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Jung gefreit. Band II

Nataly von Eschstruth: Jung gefreit. Band II - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleJung gefreit. Band II
publisherVerlag von Ewald & Co. Nachf.
illustratorWilh. Claudius
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100808
projectidaa5ab752
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XVI.

So sehr hatte sich Herr von Welfen lange nicht im Leben geärgert, wie über diese schwere Beleidigung. Solch eine Antwort auf sein schönes Gedicht! Oh, es war, um sich die Haare einzeln auszuraufen! Gott sei Dank schien es noch niemand gelesen zu haben. Der Kellner machte ein so harmlos törichtes Gesicht, als der Major ihn ausforschte, wer wohl das Fremdenbuch zuletzt zur Hand gehabt hätte, daß er in der Tat unwissend zu sein schien.

Auch der Wirt konnte keine Auskunft geben, ja er entsann sich nicht einmal, daß drei junge Herren in großen, hellen Strohhüten bei ihm eingekehrt seien! Und doch konnten allein die Herren aus Ruhla einer solchen Infamie fähig gewesen sein; davon war Herr von Welfen überzeugt.

Auch die Damen schienen es anzunehmen, obwohl man sich nicht weiter darüber aussprach. Es herrschte plötzlich ein allgemeines, stillschweigendes Einvernehmen, diesen wunden Punkt unberührt zu lassen.

In Eisenach legte der Major aber viel Wert darauf, die einzelnen Hotels zu besichtigen.

Er erzählte den Wirten, daß ihm Thüringen ganz ausnehmend gut gefalle, so gut, daß er den nächsten Sommer in Eisenach verleben wolle. Dazu müsse er sich schon jetzt Quartier ansehen! Ob das Hotel ruhig sei, ob gute Gesellschaft darin verkehre, ob er wohl einen Blick in das Fremdenbuch werfen dürfe? Gewiß! Mit größtem Vergnügen!

Welfen setzt den Kneifer auf und musterte mit scharfem Blick die Namen der zuletzt eingekehrten Fremden – deren waren gar viele, aber die gesuchte Schrift fand sich nicht darunter.

Der nächste Tag brachte Regenwetter und Sturm. Die Familie Welfen blickte einander forschend in die Augen, ein jedes freute sich im stillen, einen guten Grund für die Heimreise zu finden. Ihre Freude an der Thüringer Waldfahrt war sehr herabgestimmt. Man war ganz nervös geworden, durch das ewige ängstliche Umherspähen, durch die geheime Angst, die drei hellen Touristenhüte irgendwo auftauchen zu sehen.

So wurde die Rückfahrt beschlossen und zu allgemeiner Herzerleichterung auch anderen Tages ausgeführt. Das Wetter erklärte sich ebenfalls einverstanden damit, denn der sonnige Spätherbst ging urplötzlich wieder in grauen Wolken und endlosen Regenfluten unter, und Herr von Welfen rieb sich schmunzelnd die Hände, als er einen Blick durch die triefenden Coupéfenster warf und sprach: »Na, wieder einmal die alte Wahrheit! ›'s ist nichts so schlimm, wie man es denkt, wenn man's erfaßt und richtig lenkt!‹ Der Schabernack der Herren Ruhlaer hat uns rechtzeitig in das behagliche Nest zurückgetrieben, während die Übeltäter selber hoffentlich heute tüchtig den Kittel auf dem Rennstieg gewaschen bekommen!«

»Hast du eigentlich das Blatt mit dem Verse noch aufgehoben, Papachen?«

»Das versteht sich! Das soll mein ewiges Andenken an die Wartburg sein! Wer weiß, der Zufall spielt oft seltsam, und der Satanskerl von einem Verseschmied läuft mir doch noch einmal unter die Finger! Na, dann mag er sich gratulieren!«

Frau Dora nickte feierlich, und Rose wiederholte mit unverhohlener Rachsucht: »Ja, dann mag er sich gratulieren!«

Nun war man wieder daheim angelangt, und der Major hatte Tante Sidonie mit besonderer Hochachtung begrüßt.

Hatten sie doch beide recht behalten, sie mit ihrer Warnung vor der Reise, er mit seiner Graphologie, nach der er die Frau Professor stets für eine geistvolle, scharfblickende Frau erklärt hatte.

