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Julian der Abtrünnige

Felix Dahn: Julian der Abtrünnige - Kapitel 81
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authorFelix Dahn
titleJulian der Abtrünnige
publisherWiener Verlag
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Sechzehntes Kapitel

Die Freunde begriffen seine Enttäuschung; sie schonten, sie ehrten seinen Schmerz. Schweigend, kopfschüttelnd tauschten sie ernste Blicke. Nach geraumer Weile erhob sich Serapio und trat zu ihm, der an der Fenstersäule lehnte. Er legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und sprach leise: »Vergib, Julian! Ich war zu derb; bin ich doch ein Barbar! Und dann bedenk, ich kann mich ja irren – irren über die Wahrheit deiner Gedanken. Und über ihren Erfolg bei den Menschen!«

Da wandte sich Julian rasch, ergriff seine beiden Hände und sah ihm in die Augen: »Hab Dank, Freund. Du bist gut. Du meinst es gut mit deiner Aufrichtigkeit. Und deine letzten Worte bestätigen, was ich mir in diesen wehebittern Augenblicken sagte: ›Unfehlbar ist auch er nicht, der germanische Zweifler. Und ich kann, ja ich werde dennoch recht behalten!‹ Ach! Nicht um meinetwillen, nicht zum Triumphe meines Geistes! Es muß sein: Soll das Römerreich nicht untergehn, muß es sein. Das Römerreich in meinem, im alten großen Sinn, und diese galiläische Staatsverachtung – sie sind unvereinbar.«

»Gewiß!« bestätigte Serapio. »Und wäret ihr noch die kerngesunden Römer eurer Vorzeit, diese Lehre, die das Jenseits dem Diesseits, das Beten dem Erobern und Beherrschen vorzieht, wäre nie bei euch mächtig geworden. Wie sagt Achilleus? ›Lieber auf Erden der ärmste Pflugknecht als nach dem Tode König über alle Schatten sein.‹ Aber ihr seid krank, krank bis ins tiefste Mark. Das Übermaß des Genusses hat euch den Magen verdorben, daher verlangtet ihr nach Fasten und nach bitterer Arznei, daher sucht ihr in der Lehre vom Kreuz die Heilung. Daher auch – wer hat zuerst gierig nach jenen Tröstungen gegriffen? Die Frauen, die Sklaven, die Armen, die Bedrängten und die im Gewissen schwer Beladenen. Müde, reuige Ausschweiflinge werden oft – ihre Bekenntnisse beweisen es – die eifrigsten Christen! Und wahrlich, wer darf leugnen, daß für Kranke bittre Arznei heilsam sein kann!«

»Aber ich will uns gesund machen! Erstehen soll die alte Römerart, und was sie bei verdorbenen Säften begehrte und aufnahm – bei gesunden soll sie's von sich stoßen. Doch nun genug von mir und meinen Gedanken. Die deinen möchte ich endlich kennenlernen, Serapio-Merowech, du staunenswertes Doppelwesen.« – »Nicht wahr?« lächelte der, »Kentaurengleich! Halb Roß, halb Mann. Auf einem barbarischen Germanenleib ein hellenisch-römisch geschulter Kopf!« – »Du«, sprach Julianus freundlich, »hast dies Bild gebraucht, nicht ich.« – »Ja, aber«, sprach Jovianus in seiner ruhigen, langsamen Redeweise, »ich staune doch schon lang über unsern Freund, diesen batavischen Königssohn. Er ist mir unheimlich. Ein Barbar, der vorgestern Platon anführte! Ein Germane, der gestern uns die Mysterien Ägyptens verkündete! Ein Bataver, der vorhin im Gespräch mit einem Bischof Sankt Paul durch Aristoteles bekämpfte! Ei, wenn die Salfranken anfangen, zu philosophieren, so muß am Ende ich auch noch nachlernen. Aber ich tu's doch nicht. Ich möchte – schon einmal sagt ich's – viel lieber etwas glauben können, so recht von Herzen glauben wie deine Mutter, die hohe Frau, Julian. Du bist ein unerhörtes Wunder, Franke!«

