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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid5c4eb35c
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Rückkehr ins Zimmer

Sie waren bis in die dritte Etage gekommen, da blieb Susie plötzlich stehen, beugte sich über das Holzgeländer und sagte zu Gerda: »Du ... unsere Milch!« Emanuel wartete ebenfalls, er wollte nicht vorausgehen, und die beiden Mädchen versperrten ihm den Weg. Er bemühte sich, dieses unerwartete, unfaßbare Ereignis zu verstehen. Zuerst war er sehr verwirrt gewesen, aber nun fand er auf einmal, daß alles viel leichter ging, als er jemals gedacht hatte, und ganz bestimmt wußte er, daß eine ganz neue Sache für ihn begonnen hatte. Daran war nicht mehr zu rütteln, dieses Gefühl konnte nicht einmal Susies Kaltschnäuzigkeit ersticken. Im Gegenteil, nicht locker lassen, nie locker lassen, der Vorsatz war nicht schlecht.

Die Mädchen sahen ihn aber gar nicht an, er war Luft für sie.

»Ja«, meinte Gerda, »das wäre gut, wenn wir die hätten.«

Milch? dachte Emanuel. Soviel Groschen habe ich noch, um ein paar Liter frische Milch zu holen. Seine Kühnheit schreckte vor nichts mehr zurück.

»Gehen Sie mit zu mir herauf, dann hole ich Ihnen Milch. Ich will nur einen Krug mitnehmen.«

»Krug? Wieso Krug?«

»Um die Milch hineinzutun.«

»Ach Quatsch, wir wollen Ihre Milch gar nicht haben. Unsere steht vor unserer Wohnung drüben, an der Tür.«

Ein wunderbares Mädchen, dachte Emanuel. Und sie spricht mit mir.

»Meine Freundin meint nämlich unsere Flaschenmilch«, erklärte Gerda. »Die steht an unserer Wohnungstür. Würden Sie vielleicht so freundlich sein und die beiden Flaschen herüberholen?«

Emanuel war sofort einverstanden.

»Wo ist das?«

»Erstes Hinterhaus, zweite Etage, im Gang ganz hinten. An der Tür hängen zwei Visitenkarten: Susie Schmitz eine und eine Gerda Sponholtz. Nehmen Sie ruhig die beiden Flaschen weg, und wenn Sie jemand sieht, dann müssen Sie sagen, wir hätten es Ihnen erlaubt.«

Emanuel war schon mit einem Sprung bis ins Zwischengeschoß gekommen, da erwischte ihn Susies helle Stimme, die auch verdammt grell sein konnte. »Sollen wir uns etwa auf die Treppe setzen, bis Sie zurückkommen?«

Er blieb stehen und kam langsam zurück. Ohne sie anzusehen, ging er an ihr vorbei und sagte ruhig: »Ich kann Ihnen auch die Tür aufschließen.«

Susie verzog ihr Gesicht, dann sah sie Gerda an. Die schüttelte mißbilligend den Kopf.

Als sie oben angekommen waren, nahm Emanuel den Wohnungsschlüssel unter dem Abstreicher hervor, schloß die Tür auf, wollte etwas sagen, schluckte aber nur und machte rasch kehrt. Er ging an Susie vorbei und sagte zu Gerda: »Ich hole jetzt die Milch.«

Dann polterte er die Treppe hinunter.

Die beiden Mädchen sahen ihm nach.

»Junge, Junge, ist das ein Junge!«

»Du mußt nicht so ruppig zu ihm sein«, sagte Gerda.

Susie drehte sich halb um und ging in das Zimmer.

»Ach was. Ich bin bloß hundemüde ... aber weiß Gott, zu einem anderen wäre ich nicht in die Bude gegangen.«

Es war ein geräumiges Zimmer mit einem kleinen Verschlag, in dem ein Bett stand.

Susie marschierte rund um den Tisch und entdeckte natürlich sofort den Zettel an der Petroleumlampe.

