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Juliette Faustin

Edmond de Goncourt: Juliette Faustin - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorEdmond de Goncourt
booktitleFranzösische Liebesgeschichten Von Nodier bis Maupassant
titleJuliette Faustin
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
editorHans Marquardt
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid9df37f6e
created20061212
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Edmond de Goncourt

Juliette Faustin

Es war drei Uhr nachmittags. Juliette Faustin,, die am Abend die Phädra in Racines Tragödie zum zweiten Male spielen sollte, trat in ihr Badezimmer.

Dieser Raum – das »porzellanene Zimmer« nannte ihn ihre alte Haushälterin, Frau Guénégaud – war der einzige in Juliettes elegantem kleinem Hause, dessen Ausgestaltung sie nicht dem Architekten überlassen hatte; zu ihrem Vergnügen hatte sie ihn nach eigenem Geschmack ausgestattet und mit einem so verschwenderischen Aufwand an Geld, wie es ihr bei der übrigen Einrichtung nicht in den Sinn gekommen war. Sie, die Frau, die eine Stunde jedes Tages im Wasser zubrachte, pflegte zu sagen, in dem müßigen Nichtstun des Bades verlange das Auge, durch Schönes an den Wänden unterhalten zu werden. Und sie hatte von Bracquemond, dem phantasievollen Raumkünstler, vierundzwanzig große Fayenceplatten herstellen lassen, um damit das Bad an allen vier Seiten völlig in eine Täfelung aus Porzellan einzuschließen.

Von Künstlerhand auf die spiegelglatten Flächen gezaubert, sah man die hochbeinigen Vögel, die über Strömen und Flüssen dahinstreichen, über den Seen inmitten lanzenspitzen Röhrichts an sumpfigen Ufern; und die Flüge dieser Vögel mit dem glasklar farbigen Gefieder schossen wie Blitze durch ein Grün von lichtem Schmelz, das sich heiter von dem weißen schillernden Untergrund abhob. Den Fußboden des Zimmers hatte der Künstler, einen anmutigen Einfall erprobend, unter dem lustigen Blütengestreu verschwinden lassen, mit dem ein starker Wind das Erdreich unter blühenden Bäumen überschüttet, und die kleinen Fliesen des Bodens schienen über und über besät mit den weißen Blütenblättern des Kirschbaumes, den feuerroten der japanischen Quitte.

Als Sitze dienten Schemel aus chinesischem Porzellan. Die Decke war höchst originell: Eine Rose aus geschliffenem Spiegelglas in der Mitte, die verbindenden Leisten unter Schnitzwerk verborgen, ahmte das durchbrochene Dach eines orientalischen Lustzeltes nach, und auf das azurblau belegte Glas – ein Versuch von ganz überraschender Wirkung! – waren Blumen gemalt, wie die italienischen Salons des siebzehnten Jahrhunderts sie liebten. Diese Malereien hatte die Faustin einem einzigartig begabten, doch dem Absinth verfallenen Künstler fast gewaltsam abgezwungen: Um sie von ihm zu erlangen, behielt sie ihn einen vollen Monat als Gefangenen in ihrem Hause. Zur Einfassung diente der Deckenrose ein breiter Rahmen aus mehrfach geschichteten Kristallgewinden, die, in den Ecken tief heruntergezogen, mit ihrem reichen Schliff und den vielfältigen Facetten hüpfende Lichter versprühten.

In der Mitte des Zimmers ragte ein gewaltiges Kupferbecken und blitzte wie Gold; dahinein gepflanzt war weißer Flieder, fast ein kleiner Baum, und die Faustin ließ ihn den ganzen Winter und den ganzen Frühling hindurch jederzeit durch neue Pflanzen ersetzen, sobald die Blüten welkten.

