Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 97
Quellenangabe
pfad/dahn/julian/julian.xml
typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
year1977
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20120163
projectid159a9d02
Schließen

Navigation:

Zweiunddreißigstes Kapitel

Da richteten sich die vielen tausend Augen auf die schmale Seitentüre des Saales zur Linken des Thrones, die sich nun geräuschlos auftat, und herein schritt, unter atemlosem Schweigen der Versammelten, eine hochragende, eine majestätische Gestalt, die den Kriegern, die an der Türe Wache hielten, bis an die Helmkämme reichte.

Ein langer weißer Bart wallte, in zwei breite Wogen geteilt, bis auf den dreimal geknoteten Strick, der das dunkelbraune härene Gewand – die Tracht der ägyptischen Wüstenpriester – zusammenhielt. Das gewaltige Antlitz, von großartigem, aber doch mildem, von edelstem Ausdruck, war gerade auf den bleichen Imperator gerichtet. Der Blick der hellblauen Augen schien bis in den Quellgrund der Seele zu dringen. So stand der gewaltige Greis vor dem Thron, ohne das Haupt zu beugen, barhäuptig, barfuß, in der Tracht eines sündigen Büßers; aber vor der Hoheit dieser Erscheinung versank der Imperator und sein Purpurthron und alle Pracht seiner Großen in nichts. Alle fühlten, dieser Mann ist unerreichbar groß.

Lange hatte Julian den Blick jener Augen ertragen, aber plötzlich zuckte er zusammen und schloß sie wie verwirrt. Nach einer Weile erst schlug er sie wieder auf und hob an: »Metropolit von Alexandria, du bist angeklagt bei mir ...« – »Du bist nicht mein Richter, Flavius Claudius Julianus«, unterbrach Athanasius mit klarer, lauter Stimme; sie durchdrang den ganzen Saal, drang weit hinaus zu den Tausenden draußen auf dem Platz, und doch ward sie ohne jede Anstrengung gebraucht. »Mein Gericht ist nur ein allgemeines Konzil der Kirche. Nicht als Angeklagter, als Ankläger steh ich hier. Du bist durch den Taufbund der Kirche erworben; als dein Seelenhirte sprech ich zu dir.«

Julian machte eine unwillig ablehnende Bewegung, er wollte aufspringen, aber er beherrschte sich und sprach: »Wohlan, ich will dich reden lassen, Athanasius. Man soll nicht sagen, du habest nicht voll Gehör gefunden. Rede denn, soviel du willst. Aber dann ... dann rede ich.«

Und Athanasius begann mit überwältigender Macht der Rede: »Nicht in Worten mit dir zu streiten bin ich hergekommen. Unser Streit wird nicht durch Worte, durch die Weltgeschichte wird er entschieden. Ich scheue sie nicht, deine dialektischen Fechtkünste, ich kenne sie und verachte sie. Ich frage nur: Wer und was hat dich, als du fast noch ein Knabe warst, zum Abfall vom Glauben bewogen? Ein Priester, der, eidbrüchig, jahrzehntelang sich als eifrigen Christen ausgab, während er die Kirche insgeheim auf das grimmigste bekämpfte. Ist das sittlich? Ist das nicht ebenso Heuchelei, wie die mancher unserer Mönche, die er dir aufgedeckt haben soll? Nicht ebenso unsittlich, wie ein wurmstichiger Papst, der später abfiel vom Glauben? Gewiß sind viele unserer Priester arge Sünder. Daß die Kirche gleichwohl noch besteht, trotz der Fäulnis so vieler ihrer Glieder, gerade das beweist ihre göttliche Gründung und Erhaltung durch Wunder. Aber nicht deine Vernunft will ich überzeugen von dem, was über aller Vernunft ist. Nein, o Julianus, nicht deinen Geist: dein Gewissen ruf ich an!«

»Meine Ahnung!« sprach Serapio plötzlich hochernst, zu sich selbst. »Jetzt, Julian, nimm dich zusammen.«

»Das ist der Anwalt, den ich hier vorfinde; bald stelle ich den mitgebrachten dir vor Augen. Dein Gewissen will ich aufwecken, nicht deine Schlüsse widerlegen; deine unsterbliche Seele will ich retten. Deshalb bin ich hierher gereist, ein alter Mann, so weit her, mitten durch alle Verfolgungen meiner alten Feinde, der Ketzer, und meiner neuen, deiner Schmeichler. Ich komme, dich zu fragen: Mit welchem Recht kannst du es wagen – du! – gerade du, der du so schwer gefrevelt, auch schon bevor du Christus verfolgtest, in diesem Reiche der Römer solche Verwüstung anzurichten, einen Glauben zu verbreiten, den andern zu verfolgen? Wie kannst du das wagen, Cäsar Julian?«

»Imperator Augustus heiß ich und bin ich, Vermessener«, rief nun Julian, der wechselnd glutrot und leichenblaß geworden war.

