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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid5c4eb35c
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Das Taxi

»Susie soll herüberkommen«, sagte der Manager. Er trug einen steifen Hut, wie das so in Filmen zu sehen ist und hatte schon am frühen Morgen eine schwarze Zigarre im Munde. Seine Lippen waren ganz zerkaut, er sah übernächtigt aus und roch aus dem Munde, als er die Zigarre in die Hand nahm, um mit Susie zu sprechen. Der Zug fuhr schon über die Weichen vor dem Bahnhof, er ratterte und holperte sehr und verringerte seine Geschwindigkeit. Einige Mädchen schliefen noch, aneinandergelehnt, mit verwuschelten Haaren, die Mäntel eng um die schmalhüftigen Körper gezogen, als Schutz gegen die Nachtkühle.

Susie war durch die Durchgangswagen in ein Zweite-Klasse-Abteil gegangen, um sich auf der Toilette frisch zu machen. Im Krug war nur noch wenig Wasser, sie besah es sich kritisch, wer konnte wissen, ob es sauber war? Es langte nicht mehr, um das Waschbecken zu säubern, deshalb goß sie vorsichtig und Schluckweise das Wasser in die hohle rechte Hand, befeuchtete ihr rundes Gesicht, tupfte die Augenwinkel aus und spritzte sich den Rest vorn in die Sportbluse hinein. Die Tropfen rannen kalt und langsam am Körper herab. Susie schüttelte sich, aber nach einer Weile war es ein angenehmes Gefühl. Unsaubere Fingernägel, Ruß auf den Händen, in den Ohren, im Haar. Notdürftig kratzte sie mit der Nagelfeile den dicksten Schmutz weg.

Puh, dachte sie. Ich muß mich gleich baden, wenn ich nach Hause komme. Hundemüde. Und nachmittags schon wieder Probe, puh ...

Susie Schmitz hatte aufgeworfene Lippen, mit dem Lippenstift ging sie oberflächlich darüber hin, es war nur ein Hauch. Fachleute halten Mädchen mit aufgeworfenen Lippen für besonders sinnlich, aber leider täuschen sich Spezialisten oft. Susie war kalt wie Hundeschnauze.

Gerade, als sie sich die Haare durchkämmen wollte, gab es einen Ruck, sie flog gegen die Tür, und der Zug hielt. Schnell warf sie Kamm, Bürste, Lippenstift und Kölnischwasserfläschchen in ihren kleinen Koffer und sauste hinaus. Aber sie waren noch nicht im Bahnhof, der Zug hielt, weil er keine Einfahrt hatte. Die übernächtigten Mädchen standen auf und machten sich oberflächlich zurecht. Gerda ließ ein Fenster herunter und sah hinaus. Nach einer Weile kam auch Susie an das Fenster und legte ihren linken Arm um die Schulter der Freundin. Der Morgenwind tat ihnen gut.

»Bin ich zerschlagen«, sagte Susie.

Gerda zeigte auf die Häuser hinunter. »Weißt du, was das ist?«

Nein, Susie wußte es nicht. Sie hielten irgendwo draußen in den Vorstädten. Unten lag ein einsamer lehmiger Fußballplatz, er mußte einem kleinen Verein gehören, denn es gab nicht einmal Sitzgelegenheiten für Zuschauer. Ringsum begannen gleich die Schrebergärten und dahinter die unfreundlich hingesetzten Häuser der Vorstadt. Sie sahen noch einen Friedhof und eine Kirche, die jemand aus einer Baukastengarnitur für Kinder herausgenommen und wahllos in die Landschaft gestellt zu haben schien. Gerda begann zu frieren im Morgenwind, sie ging vom Fenster weg.

Glatter Himmel über der Stadt, trostloser Himmel. Susie hatte einen schalen Geschmack im Mund. Abgestandener Zigarettenrauch, Geruch von verschüttetem Bier. Arbeit, schwere Arbeit in der Nacht, nun konnte sie in den sonnigen Tag hineinschlafen und wozu? Der Zug ruckte wieder an, sie fuhren langsam über das Schienengewirr, der Bahndamm senkte sich, die Gleisanlagen wurden breiter, Fabriken wuchsen am Rande auf, Blockhäuschen, Signalstellen, lange Reklameflächen, Güterschuppen, die Einfahrt war frei.