»Lieber Fritz, ich danke Dir, Du bist immer nett zu mir gewesen und ein mächtig guter Kerl. Aber wo ich nun gar keine Aussicht habe, zu Geld zu kommen, möchte ich doch lieber abhauen. Ich weiß noch nicht recht, wohin. Vielleicht in die Schweiz. Zuerst aber nach Süddeutschland. Wenn es besser geht, schreibe ich mal. Das bißchen Wäsche, was von mir noch da ist, wirst du aufbewahren, nicht wahr! Also, mach's gut und nochmals vielen Dank. Dein Emanuel«, las Susie laut, mit immer stärker werdender Betonung. »Verstehst du das?« fragte sie Gerda. »Ich verstehe es nicht. Ist das nun Fritz oder ist das Emanuel? Aussehen tut er ja wie Emanuel. Aber warum stellt er dann den Zettel auf den eigenen Tisch? Und wer ist dann Fritz?«

»Willst du noch was wissen?« erkundigte sich Gerda. Sie war mehr fürs Praktische. Sie hatte schon ihre kleinen, grauen Schlangenhautschuhe mit dem schwarzen Einsatz an der Spitze abgestreift und weit fortgeschleudert. Nun bewegte sie unter den dünnen Strümpfen ihre zusammengepreßten Zehen, um sich Luft zu machen, die Kunstseide hatte sich eng und dicht um den Fuß gelegt. Sie hielt die Füße etwas einwärts, so daß sich die beiden Zehen berührten. »Bei einem jungen Gent mit roten Haaren zu Gaste«, predigte Susie pathetisch, »und Sommersprossen hat er auch noch ...«

»Sei doch zufrieden, da hast du ja deinen süßen Hollywoodjungen mit Sommersprossen.«

Susie sah ihre Freundin von oben bis unten an, ohne eine passende Antwort zu finden. Aber Gerda zog ruhig den Mantel und den Jumper aus, schmiß die Baskenmütze auf das Sofa und begann kritisch das Waschbecken zu betrachten, als fühlte sie sich zu Hause.

»Willst du dich etwa häuslich niederlassen?«

»Nu, was denn sonst? Was willst du denn machen ohne Koffer?«

»Ganz einfach: den Koffer holen!«

»Das geht noch einfacher«, beharrte Gerda.

»Na?«

»Wir schicken deinen Goldjungen.«

Susie wiegte sich hin und her.

»Nicht übel«, sagte sie, und auf einmal mußten sie beide laut lachen.

»Du, eigentlich war das doch nett von ihm. Wenn er wirklich arbeitslos ist, wird er die Dreimarkstücke auch nicht so in der Tasche haben.«

»Pssst, sei ruhig, ich glaube, er kommt.«

Sie besahen sich interessiert das Zimmer, Gerda zog den weißen Vorhang hoch, es wurde gleich heller, die Sonne kam breit und strahlend herein, aus dem Fenster dieses fünften Stockwerkes konnte man weit über das Arbeiterviertel hinwegsehen, über Bahndämme, Viadukte und Fabriken, über das Meer der Mietskasernen, aus dem sich graue Kirchtürme und Riesenessen erhoben. Das dunstige Wolkenmeer. Weiße Dampfwölkchen, Rauch und Ruß. Aber in den Sträuchern am Bahndamm saßen Vögel und lärmten, und der Himmel darüber war klar und unberührt in seiner morgenfrischen Kühle.

Susie indessen schritt die Wände des Zimmers ab und besah sich die diversen angezweckten Bilder und Porträts. Es waren nur fünf Stück. Auf dem ersten Bild, anscheinend einem Ausschnitt aus einer illustrierten Zeitung, war ein in rasendem Tempo eine Kurve nehmender Rennwagen mit der verheißungsvollen Startnummer 13 zu sehen. Im Wagen saßen, eng zusammengeduckt, Führer und Beifahrer, die Köpfe lederbepanzert. An den zischenden Rädern – man hörte sie zischen – sprühten Funken und Staubwolken auf. Trat man näher heran, so mußte man feststellen, daß es sich nicht um ein aufregendes Photo, sondern um eine geschickte Zeichnung handelte. Dafür war aber das zweite Bild echteste Photographie. Es hing über Fritz Brösickes Bett und war sein persönliches, gehütetes Eigentum – was Susie allerdings nicht wußte. Sie schob das süßlich übermalte zweitrangige Metro-Goldwyn-Mayer-Girl, das im Begriff war, am Strande von Miami, Palm Beach oder irgendwo sonst auf neckische Weise ins Wasser zu hüpfen, ihrem jungen Gastgeber zu. Das Girl hatte ausgeprägte, nackte Beine und ein genormtes Puppengesicht. Ein Stück weiter kam Emanuels Bildergalerie, drei Helden, von denen Susie allerdings nur zwei erkannte: Lindbergh als Zeitungsausschnitt, mit schlaksig herabhängenden Armen, und Lon Chaney als Photo-Postkarte, mit mysteriösem Blick. Der dritte, den sie nicht kannte, ein Mann mit einem Hundelächeln, schön geleckter Frisur und breiter Boxernase, war Victor Mac Laglen, der Capitän Flagg aus »Rivalen«.

