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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 5
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid5c4eb35c
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Die Polizeiwache

»Langlotz, haben Sie Bereitschaftsdienst?« erkundigte sich Hauptmann Kron.

»Zu Befehl, Herr Hauptmann.«

»Übernehmen Sie bitte meine Bereitschaft. Wird ja nichts passieren. Will mit Major Lenze die neuen Gäule probieren. Bin hinten auf der Bahn, wenn was los sein sollte. Morjen.« Langlotz knöpfte sich erst einmal seine Jacke auf, setzte sich auf einen Schemel, holte tief Atem und legte die Füße auf einen Rohrstuhl.

»Am nächsten Ersten laß ich mich ooch zur Streife versetzen, dann kriege ich einen Gaul unter den Hintern.«

Er bekam keine Antwort. Der Mannschaftsraum war leer, nur Wachtmeister Rothacker befand sich noch im Zimmer. Dieser, ein stiller, breitschultriger Bursche, für einen Polizeibeamten von recht kleiner Statur, mit einem nachdenklichen, versonnenen Gesicht, putzte ruhig sein Koppel weiter, als hätte er nichts gehört. Dem Gesicht nach konnte er dreißig sein, in Wirklichkeit war er fünf Jahre jünger, ebenso alt wie Langlotz und noch ein halbes Jahr länger als dieser bei der Polizei. Trotzdem gehörte er immer noch zur Mannschaft, während Langlotz schon Ober war und demnächst wohl zu einem Beförderungslehrgang kam. Unter den Mannschaften besprach man ziemlich offen das Pech Rothackers, und die Offiziere sagten in den Instruktionsstunden, er sei nicht forsch genug. Rothacker machte sich übrigens nichts daraus.

»Du, Rothacker, komm mal her.«

Rothacker hob seinen Kopf, bewegte sich aber nicht vom Fleck.

»Mensch, komm mal her, ich hab was.« Langlotz schwenkte ein paar Karten in der Luft herum. Rothacker steckte die Hände in die Hosentaschen und kam näher.

Langlotz schob die Karten zusammen und legte sie hinter seinen Rücken. Er sah seinen Kameraden triumphierend an.

»Also, da kömmste doch ... Was hast du eigentlich für Mucken gegen mich?«

»Ich? Gegen dich? Bei dir piepts wohl?«

»Na, dann sperr doch verdammich nochmal dein Maul auf, wenn man mit dir spricht.«

»Zeig her, was hast du denn für Karten?«

Langlotz hob den Kopf, er lächelte immer noch.

»Erst möcht ich mal wissen, was du gestern abend dem Bayer Karl für 'ne Zeitung gegeben hast, hinten am Pferdestall, du weißt schon.«

Rothacker blieb ruhig stehen, und nicht einmal Langlotz ahnte, was das für eine Selbstbeherrschung bedeutete. Er sah nur die nachdenklichen Augen, die dem breiten Gesicht etwas Kindliches, Unverbrauchtes gaben.

»Na, hast du immer noch keine Lust zu reden? Wir sind doch unter uns.«

»Also, du schnüffelst mir nach.« Rothacker beugte den Kopf vor, so daß sich sein Nacken straffte. »Das hatte ich allerdings nicht geahnt.«

»Einen Dreck habe ich. Ich will 'ne Antwort von dir.«

»Sonst zeigst du mir deine Karten nicht, was?« Rothacker grinste, sein unrasiertes Gesicht verlor ganz plötzlich den kindlichen Ausdruck, es war, als ginge ein Schatten darüber hin. Die beiden Männer sahen sich an, genau in die Augen. Jeder von ihnen wünschte einen Augenblick, die Gedanken des anderen zu erraten. Langlotz klappte seine Beine mit einem Ruck vom Stuhl herunter, strich sich den Uniformrock glatt und sagte scharf: »Knochen zusammen und eine vernünftige Antwort, ich spreche mit dir dienstlich, verstehst du ...« und als Rothacker langsam, ohne übrigens sein Gesicht zu verändern, die Beine zusammenzog, fügte sein Gruppenführer hinzu: »... gewissermaßen als dein Vorgesetzter, wenn dir dieser Ton lieber ist.«

Im Nebenzimmer knirschte die Tür, die beiden hörten schwere Tritte, die Bereitschaft kam aus der Morgenturnstunde, Zeug fiel zu Boden, die Spinde wurden aufgeschlossen. Die Mannschaft zog sich an.

