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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 15
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid5c4eb35c
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Das Hotel

Reso Antonio spielt!

Blauschrift

Die Broadway-Girls!

Gelbschrift

Das verschenkte Girl!

Blaugelbschrift

Sommerfest im Stadthotel!

Rotschrift

Darunter ein weißer Blitz, über die Fassade des Hotels hinweg nach dem Gartenportal zu. Und am Portal ein kleines Schild: Eintritt 5 Mark.

Ein breiter, schwerer Wagen rollte an. Aus dem Dunkeln hervor sprang mit ungelenken Bewegungen ein kleiner, verkrüppelter Mann, kriecherisch in seiner Haltung, riß den Wagenschlag auf und streckte seine Hand aus. Vom Portal pfiff einer im gleichen Augenblick, die Portiers und Autowächter hatten den Bettler bemerkt und stürzten auf ihn los, aber er entschlüpfte in der Dunkelheit, ehe sie heran waren. Nach einer Weile näherte er sich von der anderen Seite wiederum dem Parkplatz.

»Du Hund! Ich schlage dir die Knochen einzeln aus dem Leibe!« Der rotuniformierte Portier drohte mit der Faust, er hatte einen schön gewichsten goldblonden Schnurrbart und einen dicken Bauch. Hinter ihm tauchte ein schmächtiger Bursche auf, der sich vorsichtig an die Gartenmauer drückte, bis der Portier weiterging, dann folgte er ihm wie sein Schatten. Am Gartenzaun des Stadthotels zog sich eine schmale Sträucheranlage entlang, durch die ein schwacher Schimmer des bunten Lichts, der zauberhaften Sommerabendillumination hindurchdrang. Der Junge blieb vorsichtig im Schatten dieser Sträucher.

Von der anderen Seite kam aufgeregt ein Autowächter auf den Portier zu. Die Gestalt an der Gartenmauer schlüpfte gewandt über die kleine Einfriedung und blieb reglos hinter einem Gebüsch stehen.

»Dieser verfluchte Nassauer!« schimpfte der Autowächter.

»Der schnappt uns hier oben tatsächlich alle Trinkgelder weg. Wilhelm meint auch, daß wir ihn kriegen müssen. Am besten wäre, wenn du ...«

Die beiden entfernten sich langsam in der dem Portal entgegengesetzten Richtung. Vor dem Eingang stand ein zweiter Portier. Obwohl schon weit über neun Uhr, fuhren immer noch Autos vor. Die Straße war auf beiden Seiten mit Wagen gesäumt. Einige Leute, junge Mädchen vor allem, kamen zu Fuß. Die Nacht war schwül, windstill, und das Brausen der Stadt schlug nur von Ferne gegen das Stadthotel. Weit draußen zuckte ab und zu ein heller gelber Schimmer auf, doch konnte aus den Straßen der Stadt niemand genau sagen, was es war, Wetterleuchten oder elektrische Entladungen im Straßenbahnnetz. Über dem Zentrum der Stadt nahm der Himmel im Widerschein der Lampen und Schweinwerfer und Lichtreklamen eine brandigrote Färbung an. Die ganze Natur und die Menschen in ihr schienen elektrisch geladen zu sein und warteten auf irgendein befreiendes oder entsetzliches Ereignis, aber nie kommt es, und sie gehen nach Hause in der schwülen Nacht, und sie legen sich hin auf ihre Betten, und sie können nicht schlafen, gequält und gepeinigt von Erinnerungen und furchtbaren Bildern, und der Schweiß läuft über ihr Gesicht, und sie werfen sich hin und her, und sie nehmen sich vor, morgen anders zu werden, besser, klüger, raffinierter, und sie schlafen schwer ein, und die quälenden Traumbilder kommen über sie ...

Der Autowächter kam allein zurück. Der Junge im Gebüsch sah sich vorsichtig nach dem Portier um, der weiter unten an der nächsten Straßenecke stand, geschmeidig glitt er dann aus seinem Versteck hervor und lief hinter dem breiten Rücken des Autowächters her. Der Wächter trug einen Gehrock und eine grüne Armbinde, auf dem Kopf hatte er eine Dienstmütze. Er blieb bei dem zweiten Portier stehen. Damit hatte der Junge gerechnet.

In den Garten des Stadthotels führten drei nebeneinander liegende Eingänge. Ein großer mittlerer für Wagen, der augenblicklich verschlossen war – nach Beendigung des Festes sollte er geöffnet werden –, links ein kleinerer für die Gäste, zwei Aufsichtsbeamte standen hier, rissen die Kartenecken ab und legten die rechte Hand grüßend an die Mütze. Eine leicht angelehnte Holztür zur Rechten war für das Personal bestimmt. Wie aus weiter Ferne kam heitere, leichte Tanzmusik. Auf einmal begann Händeklatschen.

Der Junge stand nur einen Augenblick hinter den Wächtern, sie konnten sich jeden Augenblick umdrehen, vielleicht beobachtete ihn auch einer der Billettknipser, Schnelligkeit ist keine Hexerei, Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, er ging langsam und unauffällig auf die Holztür zu und öffnete sie behutsam, um ein Quietschen zu vermeiden.

Wahrscheinlich wäre ihm sein Plan auch gelungen, wenn nicht im selben Augenblick, als er die Tür öffnete, aus dem Garten der Geschäftsführer gekommen wäre, um dem Portier etwas mitzuteilen.

»Was wollen Sie?« schnauzte der Manager dieses Festes und richtete seinen rosigen, schwach behaarten Kopf auf den Eindringling. »Was wollen Sie? Was haben Sie hier zu suchen?«

Portier und Autowächter drehten sich um. Die Musik begann wieder zu spielen. Der junge Mann sah alles ganz genau, und er fühlte, daß er mit Erklärungen nicht sehr weit kommen würde. Der Geschäftsführer kam ihm ausgesprochen unangenehm vor, er trug einen steifen Kragen mit umgebogenen Ecken. Natürlich hatte er auch eine weiße Blume im Knopfloch, und außerdem stank er durchdringend nach Parfüm.