»Geh mal zum Chef«, sagte Gerda, »er will dich sprechen.« Susie ging hin.

»Also, Susie, mach die Sache heute abend. Wenn du einschlägst, bleibt es dabei.«

»Nee.« Sie stützte ihre Hände in die Hüften. »Dabei kann ich ausrutschen. Ich weiß ja gar nicht, wen ich erwische.«

Der Manager nahm seinen Hut herunter. »Menschenskind, Susie, das ist doch deine große Chance! Wenn Annemie nicht gestolpert wäre, hätte ich dich ja überhaupt nicht gebraucht. Hab dich nicht so! Ihr seid doch schließlich keene Mimosen. Später wirst du es bereuen.«

»Ich will mir gar niemanden angeln. Gehen Sie mir mit solchen Chancen weg.«

»Du bist ja blöd.«

»Meinetwegen.«

Der Zug fuhr in den Bahnhof. Die Mädchen drängten sich zur Tür. Sie wollten nach Hause, sie wollten schlafen, der Morgen war da.

Der Manager faßte Susie unter der Achsel, als sie ausstieg. Sie war leicht wie ein Kind.

»Zerbreche dir nicht den Kopf«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Das Wichtigste ist doch, daß du zwohundert Mark bekommst ... Na?«

Die Mädchen standen eng zusammen und quatschten miteinander. Die Morgenkühle erfrischte sie gar nicht, ihre kleinen Nasen wurden blau, und die dünnen englischen Mäntel schützten nicht gegen die Kälte. Einige Mädchen, Susie zum Beispiel, hatten nicht einmal Mäntel mit.

»Gerda«, rief der Manager und die Längste unter den Girls kam zu den beiden herüber. »Rede ihr doch mal zu, Gerda, sie soll nicht so bockbeinig sein.«

»Das mußt du selber wissen, Susie.«

»Himmelherrgott, denkt ihr etwa, ich habe noch lange Zeit, hier auf dem Bahnhof ne Varietéagentur zu eröffnen? Ich brauche dich heute abend und damit basta. Und die zwohundert bekommst du.«

Die Mädchen setzten sich wieder in Bewegung, dem Ausgang zu. Jede hatte ihre Karte in der Hand, einige Bahnarbeiter sahen ihnen nach und witzelten. Auf dem Bahnhofsvorplatz begann der große Betrieb. Arbeitersonderzüge waren angekommen, in lange Kolonnen rückten die Arbeiter ab, es gab schon Morgenzeitungen, sie wurden laut ausgerufen, ein fliegender Händler verkaufte Zigaretten und Schokolade, ein zweiter, dessen Tisch belagert wurde, warmen Kaffee und Brötchen.

Die Mädchen standen wieder zu einem Trupp zusammen und warteten, sie fühlten sich unglücklich in der kalten Morgensonne, zwischen den ausgeschlafenen Leuten, sie hatten manches Mal dieses Katzenjammergefühl, es ging wieder vorbei, aber schön war es nicht.

»Ich friere«, sagte Eleonore, »ich habe Schüttelfrost.«

»Kakao möchte ich trinken, heißen dicken Milchkakao.«

»Stupps, dein Kragen ist verrutscht und dreckig ist er auch.«

»Kein Wunder bei der dußligen Bahnfahrt.«

Gerda nahm ihre rote Baskenmütze herunter und knüllte sie mit den Händen. Susie stand etwas abseits und sah mit ihrem nachdenklichen Gesicht die grauen Geschäftshäuser gegenüber dem Bahnhof an. In Wirklichkeit sah sie nichts an. Gerda suchte aufmerksam einen bestimmten Ausdruck bei Susie, aber sie fand ihn nicht. Sie legte ihre rechte Hand auf Susies Schulter und sagte rasch: »Hast du Angst?« Susie lachte kurz und hell, es war wie ein Vogelruf, dann schüttelte sie ärgerlich die Hand ihrer Freundin herunter und fauchte: »Wenn ich keine anderen Sorgen hätte! Ich kann das Geld brauchen, und ich will es mit dem Chef nicht verderben, aber womit? Hm? ... Hast du es schon mal gemacht?«

»Kannst ja heute abend abhauen, wenn es dir nicht paßt.«

Die Mädchen standen noch zusammen und warteten auf den Chef, gleich würden sie sich zerstreuen, verschwinden in der Stadt, in ihren Wohnungen, hinfallen, todmüde, hundematt, Schlaf, guter sanfter Schlaf ...