Inzwischen war Emanuel atemlos wieder eingetreten, in jedem Arm eine Milchflasche, mit rotüberlaufenem, ängstlichem Gesicht. Als er den Zettel noch am alten Platze liegen sah, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Ihm war nämlich unterwegs eingefallen, daß er eine Dummheit gemacht hatte.

»Hier ist die Milch«, sagte er schroff, stellte die beiden Flaschen aufs Fensterbrett und nahm dabei seinen Rückweg am Tisch vorbei. Rasch hatte er den Zettel weggenommen und eingesteckt, allerdings nicht so rasch, um die beiden aufmerksamen Mädchen täuschen zu können. Sie taten aber nicht dergleichen, nur Susie konnte sich nicht enthalten, leise zu murmeln: »Also doch Emanuel!«, was ihr einen strafenden Blick Gerdas einbrachte.

Emanuel merkte nichts. Er hatte nur ein unangenehmes Gefühl im Magen. Schwer zu sagen, was das war. Vielleicht noch der Schreck. Aber das Gefühl ging nicht weg, im Gegenteil, es machte sich immer stärker bemerkbar. Und das Gefühl hing irgendwie mit den Milchflaschen zusammen. Hatte er Appetit darauf? Der Morgen war schon unruhig gewesen, zeitig aus dem Bett, noch nichts gegessen, nun die Geschichte mit den Mädchen, andere begannen zu frühstücken, zu arbeiten oder zu schlafen, wie zum Beispiel diese seltsamen Gäste, die sich in sein Zimmer gesetzt hatten, ohne zu wissen, daß es gar nicht sein Zimmer war. Sie hatten Milch, und auf dem Bahnhof stand ein Koffer mit Geld, ein Koffer mit dem Zimmerschlüssel, er aber hatte nur eine Stempelkarte und den Anblick der beiden Mädchen. Er hatte auch Hunger. Leise überkam ihn ein schwindliges Gefühl. Es war ein ungeheuer sanftes Gefühl, und die Leere in seinem Innern war auf einmal sehr empfindlich, und er beobachtete sehr klar und hellsichtig, wie sich alles entwickelte.

Susie legte ihren Schal ab, einen weißen, mit violetten Tupfen, sie hob anmutig ihre nackten Arme, denn die gelbe Sportbluse war ärmellos, und dann ging Susie mit langen Schritten hin und her. Den Jungen beachtete sie nicht. »Was machen wir nun?« sagte sie.

Gerda lag schon auf dem verschlissenen Sofa.

»Sie können hier bleiben, so lange Sie wollen«, sagte Emanuel durch eine Nebelwolke hindurch, die vor seinem Gesicht lag. Es schien doch der Hunger zu sein. Gerda sah ihn an. »Das ist nett von Ihnen, aber am liebsten möchten wir doch so schnell als möglich unseren Koffer wiederhaben.«

»Hoffentlich liegt er auch wirklich im Zug«, maulte Susie und streckte ihre gespreizten Finger unter den salopp umgebundenen Wildledergürtel.

Im selben Augenblick mußte sich Emanuel setzen, ihm war nicht ganz wohl, er wischte sich über die Augen, aber die dunstigen Kreise und Ringe und Sterne gingen nicht weg. Brrr, ausgerechnet jetzt muß es mich haschen ...

»Was haben Sie?« fragte Gerda. Auch Susie blieb mit aufgerissenem Mund stehen. Der wird doch nicht etwa umfallen, dachte sie.