»Doch ganz und gar nicht! Seit vier Jahrhunderten sind viele Tausende – ja weit mehr – von uns freiwillig oder gezwungen in euren Heerdienst, eure Staatsverwaltung nicht nur, in eure ganze Bildung eingetreten, haben sie eure beiden Sprachen gelernt, eure Wissenschaften studiert. Nur fanden sie dann freilich nicht immer, wie es mir – zu meinem Heil – gelang, den Weg zu den Ihrigen zurück. Bei mir trat noch das Besondere hinzu, daß ich so früh zu euch kam. In bildungsfähigster Jugend. Und so lange blieb! Fünfzehn Jahre.«

»Und wohl auch, daß du für jene Fragen der Weltweisheit und des Götterglaubens mehr als andere Anlage und Eifer...« – »Ja sogar brennende Gier mitbrachtest«, unterbrach Julian. – »Und endlich, daß zufällig Constantius Wohlgefallen gerade an dieser meiner Lernbegierde fand. Er überwies mich zwölf Jahre in allen Hauptstätten christlicher, heidnischer, philosophischer Bildung den berühmtesten Lehrern. Zuletzt wollte mich Constantius freilich taufen lassen auf seinen Arianismus! Allein ich entzog mich und eilte zurück in unsre Wälder. Hier aber traf ich zum zweitenmal einen Mann, dessen scharfe, kühne, stolze Gedanken schon dem Fünfzehnjährigen – kurz vor dem Abschied aus dem Vaterhaus – die Fesseln des Aberglaubens zerfeilt hatten.

Von unsern germanischen Stammgenossen im fernsten Norden, jenseits des suebischen Meeres, kam ein wagemutiger Seefahrer, ein Königssohn aus dem Lande der Suionen, den Rhein heraufgesegelt auf seinem Drachenschiff. Einen schöneren Mann habe ich nie gesehen. Das fand wohl auch Mergundis, meine holde Schwester. Er blieb den ganzen Herbst und Winter in unserer Halle. Als der Lenzwind ihm die Segel schwellte, führte er die Schwester als seine Gattin mit fort ins Nordland. Dieser Jarl Swan war der kühnste Mann im Schlagen und Denken. In den vielen, vielen Tagen und Nächten, die ich, der Knabe, seinen mächtigen Worten lauschte, zerrannen mir die hehren und die schönen Gestalten unserer Götter und Göttinnen in eitel Luft. Der Überlegene gewann mich ganz für seine befreienden Gedanken. Jarl Swan glaubte weder an die Asen noch an Christus, dessen Lehre er auf seinen langen Fahrten an euren Küsten kennengelernt, sondern, wie er kurz sagte, ›an sich selbst, sein Schwert und die Notwendigkeit‹.

So kam ich in eure Welt hinein: Schon als Knabe befreit von dem holden Reiz, dem lieblichen Zauber des Aberglaubens – aber auch des Glaubens! Sonst hätte doch wohl die Lehre der Kirche oder eines eurer Mysterien oder auch eine eurer Philosophien sich der empfänglichen, suchenden Seele bemächtigt. Nun aber hatte ich denken gelernt; mitleidlos, rücksichtslos denken, jede süße Selbsttäuschung durchbohrend, wie ein Messer eine Papyrusrolle. Und so allein ward es möglich, daß ich mir, unabhängig von allen Religionen, fast auch von allen Philosophemen, die ich kennenlernte, eine eigne Weltanschauung aufgebaut habe, die wenigstens den einen Vorzug hat: den, daß sie mich ganz befriedigt. Und welche Wonne war es, welche Freude des Geistes, als nun – kurz bevor Julian in Gallien erschien – das schöne Paar aus dem Nordland zu Besuch kam, den alten Vater noch einmal zu sehen, und als ich, ein gereifter Mann, meinem Befreier, meinem Schwager Swan sagen konnte: ›Ja, du hast recht. Was ohne Hilfe griechischer, römischer, christlicher Bücher dein kühnes Denken dort in deinem fernen Eisland gefunden hat – all meine jahrelange Forschung hat es nur tiefer und tiefer begründet und von allen Seiten her bestätigt.‹

