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Junge Leute in der Stadt

Rudolf Braune: Junge Leute in der Stadt - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRudolf Braune
titleJunge Leute in der Stadt
publisherDietz Verlag
year1962
printrun6. Auflage
firstpub1932
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171204
projectid5c4eb35c
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Das Café

Die mit großen, breiten Kastanienbäumen gesäumte Straße lag in einem trägen, hellen Licht und ruhte sich aus. Kein Straßenbahnklingeln weckte sie aus ihrer Ruhe, und die Autos fuhren lautlos auf Asphalt. Zwei elegante Skyeterrier zerrten ihre ebenso elegante Herrin zu einem Cabriolet hin, das sonderbar zitronenhell lackiert war. Der Autowächter zog seine Mütze und hielt die Hand auf, dann machte er ein paar Winkzeichen mit der Hand, das Cabriolet ruckte an und fuhr los. Langsam stapfte der Autowächter über die sonnenbeschienene Straße zurück in den Schatten der Kastanie, er stützte sich dabei auf einen Stock und schwankte ein wenig. Als er den Schatten erreicht hatte, betrachtete er das Fünfzigpfennigstück in der Hand, murmelte etwas und ging weiter, am Eingang des Cafés Hollander vorbei und um die Ecke. Der Portier in einer grünen Livree mit goldenen Aufschlägen sah dem Autowächter mit angewidertem Gesicht nach.

»Geht schon wieder einen kippen, das Schwein«, sagte er zu einem Chauffeur, der neben ihm stand. »Sein ganzes Trinkgeld versäuft er. Wird bald auf die Straße fliegen.«

Der Chauffeur nahm seine Dienstmütze ab und wischte mit einem roten Schnupftuch den ledernen Innenstreifen der Mütze trocken, dann stierte er weiter auf die sonnengeglättete Asphaltstraße. Ab und zu verließ ein Gast das schwach besetzte Café. Herr Ried, der Geschäftsführer, kam aus seinem Büro herunter und ging durch das Café, nach allen Seiten grüßend. Niemand beachtete ihn. Nur als er durch die Drehtür ging, schlug der Portier die Hacken zusammen und machte eine tiefe Verbeugung. Herrn Rieds Büro lag an einem schmalen Lichtschacht in der Mitte des Hauses, so daß auch tagsüber elektrisches Licht brennen müßte. Als er nun in die Sonne hinauskam, schmerzten ihm die Augen so heftig, daß er sie einige Sekunden schloß. Aber die stille Wärme tat ihm gut. Er fühlte sich unbehaglich in seinem Cut. Jetzt heraus aus der Stadt, ans Wasser, ans Meer ...

Langsam schlenderte er um das große Gebäude herum, das dem Konsortium »Café Hollander« gehörte und in verschiedene Wirtschaftsgebiete eingeteilt war, die Herr Ried zu kontrollieren hatte. Das elegante Musik- und Tanzcafé lag in der stillen Parkstraße, durch zwei aufgeplusterte Buchsbäume von den übrigen Geschäften getrennt. Die Eckfront beherbergte einen Südfruchtladen und den »Coiffeur Café Hollander«. An der Rückseite des Hauses, die eigentlich die Vorderseite war, vom Lärm und Treiben einer großen Verkehrsstraße umtost, bespült vom Rauch der Züge, nachts von Reklameschildern und Kinoaufschriften beleuchtet, lagen die volkstümlichen Unternehmen des Cafés Hollander, ein Kino und ein Schnellcafé. Die oberen Räume wurden Klubs und Vereinen zur Verfügung gestellt, in einem kleinen Saal trainierte viermal wöchentlich eine Tanzgruppe, in anderen Sälen spielten seltsam schweigsame und würdige Herren in Hemdsärmeln Billard und Schach. Es war ein geschäftiges, ertragreiches Haus, und Herr Ried, der Geschäftsführer, ging durch die heiße Mittagssonne, um zu kontrollieren.

Im Schnellcafé standen viele Leute an kleinen Tischen und aßen im Stehen, sie kamen in kurzen Mittagspausen schnell herüber, um einen billigen Imbiß einzunehmen, es gab Bauernwurst, Russische Eier, Sülzaufschnitt und Eintopfgerichte für sechzig Pfennig, dazu nicht besonders gutes Bier in kleinen Gläsern.

»Hallo, Stupps!« sagte ein junger Mann zu einem jungen Mädchen, das vorüberging.

»Hallo!« sagte das Mädchen und schwenkte ihre rote Baskenmütze in der Luft. Sie kam an den Tisch und klopfte mit dem Fingerknöchel auf die Marmorplatte.