»Du heißest so: du bist es nicht! Du bist der vor Gott dem Herrn tief verworfene Sünder, der die meineidige Hand – siehst du, wie du erbleichst bei diesem Worte, dem Donnerworte Meineid! – ausgestreckt hat nach dem Diadem seines Herrn: eines bösen Herrn, aber seines Herrn nach Gottes Recht und der Menschen! Du bist der treubrüchige, der pflicht- und ehrvergessene Mann, der dort zu Paris von einem Haufen wahnsinniger Barbaren, fahnenflüchtiger, eidvergessener Soldaten, sich mit einer Panzerkette zum Imperator krönen ließ. Dir und den Deinen flögen die Köpfe vor die Füße, ging es nach dem Rechte. Du bist kein Imperator, und du kannst es nie werden, seit Constantius starb, ohne dich anzuerkennen. Und am Jüngsten Tage wird der Weltenrichter sprechen: ›Meineidiger Cäsar Julian – schon um deines ungeheuren Treubruchs willen –, fahr zur Hölle!‹«

Julian hatte während dieser furchtbaren Worte starke Wandlungen durchgemacht. Frühere Aufwallungen des Zorns hatte er rasch niedergekämpft, aber das Wort »Meineid« war ihm ins Mark gefahren und hatte ihn aufgejagt wie ein Feuerpfeil. Er war vom Thron aufgesprungen, er hatte den Kühnen unterbrechen wollen, aber als Serapio nun wiederholt versuchte, den fürchterlichen und mitreißenden Redner zu hemmen, winkte er ihm, ihn seine Anklagerede vollenden zu lassen.

Jetzt schwieg Athanasius und bohrte die wie Diamanten blitzenden Augen so tief in die seines Gegners, daß dieser verwirrt, wie bei seinem ersten Anblick, die langen, dunklen Wimpern senkte, freilich nur ganz kurz. Aber kalter Schweiß perlte ihm auf der Stirn, als er nun heiser begann, mit tonloser, mühsam die Worte bildender Stimme: »Ein anderer – (auch ein Galiläer!) – würde dir vielleicht einwenden, Priester: ›Es war Notwehr, Notstand; ich hatte nur die Wahl, zu sterben oder den Eid zu brechen. Not kennt kein Gebot!‹ Und dieser mein Einwand wäre...« – »Lüge.« Julian fuhr hoch, vom Thron empor; auch alle andern staunten. – »Was ... was soll das heißen?«

»Daß du nicht aus Todesfurcht gehandelt hast. Im Gegenteil. Du sprachst dein ›Nein‹ zum drittenmal, als schon zwei Waffen dein Leben bedroht hatten.« – »Wie?« schrie nun Julian außer sich, und unwillkürlich fuhr ihm die Faust an den Gürtel, wo aber heute das Schwert fehlte. »Das weißt du, Priester? Du weißt, daß ich meine Treue mit meinem Leben besiegelt habe, daß ich eine halbe Stunde lang dem Tod ins Auge sah mit meinem ›Nein‹? Und daß ich erst, als alle Gefahr vorüber, die Krieger gewähren ließ? Das weißt du, daß nicht Todesfurcht mich bestimmt hat, und dennoch wagst du, mich zu verdammen?«

»Gerade deshalb. Gabst du nach aus Todesangst, so war's eine läßliche Sünde. Bist du doch kein Christ. Tausende von Christen haben sogar unter den Zangen der Folterer, aus Angst vor dem Tode, nicht standgehalten; das schwache Fleisch gab nach, nicht alle sind zu Märtyrern gefestigt. Gott der Herr wird sie gelind bestrafen, wie ich dich entschuldigen würde, hättest du aus Todesangst gefehlt und dann deine Schuld durch Reue, Buße, Besserung gesühnt.«

