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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 17
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid5c4eb35c
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Die Zelle

Er hörte draußen den Regen rauschen. Sie mußten ziemlich hoch oben sein, aber er wußte nicht genau, welches Stockwerk es war. Eintönig klopften die Tropfen auf eine Dachrinne oder etwas Ähnliches. Als sie in den Gang nach links einbogen, wurde das tropfende Geräusch immer schwächer und verstummte schließlich ganz. In diesem Haus schien niemand zu wohnen, so vollkommen still war es.

Weit hinten, unter einer trübe brennenden Lampe, saß ein Beamter. Er saß unbeweglich da wie eine Statue, alles war leblos und unwirklich und von einer gespenstischen Fremdheit, wie im Kino. Der Beamte erhob sich, als sie näher kamen, und Emanuel hörte die Schlüssel rasseln. Dieses Geräusch setzte sich in seinem Nacken fest und lief langsam, grauenhaft langsam, den Rücken herab. Er schüttelte sich.

»Vierzehn«, sagte der Wachtmeister, der bei ihm war.

Der andere sah Emanuel an, er war alt und hatte einen runden, glattrasierten Kopf.

»Warum hast du mir meine Zeitung nicht mit raufgebracht?« sagte der zweite Beamte.

»Weiß doch nicht, daß sie unten ist.«

»Hat dir Franz nichts gesagt?«

»Nichts. Und ich gehe jetzt auch. Bin hundemüde. Gute Nacht.«

»Gute Nacht.«

Emanuel hatte sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt, sie war kalt, und er kühlte seine Hände. Als er mit dem neuen Wachtmeister weiterging, merkte er, daß er an einer Tür gelehnt hatte.

»Auch vom Arbeitsamt Nordost?« fragte der Wachtmeister. »Woher wissen Sie das?«

»Auf vierzehn liegen noch drei von dort. Schon seit heute mittag.«

Er hatte einen schweren Schritt und ging ganz langsam.

»Ja, ja, ist schon ein Elend«, sagte er nach einer Weile.

Auf einmal begann irgendeiner furchtbar zu schreien. Es klang gedämpft, kam wahrscheinlich aus einer anderen Etage, aber der Schrei war so grell und durchdringend, daß kein Ohrenzuhalten etwas nützte. Er setzte hoch und schrill ein und ging dann in ein langgezogenes Geheul aus, und dann fing alles wieder von vorn an. Emanuel zitterte, aber dem Wachtmeister schien es nichts auszumachen, vielleicht hörte er gar nicht hin.

»Hast du schon gepißt«, sagte der Wachtmeister. Emanuel hatte schon, aber er schüttelte den Kopf. Der Wachtmeister führte ihn in einen kleinen fensterlosen Raum, knipste Licht an und blieb bei ihm stehen. Er gähnte laut und klopfte mit dem Schlüsselring dauernd denselben Takt gegen die Mauer. Emanuel strengte sich an, aber obwohl er eben noch das Bedürfnis verspürt hatte, konnte er kein Wasser abschlagen. Er fühlte sich weich und schlapp, und seine Gedanken gingen durcheinander, und er hatte nur den Wunsch, tief und traumlos zu schlafen.

Er drehte sich um, der Wachtmeister knipste das Licht aus, und sie gingen weiter.

»Morgen früh kommst du schon dran«, sagte der Wachtmeister.

»Ja«, antwortete Emanuel.

»So«, sagte der Wachtmeister und blieb stehen. »Bis morgen früh mußt du hierbleiben.« Er schloß eine Tür zur Linken auf. Das Ganglicht fiel matt auf vier Pritschen, je zwei übereinander gestapelt, auf den beiden unteren bewegte sich etwas. Hoch oben war eine dunkle Fensteröffnung.

Die Tür bumste schwer ins Schloß, und alles war dunkel. Er stand still und rührte sich nicht. Der Regen war wieder zu hören. Oben leuchtete das Fensterrechteck in einem matten Lichte. Irgendwo gingen Schritte, die Schritte waren vollkommen losgelöst von allem Körperlichen, sie gehörten keinem Menschen und keinem Gefangenen und keinem Beamten, es waren nur Schritte, die hin und her gingen, hin und her.

Er fuhr zusammen. Ein greller Strahl richtete sich gegen sein Gesicht. Jemand hatte seine Taschenlampe angeknipst. Nun sah er gar nichts mehr.

»Wer bist du denn?« sagte eine Stimme.