»Noch nicht gegessen, Stupps?« erkundigte sich ein junges Mädchen, das ebenfalls am Tisch stand. Außerdem gehörte noch ein zweiter junger Mann zu der Gesellschaft.

»Doch. Aber ich brauche noch was zum Nachfüllen. Was gibts denn?«

»Ich habe mir 'ne Bauernwurst bestellt«, sagte der erste junge Mann, der eine Melone aufhatte.

»Schön, auch 'ne Bauernwurst«, bestellte das Mädchen namens Stupps bei dem vorbeiwischenden Kellner. Das Mädchen war alles andere als hübsch. Ihre dunklen Haare hingen bis tief in die Stirn und waren glatt abgeschnitten, Ponyfrisur. Eine dicke Puderschicht bedeckte die breite Nase und die püppchenhaften Backen. Dafür besaß Stupps allerdings tadellose Beine.

»Die Nacht liegt mir noch in den Knochen«, sagte sie. »Wo seid ihr gewesen?« erkundigte sich der Mann mit der Melone.

»'n Gastspiel in Buxtehude. Oder so ähnlich. Eleonore, wie hieß das Nest?«

Eleonore hatte etwas Wichtiges mit dem zweiten jungen Mann zu sprechen und hörte nicht hin. Ein Zeitungsverkäufer ging vorbei und rief die Nachmittagszeitungen aus. Dann kam der Kellner und brachte zweimal Bauernwurst, einmal für den jungen Mann mit der Melone und einmal für Stupps.

»Ist heute abend was Besonderes los?«

»Im Stadthotel? Wenn wir mit unserer Nummer fertig sind, haue ich ab. Bin zu müde. Sehe ich nicht schlimm aus?«

Der junge Mann sah sie genau an, sagte aber nichts. Sie betrachtete sich im Taschenspiegel und wischte mit der Puderquaste über das kleine, breite Näschen. Ihr Nachbar schnitt ein Stück von der Bauernwurst ab und stellte sie mit der abgeschnittenen Seite nach unten auf den Teller. Sie fiel nicht um.

»Guckt mal, wie die steht!« rief er vergnügt aus.

Alle drei sahen zu ihm hin. Eleonore lachte auf und zwinkerte ihrer Freundin zu. Stupps machte ein Mäulchen und schielte zu dem jungen Mann, der unbekümmert seine Wurst weiter aß. Er verstand nicht genau, warum die Mädchen eigentlich lachten.

»Susie, nicht so schnell, kommst noch zurecht«, rief Stupps. Susie Schmitz und Gerda Sponholtz gingen eiligst durch das Café.

»Schon drei Uhr«, rief Susie zurück, »esse nicht so viel, sonst kannst du nicht hüpfen.«

»Olala, Samuel wird wohl warten können«, erwiderte sie.

Die jungen Männer sahen den beiden unbekannten Tanzmädchen nach, die mit dem Fahrstuhl nach oben fuhren.

»Hübsch war die Kleine«, sagte der mit der Melone.

»Die macht heute abend zwohundert Mark, und zwar auf die einfachste Art von der Welt.« Stupps kaute das letzte Stückchen Wurst hinter, ehe sie weiter sprach. »Sie wird nämlich die Beine breit machen.«

Alle lachten, nur der junge Mann mit der Melone blieb nachdenklich.

»Schade«, sagte er. Er zündete sich eine Zigarette an und stützte seine Arme breit auf die Marmorplatte. Dabei stieß er gegen einen Mann und sagte: »Pardon«.

»Pardon wird nicht gegeben«, erwiderte der Angerempelte. »Aber mit einem Schnaps kannst du alles wieder gutmachen, mein lieber Freund.«

Der junge Mann sah sich um und erkannte den Autowächter, der nicht zum erstenmal bei den Gästen des Schnellcafés schnorrte. Er hatte schon verschwimmende Augen und stand nicht mehr ganz gerade.

Der Mann mit der Melone drehte sich nun vollends zu dem Autowächter um und fragte: »Haben Sie Dienst?« »Jawohl, mein teurer Freund.«

»Und inzwischen werden draußen die Wagen gemaust.«

»Ach«, der Wächter goß mit einem Ruck den Schnaps hinter, »ob ich nun draußen stehe oder nicht, da wird doch nischt gestohlen, ach wo ...«

Der junge Mann lachte.

In diesem Augenblick ging Herr Ried, der Geschäftsführer, durch das Schnellcafé. Er sah sofort den Autowächter und flüsterte einem Kellner etwas ins Ohr.

