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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 18
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das Gericht

Sie stiegen aus dem Wagen, und draußen schien die Sonne. Außer den vier Politischen war ein noch ganz junger, hübscher Kerl dabei, der wegen Zuhälterei dran kam und ein ruhiger älterer Mann, der gar nichts sagte.

»Wie spät mag es sein?« fragte Winter.

Emanuel zuckte die Achseln.

»Na, schnell durchgehen! Nicht sprechen!« schnauzte ein Wachtmeister.

Emanuel sah ihn an und ging vorbei. Der Hof war mit Feldsteinen gepflastert, und zwischen den Steinen wuchs Gras. Aus einem Fenster der ersten Etage sahen Leute herab, sie drückten ihre Gesichter ganz platt an das Glas, und dann erschien noch ein junges Mädchen mit einem großen blonden Wuschelkopf, das sich zwischen zwei Männern hindurchdrängte, um etwas zu sehen. Es begann heftig zu winken, und der junge Zuhälter machte eine kurze Bewegung mit der Hand.

»Meine Braut«, sagte er.

Sie mußten zwei Stufen abwärts steigen und kamen in ein kellerartiges Gewölbe, links stand ein Tisch, an dem ein Wachtmeister saß, er hatte einen Zettel vor sich liegen und las laut vor.

»Emil Walch.«

Das war der Zuhälter. Der Junge sagte »Hier!«, der Wachtmeister sagte »Fünfzehn!«, und ein zweiter Beamter führte den Untersuchungsgefangenen in eine Zelle. Es roch muffig nach Keller, die Wände waren feucht und alles sehr dunkel, und Emanuel wunderte sich, daß sie noch einmal eingesperrt wurden.

»August Winter.«

»Hier.«

»Vierzehn.«

»Gerhard Käsberger.«

Das war der junge Arbeitslose, den Emanuel am Tage vorher am Arbeitsamt gesehen hatte, er bekam Nummer dreizehn.

»Felix Wi...Wischky ...?«

»Wicinsky«, sagte der dritte aus ihrer Zelle mit seiner mürrischen Stimme. Er hatte einen breiten Buckel und ging wie ein Seemann, und Emanuel wurde nicht klug aus ihm. Der Mann hatte noch keine zehn Worte heute morgen gesagt, aber Winter schien ihn genau zu kennen. Emanuel lächelte ihm zu, als er vorbeiging. Wie alt mag der Mann wohl sein, dachte er. Wicinsky hatte einen völlig kahlen, glattrasierten Kopf, auf dem tiefe Einbuchtungen zu sehen waren. Nur hinter den Ohren wuchsen noch Haare, und sein kleiner schwarzer Schnurrbart war sorgfältig gepflegt. Eine furchtbare tiefe Schramme ging ihm quer über die Stirn.

»Emanuel Roßhaupt.«

»Ja.«

»Elf.«

Er kam in einen muffigen kleinen Raum, in dem nur eine hölzerne Bank stand, und als die Tür zuklappte, war es völlig dunkel. Diese Zelle hatte überhaupt kein Fenster, und nur durch das Schlüsselloch und durch undichte Stellen zwischen Tür und Türfüllung kamen einige dünne staubige Strahlen der Morgensonne. Als er sich gegen die Tür lehnte, konnte er hören, wie draußen gesprochen wurde. Noch mehrere Gefangenenwagen fuhren vor, die Beamten nannten die Namen, und die Leute kamen in ihre Zellen.

Er wußte nicht, wie lange das noch dauern sollte, und er hatte keine Ahnung, was die Anklage ihm vorwarf. Er meinte nur, es handle sich um den niedergestochenen Polizeiwachtmeister, und er fand diesen Verdacht einfach blödsinnig. Sie konnten ihm gar nichts beweisen.

Ein verflucht heißer Tag schien das wieder zu werden. Hier unten war es wenigstens schön kühl. Er stellte Fuß vor Fuß und probierte, wieviel er brauchte, um rund um die Zelle zu kommen. Er brauchte 58 Fuß, und als er noch einmal zählte, kam er auf 65.

Dann überlegte er sich, wie lange er es noch in diesem Loch aushalten würde, aber gerade, als er soweit mit seinen Gedanken gekommen war, wurde von draußen ein Schlüssel in das Schlüsselloch gesteckt, und die Tür ging auf.

»Emanuel Roßhaupt?« sagte der Wachtmeister.

Emanuel ging hinaus und hinter einem anderen Wachtmeister her, und als er über den Hof ging, sah er schnell nach dem Himmel. Er war tiefblau und wolkenlos, noch klarer als gestern, und er wußte auf einmal, wie gut es war, in den Himmel zu sehen.

Sie kamen durch einen Treppenflur, in dem gar nichts zu sehen war, und an der Eingangstür stand ein Schild: Eingang strengstens verboten!

Als sie an die andere Tür kamen, die anscheinend in das Gerichtsgebäude hineinführte – denn sie waren noch im Anbau, und auch die provisorischen Zellen befanden sich in diesem Seitenflügel –, faßte ihn der Beamte fest am linken Handgelenk, und Emanuel sah ihn an. Der Mann gefiel ihm nicht. Er war groß und hager und hatte einen buschigen schwarzen Schnurrbart, aber seine Hand fühlte sich schwer und fleischig an.

»Muß das sein?« fragte Emanuel.

Der Beamte antwortete nicht. Er zog ihn nur rasch vorwärts. Er hatte eine Mütze auf, aber kein Koppel um.

Sie kamen nun in einen Gang, in dem verschiedene Leute herumstanden, Zeugen wahrscheinlich, Männer mit Hüten, ein paar Polizeibeamte und auch zwei junge Mädchen in hellen Kleidern. Der Gang war ziemlich dunkel, und der Kalk bröckelte von den Wänden. Die Leute drehten sich um, als Emanuel vorbeikam, sie sahen ihn stumm an. Er wußte, daß sie ihm nachstarrten. Von Winter, Käsberger, Wicinsky sah er nichts.

Sie kamen durch verschiedene Gänge, aber schließlich waren sie in einem Gang, der keine Abzweigung mehr hatte. Ganz unten drängten sich viele Leute vor einer Tür, und als sie sich näherten, entstand eine heftige Bewegung unter den Wartenden. Die Leute drehten sich um und starrten Emanuel an, und auf einmal rief ein Junge, der hinter Emanuel herkam, ganz laut: »Rot Front!« Aber der Wachtmeister kümmerte sich nicht darum, und auch die an der Tür Wartenden blieben still. Emanuel sah schnell über die Gesichter hin, aber er erkannte niemanden. »Weg da!« sagte der Wachtmeister. Die Leute gingen zurück, der Wachtmeister öffnete die Tür und machte eine Bewegung mit dem Kopf zu Emanuel hin. Sie traten ein, die Tür wurde wieder geschlossen, und der Wachtmeister schloß ab. Auf einer Bank in dem sonst völlig leeren Raum saßen schon seine drei Zellengenossen, hinter ihnen ein anderer Wachtmeister.

»Na, komm her, Junge«, rief ihm Winter zu. »Es geht gleich los.«

Emanuel lächelte und machte ein Zeichen mit der rechten Hand.

»Setzen Sie sich dahin«, sagte der Wachtmeister und zeigte auf das Ende der Bank. Emanuel setzte sich neben Wicinsky, der seine Hände zwischen den Knien gefaltet hatte und auf den Boden starrte.

»Da sind wir ja alle wieder zusammen«, sagte Emanuel erfreut.

Der Verhandlungssaal war nicht sehr groß, aber er hatte drei hohe breite Fenster, durch die man auf dunkle, schwerbelaubte Buchen sehen konnte, und zwischen den Buchen schimmerte eine rotbraune Kirche hervor mit einem spitzen Glockenturm und dahinter der Himmel.

Vor ihnen erhob sich eine dreistufige Empore, auf der ein langer Tisch stand, bedeckt mit grünem Tuch. Obenauf eine Wasserkaraffe und ein dickes Aktenbündel, dahinter drei Stühle, einer in der Mitte, einer an der linken und einer an der rechten Seite. Von den Wänden blätterte überall der Kalk ab, genau wie im Arbeitsamt, das Gerichtsgebäude war nicht gerade hervorragend gut erhalten.

Die vier Genossen sahen sich an.

»Ich möchte verdammt gern 'ne Zigarette.«

»Und. ich möchte verdammt gern draußen sein«, meinte Winter.

»Das mußte dem Vorsitzenden sagen.«

Sie duselten vor sich hin.