Auf das erste ungestörte Mittagsschläfchen hatte sich Welfen ganz besonders gefreut. Als er sich nach einem sehr gemütlichen Mittagsmahl, bei dem alle erklärt hatten: »sie fühlten sich nach der Reise wie im Himmel daheim und das Reisen hätte nur das Gute, daß es die eigene Häuslichkeit doppelt lieb mache –« in sein Zimmer zurückgezogen hatte, glaubten Frau Dora und Rose ihn längst in das Reich der Träume entrückt, als sein Schritt noch immer leise auf dem Teppich hin- und herging.

Der Major schlief nicht. Das Blatt aus dem Fremdenbuch in Händen, wanderte er unruhig auf und nieder, sich zeitweilig an den Schreibtisch setzend und mit ganz wunderlich verstörtem Gesicht in sein »Lehrbuch der Graphologie« herniederstarrend.

War es zu glauben, war es menschenmöglich? Er rieb sich die Augen, blätterte nervös hin und her, sprang auf und rannte heftig gestikulierend in dem Zimmer umher, und sank alsdann wieder wie geistesabwesend auf den Stuhl vor dem Schreibtisch nieder. Er mußte den Schreiber finden! Er mußte es! Koste es, was es wollte!

Welfen stützte das Haupt in die Hand und grübelte und sann – und sann und grübelte und forschte abermals –- aber es blieb dabei, eine unumstößliche Tatsache, jener Hassenswürdigste war für ihn der Gesuchteste unter der Sonne!

Tage und Wochen vergingen. Kam das Gespräch zufällig einmal wieder auf die Reise und die Ruhlaer Herren, so zeigte der Major eine solche nervöse Erregung, und sprach den Wunsch, »diesen Kerl noch einmal zu finden,« derartig ungeduldig aus, daß Frau Dora besorgt zu Rose sprach: »Mein Gott, wie Vater doch so zäh in seinem Hasse ist! Gott verhüte, daß er dem Unglücklichen jemals im Leben begegnet! Ich stehe für nichts!«

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Seit jener Zeit vermieden es die Damen noch ängstlicher, des »Feindes« Erwähnung zu tun. Und der Herbststurm fegte die ersten Schneeflocken durch die Luft, und der Reif glitzerte nachts an den letzten Asterköpfchen, bis sie immer schwärzer aussahen und müde auf die zerzausten Beete herabsanken. Noch immer ritt Herr von Welfen fast täglich nach Feldheim, seine Kinder zu besuchen. Frau Dora eiferte dagegen, so sehr sie konnte! »Laß die jungen Leute allein! Es taugt nichts, wenn wir Alten die Nase täglich in ihre Wirtschaft stecken, es verdrießt das Selbstbewußtsein und stört die ungenierte Behaglichkeit.«

»Unsinn, Dorchen! Solltest mal sehen, wie die Kinder sich immer freuen, wenn ich komme!«

»Wir sehen uns jeden Sonntag, das genügt vollauf!«

»Dir Rabenmutter genügt's vielleicht –« scherzte er, »mir zärtlichem Vater aber nicht. Ich will mich an ihrem Glück freuen und es der Salome erhalten helfen! Das Kind ist ja noch so unerfahren, sie braucht einen Berater und eine Stütze!«

»Das dürfte wohl in erster Linie ihr Mann sein!«

»Siegfried?! Lächerlich; der junge Bengel weiß ja selber noch nicht hott noch hüh ...«

» Pardon – er ist ein Mann in Mitte der dreißiger Jahre!«

»Pah! Was will das sagen. Er ist aber erst seit ein paar Wochen verheiratet und versteht noch nicht die Bohne vom Eheleben!«

»Mach dich doch nicht lächerlich, Väterchen! Was verstandest du denn ehemals davon?«

»Nichts! Auch nichts, darum eben! Ich habe dich armes, kleines Wurm auch oft in meiner Torheit entsetzlich tyrannisiert und wollte den Herrn und Gebieter herausbeißen aus purer Eitelkeit! Himmel, wenn ich denke, der Siegfried könnte mein Prinzeßchen in törichtem Hausherrendünkel mit allerhand Launen quälen! Das leide ich nicht, das dulde ich nicht, niemals! – Na, Gott sei Dank, bis jetzt benimmt er sich ja ganz vernünftig und galant!«

Anfänglich kehrte Welfen stets sehr guter Laune und strahlend, vergnügt zurück; er konnte gar nicht Worte genug finden, das Glück und die Harmonie im Bornschen Hause zu preisen.