»Na ...?«

»Wenn ich nun sage, es wäre was gewesen, das in der Kaserne nicht gelesen werden darf?« Rothacker sprach ruhig und langsam, etwas sehr leger, er kam aus Dresden und hatte sich sein formloses wurschtiges Sächsisch noch nicht ganz abgewöhnt.

Langlotz ließ die militärische Haltung sein, er beugte sich vor, als benötigte er zu einer Vertraulichkeit kürzeren Abstand.

»Mensch, warum machst du solchen Blödsinn?«

»Ich tue meinen Dienst korrekt.«

»Jetzt will ich dir mal was sagen, Rothacker, du hast was gegen mich, du spinnst. Ich bin der einzige, der die Sache mit der Zeitung gesehen hat, ich müßte eigentlich Meldung erstatten. Damit du aber eine andere Meinung von mir bekommst: Ich werde den Mund halten ...«

Die Tür plauzte auf. Hauptmann Krons Abteilung kam herein, alles junge Kerle, die noch nicht lange von den Polizeischulen herunter waren, in offenen Uniformen, in Drillichanzügen, mit geröteten frischen Gesichtern; manchem triefte noch das Haar vom Wasser, sie machten sich in Ordnung, kämmten sich, putzten ihr Zeug, begannen zu frühstücken.

»Kotzmuffige Luft ...«

»Wer hat mein Koppel?«

»Wo ist denn Kron hin? Kommt der bald wieder?«

Schweißgeruch, Uniformdunst, frische Schuhschmiere, heller Stimmenlärm und ein paar junge Wölkchen Zigarettenrauch füllten die Mannschaftsstube.

Carl Beckers, Jiu-Jitsu-Lehrer der Bereitschaft, ehemaliger Student der Hochschule für Leibesübungen, lief auf Langlotz zu und unterfaßte ihn.

Der hielt seinen Angreifer mit einem kurzen energischen Fauststoß zurück, beugte sich vor und sagte laut, so daß alle es hören konnten: »Halt die Klappe. Ich habe heute morgen das Kommando.«

Bei sich dachte er: Mich könnt ihr alle miteinander. Blöde Geschichte mit dem Rothacker. Der Bursche soll nicht so ne kaffrige Miene machen. Hat keine Ahnung, wie ich ihm die Stange halte ...

Er kam sich ziemlich edelmütig vor, und da ihm solche Regungen sonst fremd waren, bildete er sich auf diese Ausnahme besonders viel ein. Dabei war alles ein Katze- und Mausspiel. Er fand nicht die richtige Methode, um Rothacker beizukommen, der Junge entschlüpfte immer wieder, gab keine Trümpfe aus der Hand, blieb undurchsichtig. Karrierenangst brauchte Langlotz wirklich nicht zu haben, er war dem kleinen stämmigen Wachtmeister ein hübsches Stück voraus, und der machte keine Anstrengungen, um ihn einzuholen. Im Gegenteil. Rothacker wurde immer müder, schläfriger, unbeteiligter, der Dienst war ihm egal. Wer weiß, was er für Nebeninteressen hatte. Nun stand er immer noch in Hab-Acht-Stellung in einiger Entfernung vor Langlotz, allerdings so leger und wurschtig, daß den anderen Beamten gar nichts auffiel. Aber auf einmal hatte einer die Karten entdeckt, die Langlotz hinter sich auf den Tisch gelegt hatte.

»Hallo! Was für die Sittenabteilung ... Dufte Sache ... Himmel, gehen die an den Speck ran ... Albert, geh weg, du machst was in die Hose, wenn du die Karten siehst ...«

»Karten her!« brüllte Langlotz. Ihm gingen auf einmal die Nerven durch. Die Beamten sahen ihn verdutzt an.

»Nanu?«

»Wir beschlagnahmen die Karten und ihr geilt euch daran an! Nee, mein Lieber ...«

»Wieso beschlagnahmt? Haben sie dich etwa zur Sittenabteilung versetzt?«

Langlotz fuhr herum, das war natürlich wieder Albrecht, der schmierige Hund. Im selben Augenblick aber hatte er das Gefühl, daß Rothacker hinter seinem Rücken grinste, er drehte sich schnell um und sah dem Wachtmeister ins Gesicht. Rothacker blickte mit seinen blauen Augen nachdenklich ins Leere. Langlotz machte eine kurze Bewegung mit dem Kopf, das war eine stillschweigende Anweisung und Rothacker trat sofort weg, um sein Koppel weiter zu putzen. Er hatte übrigens tatsächlich gegrinst.