»Tschüs, mein Junge.« Stupps legte ihrem Freund eine Hand auf die Schulter und ging dann mit Eleonore zum Fahrstuhl.

»Bis wann? Soll ich dich heute abend abholen?«

»Lieber nicht. Ich werde dich morgen anrufen.«

»Also gut.«

Sie warf ihm eine Kußhand zu und stieg in den Fahrstuhl. Der junge Mann sah ihr nach, und dabei mußte er immer an die kleine Tänzerin denken, die eben so leicht und heiter vorübergegangen war. Er wurde abgelenkt, als neben ihm jemand laut zu schimpfen begann.

»Was, ich bin besoffen? Sag das nochmal, du Grünschnabel!«

Der Autowächter riß sich los, als der Kellner ihn am Ärmel packen wollte. »Pack mich bloß nicht an, du dußliger Hund. Laß dir erst mal von deiner Olschen die Brust geben, ehe du einem alten Frontsoldaten Vorschriften machen willst.« Er hob dabei seinen Stock, um zu drohen, geriet aber nun ins Schwanken und mußte sich an dem Marmortischchen festhalten. Inzwischen kam ein zweiter Kellner hinzu, sie packten den Widerstrebenden und zerrten ihn hinaus.

»Der ist am längsten Autowächter gewesen«, sagte ein fremder Mann und ging hinterher.

Herr Ried stieg in den Fahrstuhl und fuhr nach oben. Von der zweiten Etage aus ging ein Verbindungsgang zu seinem Zimmer, so brauchte er nicht noch einmal über die Straße zu gehen. Er stieg aus und grüßte Herrn Samuel Großmann, der am Fahrstuhl jemanden zu erwarten schien. Großmann wartete auch tatsächlich noch eine kleine Weile, und dann ging er in den mittleren Vereinssaal zurück, mit seinem üblichen unzufriedenen Gesicht, die schwarze Zigarre im Mund und die Hände in den Hosentaschen. An der Tür stand ein kleiner schwarzhaariger Wuschelkopf. Im Saal zogen sich einige Mädchen um. Sie hängten ihre Kleider vorsichtig und behutsam auf Kleiderbügel, damit nichts zerknüllt wurde und sprachen leise miteinander, alle etwas schläfrig und von der Hitze benommen. Sonst war alles still auf dem Gang und in den Zimmern.

»Nichts gefunden?« fragte die Schwarzhaarige.

»Maria kriegt einen saftigen Abzug. Anfangen, los!« Großmann klatschte in die Hände. »Wo ist denn meine Triller? Aber bitte, Herr Mayer, nicht vorher klimpern, das macht mich nervös.« Herr Mayer, der Klavierspieler, zuckte mit den Achseln und steckte seine Hände ostentativ in die Hosentaschen. »Trude, wie siehst du denn nun wieder aus? Willst du mich etwa mit deinen Reizen betören, he?«

»Entschuldigen Sie nur gütigst, daß es mir im Trainingsanzug zu warm ist«, entgegnete Trude schnippisch. Sie trug nichts als ihre Kombination.

»Was soll ich denn sagen, he ...? Kragen, Schlips, Weste, ich habe sogar noch Unterhosen an ...«

Die Mädchen brüllten los.

»Genieren Sie sich nicht vor uns. Ziehen Sie ruhig die Unterhosen aus«, meinte Stupps.

»Du, werde nicht frech. Euch scheint es zu gut zu gehen. Also anfangen ... Gavotte zuerst ... bitte, Herr Mayer, jetzt können Sie Ihre Hände aus den Hosentaschen nehmen, wenn Sie die Güte haben wollen.«

Die Mädchen stellten sich auf, sie trugen blaue Trainingsanzüge.

»Achtung! Eins, zwei, drei, vier ... Halt! ... Natürlich, Trude wieder! Dir hat wohl jemand ins Bein gepickt, strenge dich mal gefälligst an, so ... paß mal auf ...« Er machte die Übung vor.