»Fehlt Ihnen was?«

»Nee, nee. Ich bin bloß müde.«

»Kommen Sie. Wir wollen unsere Milch zusammen trinken.«

Gerda bemutterte gern. Die Kinder fehlten ihr, so bekam Susie von ihrem Zuviel an mütterlichen Instinkten und die Freunde von Gerda, und oft waren welche dabei, die es nicht verdienten.

Sie setzten sich an den Tisch.

Susie zupfte an ihrer Bluse herum und schielte über den Tisch hinweg zu dem Jungen hin. Sie hatte Angst. Sie liebte keine unklaren Angelegenheiten. Und diese schien sich zu verwirren.

»Warten Sie«, sagte Emanuel, »ich habe noch was.«

Er suchte im Brotschrank. Es war noch ein halbes Brot darin und etwas Butter. Fritz Brösickes Eigentum. Fritz konnte die letzten sieben Groschen dafür bekommen. Sie aßen und tranken schweigsam.

Draußen heulten wieder die Sirenen auf, es ging auf 6 Uhr. Wenn Züge vorüberrollten, zitterten die Wände. Die Sonne kam schon bis ins Zimmer.

Dann fing Gerda an.

»Sie müssen wissen, wir haben gestern abend gearbeitet. Tanzabend. Wir sind bei einer Tanzgruppe. Und heute abend geht es wieder los. Und nachmittags haben wir Probe. Nun können wir uns natürlich nicht ausschlafen, wenn wir nicht in unsere Wohnung kommen ...«

Emanuel hatte den Mund offen stehen. Susie beobachtete ihn. Als er sagte: »Ruhen Sie sich doch hier aus!« lachte sie.

»Ich gehe jetzt zum Arbeitsamt, Sie sind ganz ungestört ...«

»Müssen Sie mit dem Stempelgeld auskommen?« erkundigte sich Gerda naiv, und blickte dabei neugierig in dem großen Zimmer herum. »Oder haben Sie eine Nebenbeschäftigung?« Das wäre eine Gelegenheit gewesen, von Fritz Brösicke zu erzählen, was für eine Bewandtnis es mit diesem Zimmer hatte und warum er heute morgen so zeitig auf der Straße gewesen war. Aber er verpaßte die Chance, er wollte sie verpassen. Er schämte sich vor den Mädchen, einzugestehen, daß er nicht einmal ein eigenes Zimmer bezahlen konnte.

»Wie heißen Sie denn?« erkundigte sich Susie unschuldig.

»Roßhaupt. Emanuel Roßhaupt.«

»Das ist aber ein komischer Name. Der Erzengel Emanuel ...«

»Nee, der Erzengel heißt Gabriel, und für meinen Namen kann ich doch wirklich nichts.«

Die Milch war gut und dick. Das Brot war hart und alt. Aber beides füllte den Magen auf angenehme Weise.

»Ja, was wir nun machen sollen, wissen wir immer noch nicht.«

»Wir danken Ihnen, das war nett, daß Sie uns hier heraufgeholt haben, und das Geld bringen wir noch heute vormittag herüber. Aber wir können hier nicht bleiben. Wir wollen bei uns drüben baden, verstehen Sie, und uns in Ordnung bringen ...«

»... und dazu müssen wir meinen Koffer haben«, ergänzte Susie.

Emanuel wischte sich die Brotkrumen vom Mund und fuhr mit der rechten Hand über den Tisch.

»Ich kann ihn ja holen«, sagte er.

»Was?«

»Den Koffer.«

»Das wäre aber nett!«

»Sicher. Ich habe sowieso nichts vor.«

Susie dachte an den merkwürdigen Brief, den sie gelesen hatte. Sie konnte sich von dem Jungen noch immer kein klares Bild machen, und das ärgerte sie. Außerdem war sie hundemüde und überreizt. An die Geschichte heute abend wollte sie am liebsten gar nicht denken, aber es stieß ihr immer wieder auf. Sie erhob sich und ging zu dem Sofa hin.

