte. Als er bis zur vierten Etage gekommen war, gab es in seiner Brust einen Schlag, als wäre er vom elektrischen Strom getroffen: Das Haus hatte nur vier Etagen, eine halbe Treppe höher begann der Boden, der war verschlossen. Emanuel hörte auf der Treppe immer die Schritte, das ganze Haus schien von dem Trampeln der Polizeistiefel zu hallen. Er lief nach hinten, zu den Wohnungen. Sechs Türen befanden sich an dem schmalen Gang, alle waren geschlossen. Er klopfte an die erste. Es blieb still.

Er klopfte noch einmal, heftiger, dringlicher.

Es war eine richtige Falle. Sollte er die Treppe hinuntergehen und den Dummen markieren? Sollte er erklären, hier im Hause zu wohnen? Keiner würde es ihm glauben, und der Führer der Schupo kannte ihn anscheinend genau.

Er klopfte an die nächste Tür.

Er hörte, wie eine Etage tiefer jemand mit den Fäusten gegen die Türen pochte. »Aufmachen!« polterte eine Stimme.

Emanuel preßte sich ganz fest an die Wand, er hörte sie schon heraufkommen. Auf seinen Lippen spürte er den salzigen Geschmack von Schweißtropfen, die über sein Gesicht liefen.

In der äußersten linken Ecke befand sich die letzte Tür. Diese Tür wurde leise geöffnet. Emanuel drehte sein Gesicht zur Seite. Er sah einen Mann, der mit der Hand winkte. Leise, auf den Fußspitzen, ging Emanuel bis an die Tür und preßte sich durch einen engen Spalt hindurch. Der Mann legte einen Finger an den Mund und schloß die Tür vorsichtig, dann schob er den Riegel vor. Einen Augenblick blieb er stehen und lauschte.

In der Stube befanden sich vier Personen außer Emanuel und dem Mann, der ihm die Tür geöffnet hatte. Zwei junge Männer, nur mit Hose und Hemd bekleidet, saßen auf einer Ofenbank und sahen Emanuel aufmerksam an. Der eine hatte eine Zeitung in der Hand. Am Ofen stand eine ältere Frau, die sich die Hände an ihrer Schürze abwischte. Auf dem Ofen waren ein paar Töpfe, wahrscheinlich kochte sie gerade das Mittagessen. Daneben befand sich ein langes Regal, das durch einen Vorhang verdeckt war. Auf dem Regal lag ein hellgrüner Samtlappen. Er fiel Emanuel aus irgendeinem Grund auf.

Außer diesen Leuten befand sich noch ein etwa zwanzigjähriges Mädchen im Zimmer, sie kämmte sich vor einem Spiegel ihr braunes Haar und war die einzige Person, die Emanuel keine Beachtung schenkte.

Keiner sprach.

Der Mann machte zu einem der jungen Männer, der eine Zigarette im Munde hatte, eine Bewegung. Dieser nickte mit dem Kopfe, nahm die Zigarette aus dem Mund und machte das Feuer aus, indem er die Zigarette gegen die hölzerne Bank tupfte. Feuer und Asche fielen zu Boden. Er steckte die kalte Zigarette wieder in den Mund.

Draußen polterten Schritte. An irgendeine Tür im Gang wurde heftig gepocht. Sie hörten Stimmen. Der Mann ging auf Zehenspitzen von der Tür fort und winkte Emanuel, sich an die Wand zu stellen. Es gab nur diese eine Tür im Zimmer. An der gegenüberliegenden Wand standen zwei Betten.

Durch das Fenster sah Emanuel das hohe Gebäude des Arbeitsamtes. Es war nichts Besonderes daran zu sehen.

Viele Schritte kamen auf dem Gang näher. Es wurde kräftig gegen die Tür geschlagen.

Niemand rührte sich im Zimmer. Sie hielten ihren Atem an. Nochmals bumste jemand gegen die Tür.

»Aufmachen! Polizei!«

Der Mann stand am Regal, auf dem das grüne Samttuch lag. Alle sahen ihn an. Sogar das junge Mädchen hörte auf, sich die Haare zu kämmen.

Es war sehr still. Im Zimmer hörte man die Fliegen summen. Einmal trillerte fern auf der Straße ein Polizeiflitzer, sehr fern und sanft und friedlich. Die Leute auf dem Gang unterhielten sich laut. Dann gingen sie weg. Die in der Stube hörten ihre Schritte auf der Treppe.

Emanuel sah an dem Wecker, der auf einer kleinen Wandkonsole stand, daß es 11 Uhr 5 war.

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