»Quatsch, Sittenabteilung«, der Oberwachtmeister wischte sich über den Mund, »ihr wißt eben noch nicht, was zu eurem Ressort gehört. Bloß gut, daß ihr so was nicht in die Finger kriegt, sonst müßte man euch jeden Morgen den Spargel weich klopfen, ehe ihr in die Hosen reinsteigt.«

»Hähä ...«, Albrecht Korn wieherte, aber als er Alfreds Blick sah, setzte er nichts weiter hinzu. Der meinte es wirklich ernst.

»Ich meine bloß, Sittenabteilung ist vielleicht ruhiger. Meinert ist doch ooch hinversetzt worden.«

»Der hatte studiert, Kunstgeschichte und so, das braucht man dazu ...«

Ein paar lachten.

Rothacker ging angewidert hinaus, er machte ein verschlossenes Gesicht. Langlotz sah das, er öffnete den Mund und brüllte die Mannschaft an: »Hört mit euren Sauereien auf, verstanden! Verdammich nochmal, warum habt ihr euer Drillichzeug noch nicht aus? Uniformen an, los! Ich bin verantwortlich, wenn Kron zurückkommt.« Er rutschte plötzlich in eine völlig versaute Stimmung hinein, er wußte, daß Rothacker daran schuld war, und das ärgerte ihn noch mehr. Die Leute zogen sich langsam um, sie hatten keine Lust, mit Langlotz zusammenzurasseln, wenn er schlechter Laune war.

Albrecht Korn, ein Bauernjunge mit einem platten Gesicht und spärlichem Haar, grobknochig, breit, mit langen Beinen, sah noch einmal verlangend zu den Karten hin, die Langlotz wieder in seine Brieftasche steckte, dann zog er die Luft hörbar durch die Nase, schnüffelte zwei-, dreimal, ging zu seinem Dienstschrank und schloß ihn auf. Langsam und bedächtig nahm er seine Mehrladepistole heraus und kontrollierte sie. Albrecht Korn gehörte zu den Diensteifrigen, er war schon für die Polizeischule vorgemerkt und hatte auch sonst ziemlich viel Glück. An seinem grauen ungesunden Gesicht war nichts Besonderes zu finden und doch hatte er es immer mit den kleinen Mädchen. Der Dienst machte ihm Spaß, er würde seine zwölf Jahre dabeibleiben. Und bei der Einsatzbereitschaft erlebte man wenigstens allerlei, andere Sache wie Straßen- und Bürodienst. Sorgsam legte er die Mehrladepistole in den Schrank zurück und betrachtete mit schmalen Augen das blanke Ding. Verdammt, immer auf feste Ziele schießen, das paßte ihm gar nicht, er brauchte das Gefühl, daß es ernst war, daß es ihm an den Kragen ging. Meinetwegen, dachte er und knallte die Tür des Schrankes heftig zu.

»Schlechte Laune?« uzte ihn einer an.

»Puh, brrr ...«, er rieb sich die breiten Hände, »ich warte bloß darauf, daß ich heute aus dem Kabuff herauskomme. Dann gehe ich zu meiner neuen Flamme ...«

Er machte eine eindeutige Bewegung.

»Äh?« fragte der andere, »schon wieder was Neues?«

Ein paar drehten sich um, sie hörten Korn gern erzählen, seine Geschichten waren gepfeffert und meistens sogar wahr. Er legte das Koppel um, zog es fest an und ging mit unternehmungslustigen Schritten zu seiner Pritsche, mit einem Ruck warf er sich darauf und zog die Beine hoch. Die Leute auf den Nebenpritschen setzten sich auf und sahen Korn erwartungsvoll an. Einer stopfte seine Pfeife. Sie lächelten alle.

Langlotz sah aus einiger Entfernung zu, die Hände in den Hosentaschen; eine tiefe Falte erschien zwischen seinen buschigen Augenbrauen, er konnte diesen Burschen nicht leiden, obwohl Korn der beste Beamte in der Bereitschaft war. Welcher Unterschied zwischen ihm und Rothacker, dachte Langlotz.

»Wer hat 'ne Zigarette?« So begann Korns Geschichte.