Der mittlere Saal war ziemlich geräumig und wurde sonst zu Vorträgen theosophischer Gesellschaften, zu Briefmarkenauktionen und ähnlichen Veranstaltungen benutzt. Die Stühle standen übereinandergestapelt auf dem Podium und an der Fensterfront des Saales. Die Broadway-Girls trainierten hier regelmäßig mehrere Male in der Woche. Samuel Großmann legte auf Präzision großen Wert. »Präzision« und »Charme«, das waren die beiden Worte, die er immer verwendete. Er hoffte, einmal eine Truppe zusammen zu haben, um die sich alle Kabaretts und Varietés schlagen würden. Diese Hoffnung hatte er schon seit zehn Jahren, solange er in der Branche war, aber in Erfüllung ging sie nie. Klappte es einmal in der Truppe famos, waren die Mädchen eingespielt, paßten sie sich dem Nebenmann an, bums, passierte irgend etwas. Eine verstauchte sich den Fuß, und die andere heiratete, und die dritte bekam ein besseres Angebot. So ging es Jahr um Jahr, doch Samuel Großmann gab die Hoffnung nicht auf. Er hatte nichts zu verlieren als die guten Engagements, und die fielen ihm sowieso selten genug in den Schoß. Als die Gavotte klappte, nahmen sie die neue Übung dran, die am Abend im Stadthotel zum erstenmal gezeigt werden sollte.

»Also schnell, meine Damen, wir haben nicht soviel Zeit ... Susie in die Mitte ... Gott, macht die ein erbärmliches Gesicht. Möchte bloß wissen, warum. Wenn ich mir das Geld verdienen könnte, würde ich nicht mit einer Wimper zucken. Lachen Sie nicht, Herr Mayer, Sie kosten mich mein teures Geld, fangen Sie lieber an ... Kette bilden, allons, etwas schneller, etwas schneller ... Bitte nicht so weit oben anpacken, die Hände müssen in den Hüften sitzen. Gott, jetzt weiß die wieder nicht, wo die Hüften sind! Du hast ja Trudes Hintern in der Hand, na natürlich! Bei Trude kann man das schließlich verwechseln ... und nun das rechte Bein vor ... Achtung, immer nach dem Vordermann richten ... Los!«

Er pfiff mit seiner Trillerpfeife, und die Mädchen markierten ihren ersten Auftritt. Sie kamen aus dem Vorhang.

»Eins zwei, eins zwei ... aber bitte die Arme etwas gleichmäßiger bewegen ... eins zwei, eins zwei ... Schwenkung, eins zwei ... so, das war gut ... Susie, stehen bleiben, zwei Schritt vor ... eins zwei, eins zwei, schneller, präzis ... Herr Mayer, bitte keinen Trauermarsch ... links fängt an, Achtung ... eins zwei, eins zwei ...«

Die Mädchen waren eifrig bei der Sache und versuchten ihre rasch aufeinanderfolgenden Bewegungen der Musik anzupassen. Die einzelnen Übungen mußten absolut sicher sitzen, denn es war ein großer Unterschied, ob Herr Mayer die vorgeschriebenen Melodien improvisierte oder ob die ganze Kapelle des Stadthotels spielte. Wenn sie dann mit fröhlichen Gesichtern auf der Bühne tanzten, um denen im dunklen Saale Vergnügen zu bereiten, war es ihnen genauso zumute wie den Mädchen an der Schreibmaschine, hinter dem Ladentisch und in der Fabrik. Sie mußten viel arbeiten und bekamen wenig dafür.

Sie standen in einer geraden Reihe, blickten nach rechts und hoben das linke Bein, winkelten es aber im Knie, so daß nur die Oberschenkel straff angespannt waren. Nach zwei Takten ließen sie das Bein gerade und scharf nach vorn sausen, drehten ihre Köpfe nach links und machten nun dieselbe Übung mit dem rechten Bein. Alles ging blitzschnell und exakt. Nach viermaliger Wiederholung kauerte sich jede zweite hin, die übrigen faßten sich an den Händen, sprangen in zwei Takten nach vorn, legten sich ihre Arme in den Nacken und wiederholten die erste Übung, während die anderen Girls im Gänsemarsch, Hände auf den Schultern des vorderen Mädchens, in einem komischen Steppschritt rings um die Bühne herummarschierten. Inzwischen löste sich Susie, die in der Mitte der ersten Abteilung stand, aus der Reihe und steppte nach vorn. Die beiden Gruppen vereinigten sich wieder, schwangen ihre Beine, verneigten sich, bogen die Rücken nach hinten über, faßten sich in den Hüften, steppten nach links, steppten nach rechts, drehten sich dem Publikum zu und wiederholten die Übung eins.