Samuel Großmann kam aus dem Bahnhof heraus. »Drei Uhr«, sagte er, immer noch die Zigarre im Munde, die er kalt rauchte. Er biß die Tabakblätter herunter, Fäserchen hingen an den Lippen. »Und wenn mir eine zu spät kommt! – Marsch! – Adjüs!«

Er schnippste mit den Fingern. Gerda und Susie kamen hinter ihm her.

»Also, Susie?« sagte er mit seiner freundlichsten Stimme.

»Muß wohl«, antwortete die Kleine. »Vielleicht sehen wir uns heute zum allerletzten Mal.«

»Willste etwa heiraten?«

»Nee, aber möglich, daß ich heute abend fliege ... wegen Kontraktbruch.«

Der Manager nahm die nasse Zigarre aus dem Mund und tippte mit der zerbissenen feuchten Spitze auf seine Stirn. Dann drehte er sich und ging ebenfalls. Aber er kam nochmals auf halbem Wege zurück und rief: »Richtig ausschlafen, verstanden!«

»Halt die Klappe!« antwortete Susie leise, aber heftig. Der Manager konnte das nicht mehr hören. Es wäre auch nicht vorteilhaft gewesen. Er stand sich gut mit der Jüngsten, die erst ein halbes Jahr bei der Truppe war, er stand sich eigentlich gut mit allen, aber seine Gutmütigkeit hatte auch ihre Grenzen. Das Geschäft florierte nicht mehr besonders, die große Zeit der Revuen war vorbei, man mußte bei Vermittlern herumschmusen, Engagements an Vergnügungsetablissements in Mittelstädten bezeichnete er als Glücksfälle, nur gut, daß er, Samuel Großmann, Junggeselle geblieben war.

5 Uhr war der Morgen. Im Zug hatten sie keine Sonne gesehen, ein Morgen mit kühler Helligkeit, mit matten Farben, nun röteten sich auch die Dächer, ein leichter Wind sprang auf, der erste Wolkenhauch erschien über dem Horizont der Essen, nur der Hahnenschrei fehlte, dafür schrien die Sirenen, die ersten Bahnen fuhren vorüber, leicht und fröhlich nahmen sie die Kurven, als hätten sie sich in der Nacht ausgeruht. Sie waren aber nicht einmal geschmiert worden. Die Züge über den Viadukten, auf den Bahndämmen, über Brücken, durch Häuserschluchten schnaubten dicken schwarzen Rauch, es wurde Tag.

Rechts standen die Taxis in vier gleichen Reihen, sie schliefen, und ihre Fahrer schliefen auch. Nur einer, mit kleinem energischem Gesicht – es gibt Berufsgesichter, dies war das Gesicht eines Monteurs – und flinken schwarzen Augen, der zweite in der ersten Reihe, klopfte mit dem rechten Absatz anhaltend auf den Asphaltboden. Er trug Ledergamaschen und war fein ausstaffiert, braune Manchesterjacke, blaue Schirmmütze, die Mütze saß rechts etwas schief und verwegen, Frieda hatte das gern. Fritz Brösicke wartete auf die letzte Fuhre, und das war frühmorgens nicht sehr leicht. Erst dachte er gar nicht, daß die beiden Krabben fahren würden, sie kamen so unentschlossen herübergependelt und hatten weder Koffer noch Taschen in den Händen, und dann konnte es ihm einigermaßen egal sein, denn vor ihm stand noch Zimmermann Paule. Aber das kleine Mädchen links, die mit den aufgeworfenen Lippen und der gelben Sportbluse, gefiel ihm. Er hörte auf, den Asphalt mit den Stiefeln zu bearbeiten und stützte seinen rechten Arm auf den Wagenschlag, langsam pendelte er um seine Achse, als sie vorüberkamen. Edelnutten, taxierte er sachlich.