»Wie wärs denn mit 'ner Zigarette?«

»Draußen sind Genossen, wenn die uns was zustecken könnten ...«

»Ruhig da«, schnauzte der Wachtmeister, der Emanuel hergebracht hatte, »hier wird nicht miteinander gesprochen.«

Winter drehte sich um und sah den Beamten an.

An der Rückwand des Saales standen drei lange Bänke für die Zuhörer. Rechtwinklig zur Bank, auf der die Angeklagten saßen, befanden sich zwei Tische, auf die kleine Kartons mit der Aufschrift »Eigentum des Anwaltvereins« aufgezweckt waren. Auch für einen Wachtmeister, und zwar für jenen, der Emanuels Transport überwacht hatte, stand ein eigener Tisch zur Verfügung. Sonst war der Saal leer und kahl und nüchtern.

»Wie spät mag es sein?« flüsterte Emanuel.

Wicinsky zuckte mit den Achseln.

»Herr Wachtmeister, wieviel Uhr haben wir?« fragte Käsberger.

Der zweite Beamte, der etwas gemütlicher als sein Kollege zu sein schien, hob seine rechte Hand gegen das Fenster: »Da ist 'ne Uhr.«

Die Kirchenuhr zeigte 8 Uhr 30.

»Wann geht es denn endlich los?«

Winter erhielt keine Antwort, denn ein junger Mann in einem schwarzen Mantel öffnete die Tür, die hinter dem Richtertisch in ein Nebengemach führte, und sagte zu den Wachtmeistern: »Alles fertig?«

»Jawohl.«

»Dann kann es losgehen.«

Er verschwand wieder.

Der schnurrbärtige Wachtmeister schloß die Gangtür auf und hielt seine rechte Hand hoch, wie bei Truppentransporten, wenn eine Stockung eingetreten ist und die nachfolgenden Abteilungen stoppen sollen.

Die Angeklagten sahen gespannt zur Tür.

Der Wachtmeister hielt die Wartenden zurück, es war nicht ganz ersichtlich, warum die Leute den Sitzungssaal noch nicht betreten durften. Heute schien ein außergewöhnlicher Tag zu sein. Von draußen wurde heftig gedrängt und geschoben, der eine Türflügel, der noch geschlossen war, zitterte unter dem Anprall. Aber nicht einmal die vordersten kamen durch die Tür, sie waren eingekeilt und konnten sich nicht bewegen.

»Zurück!« schrie der Wachtmeister, aber da gab es einen heftigen Ruck, und die ersten platzten wie aus einer Kanone geschossen in den Saal. Ein junger Bursche fiel ziemlich derb hin, er erhob sich rasch, lächelte den Wachtmeister entschuldigend an und versuchte schnell noch einen Platz zu erwischen.

»Die wollen uns alle sehen«, meinte Käsberger. Emanuel hatte einen ähnlichen Gedanken, aber er fühlte sich nicht ganz wohl dabei.

Auf einmal sah er Fritz, der noch seine Lederjacke anhatte und wahrscheinlich gerade aus dem Dienst gekommen war. Woher wußte der denn Bescheid. Von Robert? Aber Robert war nicht zu sehen.

Fritz lächelte ihm zu. Er formte mit dem Mund einige Worte, aber Emanuel verstand ihn nicht.

»Was?« sagte er und schüttelte den Kopf.

Der Junge war also da, und es war beruhigend für Emanuel, zu wissen, daß einer der Verhandlung beiwohnte, der ihn gut kannte. Er hatte gar keine Angst mehr oder bildete es sich wenigstens ein, und das war genausoviel wert.

Die hinteren Bänke waren überfüllt, und alle, die noch keinen Platz gefunden hatten, wurden von den Wachtmeistern hinausgejagt. Einige versuchten sich hinzukauern, aber es nützte ihnen nichts. Dann ging der schnurrbärtige Wachtmeister hinaus auf den Gang. Emanuel hörte seine dicke Stimme.

»Zeugen in der Sache Roßhaupt und Genossen!« rief er.

Herein kamen zuerst drei Polizeibeamte, von denen Emanuel nur den zweiten kannte, es war jener Oberwachtmeister, der den ganzen Tag hinter ihm her gewesen war und ihn am Abend im Stadthotel verhaftet hatte. Hinter den Schupos tauchte ein Zivilist auf, ein fettiger und rundlicher Bürger, der seine Melone nervös in den Händen hin und her drehte und im schwarzen Bratenrock überhaupt sehr feierlich wirkte. Emanuel hatte ihn noch nie gesehen.

Gleichzeitig war jener junge Mann im schwarzen Talar, der den Wachtmeister vor ein paar Sekunden gefragt hatte, ob alles fertig, wieder durch dieselbe Tür erschienen und hatte sich – von den Angeklagten aus gesehen – auf den Stuhl an der rechten Schmalseite des Tisches gesetzt. Er begann sofort zu schreiben, ohne von den Anwesenden Kenntnis zu nehmen.

»Wer ist das?« fragte Emanuel.

Wicinsky sah ihn an, und dann sagte er: »Der Gerichtsschreiber.«

»Sie sollen nicht sprechen. Ich habe es Ihnen schon mal gesagt!« Der schnurrbärtige Wachtmeister lief drohend vor ihrer Bank hin und her. Im Zuhörerraum wurde gelacht. Emanuel sah wieder zum Fenster hinaus. Ein Vogel flog nahe an der Scheibe vorbei, und die Bäume waren tiefgrün belaubt. Ein sanfter Wind bewegte die Blätter, und doch war die Luft sehr trocken. Es würde wieder einen heißen Tag geben.

Die Gangtür ging auf, und herein kam ein zweiter Mann mit einem schwarzen Talar. Er sah vielleicht noch ein wenig jünger aus als der Gerichtsschreiber und sein semmelblondes Haar glänzte in speckiger Frische, aber trotzdem war in seiner ganzen Haltung, in dem raschen energischen Schritt und in dem Ausdruck des Mundes und Kinnes etwas Ehrfurchtgebietendes. Er sah die Angeklagten überhaupt nicht an, sondern stieg nur rasch auf die Empore, setzte sich an die linke Seite, schlug ein Aktenstück auf und begann zu lesen. Als der eine Wachtmeister: »Guten Morgen, Herr Staatsanwalt!« zu ihm sagte, nickte er kurz mit dem Kopf. Inzwischen ging auch die Tür in der Wand hinter dem Richtertisch auf, der Staatsanwalt erhob sich und schlug die Hacken zusammen, im Zuschauerraum raschelte es, alle standen auf.

»Aufstehen!« schnauzte der schnurrbärtige Wachtmeister und knuffte Emanuel in die Seite.

Das war also der Richter! Ein gemütlicher älterer Herr, er verbeugte sich höflich vor dem Staatsanwalt, lächelte den Angeklagten sanft zu und hob dann, wie segnend, die rechte Hand. Mit großem Geprassel setzten sich alle hin.

»Sie bleiben bitte stehen!« sagte er und lächelte mit seinem breiten roten Gesicht. Er hob einen Bogen hoch, hielt ihn dicht vor die Augen, legte ihn wieder hin und nahm nun erst umständlich einen Kneifer aus dem Futteral.

Emanuel faltete seine Hände vor dem Unterleib, und Käsberger räusperte sich. Der schnurrbärtige Wachtmeister, der sich an sein Tischchen gesetzt hatte, beobachtete die Angeklagten. Der andere Wachtmeister saß hinter ihnen.

»Die Sitzung ist eröffnet«, sagte der Vorsitzende mit seiner langsamen fröhlichen Stimme. »Wir verhandeln zuerst gegen Emanuel Roßhaupt ...« Er hob den Kopf.

»Hier«, sagte Emanuel.

»Stellen Sie sich einmal auf den ersten Platz, damit wir in richtiger Reihenfolge bleiben.«

Emanuel stellte sich neben Winter.

»... also gegen Emanuel Roßhaupt, August Winter ...«

»Hier«, sagte Winter.

»... Gerhard Käsberger ...«

»Hier«, sagte Käsberger.

»... und gegen Felix Wicinsky.«

Wicinsky brummte etwas und scharrte mit den Füßen. Der Vorsitzende sah ihn an, und der Staatsanwalt sah auf.

»Als Zeugen sind geladen der Polizeioberwachtmeister Langlotz, die Polizeiwachtmeister Korn und Bauknecht und der Herr Dachdeckermeister Weidenmüller, sind alle da?«

Die Zeugen waren vorgetreten und sagten »Ja«. Herr Weidenmüller im Bratenrock hielt sich im Hintergrund.