Dann, als ein paar Wochen weiter in das Land gezogen waren, kehrte er oft recht verdrossen und übellaunig heim, setzte sich zu Tisch und sprach kein Wort. Aber Frau Dora fragte unverdrossen. »Ach, der alte Drachen, die Hanne, benimmt sich so unverschämt und will Salome in allen Dingen kommandieren! Wenn Salome ein Gericht für den Mittags- oder Abendtisch befiehlt, hat die Person die Frechheit zu erklären: ›Geht nicht, gnädige Frau – es ist noch ein halber Rehrücken, oder ein Hase oder ein Kalbsbraten da – der muß erst aufgebraucht werden.‹«

»Sehr vernünftig und richtig!«

»Narrheit! Wie lange sollen denn die beiden einzelnen Menschen an solch einem riesigen Fleischstück essen?«

»Salome verlangt ja stets große Braten, weil die kleinen Stücke zu schlecht seien –«

»Sind sie auch! – Zähes, altes Kochfleisch! Darum soll doch mein Kind nicht alle Tage Schuhleder kauen?!«

»Nein, sie soll sich aber mit den großen Portionen einrichten und Reste verwenden, sonst ist sie eine Verschwenderin!«

»Na, ist ja ihre Sache! Auf alle Fälle wollte sie heute nicht noch einmal Gänsebraten essen, sondern die Poularden, die du geschickt hast, und damit das alte Donnerwetter, die Hanne, nicht doch die Gans auf den Tisch bringt, schließt Salome heimlich die Speisekammer ab, steckt den Schlüssel in die Tasche und fährt bis zum Essen spazieren!«

»Wie kindisch!«

»Durchaus nicht kindisch! Sie war völlig in ihrem Recht; aber leider hatte sie vergessen, daß sich in der Speisekammer auch die Poularden befanden – na, und wie sie nach Hause kommt und Siegfried mit einem Löwenhunger auch gerade erscheint, und sie sich zu Tische setzen – na, da gab es eben nichts zu essen, wohl aber einen tüchtigen Spektakel! Wegen des bißchen Essens ist mein Herr Schwiegersohn ganz blaß vor Ärger geworden, und was das bodenloseste ist, er hat der Hanne recht gegeben; Galome wollte einfach Essen aus dem Wirtshaus holen lassen, was doch ganz richtig und zweckentsprechend war, aber glaubst du, daß der Dickkopf das gelitten hätte? Nein, um die Welt nicht! Er habe keine Lust sich derart vor der ganzen Stadt zu blamieren!«

»Seine Frau zu blamieren! Sehr rücksichtsvoll von ihm – Salome kann sich nur dafür bedanken!«

Nielsen zuckte ungeduldig und etwas ironisch die Achseln: »Ich bezweifle stark, daß sie das tut!«

Frau Dora legte die Hand auf die Schulter des Gatten und blickte ihn mit ihren klaren, freundlichen Augen durchdringend an. »Ernst,« sagte sie leise, »du mußt als vernünftiger Mann einsehen, daß Salome im Unrecht war, du hast ihr hoffentlich in aller Güte deine Meinung gesagt und nach Kräften bei ihr zum Frieden geredet?«

Der Major wurde trotz seiner sonnenverbrannten Haut so rot wie ein Schulknabe, der auf Nachbars Apfelbaum ertappt wird; er fühlte es und ärgerte sich. Mit gespreizten Fingern fuhr er durch sein graumeliertes Haar und erhob sich hastig.

»Alberne Frage! Narrheit!« knurrte er, ohne seine Frau dabei anzusehen, »zum Frieden reden! Wie kannst du von einem Vater verlangen, daß er einem fremden, unliebenswürdigen Menschen gegen sein eigen Fleisch und Blut beistehen soll! Ich dächte, Siegfried wäre für sich selber Manns genug und bedürfe keiner Unterstützung!«

»Wenn dir das Glück deines Kindes am Herzen liegt, bedarf er unser aller Hilfe, um den Eigensinn seiner Frau bekämpfen zu können!«

»Hoho! Eigensinn!« polterte Wefen erregt, »davon ist bei Salome keine Rede! Sie läßt sich nur nicht von einem alten Hausdrachen unterbuttern und macht, im Notfall, selbst gegen den Gatten Front, wenn dieser so rücksichtslos ist, anstatt ihr beizustehen, zu dem alten Weibe zu halten! – Elten sagte mir erst neulich, er bewundere Salome, daß sie so brillant mit ihrem Gatten auskomme, der, unter uns gesagt, doch ein äußerst schwieriger Charakter sei!«

»Elten! – Herr von Elten sollte lieber solch unziemliche Bemerkungen unterlassen!« seufzte Frau Nora mit sorgenvollem Gesicht auf. »Es gefällt mir durchaus nicht, daß er Tag für Tag dem jungen Ehepaar die Schwelle abläuft. Es ist in hohem Grade unpassend, und mich soll es nicht wundern, wenn er Salome ins Gerede bringt. Seine Courmacherei ist höchst unangebracht!«