Jetzt glaubte Julian den Sieg gewonnen zu haben in diesem Gedankenkampf, der ihm furchtbar viel schwerer geworden, als je einer zuvor. Jetzt richtete er sich hoch auf und, stolz herabblickend auf den Greis zu den Füßen seines Thrones, rief er mit wiedergefundener Kraft der Überzeugung und der Stimme: »Hört es, ihr Freunde, hört, ihr Römer all: Das also ist's! Das ist die hohe Sittlichkeit des Galiläers! Also aus Feigheit, aus elender Todesfurcht den Eid brechen, das ist läßlich, das liegt in der Schwäche der erbsündigen Natur, das hätte er begriffen und verziehen. Daß aber ein Römer, ein Feldherr und – (ich darf es sagen) – ein Held, nachdem er dem Tode getrotzt, aus andern Gründen sich entschließt, den Eid zu brechen, das kann er nicht verstehen noch verzeihen, der Priester. Selbstverständlich! Ist er doch kein Mann, sondern ein Wundertäter, kein Römer, sondern ein Galiläer. Vernimm es also, wußtest du es nicht bisher: Es gibt ein Vaterland, es gibt ein Reich der Römer! Dies ist des Römers höchstes Gut auf Erden. Das Römerreich zu retten – (das verloren war, wenigstens im ganzen Abendland, ganz Gallien an die Barbaren verloren, gab ich die Legionen her) –, das Römerreich zu retten, ja und, allerdings auch – (das war aber erst mein zweiter Gedanke) –, um die alten Götter wiederherzustellen, bracht ich des Mannes höchstes Opfer dar, das seiner Ehre, brach meinen Eid und rettete das Reich.« Erschöpft hielt Julianus inne.

»Und mit dieser elenden Ausflucht hast du dein Gewissen beschwichtigen können? Deine Götter! Waren sie also auf dich angewiesen, auf deinen Eidbruch? Bedürfen sie deiner Hilfe, nicht du der ihren? So schwach sind sie? Das glaubst du selbst nicht! Eine Ausrede vor dir selbst, eine Selbsttäuschung war diese deine ›Pflicht‹ gegen die Götter. Und dein Eidbruch? Hat er denn deinen Göttern genützt? Nicht eine Seele hast du für deine Göttergespinste gewonnen! Und alles, was du künstlich in diesen Jahren aufgebaut, in kurzer Zeit wird es wieder spurlos verschwunden sein; wie du selbst! Nicht berühme ich mich Unwürdigen, den Geist der Weissagung zu haben; dir aber sage ich, du bleicher Mann im Purpur, wahrlich, wahrlich, wie eine Wolke wirst du vorübergehen.«

»Eine Wolke birgt manchmal Blitz und Donner. Hüte dich, Bischof von Alexandria.«

»Nicht die Pforten der Hölle werden sie überwältigen, geschweige ein witzelnder Rhetor. Aber das Reich, sagst du! Dich rief das Reich. Ich frage dein Gewissen: Wie? Ist das deine Sittenlehre? Heiligt dir der Zweck das Mittel, das Wohl des Vaterlands, rechtfertigt es den Eidbruch? Wahrlich, nicht nur die Kirche, auch fromme Heiden – denn es gibt solche, die ich hoch achte – verwerfen solche Frevellehre mit Abscheu. Aber du, du bist ja gar kein frommer Heide! Sondern auf eines läuft alles bei dir hinaus: Das Genie – das heißt Julian! – steht über den Gesetzen der Sittlichkeit, wie sie gewöhnliche Sterbliche verpflichten. Siehst du, wie du zuckst? Das traf wie das Wort ›Meineid‹! Denn es ist die Wahrheit! Solche Überhebung aber ist der frevelhafte Gipfel sündhafter Selbstsucht! Jeden andern hättest du verurteilt, der den Eid der Treue brach, du selbst wolltest ihn wacker halten, auch unter höchster Todesgefahr – ich lob es –, bis dir plötzlich einfiel: Ei, ich bin ja Julian, der Geistreiche, der Unvergleichliche, der Liebling der Götter, bin ja nicht jener Magnentius oder Silvanus, den ich verurteilte, oder mein eigener Bruder, dessen Tun ich scharf verwarf. Ich darf tun, was kein andrer dürfte. Ein frommer Heide hätte gesagt: ›Mögen das Reich die Götter retten, sie können es, wenn sie wollen; ich rette meine Treue, mein Gewissen. Mein Leben für das Reich, aber nicht meine Ehre.‹ – Du aber, du sahst vor allem dies Menschlein da, diesen Julian, der Diadem und Purpurmantel trug; du sahst nur dein Bild im letzten Grund deiner Seele. Das war dein erster Gedanke.«

Da fuhr Julian zusammen. Er wankte, er griff nach der Lehne des Throns.

