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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid5c4eb35c
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Abschied vom Zimmer

Ein ganz gewöhnliches Zimmer in einem ganz gewöhnlichen Miethaus, nichts Besonderes, nichts Auffälliges, nichts Eigenartiges darin.

Zuerst war alles still in dem Zimmer. Der Morgenwind bauschte den weißen Vorhang im offenen Fenster, es gab ein leises, zartes Geräusch. Der Atem des Schlafenden war zu hören, ruhig, gleichmäßig.

Draußen pfiff ein Stadtbahnzug vorbei, die Räder holperten; je weiter er sich entfernte, um so stockender wurde das Rattern, tattat – tat ... tattat – tt ... tat – tt ... tat ... Zwei Schläge einer Kirchenglocke, eine Sirene vom Automontagenbetrieb, ein dicker, nach oben sich verbreiternder weißer Strahl in der Luft. 5 Uhr 30. Um diese Zeit wurde die Strecke lebhafter, Zug hinter Zug, der Rauch kroch in die taufeuchten Bahnböschungen, die Häuser am Bahndamm zitterten – alte, hohe Kästen, angerußt, bejahrt und mürrisch. Der Heizer eines Zuges spuckte im weiten Bogen über die Böschung, der Speichel zog sich auseinander, wurde ein Stück vom Winde fortgetragen, hochgetrieben und schließlich zerfetzt. Interessiert sah der Mann auf der Maschine seiner Schöpfung nach.

Im Zimmer war alles still, kein Atem mehr zu hören. Der junge Mann im Bett lag noch auf derselben Stelle, die Decke war heruntergerutscht, sie bedeckte den Unterkörper, das rechte Bein hatte sich freigestrampelt. Seine Augen waren geöffnet, sie starrten an die Decke. Diese Decke glich allen übrigen Decken, milchigweiß getüncht, mit großen Sprüngen und Rissen, ein gipsernes kärgliches Stuckornament in der Mitte. In der linken Ecke, nach dem Fenster zu, befand sich ein brauner, schmutziger Fleck von beträchtlichem Umfang, der darauf hindeutete, daß die Decke bei Regengüssen wasserdurchlässig war. Immerhin, in diesem Sommer konnten die Bewohner des Zimmers nicht klagen, große Gewitter waren ausgeblieben, auf den Asphaltstraßen promenierten dauernd die Sprengwagen, und in frommen Dörfern veranstalteten die Bauern Bittprozessionen für die verdorbenen Felder.

Der junge Mann starrte zur Decke und horchte. Nach dem langen Pfiff des Automontagenbetriebes mußten schnell hintereinander aus entgegengesetzten Richtungen zwei Stadtbahnzüge kommen. Er hörte sie schon aus einiger Entfernung pfeifen, sie polterten rasch näher, eine Weile floß das Holpern und Stampfen zu einem einzigen knirschenden Lärm zusammen, die Fenster zitterten, die Maschinen heulten, die Züge lösten sich wieder, man konnte die Geräusche des stadtwärts fahrenden Zuges vom Vorortzug unterscheiden, das Räderrollen wurde sanfter, ferner, leiser ... ›das‹ also war bestimmt 5 Uhr 30.

Der junge Mann im Bett angelte nach einer Armbanduhr, die auf einem Stuhl lag. Er sah sie an, die Zeiger standen auf zehn vor zwölf. Sein Gesicht verzog sich, er warf die Uhr auf den Stuhl zurück, wälzte sich herum, den rechten Unterarm unter dem Hinterkopf, und starrte wieder die Decke an.

Der junge Mann dachte nach.

Seine Gedanken waren sehr einfach.

Die Uhr hätte schon lange mal repariert werden müssen. Wird drei Mark kosten. Viel zu teuer. Man kann eigentlich nie kontrollieren, was mit den Dingern los ist. Die Uhrmacher werden es genauso drehen wie wir in der Montage. Statt der neuen Zündkerze berechnet man eben einfach eine Kurbelwelle, vorausgesetzt, daß ein Greenhorn sich opfert ... Gott, war das ne schöne Zeit. In fremden Kästen durch die Stadt flitzen, probeweise, Benzin riechen, vor den Mädchen dicke tun, am Freitag Geld in der Tasche haben. Und dann saß man auf der Straße. »Wir haben Sie vorgemerkt, tut uns leid, Überangebot an Chauffeuren.« Ein paar Wochen geht das schließlich, dann beginnt es zu kribbeln im Kopf, immer zu kribbeln. Untätig auf den Arbeitsämtern herumzusitzen, morgens und abends den Zettel hereinreichen. Arbeit? »Kommen Sie morgen wieder.« Man marschiert durch die Straßen, Hände in den Hosentaschen, sieht sich Schaufenster an, Parfüm, Haarwasser, Kognak, liest Firmenschilder, Plakate, Theaterzettel, in den Annoncenexpeditionen den Anzeigenteil der Zeitung:

Für erstklassige Neuheit (großer Massenartikel) Vertreter gesucht, Tagesverdienst bis zu 50 Mark!

Vertreter zum Verkauf an Private für kleine Artikel gegen hohe Provision gesucht. Täglich Geld.

Talentierten, strebsamen Herren wird Lebensstellung geboten. Kenntnisse nicht erforderlich. 4 bis 500 Mark Kaution!

Gegen das Kribbeln im Kopf gibt es dreierlei Mittel: Kartenspielen und Warten, im Flur des Arbeitsamtes, auf Bänken im Park, mit anderen Jungens, Einsatz: Zigarettenkippen. Das ist das erste.

Alles auf eine Karte setzen. Das kalte Ding einstecken. Ne Sache ausknobeln, sauber aber und genau beäugen. Fix und eifrig sein, keine Fehler machen. Lohngelder oder ne kleinere Bank. Einzelgänger, keine Kolonnenarbeit, und dann ... Das ist das zweite.

Die Sachen packen, abmelden, eine Karte nach Hause schreiben. »Lieber Vater, mit der Arbeit ist es hier schlecht. Ich will mal ein paar Monate auf die Walze gehen. Vielleicht finde ich in der Schweiz was. Oder bei den Bauern. Sorge Dich nicht. Dein Emanuel.«

Das wären die drei Mittel. Emanuel Roßhaupt, Chauffeur mit den Führerscheinen II und IIIB, 1909 geboren in der Provinz, aufgewachsen ohne besondere Zwischenfälle in einem Nest mit zweimal hunderttausend Einwohnern, In die große Stadt gegangen, um sein Glück zu machen, hatte diese drei Mittel noch nicht versucht; das erste, weil er nicht Karten spielen konnte und gegen Kippen ein berechtigtes Mißtrauen hatte, das zweite, weil er gern ins Kino ging und die Moral von Hollywood für nicht schlecht hielt, das dritte, weil er es damit immer noch probieren konnte, wenn kein Ausweg blieb. Und dieser Augenblick war jetzt gekommen.

Er konnte sich unter Glück noch etwas vorstellen. Arbeit zum Beispiel und dann Geld und dann Essen und dann Kino und dann ein Motorrad. Ein Mädchen vielleicht. Jeden Tag konnte es kommen, jeden Morgen, im Arbeitsamt ... Herr Roßhaupt? Hier wäre etwas für Sie.