»Lächerlich! Was hat denn das arme Kind anderes in dem Heckennest, als wie den Verkehr mit den jungen Herren?«

»Sie hat ihren Haushalt und ihren Mann!«

» Den Mann!!« – es lag beinahe etwas Verächtliches in der Stimme des Majors. »Siegfried kann doch unmöglich einem so verwöhnten Geschmack wie dem meines Prinzeßchens alles ersetzen, was sie in Feldheim entbehren muß!«

»Das hätte sich ja dein Prinzeßchen früher überlegen können. Warum bestand sie mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln darauf, ihn zu heiraten? Nun muß sie die Konsequenzen solchen Eigensinns tragen, und das will und verlange ich mit der vollen Strenge der Mutter!«

Welfen war an das Fenster getreten und starrte hinaus. Als er nicht antwortete, fuhr seine Gattin in ihrer ruhigen, stets maßvollen Weise fort: »Wie endete denn nun der Streit? Ich hoffe doch sehr, daß Hanne begütigt wurde?«

»Nein, der alte Schurigel dampft heute nachmittag zu Schwiegermüttern zurück!«

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Frau Dora wurde ganz blaß vor Schreck. Sie schlang wie in ratloser Verlegenheit die Hände zusammen. »Welch eine unverantwortliche Torheit von Salome! Diese treue, zuverlässige Person ist für ihren fundamentlosen Haushalt unersetzlich. Was soll das nun geben?! Ich fürchte, der arme Siegfried wird nun öfters im Wirtshaus essen müssen, wenn er nicht hungrig bleiben will!«

»Das fürchte ich durchaus nicht. Ich habe Salome gesagt, du würdest ihr die Mamsell schicken, bis sie eine neue Köchin gemietet habe.«

Welfens Stimme klang etwas kleinlaut, er wandte sich zu seiner Frau zurück und legte den Arm um sie. »Du kannst ja zur Not mit Anna und Rose allein fertig werden, Dorchen, Rose kocht ja selbst schon wie die beste Köchin!«

Frau von Welsen schüttelte sehr ruhig, aber sehr bestimmt den Kopf. »Unmöglich, ganz unmöglich, du hast wohl vergessen, daß wir schlachten. Ich habe alles dazu vorbereitet und kann es nicht aufschieben. Mamsell ist dabei einfach unentbehrlich, denn weder ich noch Rose können sie in dieser arbeitsreichsten aller Zeiten ersetzen. Auch verstehen wir nichts von der Schlächterei. So leid es mir tut, diesmal kann ich Salome nicht helfen.«

Der Major schritt unruhig auf und ab. »Dann mußt du ihr Anna schicken! Die locht auch gut. Unter allen Umständen, ich will und verlange es! Ich bestehe darauf! Ich kann das Kind nicht im Stich lassen! Ich habe ihr eine Aushilfe versprochen, damit sie die Energie haben sollte, den ewigen Zankapfel Hanne hinauszuwerfen!«

Nun wußte Frau Dora genug. Ihr verblendeter Mann hatte das Feuer geschürt, anstatt es zu löschen, er hatte gehetzt, anstatt Frieden zu stiften. Dieser Schwiegervater hatte im Hause seiner Kinder die alte Ansicht der Welt auf den Kopf gestellt, daß nur eine Schwiegermutter das böse Prinzip einer jungen Ehe sein könne. Sie hatten die Rollen getauscht – und tief bekümmert beschloß Frau von Welsen sofort nach Feldheim zu fahren, um nach Kräften gut zu machen, was ihr Mann verdorben hatte. Sie nahm Anna mit, um, so gut es ging, den Verlust von Hanne zu ersetzen, und versuchte mit Liebe, Sorge und gütlichem Zureden den scharfen Riß zuzukitten, der zum erstenmal das junge Haus und sein Glück bedrohte.

Würde es etwas helfen und nützen?

Die Schwiegermama seufzte schwer auf. Sie wußte nur zu gut, daß es der Anfang einer langen, mühseligen Arbeit war, einer wahren Danaidenarbeit.

Der Schwiegervater war Fanatiker genug, um das Sieb stets von neuem zu durchlöchern, wenn sich Frau Dora auch noch so viele Mühe gab, es zu stopfen!

