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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 92
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Nur notgedrungen verbrachte der Imperator die Wintermonate noch am Orontes; die Jahreszeit verbot den Aufbruch. Auch waren die umfassenden Rüstungen noch nicht vollendet, die der vorsichtige Feldherr für unerläßlich hielt. Sie zum Abschluß zu bringen, war er den ganzen Winter über unablässig bemüht. Schon vor dem Brande von Daphne war Jovian entsendet worden, die im Westen und Norden von Antiochia gelagerten Truppen zu besichtigen und allmählich heranzuführen. Auf seine aus Gallien mitgeführten Scharen konnte er sich stolz verlassen, aber die viel größeren Massen der Heere des Constantius, die ja ganz regelmäßig von den Persern geschlagen worden waren, mußten erst wieder mit kriegerischem Geist und mit Selbstvertrauen erfüllt werden. Unablässig mühte sich Julian in den neun Monaten seines Aufenthalts zu Antiochia mit dieser schweren Aufgabe. Er lehrte sie auch gar eifrig wieder beten zu den alten Siegesgöttern Roms, wie er selbst Ares, Ennyo, Bellona, Eris, Deimos und Phobos häufig opferte.

So eifrig der kriegsbegierige Feldherr diesen Pflichten oblag, den Freunden entging es nicht, daß seine Seele, die schon seit dem Verluste der geliebten Frau viel von ihrer Freudigkeit eingebüßt hatte, mehr und mehr von Schwermut verdüstert ward. Die Schrecknisse jener Brandnacht, der Tod des geliebten Künstlers schienen nur der scharf zugespitzte Ausdruck des Scheiterns all seiner Bestrebungen, Hoffnungen, Wünsche. Versöhnung, Duldung aller Bekenntnisse hatte er in seinem Reich einführen wollen, und er mußte es erleben, daß nicht nur unter den christlichen Bekenntnissen die alten Gegensätze fortdauerten, daß der noch schärfere zwischen Hellenisten und Galiläern neu aufgerissen ward, daß man durchaus nicht mit Unrecht die Regierung des Imperators der Unterdrückung der Kirche beschuldigte, wenn auch er selbst eine solche keineswegs wollte. Dazu kam, daß er gegenüber dem voll begreiflichen Haß und Widerstand der Christen sich auf keine Gegenmacht stützen konnte.

Die nicht christlich Gesinnten waren entweder in diesen Fragen völlig gleichgültig oder, wenn sie glaubten, glaubten sie, der Überlieferung der Väter, der Lehre der Dichter und der Pontifices gemäß, an die alten Volksgötter, die der symbolisierende Philosoph nicht minder verwarf, als er sich von Jehovah oder Christus abwandte. Er stand mit seinem philosophisch-mystischen Hellenismus ganz allein. Nur ein halbes Dutzend Menschen – ein paar Philosophen, Schüler des Maximus – teilten seine Anschauungen.