»Roßhaupt heiße ich ... mach das Licht aus, ich kann nichts sehen ...«

Der Lichtstrahl wanderte von seinem Gesicht fort und blieb an der kahlen, weißen Wand hängen. Er sah nun einen Mann auf einem der oberen Bettgestelle sitzen, nur mit Hemd und Hose bekleidet, die Beine baumelten herab, und in den Händen hielt der Mann eine Taschenlampe. Er kam Emanuel bekannt vor, doch wußte er zuerst nicht, wo er ihm schon begegnet war. Auch die beiden anderen Pritschen waren belegt.

»Wie kommst du hierher?« fragte der Mann.

»Wegen der Sache vom Arbeitsamt Nordost«, sagte Emanuel. Unten richtete sich einer auf. Der Mann oben schwieg. Emanuel konnte jetzt sein Gesicht etwas deutlicher sehen. Der Mann lächelte eigenartig.

»Ja«, sagte Emanuel und trat einen Schritt vor, »sie haben mich heute abend geschnappt.«

Der Mann oben richtete seine Taschenlampe wieder auf Emanuels Gesicht, und dann antwortete er: »Die Polente ist doch saublöd. Hat wohl nicht genug erfahren? Du armer Spitzel, von uns kriegst du kein Wort heraus, der Trick ist ein bißchen zu alt ...«

Emanuel stand ganz starr, auf einmal verstand er, die Wut kam in ihm hoch: »Du dämliches Aas, laß mich in Ruhe, ich will schlafen ...« Er trat an die Pritschen heran und suchte sich einen Platz. Einer schlief, der zweite auf dem unteren Bettgestell war ein junger Kerl, der Emanuel verschlafen betrachtete. Also mußte er raufklettern, neben den Mann mit der Taschenlampe. Er schwang sich hoch, und als er oben das Gesicht seines Nebenmannes genau sehen konnte – der Mann hatte immer noch die Taschenlampe in der Hand –, erkannte er ihn auf einmal wieder.

»Du bist ja Winter«, sagte er, »jetzt kenne ich dich.«

»So, jetzt kennst du mich?«

»Jawohl, weil ich nämlich heute morgen im Arbeitsamt ganz in deiner Nähe gestanden habe ...«

Als Winter wieder perfide zu lächeln begann, warf sich Emanuel auf die andere Seite herum, um einzuschlafen. Aber er merkte, daß die Taschenlampe weiter brannte. Er lag eine Weile ruhig da und hörte dem Regen zu, der in unverminderter Heftigkeit niederging. Furchtbares Wetter.

»Warum haben sie dich denn erst am Abend gekriegt?« hörte er die Stimme seines Nachbars.

Emanuel überlegte angestrengt, was er sagen sollte, aber ihm fiel nichts ein, denn die Wahrheit wäre zu umständlich und romantisch gewesen, und er dachte, es sei am besten, zu schweigen.

»Na, denn nicht«, sagte sein Nachbar und knipste die Taschenlampe aus.

Da sagte von unten einer: »Ich habe ihn heute morgen gesehen, er war bei Robert.«

Oben oder unten begannen wieder Schritte zu gehen, und die Regentropfen klopften, und etwas raschelte, und dann kullerte und knurrte sein Magen, er war hungrig, und er wollte schlafen, aber es ging nicht.

»Jawohl, Robert Grätz«, sagte Emanuel, »der ist dabei gewesen, als sie mich verhaftet haben ...«

»Der ist dabei gewesen ...«

»Ja, und sie waren auch hinter ihm her, aber ich glaube nicht, daß sie ihn gekriegt haben.«

»Warum haben sie dich geholt?«

Emanuel machte eine lange Pause, und dann sagte er: »Ich soll den Schupo gestochen haben.«

Er wartete eine Weile, was sie sagen würden, aber sie sagten nichts. Der eine unten schnarchte sogar, aber die beiden anderen waren so still, daß er nicht einmal ihren Atem hörte. Und der Atem ist eine gute Sache, solange man frische Luft hat zum Atmen.

Fort wollte ich am Morgen, in das Land, unter die nächtlichen Sterne und unter die Sonne des Tages und neben den Feldern her, die gut riechen. Aber hier ist eine harte Pritsche, und ich kann nicht einschlafen, und die Erinnerung kommt, aber ich darf mich nicht erinnern. Und er wußte doch ganz genau, daß er nicht davon loskam und daß sie immer wiederkommen würde und daß alles gar keinen Zweck hatte. Aber morgen würde er vor Gericht stehen, und da sollten seine Genossen spüren, daß er kein Verräter und kein Spitzel und kein Horcher war, und sie sollten staunen über ihn.