Landrat von Born hatte die Hände in die Taschen seines Jacketts versenkt und wanderte mit unregelmäßigen Schritten in seinem eleganten Arbeitszimmer auf und nieder – bald langsam und zögernd, bald hastig und unruhvoll, wie die Gedanken, die er hinter seiner Stirn ordnen und klarlegen wollte.

Obwohl es noch nicht völlig dunkel war, brannte die Flamme des Leuchterweibchens, das sich in den prächtigen Geweihen selbst erlegter Hirsche schaukelte; und das offene Feuer warf durch die Marienglasscheiben des Ofens einen rosigen Schein über die zunächst stehenden Möbel, deren kunstvolle Schnitzerei schon viele Bewunderer gefunden hatten.

Draußen sauste der Schneesturm, und die weißverschneiten, niederen Dächer der gegenüberliegenden Häuser schimmerten im letzten Abendschein. Still und friedlich lag die Straße da; selten, daß ein Schlitten vorüberklingelte, ein Hund bellte, oder ein paar Stimmen laut wurden.

Wie gemütlich und unbeschreiblich schön für ein glückliches, liebendes Paar, das nichts besseres begehrt und sucht, als einzig sich allein.

Ach, daß Salome doch auch so gedacht hätte! Feldheim und das behaglich schöne Landratshaus hätten ein Paradies sein können! Anstatt dessen hatten es Laune und Eigensinn der kleinen Frau zu einem wahren Tränenwinkel gemacht.

Nebenan auf dem Diwan lag Salome und schluchzte mit der Unermüdlichkeit eines halsstarrigen Kindes in ihr Batisttuch. Und warum? Weil Siegfried sie mit Liebe und mit Lammessanftmut gebeten hatte, einmal Energie zu zeigen und dem unerquicklichen Zustand hier im Hause ein Ende zu bereiten.

Seit auch Gottfried gekündigt und das Haus verlassen hatte, schien alles außer Rand und Band zu sein. Solange die gute Schwiegermama Anna geliehen hatte und heimlich hinter den Kulissen waltete, anordnend und beratend, ging die Sache noch einigermaßen, jetzt, wo die neue Köchin aus der Residenz eingetroffen war, empfand man erst, wie hilflos eine Hausfrau den Dienstboten preisgegeben ist, wenn sie selber nichts von der Wirtschaft versieht.

Es wurde beinahe das Dreifache an Haushaltungsgeld verbraucht wie früher. Dabei war das Essen meistens herzlich schlecht und der Tisch einfacher besetzt als je. Es lag auf der Hand, daß die Person die Herrschaft in jeder Weise schlecht hielt, um desto unverschämter in ihre eigene Tasche sparen zu können. Sie nahm die schlechtesten Zutaten, wählte die billigsten und reizlosesten Gerichte und behauptete, für das »knappe« Geld bereits Außerordentliches zu leisten.

»So gib mehr!« schmollte Salome, die selber am meisten unter diesem »Schmalhans Küchenmeister« litt, denn sie war verwöhnter und anspruchsvoller noch als ihr Mann.

»Das kann ich nicht!« ärgerte sich Born; »es hieße, das Geld dem diebischen Frauenzimmer mit vollen Händen in den Hals werfen! Mama sagt, das Wirtschaftsgeld sei geradezu fürstlich! Wenn aber niemand da ist, der in der Küche nach dem Rechten sieht und ein wenig nachzurechnen versteht, dann kann man uns ja ungestraft das Fell über die Ohren ziehen!«

Salome ignorierte diese zarte Andeutung. »Nimm doch noch eine Wirtschafterin!« verlangte sie.

Ein beinahe zorniger Blitz aus fernen Augen traf sie. »Und für die Wirtschafterin zur Beaufsichtigung vielleicht noch eine Hausdame?«

Sie biß bei diesem Spott die Zähne in die Lippe, warf brüsk die Türe hinter sich zu und verschwand bis zum Abend, wo die unvermeidlichen Hausfreunde kamen und Elten der jungen Frau mit erregter Stimme zuflüsterte: »Ich ertrage es kaum noch, Sie derart leiden zu sehen! Sie haben schon wieder verweinte Augen!«

Der greuliche Zustand im Hause dauerte an. Wenn die Dienstboten merken, daß die Hausfrau auf sie angewiesen ist, lassen sie sie meistens durch ein freches und respektloses Benehmen ihr Übergewicht fühlen.

Wehe, wenn Salome, selbst in freundlichster Weise, diesen oder jenen Fehler rügte! Unverschämte Antworten, Maulen und kecke Vernachlässigung aller Pflichten waren die Folge.