Aber manchmal vergehen die Tage zu langsam, man schläft in der Hitze ein, und nachts wacht man auf, sieht aus dem Fenster hinaus auf die Strecke, sieht den Zügen nach, den Lichtern, den funkensprühenden Maschinen. Sie fahren, sie haben Kohle, sie haben Passagiere, und die Passagiere haben Geld. Ein Redakteur kommt von seiner Nachtarbeit. Junge Mädchen waren im Theater. Ein Assessor liest einen Kriminalroman, komisch, daß Justizbeamte auch Kriminalromane lesen. Eine junge Statistin träumt von einer großen Rolle. Ein kleiner Beamter nimmt ein Lotterielos aus seiner Brieftasche und prägt sich die Nummer ein. Eine alte Frau denkt an ihren Sohn, er ist weit fort und schreibt immer, er habe eine gutbezahlte Stellung, aber nach Hause könne er leider nicht. Unter ihnen aber holpern die Räder.

Er sieht den Zügen nach, bis die Augen schmerzen, bis er schwankt vor Müdigkeit, dann fällt er wieder ins Bett.

»Bleib in meiner Bude wohnen«, hatte Fritz gesagt. »Ich muß ja sowieso über den Sommer weg Nachtdienst schieben. Das gibt mehr Zaster. Du kannst dich darauf verlassen, daß ich nicht jeden Ritzenschieber hier behalten würde. Du bist eben eine Ausnahme, deswegen brauchst du keine grauen Haare zu kriegen, Emanuel, dich kenne ich doch. Wenn Du wieder Arbeit hast, kannst du mir die Miete nachzahlen.«

Sie hatten über ein Jahr lang in derselben Montagewerkstatt gelernt, Fritz Brösicke bekam schneller eine Karre, sie trennten sich, sahen sich nicht wieder. Eines Morgens trudelte Emanuel an einem Autostand vorbei, es war im Frühjahr, aber schon mächtig heiß. Er betrachtete die Einstreifigen und dann seine Hose. Aus der waren die Bügelfalten heraus, er lief als Vertreter herum mit einem prima Haushaltsartikel, einem Gassparer, das Stück kostete nur eine einzige Reichsmark. Aber jetzt hing ihm alles zum Hals heraus, bis dahin! Er wollte wieder durch die Straßen fahren, sein Gedächtnis anstrengen, die Muskeln anspannen, die Augen schärfen, das Herz spüren. Vielleicht ließ ihn ein Kollege mal fahren, bloß ein Stück.

Emanuel sah auf, im ersten Wagen saß einer bequem und lässig und las aufmerksam die Todesanzeigen in einer Zeitung. Der Chauffeur hielt das breite Blatt vor sein Gesicht.

Quatsch, überlegte sich Emanuel, ich würde auch keinen Fremden mit meiner Karre fahren lassen.

»Mensch, wie kommst du hierher?«

Der Chauffeur hatte seine Zeitung sinken lassen, es war Fritz Brösicke, strahlend und gesund. Ihm ging es gut. Er merkte, daß mit seinem Freund nicht alles in Ordnung war.

»Stempelst du noch immer?«

Emanuel lächelte. »Ich habe augenblicklich ne Vertretung.«

»Rolls Royce, was?«

»Nee. Aber Gassparer. Brauchst du einen? Kostet bloß eine Mark.«

»Danke für Obst. Aber ich mache dir nen Vorschlag. Warte in der Tankstellenbude auf mich. Ich mache noch ne Fuhre und dann gehen wir zusammen nach Hause.«

Fritz Brösicke hatte eine neue Wohnung. Sie lag hinter einem Bahnhof, hoch oben im fünften Stock. Darüber kam nur noch Himmel und Wolken und Dreck. Der Blick ging über den Bahndamm hinweg auf Fabriken, Betriebe, Mietskasernen, auf Essen, Leitungsmasten und einen verwahrlosten Fußballplatz. Hintenheraus gab es noch ein paar Höfe und Hinterhäuser, aber da kam man nie hin, wenn man vorn wohnte. Fritz hatte ein sehr großes Zimmer, und das sah dreckig aus. Zu dieser Zeit kannte er nämlich Frieda noch nicht. Seine Mädchenbekanntschaften blieben höchstens eine Nacht bei ihm und verspürten selten Lust, das schmutzige Geschirr aufzuwaschen, die Stube aufzufegen, Staub zu wischen.

»Nett, die Bude, was?« meinte Fritz, zog seine Lederjoppe aus und warf sich hundemüde aufs Bett.

Emanuel begann sofort aufzuräumen, so leise als möglich. Er borgte sich von einer Flurnachbarin einen Eimer, schwemmte die Bude aus, kochte Wasser und brühte das ganze Geschirr ab. Fritz besaß weder Wisch- noch Handtücher, aber mit Hilfe einiger sauberer Taschentücher gelang es Emanuel, die Töpfe, Tassen, Teller, Schüsseln, den Schrank, den Tisch und die beiden Stühle einigermaßen sauber zu wischen. Die beiden Jungens waren gegen neun Uhr früh zurückgekommen, und Punkt zwölf Uhr saß Emanuel in einem sauberen Zimmer. Er schnitt sich ein paar Scheiben Brot ab, suchte nach Butter und anderen eßbaren Dingen, ohne etwas zu finden, streute Salz über die Schnitten, kochte sich Kaffee und war glücklich. Sein sommersprossiges Gesicht strahlte, richtige Arbeit machte wieder mal Spaß, da merkte man doch, wozu die Knochen gut waren. Fritz konnte aufwachen! Aber der dachte nicht daran, er war viel zu müde von der Nachtarbeit. So sah sich Emanuel weiter im Zimmer um und fand, daß die Möbel sehr häßlich und unbequem aufgestellt waren. Er rückte das Sofa vom Fenster ab, räumte den verstaubten Eckverschlag aus und riß die verschlissenen, dreckigen Gardinen herunter. Wozu Gardinen? Gegenüber wohnte niemand, die nächsten Häuserblocks lagen jenseits des Bahndamms, keiner konnte ins Zimmer hereinsehen. So wurde es heller und freundlicher, das Zimmer sah wieder wohnlich aus. Emanuel freute sich richtig auf den Augenblick, da sein Freund aus den Gefilden des Schlafes auftauchen würde in diese renovierte Umwelt. Fritz imponierte ihm, der Junge konnte sich durchsetzen, mit einer frechen Schnauze und viel Mut, er hatte Fäuste, die konnte er gebrauchen, einen hellen Kopf, den konnte er auch gebrauchen, und fixe Beine, die waren immer gut. Nun verdiente er, mit dreiundzwanzig Jahren, schon seine zweihundert Mark. Nachtdienst war zwar aufreibend, aber Stempeln macht die Nerven viel schneller kaputt. Für wen fährt Fritz eigentlich? Ob ich seine Karre tagsüber bekommen könnte. Oder noch besser: Er wird aufpassen, wenn irgend etwas in seinem Betrieb frei wird. Ich könnte als Wagenwäscher anfangen. Nicht übel.

Emanuels Herz hüpfte. Verdammt nochmal, das muß doch möglich sein! Die Chance werde ich mir nicht aus der Hand schlagen lassen.

Es wurde ein heißer Tag, die Fliegen begannen mittäglich zu summen, das eintönige Rattern der Züge schläferte ein, sein Kopf sank auf die Sofalehne, er duselte ein bißchen, und dann war er weg.