»Ich mache die Zeugen auf die Wichtigkeit und Heiligkeit des Eides aufmerksam«, sprach der Vorsitzende weiter, »daß Sie nicht zuviel sagen und nichts verschweigen, Sie wissen, wenn Sie einen Falscheid leisten ...«

Emanuel hatte sich etwas zur Seite gedreht und schielte in den Zuschauerraum. Er sah Fritz, und Fritz hatte sein Gesicht auf ihn gerichtet und begann zu lächeln, aber der Wachtmeister hinter der Anklagebank sah zu Emanuel hin und schüttelte den Kopf. Emanuel drehte sich um.

»Die Zeugen gehen wieder hinaus, bis sie hereingerufen werden ...« Herr Weidenmüller stand schon zwischen Tür und Angel, »... der Herr Staatsanwalt wird die Anklage vortragen.«

Der junge Staatsanwalt stand hastig auf, den Blick immer noch auf seine Akten gerichtet und begann zu sprechen. Im Vergleich zur Gelassenheit des Vorsitzenden wirkte er beim Sprechen nervös und aufgeregt, seine Worte platzten heftig heraus, und mit den Händen hielt er sich krampfhaft am Tisch fest. Er vertrat erst seit kurzem selbständig die Anklage und hatte feste Marschroute vorgeschrieben bekommen. »Ich erhebe Anklage gegen den Monteur Emanuel Roßhaupt, gegen den Stukkateur August Winter, gegen den Arbeiter Gerhard Käsberger und gegen den Seemann Felix Wicinsky wegen Vergehens gegen § 115 des Strafgesetzbuches. Wer an einer öffentlichen Zusammenrottung teilnimmt, bei welcher den Beamten in der rechtmäßigen Ausübung ihres Amtes durch Gewalt oder durch Bedrohung mit Gewalt Widerstand geleistet wird, wird wegen Aufruhrs mit Gefängnis nicht unter sechs Monaten bestraft. Die Rädelsführer werden mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren bestraft, auch kann auf Zulässigkeit von Polizeiaufsicht erkannt werden. Sind mildernde Umstände vorhanden, so tritt Gefängnisstrafe nicht unter sechs Monaten ein.

Gegen den Monteur Emanuel Roßhaupt wird die Anklage erweitert auf Vergehen gegen § 115 in Tateinheit mit § 223 bzw. 223a des Strafgesetzbuches. Wer vorsätzlich einen anderen körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird wegen Körperverletzung mit Gefängnis bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.«

Der junge Staatsanwalt wollte sich hinsetzen, aber da sah ihn der Vorsitzende an und sagte vorwurfsvoll: »Nun und der Zusatzparagraph?«

Der Staatsanwalt sah den Vorsitzenden an, dann auf sein Buch und wieder auf, und schließlich sagte er hastig: »Ach richtig!« und las weiter: »Ist die Körperverletzung mittels einer Waffe, insbesondere eines Messers oder eines anderen gefährlichen Werkzeuges oder mittels eines hinterlistigen Überfalls oder von mehreren gemeinschaftlich oder mittels einer das Leben gefährdenden Handlung begangen, so tritt Gefängnisstrafe nicht unter zwei Monaten ein.«

»Ja«, sagte der Vorsitzende, nachdem sich der Staatsanwalt gesetzt hatte, »ja«. Und dabei schüttelte er sanft sein Haupt, als mißbillige er diese Schandtaten. Aus irgendeinem Grunde hatte Emanuel Zutrauen zu dem Manne. Aber die Knie wurden ihm schwer, und er glaubte, es käme vom Stehen. Er sah den jungen Gerichtschreiber an, der ein bepickeltes Gesicht hatte. Der Gerichtschreiber schrieb und schrieb und kümmerte sich nicht um ihn, und Emanuel hätte gern gewußt, was da so eifrig zu schreiben war.

»Nun wollen wir uns erst mal die Personalien anhören«, sagte der Vorsitzende und drehte sich zum Staatsanwalt hin. »Haben Sie die Strafregisterauszüge?«

Der junge Staatsanwalt lächelte und begann zu suchen. Er suchte sehr schnell und hastig und mußte mehrere Male zurückblättern, und alle hatten das unbestimmte Gefühl, daß er nichts finden würde. Der Mann tat Emanuel leid, ihm wäre lieber gewesen, wenn alles reibungslos ginge und sogar die Strafregisterauszüge ...

»Ich habe die Akten nämlich eben erst bekommen«, sagte der Staatsanwalt, dann nahm er ein Blatt in die rechte Hand und legte es vor den Vorsitzenden hin.

»So, Herr Roßhaupt, nun fangen Sie mal an ... Sie heißen?«

»Emanuel Roßhaupt.«

»Ja, Emanuel Roßhaupt, wie alt?«

»Zweiundzwanzig geworden.«

»Zweiundzwanzig Jahre alt und von Beruf sind Sie?«

»Monteur.«

»Vorbestraft?«

»Nein.«

»Nein«, wiederholte der Vorsitzende mit monotoner Freundlichkeit, »und nun erzählen Sie uns einmal schön genau, was gestern passiert ist. Aber bleiben Sie bei der Wahrheit, Herr Roßhaupt, sie hilft Ihnen mehr als alle Lügen ... aber, ich bitte mir Ruhe dahinten im Zuschauerraum aus, sonst lasse ich den Saal räumen.«

Erinnern? An gestern? Er sah nur, wie das Taxi in der Morgenfrühe mit den beiden Mädchen vorfuhr, und er sah das Zimmer des Arbeiters, der die Waffe unter dem Samttuch hervorholte und gegen die Tür richtete, er sah den heißen Himmel über dem Bahndamm, und den karambolierten Lastkraftwagen von Fritsche & Blumberg. Blut lief an der Wagentür herunter, über den Boden hinweg, stieg und stieg, über die Füße, immer höher, immer höher und blutige Schleier legten sich vor seine Augen ...

»Na, da will ich Ihnen mal ein bißchen nachhelfen. Sie sind also gegen neun Uhr auf das Arbeitsamt Nordost gegangen. Was wollten Sie da?«

»Stempeln«, sagte Emanuel.

»Ja, Sie wollten sich also Ihren Stempel holen, weil Sie arbeitslos sind, nicht wahr. Und was passierte nun weiter?«

»Wir mußten stundenlang warten, und die Beamten wollten uns nicht abfertigen ...«

»Na, das stimmt nun schon nicht. Wenn Sie nach Ihren eigenen Einlassungen gegen neun Uhr hingekommen sind, haben Sie knapp eine Stunde gewartet, denn neun Uhr fünfzig mußte schon die Polizei eingreifen. Erzählen Sie bitte mal weiter.«

Emanuels Gesicht war rot überlaufen, und seine Haarwurzeln kribbelten. Wie sollte er das alles dem Richter erklären?

»Ich bin dann raufgegangen, und die Leute standen in der Abfertigung, und es war 'ne große Aufregung. Winter hier«, er zeigte auf seinen Kameraden, »und noch ein paar andere forderten die Leute auf, das Haus zu räumen, und da sind wir dann auf die Straße gegangen, das ist alles ...«

Der junge Staatsanwalt hatte sich erhoben und zeigte mit dem Bleistift auf Emanuel. »Sie wollen also behaupten, daß Sie im Augenblick, da die Beamten der Abfertigung überfallen und mißhandelt wurden, nicht zugegen waren?«

»Ich bin nicht dabei gewesen.«

Der Staatsanwalt drehte sich zu dem Vorsitzenden hin. »Ich muß mir dann vorbehalten, noch Zeugen zu laden, die das Gegenteil bestätigen werden.«

»Ich sage die Wahrheit, und ich weiß gar nicht, warum ich hier stehe. Wir haben doch nichts gemacht. Die Polizei hat uns verprügelt, das ist alles ...«

»Nun seien Sie mal ganz ruhig ...« Die blauen Augen des Richters verloren ihren fröhlichen Glanz. »... Sie haben hier keine Reden zu halten, sondern nur zu erzählen, was Sie gesehen haben. Alles andere geht uns nichts an. Sie sind also auf die Straße gegangen, als Sie dazu aufgefordert worden sind?«

Emanuel nickte.

»Und dann? Was haben Sie gemacht, als die Polizei kam?«

»Ich bin noch eine Weile stehengeblieben, und dann bin ich fortgegangen ...«

»Haben Sie keine Steine geworfen?«

»Nein.«

»Haben Sie auch nicht gesehen, daß jemand mit Steinen geworfen hat?«

Emanuel stockte einen Augenblick, dann sagte er: »Nein.«

»Wieviel Personen waren denn nach Ihrer Meinung auf der Straße?«

»Die Straße war voller Menschen.«

»Aha«, sagte der Vorsitzende, und der Staatsanwalt sah Emanuel lächelnd an, als habe dieser etwas besonders Hübsches gesagt.