»Halt! Nun bleibt ihr ruhig stehen, aber bitte nicht mit dem Hintern wackeln, und ich bitte mir aus, daß sich niemand kratzt ... jawohl, Lucie, das bezog sich auf dich. Susie muß während der letzten Takte schon anfangen. Du kannst doch hoffentlich deine Solo-Nummer? Also komm, fang an ... Wir wiederholen die letzte Übung noch mal ...«

»Brrr, ist es hier heiß ...« Die Mädchen schwitzten in ihren blauen leinenen Trainingsanzügen. Die Luft stand dick und träge im Raum. Nichts war zu hören als das harte Steppen der Sandalen, in den Pausen der ferne Lärm der Straße und die dürftige Musik des Herrn Mayer, dessen Gedanken ganz woanders waren. Vormittags studierte er Nationalökonomie und bereitete sich auf sein Doktorexamen vor, nachmittags machte er Musik für die kleinen Tanzmädchen, und nachts war er manchmal Schlepper für eine ziemlich zweifelhafte Bar. Seine Eltern, kleine Beamte, konnten ihn nur mit gelegentlichen »Freßpaketen«, wie er das nannte, unterstützen. Auch schickte er seine schmutzige. Wäsche nach Hause, die er immer sorgfältig gewaschen, geflickt und genäht zurückerhielt. Aber seine kleinen Einnahmen langten gerade, um die Wohnung zu bezahlen. Wovon sollte er leben? Auch da fand sich eine Lösung. Er wohnte in Untermiete bei einem Straßenbahner, dem außer seiner Zweizimmerwohnung im dritten Stock noch zwei Mansardenzimmer im vierten Stock gehörten. Das eine Mansardenzimmer wurde an Herrn Mayer vermietet, im zweiten schlief Elfriede, die siebzehnjährige Tochter des Straßenbahners, die tagsüber in einer Bank tippte und abends mit einem großen Brotpaket, manchmal auch mit einer Schüssel warmen Essens leise in Herrn Mayers Zimmer kam. Während er sich ausgehungert darüber hermachte, schlüpfte sie in sein Bett. Manchmal kam er erst gegen drei Uhr morgens nach Hause, besonders sonntags, wenn der Barbetrieb gut ging, aber immer wartete Elfriede mit glänzenden Augen auf ihn, ohne zu ahnen, daß er sich weniger auf ihre Zärtlichkeiten als auf das Essen freute.

»Eins, zwei, eins, zwei ...« Großmann klatschte in die Hände. »... Nicht so schlapp, das muß wie bei einer Maschine klappen ...«

Die Mädchen keuchten, ihre Hände wurden feucht, sie wirbelten Staub auf, der sich mit dem Schweiß vermischte und am Körper haften blieb. Sie strengten sich sehr an, um die ganze Übung nicht noch einmal wiederholen zu müssen.

»Susie, paß auf ... Achtung! ... ja, jetzt, so ist es gut ...« Susie tanzte nach vorn, leicht und graziös. Sie warf das rechte Bein hoch, mehrere Male, drehte sich dazu und tänzelte immer auf den Fußspitzen. Sie hatte sich diesen Tanz nach einer einfachen Mozartschen Melodie selbst ausgedacht und ihn schon oft in Kabaretts und Varietés vorführen müssen, meistens zwischen zwei Tanznummern, während sich die Girls andere Kostüme anzogen. Der Tanz saß ihr so fest und sicher in den Gelenken, daß sie an viele andere Dinge denken konnte. Alles lag wie ein Nebel vor ihr, sie sah nichts von den anderen Mädchen und nichts von Großmann, sie hörte kaum das Klavier. Eine dumpfe Müdigkeit füllte den ganzen Raum und dehnte sich aus und machte ihre Glieder schwer und schloß sich wie ein fester Reif um ihre Stirn ...

»Na, schön war das nicht gerade. Heute abend kannst du dich gefälligst ein bißchen mehr anstrengen, Susie ... Nun paß mal genau auf ... jetzt kommt das Wichtigste ... Ein Tusch, du bleibst ruhig stehen und grinst holdselig ins Parkett, das kannst du doch so gut, der Conférencier erscheint und verzapft seinen Schmus, und schließlich sagt er: Numero soundso hat das Girl gewonnen. So ungefähr wird das sein. Du machst einen Knicks, dein glücklicher Bräutigam kommt nach vorn, du fällst ihm um den Hals und knutschst ihn kräftig ab ...«

»Ich denke nicht daran«, fauchte Susie.

»Na, dann eben nicht. Aber mache wenigstens ein anderes Gesicht als jetzt, verstanden!«

»Ich mache die Sache überhaupt nicht.«

Erst war alles einen Augenblick ganz still, selbst Großmann wußte nicht, um was es sich handelte.

»Was willst du nicht machen?« sagte er, »was für eine Sache meinst du?«

Susie blieb stumm und starrte vor sich hin.

»Ach so, du willst mir einen Strich durch die Rechnung machen? Nee, mein liebes Kind, da verstehe ich keinen Spaß ...«

»Ich auch nicht.«

Nun riß aber Samuel Großmanns Geduld.