... Er fuhr mit einem schweren Tourenwagen durch enge, gewundene Alpenschneisen, nahe am Abgrund vorbei. Links stieg der Berg hoch und rechts fiel er tief hinab in den Abgrund. Aus der Tiefe ragten schneebedeckte Gipfel, darauf saßen Sennerinnen, die jodelten. Ja.

Das rechte Vorderrad schleuderte über den knappen Grashang hinweg, sie sahen nur Wolken und weiße Luft, es kitzelte im Bauch, und der Lenker lachte und warf das Steuer herum. Der Mann achtete überhaupt nicht auf die Straße, er unterhielt sich mit Emanuel, er sagte zum Beispiel: »Wir müssen unbedingt noch zur Hochzeit zurechtkommen, sie beginnt Punkt 13 Uhr. Ich habe meinen Kragenknopf so lange gesucht.« Emanuel überlegte sich nicht, warum sie durch die Alpen fuhren, um zu einer Hochzeit zu kommen. Der Chauffeur trug einen Frack, und da mußte wohl alles seine Richtigkeit haben. Außerdem hatte der Chauffeur ein kleines Schnurrbärtchen und ein fettes Commisgesicht. Ja? Ja.

Der Wagen war ein guter Wagen, sie konnten sogar mit den beiden rechten Seitenrädern über den Abgrund schleudern, man mußte sich nur weit genug nach links legen, wie im Beiwagen eines Motorrades in Kurven, aber dann schrie die Frau im Fond des Wagens, und als Emanuel sich umdrehte, merkte er, daß es Marceline Day war. Marceline Day kam direkt aus dem Filmwochenschaubüro, wo sie einen unverantwortlichen Flirt mit Buster Keaton begonnen hatte, aber nun war sie wieder großer Star mit 7000 Dollar Monatsgage bei Metro-Goldwyn-Mayer. Sie trug ein teures Perlenkollier, hatte ihr sanftes Gesicht vergessen und fiel aus einer Ohnmacht in die andere. Der Chauffeur ließ sich seinen Namen mit guten Paramount-Schecks bezahlen, und Emanuel kam nicht auf den Namen, und weil der Mann auf einmal eine halbgerauchte Zigarette aus der Fracktasche zog und die Kippe in den Mund steckte, wollte Emanuel aussteigen. Er sah seine Mutter in der Kirche sitzen, sie wartete auf ihn und sagte: »Wo bist du so schmutzig geworden? Komm her, ich will dir die Löcher in der Hose zunähen.« »Nein«, schrie Emanuel, »erst muß ich aus dem Wagen heraus! Mutter, hilf mir!« Aber da sah er Fritz Brösicke neben seiner Mutter sitzen, er hatte eine Zeitung ausgebreitet und las die Todesanzeigen und kümmerte sich überhaupt nicht um seinen Freund. Aber Emanuel schämte sich vor Marceline Day, die ihn strafend ansah, und niemand wußte warum. Da erschien ein Schild an der Wand, auf dem war zu lesen, daß alle kontraktlich verpflichtet seien, ihr Leben für M.G.M. zu opfern, um späteren Geschlechtern ein leuchtendes ...

Er kroch tiefer in den Sitz des Autos hinein, der Chauffeur mit dem fettigen Gesicht trat auf seinen Kopf statt auf den Gashebel, und Emanuel merkte, daß der Motor fortgeflogen war, er konnte durch das nackte Gerippe des Wagens sehen, er konnte die jodelnden Sennerinnen sehen, die von stämmigen Matrosen abgeknutscht wurden, es war beinahe so schön wie in einem M.G.M.-Revue-Farbentonfilm, er konnte in den weißen Abgrund sehen, auf den sie zuschossen, mit einhundertachtzig Kilometer ... war schon je ein Mensch 180 gefahren? ... Segrave, Major Campbell, Kaye Don? ... 180 Kilometer ... rasender weißer Abgrund ... rasende Spiralen ...

»Mensch, Emanuel, was hast du mit meiner Bude gemacht?« Ihm summte der Kopf.

»Also, das haste wirklich fein gemacht. Nett von dir. Kannst bei mir Küchenmädchen werden.«

Emanuel rutschte vollends vom Sofa, er konnte nicht aus den Augen sehen, ihn blendete die Sonne, sie stand sehr tief.

»Habe ich wüst geträumt, brrrr. Wie spät ist es denn?«

Es war zwanzig nach drei, und Emanuel mußte seinen Kopf in den Wassereimer stecken, um wieder frisch zu werden. Er hatte einen komischen Geschmack im Munde. Dann setzten sich beide an den notdürftig abgescheuerten Tisch, das Brot lag darauf, Wurst und Butter, die Fritz an einem besonders gesicherten Ort aufbewahrte. Emanuel kochte in vier Minuten einen erstklassigen Kaffee. Beide hatten sich etwas aufgerappelt, ihre Knochen waren ausgeruht, sie konnten nachdenken. Emanuel freute sich, daß er die heißen Mittagsstunden verschlafen hatte. Langsam kauten sie die dicken Brotschnitten, bissen von der harten Jagdwurst ab und sahen sich an.

»Ich dachte, daß es ohne Gardinen besser aussehen würde.«

»Geht in Ordnung.«

»Vielleicht werde ich einen einfachen Vorhang dranmachen ... wenn es dir recht ist.«

Emanuel aß mit Vergnügen, er hatte in den letzten Wochen jämmerlich gelebt. Fritz sah es ihm auch an.

»Wo wohnst du eigentlich?«

»Ach, gar nicht weit von hier. In einer leeren Mansarde ... Aber man hat mir gekündigt. Ich zahle nämlich etwas unpünktlich.«

»Du möchtest doch lieber fahren?« Fritz beobachtete ihn forschend, Fritz konnte ohne Autos nicht leben. Er verlangte von jedem gelernten Automonteur dieselben Gefühle. Aber Emanuel – das ist ein guter Kerl, der hat einen klugen, runden Kopf und viele Sommersprossen im Gesicht, rötliche, borstige Haare, eine Leidenschaft für das Kino und ein gänzlich unbekümmertes Herz, vielleicht hat ihn die lange Arbeitslosigkeit schon verdorben. Vertreter für Gassparer, mein Gott ...!

»Braucht ihr eigentlich einen Autowächter? Oder so was Ähnliches?«

»Junge!« Fritz ließ seine breite dreckige Hand über den Tisch schießen. »Junge, das wäre doch gelacht, wenn wir dich nicht unterbringen könnten!«

Sie lachten sich laut an, sie brüllten vor Freude und schnitten fürchterliche Grimassen dazu. Draußen quietschte ein Güterzug vorbei. Jeder Wagen war einzeln zu hören, man konnte die Achsen zählen, ohne an das Fenster zu gehen, es dauerte sehr lange, bis der Zug vorbei war.

»Also zuerst bleibst du bei mir. Du kannst dich weiterhin nützlich betätigen, wenn du Lust hast. Und schlafen ... ja, vielleicht kannst du das Sofa umbauen.«

Das geschah denn auch. Aber aus dem März wurde April und Mai. Regen, Hagelschauer und sogar Schnee kamen noch einmal, aus dem Frühling wurde Sommer, und Emanuel Roßhaupt stempelte noch immer. Er schämte sich ein wenig vor Fritz, so war er eben. Und dann passierte die Sache mit Frieda.