Der Geschäftsführer brauchte nichts mehr zu sagen, denn seine beiden Zerberusse schossen wie Wiesel näher, die Tatze des Portiers streckte sich schwer aus, und alles schien in einem Augenblick vorbei zu sein. Aber ehe sie das schmächtige Individuum packen konnten, duckte es sich, schlug mit einer raschen, sicheren Faustbewegung nach dem Unterleib des Portiers, hielt sich einen kurzen Augenblick am rechten Arm des Autowächters fest und stürzte dann, um ein paar neu angekommene Gäste herum, die Straße hinunter. Verdammt, dachte der Junge. Ihm kam gerade von oben der zweite Portier entgegen und versperrte sofort, in richtiger Erkenntnis der Sachlage, den Fußweg. Geht denn heute alles schief?

Dem Jungen blieb nichts anderes übrig, als zu versuchen, durch die Kette der Autos hindurchzuschlüpfen. Wehe, wenn kein einigermaßen zum Passieren geeignetes Loch zu finden war!

Er drehte sich nach rechts um und stürzte auf die Straße los, von oben kam der erste Portier, von unten die beiden anderen, die durch die Anwesenheit ihres Chefs besonders angestachelt wurden.

Die ersten beiden Autos, zwischen denen er hindurchzukommen versuchte, standen so eng zusammen, daß das linke Vorderrad des einen das Nummernschild des anderen berührte. Beim nächsten Wagen war es natürlich genauso. Die drei Kerle stürzten auf ihn los und feuerten sich durch kräftige Flüche an. Kurz entschlossen sprang der Junge auf das Trittbrett des Autos, neben dem er stand. Drinnen saß ein Chauffeur und sah grinsend der Jagd zu.

Der Junge fuhr zurück.

Eine Hand packte nach ihm, er rutschte vom Trittbrett herunter, kugelte an der Straßenkante entlang, sprang wieder auf und stürmte an dem Autowächter vorbei, der nicht so schnell stoppen konnte, weil sein Umfang rasche Bewegungsänderungen nicht gestattete.

»Halten! Halten!« schrien sie.

Im nächsten Wagen saß keiner. Verschlossen? Nein, die Tür ging auf, er rutschte über den Ledersitz weg, ein paar Zeitungen flogen zu Boden, dann würgte er an der anderen Tür, um wieder herauszukommen. Sie wollte und wollte nicht aufgehen. Ladehemmung, dachte er verbissen und wunderte sich einigermaßen, daß sie ihn noch nicht hatten.

Als er aber endlich den richtigen Drücker gefunden hatte und rausspringen konnte, war er wieder auf der Höhe. Nun machten auch noch ein paar Chauffeure die Jagd mit. Er lief quer über die Straße, knapp an einem scharf bremsenden Taxi vorbei. Auf der anderen Seite konnte er schneller durchschlüpfen. Er rannte einige Meter, die Straße war ziemlich leer, dicke, brandige Sommerluft, er schwitzte.

Waren sie noch hinter ihm? Er lief, so rasch er konnte.

Auf einmal schoß hinter einer alleinstehenden Karre wieder so ein Portier hervor, der ihm zuvorgekommen war. Die Jagd ging weiter.

Robert überlegte sich verzweifelt, wie er die Kerle abschütteln sollte, aber ihm fiel nichts Vernünftiges ein.

Das ging so noch ein paar Meter weiter, da tauchte plötzlich eine neue Gestalt hinter einem Auto auf. Robert stoppte und wollte einen Haken schlagen. Aber plötzlich stutzte er und blieb luftschnappend stehen. Das war kein Portier und kein Chauffeur und kein Autowächter, das war der Alte, der die Trinkgelder nassauerte. Eine Chance! Robert legte noch einmal los und überholte schnell den Alten, der nicht so schnell vorwärts kam. Er lief bis zur nächsten Ecke und drehte sich um. Die Portiers hatten den Bettler eingeholt und schlugen auf ihn ein. Anscheinend gaben sie die Jagd nach Robert auf. Er lief schnell über die Straße und sah sich vorsichtig nach allen Seiten um, unliebsame Überraschungen liebte er nicht. Seine Jacke war aufgegangen. Er konnte die Wassertropfen von der Stirn herunterwischen. Auf einmal begann er zu frieren. Vorsichtig knöpfte er die Jacke wieder zu.

Auf der Verkehrsinsel leuchtete die Normaluhr.

»Mensch, wie lange hast du mich denn warten lassen? Bist du verrückt geworden?«

»Nee. Ich bin schon 'ne halbe Stunde hier.«

»Na und?«

»Ich habe versucht, wie man reinkommt ... wenn du dir nicht mal Eintrittskarten geben läßt!«

Emanuel sah seinen Freund aufmerksam an.

»Was hast du denn? Du bist ja ganz naß.«

Robert lachte.

»Die Jungens da drüben waren hinter mir her.« Er sah sich um. »Am Hauptportal kommen wir nämlich auf keinen Fall rein. Schade. Wir müssen was anderes versuchen.«

Auf der Straße wurde es wieder ganz still. Die Autos machten keinen Lärm. Lichtreflexe.

»Du, wir kommen zu spät«, knurrte Emanuel.

»Abwarten, so schnell schießen die Preußen nicht. Jetzt gehe mal ruhig neben mir her und höre mit deinem dämlichen Gemeckere auf. Und wenn ich abhaue, dann haust du auch ab, verstanden?«

Sie gingen von der Verkehrsinsel zu den Autos an der Hotelseite hinüber und liefen auf der Fahrstraße neben den dunklen Wagen her. Nach einer Weile hob Robert vorsichtig die Hand und ging langsam zwischen zwei Autos hindurch. Emanuel folgte ihm; als Robert stehenblieb, wartete er auch und sah die Straße hinauf. Sie standen nun vollständig im Dunkeln, geschützt und unsichtbar. Emanuel sah zwei Portiers, die einen alten Mann zwischen sich hatten. Sie verrenkten ihm die Arme und schleiften ihn an der Mauer entlang. Er schrie und winselte. Robert drehte sich um und legte einen Finger auf seinen Mund, dann zeigte er nach der anderen Richtung. Ein Polizeibeamter schlenderte langsam näher. Er ging an den beiden Jungens vorbei und näherte sich den Portiers und dem Bettler. Der Bettler sagte etwas zu dem Polizeibeamten. Die Jungens konnten nicht alles hören, obwohl die Straße still war und die Stimmen deutlich zu vernehmen waren.