»Heute morgen hast du es mir versprochen«, brüllte er, »und auf einmal ist Kurzschluß. Wir sind geschiedene Leute, wenn du dir es nicht sofort anders überlegst. Du kannst mich nicht ruinieren, verstehst du, du nicht ...«

Er lief aufgeregt hin und her und zog an der kalten Zigarre. Die Mädchen setzten sich auf die Stühle, um sich auszuruhen. Sie waren zu müde, um über den Zwischenfall nachzudenken, der sie nichts anging. Nur Gerda ging zu Susie hin, klopfte ihr auf die Schulter und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Herr Mayer pendelte auf seinem Drehstuhl hin und her, rauchte mit Genuß eine Zigarette und freute sich, daß auch andere Leute Sorgen hatten.

»Eine Chance ist es, die ich dem Mädchen biete«, fing der Manager wieder an, »und sie vermasselt mir die ganze Geschichte, eine verfluchte Schweinerei ist das ...«

Auf einmal blieb er an der Tür stehen und starrte den Kellner an, der schon eine geraume Zeit dieser Szene zusah. »Was fällt Ihnen denn ein? Was wollen Sie denn? Wissen Sie denn nicht, daß Unbefugten hier der Zutritt verboten ist ...?«

Der Kellner machte ein verächtliches Gesicht und sagte:

»Entschuldigen Sie nur, ich wollte bloß sagen, daß ein Mann Fräulein Schmitz zu sprechen wünscht.«

»Hier gibts keine Privatgespräche, sagen Sie das dem Mann.«

»Habs ihm schon gesagt. Er meint, es wäre sehr wichtig.«

Susie stand schon an der Tür, um hinauszugehen. Großmann wußte nicht, was er sagen sollte.

»Das ist wohl das Neueste, in den Proben werden die Verehrer des gnädigen Fräuleins empfangen. Na, mein liebes Kind, damit ist ein für allemal Schluß ...«

Susie war schon draußen.

Gerda sagte zu dem Manager: »Sie meint es nicht schlimm, ein bißchen kaputt, Katerstimmung. Das müssen Sie doch verstehen. Proben wir ruhig weiter. Sie kommt schon wieder.«

Susie ging neben dem Kellner her. Sie hatte keine Ahnung, wer der Mann sein konnte, der sie zu sprechen wünschte.

»Er wartet in der Garderobe«, sagte der Kellner gleichgültig, drehte sich um und stieg in den Paternoster, um nach unten zu fahren. Sie drückte, ohne zu zögern, die Klinke der Garderobentür herunter, und im selben Augenblick wußte sie auch, wen sie sehen würde. Er stand an einem kleinen Tisch und spielte mit einem Gegenstand, den Susie zuerst nicht genau erkennen konnte. Dann sah sie, daß es ein kleiner Taschenspiegel irgendeines Mädchens war.

»Was wollen Sie denn hier?« fragte sie mit einer ziemlich unfreundlichen Stimme. Der Junge kam ihr gerade recht. Er starrte sie mit einem erschrockenen Gesicht an und ihm fiel auf einmal ein, was Fritz alles gesagt hatte.

Der frische Mund hob sich auf ihrem Gesicht ab, feucht wie Tau und zart getönt wie eine aufblühende Rose, und er mußte immer dahin sehen, und ihm kamen törichte Gedanken.

Großer Gott, dachte er, was wollte ich eigentlich? Seine Gedanken fanden sich nicht zusammen, und je mehr er sich anstrengte, um so verdrehter wurde alles.

»Ich denke, Sie wollen mich sprechen? Ihr Geld haben Sie doch wiederbekommen?«

»Ach, deswegen bin ich nicht gekommen.«

Sie trommelte mit dem Knöchel ihres rechten Zeigefingers nervös gegen die Tür.

»Sie müssen schnell machen, wenn Sie mir etwas sagen wollen. Ich habe nämlich nicht viel Zeit. Wir proben nebenan.«

Er nahm wieder den kleinen Taschenspiegel in die Hand und sah sie die ganze Zeit nicht mehr an, sie aber betrachtete ihn genau. Sie kannte sich nicht sehr gut in Menschengesichtern aus, sie wußte, was ein hübscher Junge war, aber die meisten waren ihr gleichgültig, und wie so viele kleine Mädchen freute sie sich, wenn sie merkte, daß einer ihr Theater vorspielte.

Aber dieser junge Arbeitslose ...