»Der Koffer muß sicher schon in der Fundstelle sein, der Zug ist ja nicht weitergefahren. Ich werde Ihnen einen Zettel schreiben, daß Sie den Koffer auch wirklich bekommen. Es war ein kleiner grauer Stadtkoffer, drin sind unsere Trainingsanzüge, blaue Trainingsanzüge, ja? Hosen und Jacken ... Nee, die Kostüme werden für die ganze Truppe zusammengepackt, da haben wir nischt mit zu tun. Und dann war noch so Kleinzeugs drin, Kölnischwasser und Toilettenzeug, und Geld ist drin und die Schlüssel ...«

Dann sagte sie ihm, mit welchem Zug sie gekommen waren und auf welchem Bahnhof. Ihr fiel plötzlich etwas ein.

»... Sie können doch nicht hinlaufen, das ist doch viel zu weit!«

»Nicht schlimm. Ich habe ja genügend Zeit.«

»Nee, wie dumm! Ich kann Ihnen nicht mal das Straßenbahnfahrgeld geben!«

»Is gut. Das habe ich auch noch.«

»Wollen Sie wirklich so nett sein? Wir verrechnen heute mittag alles ...«

Da merkten sie, daß Susie eingeschlafen war. Ihre Schuhe lagen auf dem Boden. Sie hatte die Beine hochgezogen, und so war sie in sitzender Stellung, ermüdet von den Anstrengungen der Nacht, eingeschlummert. Ein paar Strähnen des schwarzen Haares rutschten in die vorgewölbte breite Stirn. Nicht ganz in der Mitte der Stirn, ungefähr über der rechten Augenbraue, begann der Scheitel. An der Spitze dieses Scheitels befand sich eine bemerkenswerte und auffällige Haarwurzel, von der aus das Haar sich in raschem Schwung nach allen Seiten in großen Wellen über den Kopf legte. Susie konnte stolz darauf sein, und sie war es auch. Sie brauchte keine Ondulation, und damit stand sie allein auf weiter Flur. Ihre Freundinnen beneideten sie um das dichte Haar. Es war nun auseinandergefallen und bedeckte die Stirn. Gleichmäßig ging ihr Atem und blies eine besonders lange Strähne auf und nieder. Der kindliche, scharf abgezeichnete Mund sah mürrisch aus, die Falte darunter vertiefte sich noch mehr, ihre Hände zuckten im Traum, es war ein Kind, das auf dem Sofa schlief.

Emanuel stand ganz still und rührte sich nicht. Als draußen ein vorbeifahrender Zug einen langen, anschwellenden Pfiff ausstieß, fuhr er erschrocken zusammen.

»Lassen wir sie schlafen«, sagte Gerda leise, »sie hat es nötig.«

Emanuel legte einen Finger an seinen Mund und ging auf Zehenspitzen zurück.

»Ich hole Ihren Koffer«, sagte er, »bleiben Sie ruhig hier, bis ich wiederkomme.«

Dann setzte er seine hellgraue Sportmütze auf und verschwand aus dem Zimmer. Gerda blieb nachdenklich stehen und lächelte. Netter Junge, dachte sie. Sie sah sich im Zimmer um. Es war nicht besonders groß, auf dem Tisch lag noch angeschnittenes Brot, die leeren Milchflaschen und die Lampe stand da, an der sie die Mitteilung des Jungen entdeckt hatten. Der Zettel war nicht mehr da. Das Mädchen zog sich ihren Wolljumper aus, sie trug unter dem Rock nur ein dünnes Hemd, durch das die zarten, tiefsitzenden Brüste mit den deutlich abgezeichneten Spitzen schimmerten. Sie betrachtete eine lange Weile ihre schlafende Freundin, dann versuchte sie, die Kleine vom Sofa hochzuheben, um sie zum Bett zu tragen, aber die federleichte Susie war ihr noch zu schwer. Gerda gab den aussichtslosen Versuch auf und begnügte sich damit, die Kleine bequem auf das Sofa hinzulegen. Susie ließ sich alles gefallen, sie streckte die Beine, dehnte sich, kuschelte sich mit dem Kopf tiefer in die Sofaecke, aber die Augen öffnete sie nicht und gab keinen anderen Laut von sich als ein leises Schnurren. Gerda holte vom Bett eine Decke und deckte die Kleine damit sorgfältig zu. So.