»... treibt sich hier rum ... bettelt ...« Die Portiers lachten.

»... das nächste Mal nehme ich dich mit«, sagte der Polizeibeamte und ging weiter, ohne sich um den Alten zu kümmern. Die Portiers grüßten. Der Polizeibeamte grüßte zurück.

Auf einmal versetzte der eine Portier dem Bettler einen furchtbaren Schlag. Die Jungens konnten nicht genau sehen, wohin er getroffen hatte, es schien aber der Nacken zu sein.

Der Alte, der nur noch winselte, wurde von den beiden Portiers durch eine Tür geschleift, die in das Stadthotel führte. Dann blieb wieder alles still. Robert zuckte die Achseln.

»Wollens mal von der anderen Seite versuchen«, sagte er.

Sie traten vorsichtig aus dem Dunkeln heraus auf den Fußweg und schlenderten um das Hotelgebäude herum. Vom Gartenfest hörten sie nichts mehr.

»Wir kommen bestimmt nicht rein«, murrte Emanuel, »ausgerechnet jetzt, wo ...«

»Was wo?«

»Ich möchte rein.«

»Halt die Klappe.«

Emanuel ging schweigend neben seinem schmächtigen Kameraden her, der unzweifelhaft in solchen Aktionen der Erfahrenere war. An der nächsten Ecke standen ein Mann und eine Frau im eifrigen Gespräch. Die Frau hatte einen großen breiten Hut auf und ein ärmelloses Kleid an. Der Mann starrte ihr ganz nahe ins Gesicht.

»Nein, das mache ich nicht«, sagte sie gerade, als die beiden Jungens vorbeigingen.

Robert drehte sich um.

Sie kamen auf die stille Frontseite. Wirtschaftseingänge, Küche, Büros usw.

Emanuel steckte seine Hände in die Hosentaschen.

»Hast du 'ne Zigarette?« fragte Robert.

Emanuel schüttelte den Kopf.

In einem Kellerraum zur ebenen Erde war Licht. Sie konnten durch die Eisengitter hindurch auf einige Mädchen sehen, die Kartoffeln schälten.

Robert blieb stehen.

»Euch geht es anscheinend gut«, sagte er hinunter und bückte sich. Die Mädchen begannen laut zu lachen.

»Weg da«, rief eine.

»Siehst du, mit dir wollte ich heute abend gerade zum Sommerfest gehen.«

»Du wirst gleich 'ne Kartoffel an den Kopf kriegen.«

Lautes Gelächter.

»Warum lachst du da«, er kauerte sich nun richtig hin, um besser mit den Mädchen sprechen zu können, »wo du so schöne Augen hast ... was? braune? Das war schon immer mein Traum ...«

Er sah auf und nickte zu Emanuel mit dem Kopf. Der verstand ihn und ging weg. Aber die Straße war leer.

Langsam ging er nun hin und her. Er war sehr traurig, obwohl er es sich nicht eingestehen wollte. Er hatte den Glauben verloren, daß sie heute abend noch Susie sehen würden. Und die Zweifel peinigten ihn: Was wird geschehen? Was wird geschehen? Er konnte sich alles ganz genau vorstellen, auf eine schmerzliche selbstquälerische Art. Er griff nach dem Brief in der Jackentasche und wollte ihn noch einmal lesen, aber dann ließ er ihn doch stecken.

Matte Blitze zuckten über einen fernen Himmel, aber der Donner blieb aus. Stille, ungelöste Stille. Schmerz, Trauer, Abschied. Eine dumpfe Autohupe. Er kam wieder zurück zu Robert, der noch immer mit den Mädchen sprach.

»... also bestimmt, ich kenne das Mädchen ganz genau, sonst wäre ich doch nicht hierhergekommen. Das ist ein ganz anständiges Mädchen, verstehst du ... was heißt hier Braut? Da kannst du auch noch 'ne Chance haben ...«

Emanuel ging schnell vorbei. Er konnte sich schon denken, warum Robert mit den Mädchen sprach, aber ihm war nun alles gleichgültig. Er ging weit die Straße hinauf. In einer Haustür stand ein junges Mädchen und schluchzte. Ein junger Mann sprach leise und heftig auf sie ein. Aber sie schluchzte immer weiter. Emanuel ging rasch vorbei. So wollte er laufen, vorwärts, vorwärts, aus der Stadt hinaus, unter die nächtlichen Sterne und sich ausweinen, ausheulen ...

Er nahm den Brief wieder aus der Tasche und zog den Zettel aus dem Umschlag und roch daran, aber eigentlich roch der Zettel nach gar nichts.

»Hallo!«

Robert rief ihn.

»Warum rückst du denn so weit aus? Wollste nach Hause gehen?« Er lächelte.

»Ich habe es geschafft, was sagste nu?«

Emanuel sagte nichts.

»Na, du bist aber wirklich ein komischer Kauz. Manchmal weißt du wohl nicht, was du willst, he?« Er klopfte ihm auf den Rücken. »Kopf hoch, Junge. Wird alles werden. Im nächsten Monat hast du keine Ahnung mehr von den Sorgen, die du heute hast ...«

Sie gingen an das Haus heran. Emanuel sah im Dunkeln einen schmalen verschlossenen Eingang. Alles blieb still.

»Was willst du denn hier?«

»Die Mädchen lassen uns rein.«

»Die haben dich veralbert.«

»Abwarten, bei mir geht das nicht so schnell.«

Nach einer Weile sahen sie einen schwachen Lichtschein. Die Tür wurde einen kleinen Spalt geöffnet. Robert lehnte sich an die Mauer und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

»Na«, sagte er, »du traust mir wohl nicht!«

»Ihr müßt aber ganz leise sein«, antwortete eine Mädchenstimme, »und wenn ihr erwischt werdet, wir wissen von nischt!«

»Aber, Puppe! Du kannst mich doch nicht auf den Arm nehmen, das kann überhaupt keiner, nicht mal euer Direktor ...«

Das Mädchen hatte die Tür etwas weiter geöffnet. Robert faßte mit dem linken Arm ins Dunkle, und Emanuel konnte erkennen, daß sein Freund von dem Mädchen hereingezogen wurde. Er blieb stehen und nagte an der Unterlippe.