»Wohlan denn«, nahm Julian das Wort, »verkünde sie uns endlich, diese Weltanschauung, die du uns bisher so hartnäckig verschlossen gehalten hast. Sieh, Freund, ich hab euch die letzten Gedanken meines Geistes anvertraut, hab ich nicht damit ein Recht auf das gleiche erworben? Es hat mich tief geschmerzt, daß ihr beide – meine Liebsten – so ganz und gar verwerft, was ich mit soviel Anstrengung ergrübelt habe. Aber dieser Schmerz, er muß verwunden werden. Die Zukunft wird entscheiden, ob meine Lehre wirklich nur mein Hirngespinst, unbefriedigend für Geist und Gemüt der andern ist; ich halte fest an meiner Überzeugung. Aber mächtig verlangt es mich nun (das mußt du einsehen!), die deine kennenzulernen, sie an der meinen zu messen. Bitte, sprich.«

»Ja, du hast ein Recht darauf«, erwiderte Serapio. »Und dein Recht – es soll dir werden. Obwohl...! Ich weiß es, du und dieser gute Jovianus da, ihr werdet wenig Freude daran haben. Ja, euch entsetzen an den grausamen Ergebnissen. Ich mache es kurz. Satz für Satz zu beweisen, es würde mehr Stunden erheischen, als diese Nacht uns noch gewährt, so viele Stunden als ich Jahre brauchte, um diese Überzeugung nicht zu erlernen – eine solche ist nur ein windig Gedankengespinst –, nein, sie zu erleben. Denn die Probe über die Lehre des Philosophen ist sein Leben: Ihre befriedigende, tröstende Kraft in den furchtbarsten Prüfungen. Diese Probe – meine ›Philosophie‹ (wenn ihr es so nennen wollt!) hat sie bestanden. Ich sag euch am Schlusse, wann und wie. Also! Die Welt ist. Sie ist nicht bloß ein Schein, wie eure Skeptiker und Sophisten lehren. Da sie aber ist, ist sie ewig. Das heißt: anfanglos, endlos. Und hier stehen wir schon an der Grenze unseres Denkvermögens. Wir müssen die Ewigkeit denken und können sie doch nicht denken. Also, wir werden die Welt nie begreifen. Aber solange Menschen denken, werden sie die Wahrheit suchen. Sie müssen. Sie müssen sie suchen im Gemüt, im Glauben. Das heißt: die Religionen sind notwendig; sie enthalten alle die eine Wahrheit, daß das Ewige ist. Und sie enthalten daneben alle Irrtum. Die Menschen müssen aber auch das Ewige suchen im Begriff. Das heißt: Die Philosophen sind notwendig; auch sie enthalten alle jenes Wahre. Und alle daneben Irrtum.

Viele Religionen und viele Philosophien stellen einen Gott als Schöpfer des Seins auf. Unmöglich! Denn er ist ja selbst: Er kann doch nicht sein eigener Schöpfer sein. Andere Religionen – so die meiner Stammgenossen – und andere Philosophien lassen Gott oder Götter erst aus dem ewigen Urstoff erwachsen. Ebenso unmöglich! Denn das ewige Sein bleibt auch hierbei unbegreiflich. Jenes ewige Sein ist selbst das, was die Leute Gott nennen oder vielmehr, das ewige Gesetz dieses ewigen Seins ist Gott. Nicht ein alter Mann über den Wolken. Oder zwölf Herren und Frauen und Jungfräulein auf dem Olymp oder in Asgardh. Welche Gotteslästerung, Gott nach dem Bilde der Menschlein hier – auf diesem winzigen Teil des Alls – zu gestalten! Aber freilich, überall haben die Menschen ihre Götter nach ihrem eigenen Bilde geschaffen: Zeus ist ein ins Übermenschliche hinein verherrlichter Hellene, Wodan ein solcher von den Unsern.