»Nun erzählen Sie uns mal, wie der Polizeibeamte niedergestochen worden ist.«

»Ich stand im Gedränge, und da sah ich, wie ein Mann nach dem Beamten stach. Ich weiß aber nicht, wie dieser Mann aussah, und ich bin auch gleich weggelaufen ...«

»Was sagen Sie denn dazu, daß Sie ein Beamter bestimmt wiedererkennt?«

»Da lügt er.«

»Ein Beamter lügt nicht. Er hat doch kein Interesse daran, Ihnen eins auszuwischen.«

Emanuel zuckte mit den Achseln, ein kitzelndes Gefühl kreiste in seine Knie ein, er konnte nicht mehr lange so stehenbleiben.

Der Staatsanwalt erhob sich wieder.

»Haben Sie denn wenigstens die Waffe gesehen, mit der jener Beamte gestochen worden ist?«

»Nein.«

»Und das sollen wir Ihnen glauben?«

Emanuel hob seine rechte Hand. »Ich kann beschwören, daß ich nicht auf den Polizeibeamten gestochen habe.«

»Sie haben hier gar nichts zu beschwören. Das wäre noch schöner, wenn die Angeklagten auch noch ihre Unschuld beschwören könnten. Haben Sie uns nichts weiter zu sagen?«

Emanuel starrte gegen die Wand, von der Kalk abbröckelte.

»Sie sind erst gestern abend verhaftet worden, nicht wahr?

... Nun kommen wir zu Ihnen, Herr Winter, August mit Vornamen und von Beruf?«

»Stukkateur.«

»Wie alt?«

»Dreiundvierzig Jahre.«

»Vorbestraft?« Er blätterte in den Akten. »Ja, einmal wegen Widerstandsleistung und Beamtenbeleidigung zu vierzehn Tagen Gefängnis. Sie sind politischer Leiter des sogenannten Arbeitslosenausschusses?«

»Darüber verweigere ich die Aussage«, antwortete Winter.

»Nun gut, ganz wie Sie wollen. Erzählen Sie mal.«

»Ich muß etwas weiter ausholen ...«

»Aber bitte, nur auf die gestrigen Vorfälle beschränken, das andere geht uns hier gar nichts an.«

»Die Erwerbslosen müssen sich im Arbeitsamt Nordost ihren Tagesstempel im Konferenzsaal in der zweiten Etage holen. Da sitzen fünf Beamte für so und so viel tausend Erwerbslose, und manchmal dauert es stundenlang, ehe man drankommt. Außerdem haben sie die richtigen ausgedienten Wachtmeister hingesetzt, die sich gegen uns ...«

»Also, Herr Winter, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Sie mir zu erzählen haben, was gestern geschehen ist und was hier zur Anklage steht. Alles andere gehört nicht hierher. Ich verstehe gar nichts von Politik.« Der Vorsitzende lächelte, und der Staatsanwalt trommelte mit seinem Bleistift auf den Tisch. Das Ganze hatte Ähnlichkeit mit einem spannenden Kampf zwischen zwei Gegnern, von dem alle wußten, daß der Sieger schon feststand, was aber keiner der Anwesenden sich eingestehen wollte.

»Ich komme ja schon auf gestern«, sagte Winter, »gestern machten nämlich die Beamten überhaupt nicht auf, ohne Entschuldigung versteht sich, und ein ganzer Teil unserer Leute wartete schon seit sieben Uhr, und sie waren natürlich ziemlich unruhig. Und dann kam die unerhörte Provokation des Beamten Höhler, der auf dem Gang die Aufsicht hatte. Ein Mann fragte ihn ganz höflich, wann endlich die Abfertigung beginne, und da sagte der Beamte ungefähr so: ›Wenn Sie nicht ruhig sind, kommen Sie überhaupt nicht dran‹ ...«

»Na, nun mal ein bißchen schneller. Und da haben Sie sich also für berechtigt gehalten, einfach mit Gewalt in den Konferenzsaal einzudringen?«

»Ich? Ich bin gar nicht eingedrungen. Im Gegenteil, ich habe dafür gesorgt, daß alle Erwerbslosen das Haus wieder verließen, und dann haben wir versucht, mit dem Direktor zu verhandeln, aber er ließ sich auf nichts ein. Ich bin dann auf die Straße gegangen, und da hat mich die Polizei verhaftet. Das ist alles.«

»Schildern Sie doch einmal etwas näher, wie es auf der Straße aussah. Waren viele Menschen versammelt?«

»Natürlich.«

»Stießen die Leute Drohungen gegen die Polizei aus? ... Nun? Warum schweigen Sie? Haben Sie den Ruf ›Bluthunde‹ gehört?«

»Da kann ich mich nicht erinnern.«

»So, da können Sie sich nicht erinnern. Sie waren aber während der ganzen Aktion auf der Straße?«

»Ja.«

»Haben Sie gesehen, wie die Polizeibeamten angegriffen und mißhandelt wurden?«

»Ich habe bloß gesehen, wie die Arbeitslosen mit Gummiknüppeln blutig geschlagen worden sind ...«

»Das gehört nicht hierher.«

»Warum denn? Das ist doch wichtig als Erklärung dafür, wie wir gereizt worden sind!«

»Wenn Sie glauben, daß Ihnen Unrecht geschehen ist, können Sie ja gegen die betreffenden Polizeibeamten Strafantrag stellen.«

Im Zuschauerraum kicherten ein paar Leute vernehmlich. Der Staatsanwalt sah auf, Und der Vorsitzende klemmte den Kneifer auf seine Nase. Das Gelächter erstarb. Es wurde eisig kalt im Saal. Ganz fern summten die Geräusche der Straße.

»Ich habe noch eine Frage an den Angeklagten«, sagte der Staatsanwalt. »Haben Sie im Hause des Arbeitsamtes nicht zusammen mit dem Obmann des Erwerbslosenausschusses Swarzenski das Signal zum Angriff gegen die Beamten gegeben?«

»Im Gegenteil, wir haben veranlaßt, daß die Leute das Haus räumten.«

»Haben Sie mit Steinen auf die Polizei geworfen?«

»Nein.«

»Haben Sie gesehen, daß mit Steinen auf die Polizei geworfen wurde?«

»Nein, ich habe nichts gesehen.«

»Das genügt mir. Der Angeklagte hat nur das gesehen, was nach seiner Ansicht nicht strafbar ist. Das ist zwar ein verständlicher Trick, aber leider stimmt Ihre Rechnung nicht ganz.«

Der Vorsitzende winkte ungeduldig mit der Hand. »Das gehört wohl in das Plädoyer, Herr Staatsanwalt. Nun kämen wir also zu Ihnen, Herr Käsberger. Gerhard mit Vornamen, und was sind Sie von Beruf?«

»Arbeiter.«

»Wie alt?«

»Dreiundzwanzig Jahre.«

»Ihr Geburtsdatum ist ...«

»Der siebente Oktober.«

»Ja, dann werden Sie erst dreiundzwanzig ...« Er drehte sich zum Gerichtschreiber hin, »... also zweiundzwanzig Jahre ... bestraft sind Sie auch schon, einmal wegen Diebstahl zu zwei Monaten Gefängnis und dann wegen Übertretung mit einer kleinen Geldstrafe. Stimmt das?«

»Ja.«

»Na, nun schildern Sie mal. Sie kamen also aus dem Arbeitsamt.«

»Nein.«

»Wieso nein?«

»Ich gehe gar nicht in Nordost stempeln. Ich gehöre zu Nord.«

»Wie kommen Sie denn dann dort hin?«

»Ich bin zufällig vorbeigekommen.«

»Zufällig, so. Na und da haben Sie gleich mit Steinen geworfen?«

»Ich habe nicht mit Steinen geworfen.«

»Ein Polizeibeamter erkennt Sie aber wieder.«

»Dann lügt er.«

»Was haben Sie denn überhaupt in der ganzen Zeit gemacht?«

»Ich habe zugesehen.«

»Aha, zugesehen nennt man das. Na, was haben Sie denn gesehen?«

»Ich habe gesehen, wie die Polizeibeamten Jagd auf die Leute machten und wie ganz Unbeteiligte geschlagen wurden. Ich habe auch gesehen, wie Gefangene, die aus den Häusern herausgeführt wurden und die ihre Hände erhoben hatten, noch Schläge bekamen. Und da habe ich ›Pfui!‹ gerufen, und da sind zwei Beamte hinter mir her und haben mich verhaftet.«

Der Staatsanwalt erhob sich. »Ich möchte dazu feststellen, daß der Angeklagte nach dem polizeilichen Protokoll schon 10 Uhr 25 verhaftet worden ist, zu einer Zeit also, wo noch gar keine anderen Verhaftungen vorgenommen worden waren.«

»Sie sollen den Beamten auch ›Bluthunde!‹ zugerufen haben?«

»Nein, das bin ich nicht gewesen.«

»So, nach Ihren Angaben ist es also auf der Straße ganz harmlos zugegangen. Na, wir werden dann die Zeugen darüber vernehmen. Haben Sie noch etwas zu sagen? ... Sie, Herr Staatsanwalt? ... Nun zu Ihnen, Herr Wicinsky, Felix Wicinsky, Sie kommen aus Schlesien, ja? ... Seemann von Beruf? ... Können Sie nicht antworten ...«

Emanuel konnte kaum noch stehen, er lehnte sich an den Tisch, der links vor ihm stand und drehte sich halb zur Seite, um Wicinsky sehen zu können. Auch die anderen sahen ihn an.