Es war sieben Uhr, die Straße wurde lebhafter, die Rauchwolke über der Stadt stieg, im Hausflur regten sich die Leute, ein Teppich wurde geklopft, Lastautos ratterten vorüber, Frauenstimmen, anhaltendes Hundegebell in einem entfernten Zimmer, dann, in eine plötzliche Stille hinein, prustete ein Zug über den Damm. Gerda beugte sich aus dem Fenster, es war ein Güterzug, die endlosen Wagenkolonnen holperten langsam und stoßweise, sie zählte die Wagen und schätzte erst auf vierundzwanzig, aber es waren viel, viel mehr. Sie rollten und rollten. Zweiunddreißig. Große rotbraune Wagen. Jeder machte eine Musik für sich. Siebenundvierzig. Schluß. Gott behüte die armen Seelen, dachte Gerda. Sie wußte nicht, was sie damit meinte. Ein Mädchen mit einem schwarzen Plisseekleid und breitem weißen Kragen ging unten über die Straße. Sie hatte eine Aktentasche unter dem Arm. Wahrscheinlich geht sie ins Büro. Was gäbe ich darum, wenn ich jetzt auch ins Büro gehen könnte, anstatt in einer fremden Wohnung zu warten, zu warten auf einen kleinen Koffer, den man stehen gelassen hat; hundemüde, halb krank, traurig, ohne Hoffnung. Ich konnte auch einmal ins Büro gehen, ich bediente in einem feinen Herrenkonfektionsgeschäft, ich hätte vielleicht einmal Direktrice werden können, drei Jahre ist das her, lange Zeit, ich wollte rasch etwas werden, sehr rasch, die Broadway-Girls werden nicht gut bezahlt, aber sie haben Chancen, nicht wahr ...

Sehr rasch wollte ich etwas werden, und nun bin ich hundemüde. Stenotypistin könnte ich sein. Würde mit einer Aktenmappe über die Straßen gehen, in einem billigen Plisseekleid. Ich hätte keinen englisch karierten Mantel und keine echten Schlangenhautschuhe, aber eine geregelte Arbeitszeit. Ich könnte nachts schlafen und würde am Tage arbeiten. Dreiundzwanzig Jahre bin ich, es ist beinahe zu spät, ich bin hundemüde, ich möchte mich einmal ausheulen ...

Und obwohl ihr ein Klumpen in der Kehle steckte und ihre Wangen zuckten, weinte sie nicht. Sie rückte sich einen Stuhl ans Fenster, stützte die rechte Hand auf und blickte mit ihren traurigen Augen über die arbeitende Stadt hin. Das tat gut.

Gerda hatte keinen Vater mehr. Nur die Mutter lebte noch. Gerda und ihre älteste Schwester, die mit einem Monteur verheiratet war, unterstützten die Mutter. Die noch nicht sehr alte Frau war schon hinfällig, gebeugt vom vielen Unglück, das ihr das Leben gebracht hatte, aber zäh an alten Erinnerungen und Traditionen hängend, eine Beamtenwitwe, die sich gern mit den kleinen Dingen jener gehobenen Schicht umgab, der sie einmal angehört hatte. Sie verkehrte nur mit Beamtenfrauen, gab ihr Abonnement im Theater nicht auf, wenn sie sich das Geld auch an notwendigeren Dingen absparen mußte, und führte in ihrer kleinen, immer überhitzten Zweizimmerwohnung, die, gefüllt mit Möbeln und Erinnerungen, einen etwas beengten Eindruck machte, ein stilles, reserviertes Leben. Von einer großen Kinderschar waren die beiden Töchter übrig geblieben, deren Handlungen sie rügte und kritisierte, als wären die Töchter noch kleine Kinder. Die Schwestern widersprachen nie, weniger aus Gehorsam, denn aus Angst, der gebrechlichen, kranken Mutter könnte etwas Ernstliches zustoßen, wenn eine von ihnen sich gesträubt hätte, ihrem Willen zu folgen. Sie wurden älter, Gerdas Schwester hatte schon einen zweijährigen Jungen und erwartete das zweite Kind. Die Schwestern kamen in das Alter, wo sie das Leben und die Mühen der Eltern zu würdigen begannen, es war ihnen ein fremdes Leben, aber es nötigte Ehrfurcht ab. Sie machten sich alles leichter, sie versuchten über Schwierigkeiten hinwegzuspringen, es gelang nicht immer. Dann flüchtete Gerda gern in die kleine Wohnung zur Mutter, sie konnte sich nicht aussprechen, aber es wurde ihr leichter ums Herz, sie fühlte sich geborgen. Manches Mal kamen ihr die Tränen, aber sie hielt sie zurück, weil sie sich vor der Mutter schämte.