Drin kicherten sie, dann sagte das Mädchen: »Still!« Die Taschenlampe flammte wieder auf, und Robert winkte. Sie gingen durch einen schmalen Gang, das Mädchen vornweg. Robert hatte seinen linken Arm um ihre Taille gelegt. Sie entzog sich ihm erst, aber so zögernd, daß es mehr Aufforderung als Abwehr war Robert faßte sie fester an. Emanuel ging mißmutig, mit leichtem Herzklopfen hinterher. Er fürchtete, daß schon alles vorbei war.

Sie kamen in einen Hof, angefüllt mit Mülleimern, Gerümpel, mit Bottichen, Stühlen und anderen Dingen, die in der Dunkelheit nicht zu erkennen waren.

Das Mädchen schloß eine Tür auf und knipste Licht an. Sie standen in einem langen schmalen Gang.

»So«, sagte sie, »jetzt gehst du hier durch ...« – sie sprach nur mit Robert und beachtete Emanuel überhaupt nicht – »... und dann knipse ich das Licht aus. Hinten rechts ab, und dann bist du im Garten ... aber nicht vergessen, was du mir versprochen hast ...«

Sie flüsterte noch etwas, das Emanuel nicht verstehen konnte. Dann kicherte sie wieder und schob Robert in den Gang hinein. Als Emanuel an ihr vorbeiging, betrachtete sie ihn mit einem langen neugierigen Blick. Er sah von ihr nur, daß sie dicke rote Backen hatte und einen häßlichen großen Leberfleck am Mund.

Er sagte »Danke schön!«, als er an ihr vorbeiging.

Sie gingen durch den Gang, und auf einmal erlosch das Licht. Sie standen in tiefster Finsternis.

»Verfluchtes Luder!« schimpfte Robert.

Emanuel tastete sich bis zu ihm hin und hielt sich an seiner Jacke fest. Langsam und schrittweise schlurften sie vorwärts. Kalte modrige Luft. Sie hörten auch nichts. Als sie sich einige Meter vorwärts getastet hatten, begann auf einmal in ziemlicher Nähe die Musik.

»Hast du Streichhölzer?« flüsterte Robert.

»Nein«, sagte Emanuel.

»Du hast auch gar nichts.«

Emanuel sah nichts als tiefschwarze Nacht, er hörte die Musik und blieb vorsichtig stehen. Ganz in seiner Nähe kratzte etwas unbehaglich an der Wand.

»Ah, endlich!« fluchte Robert.

»Bist du das?« fragte Emanuel.

»Wenn du mit deiner blöden Fragerei nicht aufhörst, kannst du dich alleine rauswürgen ...«

Wieder begann das Kratzen. Emanuel zitterte vor Aufregung, außerdem fror er komischerweise.

»So, das wäre die Tür«, sagte Robert befriedigt, im selben Augenblick aber klirrte etwas, gab einen hellen scharfen Klang und zerbarst, dem Geräusch nach, in tausend Stücke. Sie meinten, die ganze Stadt müsse das gehört haben. Wie angewurzelt blieben sie stehen.

Robert faßte sich zuerst, er stellte zwar betrübt, aber doch sachlich fest: »Das war nicht die Tür, das war das Fenster.«

»Pssst!« machte Emanuel.

»Ach, du mit deinem Pssst ...« Aber dann verstummte Robert auch. Immer noch spielte die Musik. Sonst blieb alles still.

Die Musik schien sogar stärker zu spielen, vielleicht kam das durch die zerbrochene Fensterscheibe.

»Na, jetzt weiß ich endlich, wo die Tür ist.« Robert klinkte und trat vorsichtig ins Freie. Emanuel folgte ihm. Unter ihren Füßen knirschte das Glas.

»Muß 'ne ganz kleine Scheibe gewesen sein«, meinte Robert, »aber die Heldenjungfrau ist selber dran schuld. Ducken!« fügte er plötzlich leise hinzu und zerrte Emanuel zu Boden. Nicht weit von ihnen gingen zwei Männer über das Gras. Soweit das im Dunkeln zu erkennen war, trugen sie Monteuranzüge. Auf keinen Fall aber gehörten sie zu den Gästen des Stadthotels. Sie verschwanden im Hintergrund.

»Was wollen die denn hier?«

»Vielleicht dasselbe wie wir.«

»Quatsch.«

Langsam und vorsichtig gingen sie weiter. Auf einmal, wie auf einer Drehbühne, änderte sich das Bild, und sie sahen den illuminierten Garten vor sich. Das Hotel bildete nämlich ein auf den Kopf gestelltes L, und sie waren an der Schmalseite hineingelangt. Der Garten breitete sich in beträchtlicher Ausdehnung vor ihnen aus, auf der Veranda spielte eine Kapelle, eine zweite mußte hinter den Gebüschen versteckt sein, denn auch von dort kam Musik. Sie sahen in einiger Entfernung, beleuchtet von Lampen, Lampions und Scheinwerfern, die Besucher des Balles durcheinanderlaufen, ein komisches Gewimmel in festlichem Glanze, aber keiner der Gäste kam über die Wiese herüber zum Platz, wo die beiden Jungens standen. In Jahrmarktsmanier waren einige Buden aufgebaut, vor denen sich die Leute drängten. In dieser Menge unauffällig zu verschwinden, das konnte doch nicht schwierig sein. Aber von den »Broadway-Girls« war nichts zu sehen.

»Bleibe ruhig hier stehen«, sagte Robert, »ich will mal die Sache beriechen.«

»Laß mich doch mitgehen.«

»Wozu? Du vermasselst bloß alles. Bin gleich wieder da.« Robert entfernte sich langsam über die Wiese hinweg, die Gebüsche verdeckten ihn, und sein Kamerad konnte ihn nicht mehr sehen.

Sternenloser Himmel. Kein Wind. Auf einmal, als die Musik einen Augenblick aussetzte, hörte er deutlich fernen Donner. Ganz fern noch.

Einige Minuten vergingen.

»So ein Mist!« hörte er auf einmal Robert fluchen, der Junge mußte ganz in der Nähe sein. »Möchte wissen, wozu das da ist, patsch nochmal ...« Ein Kollern und Plumpsen, eine Sturzflut dumpfer Flüche, dann wurde es wieder still. Emanuel blieb ruhig stehen.