Er bekam eine.

»Kennt ihr den Unterschied zwischen einem pommerschen Zuchtbullen und einem Landpastor ...?«

Alle wieherten, als Korn den Unterschied erzählt hatte. Er lächelte geschmeichelt.

»Ja, so leicht ging das ... leicht wie Butter schmieren. Der Bürovize hatte einen Auftrag für mich. Eine Besorgung, ganz privat, die brauchen ja immer einen Laufjungen, 's war im Osten, die Straße werde ich euch nicht auf die Nase binden. Na, der Vize hatte mir 'ne Nummer aufgeschrieben, und die Nummer stimmte nicht, und ich fand die Leute nicht, und da bin ich in 'ne Bäckerei reingegangen, um mich zu erkundigen. War 'n ganz feiner, großer Laden, aber von draußen konnte man nicht reingucken. Hinten im Schaufenster waren nämlich Milchglasscheiben, und ich dachte, vielleicht fragste da drin mal nach den Leuten, die ich suchen sollte ...«

Langlotz drehte sich langsam um und ging in der Mannschaftsstube hin und her. Er sah sich die Spinde an, um irgend etwas zu finden, das nicht stimmte, aber alles war in Ordnung, und er merkte, daß seine Gedanken durcheinandergingen und nicht bei der Spindkontrolle blieben. Sogar sein Blick ging durch die Schränke hindurch und durch die Wände der Kaserne, und er wollte sich über etwas klar werden, aber sein Kopf war voll, und alles ging wüst darin herum. Da war zuerst einmal Rothacker, dieser verfluchte Kerl, und ein Stück weiter kam Gerda Sponholtz, mit der sollte er sich heute abend treffen, und es wurde ihm schwummrig, wenn er daran dachte ...

Verdammich, habe ich etwa vor dem Mädel Angst? Sie behandelt mich so komisch, so förmlich; und dann weiß man ja auch nie, wie das mit den Tanzmädchen ist, die kommen mit vielen Männern zusammen, jeden Abend, und da wird es nicht gerade wie im Märchen zugehen, und es ist möglich, daß sie ein bißchen beschädigt wird, und ich kann doch wirklich von meiner Frau verlangen, daß sie auf mich Rücksicht nimmt. Aber gefallen tut sie mir schon ... Himmel, das geht so blödsinnig durcheinander, was soll man da machen? Nicht hingehen? Dann quatschen sie wieder in der Familie, und Gerda sieht mich mit ihren traurigen braunen Augen an, aber ich weiß genau, daß sie nicht wegen mir traurig sind, und sie hat so ein weiß emailliertes Gesicht, das geht einem durch, und dann ist es mir egal, ob sie schon mal bei anderen Männern geschlafen hat, dann ist mir alles egal, dann ...

Da blieb er plötzlich auf seinem rastlosen Marsch durch das Zimmer stehen. Es war schon neun Uhr. Oberwachtmeister Langlotz sah einen seiner Untergebenen, den Wachtmeister Karl Bayer, auf einer Pritsche liegen und lesen. Langlotz überlegte einen Augenblick und dann ging er zu der Pritsche hin.

»... und wie ich die Tür aufmache«, erzählte Korn, »war kein Mensch im Laden drin. Ich ging einmal hin und her und trat fest auf, ich hatte die Ledergamaschen an, und wie ich eine Weile gewartet hatte, da ging hinten die Tür auf, und es kam 'ne Frau herein. Aber was für eine! Zuerst fiel mir eigentlich gar nicht auf, wie hübsch sie war, aber ich sah was anderes. Die Frau erschrak nämlich furchtbar, wie sie mich auf einmal sieht. Wer weiß, was die gedacht hat. Sie kriegt einen richtigen Schreck und fuhr zusammen, und im Gesicht war sie sowieso weiß wie Mehl. Ich wußte zuerst auch nicht recht, was ich sagen sollte. Ich grüßte, und dann ging ich ein Stückchen näher, bis an den Verkaufstisch. Sie hatte sich an den Türrahmen geklammert, also direkt erbärmlich sah sie aus. Ich möchte bloß wissen, was die auf dem Kerbholz hatte ...«

»Nicht rausgekriegt?« fragte einer.