»Was machst du?« fragte die Mutter, und Gerda erzählte. Sie schmückte aus und ließ das Böse weg, sie hatte auch damals nicht gewagt, von ihrem ersten Auftreten als Girl in der großen Revue zu sprechen, nein, sie war für die Mutter Tänzerin geworden. Die Mutter schüttelte den Kopf, aber Gerda schilderte alles so verheißungsvoll, sie tanzte im Großen Schauspielhaus – das stimmte – und ihr Bild wäre im Programmheft – mit denen der dreißig anderen Girls, was sie verschwieg –, daß die alte Frau ihre Tochter gewähren ließ. Auch als sich Gerdas Gesicht veränderte, schmaler und hagerer wurde, mit einem seltsamen Schimmer um die Augen, sagte sie nichts. Aber die Mutter hatte ihren eigenen Willen, in einem bestimmten wichtigen Punkte. Tänzerin war Gerda, nun gut, sie sollte es sein. Aber einmal mußte Gerda heiraten, und den Mann für ihre Tochter würde sie aussuchen, es sollte ein Beamter sein. Ein Beamter, das bedeutete Sicherheit und Versorgung im Alter. Alfred Langlotz, Sohn einer ihrer Kränzchenschwestern, Spielgefährte Gerdas seit ihrer Kinderzeit, jetzt avanciert zum Schupooberwachtmeister, dieser Alfred Langlotz, jung, groß, breitschultrig, war der Richtige, er konnte auch Karriere machen. Und mit Zähigkeit und Ausdauer zwang sie Gerda ihren Willen auf. Noch war nichts entschieden, aber Alfred galt offiziell in der Familie als Gerdas Verlobter. Er hatte sich immer schon für seine kleine Jugendfreundin interessiert. Gerda sagte nichts zu dem Plan der Mutter, nur versuchte sie Entscheidungen hinauszuschieben und hinzuzögern. Zu Hause ließ sie sich seltener sehen, aber wenn sie wieder einmal die Mutter besuchte, kam das Gespräch schnell auf Alfred Langlotz. »Trefft ihr euch oft?« fragte die Mutter. Es war der einzige Wunsch der Mutter, und Gerda widersprach nicht. Das nächste Mal blieb sie länger von zu Hause fort, Postkarten kamen aus entfernten Städten, wo sie auf Tournee waren, einmal sogar aus Paris, ihr schien es gut zu gehen, sie ließ auch auf jeder Karte Alfred grüßen, eine lange Zeit verging, dann klingelte es plötzlich stürmisch und anhaltend an der Vorsaaltür, die Mutter wußte schon, wer das war, ihre jüngste Tochter kam ins Zimmer gestürmt, duftend nach Parfüm, in modernen Kleidern, sorgsam gepflegt und gut aufgemacht. Und Gerda begann zu erzählen ...

Susie rührte sich auf dem Sofa, rückte hin und her, sprach etwas im Schlaf und schlummerte wieder ein.

In einer nahen Fabrik begann eine Stanze, das Mädchen hörte den Lärm der Dampfpfeifen, das Geheul der Züge, Hämmern und Klopfen und Kreischen, das Geräusch von Bohrhämmern, manchmal kam auch von Ferne ein Klingelsignal der Straßenbahn. Weiße Dampfsäulen erhoben sich über der Rauchschicht, die auf den Dächern der Stadt lag, es war der schöne, große Lärm der Arbeit, und das Herz des Mädchens war von abgrundtiefer nutzloser Traurigkeit erfüllt.