Tief verhaßt ist mir die unwürdige Vermenschlichung der Götter, gerade weil ich ›fromm‹ bin! Das heißt: von tiefster Ehrfurcht für das Göttliche erfüllt. Und seht, die Religionen sogar stellen ein Schicksal auf, ein Gesetz, das hoch über dem Willen und der Kraft auch der Götter thront.

Denn – gebt acht – du fragtest mich einmal verwundert, o Julian, wie es zugehe, daß meine Volksgenossen, Alemannenkönige, die doch sicher nie Homer gelesen, ganz ähnlich wie Homer über den Göttern ein unpersönlich Schicksal herrschend glauben? Das geht so zu, bei uns wie bei euch. Die Phantasie muß eine Vielheit von Göttern gestalten; sie verträgt es nicht, daß eine Gestalt des Krieges und der Ernte, des Winters und des Sommers, der Geburt und des Todes walte. Auch Christen und Juden, die auf eure Vielgötterei so stolz herabschauen, stellen zwischen Gott und den Menschen wenigstens Viertelgötter: Erzengel, Engel, Seraphim, Cherubim. Bald werden auch die Heiligen Achtelgötter werden; nicht der Kirche, aber dem Volk. Ferner fordert das menschliche Herz ein Gottesherz, an das es im Gebete sein Fürchten und Hoffen legen mag und sein Schuldbewußtsein. Die Menschen kennen aber kein anderes bewußtes Wesen als den Menschen. Deshalb gestalten alle Völker überall und immer ihre Götter nach dem Bilde des Menschen, nach dem eignen Bilde.

Von der Vermenschlichung unscheidbar ist aber die Verschuldung; alle Leidenschaften der Menschen tragen sie in ihre Götter hinein: Liebe und Haß, Rache, Eifersucht, Zorn. So sprechen Juden und Christen von ihrem zornigen, eifersüchtigen Gott, von Vatermord und Ehebruch Jupiters zu schweigen. Aber diese zahlreichen und arg vermenschlichten Götter befriedigen nicht mehr das Menschenherz und den Menschengeist – sie empören beide. Der Krieger betet um Krieg zu Ares, der Landmann um Friede zu Demeter – welche Gottheit wird siegen? Der Gatte, der ein Mädchen verderben will, betet zu Aphrodite, die Ehefrau um die Treue des Gatten zu Hera – wer wird siegen? Nun versucht man, Zeus, Jupiter, Wodan, als den Alleinmächtigen und als heiligen Gott, als ›Allvater‹ hinzustellen. Ach, er findet keinen Glauben. Wenn Frau Hera Zeus in Liebesseligkeit einschläfern und während seines Mittagsschläfchens allerlei Unfug anstellen kann, was hilft seine Obmacht? Und soll man von Zeus dem Stier, dem Schwan, dem Goldregen Schutz der Keuschheit, der Ehe erhoffen? ›Fort darum mit all den vielen von Leidenschaften hin und her getriebenen Götter‹, ruft das Bedürfnis nach Einheit, nach gesetzlicher Notwendigkeit, das des Philosophen; ›fort mit den schuldigen Göttern‹, schreit das Sittliche, das Gewissen im Menschen. Und so wird über die vielen Götter das eine bewußtlose Schicksal gestellt: die Heimarmene, das Fatum, die Urdh. Lieber ihm, lieber der blinden Notwendigkeit sich unterwerfen, als zwölf einander widerstreitenden, schuldvollen Göttern und Göttinnen! Allein – es hilft auch nicht auf die Länge. So unabweisbar drängt die Phantasie in der Religion – deren mächtigste Helferin und verderblichste Veranstalterin – zur Vielheit und zur Vermenschlichung des Göttlichen, daß die kaum gewonnene eine unpersönliche Notwendigkeit des Schicksals alsbald wieder vervielfältigt und verpersönlicht wird in drei Parzen oder drei Nornen.