Scharf bemerkte der lauernde Blick Lysias dieses stets sich steigernde Gefühl schmerzlicher Vereinsamung. Als Julian einmal in später Nachtstunde, tief aufseufzend, sich in dem Lesegemach erhob, sein einsames Lager zu suchen, sprach der Priester: »Du bist so traurig, o Freund! Woran hast du gedacht diese letzte halbe Stunde? Deine Augen sahen über die Straßenkarte von Persien hinaus ins Leere! Meine Fragen hörtest du nicht! Woran – oder besser wohl – an wen hast du gedacht?« Er drückte ihm warm die Hand. »Du hast's getroffen, o Lysias. Wieder einmal, wie in alten Tagen (das heißt: in jungen), da du durch alle Schleier hindurch in meine Seele sahst. Weißt du noch, wie du damals in Macellum mir an den Augen meine Liebesgedanken absahst? Oh, es tut wohl, wieder einmal so tief von dir verstanden zu sein! Zu meinem Schmerz ist das anders geworden. Laß uns, o Lysias, das uns Trennende vergessen, laß uns doch wieder Herzvertraute sein. Ich vertraute dir so gern.« Seine Stimme erbebte vor Rührung. »Du hast's erraten! Ich dachte an sie, an Helena! Die Verlorene! Seither ist nicht nur mein Lager vereinsamt, auch mein Herz.« – »Du solltest eben nicht einsam bleiben«, meinte Lysias mit scharf spähendem Blick. Aber Julian gab darauf gar keine Antwort. »O wer mir die Tote wieder auferwecken könnte!« – »Nun«, erwiderte Lysias laut und fest, »das ist nicht unmöglich.« So zuversichtlich war das gesprochen; Julian wandte sich mit staunenden Augen zu ihm. »Was sagst du?« – »Die Wahrheit, wie immer. – Du weißt doch genug von altägyptischer Mystik und Magie, um dich zu erinnern, daß es einen besonderen Zweig solchen Zaubers gibt ...« – »Jawohl, die Nekromantik. Ich weiß! Ist es doch schon von Homer bezeugt, daß die Schatten – (durch Blut beschworen) – erscheinen und sprechen. Aber Odysseus wie Herakles stiegen dazu in den Hades hinab ...« – »Jedoch zu Hadrian stiegen in Memphis die Schatten aus dem Orkus empor und beantworteten seine Fragen.« – »Auch das weiß ich. Allein diese Kunst – (meinte Maximus) – ist erloschen, ausgestorben in ihren letzten Kennern: ägyptischen Priestern zu Heliopolis.« – »Meinte er? Nun, er meinte gar viel. Wenn ich dir nun aber sage: Nein! Die Kunst ist nicht erloschen. In einem Manne lebt sie noch, der sie von dem letzten jener Magier übernommen hat.« – »Wär's möglich? Wirklich! Und wer? Wo ist dieser Mann?« – »Er steht vor dir.« – »Lysias!« rief Julian tief erschüttert. »Und das sagst du mir jetzt erst? Nach Monaten! O Lysias, wolltest du nicht fühlen, wie tief du mich schon lang beglücken konntest? Doch ich kann es noch gar nicht denken! Warum hast du mir nicht vertraut, wie früher!« – »Ach, mein Julian, weil du mir nicht mehr vertrautest wie früher. Sollte ich meine heiligsten Geheimnisse deinem Unglauben, deiner Abweisung, vielleicht gar dem Spotte jenes gottesleugnerischen Franken aussetzen, dem gar nichts heilig ist? Oder deines Jovianus, den ich jüngst in eine Christenkirche schleichen sah? Nein, das Geheimste durfte nicht entweiht werden.« – »O vergib, vergib! Ich bitte dich! Verzeih, wenn ich dich je gekränkt. Vergiß es! Sei großmütig. Verweigere mir nicht um dessentwillen ...« – »Gewiß nicht«, sprach Lysias, »mein geliebter Schüler.« – »Und du könntest – du wolltest wirklich! – diesen geliebten Schatten, meine Helena, aufrufen aus ihrem fernen Grabe zu Paris, aus meinem höchsten Herzensheiligtum? Du kannst – du willst?« – »Ich kann und ich will.« – »Und es bereitet ihr keine Qual?« – »O nein«, lächelte Lysias seltsam. »Und ich werde sie ansprechen dürfen? Sie wird mir antworten?« – »Gewiß. Aber nur auf ganz kurze Zeit, auf wenige Augenblicke, sonst würde sie allerdings leiden.« – »O Lysias, Retter, noch einmal Erlöser meiner Seele aus tiefer Nacht der Schmerzen. Aber wann, wann kann es geschehen?« – »Noch nicht zu bald. Die Sterne müssen günstig stehen; wart es ab in Geduld. Rechtzeitig werd ich dir die Stunde sagen.« – »Oh, mich verzehrt die Ungeduld. Aber ich folge dir; ganz und gar vertrau ich deiner Kunst und Weisheit. Ja, da du es nun doch geahnt, erraten hast, ich gesteh es: Die Sehnsucht nach Helena verzehrt mich. Die Trauer um sie beschattet meine Seele. Ach, nur einmal sie wieder schauen! Erfüllst du mir diesen heißesten Herzenswunsch, alles, alles was du begehrst, soll dann geschehen, mein größter Wohltäter!« Und er umarmte den Priester, küßte ihn auf die Stirn und eilte hinaus. Lange sah der ihm nach. »Triumph!« sprach er endlich. »Bitter war die lange Erwartung, die Enttäuschung. Aber süß ist der Sieg. Und schrankenlos will ich ihn verwerten. Ganz Ägypten muß er mir gewähren!«

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