»Nee, ich habe gar keinen Wert darauf gelegt. Aber ich wußte, da stimmte was nicht, und wenn ich so sehe, wie sie vor mir zittern, dann macht mir der Dienst noch mal soviel Spaß. Ich war ja eigentlich im Dienst, der Vize hatte mir einen Befehl gegeben, und den mußte ich eben ausführen. Aber weil ich merkte, wie das dicke Frauchen zitterte, na dick, mollig war sie, also, wenn man sie von nahem sieht, läuft einem das Wasser im Munde zusammen ...«

»Mensch, erzähl schon weiter, haste sie gekriegt?«

»Immer mit der Ruhe, ihr seid ja gar nicht im Bilde! Wie ich nämlich gegrüßt hatte, sagte sie mit einer ganz zittrigen Stimme: ›Was wollen Sie denn?‹ Und da fiel mir was Feines ein, man muß sich in solchen Situationen ein wenig unklar ausdrücken, diplomatisch sozusagen, und da habe ich gesagt: ›Ach bitte, ich möchte eine Auskunft.‹ Also, da fiel sie noch mehr zusammen, ich mache 'ne Wette, der haben die Knie gezittert. Sie hatte 'ne weiße Schürze um und oben 'ne luftige Bluse und ein kleines, rundes Gesicht und ich glaube, braune Augen und braunes Haar. Nett und appetitlich. Ich dachte, sie würde nun was sagen, aber sie konnte nichts sagen, sie konnte kein Wort über die Lippen bringen, und da habe ich ihr schließlich sagen müssen, warum ich gekommen bin, daß ich gern wissen möchte, wo diese Leute wohnen ...«

Langlotz steckte die Hände in die Hosentaschen. »Na, Bayer?« sagte er. Der Wachtmeister sah auf. »Was liest du denn da? Kann ich mal sehen?« Bayer schob ihm ruhig das Blatt hin, es war die »Polizeibeamten-Zeitung«.

»Haste den Artikel über Fouché gelesen? Spitzer Hund, was? Ich möchte mal wissen, ob es bei uns oben ooch solche Hengste gibt.«

»Das müßtest du doch eigentlich wissen, Langlotz.«

»Ich? Wieso?«

»Na, du kommst doch eher mit den Offizieren zusammen, bist auf der Realschule gewesen und auf dem Polizeilehrgang, hast Grips im Kopfe und so.«

»Denkst du etwa, ich werde jemals weiter avancieren? Hauptwachtmeister, ja, dann ist Schluß, dann gibt's Pension. Was haben wir denn schon für Chancen, he?«

Bayer war ein etwas unkomplizierter Bursche, er verstand das nicht ganz. Langlotz schüttete ihm doch sonst nicht sein Herz aus.

»Ich mache eben meinen Dienst«, sagte er, »und damit basta. Im übrigen können sie mir den Buckel runterrutschen.«

Langlotz setzte sich auf die Kante der Pritsche, nahe an seinen Kameraden heran und nickte mit dem Kopfe. Auf einmal fügte Bayer hart und entschieden hinzu: »Übrigens, ich möchte vom Überfallkommando weg, Straßendienst ist mir lieber.«

»He?« pfiff Langlotz erstaunt. »Sag das noch einmal.«

Albrecht Korn hatte sein Taschenmesser aufgeklappt und putzte sich die Nägel, dabei erzählte er ruhig weiter.

»... Also auf einmal atmet sie auf, es war, als hätte man ihr einen Mehlsack vom Buckel runtergenommen. Zuerst sackte sie noch ein bißchen tiefer zusammen, ich habe sie nämlich wie ein richtiger Spürhund beobachtet, dann verschnaufte sie eine Weile, das ging natürlich alles ziemlich schnell, und dann sagte sie, in ihrem Hause wohne niemand dieses Namens. Nun war ich aufgeschmissen. Sollte ich fortgehen? Wo ich so nahe am Glück dran war? Also, ich hatte richtige Wut auf mich. Ich habe mich noch 'ne Weile unterhalten, wo die Leute wohnen könnten, aber sie hatte sich wieder in der Gewalt und wollte mich aus ihrem Laden raushaben. Sie gefiel mir immer besser. Inzwischen kam ein kleines Mädchen zur Ladentür herein, die wollte Brötchen haben. Ich konnte mir nun die Sache überlegen. Am Ladentisch stand ein Bottich voll Speiseeis, und da kam mir ein Gedanke, wie ich das Speiseeis sah. Hier gehst du nicht so schnell raus, dachte ich mir ...«