»Warst du es?« fragte Winter.

»Nein, ich war es nicht.«

»Aber sie haben es dir gesagt?«

»Sie haben gefragt, ob ich dabei war. Natürlich war ich dabei, denn ich mußte ja stempeln gehen, und ich kann doch nichts dafür, daß ich im Haus drin war, als die Sache losging, und deswegen können sie mich nicht bestrafen. Zwei Krimis haben mich vernommen, und einer hat alles in die Maschine diktiert ...«

»Hast du unterschrieben?«

»Ja. Warum sollte ich nicht? Es stimmte alles, was drin stand ...«

»Bist genauso, ein Trottel gewesen wie wir auch. Swarzenski, der hat nicht unterschrieben, der hat auch gar nicht ausgesagt, und der kommt morgen früh auch nicht vors Schnellgericht.«

»Besser, wenn alles rasch vorbei ist.«

»Hast du Ahnung«, sagte Winter leise und legte sich auf die andere Seite.

Emanuel lauschte. Er hörte die Schritte nicht mehr. Auch der Regen war schwächer geworden. Er begann zu frieren. Zu Hause blieb das Bett leer. Fritz wird am Morgen kommen und niemand finden, und er wird nicht wissen, was los ist. Vielleicht denkt er, daß ich abgehauen bin, ohne ihm etwas zu sagen, und dann geht er vielleicht zu Susie hinüber. Er fror immer noch.

»Das wird aber kalt«, sagte er ins Dunkle hinein. Neben ihm bewegte sich etwas. Die Taschenlampe strahlte auf. Er kniff die Augen zusammen.

»Heb mal die Decke hoch«, sagte Winter, »so und nun zieh mal die Jacke aus ... Kragen und Schlips auch, ja ... hänge das Zeug da oben drüber ... so und nun leg dich hin ...«

Emanuel legte sich hin, und er spürte, wie Winter ihm die Jacke überlegte und ihn dann in die Decke einpackte. Winter stopfte die Decke in alle Lücken, und Emanuel konnte sich schließlich kaum noch rühren. Ihm wurde ganz elend und schwach, als er die Hände Winters verspürte, die ihn sorgsam betreuten. Die Lampe verlosch wieder. Langsam wurde ihm wärmer.

Winter beugte sich noch einmal zu ihm herüber.

»Bist du in der Partei?« fragte er.

»Nein«, antwortete Emanuel, und er schämte sich.

Einer der unten Liegenden hustete heftig und tief. Draußen ging ein schwerer Schritt vorbei, der Wärter wahrscheinlich.

»Aber morgen müssen wir uns tapfer halten«, flüsterte Winter. »Ein klassenbewußter Arbeiter darf sich nicht unterkriegen lassen, verstehst du?«

»Ja«, sagte Emanuel. Nicht unterkriegen lassen.

»Also gute Nacht.«

»Gute Nacht, Genosse.«

Sie atmeten alle auf verschiedene Weise, tief und hoch und schnell und nicht so schnell, und das war auf einmal das einzige Geräusch in der Zelle, denn der Regen verstummte ganz. Ob die noch mit ihrem Feuerwerk Glück gehabt haben, dachte Emanuel, oder ob der Regen alles vermasselt hat? Es waren nette Kerle. Und Robert? Wahrscheinlich ist er auf dem alten Wege verschwunden, mit Hilfe des Küchenmädchens. Gott, was wird die für Augen machen, wenn sie die zerbrochene Fensterscheibe sieht. Wird ihr wohl nicht die Stelle kosten. Kann ja nichts dafür. Die Stelle kosten? O je, bei Blumberg & Fritsche wird sich wohl ein anderer in die Karre setzen und ...

Er biß sich auf die Lippen und wollte nicht weiter denken. Nicht unterkriegen lassen.

Der Atem der Schläfer bewegte die Zellenluft. Draußen aber war alles still. Ganz fern schlug einmal eine Uhr, sicher schon die Stunde des neuen Tages. Ein Auto hupte, es klang wunderbar sanft und gedämpft, und er hörte kein Räderrollen und nichts. Dann kam ein Mann auf der Straße, er hatte einen festen Tritt, und Emanuel konnte jeden Schritt zählen. Er zählte, bis der Mann unten vorbeikam und dann noch weiter, solange er ihn hören konnte, und schließlich verschmolz der fremde Schritt mit der Stille der Nacht.

Er lag mit offenen Augen da.

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