Born hatte schon öfters bemerkt, daß die Mädchen sich heimlich abends oder nachts entfernten. Auch tagsüber konnte er oft stundenlang klingeln, bis endlich ein dienstbarer Geist erschien.

Salome kümmerte sich nicht um Zucht und Ordnung im Hause, und wenn sie einmal in ihrer kindisch unüberlegten Weise loswetterte, sah sie höchstens spöttische Gesichter und keinerlei Erfolg.

Was sollte ihnen denn die Gnädige tun? Sie ahnte ja nicht, wenn das Wasser kochte, und von so einer brauchte man sich doch nichts sagen lassen!

Als es dem Landrat allzu bunt wurde, fuhr er mit dem eisernen Besen dazwischen und kündigte.

Von der Köchin trennte sich Salome ohne Herzeleid, aber bei dem Ansinnen, ihre herrliche, unersetzliche Jungfer opfern zu sollen, geriet sie wahrhaft in Verzweiflung. Born machte ihr klar, daß gerade dieses Mädchen das nichtsnutzigste von allen sei, und daß er Dinge in Erfahrung gebracht habe, die ihre Entlassung bedingten. Zum erstenmal war er energisch und lohnte ohne Zustimmung seiner Frau das freche Geschöpf ab. So sehr wie in dieser Stunde hatte er sich noch nie geärgert. Nicht allein, daß Betty in hämischester und boshaftester Weise sich zu rächen suchte, indem sie allerhand freche Bemerkungen und Andeutungen über das Benehmen der gnädigen Frau machte, sondern auch über Salome selbst, die zum erstenmal einen schier gehässigen Streit heraufbeschwor, bei dem der Schwiegervater selbstverständlich wieder die Rolle des Aufhetzers spielte.

Siegfried war aufs höchste erregt; er sagte dem Major in unverblümter Weise die Wahrheit, und die Feindschaft der beiden Männer loderte in hellen Flammen empor.

Gräßliche, unerträgliche Tage folgten, bis Frau Nora abermals als Friedensengel erschien, um den Sturm zu beschwichtigen.

Sie benutzte die Gelegenheit, ihrer Tochter noch einmal die dringende Notwendigkeit klarzumachen, daß eine Hausfrau etwas von dem Haushalt verstehen müsse, aber sie stieß nach wie vor auf den hartnäckigsten Widerstand. Früher war der einer gewissen Eitelkeit und Gleichgültigkeit entsprungen, jetzt diktierten ihn Trotz und Oppositionslust, und der Major stand als unsichtbarer Feind im Hintergrunde und bestärkte die Tochter in ihrer »Beharrlichkeit«!

Nun ging Siegfried verzweiflungsvoll in seinem Zimmer auf und nieder, und dachte darüber nach, wie er das Kunststück wohl zuwege bringen solle, diese Frau zu erziehen. So sauer und aussichtslos hatte er es sich doch nicht gedacht.

Frau Salome glich in nichts mehr dem reizend naiven, so leicht lenkbaren Backfischchen aus der Eisenbahn. Sie fühlte sich jetzt, sie trumpfte auf ihre Würde und Stellung und hatte keine Lust mehr, sich belehren oder beeinflussen zu lassen. »Dem Gängelband dürfte ich wohl entwachsen sein!« bemerkte sie sehr spitz, als Siegfried zuerst den Versuch machte, an ihrem Wesen und Benehmen »den älteren Damen gegenüber« zu modeln.

Er hatte gehofft, die zwingende Notwendigkeit werde seine beste Verbündete sein. Er irrte sich. Salome war viel zu phlegmatisch und kindisch unüberlegt, um sich durch irgendwelche Widerwärtigkeiten einen moralischen Zwang auferlegen zu lassen. Sie wußte stets einen Ausweg und verlangte ihn sofort eingeschlagen, wenn er auch noch so töricht, kostspielig oder unmöglich war. Warum nahm Siegfried keine Hausdame? Warum ließ er das Essen nicht aus dem Hotel holen, warum machte er so entsetzlich große Ansprüche an die Dienstboten? Lediglich aus Herrschsucht! Aus Tyrannei, aus Malice gegen sie! Um seine Frau zu ärgern, zu demütigen, um einen Grund zu haben, ihr immer ihre Unwissenheit und Unerfahrenheit vorhalten zu können! Er wußte ja im voraus, daß sie nichts vom Haushalt verstand und auch nichts davon lernen mochte, warum hatte er sie denn geheiratet? Aus lauter empörenden Beweggründen! Ach der Papa hatte so recht gehabt mit seiner Graphologie!