Frieda Heidemann hatte als Verkäuferin der Trikotagenabteilung eines Warenhauses angefangen, nach ein paar Wochen avancierte sie zur Kasse. Zufall, die Kassiererin erkrankte, in der Personalabteilung fand man nicht sofort Ersatz, Frieda übernahm den Posten aushilfsweise, sie bewährte sich, sie blieb. Mit dem neuen Posten stieg ihr Gehalt, sie lebte allein in der Stadt, zwanzig Mark machten viel aus, was hatte sie sonst noch für Chancen? Ach, mit 22 Jahren weiß man Bescheid. Den Nacken steif halten, das mürrische Gesicht auswischen, arbeiten.

Fritz lernte sie im Freibad kennen. Emanuel war nicht dabei, aber sein Freund erzählte ihm die Geschichte ganz genau, wie er, eine Gurke kauend, über Friedas braune Beine gestolpert sei – »liegt ja auch alles mittenmang«, meinte er – die Gurke sei hin gewesen, völlig hin, verdreckt, voller Sand, nicht mehr zu genießen. Frieda habe die Gurke bedauert, sie wäre auch für was Saures, und da hat Fritz das Mädchen eingeladen, er wollte ihr eine spendieren ...

»Na und so ist das eben gekommen«, schloß der Chauffeur seine Erzählung, und Emanuel merkte ganz genau, daß es bei Fritz eingeschlagen hatte.

Frieda Heidemann schien keine Eintagsfliege zu sein, sie ging abends mit Fritz aus, wenn er Zeit hatte, sie bemutterte ihn, stopfte seine Socken, kaufte in der Lebensmittelabteilung des Warenhauses für ihn günstig ein, und Fritz fühlte sich wohl dabei.

Emanuel lernte das Mädchen kennen, ihre pausbackige Resolutheit gefiel ihm.

»Junge«, sagte sie, »dein Hosenstall steht offen.«

Er sah nach, ein Knopf fehlte.

»Na komm mal her, ich nähe ihn dir an.«

Er schüttelte den Kopf, ihm wurde es kalt.

»Mach keene Menkenke. Ich habe euch Helden schon ganz anders gesehen.« Und sie nähte den Knopf an.

Emanuel aber hielt verdattert still, ohne sein Zittern verbergen zu können. Das war immer so bei ihm, im Arbeitsamt zum Beispiel, wenn eins der kleinen netten Dinger ihn anschnauzte: »Sie, schöner junger Mann ...«, oder wenn er Zufallsbekanntschaften machte, im Kino, auf dem Rummelplatz, sonntags im Strandbad oder sonst irgendwo, die richtigen Antworten fielen ihm immer erst bedeutend später ein, abends im Bett zum Beispiel, vor dem Einschlafen.

Frieda Heidemann war angenehm rund und mollig. Sie trug schwarze flache Schuhe und weiße Socken, ihre braunen Beine machten einen flotten, forschen Schritt, und dieser Schritt paßte zu ihr und zeigte etwas von der Energie, mit der sie ihr junges Leben meisterte. Zwischen den Augenbrauen über der Nasenwurzel erschienen oft zwei scharfe tiefe Falten, die genau rechtwinklig zu den Brauen standen, sie hatten durchaus nichts Bösartiges zu bedeuten. Die kleine Nase ging mit einem unverschämten Stups nach oben. Kühnheit! rief diese Nase, Courage! Und die Augen paßten dazu, quecksilbrig, grünlich mit leuchtenden Punkten und Sternchen. Die strohhellen und nicht gerade sehr seidigen Haare waren zu einem wirbelnden Bausch frisiert, Friedas Stolz.

Sie behandelte Emanuel sehr nett, zu nett, viel zu nett. Emanuel hatte das unbestimmte Gefühl, als würde sie ihn bemitleiden. Wer weiß, warum. Das konnte er nicht vertragen, er wollte seine Sachen für sich selbst behalten, niemand hatte ihm hineinzureden, er brauchte keine Hilfe und schon gar kein Mitleid, am allerwenigsten von einem Mädchen! Zwischen Jungens war das anders.

Manchmal pfiff sie ihn an, weil er indifferent war, denn sie gehörte zur Partei. Das ließ er ruhig über sich ergehen. Was sollte er auch sagen? Sie hatte recht, natürlich, die Arbeiter müssen sich organisieren, aber er wußte nicht so genau Bescheid und wollte lieber die Finger davon lassen. Er drückte sich gern um eine Entscheidung. Manchmal kam er sich wie ein Waschlappen vor, aber dann dachte er wieder: Warte noch ein paar Jahre, versuche Arbeit zu bekommen, und dann wirst du lernen.

Abends holte Fritz seine Freundin vom Geschäft ab und blieb mit ihr in der Stadt, dann mußte er zur Arbeit und kam erst morgens wieder nach Hause. Um diese Zeit kassierte Frieda schon in der Trikotagenabteilung ihres Warenhauses.

Eines Tages – es war irgendein Feiertag, die Geschäfte hatten geschlossen, und Emanuel brauchte nicht zur Stempelstelle – kam Frieda in den frühen Nachmittagsstunden, in einem neuen grünseidenen Kleid, frisch gewaschen, verschämt gepudert, onduliert und durchdringend nach Flieder duftend. Fritz Brösicke war eben aufgestanden, Emanuel kochte Kaffee, und Frieda packte ein Paket Kuchen aus. Mittags war, nach zwei endlosen Regentagen, die Sonne herausgekommen, an den Dachrinnen glänzten noch die silbrigen Tropfen, aus allen Fenstern lärmten Radios, blaue Wolkenfetzen über der Stadt, gesunde, gesättigte Luft, schöner Tag. Die beiden jungen Männer begrüßten Frieda, es wurden ein paar belanglose Worte gewechselt. Sie waren müde vom Essen, von der Wärme, von der Stille, eine sanfte Schläfrigkeit füllte das Zimmer. Emanuel erledigte geschäftig seine Arbeit, er spülte Geschirr, trocknete ab. Ab und zu sah er zu dem Mädchen hin. Er versuchte in ihre Nähe zu kommen, sie roch so gut, so nach Mädchen im Sonntagskleid. Es gefiel ihm, daß sie ohne Strümpfe ging, sie hatte schöne, kräftige Beine von angenehmer brauner Farbe. Fritz und Frieda sprachen seltsamerweise nicht miteinander, und darüber wunderte er sich. Er stellte jedem eine Tasse hin und goß den heißen, dampfenden Kaffee ein.

»Sieh mal nach, ob er richtig schmeckt«, sagte Emanuel so in die blaue Luft, ohne eine bestimmte Person damit zu meinen.

Alles blieb still. Fritz schob das erste Sahneteilchen in den Mund. Die Fliegen summten. Man hörte Kirchenglocken aus der Ferne, tief, sonntäglich, beruhigend.

Dann seufzte Frieda vernehmlich: »Na ja ...«

Sie kratzte sich in ihrer Ondulation und begann ebenfalls zu essen.

Emanuel fühlte sich nicht wohl, er betrachtete die beiden immer mißtrauischer. Fritz starrte stumm in seine Tasse.