Der Gegenstand jedoch, der das Begehren einer verwöhnten Frau wecken mußte, war eine Badewanne aus makellos weißer Fayence, mit einer Ranke von Myrtenblättern auf ihrem Rand als einzigem Schmuck; nur zwei Wannen dieser Art zu brennen glückte dem Hersteller, denn die Konstruktion eines Brennofens für diese so ungewöhnlich großen Stücke richtete ihn zugrunde; die eine Wanne besaß die Faustin, die andere befindet sich im Museum zu Sèvres. Die Hähne für das heiße und das kalte Wasser, zwei Schwanenhälse aus dunklem Silber, waren nach Wachsmodellen aus dem Nachlaß des früh verstorbenen genialen Goldschmiedes Possot gegossen.

Am Kopfende der Badewanne hing ein mit weißem Flanell gefütterter Morgenrock aus alten Guipure-Spitzen von einem Ruhebett, das mit einer Matte, zart wie das Manilageflecht eines Zigarrenetuis, bedeckt war; zwei kleine Pantöffelchen aus Kolibrifedern verschwanden fast unter einem zu Boden geglittenen Zipfel des Gewandes.

Juliette Faustin war seit drei viertel Stunden im Wasser, sie träumte und sann mit unbestimmten, vom langen Bade wie aufgelösten Gedanken ihrem Morgenbesuch beim Marquis de Fontebise nach. Beifall, Hervorrufe, die Ovationen am Schluß der Tragödie, das alles hatte sie bei der Aufführung am vorvergangenen Tage geerntet, und dennoch war sie nicht ganz mit sich zufrieden, ihr schien, sie habe nicht all das gegeben, was zu geben sie sich versprochen hatte, als sie an die Rolle heranging. Ja, sie hatte aus der ganzen Fülle ihrer Kunst gespielt; aber selbst die größte Kunst – genügte sie wirklich für diese Rolle? ... und ohne daß sie wußte, warum, tönte ihr in diesem Augenblick fast wie zum Hohn ein lang vergessener Schrei ins Ohr: ein Schrei, den sie in einem schlechten Boulevardstück eine sehr mittelmäßige Schauspielerin in der Rolle einer Schwindsüchtigen hatte ausstoßen hören... eine Schauspielerin aber, die selber ein wenig schwindsüchtig war.

Mitten in ihrer Träumerei wurde Juliette durch die Haushälterin unterbrochen, die hereintrat, um ihrer Herrin eine Karte zu reichen und ihr zu melden, der Überbringer der Karte sei unten und bitte um Tag und Stunde, wann sie ihm die Ehre erweisen wolle, ihn zu empfangen.

Die Faustin las den Namen auf der Karte: Lord Annandale.

»Lord Annandale«, sagte sie, »mir nicht bekannt... nein, ganz und gar nicht.«

»Madame kennen den Herrn nicht? Aber das ist doch Monsieur William Rayne!«

»William Rayne! William Rayne, sagst du... ja, jetzt fällt mir ein... Annandale war der Name seines Vaters... Schnell, lauf und bring ihn zu mir!«

»Madame vergessen gewiß, wo Sie sind?«

»Ich befehle dir, führ ihn herein.«

Mit vor Erregung bebender Hand riß die Faustin ein Fläschchen von einem Wandbrett, leerte seinen ganzen Inhalt in das Bad, und als Lord Annandale eintrat, war der Körper der nackten Frau nur ein rosiger, kaum sichtbarer Schimmer inmitten von opalem, milchigem Weiß, das verschleiernd ihre Nacktheit mit einem Nebelduft umhüllte.

Der junge Lord, in tiefe Trauer gekleidet, näherte sich ehrfurchtsvoll der Badenden; dann blieb er neben ihr stehen und beugte ein Knie zum Boden, um die feuchte Hand zu küssen, die ihm die Faustin entgegenstreckte – fast furchtsam, wie vor einer Geistererscheinung.