»Wenn ich mir die zweihundert heute abend schon verdienen soll, dann fahre ich auch im Taxi nach Hause«, sagte die Kleinere.

»Recht haste«, konstatierte Fritz.

Die Mädchen drehten sich nicht um, vielleicht hatten sie nichts gehört.

Hübsch, anmutig, appetitlich war die Kleine, viel zu schade für so ne Geschichte mit zwohundert Mark. Sie ging zu Paule hin, rüttelte ihn am Arm, denn der Chauffeur war eingeduselt, und sagte laut: »He, Sie!«

Das Mädchen schien schlechter Laune zu sein.

Susie stieg zuerst ein, sie hatte Kopfschmerzen bekommen, nur schnell nach Hause. Im Wagen roch es gräßlich, es war derselbe Geruch, den sie schon die ganze Nacht in der Nase hatte, abgestandener Zigarettenrauch, Ausdünstungen, Mief; ihr wurde übel.

»Herr! Sie können Ihre Karre, mal auslüften!«

Der Chauffeur drehte sich halb um, sein Wagen fuhr schon an.

»Halt!« rief Susie. »Können Sie das Dach runterklappen?«

Der Chauffeur stieg fluchend aus, er besah sich die beiden jungen Mädchen, es war ihm schnurzegal, ob sie hübsch waren, seine Frau war ihm vor zwei Tagen durchgegangen, sie hatte alle Möbel mitgenommen, er saß in einer ziemlich leeren Wohnung, ihm konnte alles gestohlen bleiben, seine Sorgen nahm ihm niemand ab. Fritz kam und half die Plane herunterklappen, dabei besah er sich das junge Mädchen noch einmal sehr genau und revidierte seine Meinung von ihr. Das saubere klare Gesicht, mit einem nachdenklichen Zug um die Augen, sah so selbstbewußt aus und prägte sich auf so angenehme Art ein, daß er seine schlechten Gedanken aufrichtig bedauerte. Die große gerade Nase hatte vorn einen leichten kühnen Schwung, und der auffällig klar abgezeichnete Mund leuchtete heiter und unberührt. Schade, daß Fritz sich das Mädchen nicht noch eingehender besehen konnte, denn sein Kollege gab Gas.

Mucksmäuschenstill und feierlich saßen die beiden Mädchen im Fond. Im Auto, und selbst wenn es nur eine simple Taxe war, bekamen ihre Gesichter einen gelassenen Ausdruck. Seht nur her! hieß das. Wir können uns ein Auto leisten. In Wahrheit konnten sie es nicht.

Susie verspürte angenehm die frische Luft, der schale Nachtgeruch verflog, sie sah die hellen gelben Sonnenflächen an den Häusern, der Himmel wurde blauer, die Arbeiter vom Bahnhof hatten sich zerstreut, sie kamen durch stille Straßen, sie fuhren rasch, es gab einen kühlen Luftzug, es wurde ihnen leichter ums Herz.

»Ich nehme gleich ein Bad!«

»Nee, Gerd, du mußt mich zuerst ins Wasser lassen!«

»Meinetwegen.«

»Ach, wenn ich mal so richtig ausschlafen könnte. Abends zeitig ins Bett und morgens zeitig heraus. Von so einem Morgen hat man gar nichts.«

Sie bogen in eine Hauptstraße der Stadt ein, der Wagen rollte sanft über das asphaltierte Pflaster. Alles sah verschlafen und still aus. Nur wenige Leute gingen zur Arbeit, der Chauffeur steigerte die Geschwindigkeit. Vor einem Restaurant unterhielten sich zwei Polizisten, dann kam wieder ein Restaurant, die Türen standen offen, man sah Frauen, die aufwischten, Stühle standen übereinander, vorbei, ein Schornsteinfeger, Gemüsewagen, eine schöne blaue Privatlimousine ...

Susie sah ihr nach.