Emanuel begann sich zu ängstigen. Ob die beiden was miteinander haben? Streit, Unfrieden? Vielleicht lasse ich sie mal einen Moment allein, dachte er. Er nahm den Klosettschlüssel, lächelte verlegen und stieg eine Etage tiefer, das Pissoir befand sich nämlich im vierten Stock. Als er nach zehn Minuten wieder heraufkam, sahen ihn zwei höchst erstaunte Gesichter an. Der Kuchen war alle. Emanuel versuchte ihren Blicken auszuweichen, er wußte immer noch nicht, was sie wollten. Er überlegte sich genau, ob er irgend etwas falsch gemacht hatte. Verlegen tapste er durch die Stube, er wollte wieder Gemütlichkeit in die Bude bringen. Er wußte nicht, wo er mit seinen Händen bleiben sollte. Auf einmal sah er seine gute Jacke am Kleiderhaken hängen, ihm kam ein Gedanke. Er zog langsam die Jacke an, Fritz und Frieda beobachteten ihn.

»Will mal ein paar Zigaretten holen«, meinte er beiläufig, legte zwei Finger an die Mütze und war raus. In seiner Sonntagsjacke befanden sich noch ein paar Groschen, das langte für eine kleine Packung. Er stieg langsam und bedächtig die Treppen hinunter, und dabei wurde es ihm etwas leichter ums Herz, nun konnte er auch mal spendieren. Er lief vor Freude um den ganzen Häuserblock, kaufte an einer etwas entfernt liegenden Bude die Zigaretten und ging pfeifend wieder nach Hause. Auf der Straße trockneten schon die Pfützen. Kinder kreiselten, schoben Murmeln, Halbwüchsige spielten auf der Fahrstraße Fußball, Sonntagsspaziergänger marschierten aus den Häusern ins Freie. Ein kleiner Junge im weißen Matrosenanzug rutschte aus und fiel in den Dreck, sein Vater hob ihn auf und schlug ihn, die Mutter schimpfte: »Ich habe dir immer gesagt, du sollst aufpassen«, der Junge weinte, ihm war der Feiertag verdorben, aber das wußte niemand. Über den Damm fuhren Extrazüge, hellgekleidete Menschen lehnten aus den Zugfenstern, sie winkten, zwei kleine Mädchen auf der Straße winkten zurück, sie trugen große violette Haarschleifen. Als die Züge vorüber waren, hörte man wieder die Kirchenglocken. Emanuel blieb stehen, er lachte und zog mit einem kühnen Schwung die Zehnerpackung aus der Tasche, ritzte mit dem Daumennagel die Banderole auf und zündete sich eine Zigarette an. Langsam und bedächtig stieg er die Treppen wieder hinauf. Oben steckte er seine linke Hand leicht in die Hosentasche, die Jacke hatte er aufgeknöpft, die Zigarette schob er in den Mundwinkel. Sehr vergnügt riß er die Tür auf. Er sah folgendes: In der Mitte des Zimmers stand Fritz, ausgezogen bis auf die Hose, eben knöpfte er sich die Hosenträger ab. Fritz blieb verblüfft, mit offenem Munde, in der gleichen Haltung, ohne sich zu rühren. Von Frieda war nichts zu sehen.

»Was machst du denn hier?« sagte Fritz auf einmal, mit einem feindlichen Unterton, sehr unfreundlich und schroff.

Emanuel verlor alle mühsam einexerzierte Haltung, er nahm die Zigaretten aus der Tasche und sagte: »Ich habe die Zigaretten geholt.«

Das war natürlich eine dumme Antwort, und Emanuel schämte sich. Er fügte schnell hinzu: »Ich werde noch ein Päckchen holen.«

Fritz ließ die Hosenträger los, stemmte seine Arme in die Hüften und sagte drohend: »Aber möglichst in Buxtehude!« Emanuel erschrak furchtbar, er wußte nichts zu sagen, leise machte er die Tür zu, draußen blieb er einen Moment stehen, er hörte sein Herz schlagen, alles ist aus, dachte er, alles ist aus. Er spürte genau, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß.

Dann stieg Emanuel langsam die Treppe hinunter.

Das große Bett konnte man von der Tür aus gar nicht sehen. Sehr langsam erst kam er auf diesen Gedanken. Es war kein Trost für ihn. Als er den Gedanken durchgekaut hatte, stürzte er davon und wollte nie mehr zurückkommen.

Ein qualvoller Nachmittag, ein qualvoller Abend, eine qualvolle Nacht. Emanuel lief durch die leeren, öden Vorstadtstraßen, es war Feiertag, ein schöner Tag, alles ins Freie ausgeflogen, später kamen die lärmenden Ausflügler zurück, Gruppen von Jungens und Mädchen, alte Wanderlieder singend, große Familien marschierten in angeregten Gesprächen heimwärts, die Kinder quäkten, sie rochen alle nach frischer Luft, nach Baum und Gras und Feld und Wald. Emanuel war es sterbenstraurig zu Mute.

Später blieb er vor einem schweren Lastwagenpferd stehen, das ebenso verlassen war wie er, und streichelte es lange zwischen den Augen. Langsam wurde er ruhiger, aber die schmerzliche Scham wich nicht von ihm. Er kam sich so tolpatschig und lächerlich und dumm vor, und wo andere ihr Selbstbewußtsein hatten, war bei ihm ein großes Loch.

Was sollte er tun? Er wagte sich nicht mehr nach Hause. Später wurde er müde, wo sollte er bleiben? Er ging wieder nach der Innenstadt zu und überlegte.

Fritz hatte in dieser Nacht Dienst wie immer.

Nachdem er lange herumgewandert war, ging Emanuel zu dem Standplatz der Taxis. Vorsichtig schritt er im Schatten der Dunkelheit die lange Reihe ab, aber Fritz war nirgends zu sehen. Vielleicht war Fritz gar nicht gefahren? Oder er hatte es verschlafen?

Emanuel ging zu einem Chauffeur, der an seinem Motor rumhämmerte.

»'n Abend. Ist Brösicke heute abend nicht hier?«

»Der fährt schon seit zwei Stunden.«

»Bestimmt?«

»Natürlich. Ich habe ihn doch gesehen.«

Rasch lief Emanuel nach Hause, durch das dunkle Treppenhaus, öffnete leise die Tür, machte Licht: Das Zimmer war leer. Nichts verändert, alles wie sonst, sogar das Geschirr hatte irgend jemand schon abgewaschen. Emanuel löschte das Licht, machte das Fenster weit auf und horchte in die Nacht. Sanft begann wieder Regen herunterzurieseln, prallte auf die Dachrinne, auf die Simse, weicher besänftigender Ton, Geruch von Ackererde, Duft der Landstraße, Lockung, ferner Ruf. Selbst das nächtliche Bild der vorüberfahrenden Züge, die schattenhaft und regenverwischt über den Damm rollten, betäubte sein aufgeregtes Herz: wie Sterne standen ihre Schlußlichter lange über der dunklen Landschaft der Geleise, wurden kleiner, verlöschten schließlich. In weiter Ferne, in den Schrebergartenkolonien am Rande der Stadt, feierten sie ein Sommerfest, bunte Raketen stiegen hoch, sie brannten ein Feuerwerk ab. Das Fest war weit draußen, am Horizont, er konnte nichts von dem Knattern und Zischen hören, das Geschrei der Kinder, das große Bum-Bum der Musik, das alles kam nicht bis zu seinem Fenster, nur die grünen, roten, blauen, gelben Sterne stiegen. Stiegen, leuchteten, verlöschten. Einmal, erinnerte er sich, hatte er mit seiner Mutter ein solches Schrebergartenfest besucht, als Kind, vor vielen, vielen Jahren. Das war noch im Frieden gewesen, in einer vergangenen, seltsamen schönen Zeit. Er war damals in den Armen der Mutter eingeschlafen, müde vom Glück. Er wird die Nacht nie vergessen. Tränen rannen über sein Gesicht. Er fühlte die kühle Spur, die auf seinen Wangen zurückblieb.