»Die einfache Mannespflicht band dich nicht genug, für Julian mußte Besonderes gelten. Du sahst in jener Stunde der Gefahren wie in einen dunklen, langen schmalen Gang: Da, am Ende des Dunkels tauchte dir plötzlich strahlend auf deine eigene Gestalt im Purpur, und du vergaßest rasch alles und griffst rasch nach dem Purpur. Und du brachst deinen Eid!« fuhr der Furchtbare unerbittlich, einen Schritt näher tretend, fort: »Nicht aus menschlich verzeihlicher Todesangst, aber auch nicht – vor allem – wie du dir vorlügst, aus Liebe zu dem Reich und deinen Göttern, sondern weil du – eben du! –, der herrliche Julianus, der Retter sein solltest. Hätte ein anderer damals, das Reich zu retten, sich empört, du hättest deinen Eid gehalten und ihn bekämpft für Constantius. Aber du! Dich wähnst du berufen zu allem Höchsten. Diesem Rufe – dem Tubaruf der Ruhmsucht – folgst du, auch wenn er zum Verbrechen lockt. Du bist treulos, ehrlos, meineidig, eidbrüchig geworden, o Julian, nicht um Roms, nicht um der Götter willen, sondern aus dem tiefsten Kern deines Wesens heraus, und der ist – grenzenlose Eitelkeit.«

Da stöhnte Julian ganz leise, er wollte sich ermannen, aber er brach in sich zusammen. Schwer sank ihm das Haupt vornüber auf die Brust, dabei fiel das goldene Diadem von seiner Stirn und klirrte, dreimal auf den Stufen des Thrones aufschlagend, zuletzt mit hellem Schall auf den Marmorestrich. Jovian bückte sich rasch, hob es auf und reichte es ihm hin; der aber wies es mit der Hand zurück: »Behalt es einstweilen, Jovian! Es war ein Omen«, flüsterte er mit schwacher Stimme.

»Auf, Imperator!« mahnte Serapio leise, ihn an der Schulter emporrichtend, »ermanne dich. Und straf den Priester Lügen.«

»Ich kann nicht, Freund! – Ach, er spricht wahr! – Ich sah – zuerst – gemäß meinem Traum – mich, mich selbst, mein Haupt mit dem Diadem! Ja das ... das hat mich entschieden.«

Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Reihen: »Seht, er wankt! Er schweigt; er muß verstummen; er fühlt sich schuldig.« Diese Worte drangen bis zu Serapio und Jovian. Beide fuhren auf. Und jener begann: »Nicht also, Römer! Ihr seht es ja, der Imperator ist plötzlich erkrankt.« – »Kein Wunder«, fuhr Jovianus fort. »In dem gerechten Zorn über solche Beschuldigung.« – »Wie willst du denn alles wissen und abwägen«, sprach Serapio, »du seelenkundiger Priester? Hat er dir Beichte darüber abgelegt? Wie schwer in jenem Entschluß die Sorge für das Reich, wie schwer die Rücksicht auf den eigenen Ruhm – nicht auf das Leben – wog? Freilich gehört dazu nicht bloß die Erkenntnis: ›Gallien, das Abendland ist verloren, geb ich nach.‹ – (Glaub es nur, Priester, glaubt es, ihr römischen Männer, mir, dem Franken, ich verstehe mich darauf: Gallien war verloren, verloren an mein Volk, hätte Julianus nachgegeben!) Sondern dazu mußte das Selbstvertrauen treten: ›Und ich bin der einzige, der es retten kann.‹ – Wohlan, hat er es nicht – für diesmal noch – gerettet? Der Erfolg hat ihn gerechtfertigt.« – »Jawohl«, fiel Jovianus ein. »Seine Schuld – war Schuld dabei –, ist solcher Heldenehrgeiz Schuld: sie ist gesühnt. Das Urteil Gottes hat entschieden; sonst hätte ich ihm nicht gedient. Gott hat in seiner Tat kein Verbrechen gesehen.« – »Glaubst du?« fragte Athanasius drohend. »Nein, junger Krieger, Gott hat anders, hat gegen den Meineidigen entschieden. Er hatte ja Gott einen Bürgen gestellt, eine Geisel für seinen Eid. Wohlan, Gott hat für ihn, den Hauptschuldner, die Strafe noch aufgespart – auf kurze, kurze Zeit! Gott hat sich an den Bürgen gehalten. Hast du vergessen, unseliger Sohn, als du nach dem blutigen Purpur griffest, wie dein Treueid gelautet hatte? So ganz hat dich die eitle Gier hingerissen, daß du alles vergaßest – auch die eigene Mutter?«