»Haste den Wagen gesehen? 'n Chauffeur in weißem Dreß saß darin. Holte wahrscheinlich den Chef ab ...« und dann, im gleichen Ton, »... was machst du eigentlich für ein Gesicht?«

Gerda Sponholtz war fünf Jahre älter und drei Jahre länger bei der Truppe als ihre kleine Freundin. Sie wohnten zusammen in einer kleinen Mietwohnung, Schlafzimmer mit winziger Miniaturküche und provisorischer Badekabine. Sie kannten sich genau und waren hellsichtig geworden für ihre kleinen Seelenschmerzen. In Gerdas ernstem Gesicht eine besondere Gemütsbewegung zu entdecken, war nicht leicht, traurige Augen hatte sie immer, aber wenn sie ihre Brauen zusammenzog, gab es ein paar besonders böse Falten.

Sie lehnte sich tief in den Wagen zurück und antwortete nur:

»Ach nichts ... ich bin müde.«

»Ich will einen Frosch fressen, wenn du nicht noch was anderes hast.«

»Meine Mutter kommt heute abend ins Stadthotel.«

»Ach? Davon hast du mir ja gar nichts gesagt.«

»Gestern nachmittag ist 'ne Karte gekommen. Du warst schon fort.«

»Na und was ist dabei?«

»Alfred wird sie begleiten.«

»Aha ...«

»Ja, deswegen.«

»Aber du mußt doch auftreten.«

»Na, wenn schon. Um zehn sind wir doch fertig. Und dann sollen wir zusammen noch irgendwo hingehen.«

»Na und was wirst du machen?«

»Ich? Was soll ich machen? Ich werde natürlich meine Mutter nicht sitzen lassen ...«

Susie erwartete, daß ihre Freundin noch etwas sagen würde, aber das war ein Irrtum. Gerda blieb stumm.

Susie sah hinaus auf die Straße und legte ihre kleinen Hände auf die Knie. An ihren Mundwinkeln bildeten sich Fältchen, und man hätte nicht sagen können, ob sie lächelte. Auf einmal begann sie leise vor sich hin zu summen. Die Taxameteruhr kletterte schon über die Zwei-Mark-Grenze, gleich würden sie zu Hause sein ...

»Was summst du denn da?«

Gerda richtete sich auf und strich ihr Haar zurück. Sie hörte genauer hin. Susie drehte sich langsam um und begann die Worte mitzusingen:

»Rirarutsch!
Wir fahren mit der Kutsch,
Wir fahren bis Amerika,
Und wenn das große Wasser kommt,
Dann kehren wir wieder um.«

»Du wirst anscheinend munter.«

»Tscha, wenn ich an heute abend denke, werde ich allerdings munter.«

»Wieso an heute abend? Daß meine Mutter kommt?«

»Nee, ich denke bloß an mich, an Susie Schmitz, an ... na, an das verschenkte Broadway-Girl ...«

»Ich würde mich an deiner Stelle freuen.«

»Tausche doch mit mir. Ich biete dir diese Chance mit Kußhand.«

»Ha! Sage es doch mal Samuel. Der will junge haben. Der kennt schon die Wünsche seines Publikums.«

Sie fuhren durch eine Allee. Es war mitten in der Stadt.

»Der Broadway, was? So ein Krampf.«

»Ach, Susie«, Gerda beugte sich zu der Kleinen herüber, »nimm es doch nicht so tragisch! Das wird ganz einfach sein, da brauchst du wirklich keine Angst zu haben. Sei froh, daß du diese Nebeneinnahme hast.«

»Ich danke schön. Da steht man da wie ein Schlachtlamm und wartet darauf, daß man geschlachtet wird, und dann kommt so 'n schmieriger Bengel und denkt: Jetzt haste aber Schwein gehabt, mit der kannste zwölf Stunden machen, was du willst. Und dann fahren wir raus, und ich kann nischt dagegen machen, und wenn er keck wird und ich haue ihm ein paar in die Fresse, dann heißt es Kontraktbruch, was?«

In ihren großen Augen standen dicke runde Tränen, es waren keine Tränen der Verzweiflung. Im Gegenteil, sie hätte um sich schlagen können ...