Pah, er wirkte nur komisch auf sie. Einen Jungen mit borstigen roten Haaren, unzähligen Sommersprossen und großen, unbeholfenen Händen hatte sie noch nie als Verehrer gehabt, immerhin, sie stellte das eher mit einer gewissen Sympathie fest. Andere Männer gingen forsch und frech auf ihr Ziel los, machten nicht viel Schmus und versuchten, auf eine unverschämt direkte Weise etwas zu erreichen. Dagegen wappnet man sich mit Kaltschnäuzigkeit. Alle klugen Mädchen taten das, und Susie war keine Ausnahme.

Sie hatte sich auch zu Emanuel Roßhaupt so verhalten. Vielleicht war das nicht ganz richtig, weil er so nett zu ihr gewesen war, aber bitte schön! Jetzt war die Rechnung glatt.

Was hatte er heute vormittag getan? War er vielleicht am Arbeitsamt Nordost aktiv beteiligt gewesen? Sie verstand nicht viel von Politik, aber einen Menschen totstechen, das war eine Gemeinheit. Natürlich, es gab viele Rothaarige, aber immerhin, die Geschichte, von der Gerdas Bräutigam erzählt hatte, konnte stimmen ...

Als sie ihm gesagt hatte, daß er schnell machen solle, weil sie nebenan proben, wußte er wieder, was er von ihr wollte.

»Tanzen Sie heute abend im Stadthotel?« fragte er unsicher.

»Natürlich, warum denn nicht? Haben Sie was dagegen?«

Er schwieg.

»Oder wollen Sie etwa eine Freikarte haben?«

Er schüttelte den Kopf.

»Na, was wollen Sie denn dann? Warum haben Sie uns heute vormittag den Koffer nicht gebracht? Wir warten und warten ...«

Emanuel stützte sich mit der rechten Hand auf den Tisch und mit der anderen fuchtelte er in der Luft herum, um dem Mädchen alles begreiflich zu machen.

»Deswegen bin ich ja gerade hergekommen, ich wollte Ihnen alles erklären, weil ich versprochen hatte, den Koffer zu holen. Ich bin auch zum Bahnhof hingegangen, aber da war er schon abgeholt, und vorher bin ich auf dem Arbeitsamt Nordost gewesen ...«

»Aha«, sagte sie und betrachtete ihn mit einem halb verächtlichen, halb neugierigen Blick.

»... ich möchte Sie um eins bitten«, sprach er schnell und hastig weiter. »Machen Sie heute abend die Geschichte im Stadthotel nicht mit. Ich weiß, daß Sie das verschenkte Girl sein sollen, aber Sie können dabei leicht ausrutschen, meine ich, und Sie wissen vielleicht nicht, wie das ist ... ja ... und ...«

Sie hatte ihm starr zugehört und sah, wie er vor Angst schwitzte und die Wörter falsch und verhaspelt herausbrachte, aber auf einmal platzte sie heraus und lachte und schrie.

»Sie ... ausgerechnet Sie wollen mir noch Vorschriften machen?« Sie verschluckte sich und mußte den Mund mit dem Taschentuch abwischen. »Das hat mir gerade noch gefehlt, darauf habe ich gewartet, Sie ... Sie ...«

Er sah sie an und seine Augen waren traurig, aber Susie blickte nur auf seine roten Haare, und ihr war nun alles gleichgültig. Emanuel legte ein kleines Päckchen, das er während des ganzen Gesprächs unter dem linken Arm geklemmt hatte, auf den Tisch und ging zur Tür.

Susie aber ließ ihn nicht vorbei, sie stellte sich ganz nahe vor ihm hin, so daß er den warmen Geruch ihres Körpers verspürte, und schrie: »Wissen Sie, was Sie sind? Sie sind ein Mörder!«

Er blieb stehen, sah sie erstaunt an und schüttelte den Kopf. Er wollte fort aus diesem Haus, das verstand er nicht mehr. Hinaus an die frische Luft, ihre Stimme vergessen, ihren Atem, ihre Bewegungen, ihren Mund ...

»Sehen Sie mich nicht so dumm an, Sie wissen ganz genau Bescheid. Aber ich will Ihnen noch etwas anderes verraten, und daraus können Sie sehen, daß ich es gut mit Ihnen meine: die Polizei ist hinter Ihnen her!«

Er lachte.

»Ich weiß nicht, was Sie wollen«, sagte er, »ich habe nichts getan.«

»So«, Susie sprach etwas ruhiger, sie fürchtete, daß ein Kellner an der Tür lauschen könnte, »haben Sie heute morgen nicht einen Polizeibeamten am Arbeitsamt erstochen?«

»Ich?« Er lachte noch einmal und sehr erstaunt, aber dann sagte er mißtrauisch: »Wie kommen Sie denn darauf?«

»Ich weiß es.« Ihre zornigen, wütenden Augen füllten sich mit Tränen.