Julian fuhr auf, beide Arme kurz erhebend.

»Du schwurst Treue bei den Augen deiner Mutter. Brächst du die Treue, solle sie erblinden. Wohlan, sie ist erblindet. Und diesen Anwalt habe ich mitgebracht.« Bei diesen Worten rauschte der Vorhang des Seitengemaches, und von einem Mönchlein geführt, tastete eine hohe Gestalt in grauem Büßerkleid, eine immer noch schöne Greisin, auf langen schwarzen Stab gelehnt, sich in den Saal.

»Mutter! Mutter!« schrie Julian außer sich, stürzte die Stufen des Thrones hinab und eilte, beide Hände vorgestreckt, auf sie zu.

»Zurück! Hinweg von mir. Rühr mich nicht an, Julian Apostata! Du bist nicht mehr mein Kind, du Ausgestoßener! Um deines Eidbruches willen hat mich Gott geblendet! Und welchen Frevel ludest du, nachdem du dich in deinen frevelhaften Purpur gehüllt, noch auf dies Haupt! Du Verleugner Christi, deines Herrn, du, abtrünnig von Gott und den Heiligen im Himmel, abtrünnig von Eid und Treuepflicht auf Erden, abtrünnig von Mutter und Schwester, ein Verfolgter der Gerechten, ein Förderer aller heidnischen Greuel, Julian Apostata, nimm von deiner Mutter, der geblendeten ...« – »Halt, Frau«, rief gebieterisch Athanasius, ihren drohend erhobenen Arm herunterreißend. »Nicht also. Nicht ihn zu verfluchen, führt ich dich hierher. Ausstoßen mußte ihn – mit schwerem Herzen – seine geistliche Mutter, die Kirche, bis er sich gebessert. Du aber, Weib, das ihn geboren, du sollst ihn nicht verfluchen, retten sollst du ihn, ihm seine arme Seele zurückreißen von der Schwelle der Verdammnis. Deshalb – nicht um hier ein Schauspiel aufzuführen –, aus Erbarmen mit seiner unsterblichen Seele, hab ich dich hierher gebracht. Versuche, was du vermagst über deinen unglücklichen, irregeleiteten Sohn, alte, bejammernswerte Frau.«

Julian war inzwischen von seinen beiden Freunden wieder die Stufen auf den Thron hinauf geleitet worden. »Meine Mutter!« stöhnte er, »Blind! Geblendet ... aber nicht von Constantius. Die wunderbaren Augen erloschen! Seht, wie sie nun so bleiern aussehen! Wie sie ins Leere stieren! Mich, ach, mich suchen sie.«

»Es sei«, begann die Greisin. »Auch das noch! Ich will's – für ihn – versuchen. Führe mich, führe mich näher zu ihm hin, Johannes. Wo ... wo sitzt er auf dem angemaßten Thron? – Mein liebes Söhnlein, gedenkst du noch der ersten Jahre, der Jahre der Kindheit; vor jener Mordnacht? Du warst mein Liebling von den dreien. Und du, du konntest nicht einschlafen, hatte dich die Mutter nicht gesegnet. Zum Abschied küßtest du mir immer beide Augen. O Julian – glaube mir –, du findest von heute an keine Stunde ruhigen Schlummers mehr, bevor dich die Mutter wieder gesegnet hat. Oh, wieviel lieber segnet als verflucht sie! O mein Sohn, mein Sohn, rette deine Seele! Noch ist's nicht zu spät. Dieser heilige Mann sagt, Gottes Barmherzigkeit ist so unendlich, daß sie auch dir – auch jetzt noch! – verzeihen kann. Ich verlange nicht, daß du diesen Purpur ablegst, der dir ja so teuer scheint, teurer als der Mutter Augenlicht. Behalt ihn! Kannst du doch nur auf dem Thron gutmachen, was du auf dem Thron angerichtet. Sprich nur einmal hier vor mir: ›Herr, mein Gott im Himmel, vergib mir meine große Schuld um Jesu Christi willen, deines Sohnes, der auch für mich zu Golgatha am Kreuze litt und starb.‹«