»Was ist denn los?« sagte er in die Dunkelheit.

Robert tauchte humpelnd neben ihm auf.

»Was ist los? Sämtliche Knochen gebrochen ...«

Er massierte sein rechtes Bein; die Kniescheibe besonders, dann den rechten Arm.

»Die haben hier überall Drähte gespannt ... wie im Kriege, möchte bloß wissen, wozu ... ob die mit unserem Besuch gerechnet haben ...?«

»Da steht auch so was«, sagte Emanuel und zeigte auf die langen Stangen. Als sie hingingen, hielt ihm Robert eine Schachtel unter die Nase, Zigaretten!

»Wo hast du die her?«

»Geklaut natürlich nicht ... was ist denn das?«

Die Stäbe waren länger als Bohnenstangen und unten ebenfalls durch Drähte verbunden.

»Das muß doch eine Bedeutung haben«, meinte Robert.

»Feldtelephon«, sagte Emanuel.

»Du bist auch 'n Feldtelephon«, er nahm eine Zigarette und hielt die Schachtel seinem Kameraden hin. Sie rauchten. Die glühenden Kuppen der Zigaretten schwebten wie Leuchtkäfer in der Luft herum.

»Mächtiger Betrieb, was«, fing Emanuel an. Er ärgerte sich, daß Robert so gut schweigen konnte.

»Tscha, deine Mädels waren noch nicht dran ... oder vielmehr, sie waren schon dran, aber die Sache mit dem verschenkten Girl, die kommt erst noch ...«

»So.«

»Ja. übrigens, alles mächtig elegant angezogen. Da mußt du vor Angst furzen, wenn du dir das beguckst. Wir haben nur eine Möglichkeit, wenn wir da rein wollen ...«

»Nämlich?«

»Wenn dich jemand fragt, mußt du sagen, du bist ein Monteur, verstehste?«

»Aber ...«

»Hallo, was ist denn da los?« sagte auf einmal eine tiefe Stimme hinter ihnen. Die beiden Jungens fuhren herum. Da standen die Männer mit den Schlosseranzügen, die vor zehn Minuten an ihnen vorübergegangen waren.

»Warum raucht ihr denn hier?« fragte der eine.

»Blöde Frage«, knurrte Robert. »Nächstens frage ich dich wohl erst, wenn ich mir eine genehmigen will.« Ihm schien aber die Sache durchaus nicht geheuer. Wenn er nur gewußt hätte, was die Burschen hier wollten und ob sie was zu sagen hatten. Gehörten sie zum Personal? Beleuchter vielleicht? Aber er kam mit seinen Gedanken nicht sehr weit, denn jener Mann, der zu ihnen gesprochen hatte, kam ein paar Schritte näher, nahm ihm einfach die Zigarette aus dem Mund und zerdrückte das Feuer vorsichtig mit seinen Fingern.

»Na, Mensch, bei dir piept's wohl ...«, fauchte Robert los und holte mit der rechten Faust zum Stoß aus. Aber der Arbeiter kümmerte sich gar nicht um ihn, er sprang schnell zu Emanuel hin und hob dessen Zigarette auf, die der Angsthase fallen gelassen hatte, als der Mann Roberts Zigarette zerdrückte.

»Ihr seid aber Riesenkarnickel, wollt wohl frühzeitig das Feuerwerk sehen, was ...?« Er zerdrückte nun auch Emanuels Glimmstengel.

»Was für 'n Feuerwerk?« erkundigte sich Robert mißtrauisch. Er ahnte schon etwas.

»Was für 'n Feuerwerk? Du, das richtige Feuerwerk. Hier sind schon die Drähte gespannt ... ein Funken genügt und alles geht los ...«

»Au Backe!«

Die vier Männer sahen sich an, sie standen nahe zusammen, und auf einmal mußten alle herzlich lachen.

»Wie kommt ihr denn eigentlich hierher?«

»Wir? Ach, wir sind die Monteure vom Stadthotel.«

»Hihi«, sagte der Mann, der die Zigaretten zerdrückt hatte, »das kannst du deiner Großmutter erzählen ...«

»Na, was wollt ihr denn?«

»Ihr braucht uns gar nichts aufzubinden. Ich will euch mal sagen, was ihr seid: ihr seid Nassauer. Na, uns ist es egal ... viel Vergnügen ...«

Sie lachten.

»... und ihr macht das Feuerwerk?«

»Ja, wir machen das Feuerwerk, wenn ihr nischt dagegen habt. Punkt elf Uhr. Hoffentlich regnet es vorher nicht.«

»Wird das Gewitter noch herkommen?«

»Sieht ganz so aus. Brandige Luft. Da pupperts schon wieder.«

»War auch klotzig heiß heute.«

»Hm, brandiger Tag, überall. Habt ihr schon die Geschichte vom Arbeitsamt Nordost gehört?«

»Wir sind dabeigewesen«, sagte Emanuel stolz.

»Ihr seid dabeigewesen?« fragten die Männer, »seid ihr arbeitslos?«

»Ja. Wir gehören zum Arbeitsamt Nordost.«

»Ist das denn wahr, daß ihr zuerst geschossen habt ...?«

»Wir geschossen? Wer hat denn das gesagt?«

»Steht in den Abendzeitungen.«

»Ach nee ...«

»... und mit Steinen sollt ihr auch geworfen haben ...«

»Stimmt. Aber erst, als sie Frikassee aus uns machen wollten. Glaubt ihr denn den Quatsch in der Zeitung?«

Einer der Feuerwerker sagte: »Man weiß ja, wie das gemacht wird ... wer stempeln geht und wer keinen sauberen Kragen umhat, der ist abgehängt. Gib ihm Saures ... ich kann schon verstehen, wenn die Jungs mal um sich beißen ...«

Der andere sagte: »Nee, aber der Polizei sollen sie doch aus dem Wege gehen, hat doch keinen Zweck, wird doch nischt anders dabei. Und was können schon die Muschkoten dafür?«

»Richtig!« sagte Robert. »Ganz unsere Meinung. Das sind doch bis auf einige Ausnahmen bloß getretene und gebimste Hunde wie wir auch ...«

»Und wenn sie schießen?« sagte der erste Feuerwerker.