»Ja, ich bin es! ... oh, vieles hat sich in meinem Leben zugetragen! ... später werde ich Ihnen alles erzählen... aber ich habe Ihre Briefe gelesen und weiß, daß Sie mich noch lieben, Juliette!«

»Sie, William! ist es möglich?« Und die Faustin hielt inne, um ihn mit ganzer Seele anzuschauen, als wollte sie sich seines Daseins, seiner Gegenwart, seiner Wirklichkeit versichern, und fast irre Freude war in ihrem Blick. Und als er reden wollte, legte sie ihm mit unsicherer Bewegung die Hand auf den Mund. »Nein, nein«, hauchte sie, »sprechen Sie nicht. Was Sie mir sagen – es macht mich denken; und der Klang Ihrer Stimme – er lenkt mich ab... Und ich will Sie sehen... immer nur Sie sehen!«

Die alte Haushälterin trat abermals ein. »Um Gottes willen, Madame! Monsieur Blancheron ist da und will Sie dringend sprechen. Er läßt sich nicht abweisen.«

Über die Züge der jungen Frau flog etwas wie der Unmut eines plötzlichen Erwachens; danach kam es von ihren Lippen: »Sag Blancheron, daß ich ihn nicht empfangen kann... daß ich mit Mylord schlafe!« Und da die Alte zögerte, den Auftrag auszuführen, setzte sie gebieterisch hinzu: »Sag ihm das! Ich befehle es dir.«

Als die Dienerin gegangen war, winkte die Badende William durch einen Blick zu sich heran, daß er sich auf einen Porzellanschemel dicht neben der Wanne setze. Und die Arme schamhaft über der Brust gekreuzt, nur die braunen Locken an Williams blondes Haar geschmiegt, den Kopf schmeichlerisch wiegend, sprach sie verwirrte und zärtliche, von jähem Verstummen dann und wann unterbrochene Worte, sprach sie all das aus, was die Liebende selig bewegte, bis sie unvermittelt schwieg und ihr Gesicht von dem Geliebten weg zur Seite kehrte. William beugte sich über Juliettes abgewandtes Antlitz und sah Tränen still über ihre Wangen fließen, glückliche Tränen, die sich in den geschürzten Winkeln ihrer lächelnden Lippen verloren.

»Oh! Das ist ja eine recht sonderbare Art von Glück... es sieht fast aus, als ob ich weinte«, sagte die Faustin und fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen. »Schon vier Uhr! William, wir müssen uns trennen... Holen Sie mich heute abend vom Theater ab. Guénégaud wird Ihnen die Karte für die kleine vergitterte Loge geben... Rasch! Gehen Sie jetzt.«

Doch ehe William den Raum verließ, sandte ihm die Schauspielerin, mit Brust und Armen aus dem Wasser tauchend, eine Kußhand nach und rief:

»Mylord, für Sie wird die Faustin heut' abend spielen... hören Sie... für Sie allein!«

II

Als die Faustin am Theater anlangte, sah sie, daß sich bereits eine endlose Menschenschlange die Fassade an der Rue de Richelieu entlangwälzte, um die Arkaden bog und sich bis in die kleine Rue de Montpensier hineinwand, eine aufgeregte, gestikulierende Menge, aus der verworren der Lärm leidenschaftlicher Wortwechsel stieg.

Paris war von glühender Neugier auf diese zweite Aufführung ergriffen, denn nach der ersten hatten die Meinungen unversöhnlich gegeneinander gestanden: Die einen erhoben die neue Tragödin über die berühmte Rachel, die anderen meinten, sie besitze nur ein sehr durchschnittliches Verständnis für die Rolle, verfüge jedoch über ungewöhnliche schauspielerische Mittel; sie sei ein wundervolles Instrument, auf dem der alte Marquis de Fontebise spiele – eine Schauspielerin von großem Können also, aber keineswegs eine Schauspielerin aus dem Gefühl. Dies war seit zwei Tagen der Gegenstand der Gespräche und Debatten in den Cafés, den Salons, den Klubs. Zudem war anläßlich des ersten Auftretens der Faustin eine Zeitungsschlacht über die Frage entbrannt, ob es vertretbar und den geheiligten Traditionen gemäß sei, die längst entschlafene große Tragödie durch die Effekte des modernen Dramas zu künstlichem Leben zu erwecken, wie die neue Phädrä es unternahm. Und ganz Paris hatte sich heute abend im Théâtre-Français zusammengefunden, um in letzter Instanz das Urteil über die Künstlerin zu sprechen.