Hätte sie doch auf ihn gehört, als er ihr damals Siegfrieds Handschrift deutete!

Wie albern und verblendet war sie gewesen, ihn absolut heiraten zu wollen! Was hatte sie nun davon? Der Triumph den Freundinnen gegenüber war sehr mäßig, denn die beiden verhöhnten und beklagten sie in ihren Briefen, daß sie in einem solchen kleinen Krähwinkel sitze, das auf keiner Landkarte zu finden sei.

Und Soldat will Siegfried nicht werden, er wurde beinahe brutal, als sie es von ihm verlangte. Ach, daß sie eine solche Närrin gewesen war, sich so voreilig wegzuwerfen! Hätte sie Elten früher kennengelernt, alles wäre wohl anders geworden! Er liebt sie! – Ach wie ganz anders liebte er sie als ihr fischblütiger, langweiliger Siegfried! Und Eltens Liebe, sein Mitleid, sein heißes Empfinden, das süße, geheimnisvolle Einverständnis zwischen ihnen, mit alle seiner Romantik und nervenschüttelnden Poesie, das war das Einzige, was ihr Feldheim noch erträglich machte! – Wie aber sollte es werden, wenn keine Köchin im Hause war, wenn die Herren womöglich mittags oder abends nicht mehr kommen konnten?

Sollte das eine neue Ranküne von Siegfried sein? Hatte er den Leuten nur gekündigt, um einen Verwand zu finden, die Besuche unterbinden zu können? Aus Eifersucht tat er es wohl nicht, seine Gleichgültigkeit gegen sie war ja haarsträubend, aber aus Mißgunst, aus Bosheit, um ihr die Freude zu stören!

Und sie weinte zornig, leidenschaftlich und erbittert. Sie war so allein. Papa kam bei dem Wetter auch nicht, Siegfried lief nebenan im Zimmer herum und bekümmerte sich auch nicht um sie, kein Mensch nahm Anteil an ihr! Man behandelte sie empörend! – Wer wußte, ob sie ein Abendbrot auf den Tisch bekam!

Oh, sie war das unglücklichste Weib unter der Sonne! Da öffnete sich leise die Tür. Der Landrat trat ein, kam langsam zu ihr heran und setzte sich auf den Diwan zu ihr.

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Sie warf sich zornig herum und steckte ihr Gesicht in die Kissen, er aber nahm ihre Hand zwischen die seine und sagte mit müder, weicher Stimme:

»Ich möchte gern etwas mit dir besprechen, Kind. Ich habe mir unsern künftigen Haushalt überlegt. Beharrst du wirklich bei deinem Entschluß, nichts bei Mama zu lernen und der Wirtschaft auch künftighin so fremd zu bleiben wie bisher?«

»Ja!« stieß sie rauh hervor, »ja! – Tausendmal ja! Ich bin leine Küchenmagd! Ich habe es dir vorher gesagt!«

Er blieb ganz gelassen: »Gut; so werde ich künftighin die Wirtschafterin spielen, falls du diese Zumutung für deinen Mann nicht allzu entwürdigend findest!«

Sie hatte immer nur an sich, noch nie an ihn, an sein Behagen, sein Glück, seine Würde gedacht. »Nicht im mindesten!« zuckte sie die Achseln. »Ich beeinflusse dich ebensowenig wie ich von dir beeinflußt sein will. Du kannst tun und lassen, was du willst!«