»Sie sind 86 geboren, stimmt das?«

»Ja.« Es war ein dumpfer Laut.

»Erzählen Sie mal, aber etwas zusammenhängend.«

»Sie haben mich geschlagen«, sagte Wicinsky langsam und stockend, als falle es ihm schwer, die Worte herauszubringen, und dabei ging er einen kleinen Schritt vor. Die Wachtmeister sahen ihn an. »Mit dem Gummiknüppel auf die Hände, auf beide Hände ...« Er streckte die Hände aus, die er bis jetzt verborgen gehalten hatte, sie waren furchtbar angeschwollen, grün und blau überlaufen und an einigen Stellen gesprungen. Emanuel hatte das gar nicht gewußt, und er sah seine Kameraden an, aber die waren genauso überrascht.

»... sie haben mich geschlagen, weil ich einen Gummiknüppel festgehalten habe, weil ich mich nicht schlagen lassen wollte ...«

»Ach, das ist ja interessant«, sagte der Staatsanwalt. »Sie haben also einem Beamten den Gummiknüppel festgehalten? Das wußten wir noch gar nicht.« Der Vorsitzende sah den Staatsanwalt an und schüttelte mißbilligend den Kopf. »Lassen Sie doch den Angeklagten erst mal erzählen«, sagte er.

»Sie haben mich festgehalten, drei Mann, und mich immer wieder geschlagen, und sie haben gesagt: Du rotes Schwein, wir werden noch Hackepeter aus dir machen.« Das Gemurmel im Zuschauerraum schwoll an wie ein rasch näherkommender Sturm, und auf einmal begann Wicinsky zu brüllen: »Aber wenn ich diese Bluthunde noch einmal sehe, dann werde ich sie hier mit diesen Händen erwürgen. Erwürgen werde ich sie ...« Er röchelte, die Wachtmeister waren hinzugesprungen und packten ihn an den Armen. »Laßt mich los!« brüllte er, »packt mich nicht an, kommt mir nicht zu nahe ...«

Er strampelte und schlug um sich. Die Zuschauer hatten sich erhoben. Winter und Käsberger sprachen beruhigend auf Wicinsky ein. Emanuel konnte nichts sagen, ihm standen die Tränen in den Augen, und er wollte sich nichts anmerken lassen.

»Ruhe da!« sagte der Vorsitzende. Die Wachtmeister hatten Wicinsky die Arme herumgedreht, so daß er sich nicht mehr bewegen konnte. Er zuckte noch, wie ein riesiger, schwerer Fisch an der Fangleine. Die Wachtmeister schleppten ihn hinaus. Er aber wehrte sich noch immer mit übermenschlichen Anstrengungen, und sein schwerer Körper ruckte hin und her.

Beklommene Stille. Die Tür fiel krachend zu. Ein rieselndes Geräusch. Kalk bröckelte von der Wand. Der Vorsitzende hielt sich die Hand vor den Mund und hustete.

»Herr Staatsanwalt«, sagte er leise.

»Ich beantrage, das Verfahren gegen den Seemann Felix Wicinsky abzutrennen«, sagte der Staatsanwalt.

»Das Verfahren gegen den Seemann Felix Wicinsky wird abgetrennt«, sagte der Vorsitzende monoton. »Wir kommen nun zu den Zeugen. Herr Wachtmeister!«

Die Wachtmeister waren noch nicht zurück, und es trat eine kleine Pause ein. Im Zuschauerraum wurde leise gesprochen. Die Angeklagten saßen ruhig und unbeweglich auf ihren Plätzen.

Nach einigen Sekunden kam der schnauzbärtige Wachtmeister zurück.

»Herrn Oberwachtmeister Langlotz«, sagte der Vorsitzende.

Der Wachtmeister ging hinaus, und man hörte draußen seine Stimme: »Oberwachtmeister Langlotz!«

Sie kamen herein, und der Oberwachtmeister nahm seinen Tschako ab. Vor dem Richtertisch klappte er die Hacken zusammen. Die Angeklagten sah er nicht an.

»Sie heißen mit Vornamen Alfred, wie alt ...?« fragte der Vorsitzende.

»Fünfundzwanzig Jahre.«

»Und von Beruf?«

»Polizeioberwachtmeister.«

»Sind Sie mit einem der Angeklagten verwandt?« Noch ehe der Oberwachtmeister sein Nein ausgesprochen hatte, erhob sich der Vorsitzende, und alles polterte hoch.

»Heben Sie die rechte Hand hoch und sprechen Sie mir nach: Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, die reine Wahrheit zu sagen, nichts zu verschweigen und nichts hinzuzufügen, so wahr mir Gott helfe ...«

Alles polterte wieder auf die Plätze. »... Sie waren also bei den gestrigen Zwischenfällen zugegen. Erzählen Sie mal.«

»Ich führte gestern morgen in Vertretung Hauptmann Krons die zweite Bereitschaft. Wir wurden gegen Viertel vor zehn Uhr alarmiert und nach dem Arbeitsamt Nordost beordert. Bei unserem Eintreffen fanden wir starke Menschenansammlungen auf der Straße vor, die uns beschimpften. Ich ließ zuerst die beiden Anfahrtsstraßen zum Arbeitsamt räumen und teilte aus diesem Grunde meine Bereitschaft. Die zweite Abteilung führte Wachtmeister Rothacker. Während es mir gelang, die Räumung ohne großen Widerstand durchzuführen, wurde die Abteilung Rothacker angegriffen. Man warf mit Steinen und griff die Beamten tätlich an. Wachtmeister Korn, der auch als Zeuge hier ist, wurde leicht verletzt. Ich griff nun mit meiner Abteilung ein, um der zweiten Abteilung zu Hilfe zu kommen. Dabei wurden wir mit großen Pflastersteinen beworfen, aus den Fenstern der umliegenden Häuser wurde kochendes Wasser auf uns herabgegossen, auch sind wir aus den Fenstern mit Briketts, Blumentöpfen usw. bombardiert worden. Wachtmeister Bauknecht erhielt Schläge mit einer Holzlatte, und Wachtmeister Bayer bekam einen schweren Rückenstich mit einem Polizeiseitengewehr, das kurz vorher dem Wachtmeister Bauknecht von den Demonstranten abgenommen worden war ...«

»Na, erzählen Sie mal etwas genauer«, sagte der Vorsitzende, »das haben Sie doch deutlich gesehen.«

»Ja, ich habe das ganz genau beobachtet. Mir war gemeldet worden, daß Beamte niedergeschlagen worden seien, und ich lief mit einigen meiner Beamten zu der Stelle hin. Ich sah dort den Wachtmeister Bayer, der sich gegen eine große Übermacht verteidigte. Ich glaube auch, daß er schon am Boden lag. Auf einmal versuchte er sich zu erheben, und da bekam er einen Stich in den Rücken. Ich stand nur wenige Meter von ihm entfernt, und mir fiel der Täter sofort auf, weil er äußerlich nicht leicht zu verwechseln war. Er hatte rote Haare und Sommersprossen und war ziemlich untersetzt ...«

»Drehen Sie sich mal um, ob der Täter dabei ist.«

Der Oberwachtmeister drehte sich um und zeigte sofort, ohne zu zögern, auf Emanuel. Er hatte ganz kalte, ruhige Augen.