Die Faustin ging in ihre Garderobe hinauf und begann ihre Rolle durchzuproben, doch in solcher Unruhe, daß ihr Blick jede Minute die Uhr auf dem Toilettentisch suchte und ihr Ohr auf das ferne Gesumm im Zuschauerraum hinunterlauschte, das anschwoll und zu ihr drang wie das Wogenrauschen der steigenden Flut bei einer Überschwemmung.

Entgegen ihrer Gewohnheit war die Schauspielerin schon auf der Bühne, bevor die drei üblichen Schläge den Beginn der Vorstellung anzeigten – und spähte durch das Loch im Vorhang. Gleichgültig glitt ihr Auge durch den Saal voll berühmter Leute, über die strengen Kunstrichter im Parkett, das lärmende, von ihr schon im voraus zu Fieberglut erhitzte Publikum; in diesem ganzen Saale suchte ihr gieriger Blick beharrlich nur nach der einen Silhouette im Dunkel, hinter dem Gitternetz einer Loge. Während der letzten Minuten vor der Aufführung, indes sie lange und starr auf das schwarze viereckige Gelaß schaute, gewiß, daß nun jemand darinnen war, befiel sie etwas wie eine zärtliche physische Kraftlosigkeit, eine süße Ohnmacht, und dem Umsinken nahe, klammerte sie sich einen Augenblick mit dem kleinen Finger an das Vorhangloch.

Als dann die Darstellerin bei ihrem Auftritt die Verse zu sprechen hatte:

»Laß uns nicht weitergehn. Laß mich hier Ruhe finden.
Die Knie wanken mir, und meine Kräfte schwinden«,

da flüsterte die Faustin diese Worte mit all der Verlorenheit des Wesens, das in Liebessehnen erlöschen will, und in jenen hinschmelzenden Tönen, bei denen die Liebenden im Theatersaal einander mit den Augen suchen. Und ihr Mund sprach Racines Dichtung nicht zu einem namenlosen Publikum, ihm von der Liebe Phädras, der Gemahlin des Theseus, zu erzählen; nein, sie erzählte William von Juliettes Liebe, und mit dem Dunkel griechischer Haine beschwor sie vor ihm das Dunkel der Wälder Schottlands, und alles, was sie in überschwenglicher Leidenschaft sagte, war so offenbar nach der kleinen dämmerigen Loge hin gesagt, daß sich ohne Unterlaß Köpfe aus den Parkettreihen umwandten oder vom Balkon niederbeugten und eifersüchtig den Schattenwinkel durchforschten, in dem ein Unbekannter sich verborgen hielt, ein Mann, dessen Züge man kaum unterscheiden konnte.

William suchte die Künstlerin nach dem ersten Akt in ihrer Garderobe auf, um sie zu beglückwünschen; sie schickte ihn fort: »Kommen Sie nicht wieder, ich will Sie nicht hier, nicht inmitten dieser gleichgültigen Leute sehen... Aber warten Sie nach der Vorstellung auf mich, in meinem Wagen.«

Im zweiten Akt, bei dem Geständnis ihrer Liebe, versagte der Faustin für einen Augenblick die Stimme im Aufruhr ihrer eigenen Leidenschaft; doch die Menge hörte in dem Pianissimo ihrer Rede nur den Krampf einer im Gefühl vergehenden Seele, und niemals vielleicht haben die berühmten Verse eine so mächtige Wirkung hervorgebracht.

Auch während dieses Aktes, wie in jedem der drei folgenden, war immer noch, immer wieder William der eine, an den sich alle Worte dieser Phädra richteten – Modulationen eines unendlichen Liebesbekenntnisses durch alle Tonarten der Leidenschaft –, der eine, dem jetzt ein Ermatten, jetzt der Aufschwung, der Verzweiflungsschrei eines Herzens galt und auch jeder Triumph der Künstlerin, wenn sie fühlte, die Liebesverzückung ihres ganzen Seins habe einem Vers den überzeugenden, hinreißenden Ton geliehen.

Die Bravorufe, den Beifall, das Toben der im tiefsten durch das innerliche Spiel echter Leidenschaft bewegten Zuschauer – all das hörte, sah, spürte die Schauspielerin nicht. Nur einem einzigen gehörend, kannte sie nicht Parkett noch Rang, nicht Galerie, Amphitheater und Parterre; sie sah nur zwei weißbehandschuhte Hände auf dem halb herabgelassenen Gitter einer Loge.