»Ach Gott, die Kerle haben ja Angst. Sie bekommen ihre Befehle, und dann müssen sie eben gehorchen.«

Es donnerte wieder. Das Wetter kam näher.

»Wie war das mit dem Schupo, der was abgekriegt hat?«

»Ja, das ist gerade das beste Beispiel«, sagte Robert. »Weißt du, wen es da erwischt hat? Ausgerechnet einen Schupo, der mit uns sympathisierte und der nie auf uns geschossen hätte. Was sagste nu?«

Emanuel war unruhig geworden, als sich das Gespräch in die Länge zog, er wollte hinüber auf den Festplatz. Er tippte Robert auf den Arm und sagte: »Ich gehe schon mal rüber.«

»Aber laß dich nicht kriegen«, antwortete der. Als Emanuel ein Stück fort war, rief er noch: »Wenn sie dich erwischen, mußt du einfach sagen, wärst ein Feuerwerker.«

Die Männer lachten laut und Emanuel hob zum Zeichen des Einverständnisses die Hand. Er mußte aufpassen, um nicht in die Drähte zu geraten. Aber weil er schon gewarnt war, machte ihm der Weg keine Schwierigkeiten, er kam aus dem Bereich der Feuerwerkskörper heraus und auf die Wiese. Eine Weile blieb er stehen. Er hatte ein Geräusch gehört und sah nach links. Da lagen zwei im Grase und bewegten sich, er hörte ihren Atem und ihre heißen Stimmen. Vorsichtig ging er weiter. Als er noch fünfzig bis sechzig Meter vom Festplatz entfernt war, bemerkte er deutlich eine Veränderung des Bildes, die Musik auf der Veranda verstummte, das Freiluftparkett, auf dem getanzt wurde, leerte sich, und alle Gäste gingen zu ihren Plätzen. Nur die weißbefrackten Kellner standen wie Gipsstatuen zwischen den Tischen. Die Empore wurde geräumt und durch einen heißen hellen Scheinwerferstrahl silberweiß beleuchtet. Es geht los, dachte Emanuel und rannte unvorsichtig über das letzte Stück der Wiese, ohne sich zu decken. Er achtete auch nicht auf die Umgebung. Nachtfalter und Insekten stießen auf sein Gesicht, er spürte, wie sein Schlips verrutschte, ein Kragenknöpfchen schien sich gelöst zu haben, denn auch der Kragen baumelte beunruhigend locker am Hals, er war an diesen Komfort nicht mehr gewöhnt und bei dieser Hitze schon gar nicht. Er ersehnte ein richtiges Gewitter, Blitz, Donner, Regen, strömenden Regen, Abkühlung ...

Aber niemand schien seine hastige Ankunft auf diesem durchaus nicht ordnungsmäßigen Wege bemerkt zu haben. Alle Gäste starrten mehr oder weniger interessiert auf die Freiluftbühne. Aus dem dunklen Pavillon zur Linken marschierten ein Dutzend Mädchen straff und rhythmisch in das Licht des Scheinwerfers. Sie trugen sehr kurze Röckchen, die auf eine seltsame Art gefärbt waren: die eine Seite blau, die andere gelb. Emanuel sah sie sofort, sie war die zweite von rechts und, wie er fand, die Schönste von allen. Außer ihr hatte nur noch ein Girl schwarzes Haar, das von Samuel Großmann, der Symmetrie wegen, auf der linken Seite an vorletzter Stelle placiert worden war. Aber keine konnte ihre Beine so forsch und energisch in die Luft stoßen wie sie, mit einem ganz leichten Ruck, mühelos fast. Sie lächelte. Als sich die militärisch-korrekte Reihe der Girls im Kreise zu drehen begann, drehte auch sie sich, und ihr unbekümmert und gleichmäßig lächelndes Gesicht sah über den weiten Vergnügungsplatz hinweg. Er wurde rot wie ein Schuljunge, als sie in seine Richtung hinsah, und er glaubte fest, daß sie ihn gesehen hatte. In Wirklichkeit starrte sie mit ihrem gefrorenen Lächeln auf den Platz hinunter, ohne etwas anderes zu denken als: Rasch vorbei! Rasch vorbei! Aber auch das ging vorüber, sie tanzte weiter, der Scheinwerfer surrte, Gläser klirrten, jemand hustete laut, und sonst geschah nichts, nichts ...

»Darf ich bitte einmal Ihre Eintrittskarte sehen?«

Ein rosiger, schwach behaarter Kopf. Steifer Kragen mit umgebogenen Ecken. Weiße Blume im Knopfloch. Widerlichsüßes Parfüm. Der Geschäftsführer? Ein Aufpasser? Frechheit steh mir bei. Wo mag Robert stecken ... Erst mal ganz uninteressiert tun.

»Was wollen Sie, ich bin Feuerwerker.«

Die wäßrigen Augen starrten ihn einige Sekunden an, dann glitt der Blick an seinem Gesicht vorbei ins Leere, der Mann drehte sich weg und ging mehrere Schritte zurück. Emanuel wollte sich umdrehen und ihm nachsehen, aber er beherrschte sich, er starrte zur Empore, vor seinen Augen verschwamm alles, ein nasser Schimmer, helles schwebendes Durcheinander, plötzlich klatschten die Leute, der Schleier vor seinen Augen zerriß, er sah die Mädchen im Pavillon verschwinden, wieder auftauchen, lächeln, dankend knicksen, verschwinden. Der Beifall wurde immer dünner. Viele riefen nach Bedienung. Ein Mann schimpfte, weil er kein Bier bekommen konnte. Die Kellner hasteten zwischen den Tischen hindurch. Man konnte die Luft greifen, so schwer war sie.

Er beobachtete aufmerksam den Pavillon und konnte sehen, daß einige Mädchen auf einer Seitentreppe in den Garten hinabgingen. Sie hatten Mäntel über ihre Kostüme gezogen. Aber er wußte nicht, ob Susie dabei war.

»Na, wo ist denn deine Flamme?«

Robert stellte sich neben ihn hin und lachte. Ein Junge, auf den man sich verlassen konnte, ein netter Kerl, der durch dick und dünn ging, ein guter, tapferer Genosse.

Emanuel zeigte nach oben.