Ein banges Gefühl überkam ihn. Was mochte das sein? Heimweh?

Wieviel Jahre sind nun schon vergangen, zwei oder drei ... Die Mutter war gestorben, er zog in eine eigene Wohnung, damals verdiente er ganz anständig, lebte im Strom, wie alle. Eines Nachts hatte er gebummelt, mit Freunden, man lernte Mädchen kennen, billige Mädchen, gefällige Mädchen, der übliche Betrieb. Als sie gegen Morgen aus einem Lokal kamen, war ihm hundeelend zu Mute. Sein Geld war alle und nichts geblieben als ein schaler Geschmack. Er ging seiner Wohnung zu, schon stand der Himmel glatt und klar über ihm, und an einer Straßenecke begann eine Straßenkehrerkolonne die morgendliche Arbeit. Drei Mann arbeiteten, schweigsam, eifrig, frisch. Emanuel sah ihnen aus einiger Entfernung zu. Er fühlte sich so unsauber und überflüssig, nicht als ein Commis. Und da gab es einen Knacks und einen Ruck, irgendwo in seiner Brust. Er lief schnell nach Hause, wühlte sich in seine Kissen, schlief ein. An diesem Tag ging er nicht ins Büro. Abends wachte er erst auf, packte eiligst seine Sachen, kündigte seiner Wirtin, legte sich aber bald wieder hin und schlief nochmals, fest und gesund. Als er am anderen Morgen in aller Frühe erwachte, sah er nach der Uhr. Es war genau drei. Der Himmel noch blaß, die Straßen alle leer, ein Sommertag um diese Zeit. Im nahen Park lärmten schon die Stare und Amseln, ab und zu summte auf der großen Straße, die ein Stück von seiner Wohnung ablag, ein Auto vorbei. Wunderbar kühle, ruhige, besänftigende Luft, er atmete lange und tief, er fühlte sich gesund, kräftig, zu allem fähig. Der Rucksack lag gepackt, nichts band ihn, nichts hielt ihn zurück, nicht einmal seine Stelle, die er schon lange über hatte. In seine Jackentasche steckte er sich den »Knulp«, sein Lieblingsbuch, über das er immer wieder heulen konnte, wenn er allein war. Dann wanderte er los, der fernen Stadt zu, dem Glück, wie er meinte ... Die Wolken segelten über einen blanken Himmel, weite Landstraßen, saubere Dörfer, Hügel, Sonne, Regen, Landregen, Nächte im Straßengraben, Nächte in Heuschobern, bellende Hunde in den Dörfern, Arbeit bei den Bauern, schwere Arbeit, Garben legen, Garben binden, Garben laden, Garben in die Scheunen verfrachten, mit nackten Füßen auf dem Stachelzeug, Disteln, Brennesseln, Durst in der Kehle kühles Bier, frisches, duftendes Brot, Riesenlaibe, unruhiger Schlaf, Schrei der Tiere, Bauernmädchen, eine Gutsherrin, Straßen, die wieder lockten, sanfte Flüsse, kleine Städte, Eisenbahnlinien, Hunger, Müdigkeit, aber die Beine versagten nicht, das Herz versagte nicht, er kam in die große Stadt. Er sattelte um und lernte Automechaniker.

In dieser Nacht nun, nach dem bitteren Vorfall in der Wohnung Fritz Brösickes, wollte er wieder fortwandern, wohin? Er sah den Schlußlichtern der Züge nach, sie lockten, wie damals die Wolken. Aber etwas hinderte ihn, etwas war anders geworden, er wollte nicht so schnell aufbrechen, noch zwei Tage, noch drei Tage, abwarten, ruhig bleiben, was ist geschehen? Nichts ist geschehen. Er zog sich aus, legte sich auf das Sofa, horchte in die Nacht. Im festen Wanderschritt kamen welche näher, Burschen und Mädchen. Sie sangen:

»Im Neckartal
Da blüht der Flieder,
Und wenn der Flieder blüht,
Dann komm ich wieder.«

Er hörte sie noch lange, ihre Schritte klapperten laut auf dem Pflaster, dann komm ich wieder, ja, das ist lange her, die Schritte der Wanderer verklangen, aufgeschluckt von der Nacht, dann komm ich wieder, ein Zug pfiff laut. Er schlief ein.

Er hatte also doch gewartet, zwei Tage, drei Tage, fünf Tage. Fritz war schweigend über den Zwischenfall hinweggegangen, aber nun war es soweit. Gestern hatte er sich sein letztes Stempelgeld geholt, nun war Schluß, und auf die Krisenunterstützung pfiff er. Fritz wußte nichts, er würde einen Zettel vorfinden, wenn er von der Arbeit zurückkam und dann wahrscheinlich bald seinen Kameraden aus der Montagewerkstatt vergessen.

Eine Weile war wieder alles still im Zimmer, nur der Wind bauschte die Gardine. Emanuel streckte sich schläfrig, reckte die Beine matt auseinander und kroch tiefer ins Bett. Wohltätige, wattierte Wärme schmiegte sich überall an die Haut. – Das ist eigentlich seltsam, habe noch nie darüber nachgedacht: Ich wollte ½5 Uhr aufwachen und ich bin ½5 Uhr erwacht, und wenn ich will, wenn ich will, wenn es mir paßt, kann ich noch ein paar Stunden liegen bleiben, ich gehe doch stempeln, Krisenunterstützung, wozu soll ich wieder abhauen, im Bett ist es warm, solange Fritz Nachtdienst hat, kann ich sein Bett benutzen, mächtig anständig von dem Jungen, werde mal daran denken, wenn ich aus dem Schlamassel raus bin ...

Aber halb im Dusel hörte er zum zweiten Mal den grellen Pfiff des Automontagenbetriebes. Mit einem Ruck war er aus dem Bett, zuerst eine instinktive Regung, früher mußte er nämlich zu dieser Zeit aufstehen, dann ein fester Entschluß: Aufstehen, anziehen, fortgehen. Du willst nicht mehr hierbleiben, Emanuel! Die Zeit ist um, du paßt nicht mehr in diese Stadt, es ist kein Platz für dich da, du störst! Suche dir dein Glück, laß nicht locker, marschiere los! Dein Magen ist leer, aber die Welt ist weit. Es ist Sommer, die Felder reifen, dir kann nichts geschehen!