Für Lord Annandale spielte die Faustin, so wie sie es ihm versprochen hatte, für ihn allein; und sie schenkte ihrem Geliebten die größte Befriedigung männlicher Eitelkeit, die eine Schauspielerin gewähren kann: Die Künstlerin bringt ihm ihre Kunst als Liebesopfer dar, im Angesicht von zweitausend Menschen, die sie verschmäht, für die sie spielt und die doch für sie sind, als wären sie nicht.

Je weiter die Tragödie voranschritt, desto mehr wuchs die Bewunderung aller und zugleich das überraschte Staunen derer, die der ersten Aufführung beigewohnt hatten. Das war nicht mehr die ein wenig naturkindhaft-sinnliche Phädra des vorletzten Tages, die Phädra des Euripides; es war die Phädra Racines, die schmachtende, mit dem Gurren der verwundeten Taube vom gesitteten Hof alter Zivilisationen.

III

»Nach Haus, Ravaud! Fahren Sie langsam«, hatte die Faustin ihrem Kutscher zugerufen.

Mit dem seidenen Rascheln, das von dem Kleid einer glücklichen Frau ausgeht, hatte sie sich neben William niedergelassen; und beide schwiegen, versunken in ihr Glück. Sie genossen die träge Wollust, die nachts in der Enge eines Wagens ein liebendes Paar erfüllt, wenn eine sanfte zärtliche Erregung sich von dem einen dem ändern mitteilt, wenn zwischen beiden Körpern, beiden Seelen ein knisterndes magnetisches Fluidum überströmt, und dies in dem schläfrigen In-sich-versponnen-Sein und jenem lässigen Beieinander, wo das Kleid der Frau die Beine des Mannes streift und ihre Wärme sich mit der seinen vermischt. Wie eine körperliche und geistige Vertraulichkeit in gedämpftem Lichte ist es; und der flüchtige Schein der Straßenlaternen, der durchs Wagenfenster fällt, treibt in der Finsternis sein Spiel mit der Frau, löst ihre Wange, ihre Stirn, eine blitzende Jettperle an ihrer Toilette aus dem köstlich beklommenen Dunkel und läßt für einen Moment ihr beschattetes Antlitz sehen und die Augen voll weichem Veilchenblau. Dazu das Schaukeln des Wagens, das Menschen und Gedanken in Schlummer wiegt und bei einem plötzlichen Stoß einen Kopf, der sich gibt, gegen eine Schulter wirft, die sich darbietet. Und ohne ein einziges Liebeswort überließen sich die beiden Liebenden dem leichten Trab des Gefährts; William hielt Juliettes Hand in seinen Händen und fühlte unbewußt ihre kleinen, in seine eigenen verschlungenen Finger, die feine glatte Haut von warmer Feuchte und die daunenweiche Innenhand, von der, wie ihm schien, etwas vom Leben der geliebten Frau in ihn hinüberfloß.

IV

Als sie zur ersten Etage des Hauses in der Rue Godot de Mauroi hinaufgestiegen waren und William innehielt, sagte die Schauspielerin:

»Weiter nach oben, Lieber, wir werden unser Souper diesmal im ›kleinen Stübchen‹ einnehmen.« »Und die Herrschaften, die Madame für heut' abend eingeladen hat?« rief die Haushälterin verzweifelt durch die angelehnte Tür des Speisezimmers.

»Ach was, mögen sie ohne mich essen!... Du sagst ihnen, daß ich nach Le Havre gereist bin ... daß ich den Sturm erleben wollte, der für diese Nacht angekündigt ist.«

Die Faustin ging ihrem Geliebten voraus bis zum obersten Stockwerk und führte ihn in ein Zimmer, dessen Decke, Fußboden und Wände mit gefirnißtem Tannenholz getäfelt waren; an der Seite stand ein Jungmädchenbett mit weißen Musselinvorhängen.