»Das ist er«, sagte er.

»Das ist nicht wahr. Kein Wort ist wahr. Ich habe nie ein Seitengewehr in der Hand gehabt«, sprudelte Emanuel heraus.

»Ruhe!« Der Vorsitzende schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Sie können sich äußern, wenn Sie gefragt werden. Jetzt hat der Zeuge das Wort. Sie erkennen den Angeklagten also bestimmt wieder?«

»Bestimmt.«

»Wenn der Täter nun aber hinter dem Polizeibeamten gestanden hat und Sie vor ihm, müßte doch eigentlich der verletzte Beamte den Täter verdeckt haben.«

»Der Mann stand etwas seitwärts.«

»Haben Sie das Seitengewehr in seiner Hand gesehen?«

»Ja ... das heißt, so genau kann ich mich nicht mehr an die Einzelheiten erinnern, denn wir wurden selbst angegriffen und mußten auf uns aufpassen.«

»Was geschah dann weiter?«

»Wir mußten uns die Angreifer mit der Schußwaffe vom Leibe halten. Wir haben aber erst geschossen, nachdem einige unserer Beamten niedergeschlagen worden waren. Dann konnte die Straße geräumt werden.«

»Der von Ihnen bezeichnete Täter ist erst am Abend festgenommen worden?«

»Ja, ich sah ihn zufällig im Stadthotel und ließ ihn verhaften. Er machte noch einen Fluchtversuch, wurde aber wieder eingeholt.«

»Noch irgendeine Frage?«

»Ja.« Der Staatsanwalt erhob sich. »Sie bleiben also dabei, daß dieser Angeklagte der Täter ist?«

»Ja. Meines Erachtens ist er es.«

»Sie wollen damit sagen, daß Sie gesehen haben, wie er gestochen hat?«

»Ja.«

»Das genügt mir.«

»Kennen Sie die beiden anderen Angeklagten?« fragte der Vorsitzende.

Der Oberwachtmeister drehte sich herum. »Ich kann mich nicht erinnern«, sagte er.

»Noch eine Frage an den Zeugen? Jetzt können Sie fragen, Angeklagter ... Setzen Sie sich, Herr Oberwachtmeister. Dann kommt Wachtmeister Korn.«

»Wachtmeister Korn!« rief der Gerichtsbeamte.

Wachtmeister Korn kam herein und erzählte, wie er von den Arbeitslosen niedergeschlagen worden war und wie dann, nach dem Eingreifen der Abteilung Langlotz, die Lage so bedrohlich wurde, daß sie zu den Schußwaffen greifen mußten.

»Haben Sie gesehen, wie der Polizeibeamte Bayer niedergeschlagen worden ist?«

»Ich stand wohl in der Nähe, aber ich würde den Täter nicht wiedererkennen.«

»Kennen Sie die Angeklagten?«

Korn zeigte auf Winter und Roßhaupt. »Die beiden habe ich unter den Demonstranten gesehen«, sagte er.

»Ist Ihnen etwas Besonderes aufgefallen?«

»Nein.«

»Noch eine Frage?«

»Ja.« Der Staatsanwalt erhob sich. »Sie wollen damit sagen, daß Sie die beiden Angeklagten in der Menge gesehen haben, die gegen die Polizei Gewalttätigkeiten beging.«

Der Polizeibeamte nickte.

»Danke.«

»Ich habe auch noch was zu sagen.« Winter war einen Schritt vorgetreten.

»Was wollen Sie denn sagen?«

»Das ist der Polizeibeamte, der einen wehrlosen jungen Arbeiter mit dem Kopf gegen eine Hausmauer geschlagen hat ...«

»Kein Wort davon ist wahr«, sagte Korn. Er begann zu lachen. »Ich bin gar nicht dazu gekommen, jemanden zu verhaften, wir mußten uns immer unserer Haut wehren.«

»Du lügst«, brüllte Winter, »ich kenne deine Visage genau wieder.«

»Angeklagter, was fällt Ihnen denn ein?« Der Vorsitzende war im Gesicht rot angelaufen, er hatte sich halb erhoben.

»Ich würde Ihnen dringend raten, Ihre Lage durch solche Beschimpfungen nicht noch zu verschlechtern. Wenn Sie etwas fragen wollen, das zur Sache gehört, dann haben Sie das ruhig vorzutragen ...« Er drehte sich zu dem Polizeibeamten hin.

»Wenn Sie glauben, eine strafbare Handlung begangen oder Ihre Befugnisse überschritten zu haben, können Sie Ihre Aussage verweigern.«

»Nein, ich habe nur das getan, was mir meine Vorgesetzten befohlen haben«, antwortete Korn.

»Noch eine Frage? ... Setzen Sie sich dann. Der nächste Zeuge ist Polizeiwachtmeister Bauknecht.«

Bauknecht kam herein und erzählte, wie er niedergeschlagen worden war.

»Haben Sie die Leute erkannt, die Sie angriffen?«

»Zwei würde ich wiedererkennen«, sagte Bauknecht unsicher.

»Drehen Sie sich einmal um. Kennen Sie die Angeklagten?«

Der Beamte sah lange und nachdenklich die drei Arbeiter an, dann sagte er: »Mit Bestimmtheit nicht.«

»Man hat Ihnen Ihr Seitengewehr weggenommen?«

»Ja. Das Koppel ist mit einem Messer durchschnitten worden, während ich zu Boden stürzte.«

»Wissen Sie, wer auf den Polizeiwachtmeister Bayer eingestochen hat?«

»Meines Erachtens ein großer, schmaler Mann, aber bestimmt kann ich das nicht sagen, denn ich lag in dem Augenblick gerade am Boden.«

Der Staatsanwalt beugte sich vor. »Sehen Sie sich bitte einmal diesen Angeklagten an«, er zeigte auf Emanuel, »hat dieser Mann Ähnlichkeit mit dem Täter?«

»Meines Erachtens nicht.«

»Sie lagen aber am Boden?«

»Ja.«

»Mit dem Gesicht zur Erde?«

»Ja.«

»Ich danke.«

»Wenn keine weiteren Zeugen sind, dann bitte den letzten Zeugen, Herrn Dachdeckermeister Weidenmüller.«

»Worüber soll dieser Zeuge aussagen?« fragte der Staatsanwalt.

»Der Mann will den Täter, der den Polizeibeamten gestochen hat, bestimmt wiedererkennen.«

Herr Weidenmüller trat mit kleinen Schritten näher und legte seine Melone und den Regenschirm vorsichtig auf das Pult des Wachtmeisters.

»Sie gestatten doch?« fragte er.

»Sind Sie verwandt mit einem der Angeklagten, Herr Weidenmüller?«

Herr Weidenmüller besah sich die Angeklagten, und dann sagte er: »O nein!«

»Dann heben Sie bitte die rechte Hand und sprechen mir nach: ›Ich schwöre ...‹«

Ob er mich auch für den Täter halten wird? dachte Emanuel. Er war innerlich ganz kalt, und alles an ihm fühlte sich wie Glas an.

»Sie wohnen in dem Haus gegenüber dem Arbeitsamt?« fragte der Vorsitzende.

»Schräg gegenüber. In Nummer einundsiebzig. Ich habe gerade aus dem Fenster gesehen, als die Sache passierte.«

»Na, erzählen Sie mal. Sie haben sich ja bei der Polizei gemeldet.«

»Ja, es war viel Lärm auf der Straße, aber das ist bei uns öfter so. Meine Frau sagte zu mir, ich war nämlich gerade erst aufgestanden, weil es mir nicht ganz wohl war, ich habe nämlich manchmal im Rücken heftige Stiche und da ...«

»Ja, ja, das glauben wir Ihnen schon, erzählen Sie uns nur, was Sie an Ihrem Fenster gesehen haben.«

»Ja, schön. Also meine Frau sagte zu mir: ›Da liegt ein Polizist am Boden.‹ Und da sah ich gerade, wie der Polizist sich erheben wollte und von einem Mann einen Stich bekam. Der Mann trug einen weichen, grauen Hut und hatte einen grauen Anzug an. Eigentlich war er ziemlich gut angezogen, und ich wunderte mich darüber. Das habe ich dann auch meiner Frau gesagt. Wir mußten aber gleich das Fenster schließen, weil die Polizei rief: Fenster zu, es wird scharf geschossen!«

»Drehen Sie sich mal um, ist der Täter unter den Angeklagten?«

Sorgfältig betrachtete sich Herr Weidenmüller die drei Leute, dann drehte er sich lächelnd um und sagte: »Nein.«

»Wieso?« Der Staatsanwalt sprang auf. »Sie wollen also aus Ihrem Fenster den Mann ganz genau erkannt haben?«

»Natürlich, ich wohne in der ersten Etage, und ich konnte alles genau sehen, weil es gerade unter meinem Fenster war.«

»Warum haben Sie denn überhaupt aus dem Fenster gesehen?«

»Warum?« Der Mann schüttelte verständnislos den Kopf. »Weil was los war ...«

»So, da haben Sie wohl auch bei dem Bombardement geholfen? Aber überlegen Sie es sich genau, Sie stehen hier unter Eid!«

Der Vorsitzende hob begütigend die Hand. »Sie können auch die Aussage verweigern, wenn Sie eine strafbare Handlung begangen haben.«

»Ich habe nichts Strafbares begangen«, stammelte der erschrockene Kleinbürger.