»Geht anscheinend los«, sagte er. Der Conferencier leitete die Hauptnummer ein, seine Stimme hallte über den Platz, aber die Zuschauer lachten fast gar nicht. Emanuel hatte ein peinliches, unangenehmes Gefühl dabei. Er sah sich die Leute an, die in seiner Nähe saßen, viele hörten gar nicht zu, gelangweilte Gesichter, junge Mädchen lachten, aber nicht über die Witze des Conferenciers. Ein dicker Mann, dessen Anzug vorn offenstand, schüttelte den Kopf und sagte sehr laut: »Und dafür muß man fünf Mark bezahlen!« Die Leute drehten sich nach ihm um. »Ssssst!« machten manche, aber viele gaben dem dicken Mann recht. Ein Kellner ging bedrückt vorbei, er lächelte schief.

Auf einmal tauchten die wäßrigen Augen wieder vor Emanuel auf. Der Junge machte sein frechstes Gesicht, als er den Geschäftsführer bemerkte und sah nach der Terrasse hin. Aber irgend etwas war nicht in Ordnung. Er drehte sich zur Seite. Robert stand nicht mehr neben ihm, Robert entfernte sich, Robert rannte schon über die Wiese nach dem Feuerwerkplatz zu, und der Geschäftsführer packte Emanuel hart am Arm: »Kommen Sie mal mit!«

Niemand hatte etwas bemerkt. Alles ging so schnell, er wußte nicht recht, was er tun sollte. Ruhig ging er neben dem parfümierten Herrn her.

»Von wegen Feuerwerker«, fing der an, »beinahe geglückt, was? Wenn ich deinem sauberen Kumpan nicht schon mal begegnet wäre ...«

Hoho, dachte Emanuel. Alles war ihm nicht ganz klar, aber er ahnte, daß er wahrscheinlich sehr bald im hohen Bogen aus dem Stadthotel herausfliegen würde, und das mußte so lange hinausgeschoben werden, bis Susies Nummer vorüber war. Wenn er nur wieder auf den hinteren Teil der Wiese gelangen könnte, zu Robert und den beiden echten Feuerwerkern ...

Es ging nun sehr schnell, beängstigend schnell. Ein Kellner nämlich, die Hände voller Gläser und Geschirr, der nicht ahnte, welcher Zusammenhang zwischen diesen beiden vorüberkommenden Männern bestand, drückte sich zwischen dem Geschäftsführer und Emanuel hindurch und erreichte dadurch, daß letzterer sich mit einer kühnen Wendung zwischen zwei Tischen einen Weg nach dem hinteren und dunklen Gartengelände bahnen konnte.

»Halt!« schrie der Geschäftsführer, mäßigte allerdings sofort seine Stimme, um nicht die Gäste zu beunruhigen. Aber einer der Gäste hatte nicht nur mit geübtem Ohr den Hilferuf vernommen, sondern erkannte auch in diesem rothaarigen, sommersprossigen Burschen einen alten Bekannten. Oberwachtmeister Langlotz, der mit Gerdas Mutter im hinteren Teil des Gartens an einem stillen Platz saß, sprang auf, sagte zu den beiden Mädchen, die in ihrer kurzen Tanzpause an den Tisch gekommen waren: »Pardon, einen Moment!« und stürzte hinter dem Flüchtenden her.

Gerda, die alles begriff, sah mit einem raschen besorgten Blick zu Susie hin, in der Hoffnung, ihr die Wahrheit vorenthalten zu können. Aber Susie war schon aufgesprungen, sie sah Langlotz nach, der hinter Emanuel und dem Geschäftsführer in der Dunkelheit verschwand. An den Tischen in ihrer Umgebung wurden die Gäste aufmerksam.

»Das war doch Emanuel«, sagte Susie und sah Gerda dabei fest an. »Das war Emanuel, und er ist wegen mir hergekommen.«

»Ein Zechpreller«, sagte ein junger Mann vom Nebentisch zu den beiden hübschen Mädchen herüber, die ihm gefielen. Er wollte mit ihnen ins Gespräch kommen.

»... und dein Langlotz, dieser uniformierte Idiot, wird ihn schließlich noch verhaften. Ich muß sofort hin ...«

Gerda hielt sie fest. Susie versuchte sich loszureißen, und Frau Sponholtz, die sich den heutigen Abend ein wenig anders vorgestellt hatte, saß völlig verständnislos dabei, mit gefalteten Händen und einem strengen Blick.

»Was habt ihr denn?« klagte sie.

»Sus, nimm doch Vernunft an, du mußt doch sofort auftreten ...«

»Also laß mich los, sonst ist es mit unserer Freundschaft aus ...«

Gerda ließ das Mädchen sofort los, aber sie verstellte ihr den Weg.

»Ein Wort noch, Sus. Du kannst doch gar nichts erreichen, ich werde mit Langlotz sprechen, ja ...«

Susies Mantel öffnete sich und ließ ihr gelbblaues Kostüm sehen, sie hatte sich noch nicht einmal für die nächste Nummer umgezogen. Hinter Gerda tauchte auf einmal Samuel Großmann auf, er knautschte seine kalte Zigarre im Munde hin und her.

»Na, was wird denn, Susie? Deine Nummer steigt ... und noch nicht mal umgezogen, aber dalli!«

Susie sah zu Gerda hin.

Gerda verstand sich sehr gut mit Samuel Großmann, sie hatte eine gute Nummer bei ihm, weil sie am längsten von allen Mädchen in seiner Tanztruppe tätig war und sich immer sehr willig zeigte.

»Bei dem Stepp brauchen Sie mich doch nicht«, sagte sie. »Ich muß nämlich etwas sehr Wichtiges erledigen ... für Susie.«

Susie drehte sich um und ging weg, an den Tischreihen entlang, quer durch den Garten, sie hielt ihren Mantel oben zusammen und ihr Herz schlug heftig. Sie mußte immer an den Jungen denken, hinter dem alle her waren, die Polizei und der Geschäftsführer und alle. Warum war er ins Stadthotel gekommen? Hat er meinen Brief schon gelesen, dachte sie, oder wollte er mich nur sehen? Wie dem auch sei, sie hatte sich entschieden.