»Hier ist mein Eckchen, wo man mir Muße gönnt, meine Rollen zu studieren, mich an meine Rollen heranzutasten... und in dem Bett übernachtet mitunter eine Freundin aus der Provinz, wenn sie mich besuchen kommt.«

Vor dem hellodernden Holzfeuer im Kamin waren auf einem kleinen Tisch eine Schüssel Krabben, ein kaltes Rebhuhn und ein Körbchen mit Fontainebleau-Trauben und zwei Granatäpfeln bereitgestellt, dazu eine Flasche Champagner: das Souper eines Studenten mit seiner Grisette.

»Über allem anderen«, rief William, »habe ich Ihnen noch gar nicht gesagt, daß Sie heute abend die größte Schauspielerin dieser Erde gewesen sind!«

»Heute wollen wir von nichts als von unserer Liebe sprechen«, sagte die Faustin. »Aber warten Sie einen Augenblick.« Und sie verschwand in einem Kabinett nebenan.

William setzte sich am Kamin nieder, sein Auge schweifte durch das kleine Zimmer, das nun in der beginnenden Wärme einen kräftigen Harzgeruch ausströmte; und beim Anblick des Bettes mit den weißen Vorhängen, dieses keuschen Bettes, empfand er ein Gefühl von Freude und Erleichterung, sich nicht in dem Zimmer zu befinden, wo die Faustin Zärtlichkeiten mit dem Manne tauschte, der sie aushielt.

Nach wenigen Minuten kehrte Juliette zurück, in Negligé und Spitzentuch, und blitzartig kam Lord Annandale die Erinnerung: dasselbe Negligé, dasselbe Spitzentuch hatte Juliette in Schottland getragen, in den Nächten, da sie beide, auf der Freitreppe des Schlosses sitzend, selbstvergessen die weißen Pfauen im Mondlicht angeschaut.

»Jawohl, ich habe sie aufgehoben!« sagte die Faustin und entzog sich Williams ausgestreckten Armen. Sie setzte hinzu: »Später... seien Sie vernünftig... jetzt lege ich Ihnen vor, Mylord.«

Zu zweit an dem winzigen Tischchen und ohne aufwartende Bediente, nahmen die beiden ihr Souper; und mit dem streifenden Begegnen ihrer Hände, wenn sie einander eine Schüssel reichten, mit den unbefangen zärtlichen Torheiten aus jedem und keinem Anlaß, mit der Heiterkeit eines improvisierten Picknicks, mit der prickelnden Erregung des verliebten Beisammenseins in einer Dachstube glich es dem Souper von zwei jungen Menschen in der ersten Blütezeit ihrer Liebe.

Sie aßen, sie tauschten Blicke, sie lächelten einander zu. Dann und wann während dieses leidenschaftlichen Tête-à-tête ließ die Faustin die zum Munde geführte Gabel sinken, eine Minute lang betrachtete sie William andächtig, fast mit der religiösen Ekstase, die man auf Gemälden dargestellt sieht; und schwärmerisch, so wie ein Mann eine Frau bewundert, flüsterte sie in einem tiefen Aushauch aus beengter Brust:

»Sie sind sehr schön, mein schöner Lord!«

Die Faustin sprach wahr: Er war wirklich schön, der junge Lord Annandale; schön war die melancholisch milde Sanftmut seiner blauen Augen, schön das seidige Gelock von Haar und Bart, schön die durchsichtige Helle, die nur der Haut des Engländers eigen ist, schön die schlanke Geschmeidigkeit seines zugleich zarten und kräftigen Wuchses, schön war er in der edlen Haltung adeliger Blondheit.

Und es gewährte einen seltsamen und reizenden Anblick, wie der Mann, befangen, verwirrt, beglückt verlegen, sich von der Frau umwerben ließ – von derselben Frau, der vor kaum einer Stunde die Huldigungen von ganz Paris gegolten hatten.

Und verschlossenen Mundes fand der Engländer nicht Wort noch Sprache, um die liebenswürdige Anmut zu erwidern, die den Ernst dieser bezaubernden Liebe einer Französin bekränzte.