»Na, du brauchst wenigstens vor niemandem Versteck zu spielen. Aber mir sitzt meine Mutter auf der Pelle und Alfred. Und das alles ist nicht so schlimm, wenn nicht Heini wäre.«

»Deine Sorgen. Wenn du heute abend mit deinem Alfred Trautes-Heim-Glück-allein machst, da mache ich ri-ra-rutsch. Kannst mir ja so gegen elf Uhr eine stille Träne weihen ...« Und als sei ihr gerade bewußt geworden, was man da von ihr verlangte, hüpfte sie plötzlich hoch und schlug sich zornig mit den Fäusten auf die Knie: »Nein, nein und nein ... ich denke gar nicht daran. Samuel soll sich selber abknutschen lassen ...«

Gerda biß auf ihre Unterlippe. Sie fühlte sich für die Kleine verantwortlich, sie lebten zusammen und waren gute Freundinnen geworden, sie teilten ihre kleinen Freuden und ihre Sorgen, manchesmal war das Leben nicht heiter, man kam allein so schwer durch, und das große Glück ließ lange auf sich warten. Vielleicht kam alles nur von dieser vergangenen Nacht, in der sie nicht geschlafen hatten, von dem strahlenden Morgen, durch den sie stumpf und müde fahren mußten. Wenn sie ausgeschlafen sind, am Nachmittag, dann wird alles anders aussehen, dann wird es schon gehen ...

»Aber wenn das große Wasser kommt,
Dann kehr ich wieder um ...«

sang Susie. Gerda sagte nichts. Sie waren eine Weile still.

»Ich werde dich massieren, ehe du schlafen gehst, nicht wahr, Sus«, sagte Gerda, »so richtig durchkneten, daß du gleich einschläfst, was?«

»Haben wir eigentlich noch Butter zu Hause?«

»Hast du Hunger?«

»Jetzt nicht, aber am Nachmittag.«

»Ich werde schon für was Ordentliches sorgen.«

Der Chauffeur nahm scharf eine Ecke und fuhr in die Bahndammstraße. Die Straße lag still und glatt vor ihnen. Er mußte durch die dritte Unterführung, und dann suchte er nach der Hausnummer. Der Wagen hielt.

»Zwei Mark dreißig«, sagte der Chauffeur nach hinten.

Und da bemerkten die beiden Mädchen, daß sie weder Geld noch Koffer hatten, daß Susies Koffer im Eisenbahnabteil liegengeblieben war, mit dem Zimmerschlüssel und allem Inventar. Sie konnten ihre Wirtin nicht wecken, denn sie hatten keine Wirtin, die beiden Einzelzimmer im ersten Hinterhaus wurden von der Hausverwaltung vermietet, kein Mensch im Hause kannte sie näher, sie lebten allein und kümmerten sich um niemand, im Gegenteil, sie versuchten so unauffällig wie möglich zu bleiben, Tanzmädchen war in der landläufigen Meinung eine anrüchige Existenz, und sie hüteten sich, diese landläufige Meinung anzuregen.

Der Chauffeur Paul Zimmermann drehte sich um, ihm kam die Sache verdächtig vor, er war heute morgen gerade geladen, und wenn ihm so ein paar hübsche Lärvchen in den Weg laufen sollten, um ihn zu prellen, so hilft kein süßes Lächeln und keine schöne Ausstaffierung. Gewendet, und zur nächsten Polizeiwache.

»Zwei Mark dreißig«, sagte er noch einmal, bedeutend unfreundlicher, und hielt sein Gesicht unverwandt auf die Mädchen gerichtet.

Gerda faßte sich zuerst.

»Ach, entschuldigen Sie, wir haben unseren Koffer mit dem Geld im Zuge liegen lassen ...«

Paul Zimmermann lachte dröhnend, aber ein herzliches Lachen war das nicht.

»Den Koffer mit dem Geld? ... Den Koffer kenne ich!«

»Glauben Sie mir doch!«

»Das können Sie auf der Wache erzählen ... Sitzen bleiben!« schnauzte der Chauffeur.

»Ach, fahren Sie doch bitte zur Polizeiunterkunft der zweiten Bereitschaft, die liegt im Osten, da ist mein Bräutigam, Oberwachtmeister Alfred Langlotz. Der wird Ihnen das Fahrgeld auslegen.«

»Ausgerechnet nach dem Osten, Kunststück, wo die nächste Wache gleich um die Ecke ist.« Er drehte sich um und wollte Gas geben.