O Gott, dachte sie auf einmal, sie werden ihn verhaften und vor Gericht bringen wegen des Polizeibeamten, und ich werde ihn nicht wiedersehen. Sie lief rascher. Im Gesicht war sie ganz weiß, und sie fühlte, wie der Puder sich mit dem Schweiß vermischte und schmierig festklebte. Kalte Schauer liefen über ihren Rücken, aber sie besaß Lebenserfahrung und Klugheit genug, um zu wissen, was ihr Entschluß bedeutete.

Oben im Pavillon stand schon Eleonore und hielt ihr das Gazeröckchen hin. »Mach schnell«, sagte sie, »wir müssen gleich raus.«

Die Girls liefen aufgeregt durcheinander, einige puderten sich noch, obwohl es gar nicht notwendig war. Der Kapellmeister kam herauf und erkundigte sich nach irgend etwas.

»Wer hat meine Schleife?« schnauzte Babette. Sie legte immer alles auf den falschen Platz und fand nie etwas wieder.

Susie war äußerlich am ruhigsten. Sie stand schon fertig da.

Eins der Mädchen entdeckte eine Spinne an der Wand des alten Pavillons, sie schrie mehr entsetzt als vergnügt auf. »Spinne am Abend! Paßt auf, Susie hat Glück. Sie wird einen Bankdirektor erwischen.«

Alle lachten überlaut, sie waren nervös, abgespannt, gereizt, das näherrückende Gewitter beunruhigte sie. Einige hatten Angst.

Nach dem dritten Gongschlag tanzten sie hinaus, und Susie machte ihre Sache ausgesprochen schlecht, sie achtete nicht auf die Musik und phantasierte sich etwas zusammen, aber das fiel nicht sonderlich auf, weil die Männer unten im Garten nur ihre Beine betrachteten und die Frauen neugierig waren, welcher Mann das Girl gewinnen würde. Der Gewinner hatte die Eintrittskarte 632, unter Tusch und Hälserecken an allen Tischen stieg er auf die Empore, wo Susie ihn mit gefrorenem Lächeln erwartete. Er sah einigermaßen elegant aus, jung war er auch und – ein Jude? dachte Susie. Sie konnte das nicht genau feststellen. Verlegen lächelnd, unter dem ironischen Beifall des Publikums, stellte er sich vor: »Dr. Tamme«.

Susie lächelte auch und schüttelte ihm die Hand, aber den vorschriftsmäßigen Kuß ließ sie zu Samuel Großmanns großem Ärger weg. Der Conferencier pflaumte den glücklichen Gewinner mit ziemlich zweideutigen Witzen an und überreichte ihm den Gutschein »über ein Souper zu zweit«. Während die »Broadway-Girls« singend zum Finale hinausmarschierten, ging Herr Dr. Tamme, ein sehr schweigsamer und ungelenker Herr, wie es Susie schien, mit seinem »Gewinn« in den Garten hinunter, durch die Gasse der neugierigen, höhnischen und neidischen Blicke, nach den Garderoberäumen zu. An der Straße erwartete sie, nach den Angaben der Direktion des Stadthotels, ein Kabriolett, das ihnen für diesen Abend zur Verfügung stand.

Als sie durch die Gasse der Blicke hindurch waren, wagte Herr Dr. Tamme, der sich für alle Fälle etwas Mut angetrunken hatte, das kleine Geschöpf, das schweigsam neben ihm herging, unter den Arm zu fassen. Ein Geschäftsführer tänzelte um diese Attraktion des Stadthotels herum.

»Ich möchte meinen Mantel holen, gnädiges Fräulein«, sagte Dr. Tamme.

»Bitte«, antwortete sie. Sie dachte an etwas ganz anderes.

Dr. Tamme suchte nach einem passenden Gesprächsstoff, aber er fand nichts. Im Auto wird sich schon alles weitere mühelos entwickeln, dachte er. Sie ist schließlich nur ein Tanzmädchen.

»Glück hab ich, nicht wahr?« sagte er.

Susie konnte nicht mehr auf diese mehr rhetorische Frage antworten, denn sie standen vor dem Außenportal und damit in allernächster Nähe einer Menschenansammlung, die allem Anschein nach keinesfalls auf den glücklichen Preisträger wartete. Da war etwas passiert.

Gerda stand vor dem Pförtnerhäuschen. Als sie Susie erblickte, lief sie rasch zu ihr hin.

»Was ist geschehen?« Susie ließ brüsk den Arm ihres Begleiters los.

»Ich habe Langlotz überhaupt nicht sprechen können, er wird ihn auch nie freilassen, du weißt doch, wie er ist ...« Sie machte ein bekümmertes, trauriges Gesicht.

»Na, und was soll nun werden?«

Dr. Tamme stand fassungslos neben diesen beiden kleinen Mädchen, er verstand das nicht. Ihm ging auch alles schief.

»Ich muß zu ihm rein«, sagte Susie.

»Laß nur, das hat heute abend gar keinen Zweck. Er wird gleich abtransportiert ...«

»Mir ganz egal, ich gehe zu ihm.«

Sie sah ihren Begleiter überhaupt nicht an.

Im gleichen Augenblick aber trillerte draußen schon der Polizeiflitzer.

»Was ist denn los?« sagte Dr. Tamme erstaunt. Da sah ihn Susie mit einem großen Blick an, antwortete: »Die haben meinen Verlobten verhaftet, verstehen Sie?« und ging weg.

Draußen führten zwei Polizeibeamte einen jungen, nicht sehr vertrauenerweckend aussehenden Arbeitslosen namens Emanuel Roßhaupt zum Polizeiflitzer. Oberwachtmeister Langlotz sprach mit dem Führer des Flitzers, der mit ihm befreundet war.

»Ja«, sagte der, »der Mann kommt gleich ins Hauptrevier. Wenn er keine Flausen macht, kommt seine Sache morgen früh wahrscheinlich vor den Schnellrichter.«

Dr. Tamme holte sich in der Garderobe seinen Mantel. Er fühlte sich sehr unbehaglich. Schwüle. Dicke, stillstehende Luft. Er nahm sich vor, mit der nächsten besten Straßenhure zu gehen.

Auch andere Gäste ließen sich ihre Garderobe geben, denn das Programm enttäuschte sie. Langweiliges Zeug. Die Hauptsache war außerdem vorüber, und das Gewitter schien immer näher zu kommen. Es donnerte schon wieder.

Es gab noch etwas heute nacht ...

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