Das Mahl war beendet, und als es William nicht gleich gelang, sich eine Zigarette anzuzünden, nahm Juliette sie ihm aus der Hand, zündete sie an, zog einmal und schob sie zwischen seine Lippen.

»Nun aber, mein schöner Lord, zu Ihren Abenteuern! Erzählen Sie mir alle Ihre Abenteuer, seit wir uns getrennt haben.«

Darauf berichtete William, wie sein Vater, in Unruhe über seine Liebe zu Juliette, ihn bestimmt hatte, seine Entlassung aus dem Amt bei der englischen Gesandtschaft in Belgien einzureichen; dafür hatte er ihm die Stelle des Ersten Privatsekretärs beim Vizekönig von Indien erwirkt, und dies innerhalb weniger Wochen und aus der patriarchalischen Autorität, die in den aristokratischen Familien Englands der Vater noch heute über den Sohn besitzt. William hatte an seine Juliette geschrieben, aber der Brief war von einem dem alten Lord blind ergebenen Bedienten aufgefangen worden. Darauf war er in Verzweiflung abgereist und hatte drüben Jahre verbracht, die ihm unendlich erschienen.

»Und der schwarze Tiger?«

»Woher wissen Sie das? ... Oh, die Verletzung war ganz unbedeutend, nur eine derbe Schramme... die Zeitungen haben gewaltig übertrieben.«

»Wo war die Wunde? Ich muß sie sehen... zeigen Sie sie her!« – und die Finger der Faustin strichen wie unbewußt an seinem Arm unter dem Hemd entlang.

»Was sind Sie für ein Kind!«

Lord Annandale nahm seinen Bericht wieder auf: »Schließlich, nach drei langen Jahren, erhielt ich eine Depesche mit der Nachricht, daß mein Vater gestorben war.... Ich kehrte heim nach England... ich fand alle Ihre Briefe, ein versiegeltes Paket, das mir zu gegebener Zeit zugestellt werden sollte... es war gerade damals, als die Zeitungen Ihr Debüt an der Comédie-Francaise ankündigten.... Aber Erbschaftsangelegenheiten, die Fragen der Nachfolge hielten mich in England zurück... so konnte ich erst am Tage nach Ihrem ersten Auftreten in Paris sein....«

Da ließ sich Juliette auf den Teppich zu seinen Füßen gleiten, und neben ihm hockend und die verschränkten Arme auf seine Schenkel gestützt, fragte sie, während sie seine Augen mit den ihren festhielt:

»Und die Frauen da unten? ... ich will, daß Sie mir auch von denen erzählen!«

»Oh, die Bajaderen!« sagte Lord Annandale im Ton ironischer Bewunderung, »sehr niedliche kleine Dinger sind sie, mit ihren verschlagenen Kleinmädchengesichtern, den durchsichtigen Schleiern aus bunter Gaze, den engen Seidenhosen! Sie stampfen mit den nackten Füßen, ihre Hände tragen schwer an all den Ringen und Spiegelchen ... und obendrein die vergoldete Stirn, und die Nase, an der es von Schmuck klirrt!«

»Ja, ja, aber trotz dieser Nasen, mein schöner Lord, haben Sie dort unten sicherlich sehr viel geliebt.«

»Dort lieben? ... Nein, Juliette«, sagte der Engländer schlicht, »Ihr Bildnis habe ich geliebt... wenn ich auch glaubte, daß Sie mich vergessen hätten!«

Mit einem jähen Schwung der Hüften schnellte Juliette vom Teppich auf; sie warf sich rückwärts auf Williams beide Knie, zog die Lippen des Geliebten auf ihren Mund herab, und mit einem wilden Kuß sagte sie: »Komm.«

Und in einer Sekunde hatte sie die Kleider abgeworfen, daß sie das Zimmer übersäten, und war auch schon im Bett. Da ruhte sie, in der reizenden Haltung einer Frau, die, den Kopf auf einen Ellbogen gelehnt, den Freuden der Nacht entgegenlächelt, und ihr halbgeöffneter Mund gleicht einer Rosenblüte voll feuchter Dunkelheit an ihrem Grunde.








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