Emanuel sah sie eine Weile an, zuerst erstaunt, dann schlug seine Stimmung um, er konnte sie nicht weinen sehen. Aber in ihm war alles leer und so leicht, er wollte fort und mit allem nichts mehr zu tun haben. Sie weinte. Wer hat ihr bloß den Schwindel aufgebunden? Schnell ging er zur Tür und riß sie auf, drehte sich aber noch einmal um und sagte: »Nichts habe ich getan, verstehen Sie? Ich würde Sie nie anlügen. Ja, die Polizei war hinter uns her, weil wir unser Stempelgeld nicht bekommen sollten, unsere armseligen Groschen. Und die Polizei hat auch geschossen, verstehen Sie? Sie hat geschossen, auf unbewaffnete, hungrige Arbeitslose, und es hat Tote gegeben, hören Sie, tote Arbeitslose. Und sie haben auch einen von der Polizei niedergestochen, ich weiß nicht, ob er tot ist, aber ich weiß, daß ich es nicht gewesen bin. Aber wenn ich es gewesen wäre, verstehen Sie, wenn ich es gewesen wäre, was wäre dabei? Warum schimpfen Sie mir nach? Sie wissen noch gar nichts, gar nichts wissen Sie ...«, und die letzten Worte sagte er ganz leise, »... sonst würden Sie das heute abend nicht tun ...«

Er ging hinaus und schmiß die Tür hinter sich zu, dann atmete er tief und befriedigt auf. Er stieg in den Paternoster, der leise ruckelnd und unaufhaltsam durch das ganze Haus fuhr, Tag und Nacht.

Gleich darauf wurde die Tür des Garderobenzimmers geöffnet und Susie stürzte an den Paternoster. Sie hatte in der rechten Hand Emanuels Päckchen.

»Sie haben was liegen gelassen«, schrie sie ihm nach.

»Das ist für Sie«, antwortete er, schon tief unten, so daß sie gerade auf seinen Kopf sehen konnte. Erst wollte sie ihm das Päckchen nachpfeffern, aber es war schon zu spät, der Schacht wurde durch den nächsten Fahrkorb verschlossen. Mit herabhängenden Armen blieb sie stehen. Die Zahnradketten des Paternosteraufzuges quietschten. Gedämpft tönte die Stimme Großmanns: »eins, zwei ... eins, zwei ...«. Die Sandalen der Girls klappten scharf und rhythmisch auf. Sonst war alles still, und der Gang lag leer und verlassen da. Susie ging in die Garderobe zurück. Sie packte das Buch aus und betrachtete es lange. Ihr war zum Heulen zumute. Dann schmiß sie das Buch in ihren Garderobenschrank, sie erinnerte sich, es vor vielen Jahren gelesen zu haben.

Als sie ins Zimmer zurückkam, sagte Großmann: »Nehmen Sie sich ruhig Zeit, gnädiges Fräulein ...« Er wollte sie noch weiter durch den Kakao ziehen, aber ihm gefiel irgend etwas in Susies Gesicht nicht, und er ließ es sein.

»Kann ich die neue Übung nochmal wiederholen«, sagte er verhältnismäßig ruhig zu ihr.

»Ich werde es machen«, sagte sie sehr leise.

»Na also«, krähte Großmann überrascht und nahm vor Erstaunen die Zigarre aus dem Mund, »darauf hättest du auch schon früher kommen können. Also, Kinders, los, das Ganze noch einmal, bitte etwas schnell, damit ihr euch vor der Vorstellung noch ein bißchen ausruhen könnt ...«

Die Mädels bildeten wieder eine Kette, und Susie trat in die Reihe, neben ihr stand Gerda, die ihre Freundin besorgt ansah.

»Was ist los?« sagte sie.

»Mir ist zum Heulen.«

»Wer war es denn?«

Susie schwieg, und Gerda wußte ganz genau, wer es war.

Großmann klatschte in die Hände. Herr Mayer spielte eifrig den neuen Schlager:

»Wenn du mal in Hawaii bist
Und wenn dein Herz dann frei ist
Und wenn ...«

Susie sagte nach einer Weile: »Der Rothaarige war es.«

»Was wollte er denn?«

»Ich sollte heute abend nicht mitmachen.«

»Ach ...« Gerda wäre beinahe aus dem Takt gekommen.

»Susie, quatsch nicht so viel während des Tanzes«, schnauzte der Manager, »gleich kommt dein Solo dran.«

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