»Was ich will? – Was ich notgedrungen tun muß. Aber gleichviel. Eine perfekte Köchin aus der Residenz nehme ich nicht wieder in das Haus; soviel weiß ich. Ich werde mich bemühen, ein rechtschaffenes, tüchtiges Mädchen von hier oder aus der Umgegend zu finden – so wie bisher lasse ich mich nicht mehr betrügen, sonst werden wir bankrott. Und nun wollen wir uns ohne Bemäntelung die künftige Situation klarmachen. Wir deutschen Männer sind anders geartet, als die leichtsinnigen, frivolen Helden deiner Pariser Romane. Wir stellen Anforderungen an das deutsche Weib ebensogut und ebensohoch und strenge wie an uns selbst. Wir verlangen und setzen voraus, daß ein jedes gebildete und erwachsene Mädchen mit den Pflichten vertraut ist, die Natur und Verhältnisse an ein weibliches Wesen stellen. In unserm nüchternen, tätigen, rastlos schaffenden und erwerbenden Zeitalter ist alles überflüssig und verächtlich, was sich als unnütz erweist. Was nicht den Platz ausfüllt, auf den es gestellt wird, das wirft man beiseite. Die Meister fallen nicht vom Himmel, und ein Mädchen, das vor seiner Verheiratung nichts gelernt hat, kann in der Ehe mit Leichtigkeit alles Versäumte nachholen, wenn sie sich überzeugt, daß es ihre Pflicht geworden. Die Verhältnisse ändern sich, und es läßt sich in der Praxis gar manches Ding sehr anders an, als es in der Theorie den Anschein hatte! – Der Franzose mag in seiner Frau nur ein Spielzeug, eine Puppe – einen Luxusgegenstand sehen, von dem er nichts fordert, weil er selber nichts zu geben mag – nichts an Liebe, nichts an Treue, höchstens den Rahmen zu einem Bilde, das er aufstellen muß, will er sein Geschlecht nicht aussterben lassen. Ein deutscher Mann aber sieht mehr in seinem Weibe, sein Alles, sein Höchstes, sein Heiligstes und sein Bestes. Er teilt mit ihr, was er besitzt, sein Herz, seine Seele, sein Hab und Gut. Und weiß, daß er wohl daran tut. Sie hütet, sie schützt, sie mehrt und veredelt alles, was er ihr anvertraut, was er voll inniger Zuversicht in ihre Hände legt. Wie er seinen Wirkungskreis hat, so sucht die edle deutsche Frau, ob hoch, ob niedrig, ob Kaiserin oder Bäuerin, auch ihren höchsten Stolz darin, den Wirkungskreis, den Natur und Gatte ihr zugeteilt, rechtschaffen auszufüllen. Und das ist der so oft angestaunte, so viel besungene, so göttlich reine und gewaltige Zauber, den die deutsche Frau auf ihren Gatten ausübt. Arbeitet und schafft, sorgt und waltet sie wie ein guter Geist in seinem Hause, so empfindet er einzig darin die volle Macht echter Weiblichkeit. Er kann sie nicht entbehren, er kann nicht mehr ohne sie leben und sein – sein Herz, sein Haus ist öde und tot ohne sie er weiß, daß er ihr all sein Glück, sein Behagen, den holden Frieden seiner Häuslichkeit verdankt; ihr Fleiß spornt den seinen an, ihre Treue stärkt die seine, ihre selbstlose Liebe nährt die Gottesflamme in seiner Brust wie ein heiliges Öl. – Er hebt sein fleißiges, tüchtiges Weib mit dem Stolz eines Königs auf den Schild, und beklagt den Mann, dessen Gattin nichts anderes im Hause ist, als ein überflüssiger, wesenloser Schatten, dessen Dasein niemandem zu Nutz und Frommen ist, dessen Entschwinden keine Lücke reißt. Auch ich habe mir stets ein Ideal von meinem künftigen Weibe geschaffen; auch ich sah sie als mein Unentbehrlichstes, mein Vollkommenstes, mein heiligstes Kleinod. Die Hüterin meines Glückes, die bewunderte Meisterin aller, die sie befehligte, das leuchtende Vorbild ihrer Kinder. – Und ich wähnte, wäre sie dies alles noch nicht im Anbeginn unserer Ehe, so hülfe ihr wohl die große Lehrmeisterin Liebe, es mit der Zeit zu werden. – Es war ein schöner Traum – leider Gottes nur ein Traum. Mein Schicksal hat mich als deutschen Mann aufwachsen lassen, aber es hat mich als Ehemann zum Franzosen gemacht. – Je nun – ich will nicht murren und nicht klagen, ich will das schöne Bild auch in meinem Hause aufstellen, und wenn ich es auch nicht gleich anderen glücklichen Gatten bewundern und hochachten kann, so will ich doch versuchen, es auch trotzdem lieb zu behalten.«

Seine Stimme war sehr leise geworden. Er starrte auf die zierliche Gestalt seiner Frau, auf ihr reizendes, noch immer halb abgewandtes Gesichtchen nieder, wie ein Arzt, der an seinem Patienten die Wirkung einer bitteren, aber einzig noch rettenden Arznei erproben will.

Und er sah, wie sie regungslos dalag, gleich einem versteinerten Wesen, wie ihre Augen weit aufgerissen in das Leere starrten, wie sich eine heiße Blutwelle über ihr Antlitz ergoß, tiefer und tiefer sich färbend zu dem leuchtenden Purpur, wie ihn nur die Scham kennt. Er atmete tief auf und erhob sich – ehe sie antworten konnte, hatte er das Zimmer verlassen. Sie war allem mit ihren Gedanken.

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