»Mutter – Mutter –, alles was du willst, nur nicht das Unmögliche. Ich kann nicht glauben an den Christengott.«

»So? Du kannst nicht?« rief die Greisin, plötzlich wieder in den vorigen Zorn zurückfallend. »Du kannst noch immer nicht? Und hat er denn nicht vor deinen Augen seine Wundermacht bewährt an meinen Augen? Nicht vom vielen Weinen, wie Philippus warnte, sind sie erloschen – (nur um deine Sündenschuld, deine Greuel, hab ich freilich geweint tage- und nächtelang all diese Zeit, und auch so, daher, wären sie um deine Schuld erloschen) –, nein, Gott der Herr hat sie ausgelöscht um deines Eidbruches willen. Du schwurst bei ihrem Glanz, du brachst den Schwur: ihr Glanz erlosch. Und du willst noch nicht glauben?« – »Ich kann nicht, Mutter!« – »Du kannst nicht? Nicht nach diesem greifbaren Wunder? Ah, so ist es denn wahr, das Fürchterliche, das Grauenhafte, das im Volk der Gläubigen über dich geflüstert wird, so laut, daß es sogar bis zu mir, der unseligen Mutter, drang?«

Sie riß sich plötzlich los von des Johannes Arm, machte ein paar Schritte in der Richtung, woher seine Stimme scholl, stand jetzt dicht vor dem Thron und hob drohend den schwarzen Stab. Ihre Züge verzerrten sich so furchtbar, ihre Lippen zuckten so krampfhaft, daß alle Anwesenden sich entsetzten: »Ein Gott spricht aus ihr!« murmelten gar viele.

»Was, Mutter, was für ein Gerede?«

»Kein Gerede! Oh, ich fühl es jetzt – fühl es mit Schaudern in dem Leibe, der dich getragen hat –, wie es sich in mir windet! Es ist wahr, wahr! Oh, ich Unselige! Hör es, Athanasius, du Frommer, hört es, all ihr tapferen und weisen Männer des Römerreichs! Wohl hat ihn dieser Leib geboren – aber sein Vater war nicht mein edler Gatte Julius.«

Ein Ruf des Grauens dröhnte durch den Saal.

Julian sprang auf: »Mutter! – Mutter! – Schände nicht dich selbst!« Aber diese fuhr fort: »Nein ... in meines Gatten Gestalt ... umfing mich ... im Dunkel der Nacht ... ein anderer: Satanas, der König der Hölle, hat mir diesen Dämon gezeugt. Diene ihm nicht, du Volk von Rom, du dienst in ihm der Hölle!«

Da schrillten zwei ungeheure Schreie durch die weite Halle.

Die Mutter brach in ein lautschallendes, nicht endendes Lachen aus, schlug um sich mit Händen und Füßen, Schaum trat ihr vor den Mund. Athanasius sprang hinzu: »Sie ist von Dämonen besessen. Tobsucht nennen's die Ärzte. Hinweg mit ihr.« Gleichzeitig aber war Julian emporgeschnellt vom Stuhle mit einem gräßlichen Schrei. Er warf das Haupt in den Nacken, ballte die beiden Fäuste, schlug nieder vor dem Thron und rollte in Zuckungen und Verzerrungen die Stufen hinab.

Die Freunde, die Höflinge bemühten sich um ihn, sein Arzt Oribasius beugte sich über ihn: »Es ist ein Krampfanfall«, sprach der. »Es faßt ihn manchmal so. Tragt ihn zu Bett.«

Einstweilen hatte sich der weite Marmorsaal geleert und auch der Platz vor dem Palaste. Mit allen Zeichen des Entsetzens, schreiend, weinend, händeringend, untereinander und mit den nächsten redend, verkündeten die Zeugen die grauenhaften Geschicke des Sohnes und der Mutter. Dieser Tag hatte viele Wurzeln der Liebe zu Julian ausgerissen in dem Herzen seines Volkes. Und er selbst hat sich im Innersten nie mehr ganz erholt von diesem Donnerstreich.

 << Kapitel 96  Kapitel 98 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.