Aber der Staatsanwalt war noch nicht zufrieden. »Sind Sie Mitglied einer Partei?« fragte er.

»O nein, Herr Staatsanwalt, ich halte nichts von Politik, ich bin nur in der Innung.«

»In was für einer Innung?«

»In der Handwerkerinnung.«

Der Staatsanwalt räusperte sich.

»Sehen Sie sich noch einmal den ersten Angeklagten an, ein Polizeibeamter behauptet bestimmt, er wäre der Täter.«

Herr Weidenmüller drehte sich wieder um, aber dann sagte er schnell: »Aber der ist doch viel zu klein, das war ein großer Mann.«

»Können Sie denn das aus Ihrer ersten Etage wirklich so genau sehen?«

»Oh, Herr Staatsanwalt, ich kann sogar hören, was sich die Leute bei uns auf der Straße erzählen.«

»Dann bitte ich nochmals den Herrn Oberwachtmeister Langlotz zu vernehmen.«

»Herr Langlotz«, sagte der Vorsitzende, »treten Sie bitte nochmal vor ... Sie haben gehört, was der Zeuge behauptet hat. Was sagen Sie dazu?«

»Ja, ich kann nur sagen, was ich gesehen habe. Zumindestens muß der Angeklagte ganz in der Nähe gewesen sein.«

»Ganz in der Nähe? Das ist aber eine wesentliche Einschränkung. Vorhin haben Sie unter Eid gesagt, er hätte gestochen.«

»Ich habe gesagt, mir ist es so vorgekommen, als ob er gestochen hätte.«

»Herr Staatsanwalt?«

»Was hat denn der Angeklagte für Sachen angehabt? Trug er einen grauen Hut?«

»Nein, bestimmt nicht, mir sind seine roten Haare besonders aufgefallen. Wenn ich nicht irre, hatte er eine blaue Jacke an, dieselbe, die er jetzt trägt. Aber das kann ich nicht auf meinen Eid nehmen.«

»Sie bleiben also dabei, daß er der Täter ist?«

»Soviel ich in der kurzen Zeitspanne sehen konnte, ja.«

Vorsitzender und Staatsanwalt sahen den Zeugen einige Sekunden still an, dann sagte der Vorsitzende: »Sie können sich setzen, damit wäre die Beweisaufnahme geschlossen. Herr Staatsanwalt, bitte!«

Der Staatsanwalt erhob sich und blätterte, vorgebeugt, in einem Buch, ehe er mit seiner Rede begann.

»Wir haben hier wieder einen jener bedauerlichen Fälle politischen Rowdytums, die sich bei uns in den letzten Jahren auf so erschreckende Weise eingebürgert haben ...«

»Sie können sich setzen«, sagte der Vorsitzende zu den Angeklagten. Sie fielen schwer auf die Bank. Emanuel spürte auf einmal gar nichts mehr, gar nichts. Als sei sein Fuß eingeschlafen. Aber so war der ganze Körper. Er hatte das Gefühl, daß er ganz ausgehöhlt sei. Langsam kehrten die Gedanken zurück, schmerzhaft langsam. Die Nacht mit den körperlichen Schritten rechts und links und oben und unten. Das sommerliche Land. Der Bahndamm mit dem gelben Schottersand. Das Haus. Das Zimmer.

Er würde hierbleiben. Einen Sommer. Einen Herbst. Einen ...

Hier in der Stadt, in einem festverschlossenen Hause.

Die Worte des jungen Staatsanwalts erreichten ihn wie aus weiter Ferne, und er gab sich gar keine Mühe, etwas zu verstehen, und es war ihm alles ziemlich egal. Nur müde war er, und die Sonne erreichte ihn schon, sie machte noch müder, und es war eine gute Zeit, zu dösen und nachzudenken. Zweiundzwanzig Jahre, dachte er, und das kam ihm alles auf einmal gar nicht mehr so schlimm vor. Ging alles vorbei.

Winter stieß ihn vorsichtig an. Die Jungens unterhielten sich leise, während der Staatsanwalt plädierte. Sie sahen dabei zu Boden, damit man ihre Mundbewegungen nicht sehen konnte, aber auf diese Weise gingen auch viele Worte verloren. Emanuel verstand nur soviel, daß sie am Schluß etwas rufen wollten, wenn sie verurteilt würden.

Auf einmal fiel sein Name und er horchte auf.

»... es ist die Frage, wie weit wir dem Zeugen Weidenmüller in seinen Bekundungen Glauben schenken können«, sagte der Staatsanwalt. »Selbst wenn wir unterstellen, daß seine Angaben durchaus objektiv und glaubwürdig sind, dürfen wir doch nicht vergessen, daß er den ganzen Vorfall aus der ersten Etage beobachtet hat, während Oberwachtmeister Langlotz nur wenige Meter ab gestanden hat. Und die Aussagen dieses Polizeibeamten, der doch gar keinen Grund hat, irgendwelche falschen Bekundungen zu machen, sind sehr eindeutig, wenn er sich zum Schluß als vorsichtiger Beamter auch etwas eingeschränkt hat und seiner Erklärung hinzufügte: Soweit ich das in der kurzen Zeitspanne beobachten konnte. Aber solche Volksaufläufe sind nie ein ideales Beobachtungsfeld, und ich halte den Angeklagten Roßhaupt für überführt, den Stich gegen den Polizeiwachtmeister Bayer geführt zu haben. Betreffs Vergehen gegen den Paragraphen 115 sind nicht viel Ausführungen zu machen. Nach der allgemeinen Rechtsprechung des Reichsgerichts handelt es sich bei den gestrigen Zusammenrottungen vor dem Arbeitsamt Nordost um Aufruhrhandlungen. Wir haben von den Polizeibeamten gehört, daß sie mit Steinen beworfen und tätlich angegriffen worden sind. Aus den umliegenden Häusern hat man die Beamten bombardiert und mit Blumentöpfen beworfen, die Polizei hat auch Verluste zu verzeichnen. Nach eigenen Einlassungen der Angeklagten haben sie sich während der Vorfälle innerhalb dieser aufrührerischen Menge befunden, sie haben sich also strafbar gemacht. Ich komme nun zu den Strafanträgen. Der Paragraph 115 sieht als niedrigste Strafe sechs Monate Gefängnis vor. Diese Strafe halte ich nicht für genügend bei dem Angeklagten Winter, der schon einmal einschlägig wegen Widerstandsleistung und Beamtenbeleidigung vorbestraft ist und unzweifelhaft bei der gestrigen Aktion als Funktionär des sogenannten Erwerbslosenausschusses die Rolle eines Rädelsführers gespielt hat. Ich beantrage deshalb gegen ihn wegen Vergehens gegen Paragraph 115 neun Monate Gefängnis, gegen die Angeklagten Käsberger und Roßhaupt je sechs Monate Gefängnis, gegen letzteren außerdem wegen Vergehens gegen Paragraph 223a sechs Monate Gefängnis, und bitte diese beiden Strafen zusammenziehen zu einer Gesamtstrafe von zehn Monaten Gefängnis.«

Einen Augenblick war alles ruhig, die Angeklagten saßen unbeweglich auf ihren Plätzen, der Richter sah in seine Akten. Nur aus dem Zuhörerraum kam leises Geflüster.

»Will noch einer der Angeklagten etwas sagen?« fragte der Vorsitzende. Er sah Emanuel an.

»Ja«, sagte Emanuel, »ich bin unschuldig. Ich habe nichts getan. Ich habe den Beamten auch nicht niedergestochen.«

Winter und Käsberger schüttelten ihre Köpfe, sie wollten nichts mehr sagen. Alles war still. Die Geräusche der Straße. Ein Auto.