»Macht dir das etwa Spaß?« sagte Bayer, als er den erstaunten Blick des Oberwachtmeisters sah, »jeden Tag mit dem Flitzer raussausen und sich draußen rumschlagen ...«

»Na, so'n kleines Autounglück oder ... oder ... bei einem Brand zum Beispiel, das ist doch ganz interessant ...«

»Hä? Was sagst du?« Bayer hob sich halb von der Pritsche und knöpfte die Uniform auf. Dabei betrachtete er Langlotz sehr aufmerksam. Seine schläfrigen Augen zogen sich noch enger zusammen. »Ich will dir mal ganz offen sagen, ich hoffe, du schmierst mich oben nicht an, obwohl es mir eigentlich scheißegal ist ... also paß auf, ich habe zwei Brüder, die sind arbeitslos, und ich habe ein paar Onkels, die sind arbeitslos, einer bezieht Invalidenrente, damit kann er nicht krepieren, aber satt wird er auch nicht, und dann habe ich noch einen Onkel, der arbeitet, verstehst du! Der arbeitet als Werkmeister, feine Stelle, in den Metallwerken, ahnst du was, holder Engel? Tscha und nun wirst du wissen, daß die vierzehn Tage lang gestreikt haben, ganz vernünftige Sache, Akkordlöhne sollten gedrückt werden, und weil die Streiker ihre Streikposten vor die Metallwerke stellten, kam die zweite Bereitschaft hin, ziemlich ruhiger Posten, ihr konntet dort schlafen, und zu fressen bekamt ihr auch, zwar ein bißchen viel Bohnensuppe, aber sonst ging alles in Ordnung. Ruhige Sache, ab und zu ein paar Streikposten wegkitzeln, das war alles, nee, ihr habt es nicht schlecht gehabt ...«

Bayer machte eine Pause. Er sah Langlotz nicht mehr an. Der saß da wie ein Wolf, der auf seine Beute wartet. »Na und?« fragte er. »Warst du etwa nicht dabei?«

»Eben gerade! Das war der Unterschied. Ich habe mich vierzehn Tage im Hintergrund gehalten und habe Schiß in den Hosen gehabt, jawoll, kotzeklig war mir's zumute ... Kannst dir wohl nicht denken, warum? he? ... Ich hatte Angst, daß mich mein Onkel sehen würde, so, nun weißte alles.«

»Ich sage also zu ihr, Fräulein, sage ich, ich wußte ja gar nich, ob sie Fräulein war, 'nen Ring hatte sie nicht am Finger, da hatte ich schon hingeguckt, aber sie konnte ihn von wegen der Arbeit abgelegt haben, also Fräulein, sage ich, ich möchte ein Eis zu zehn. Nun war sie schon wieder ziemlich obenauf. ›Mit Vergnügen, Herr Wachtmeister‹, sagte sie. Und wie sie sich über den Bottich bückt, also ich stand ihr ja gerade gegenüber, wie sie sich nun so bückt, um das Eishörnchen zu füllen, konnte ich ihr oben in den ganzen Salat hineinsehen. Sie war nämlich 'n ganzes hübsches Stück ausgeschnitten. Mir wurde anders, kann ich euch sagen! Richtig so was zum anhalten, und da sagte ich mir gleich, die mußte haben ...«

Eigentlich wollte Langlotz was ganz anderes wissen, das Gespräch kam nicht an die Hauptsache heran. Die Hauptsache? Jetzt begann wieder der blödsinnige Quatsch in seinem Kopf rumzugehen. Warum saß er hier und horchte Bayer aus? Warum verstellte er sich? Um einen Kameraden hereinzulegen? He, was ging es ihn an ... Er wischte sich wieder über die Stirn, aber der Druck ging nicht weg. Bayer hatte sich wieder auf die Pritsche geschmissen, die »Polizeibeamten-Zeitung« lag neben ihm, er stierte an die Decke.

»Haste 'ne Zigarette?« fragte er nach einer Weile mit schläfriger Stimme.

Langlotz griff mechanisch in die Tasche und klappte das Etui auf. Erst als Bayer sich den Glimmstengel ansteckte, fiel ihm was ein.

»Heu? Ich denke, du rauchst nicht?«

»Äh.« Bayer machte eine wegwerfende Bewegung und dann zog er hastig an der Zigarette.