Auf einmal, sie hatte wohl schon über eine Stunde so untätig am Fenster gesessen, drehte jemand den Schlüssel im Schloß um. Sollte der Junge schon zurück sein? Das war doch kaum möglich. Die Tür öffnete sich. Ein fremder Mann in schmieriger Lederjoppe trat ins Zimmer. Er blieb erstaunt stehen. Gerda hatte sich erhoben, ihr Herz klopfte heftig. Wer war denn das? Susie schlief ruhig weiter.

»Was machen Sie denn in meiner Wohnung?« fragte Fritz Brösicke nach einer großen Pause höchst erstaunt, er hatte die beiden Mädchen sofort wiedererkannt und fand es sehr komisch, daß von den beiden, die heute morgen so stolz und unnahbar an ihm vorbeimarschierten, die eine schlafend auf seinem Sofa lag und die andere ihm so ziemlich im Hemd gegenüberstand.

»In Ihrem Zimmer?« fragte Gerda ungläubig. Sie kannte den Mann nicht.

»Wie kommen Sie denn hier rein? Wo ist Emanuel?« Der Seltsamkeiten waren viele, stellte Fritz fest.

»Emanuel? Ja, der war hier. Ich denke, dem gehört die Wohnung?«

»So, hat er das gesagt?«

Auf einmal merkte sie am Blick des fremden Mannes, daß sie nur Hemd und Rock anhatte. Mit einem raschen Griff streifte sie den Jumper über. Fritz grinste.

»Ja, dieser Herr hatte einen Schlüssel zu der Wohnung, und er hat uns mit heraufgenommen, weil wir unseren Koffer auf der Bahn liegen gelassen haben. Wir wohnen nämlich im ersten Hinterhaus«, erklärte Gerda.

Die Geschichte mit dem Koffer konnte stimmen, denn die Mädchen kamen von der Bahn, das wußte Fritz, er hatte sie ganz genau beobachtet, als sie mit Pauls Taxe abfuhren, aber daß ausgerechnet Emanuel so viel Mut und Energie aufgebracht haben sollte ...

»Wo ist denn Emanuel?«

»Er holt unseren Koffer von der Bahn.«

»Ach ...«

Fritz machte ein sehr verwundertes und ungläubiges Gesicht. Im selben Augenblick aber, gestört durch das Gespräch, drehte sich Susie herum und machte die Augen auf. Sie beobachtete still die unverständliche Szene.

»Gehört die Wohnung denn nicht dem jungen Mann?« fragte Gerda noch einmal.

»Nee, nicht ganz. Die Miete bezahle ich. Aber er wohnt bei mir.«

»Entschuldigen Sie bitte, das haben wir nicht gewußt. Der Herr hat uns auch nichts gesagt. Aber wir gehen dann ...«

»Nee, nee.« Fritz winkte erschrocken ab. »Warten Sie mal ...« Und dann überlegte er.

»Wir sind nämlich die Nacht durch mit dem Zug gefahren, und heute abend müssen wir wieder auftreten, beim Sommerfest des Stadthotels, wir gehören zu den Broadway-Girls. Davon werden Sie doch sicher schon gehört haben. Und weil wir so müde waren, sind wir mit heraufgekommen. Das ist natürlich sehr unangenehm, daß Sie der Mieter sind.«

So was war Fritz noch nicht vorgekommen. So was mußte gründlich überlegt werden. So was war doch einfach unglaublich ...

Gerda zog schon ihren Mantel an.

»Nee, nee, lassen Sie mal. Bleiben Sie ruhig noch 'ne Weile hier. Ich komme gleich wieder.«

Und damit klappte er auch schon die Tür zu und sauste über die Treppe hinunter. Gerda sah ihn unten über die Straße laufen und im Viadukt verschwinden.

Im gleichen Augenblick aber war Susie aufgesprungen.

»Habe ich dir's nicht gesagt! Das ist nicht nur ein Idiot, sondern dazu noch ein Schwindler. Paß auf, wir sehen unseren Koffer nie wieder. Ach du lieber Gott! Wenn ich den Kerl noch einmal erwische, der kann vielleicht was erleben!« Sie schlug sich mit der flachen Hand mehrere Male vor die Stirn, ihr Gesicht war rot angelaufen. Sie schämte sich und hatte Wut.

Gerda strich sich ihr Haar zurück, ihr war alles gleichgültig. Der Tag war doch verpfuscht.

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