Bei uns Germanen aber ist in leisem Beginn eine wunderbare Lehre – viel zu tief und zu heldenhaft großartig, als daß sie bei euch hätte entstehen mögen. Ihr Hellenen und Römer behaltet eure vielen liederlichen Götter und (ausgenommen wenige) desgleichen Göttinnen in alle Ewigkeit, so daß sich ernste, philosophische, sittlich strenge Männer schon bald ein halb Jahrtausend lang vom Glauben des Volkes abwenden. Wir Germanen aber – mein Schwager brachte aus dem Nordland die Anfänge dieser noch geheimen Lehre –, wir haben all unsere Götter und Göttinnen zum Tode verurteilt, weil die schuldig gewordenen unserem sittlichen Ernst nicht mehr genügen. ›Götterdämmerung‹ nennen sie das im Norden. Es ist eine großartige Tat! Denn wir verurteilen darin ja uns selbst; nein, viel mehr als uns selbst, unsere Wunsch- und Traumbilder, unsere Selbstverherrlichung. Denn was sind Wodan und Donar und Paltar und Frigg und Freia anders als wir selbst? Ich sagte es schon – ins große gemalt und verherrlicht.

Ich sag euch, wer mit solcher Liebe und mit solchem Ernst wie ich seines Volkes Götter erfaßt hat, mit so glühender Begeisterung, und sie dennoch zuletzt als holde Traumbilder fallenlassen mußte, den können auch die Geheimnisse des Serapis, die Wunder Moses und des Jungfrauensohnes und auch, o Julian, dein Helios – dieser Hälbling von Mystik und Philosophie – nicht mehr gewinnen. Diese bunten Spiele der Einbildungskraft, sollen sie dem quälenden Drang des Menschen nach dem Wissen, nach dem Begreifen von Gott und Welt genügen?

Unmöglich! Bei den Völkern und bei allen einzelnen von uns, die solcher Entfaltung fähig sind, wird die Religion so notwendig ersetzt oder doch ergänzt durch die Philosophie, wie auf die Blüte, wenn sie nicht verkümmert, die Frucht folgt. Aber neben dem Wissen bleibt die Ahnung für jenen, ach nur allzugroßen Rest des Göttlichen, den auch der Wissende nie, niemals erreichen wird. Und wehe dem, der solcher Ahnung spottet! Er ist seicht, und die ewigen Sterne finden nicht Tiefe genug in ihm, sich darin zu spiegeln.

Wenn nun aber alle Religionen und alle Philosophen Gott nicht zu fassen vermögen, warum ihn suchen? Weil wir müssen. Gott selbst werden wir nie begreifen, wohl aber Stücke seines Waltens im Rauschen des Waldes wie der Schlacht. Und diese Stücke müssen wir gierig suchen: Der kleinste Splitter genügt, uns in frommem Schauer der Ehrfurcht das unausdrückbar Erhabene Gottes ahnen zu lassen.

