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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 85
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typefiction
authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
year1977
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Zwanzigstes Kapitel

Nur hier in Daphne, nicht in Antiochia, sollte der junge Augustus Erfreuliches erleben in den neun Monaten seines Aufenthalts an dem Orontes; vielmehr ward diese Zeit die bitterste seiner Herrschaft. Aus mannigfaltigen Gründen war sein Verhältnis zu den Antiochenern gleich von Anfang an ein ungünstiges, ja zuletzt ein höchst feindliches, aus Gründen, die sich scheinbar – aber auch eben nur scheinbar – widersprachen. Antiochia war damals zugleich eine der eifrigst christlichen und eine der allerliederlichsten Städte des Reiches, etwa wie Rom im Zeitalter der Borgia oder Paris im siebzehnten Jahrhundert; hat man doch Antiochia geradezu »das antike Paris« genannt. Der Widerspruch erklärt sich einfach aus dem höchst Äußerlichen des dort geübten Christentums. So verstieß Julian zugleich gegen die beiden herrschenden Eigenartigkeiten des bigotten und vergnügungstollen, lustüppigen und glaubenseifrigen Völkleins. Er spürte alsbald den scharfen Gegensatz der Leutchen zu seiner Art heraus. Er wußte ihn nicht genau zu zergliedern. Aber Jovian erinnerte ihn, wie vor kurzem ein würdiger Römer alten Schlages aus Tibur bei Rom sein Amt als Präfekt hier niedergelegt habe: »Wegen Unbegreiflichkeit seiner Amtspflichtigen.«

Seit der Imperator zu Byzanz sich offen zu dem Götterglauben bekannt, die heidnischen Tempel wieder geöffnet, gar manche den Christen ungünstige Maßregel getroffen hatte, die dann in der Ausführung, gegen seinen Willen, von heidnischen Eiferern, zumal eben Priestern, freventlich mißbraucht wurden, war er selbstverständlich und mit Recht verdächtig, ja verhaßt geworden den frommgläubigen Christen, aber auch der schon damals viel größeren Zahl von Scheinchristen, das heißt den vielen, die, aus irgendeinem Grund äußerer Vorteile, seit dreißig Jahren in die Kirche eingetreten waren. Von dem weitaus größten Teil der Antiochener ward daher schon der Ankömmling mit Mißtrauen, Furcht und Haß empfangen. Es gab hier nur ziemlich wenige Heiden; auch jenes Adonisfest war unter Constantius in ein Erntefest umgewandelt worden, wobei man dann freilich sehr unpassend die einmal überlieferten Trauerchöre beibehalten hatte. Und als nun gerade in den ersten Wochen seines Aufenthalts immer zahlreicher aus allen Provinzen des Reiches berechtigte und unberechtigte Klagen über die Verfolgung der Christen einliefen, da machten die Antiochener den Augustus ohne weiteres, ohne Unterscheidung des Begründeten von dem Erfundenen oder doch arg Übertriebenen, ohne Trennung des von ihm Gewollten und des gegen seinen Willen Gefrevelten, verantwortlich in leidenschaftlicher Hitze, mit einer Geschwätzigkeit und Erfindungsgabe des Hasses, aber auch mit einem geistreichen Witz und einer Freude an treffendem Spott, die man ja auch an den Parisern mit ebensoviel Recht tadelt wie lobt.

Andererseits aber fühlten sich diese frommen Eiferer in ihrem hier seit Jahrhunderten herrschenden üppigen, ungezügelten Genußleben auf das empfindlichste verletzt durch diesen Jüngling von einunddreißig Jahren, der den Philosophen spielte, den Asketen wie nur irgendein christlicher Mönch, der, obwohl unverheiratet, sie gar nicht sah, die verführerischsten Weiber der wegen ihrer Frauenschöne gepriesenen Stadt; kamen sie ihm auch noch so empfänglich, ja zuvorkommend, entgegen, woran sie es wahrlich nicht fehlen ließen. Er ließ die schönste Hetäre der Stadt, die üppige Laura, die sich in sein Schlafzimmer geschlichen hatte, in ein fernes Nonnenkloster sperren – denn sie war Christin und eine eifrige, häufigen Ablasses bedürftige Kirchenbesucherin – und verbot ihr bei Todesstrafe, Antiochia jemals wieder zu betreten. Da ward der Haß ihrer Freunde – und sie hatte deren nicht wenige – groß gegen diesen Gefühllosen, diesen Heuchler, der wahrscheinlich der beneidenswerten Versuchung nur deshalb widerstanden hatte, weil er, durch frühere Ausschweifungen erschöpft, vor der Zeit ein Greis geworden war! So legten sich die Frommen in einleuchtender Begründung jenes auffallende Benehmen zurecht. Sein ganzes Auftreten, seine Lebensweise schien ein fortwährender stiller Vorwurf zu sein gegen das leichtlebige, genußfrohe Völklein, das Aphroditen und Bacchus, wenn auch nicht mehr öffentlich in deren Tempeln, nicht minder eifrig in den verschwiegenen Häusern diente.