Drüben hockten sich unterdessen noch ein paar Mann auf Korns Pritsche, der nun erst richtig in Zug kam. Sein großer Mund zuckte vor Befriedigung und Vergnügen. Er hatte aufmerksame Gesichter um sich herum, er unterstrich seine Sätze mit den Händen, machte Bewegungen, ganz eindeutige und handgreifliche, seine Kameraden grinsten.

»... Und dann packte ich sie am Haar, ich dachte, verdammt, wenn jetzt jemand kommt, und sie hatte ganz weiches Haar, und sie zappelte und sagte immer: Nicht, nicht, aber ihre Augen hatte sie schon zu. Nun paßt mal genau auf, damit ihr wißt, wie mans macht. Ich habe sie in die Taille gepackt, so richtig forsch und feste«, er machte die Bewegung mit einem brutalen Griff vor, als wollte er jemand den Hals zuhalten, »kickt euch bloß mal den Emil an, dem kullern schon die Augen aus der Visage ...«

Und da fiel dem Oberwachtmeister Langlotz endlich ein, was er zu Bayer sagen wollte.

»Du kannst dich doch versetzen lassen, wenn dir Bereitschaftsdienst nicht mehr paßt. Das ist doch die einfachste Sache von der Welt.«

»Tscha«, sagte Bayer, »ich will schon, aber Rothacker meinte ...« Auf einmal zog er die Luft durch die Nase, sah kurz auf, lachte laut und fügte hinzu: »... er meinte, ich soll in seiner Abteilung bleiben.«

»Warum?« fragte Langlotz gleichgültig, schon überzeugt, daß die Sache verfahren war.

Aber er sollte keine Antwort mehr bekommen.

Die Alarmglocke raste los.

Alarm ...

Die Beamten sprangen hoch.

Korn blieb das Wort im Munde stecken. Seine Geschichte war in der Mitte gerissen.

Die Alarmglocke raste.

Langlotz sauste schon raus. Im Gang stand Rothacker, die Hände in den Hosentaschen.

Die Tore der Remise öffneten sich automatisch und lautlos, der leere Überfallwagen rollte heraus.

Alarm!

Langlotz stürzte ins Büro, wo der Fernschreiber tickte. Zwei Beamte hingen an der Strippe.

Die Schränke flogen auf. Lederkoppel wurden umgeschnallt, die Pistolentaschen geöffnet, der Gummischläger eingehängt ...

»Karabiner!«

Die Karabiner knallten aus den Ständen, die Kammern rasselten zurück, es wurde geladen.

Die Alarmglocke raste.

»Wachtmeister Mell!«

»Zu Befehl!«

»Benachrichtigen Sie sofort Hauptmann Kron. Zweite Bereitschaft abkommandiert. Arbeitsamt Nordost. Oberwachtmeister Langlotz übernimmt Führung.«

»... Befehl!«

Die Beamten liefen im Eilschritt auf den Hof, sie hatten ihre Karabiner in den Händen. Die Alarmglocke verstummte.

Es waren kaum zwei Minuten seit der Alarmierung vergangen.

Schon standen die Hoftore der Polizeiunterkunft weit offen. Draußen sammelten sich Passanten an.

»Fertig!« kommandierte Langlotz.

Die Beamten saßen auf ihren Plätzen.

»Sturmriemen herunter!«

»Auweh!« meinte der Jiu-Jitsu-Lehrer, »jetzt wirds mulmig.«

Eine Signalpfeife trillerte. Der Flitzer pfiff hinaus. Langlotz schwang sich auf das Trittbrett. Als sie auf der freien Straße waren, öffnete er den Schlag und setzte sich neben den Chauffeur.

Er löste den Riemen und nahm den Tschako ab. Er hatte sich wieder völlig in der Gewalt. Vielleicht war Kron ausgeritten und konnte nicht mehr rechtzeitig erreicht werden? Das hätte ihm in den Kram gepaßt. Er stülpte sich den Tschako wieder auf.

Der Flitzer trillerte anhaltend.

Langlotz sah nach der Uhr. Es war genau Viertel vor zehn.

»Nordost. Weißt doch, wie du fährst?«

Der Chauffeur nickte.

»Wie lange?«

»Drei ... vier Minuten.«

Das Auto raste durch große Verkehrsstraßen. Straßenbahnen blieben stehen, Passanten flüchteten auf den Fußsteig, vor ihnen öffnete sich freie Bahn.