Und wie waltet Gott? Durch Gesetze, durch Notwendigkeiten, die sich so unvermeidlich vollziehen, wie der Donner dem Blitz folgt, wie der Schleuderstein endlich zur Erde fällt. Daher ist auch die Freiheit des Menschen nicht Willkür, sondern Notwendigkeit. Frei sein! Was ist's? Es ist, seine Eigenart darleben können. Unfrei sein, in ihr gehemmt werden. Die geträumte Freiheit – als reine Willkür – unterbricht die ununterbrochene Kette von Ursache und Wirkung durch das Wunder. ›Also‹, höre ich schon deine Pontifices wie die Bischöfe gegen mich eifern, ›also gibt es keinen Unterschied von Gut und Bös. Also frönen wir doch lustig allen Lüsten und Lastern. Denn ohne Zweifel leugnest du auch das Leben nach dem Tode, die Belohnung und Bestrafung. Und dein Gott – dein sogenannter (jeder nennt nämlich den Gott des andern den ›sogenannten‹) – leitet, ist er ein starres Gesetz, auch wohl nicht mit Weisheit und Gerechtigkeit die Welt? Das ist ja zum Verzweifeln.‹ Gemach! Die Pfütze muß stinken, die Rose muß duften, aber wir meiden doch jene und lieben diese. Und wir töten den Wolf, obwohl wir wissen, daß er unsere Schafe zerreißen muß. Der Mensch muß das Gute tun um der Pflicht willen, um der Vernunft willen; das Böse ist widervernünftig. Es führt unvermeidlich zum Wahnsinn, zur Vernichtung der Menschheit. Aber freilich wechseln die Auffassungen der Völker und Zeiten von Gut und Bös wie die von Schön und Häßlich. Uns ist Blutrache Pflicht, den Christen ist sie Sünde. Der Einsiedler hat keine Tugend, sage ich, denn Tugend setzt Leben mit andern voraus; den Christen gilt der fromme Einsiedler als gar gewaltig tugendsam. Wer aber das Gute tut aus Berechnung auf den Lohn im Elysium oder im Himmel, handelt nicht sittlich, sondern höchst unsittlich.

Und die Seele? Sie ist an ihren eigensten Leib gebunden; meine Seele kann nicht in Julians Leib stecken. Deshalb lehren die Christen ganz folgerichtig die Auferstehung des Fleisches. Es ist nur nicht jedem gegeben, daran zu glauben. Die Gier nach dem ›ewigen Leben‹ ist egoistisch; die Unsterblichkeit ist die Tochter des Selbsterhaltungstriebes und der Todesfurcht. Der Leib aber ist dem Tode verfallen; und – hast du je der zerschlagnen Lyra Stimme wieder gehört?

Und was Philosophen und Priester bis zur Ermüdung untereinander streiten, ob Gott, wie sie sagen, ›persönlich‹ oder ›unpersönlich‹ sei, das ist für mich ganz sinnlos. Wie dürfen wir Menschlein hier auf Erden den Unterschied, den wir zwischen uns und Tieren, Pflanzen, Steinen aufstellen, in jenes unausdenkbar Erhabene hineintragen, das wir Gott nennen? Aber freilich, wir haben ja sogar den Unterschied von Mann und Weib in das Göttliche verlegt! Auch du, Julian, mit Helios und Pallas Athene! Gewiß ist Gott nicht ›Stoff‹ – ›Hyle‹, sagt Aristoteles –, aber ist er um deswillen ›Geist‹ nach dem Bilde des Menschen?

Und nun erhebt mir nur auch kein Gejammer weiter über die Trostlosigkeit solcher Lehren! Nicht das Erwünschte, das Wahre gilt es zu suchen. Und, ist es denn wahr, daß auf Erden stets das Gute siegt? Hat Gott nicht zugelassen, daß euer Römervolk etwa ein Jahrtausend lang alle andern Völker mit jedem Mittel der Gewalt und List geknechtet hat? Was hatte dein Vater verbrochen, Julian, was die andern Opfer jener blutigen Mainacht? Gestern trug man zu deinem Oribasius ein reizendes Kind, das unter den furchtbarsten Qualen im Sterben lag; eine Schlange hatte es gebissen, da es für die Mutter Blumen pflückte. Wo blieb da der Schutzengel, der ungesehen kein Haar von unserm Haupte fallen läßt? Heute ward ein armes Geschöpf von sechzehn Jahren vor deinen Richter gestellt wegen Kindesmord. Das unschuldige Mädchen war, da es im Walde Reisig sammelte, von einem Räuber vergewaltigt worden. Und die Engel ließen es zu! Ja, sie ließen sogar das Gräßliche zu, daß sie von dem verabscheuten Unhold ein Kind empfangen und in Schmerzen gebären mußte, ganz ebenso wie ein Eheweib von dem geliebten Gemahl. In Verzweiflung hierüber hat sie das Neugeborene erwürgt. Wohl hast du sie begnadigt, aber Gott hatte keine Gnade für sie gehabt. Sie hat doch das Scheußlichste erdulden und neun Monate fort schleppen müssen. Und unversehrt lebt der Schurke und freut sich der geraubten Lust. Wo ist da die gerecht waltende Vorsehung? Wollen wir die Wahrheit nicht sehen? Dann laßt uns das Denken aufgeben.