Gerda ließ sich zurückfallen und sah Susie an, sie hielt das für einen aussichtslosen Fall. Susie dachte nicht daran, einzugreifen. Ihr war nun schon alles egal. Vielleicht konnte sie sich auf einer Polizeipritsche ausschlafen. Sie stellte sich das besonders schlimm vor, aber es paßte zu ihrer Stimmung.

»... da fahren wir mit der Kutsch,
Und wenn das große Wasser kommt,
Da kehren wir wieder um ...«

summte sie.

Aber das Auto fuhr nicht los. Ein junger, komischer Mann, mit rötlichem, borstigem Haar, war an den Wagen herangetreten und bezahlte. Er hielt dem Chauffeur Paul Zimmermann ein rundes blankes Dreimarkstück hin, der besah sich das Geld, schüttelte seinen Kopf und steckte es ein. Als Chauffeur erlebt man tolle Dinge.

Nun ging aber Susie hoch.

Sie beugte sich aus dem Wagen und brüllte wütend: »Was soll denn das heißen?«

Paul Zimmermann drehte sich entrüstet um: »Beruhigen Sie sich man, Frollein. Sind se froh, daß ein Kavalier für Sie bezahlt.«

Der junge Mann, im Begriff zu gehen, hatte sich mit einer verlegenen halben Wendung herumgedreht und sah in Susies Gesicht, die ihn zornig zurückrief: »He, Sie! Junger Mann! Behalten Sie mal Ihr Geld! Das brauchen wir nicht.«

Der junge Mann mit dem Quadratschädel lächelte verlegen, sein Gesicht war rot übergossen, er streckte resignierend die rechte Hand aus, die linke hatte er in der Hosentasche und dann schlenderte er langsam, als sei weiter nichts dabei, wieder zu dem Chauffeur, um sich das Geld zurückgeben zu lassen. Dabei murmelte er irgend etwas Unverständliches.

Susie hing noch immer aus dem Wagen und starrte das seltsame Individuum mit dem dürftigen Habitus an, ihre Wut war losgebrochen, sie hatte eine Nacht nicht geschlafen, in einem rauchigen Abteil lernte sie den fröstelnden Morgen kennen, ihr Manager kam und machte ein Angebot, sie mußte es annehmen, hundemüde kam sie nach Hause, da waren Geld, Koffer und Schlüssel weg, sie sitzt da, müde, mit einem Schlucken in der Kehle, und der erste beste Lumpenkerl bietet sich als Kavalier an. Vielleicht will er auch noch was als Entschädigung haben –

»Was quasseln Sie, he?«

»Ich dachte bloß ...«, er schwitzte vor Aufregung, »ich dachte, weil Sie kein Geld haben ...«

Paul Zimmermann nickte bekräftigend.

»... und ich könnte Ihnen aushelfen.«

»Wir brauchen Ihr Geld nicht, verstanden!«

Nun hielt es Gerda für richtig, einzugreifen; sie besah sich die Sache von einer anderen, und zwar von der praktischen Seite.

»Warum wollen Sie denn gerade uns das Geld geben?« fragte sie. »Sie kennen uns doch gar nicht.«

Aber das war wieder eine Frage, die Emanuel in tödliche Verlegenheit versetzte. Ja, warum hatte er es wohl getan? Und er sah unwillkürlich zu der wütenden Susie Schmitz hin, in ihr rundes Gesicht, in die hellen Augen, über denen sich starke, kräftige Brauen wölbten. Solchen Mädchen darf man kein böses Wort sagen, sie kommen, sie sehen uns wütend an, sie gehen ... und wir, wir wandern weiter, stellenlos, abgerissen, mit einem kleinen Kummer im Herzen, der sich manchmal meldet. –

Aber Gerda war ein praktisches Mädchen.