Dann hob der Vorsitzende seinen Kopf und sagte: »Es ergeht folgendes Urteil: Wegen Vergehens gegen Paragraph 115 Strafgesetzbuch werden die Angeklagten Käsberger und Roßhaupt zu je sieben Monaten, der Angeklagte Winter zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Die Kosten des Verfahrens fallen den Angeklagten zur Last.

Wegen Vergehens gegen Paragraph 223a im Fall Roßhaupt erkennt das Gericht mangels Beweise auf Freispruch.

Alle Angeklagten haben sich nach ihrem eigenen Eingeständnis in der aufrührerischen Menge befunden, die vor dem Arbeitsamt Nordost Polizeibeamte in Ausübung ihrer Tätigkeit behinderte und tätlich angriff. Die Mindeststrafe für dieses Vergehen ist sechs Monate Gefängnis, doch hat das Gericht keine Bedenken, um ähnliche Exzesse zu vermeiden, eine höhere Strafe, und zwar bei sämtlichen Angeklagten zu wählen. Dabei sind die beiden Angeklagten Roßhaupt und Käsberger, da sie unbestraft, beziehungsweise nicht einschlägig bestraft sind, und unter Berücksichtigung ihres jugendlichen Alters mit je sieben Monaten Gefängnis zu bestrafen, während der Angeklagte Winter als Rädelsführer eine erheblich höhere Strafe verdient und aus diesem Grunde zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wird.

Im Falle Roßhaupt, Vergehen gegen Paragraph 223a, erfolgt Freispruch, aber nicht etwa, weil das Gericht von der Unschuld des Angeklagten überzeugt ist. Zwei widersprechende Zeugenaussagen stehen sich gegenüber, der Angeklagte leugnet. Es besteht die größte Wahrscheinlichkeit, daß der Polizeizeuge, der sich nur wenige Meter vom Tatort entfernt befunden hat, alles genau so gesehen hat, wie er hier sagte. Doch besteht auch eine gewisse Möglichkeit, daß er den Angeklagten Roßhaupt mit dem eigentlichen Täter verwechselt hat, da beide sehr nahe nebeneinander gestanden haben. Völlig unglaubwürdig in diesem Zusammenhang ist die Aussage des Angeklagten, daß er den eigentlichen Täter nicht wiedererkennen kann. Obwohl die Verdachtsmomente sehr stark sind, hat sich das Gericht in diesem Fall mangels ausreichenden Beweises zu einem Freispruch entschlossen.

Die Kosten fallen, soweit Verurteilung erfolgt, den Angeklagten, im übrigen der Staatskasse zu. Der Haftbefehl bleibt aufrechterhalten. Innerhalb acht Tagen können Sie mündlich oder schriftlich Berufung gegen dieses Urteil einlegen. Sie können aber gleich erklären, daß Sie die Strafe annehmen. Dann zählt die Strafverbüßung vom heutigen Tage an.«

Er sah die Angeklagten an, aber die Angeklagten schwiegen. Auf einmal stand Gerhard Käsberger auf, hob die Faust und sagte etwas. Er fing sehr hoch an, aber dann schrumpfte seine Stimme schnell zusammen, und das letzte Wort kam so undeutlich heraus, daß er nicht einmal im Zuschauerraum verstanden wurde.

Er rief: »Es lebe der Kampf der Werktätigen!« Dann setzte er sich wieder, und alle sahen ihn an, und auch der Richter sah ihn an.

Aber der Richter lächelte nur, weiter nichts, nur sein Mund verzog sich, und er machte eine Handbewegung zu den Wachtmeistern hin. Dann blickte er wieder in seine Akten und sagte: »Führen Sie die Angeklagten ab. Wir kommen zum nächsten Fall: Herr Emil Wanders und Frau Birnbaum.« »Zeugen in der Sache Emil Wanders und Frau Birnbaum«, rief der Wachtmeister auf dem Gang.

Sieben Monate, dachte Emanuel, und er rechnete weiter, achtundzwanzig Wochen, zweihundertzehn Tage ...

Gerhard Käsberger wurde zuerst hinausgeführt, einige Zuschauer drängten sich mit hinaus. Neben Winter setzte sich eine dicke Frau auf die Anklagebank, anscheinend Frau Birnbaum. Emanuel drehte sich um. Fritz stand vor den Zuhörerbänken und versuchte ihm etwas zu sagen. Er formte die Worte mit dem Mund, doch Emanuel verstand wieder nichts. Er versuchte zu lächeln, um dem Jungen nicht zu viel Sorge zu machen. Da kam Fritz noch zwei Schritte vor und sagte: »Ich warte draußen«, dann machte er kehrt und verließ den Gerichtssaal.

Inzwischen wurden schon die Zeugen in der neuen Sache aufgerufen, und ein Wachtmeister führte Winter fort. Emanuel schüttelte ihm noch einmal die Hand.

»Machs gut!« sagte er.

»Du auch. Und Kopf hoch!«

Die Frau neben ihm roch unangenehm, und er drehte sich weg und sah nach dem Fenster. Das Blattgrün war immer noch da und auch die Uhr der Kirche und das reine Himmelblau dahinter.

»Kommen Sie!« sagte der Wachtmeister. Er faßte ihn nicht an, und das kam vielleicht, weil er nur sieben Monate bekommen hatte.

Die Tür ging auf, und die Tür schloß sich, und er stand im kühlen, dunklen Gang. Viele Leute, die ihn anstarrten, und einige Freunde, die ihre Fäuste zum Abschiedsgruß hoben und etwas riefen. Er überlegte sich, ob er wieder durch die langen Gänge mußte, um auf den Hof hinauszukommen. Auf einmal war Fritz neben ihm, an seiner rechten Seite, und an der linken ging der Wachtmeister.

»Du«, sagte Fritz und zeigte nach vorn, »sie weiß alles und sie weiß auch, wie lange.«

Sie sah anders aus, weil sie ein hellblaues Kleid trug, das er bei ihr noch nicht gesehen hatte, aber er erkannte sie sofort. Sie stand vielleicht zehn Schritte von ihm entfernt an der Wand und wartete, bis er vorbeikam. Er sah sie an, und sie sah zu ihm hin, und als er vorbeikam, ging sie neben ihm her, auf der Seite, wo der Wachtmeister ging. Der Wachtmeister verdeckte ihre Gestalt, und er sagte zu ihm: »Darf ich auf die andere Seite gehen?«

Ihr Mund öffnete sich, als sie ihn ansah, und er merkte auf einmal, daß sie viel kleiner war als er.

»Schade«, sagte er, »daß wir das nicht früher gewußt haben.« Er lachte und es fiel ihm leicht, zu lachen.

»Sieben Monate sind nicht lang«, sagte sie, aber das meinte sie nicht ernst. Den Satz hatte sie sich vorher überlegt.

»Nein«, sagte er leichthin, und dabei mußte er schlucken, »es ist nicht viel.«

Im gleichen Schritt gingen sie nebeneinander her, und Fritz ging schweigsam ganz rechts, und sie mußten so schnell gehen, weil der Beamte so schnell ging.

»Gestern nachmittag hätte ich beinahe eine Stellung bekommen«, sagte er, »bei Fritsche & Blumberg als Chauffeur. Aber das ist nun Scheibe.«

Sie lachten alle, nur der Wachtmeister lachte nicht, er sagte: »Los« und machte eine Bewegung, daß die beiden zurückbleiben sollten, denn sie standen vor der Tür mit dem Schild: Eingang strengstens verboten!

»Halte mein bißchen Zeug bei dir«, sagte er rasch zu Fritz, aber als er sich noch einmal zu Susie umdrehen wollte, krachte die Tür schon zu. Etwas begann in seinem Halse zu würgen.

»Machen Sie bitte noch einmal auf!« sagte er zu dem Wachtmeister. Er hatte ihr nicht die Hand gegeben.

»Quatsch«, sagte der Wachtmeister. »Wir haben keine Zeit mehr. Der Wagen steht schon da.«

Der Wagen stand schon da, der grüne Wagen. Sie gingen über das bucklige Pflaster, und die Sonne schien ihm breit ins Gesicht. Er sah auf, zuerst kam der Hof mit ein paar weißen Wäschestücken auf einer Leine, darüber die kahle, glatte Front des Gerichtsgebäudes und fern dahinter andere Gebäude, verwinkelte Dächer, Essen und schließlich der Himmel von einer ausgewaschenen, glitzernden Bläue. Er schluckte alles hinter, was im Halse steckengeblieben war, und er machte den Mund fest zu. Es würde heute heiß werden, dachte er langsam.

Dann stieg er in den Wagen.

 

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