Wohlweislich verlegen daher die Christen die ausgleichende Gerechtigkeit in das Jenseits und nennen die Wege Gottes ›unerforschlich‹. Letzteres ist ungefähr dasselbe, was ich sage. Nur mit einem Unterschied. Ich habe erkannt, daß das Glück der Menschen durchaus nicht der Zweck der Welt ist, sonst wäre sie ein höchst mißlungenes Stümperwerk. Sondern es will sich ein ewiger Wille vollenden. Ihm dient der Trotz wie der Gehorsam. Ihm muß das Böse, ihm will das Gute dienen.«

»Das ist ja aber trostlos!« unterbrach Jovian, tief aufatmend. »Keine Unsterblichkeit, keine Freiheit, kein Gott, wenigstens keiner mit einem fühlenden Herzen, keine Hoffnung, daß das Gute siegen müsse, kein Vater im Himmel, zu dem man im Schmerz beten, dem man Wunsch und Furcht vortragen kann! Merowedi, warum lebst du dann?«

»Weil ich das Gute tun, das Wahre suchen, das Schöne genießen kann, will, muß. Weil es – trotz allem Weh – des Lebens lohnt. Weil mir Gott seine ganze große, herrlich schöne Welt geschenkt hat, darin meine Eigenart darzuleben. Das tu ich gern. Mit Freude tu ich's. Mich freut es, meinem alten Vater helfen, meinem Volke, meinen Freunden dienen zu können. Es beglückt mich, das Wackere zu tun. Ich lebe nicht für mich, ich lebe für die Meinen. Aber nicht für die Menschheit, die ist ein hohler Schall! Der Mensch dient der Menschheit, indem er seinem Volke dient. Einen Menschen im allgemeinen hab ich noch nicht gesehen. So will ich leben, so will ich sterben: furchtlos und treu.

Du fragtest mich neulich, Julian, ob ich, ein Freund, ein Schüler des Philippus, denn nicht wenigstens an die Weissagungen, die Bedeutung der Sterne glaube? Ja, jener edle und weise Mann wollte mich für diesen poesievollen, schönen Wahn gewinnen. Allein er mußte verstummen, als ich ihm vorhielt, daß von zwei Zwillingsbrüdern, in derselben Minute, also mit dem gleichen Horoskop für beide, geboren, der eine ein Leben voll Tugend und Unglück, der andere ein Leben voll von Lastern und von Glück geführt habe.

Ihr seht, meine Lehre ist alleräußerste Entsagung: Der Verzicht auf Glück und Lohn, im und nach dem Leben. Die Pflicht erfüllen, um der Pflicht willen.