»Wann und wo können wir Ihnen denn das Geld wiedergeben, wenn Sie so freundlich sein wollen, uns auszuhelfen?«

Aber ehe Emanuel eine Antwort geben konnte, hängte sich Paule Zimmermann dazwischen, ihm wurde die Sache zu bunt, er wollte sein Geld haben und konnte sich nicht noch um die privaten Seelenschmerzen der beiden Gänse kümmern. In seiner Hand hielt er schon die sieben Groschen bereit, die Emanuel auf seine drei Mark zurückzubekommen hatte. Er reichte sie aus dem Wagen und brummte dazu: »Soll ich etwa noch lange hier warten?«

Die beiden Mädchen mußten heraus, ob sie wollten oder nicht, denn er ließ den Motor wieder anspringen.

»Trete dir man nicht auf den Bart«, schimpfte Susie hinterher. Sie stand breitbeinig da, die Hände in den Hüften. Ihr Rock spannte sich eng über den Schenkeln. Aber es half alles nichts, lustig töffte Paul Zimmermann davon, bog in die Unterführung ein und verschwand.

Nun standen die drei jungen Menschenkinder allein auf der leeren, morgendlichen Straße. Emanuel hatte sich ein Stück in den Torbogen zurückgezogen, in seine Wohnung zurückkehren konnte er nicht, denn von dort war er hergekommen, und fortgehen wollte er auch nicht, dann hätte er an den beiden Mädchen vorbei gemußt, die so wütend auf ihn waren. So tat er das Dümmste und blieb stehen. Er mußte seinen ganzen Mut zusammennehmen, und um das zu erreichen, steckte er die Hände in die Hosentaschen und ballte die Hände zu Fäusten. Ihm war es auf einmal seltsam gleichgültig, ob Fritz in diesem Augenblick nach Hause kommen würde oder nicht, er dachte nicht mehr an den Marsch in das Irgendwohin, er dachte nicht mehr daran, die Stadt zu verlassen. Es war ihm zu Mute, als könne man auch hier leben, es ist eine gute Morgenstunde, und ein neuer Tag beginnt.

Susie hatte aber viel prosaischere Gedanken.

»Nun stehen wir da«, sagte sie zu Gerda und breitete dabei die Hände aus. »Wir können ja bis heute mittag im Hof pennen, was?«

Emanuel sah in die Luft, der Himmel bekam einen dunklen, blauen Ton, über den Bahndamm kamen die ersten weißen Wolken, hinter diesen weißen Wolken wollte Emanuel hermarschieren, er konnte es immer noch tun, nichts war verloren, er konnte auch umkehren, nichts war verloren, er konnte diesen beiden Mädchen etwas sagen, sein Herz war leicht, sie lachten ihm ins Gesicht, ja, sie mochten ihn nicht, ja, aber sein Geld hatten sie doch schon genommen, sage es ganz ruhig, Emanuel, werde nicht rot, Emanuel, behalte die Hände in der Tasche, mein Junge ...

Und er stierte immer noch über die Köpfe der beiden erstaunten jungen Mädchen hinweg in den Morgenhimmel, als er mit einer leicht zitternden, aber deutlich vernehmbaren Stimme sagte: »Ich wohne hier im Hause. Wenn Sie sich in meinem Zimmer ausruhen wollen ...«

Da brach seine Stimme, er schluckte, nahm einen neuen Anlauf und beendete seine Rede in den Himmel hinein.

»... bis ich Ihr Köfferchen abgeholt habe.«

Und dann setzte er, verblüfft über seine eigene Großherzigkeit, schnell hinzu: »Mir macht es nämlich nichts aus, ich bin arbeitslos.«

»Und als Stempelbruder können Sie mir nichts dir nichts für zwei fremde Personen drei Mark auslegen?« erkundigte sich Susie schnippisch.

Aber eigentlich fand sie diese seltsame Lösung gar nicht so schlecht, sie hatte es satt, noch länger auf der Straße zu warten, sie war zum Umfallen müde. Gleichgültig schob sie alle Bedenken zur Seite.

»Was meinst du?« fragte sie Gerda.

»Wo wohnen Sie denn?«

»Vorderhaus, fünfter Stock.«

»Also, dann los.«

Nun erst, als die beiden Mädchen vorangingen, mit raschen, entschlossenen Schritten, verlor Emanuel die Selbstbeherrschung. Er wurde noch einmal über und über rot.

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