»Weißt du was Genaueres?«

»Wieder mal Arbeitslosenunruhen, egal die Stempelbrüder.« »Harmlose Sache, was?«

Die Mannschaft war aufgeregt, wie immer bei solchen Aktionen. Daß sie Karabiner bei sich hatten, war nicht gerade angenehm. Und der heruntergelassene Sturmriemen bedeutete höchste Alarmstufe.

Würde es Dunst geben?

Die Beamten unterhielten sich leise. Nur Rothacker blieb ruhig. Er hatte sein Notizbuch herausgenommen und strich etwas an. Ihm gegenüber saß Karl Bayer mit weißem Gesicht und starrte unentwegt Rothacker an. Rothacker lächelte. Langlotz sah durchs Guckloch in den Wagen hinter sich. Rothacker drehte ihm den Rücken zu, aber Bayers Gesicht konnte er sehr gut erkennen. Heiliger Gott, dachte er, hoffentlich denkt er nicht schon wieder an seine umfangreiche Verwandtschaft. Dann dachte er an etwas anderes und mußte laut lachen. Der Chauffeur drehte sich halb um und sah ihn an.

Sie ratterten durch eine Unterführung, es hallte schaurig von den Wänden zurück.

Der Flitzer trillerte ununterbrochen.

Sie kamen in das Kampfgebiet.

Famos war das gegangen.

»Karabiner auf den Rücken!«

»Gummiknüppel frei!«

Die Beamten drehten aufgeregt ihre Köpfe herum. An den Straßenecken standen Menschenansammlungen, die sahen dem Auto nach.

Der Flitzer bog in eine Seitenstraße ein und fuhr langsamer.

»Bluthunde! Bluthunde!« riefen ein paar junge Leute von der Ecke aus und verschwanden sofort in einer anderen Seitenstraße.

»Weiter!« befahl Langlotz. Er hatte sich geduckt. Vor ihm schien sich eine Gasse in der Menschenflut zu öffnen. Ihr Wagen war anscheinend der erste. Sie sahen keine anderen Beamten.

»Ab!!«

Mitten auf dem Fahrdamm blieb der Flitzer stehen. Im Nu standen die Beamten auf der Straße. Ein freier, leerer Platz hatte sich um sie gebildet. Korn lief schon ein Stück vor und hatte den Gummiknüppel wippend in der Hand.

Langlotz trillerte.

Korn blieb stehen und kehrte langsam zurück. Einige der Arbeitslosen, die ihm am nächsten standen, höhnten hinter ihm her.

Vor ihnen öffneten sich zwei Straßen, die eine führte geradeaus, sie war voller Menschen, die zweite bog rechts ab und führte ebenfalls am Arbeitsamt vorbei. Das Arbeitsamt Nordost hatte keinen direkten Eingang von der Straße aus, der Weg führte auf beiden Straßen erst durch Mietskasernen hindurch, man kam dann in große Höfe, und mittendrin lag das Arbeitsamt Nordost, eine frühere, ausrangierte Schule.

Auf der Seitenstraße mußte zuerst Luft geschaffen werden, da schien es am brenzlichsten zu sein. Die Beamten des Arbeitsamtes waren bedroht worden, man mußte ihnen schnell Hilfe und Schutz bringen.

Langlotz sah sich um, er war jetzt ganz ruhig, auch auf der Stirn war kein Druck mehr.

»Wachtmeister Rothacker!«

»Befehl!«

»Sie übernehmen Ihre Kolonne und die Kolonne Korn und säubern sofort die rechte Seitenstraße, besetzen das Arbeitsamt und erstatten mir Meldung. Verstanden?«

»Befehl!«

Nichts rührte sich in Rothackers Gesicht, still, nachdenklich und versonnen blickten die blauen Augen ins Leere.

Er lief mit den beiden Kolonnen los, sie verschwanden in der Seitenstraße. Ein ohrenbetäubendes Geschrei empfing sie.

Langsam ratterte der Flitzer wieder los. Die beiden übrigen Kolonnen gingen unter Führung des Oberwachtmeisters Langlotz nebenher. Sie begannen die Hauptstraße zu säubern.

Der Himmel strahlte rein und sauber und beglückend. Die Sonne füllte alle Ecken und Winkel der großen Kasernenfronten, es war ein himmlischer Tag, voller Freude, voller Sehnsucht, voller Heiterkeit.

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