Nackt lief er zur Wasserleitung, hielt seinen struppigen Rotkopf unter den Hahn, das Wasser lief an seinem untersetzten Körper herunter und spritzte in die Stube. Zuerst erschrak die Haut, zitterte unter dem Anprall der Kälte, dann begann sie zu dampfen, wurde weich, geschmeidig, widerstandsfähig. Er winkelte die Arme in den Gelenken, ließ sie locker hin und her schwingen, spreizte seine Zehen und betrachtete sich von oben bis unten. Er war verdammt mager geworden. Früher ging sein Körper nach oben in die Breite, fester Brustkorb, festes Fleisch, harte Muskeln. Er spürte ein wenig Mitleid mit sich selbst, und er biß die Zähne zusammen, um nicht vor dem immer kälter hervorschießenden Wasserstrahl zurückzuweichen. Und wie das Wasser gegen ihn spritzte und die Haut dampfte und kleine Rinnsale an den Beinen herabliefen und das Haar anklatschte, als die Kühle nach innen zog und sein aufgeregtes Herz beruhigte, da packte ihn die unbändige Lust zu marschieren. Zu marschieren!

Ihm fiel ein altes Soldatenlied ein, das sie früher immer gesungen hatten:

»Wohlauf, Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd,
In das Feld, in die Freiheit gezogen!«

Er pfiff das Lied und zog sich dabei an. Socken, Hemd, graue Leinenhose, blaue Jacke, zwei frische Taschentücher in die Hosentasche, ein Messer, ein Stück Strick, zwei Sicherheitsnadeln, seinen Paß, eine Zahnbürste.

Emanuel war fertig. Er stellte sich ans Fenster, zog den Vorhang hoch, lehnte sich hinaus, weit hinaus! Herrlicher Tag, wolkenlos, graufarben der Himmel, über der Stadt noch keine Rauchwolke, kühle Luft, morgendlicher Wind. Jenseits des Bahndamms, an den berußten Kasernenfronten, standen schon viele Fenster offen, Arbeiter zogen sich an, saßen am Kaffeetisch, ihre Frauen schnitten Brot, füllten die Essenkrüge, kochten Kaffee. Auch rote Federbetten erschienen schon an einigen Fenstern, zum Lüften. Auf dem Pflaster klapperten Schritte, klingelnd fuhr ein Straßenbahnwagen durch die Unterführung. Emanuel konnte nur ein Stück davon sehen, dann verschwand der Wagen zwischen den Häusern der anderen Seite. Das nächstliegende Haus jenseits des Bahndammes, Typ 1900, ein großer roter Bau, mit vielen verschnörkelten Fenstersimsen, Erkern, vorgetäuschten Balkonen, bewahrte zwischen den übrigen ruppigen Mietshäusern eine gewisse vornehme Gelassenheit. Viel war nicht mehr dran; wenn ein Fremder vorüberging, war es ein Kasten wie jeder andere auch. Aber wer länger in diesen Straßen wohnte, lernte das Schicksal und die Bestimmung jedes einzelnen Hauses kennen, nicht nur das Leben der Bewohner. Und dieses rotbraune Haus hatte für Emanuel Roßhaupt eine ganz besondere Bedeutung: Darinnen wohnte seine Geliebte.

Lacht nicht!

Eines Morgens, wenige Tage, nachdem Fritz ihn aufgelesen hatte, saß Emanuel am Fenster und beobachtete das Leben in den Häusern jenseits des Bahndammes. Ein Mädchen in jenem 1900-Hause fiel ihm auf, es wohnte in der dritten Etage, anscheinend in einem Einzelzimmer, vielleicht war es aber auch ein Dienstmädchen. Sie wischte mit einem großen weißen Tuch Staub von den Möbeln und pfiff dazu. Emanuel konnte direkt in ihr Zimmer hineinsehen. Auf dem Fensterbrett standen fünf Blumentöpfe mit Azaleen. Das Mädchen war füllig, aber jung, sie trug ein grob geblümtes Dirndlkleid, und Emanuel hatte Spaß an ihr. Sie ahnte nicht, daß sie beobachtet wurde. Sie wischte eifrig und pfiff eifrig, ihre weißen bloßen Arme gingen heftig auf und nieder, hin und her. Nach einer geraumen Zeit trat sie an das Fenster, faltete das Wischtuch auseinander und schüttelte es aus. Sie sah dabei auf den Bahndamm hinunter, und weil sie unachtsam war, ließ sie das Tuch fallen. Es schwebte tiefer, segelte vergnügt über einen Balkon hinweg, wurde von einem kleinen Windstoß erfaßt und gegen ein Fensterbrett der ersten Etage gepreßt. Dort blieb es liegen. Emanuel hatte das alles aufmerksam verfolgt, er konnte zwar nicht das ratlose Gesicht des Mädchens erkennen, aber er ahnte es. Sie beugte sich weit aus dem Fenster, um das Tuch zu suchen, sah es aber nicht, weil der Balkon dazwischen war. Und da hielt Emanuel seinen Augenblick für gekommen. Seine erste Handlung war ganz spontan: Er pfiff ebenfalls. Zuerst hörte das Mädchen nichts, vielleicht mochte sie auch annehmen, der Pfiff gelte nicht ihr, und dann war es auch ein hübsches Stück Entfernung über den Bahndamm hinweg. Als aber Emanuel nickt locker ließ, sah sie zu ihm hinüber. Er begann mit seinen Armen zu winken, um sie auf das Tuch aufmerksam zu machen. Sie verstand sehr schnell, winkte zurück und verschwand. Kurz darauf öffnete sich ein Fenster in der ersten Etage und das Wischtuch wurde hereingeholt. Nun begann sich Emanuel für dieses Zimmer in der dritten Etage zu interessieren. Morgens galt sein erster Blick dem Fenster mit den Azaleen; er versuchte oftmals hinter den Vorhängen etwas zu erkennen, Zeit genug hatte er dazu. Aber manches Mal waren die Vorhänge zur Seite gezogen, und manches Mal war auch das Fenster offen, dann erschien bald das mollige Mädchen und lachte zu ihm herüber. Ja, sie schien durchaus nicht abgeneigt, diese Liebelei von Fenster zu Fenster fortzusetzen. Sie lehnte mit ihren breiten weißen Unterarmen auf dem Fensterbrett und sah auf den Bahndamm hinunter, plötzlich schielte sie dann zu ihm herüber und lachte. Die Entfernung zwischen den beiden Fenstern, getrennt durch zwei Straßen und einen Bahndamm, war so groß, daß man die Mienen und Bewegungen des Gegenüber nicht sehr deutlich erkennen konnte. Aber Emanuel freute sich schon, wenn das Mädchen zu ihm herüberblickte, soviel konnte er genau erkennen. Er mußte übrigens seinen ganzen Mut zusammennehmen, um ihren Blick auszuhalten, mehr wagte er nicht. Seinem Freund Fritz sagte er natürlich nichts von dem Mädchen. Emanuel pfiff auch nie wieder über den Bahndamm hinweg, still und heimlich pflegte er die Liebschaft aus der Ferne und war ziemlich stolz darauf. Von nahem bekam er das fremde mollige Mädchen nie zu sehen, und wenn er zufällig auf der Straße an jenem Hause vorbeigehen mußte, dann beschleunigte er seine Schritte, und sein Herz schlug rascher. Er fürchtete sich vor einer plötzlichen Überraschung, die Tür jenes Hauses konnte aufgehen und das fremde Mädchen ihm in die Arme laufen. Er wäre wahrscheinlich ausgerissen.