Ich bin nicht euer Herakles; aber gleich ihm hab ich in der Jugend schon zwei Schlangen erwürgt: den Aberglauben und die Todesfurcht. Und sagt nicht: ›Der hat jetzt gut reden. Trifft ihn der Augenblick des Schmerzes, der Gefahr, klammert er sich doch an irgendeinen Trost.‹ Nein, meine Freunde. Ich sagte euch schon einmal: Ich liebte ein herrliches Geschöpf. Das höchste Glück, das mir im Leben gewinkt hatte, ich schlug es aus, um der Pflicht, um meines Volkes willen. Es tat weh. Aber nicht einen Augenblick hab ich geschwankt. Und als ich dort – bei Straßburg – vom Rosse stürzte – die Wunde schmerzte sehr –, ich dachte im nächsten Augenblick zu sterben, mein ganzes Leben zog da wie im Fluge noch einmal durch meine Gedanken. Da sagte ich mir: ›Und es war doch schön. Und es reut mich nicht. Und obwohl ich jetzt der Vernichtung anheimfalle, für ewig – ich sterbe für mein Volk, so sterb ich gern. Ich bin so zufrieden mit meinem Lose, als glaubte ich daran, die Walküre trägt mich jetzt in Walhalls ewige Wonnen.‹

Ich bin kein Dichter. Obwohl mir nachts, wenn ich, einsam wandelnd, in die Sterne schaue, Gedanken kommen, die mir von selbst bald zu Stabreimen, bald zu lateinischen Versen werden. So hab ich mir neulich nachts meine Gedanken kurz zusammengefaßt in diese schlichten Zeilen:

›Entsage ganz, so bist du frei von Schmerzen!
Zerbrich der Selbstsucht schnöde Zwingherrschaft,
Begreif das Notwend'ge, und sei frei.
Dem Gott, dem Ew'gen, diene treu und stark.
Dem Ganzen opfre dich, dem du gehörst.
Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk,
Ihm sollst du leben, sollst du sterben auch!
So wird der Friede ziehn in deine Seele:
Wunschlos versöhnst der Welt du dich und Gott,
Und lebst und stirbst, ein jeder Zoll ein Held.‹

Tief bewegt, heiß erregt sprang nun der sonst so streng Verhaltene auf.

»Verzeiht, ihr Freunde! Allzuviel hab ich euch vorgeredet von Merowech, Nebisgasts Sohn. Aber ihr habt's gewollt. Ihr werdet fortab nicht mehr zu leiden haben unter meiner Geschwätzigkeit. Und du, Julian, nochmals, vergib! Wir wissen doch alle nichts von Gott, wir suchen ihn im Umhertasten, im Dämmerdunkel – warum sollst du nicht ebensogut das Richtige ertastet haben wie ich? Und so sag ich zum Abschied – denn bald schon graut der Morgen –, Götterglauben ist kindlich. Gott leugnen ist Wahnsinn. Gott suchen ist alles.«

Er schritt rasch zur Türe hinaus. Tief ergriffen blieben die beiden andern zurück.

Nach geraumer Weile sprach Jovian, sich erhebend: »Das ist gewaltig. Aber eiskalt. Ich könnt es nicht ertragen. Dabei würd ich verzweifeln. Nein, ich muß glauben können, muß zu einem Gotte flehen, reden können, von Herz zu Herz, wie von Mensch zu Mensch. Lieber an jedes Wunder glauben, als diese, diese – wie soll ich sagen –, diese abgrundtiefe Entsagung!«

»Ja«, bestätigte Julian, sich langsam aufrichtend, »es ist wirklich allzu trostlos. Es ist übermenschlich, wie des Galiläers Lehre widermenschlich ist. Das Menschliche aber brauchen wir Hellenen und Römer. Weißt du, Freund Jovian, was des Germanen Lehre ist? Barbarisch ist sie, wie das ganze Volk. In dem endlosen Winter Germaniens, unter Eis und Schnee und dem grauen, alle Freude verfinsternden Nebel, mag solch grausam Grübeln erwachsen; unerleidlich ist es für uns Kinder einer freundlicheren Sonne. Phöbos Apollo, Helios, unbesiegter, wir können nicht dein entraten! Verscheuche mir mit deinen Strahlen morgen beim Erwachen das düstere germanische Nebelgewölk aus dem Nordland. Wir wollen zu schlafen versuchen, Jovian, und lächelnd träumen von dem Schönen.«

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