Aber es blieb bei diesem stummen Gegensatz nicht stehen. Julian erließ, angeekelt durch die Sittenlosigkeit Antiochias, eine Reihe strenger Verordnungen, die sich zum Teil ausdrücklich gegen die Bewohner »der Lasterstadt der Galiläer« wandten. Diese Bezeichnung machte Julian unsägliches Vergnügen; er rieb sich lächelnd die Hände, als er sie dem vertrauten Schreiber vorgesagt hatte. Das war Jovian, der ihn vergebens bat, den Ausdruck zu tilgen: »Es wird großes Ärgernis erregen«, warnte er. »Ei was, sie ärgern mich unaufhörlich, Tag und Nacht; es freut mich, sie auch einmal ein wenig zu ärgern, die gottseligen Dirnenbeschützer.« – »Nun, du ärgerst sie auch weidlich!« meinte Serapio hinzutretend. »Sie ärgern sich, und sie spotten über die unaufhörlichen Opfer, die du den Göttern – schon um der Opferzeichen willen – darbringst. Sie meinen, kehrst du siegreich aus Persien zurück, wird nach deinen Dankopfern im ganzen Reich ein ungeheurer Viehmangel ausbrechen.« Julian lachte: »Nicht übel! Ich möchte ihnen antworten: »Ich opfere in den Tempeln Tiere – ihr opfert Menschen in den Klöstern.«

Jedoch auch zu des Herrschers empfindlichen Ohren selbst drangen die wenig ehrerbietigen Bemerkungen der zungenfrechen Menge. Einmal schritt er, in feierlichem Aufzug, in der Tracht des Pontifex Maximus, aus dem Palatium nach dem von ihm wiedereröffneten Tempel des Ares. Der Zug wurde aufgehalten durch einen der voranfahrenden Wagen, der, allzuschwer beladen mit Opfergaben, in der Straße niederbrach und nicht sofort beseitigt werden konnte. Da liefen die Antiochener, geärgert durch den Opferdienst, in hellen Haufen zusammen, stauten sich zu beiden Seiten der Priester, die allein – ohne die treuen Leibwächter – den Augustus begleiteten, und ließen nun ihre Bemerkungen so laut werden, daß er sie hören mußte.

»So kurz das Männlein selbst, so lang sind seine gespreizten Schritte! Schau nur, wie's daherstelzt, wie ein Reiher.« – »Nein, dem Zwerg Cercops gleich, der Otos und Ephialtes, die Giganten, spielt.« – »Hei, der lange Bart des Kynikers gleicht einem Walde.« – »Ich glaube, dieser Wald ist auch nicht unbewohnt.« – »Wieso? Wer wohnt darin?« – »Kleine Tierlein!« – »Er ißt nur deshalb so wenig, weil er stets fürchten muß, auf seinen Bart zu beißen.« – »Deshalb küßt er auch kein Weib! Sein Mund dränge ja nicht durch den Bart!« – »Ja, die struppige Mähne ist das einzige, was er mit dem Löwen gemeinsam hat!« – »Freilich, er geht nicht in die Arena, weil die Zottelbestien dort ihn für ihresgleichen halten würden.« – »Sein Haupthaar ist verwildert wie Dorngestrüpp.« – »Seine Nägel abzuschneiden hat der Philosoph keine Zeit.« – »Und seine Finger sind gefleckt, wie einer Schlange Haut, von nie wieder abgewaschener Tinte, ehrwürdig vor Alter.« – »Er ist affektiert.« – »Er spielt Komödie.« – »Aber schlechte.« – »Er lügt. Er lügt den Helden wie den Philosophen.« – »Den Helden! Das Männlein da! Der Zwerg! Ich bin gewiß, er hat nie einen Germanen im Kampf gesehen.« – »Der eitle Prahler!« – »Der Schmalbrüstling!« – »Die Spitznase!« – »Der Gottlose!« – »Der Gottesleugner!« – Ganz rot vor Zorn war das sonst so bleiche Gesicht Julians geworden unter dem sich von rechts nach links kreuzenden Geschwirr solcher Redepfeile, als endlich eine Schar der Cornuti erschien und ihrem Herrn freie Bahn brach. Aber er vergaß es ihnen nicht, den Kecken.

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