Heute nahm er nun Abschied von seiner fremden Geliebten. Sie würde ihn nie wiedersehen. Vor ihrem Fenster hing noch der weiße Vorhang, nichts rührte sich, sie schlief wahrscheinlich und hatte keine Ahnung von den großen Veränderungen in ihrem Leben.

Eine Uhr schlug fünfmal, Emanuel mußte sich beeilen. Gleichzeitig begannen viele Glocken zu läuten, Sirenen heulten, Uhren schlugen; als es wieder stiller wurde, hörte er auch Wecker surren. Die neue Schicht begann.

Emanuel riß das Kalenderblatt ab. In des Herzens heilig stille Räume mußt du fliehen aus des Lebens Drang! Freiheit ist nur in dem Reich der Träume, und das Schöne blüht nur im Gesang. Friedrich von Schiller, stand darauf. Er drehte es um und schrieb auf die weiße Rückseite mit Bleistift: Lieber Fritz, ich danke Dir, Du bist immer nett zu mir gewesen und ein mächtig guter Kerl. Aber wo ich nun gar keine Aussicht habe, zu Geld zu kommen, möchte ich doch lieber abhauen. Ich weiß noch nicht recht, wohin. Vielleicht in die Schweiz. Zuerst aber nach Süddeutschland. Wenn es besser geht, schreibe ich mal. Das bißchen Wäsche, was von mir noch da ist, wirst Du aufbewahren, nicht wahr! Also machs gut und nochmals vielen Dank. Dein Emanuel. Er las die Mitteilung genau durch und fand sie gut. Fritz würde wissen, woran er war. Er konnte nun auch Frieda mit heraufnehmen, so oft er wollte, und niemand würde ihn stören. Ach ja, Frieda! Für die mußte er auch noch was auf den Zettel schreiben. Die Rückseite war voll, er drehte das Blatt um und schrieb quer über den Spruch: Grüße auch die Frieda von mir!

Emanuel stellte die kleine Petroleumlampe mitten auf den Tisch, und daran lehnte er, deutlich und auffällig, das Kalenderblatt. So, nun war alles in Ordnung. Er ging zum Bett, hob die Matratze heraus und öffnete eine Zigarettenschachtel aus Blech, die zwischen den Sprungfedern des Bettes versteckt war. Viel Geld war nicht darin, er konnte sich vom Stempelgeld nichts ersparen. Aber vom letzten Geld hatte er drei Mark übrigbehalten, ein rundes, glattes Dreimarkstück, er besah es kurz und steckte das Geldstück in seine Jackentasche. Das ging in Ordnung. Er machte das Bett wieder zurecht, drehte sich noch einmal im Zimmer um, es wurde ihm schon fremd, die Zeit war um, nur heraus aus der Stadt!

Mit einem kurzen Ruck schloß er die Tür und legte den Schlüssel unter den Abstreicher. Fritz würde ihn da finden. Als er die Treppen hinunterstieg, durch das morgenstille Haus, steckte er die Hände in die Hosentaschen. Ihm war leicht zu Mute. Leicht vor Hunger, leicht vor Freude. Tief senkten sich die Stufen in der Mitte, tagtäglich traten Hunderte Menschen darauf, dieses war ein großes Mietshaus, mit vielen Etagen und einem morschen Holzgeländer, die Bewohner des Hauses kannten sich kaum, die Hausfrauen klatschten zwar, und die Kinder spielten zusammen, aber die Männer schufteten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, und wenn sie keine Arbeit hatten, fehlte ihnen auch die Lust, sich nach Altweiberart auf die Treppe zu stellen und Geschichten zu erzählen.

Emanuel aber blieb unerkannt und fremd in diesem Haus, verschollen wie Robinson Crusoe auf seiner Insel. Die beiden großen Hoftore waren schon geöffnet, vielleicht hatten sie auch nachts über offengestanden, wer sollte hier einbrechen und stehlen? Die Höfe sahen leer, kahl und kalt aus im morgendlichen Licht, Hinterhaus I und Hinterhaus II schlummerten noch, mit herabgelassenen Vorhängen und geschlossenen Türen. Ein Kater schlich vorsichtig über den Hof. Emanuel drehte sich um und verließ das Haus.

In diesem Augenblick kam ein Taxi vorgefahren. Emanuel sprang zurück, er fürchtete im ersten Augenblick, Fritz Brösicke sei mit seiner Karre, obwohl dazu gar kein Grund vorlag, vorzeitig nach Hause gekommen. Aber in dem Wagen saßen Fahrgäste, und Emanuel kannte den Chauffeur nicht. Dieser steuerte seine Karre direkt vor die Tür, dann stellte er die Uhr ab, beugte sich heraus, um die Ziffer abzulesen und lehnte sich schließlich auf seinen Sitz zurück.

Im Wagen, dessen Plane seltsamerweise an diesem kühlen Morgen zurückgeschlagen war, saßen zwei junge Mädchen. Eine schien ein wenig älter zu sein als die kleinere, sie hatte ein schmales, trauriges Gesicht. Über einem blauen Wolljumper trug sie einen offenstehenden karierten Mantel. Die kleinere, ohne Hut und Mantel, war im Auto aufgestanden, um den Chauffeur zu bezahlen. Emanuel betrachtete sie, wie sie so im Wagen stand, und sie gefiel ihm. Sie gefiel ihm auf eine erstaunliche Weise, und er wußte nicht, woher das kam. Er freute sich oft, wenn er hübsche Mädchen sah, aber das war doch anders. Oder er meinte es wenigstens, daß es anders wäre. Eigentlich war nicht viel Besonderes an ihr zu sehen außer dem Kindergesicht, aber sie hatte einen schlanken, kühnen Hals mit einem energisch vorspringenden Kinn, und das gab ihrem kleinen Gesicht einen Zug von Entschlossenheit und Strenge. Plötzlich aber sah dieses Gesicht sehr ratlos aus. Emanuel stand drei Schritte entfernt, und er konnte jedes Wort verstehen.

»Hast du meinen Koffer nicht?«

»Ich? Nee! Hast du ihn etwa im Zug liegenlassen? Das wäre eine schöne Geschichte.«

»Ach, du lieber Herrgott!«

Das junge Mädchen fiel vor Schreck wieder auf den Sitz. Ihr bekümmertes Gesicht rührte Emanuel tief.

»Woher sollen wir denn jetzt Fahrgeld nehmen?«

»Lauf doch rasch rauf!«

»So siehst du aus! Der Zimmerschlüssel war doch im Köfferchen.«

Der Chauffeur drehte sich um, er witterte Unheil, und seine Unterlippe rutschte bedenklich über die Oberlippe. Die Straße wurde belebter, Arbeiter gingen in den Betrieb, eine alte Frau schob einen Kinderwagen vorüber, der bis obenan mit Morgenzeitungen gefüllt war, ein Postschaffner kam aus dem Haus, er wischte sich den Schlaf aus den Augen, hochbeladene Gemüsewagen brachten Früchte, Salate, Gemüse, Kartoffeln aus der Markthalle, die Stadt erwachte. Steif und betroffen saßen die beiden Mädchen im Auto.

Emanuel griff in die Tasche und angelte das Dreimarkstück, es fühlte sich hart und dauerhaft an, aber er besah es nicht. Wozu auch?

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